Die Rolle der UdSSR bei der Entstehung des Koreakrieges

Forschungsstand und -geschichte


Seminararbeit, 2007
41 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politisch-historischer Kontext der Jahre 1945 - 1953
2.1. Ende der Kolonialzeit Beginn der Besatzung
2.2. Politische Entfremdung im Zuge der Teilung
2.3. Entstehung der korean ischen Teilstaaten
2.4. Ausbruch Verlauf des Koreakrieges

3. Nordkoreanisch-sowjetische Beziehungen zwischen 1945 und 1950
3.1. 1945 - 1948: Errichtung Konsolidierung der kommunistischen Herrschaft
3.2. 1948 - 1950: Nordkoreas Kriegsinitiative

4. Diskursgeschichte der sowjetischen Involvierung in den Koreakrieg
4.1. 50er - 70er Jahre: Dominanz „traditioneller“ Interpretationen
4.2. 70er - 90er Jahre: Durchbruch Vorherrschaft „revisionistischer“ Positionen
4.3. Ab den frühen 90er Jahren: Abkehr von Maximalpositionen
4.4. Diskursgeschichtliche Entwicklungen in Südkorea

5. Zusammenfassung Ausblick

6. Glossar

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wohl kaum ein Ereignis der modernen koreanischen Geschichte ist historiographisch derart umstritten wie der von 1950 drei Jahre lang währende Koreakrieg, der unvorstellbare humanitäre und materielle Opfer forderte und die bis heute andauernde Teilung der Landes endgültig besiegelte.

Insbesondere die Hintergründe und Ursachen für den Ausbruch des Krieges werden in der historischen Debatte des Westens bis heute höchst kontrovers diskutiert. Eine der zentralen Streitfragen ist dabei, ob es sich beim Koreakrieg um einen Bürgerkrieg und damit eine innerkoreanische Angelegenheit handelt, oder ob die nördliche Invasion des Südens als Teil einer von der UdSSR betriebenen Aggressionspolitik zur Ausdehnung ihrer kommunistischen Einflusssphäre angesehen werden kann.

Bedingt durch die Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg war die stark von antikommunistischer Ideologie geprägte Position, der Koreakrieg sei allein auf Befehl Stalins initiiert und durch einen vollständig sowjetisch kontrollierten Sattelitenstaat Nordkorea letztendlich ausgeführt worden, bis in die 70er Jahre die vorherrschende Meinung im historischen Diskurs der westlichen Welt.1 Auf Grund des Fehlens relevanter Informationen beruhten die historischen Interpretationen und Bewertungen der sowjetischen Politik größtenteils auf Mutmaßungen.2 Erst die Öffnung russischer Archive im Jahr 1991 im Zuge des Kollapses der UdSSR erlaubte eine differenziertere Betrachtung der sowjetischen Rolle in Zusammenhang mit den Vorgängen auf der koreanischen Halbinsel zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieg 1945 und den durch einen Waffenstillstand beendeten Koreakrieg im Jahr 1953.

Nach einer Einführung in den historischen Kontext nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem die staatliche Teilung Koreas hervorging, und einem komprimierten Überblick der wichtigsten Kriegsereignisse, folgt eine Darstellung der politischen Entwicklung Nordkoreas in den Jahren von 1945 bis 1950 mit besonderer Betonung der Beziehungen zur UdSSR. Im Rahmen des ersten Teils dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, inwieweit die UdSSR in den Ausbruch des Krieges verstrickt war, an dem sie formal betrachtet gar nicht beteiligt war.

Basierend auf diesen Ausführungen soll daran anknüpfend im zweiten Teil auf die Diskursgeschichte der Krieges und der sowjetischen Involvierung eingegangen werden, die sowohl in der internationalen als auch in der südkoreanischen Diskussion - insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges und der Demokratisierung Südkoreas - einem Wandel unterliegt.3

Für die Transkription koreanischsprachiger Namen und Begriffe wird in dieser Arbeit das System nach McCune-Reisschauer verwendet.4

