Ausgehend von der These, dass sich das fachdidaktische Prinzip der Multiperspektivität von den grundsätzlichen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft ableiten lässt, soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, wie sich Multiperspektivität im Geschichtsunterricht theoretisch begründen und in der Unterrichtspraxis umsetzen lässt. Dabei wurde eine deduktive Vorgehensweise gewählt. Das heißt, es wurden von den allgemeinen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft ausgehend, Schlussfolgerungen für die Multiperspektivität im Geschichtsunterricht abgeleitet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Begriffsklärung Multiperspektivität
III. Das Zustandekommen historischer Urteile
1. Einflussfaktoren auf das historische Urteil
2. Die Arbeit am Material
2.1 Quellenanalyse
2.2 Quellenkritik
2.3 Quelleninterpretation
3. Das historische Urteil
IV. Multiperspektivität im Geschichtsunterricht
1. Psychologische Vorüberlegungen nach Robert L. Selman
2. Geschichtsdidaktische Betrachtung
2.1 Berücksichtigung von Multiperspektivität im sächsischen Lehrplan
2.2 Vorraussetzungen für Multiperspektivität im Unterricht
2.3 Die Förderung des reflektierten Geschichtsbewusstseins mit Hilfe von Multiperspektivität
2.3.1 Das Alltagsverständnis und die verschiedenen Zeitebenen
2.3.2 Fragestellungen und Vermutungen
2.3.3 Die Arbeit am Material
2.4 Mögliche Probleme beim multiperspektivischen Lernen
2.5 Die Folgen von Monoperspektivität und die Bedeutung eines multiperspektivischen Geschichtsunterrichts
V. Methodische Möglichkeiten
1. Erkennen von Multiperspektivität durch Rekonstruktion
2. Förderung des reflektierten Geschichtsbewusstseins mit Hilfe der Dekonstruktion kontroverser Lehrbuchtexte
3. Multiperspektivische Fragestellungen zur Verdeutlichung von unterschiedlicher Wahrnehmung, Deutung und Orientierung
4.1 Beispiele unterteilt nach Klassenstufen
4. Medieneinsatz unter Berücksichtigung von Multiperspektivität
4.1 Bildliche Quellen
4.2 Schriftliche Quellen
4.3 Zeitzeugenberichte und Zeitzeugeninterviews
4.4 (Anti-)Kriegsfilme
4.5 Fiktiver Medieneinsatz
VI. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie das fachdidaktische Prinzip der Multiperspektivität theoretisch begründet und praktisch in den Geschichtsunterricht implementiert werden kann, um Lernende zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein zu befähigen.
- Grundlagen der Multiperspektivität und ihre Bedeutung im Geschichtsunterricht
- Entwicklungspsychologische Aspekte der Perspektivenübernahme
- Methodische Ansätze zur Rekonstruktion und Dekonstruktion historischer Inhalte
- Die Rolle von Medien (Quellen, Filmen, Zeitzeugen) bei der Förderung multiperspektivischen Denkens
- Förderung der historischen Fragekompetenz und Urteilsfähigkeit
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Das Alltagsverständnis und die verschiedenen Zeitebenen
Wird das Fach Geschichte als ein Paukfach verstanden, ist es nicht nur für die Schüler/innen unattraktiv, sondern widerspricht auch deren Alltagserfahrungen. Die Lernenden werden außerhalb des Unterrichts ständig mit unterschiedlichen Perspektiven auf Ereignisse konfrontiert. Diese Unterschiedlichkeiten können zum Beispiel Meinungen, Vorlieben oder Einstellungen betreffen. Dabei sind der Perspektivität im Alltag keine räumlichen und zeitlichen Grenzen gesetzt. Unterschiedliche Stand- oder Blickpunkte werden im Umfeld der Familie, der Freunde und der Schule wahrgenommen. In allen sozialen Beziehungen der Schüler/innen herrscht somit die Einsicht, dass eine Erkenntnis vom Beobachter und von dessen sozialen, kulturellen oder anderweitig bestimmten Zusammenhängen abhängig ist.
Im Schulalltag werden die Schüler/innen dann allerdings oft vor unumstößliche Tatsachen gestellt. Dies ist nicht nur in naturwissenschaftlichen Fächern der Fall (wo dies vertretbar erscheint), sondern auch in einem geisteswissenschaftlichen Fach wie Geschichte. Die Multiperspektivität wird, wie ein Beispiel aus dem Regionalschulamtsbereich Dresden vermuten lässt, noch nicht in dem erforderlichen Maße berücksichtigt. An dieser Stelle wird die bereits thematisierte Vorraussetzung für Multiperspektivität im Geschichtsunterricht deutlich. Die Lehrperson muss die Multiperspektivität von Quellen zu ihrem Grundsatz machen. Das Nachdenken über Vergangenes ist eben nicht das gleiche wie die Kunde von Vergangenem.