2. Politisch-historischer Kontextder Jahre 1945 - 1953

2.1. Ende der Kolonialzeit Beginn der Besatzung

Mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 als unmittelbare Folge der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki endete die seit der Annexion von 1910 bestehende koloniale Herrschaft Japans in Korea. Da noch im Sommer 1945 ein rasches Kriegende in Asien nicht abzusehen war, verständigten sich die verbündeten Großmächte USA und UdSSR auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam auf eine Neuausrichtung ihrer Kriegsstrategie im Kampf gegen Japan. Während sich die USA ganz auf den Krieg auf den japanischen Inseln konzentrieren wollten, sollte die UdSSR - nach dem Ende des Krieges in Europa als Ergebnis der Kapitulation Deutschlands - gegen den japanischen Marionettenstaat Mandschuko (Manshū koku) sowie das von Japan kolonialisierte Korea kämpfen. Damit hätte Korea im Fall einer japanischen Niederlage vollständig in den Einflussbereich der UdSSR fallen sollen. Am 8. August 1945 trat die UdSSR formal in den Krieg gegen Japan ein, woraufhin bereits am 9. und 10. August erste sowjetische Truppen in den Norden Koreas vorstießen.5 Nachdem die Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki die militärische Stellung Japans erheblich schwächten und eine Kapitulation in greifbarer Nähe schien, änderten die USA ihre Strategie in Bezug auf Korea. Eine sowjetische Dominanz in einem befreiten Korea sollte aus Furcht vor einer Ausbreitung des Kommunismus unbedingt vermieden werden, weshalb die USA der UdSSR einen Plan vorlegten, der eine Teilung Korea in zwei Besatzungszonen am 38. Breitengrad vorsah. Diese innerhalb von dreißig Minuten vom späteren amerikanischen Außenminister Dean Rusk (1909-1994) und Charles H. Bonesteel (1909-1977) ausgearbeitete Grenzziehung, die kulturelle Gegebenheiten und selbst bestehende Provinzgrenzen nicht berücksichtigte6, wurde am 15. August von sowjetischer Seite überraschend akzeptiert. Wie vereinbart zogen Soldaten der UdSSR in das Gebiet nördlich des 38. Breitengrades nach der bedingungslosen Kapitulation Japans ein. Die ersten US-amerikanischen Einheiten landeten erst am 8. September in der Gegend um Inch’ n und nahmen ihrerseits ihre vorab definierte Besatzungszone ein.

2.2. Politische Entfremdung im Zuge der Teilung

In Anbetracht der zu erwartenden militärischen Niederlange traf das japanische Generalgouvernement in Korea (Chos n ch’ongdokpu) politische Vorkehrungen, um zumindest einen geordneten Rückzug japanischer Bürger und Truppen aus Korea zu ermöglichen. Japan installierte eine koreanische Übergangsregierung unter dem zur politischen Linken tendierenden Y Un-hy ng (1886-1947), die dies garantieren sollte. Y , der während der Kolonialzeit mehrfach in Haft war7 und seit 1944 das antijapanische Bündnis zur Gründung eines Staates Chos n (Chos n k n’guk tongmaeng) leitete, gründete im Zuge des japanischen Rückzuges das Komitee zur Vorbereitung der koreanischen Unabhängigkeit (Chos n k n’guk chunbi wiw nhoe), dem sich bis Ende August landesweit 145 so genannter Volkskomitees (inmin wiw nhoe) anschlossen, die auf lokaler Ebene die Verwaltung übernahmen. Als Vorsitzender des Chos n k n’guk chunbi wiw nhoe proklamierte Y am 6. September 1945 die Volksrepublik Korea (Chos n inmin konghwaguk) und wurde im Folgenden Vizepremier einer gesamtkoreanischen Regierung, die jedoch von beiden Besatzungsmächten nicht anerkannt wurde.

Die Vereinigten Staaten erkannten weder diese Regierung noch die seit 1919 bestehende Exilregierung in Shanghai (Taehan min’guk imsi ch ngbu) an und errichten stattdessen eine Militärherrschaft (USAMGIK)8 unter der Führung von General John R. Hodge (1893-1963), die als eine ihrer ersten Maßnahmen die lokalen Volkskomitees auflösen ließ. Der spätere erste Präsident der Republik Korea (Taehan min’guk), Syngman Rhee [Yi S ng-man] (1875- 1965), der in den Jahren von 1919 bis 1925 der Shanghaier Exilregierung als Präsident vorstand und knapp 33 Jahre in den USA lebte, avancierte in dieser Zeit zur Hauptfigur der südkoreanischen Politik. Bedingt durch seinen langen Aufenthalt in den USA verband man mit dem aus einer hoch angesehenen yangban-Familie stammenden Rhee die Hoffnung eines „echten“ Demokraten9, was sich jedoch als Trugschluss erweisen sollte. Im Folgenden leitete Rhee in Zusammenarbeit mit der USAMGIK einen strikt antikommunistischen Kurs ein und bekämpfte sämtliche politische Gruppen, die in Opposition zu ihm standen.10 Angehörige und Sympathisanten linker Organisationen und Parteien, insbesondere diejenigen der südkoreanischen Arbeiterpartei (Nam chos n nodong-dang), wurden reihenweise verhaftet und inhaftiert, obwohl laut den Gesetzen der amerikanischen Militärregierung eine Mitgliedschaft in diesen Organisationen nicht verboten war.11 Die größte und wichtigste Gewerkschaft, die Ch np’y ng, wurde verboten, an dessen Stelle eine staatlich gelenkte Einheitsgewerkschaft (Taehan nodong ch’ong y nmaeng) trat.12

Im Zuge des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts, der spätestens ab 1947 durch die von US- Präsident Truman verkündete Politik der Eindämmung (Containment) an Schärfe gewann, sollte der Süden Koreas schrittweise zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus ausgebaut werden. Die Maßnahmen der Besatzungsmacht und der mit ihr kooperierenden südkoreanischen Organe, wo an dieser Stelle insbesondere die Koreanische Nationalpolizei (KNP, Ky ngch’alch ng) zu nennen ist, die ab Dezember 1945 mit Hilfe der Amerikaner aufgebaut wurde und deren Mitglieder sich zu 80% aus Angehörigen der japanischen Sicherheitsorgane der Kolonialzeit, zusammensetzten13, stießen in den linken Kreisen der Bevölkerung auf Ablehnung. Rhee und die ab 1945 entstandene sowie von ihm geführte Koreanische Demokratische Partei (KDP, Han’guk Minju-dang), der größtenteils Großgrundbesitzer und Angehörige der alten Eliten der Kolonialzeit angehörten14, regierten autokratisch in der Tradition des koreanischen Aristokratie. Auf Grund dieser personalen Zusammensetzung hatte die Partei insbesondere auf dem Land keinerlei Basis und wurde dementsprechend von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Resultierend hieraus kam es im Süden in der Phase von 1946 bis zum Ausbruch des Koreakrieges zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen zwischen linken und rechten Kräften. Die provisorische südkoreanische Regierung unter Syngman Rhee war bei der Niederschlagung solcher Aufstände zumeist auf die militärische Unterstützung der USAMGIK angewiesen. Diese Unruhen setzen sich auch ungeachtet der Gründung der Republik Korea am 15. August 1948 fort, wobei hier als ein Beispiel nur der Aufstand auf der Insel Cheju angeführt werden soll.

Seit dem Zusammenbruch der japanischen Kolonialregierung galt Cheju neben den ChollaProvinzen15 als eine der linken Hochburgen Koreas, wo sich die schon angesprochenen Volkskomitees eines besonders starken Rückhalts bei der Bevölkerung erfreuten. Während der Auseinandersetzungen zwischen linken Guerillas und Regierungstruppen, die ab dem 1. März 1948 im Zuge einer Massenverhaftung von 2500 linksgerichteten Jugendlichen16, entbrannten und mehr als ein Jahr andauerten, wurden laut US-amerikanischen Schätzungen zwischen 15000 bis 20000 Menschen getötet oder verhaftet.17 Die südkoreanischen Schätzungen der lokalen Behörden liegen dagegen weit höher bei rund 60000 Toten, was zirka 20% der Gesamtbevölkerung von Cheju darstellt.18

Infolge der Rebellion von Y su, die im Zuge von Demonstrationen linker Bürger gegen die Vorgänge auf Cheju entbrannte, wurden die Nationalen Sicherheitsgesetze (Kukka poanbŏp) im Dezember 1948 erlassen, die sich offiziell nur gegen staatsfeindliche Aktivitäten in Zusammenhang mit der Verbreitung des Kommunismus richteten, allerdings insbesondere nach dem Ende des Koreakrieges für die Unterdrückung jeglicher Opposition missbraucht wurden. Diese Gesetze bremsten die demokratische Entwicklung Südkoreas nachhaltig und sind zu Teilen bis heute in Kraft.