Eine Möglichkeit den Schülern/innen den Zugang zur Multiperspektivität im Unterricht zu verdeutlichen, ist die ständige Fokussierung auf Vergangenheit, Geschichte und Gegenwart/ Zukunft. Das Verständnis dieser Fokussierungen bildet das Fundament eines reflektierten Geschichtsbewusstseins. Diese Fokussierung muss im Unterricht ständig vergegenwärtigt werden. Die Unterscheidung der drei Fokussierungen wird sich aber erst im Erkenntnisprozess der Schüler/innen herausstellen. Dabei wird unter Vergangenheit die Gesamtheit des bisher Gewesenen verstanden. Im Gegensatz dazu ist Geschichte, eine im Nachhinein erarbeitete Darstellung über ausgewählte Teile der Vergangenheit. Bereits diese Definition von Geschichte benennt den großen Zeitraum und die vielen möglichen Teilaspekte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung begründet die Notwendigkeit der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht als Voraussetzung für die Erziehung zu einer pluralistischen Demokratie unter Berücksichtigung des Beutelsbacher Konsenses.
II. Begriffsklärung Multiperspektivität: Dieses Kapitel erläutert den Begriff der Multiperspektivität in seiner fachdidaktischen Entwicklung und unterscheidet zwischen einer engeren und einer weiteren Begriffsfassung.
III. Das Zustandekommen historischer Urteile: Es wird der Forschungsprozess des Historikers analysiert, wobei außer- und innerpsychische Einflussfaktoren sowie die hermeneutische Methode (Verifikation und Interpretation) zentral behandelt werden.
IV. Multiperspektivität im Geschichtsunterricht: Der Hauptteil verknüpft psychologische Entwicklungsstufen (Selman) mit der geschichtsdidaktischen Umsetzung, dem sächsischen Lehrplan und den Voraussetzungen für die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins.
V. Methodische Möglichkeiten: Dieser Abschnitt stellt konkrete Arbeitsverfahren wie Rekonstruktion, Dekonstruktion, multiperspektivische Fragestellungen und den Medieneinsatz zur Umsetzung im Unterricht vor.
VI. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die unterstreicht, dass historisches Lernen ein Prozess der Annäherung ist, der wesentlich zur Toleranz und ideologiekritischen Bildung beiträgt.
Schlüsselwörter
Multiperspektivität, Geschichtsunterricht, Geschichtsbewusstsein, Perspektivenübernahme, historische Urteilsfähigkeit, Rekonstruktion, Dekonstruktion, Quellenkritik, Fremdverstehen, Beutelsbacher Konsens, historische Objektivität, ideologiekritisches Denken, Zeitzeugen, Sächsischer Lehrplan.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit setzt sich mit dem didaktischen Prinzip der Multiperspektivität im Geschichtsunterricht auseinander und zeigt auf, wie durch einen wissenschaftspropädeutischen Ansatz bei den Lernenden ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein gefördert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die theoretische Begründung der Multiperspektivität, den historischen Erkenntnisprozess des Historikers, die kognitive Entwicklung von Schülern sowie konkrete methodische Umsetzungsmöglichkeiten im Schulalltag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Weg von einem monoperspektivischen, faktenbasierten "Paukunterricht" hin zu einer multiperspektivischen Auseinandersetzung zu beschreiben, die Schüler zu selbstständigem Denken und Urteilen befähigt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt ein deduktives Vorgehen, bei dem von allgemeinen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft auf didaktische Schlussfolgerungen für die Unterrichtspraxis geschlossen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil stehen die Anwendung von Basisoperatoren wie Re- und Dekonstruktion, die Berücksichtigung von Schülerinteressen und die Einbettung in den sächsischen Lehrplan sowie der gezielte Einsatz von Medien im Fokus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Multiperspektivität, Perspektivenübernahme, Fremdverstehen, historische Objektivität und die Förderung der Reflexionskompetenz.
Wie spielt die Entwicklungspsychologie nach Selman eine Rolle?
Die Theorie von Robert L. Selman hilft dem Lehrer, die kognitiven Fähigkeiten der Schüler zur Perspektivenübernahme altersgerecht einzuschätzen, um Überforderungen bei der Analyse komplexer historischer Sachverhalte zu vermeiden.
Warum ist die Unterscheidung von "Vergangenheit" und "Geschichte" so wichtig?
Die Unterscheidung macht deutlich, dass Geschichte immer eine nachträgliche Konstruktion des Historikers (oder Schülers) ist, die selektiv aus der Fülle vergangener Ereignisse erstellt wird, wodurch der Konstruktionscharakter von Geschichtsbildern entlarvt wird.
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- Thomas Koneczny (Author), 2008, Multiperspektivität im Geschichtsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93613