2.3. Entstehung der koreanischen Teilstaaten

Vor dem Hintergrund des sich dramatisch verschlechternden Klimas zwischen den beiden Weltmächten drifteten die Besatzungszonen politisch und ideologisch zunehmend auseinander. Die ursprünglichen Pläne der Alliierten, die sich während des Moskauer Treffens im Dezember 1945 - unter Einbeziehung Großbritanniens und Chinas - auf eine fünfjährige Treuhänderschaft über Korea mit anschließender Entlassung in die Souveränität verständigten, waren im Zuge des weltpolitischen Kontextes zum Scheitern verurteilt. In der koreanischen Öffentlichkeit stieß die Konzeption einer Treuhänderschaft auf breite Ablehnung, die sich in der amerikanischen Besatzungszone in Massendemonstrationen mit tausenden von Teilnehmern niederschlug19, da sie eine erneute Fremdherrschaft über Korea bedeutet hätte.

Nachdem sich die Vertreter der amerikanisch-sowjetischen Besatzungskommission, dessen Ziel in der Realisation der geplante Treuhänderschaft lag, auf Grund ihrer Zerstrittenheit in mehr als anderthalb Jahren andauernden Gesprächen nicht auf eine Lösung der Koreafrage verständigen konnten, entschlossen sich die USA die Vollversammlung der Vereinten Nationen einzuschalten. In einer am 14. November 1947 verabschiedeten Resolution empfahlen die Vereinten Nationen freie Wahlen, die unter der Kontrolle einer Kommission der VN (UNTCOK)20 in ganz Korea abgehalten werden sollten.21 Wegen der Nähe der VN zu den USA erkannte die UdSSR dies allerdings nicht an und verweigerte der Kommission die Einreise, weshalb die Abstimmung auf den Süden begrenzt blieb.

Bei den am 10. Mai 1948 nur in der amerikanischen Besatzungszone abgehaltenen Wahlen ging die KDP mit Syngman Rhee an der Spitze als Sieger hervor. Am demokratischen Charakter der Wahl wird bis heute gezweifelt, da die Organisation der Wahl größtenteils von der KNP übernommen wurde, die zweifelhafte Maßnahmen zur Steigerung der Wahlbeteiligung ergriff. Beispielsweise bekamen Bauern ihre Lebensmittelkarten nur direkt in den Wahllokalen gestempelt, was auf Grund der angespannten Versorgungslage eine Teilnahme an der Wahl praktisch erzwang.22 Am 12. Juli 1948 trat die südkoreanische Nationalversammlung (Taehan min’guk kukhoe) zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen, in dessen Rahmen eine Verfassung verabschiedet wurde.23 Knapp einen Monat darauf, am 15. August 1948, entstand, genau drei Jahre nach dem Ende der japanischen Herrschaft, die Republik Korea als erster der beiden koreanischen Teilstaaten. Im Gegenzug erfolgte die Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea (Chos n minjuju i inmin konghwaguk) am 9. September mit Kim Il Sung [Kim Il-s ng] (1912-1994) als Premierminister an der Spitze.

2.4. Ausbruch Verlauf des Koreakrieges

Am 25. Juni 1950 zwischen 03.00 Uhr und 04.00 Uhr Ortszeit überschritten Truppen der nordkoreanischen Volksarmee (Chosŏn inmin'gun) den 38. Breitengrad auf der Ongjin Halbinsel, die zur heutigen nordkoreanischen Provinz Süd-Hwanghae [Hwanghaenam-do] gehört. Die erste Angriffswelle erfolgte laut Cumings mit rund 38.000 Soldaten und hatte Städte entlang des 38. Breitengrades wie Kaes ng und Ch’unch’ n zum Ziel.24

Noch am gleichen Tag trat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in Abwesenheit der UdSSR - die die Organisation aus Protest wegen der Nichtanerkennung der kommunistischen Volksrepublik China boykottierte - zusammen, und forderte Nordkorea in einer Resolution auf, die Kampfhandlungen mit sofortiger Wirkung einzustellen und seine Truppen unverzüglich aus dem Süden abzuziehen. Der Sicherheitsrat setzte eine zweitägige Frist, die die nordkoreanische Führung ohne Reaktion verstreichen ließ.

Am 26. Juni 1950 verlautbarte Kim Il Sung in einer offiziellen Radiomitteilung des nordkoreanischen Rundfunks, die Kampfhandlungen seien das Ergebnis einer südkoreanischen Provokation, auf die jetzt eine Gegenoperation erfolge und rief das koreanische Volk zum Widerstand auf.25

Die vom Kriegsbeginn überraschte südkoreanische Armee (Taehan min’guk yukkun), die technisch und personell dem Norden unterlegen war, hatte der massiven Invasion wenig entgegenzusetzen. Bereits drei Tage nach Kriegsbeginn, am 28. Juni 1950, nahm der Norden die südkoreanische Hauptstadt Seoul ein.

Nachdem von nordkoreanischer Seite nicht auf die Resolution der VN reagiert wurde, folgte am 27. Juni eine zweite Sitzung zur Koreafrage, in der der Sicherheitsrat eine militärische Gegenreaktion der VN beschloss, an der sich neben den USA noch 16 weitere Staaten mit Militäreinheiten und technischem Gerät beteiligten sollten.26 Am 7. Juli unterstellten die VN das militärische Kommando den USA, dessen Truppen bereits einige Tage nach Kriegsbeginn auf Befehl von Präsident Harry S. Truman (1884-1972) von Japan aus nach Südkorea verlagert wurden. Oberbefehlshaber wurde General Douglas MacArthur (1880-1960), der für die USA im Zweiten Weltkrieg den Kampf gegen Japan kommandiert hatte.

Obwohl die südkoreanischen und amerikanischen Truppen der nordkoreanischen Armee zahlenmäßig überlegen waren, konnte der nordkoreanische Vormarsch nicht aufgehalten werden. Ende August war die koreanische Halbinsel zu 90% - bis auf einen kleines Gebiet um die Hafenstadt Pusan - unter der Kontrolle Nordkoreas.

Erst die Landung US-amerikanischer Truppen beginnend am 15. September 1950, bei Inch’ n, die einen Keil in die nordkoreanischen Reihen riss und einen Teil der Armee von der Versorgungskette trennte, brachte die erste Wende diese Krieges. Innerhalb von 10 Tagen gelang den US-Truppen die Rückeroberung Seouls. Insgesamt waren an diesem Unternehmen rund 70.000 amerikanische und 8.600 südkoreanische Soldaten beteiligt. Bis zum 1. Oktober konnten die nordkoreanischen Angreifer hinter den 38. Breitengrad zurückgedrängt werden.

Bedingt durch diese Erfolge stießen die VN-Soldaten, um eine Wiedervereinigung Koreas zu erzwingen27, auf nordkoreanisches Territorium vor. Die Hauptstadt P’y ngyang fiel am 19. Oktober unter die Kontrolle der VN-Truppen, nur fünf Tage später erreichte man die nordkoreanisch-chinesisches Grenze am Yalu. Dies rief das kommunistische China auf den Plan, das eine Invasion der Amerikaner befürchtete, wodurch der Krieg eine neue internationale Dimension erhielt. Am 27. November 1950 erfolgte ein Großangriff durch die Freiwillige Chinesische Volksarmee (Zhōngguó Rénmín Zhìyuàn Jūn) mit rund 200.000 Mann.28 Die Chinesen und Nordkoreaner konnten das Gebiet Nordkoreas vollständig zurückerobern und zogen ihrerseits jenseits des 38. Breitengrads. Seoul fiel am 4. Januar 1951 erneut unter kommunistische Herrschaft. Die chinesische Armee war allerdings an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt und konnte danach keine weiteren Gebietsgewinne im Süden erzielen. Im Zuge der „Operation Ripper“ konnte Seoul am 16. März 1951 wieder durch die VN-Einsatzkräfte zurückerobert werden.

General MacArthur, der die Militäroperation als Oberbefehlshaber bis dahin geleitet hatte, wurde am 11. April 1951 von Präsident Truman entlassen, nachdem dieser durch seine öffentlichen Äußerungen zum einem eventuellen Gebrauch von Nuklearwaffen gegen China immer mehr zu einem Unsicherheitsfaktor geworden war.29 Zu seinem Nachfolger wurde Matthew Ridgway (1895-1993) berufen.30

Im Folgenden änderte sich am Frontverlauf nur wenig, dennoch ging der Konflikt mit unverminderter Härte weiter und entwickelte sich mehr und mehr zu einem Stellungskrieg. Die ersten Waffenstillstandsverhandlungen fanden am 10. Juli 1950 in Kaes ng statt, die später nach P'anmunch m verlegt wurden. Erst mehr als zwei Jahre später, am 27. Juli 1953, konnte der Krieg durch die Unterzeichung eines bis heute in Kraft stehenden Waffenstillstandsvertrags zwischen China und Nordkorea auf der einen, und den USA auf der anderen Seite ohne die formale Unterzeichung Südkoreas, beendet werden.31 Neben den Schäden, die aus den fast ununterbrochen - mit bis dahin nicht gekannter Intensität - vorgenommenen Bombardierungen resultierten, die praktisch die gesamte wirtschaftliche Infrastruktur beider Landesteile betrafen, waren die humanitären Folgen der Auseinandersetzung enorm.

Schätzungen belaufen sich auf rund drei bis vier Millionen Menschen, die im Verlauf des Krieges ums Leben kamen. Bruce Cumings beziffert die Gesamtzahl an Todesopfern auf nordkoreanischer Seite mit rund 2,5 Millionen. Dazu kommen zirka jeweils eine Million chinesischer Soldaten und südkoreanischer Zivilisten. Die Verluste der VN-Truppen belaufen sich auf knapp 60.000, mehr als 90% davon US-Amerikaner.32

3. Nordkoreanisch-sowjetische Beziehungen zwischen 1945 und 1950

Durch die Veröffentlichung sowjetischen Archivmaterials33 Anfang der 1990er konnte die bis dahin weit verbreitete Ansicht, der Koreakrieg sei ein sowjetisch initiierter aggressiver Stellvertreterkrieg gegen die USA gewesen, widerlegt werden. Dennoch spielte die UdSSR, wie im Folgenden deutlich werden soll, eine Schlüsselrolle bei der Planung und der Durchführung der Invasion, obgleich sie offiziell kein Kriegsakteur war. Für die Klärung der Frage, inwieweit die UdSSR am Ausbruch des Koreakrieges im Jahr 1950 involviert war, ist die Kenntnis der Beziehungen zwischen Nordkorea und der UdSSR ab 1945 von entscheidender Bedeutung. Ein Stellvertreterkrieg wäre nur bei einem vollständig unter sowjetischer Kontrolle stehenden Marionettenstaat Nordkorea denkbar, was allerdings nach heutigem Forschungsstand nicht der Fall war.34

3.1. 1945 - 1948: Errichtung und Konsolidierung der kommunistischen Herrschaft

Aus russischer und später sowjetischer Sicht war Korea schon weit vor dem Zweiten Weltkrieg bedingt durch die Lage des Landes ein Gebiet von höchst strategischer Bedeutung. Der Anlass für den russo-japanischen Krieg in den Jahren 1904/05, der durch die erstmalige Niederlage einer europäischen Großmacht gegen einen asiatischen Staat weltweit für Aufsehen sorgte, war der wachsende Einfluss Japans in Korea, den Russland nicht dulden wollte.35 Durch die russische Niederlage und mit Unterstützung der USA und Großbritanniens war für Japan der Weg zur Kolonialisierung Koreas geebnet, dass im Jahr 1905 zu einem japanischen Protektorat und fünf Jahre später vollständig annektiert wurde.

Wie an Hand eines Dokumentes des sowjetischen Außenministeriums vom Juni 1945 ersichtlich wird, betrachtete die UdSSR Korea als einen zentralen Faktor für die nationale Sicherheit ihrer Gebiete im Fernen Osten:

„[...] the independence of Korea must be effective enough to prevent Korea from being turned into a staging ground for future aggression against the USSR, not only from Japan, but also from any other power which would attempt to put pressure on the USSR from the East. […] This must be reflected in the formation of a Korean government in the future.”36

Bei der Formierung einer unabhängigen koreanischen Regierung sollte bedacht werden, dass in Zukunft keine Gefahr mehr für die sowjetischen Sicherheitsinteressen bestünden, indem Korea als Operationsbasis für mögliche Aggression missbraucht würde, was direkt auf Japan abzielte. Entsprechend den Vorstellungen der UdSSR sollte der japanische Einfluss in Korea auf ein absolutes Minimum reduziert werden:

„Japan must be forever excluded from Korea, since a Korea under Japanese role would be a constant threat to the Far East of the USSR. […] [I]n the interests of the USSR the political and economic influence of Japan in Korea must be liquidated. Japan must be given only the possibility of trade with Korea on the basis of usual relations; it must not have the right to industrial or any other concessions.”37

[...]


1 Vgl. Weathersby 1993, S.7.

2 Vgl. hierzu Park 1994, S.341.

3 Vgl. hierzu Kim Dong Choon 2002, S.61f, Kim Chull Baum 1996, S.157.

4 Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich die nachfolgenden Ausführungen auf Eckert et. al. 1990, S.327- 347.

5 Zu den ersten von der Sowjetarmee eroberten Gebiete in Nordkorea gehören die Häfen der Städte S nbong, Ras n und Ch’ ngjin. Vgl. hierzu Armstrong 2003, S.41.

6 Vgl. Cumings 1998, S.186. Die Grenzziehung entlang des 38. Breitengrades hatte unter anderem die Teilung der Stadt Kaes ng zu Folge, die während der Kory -Zeit (918-1392) als Hauptstadt Koreas fungierte.

7 Vgl. Cumings 1998, S.191.

8 Abkürzung für United States Army Military Government in Korea.

9 Vgl. Oh 1999, S.31.

10 Eine vertiefende Darstellung der Rolle der USAMGIK im Vorfeld der südkoreanischen Staatsgründung findet sich bei Kim Bong-jin 2003.

11 Vgl. Cumings 1990, S.187.

12 Vgl. Cumings 1990, S.203.

13 Vgl. Cumings 1990, S.201.

14 Vgl. Cumings 1998, S.193f.

15 Vgl. Cumings 1998, S.219.

16 Vgl. Cumings 1998, S.220.

17 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.36ff.

18 zit. in: Oh 1999. S.36.

19 Vgl. Weathersby 1993, S.21.

20 Abkürzung für United Nations Temporary Commission on Korea.

21 Vgl. Oh 1999, S.25.

22 Vgl. Cumings 1998, S.212.

23 Vgl. Oh 1999, S.28.

24 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.71-73.

25 Vgl. Cumings 1990, S.587f.

26 An der Eingreiftruppe der VN waren neben den USA folgenden Staaten mit Militärpersonal beteiligt: Äthiopien, Australien, Belgien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Kanada, Kolumbien, Luxemburg, Neuseeland, Niederlande, Philippinen, Südafrika, Thailand und die Türkei. Darüber hinaus beteiligte sich auch Japan - als damaliges Nichtmitglied der VN - an der Militäroperation durch die Bereitstellung von Marineeinheiten.

27 Vgl. Cumings 1990, S.276f.

28 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.121.

29 Vgl. Cumings 1998, S. 291.

30 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.152ff.

31 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.198.

32 Vgl. Cumings/Halliday 1988, S.200-201.

33 Eine umfangreiche Sammlung ehemals unter Verschluss gehaltener sowjetischer Dokumente mit Bezug zum Koreakrieg befindet sich auf der Webseite des Cold War International History Project. http://www.wilsoncenter.org/index.cfm?topic_id=1409fuseaction=va2.browsesort=Collectionitem=The%2 0Korean%20War

34 Zum aktuellen Forschungsstand siehe Punkt 4.3.

35 Vgl. Weathersby 1993, S.11.

36 Bericht der zweiten Fernostabteilung des sowjetischen Außenministeriums über die Lage in Korea, 29. Juni 1945, A VP RF, Fond 0430, Opis 2, Delo 18, Papka 5,1, S. 18-30, zit. in: Weathersby 1993, S.11f. in englischer Übersetzung.

37 Bericht der zweiten Fernostabteilung des sowjetischen Außenministeriums über die Lage in Korea, 29. Juni 1945, A VP RF, Fond 0430, Opis 2, Delo 18, Papka 5,1, S. 18-30, zit. in: Weathersby 1993, S.11f. in englischer Übersetzung.

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Details

Titel
Die Rolle der UdSSR bei der Entstehung des Koreakrieges
Untertitel
Forschungsstand und -geschichte
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Fakultät für Ostasienwissenschaften)
Veranstaltung
Einübung koreanistischer Arbeitsmethoden
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
41
Katalognummer
V93588
ISBN (eBook)
9783640098330
ISBN (Buch)
9783640119431
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, UdSSR, Entstehung, Koreakrieges, Einübung, Arbeitsmethoden
Arbeit zitieren
Dominik Heck (Autor), 2007, Die Rolle der UdSSR bei der Entstehung des Koreakrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93588

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