Diese Arbeit soll sich mit dem Problem der Diskrepanz zwischen Theorie (der vorherrschenden Meinung über den Homo oeconomicus und das darauf ableitende Bild über das nutzenmaximierende Entscheiden und Handeln des Menschen) und der tatsächlichen Praxis beschäftigen. Eine kritische Betrachtung des Homo oeconomicus und der vorausgehenden Theorie, das Bernoulli Prinzip, im Vergleich zu der Verhaltensökonomie (behavioral economics), dessen Grundbaustein die Prospect Theory (im Folgenden abgekürzt mit PT) bildet, soll stattfinden. Die aus der PT folgenden Effekte bezüglich risikobehafteter Entscheidungen oder Entscheidungen unter Unsicherheit werden ebenfalls als Diskussionsbasis genommen.
Der Impuls für das Themengebiet dieser Arbeit liegt darin, eine bessere Beleuchtung des psychologischen Aspekts in der Wirtschaft hervorzubringen, da wie im Laufe der Arbeit nachzuvollziehen ist, die Modelle der Ökonomie und normativen Entscheidungstheorien einige Lücken bezüglich wichtiger und entscheidender Faktoren in Hinblick auf eine weitreichende Erklärung des menschlichen Verhaltens von Entscheidungen, besonders denen unter Risiko und Unsicherheit, aufweisen. Insbesondere soll die Erkenntnis über den Wandel vom wirtschaftlich rational handelnden Homo oeconomicus zu den Theorien der Verhaltensökonomie deutlich gemacht werden und ein möglicher Anreiz zur Verabschiedung beziehungsweise Umwandlung dieses Modells gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Struktur dieser Arbeit
2 Die normative Entscheidungstheorie
2.1 Wesen und geschichtliche Einordnung
2.2 Das Modell des Homo Oeconomicus
2.3 Das Bernoulli-Prinzip
2.3.1 Der abnehmende Grenznutzen
2.3.2 Die Subjektive Erwartungsnutzen Theorie
2.4 Kritik der normativen Entscheidungstheorie
3 Verhaltensökonomie (behavioral economics)
3.1 Das Wesen der Verhaltensökonomie
3.2 Die Geschichte der Verhaltensökonomie
3.3 Prospect Theory
3.3.1 Die zwei Phasen der Prospect Theory
3.3.2 Die Wertfunktion
3.3.3 Risikoaversion
3.3.4 Der Besitztumseffekt
3.3.5 Verlustaversion
3.4 Kritik der deskriptiven Entscheidungstheorie
4 Fazit / Ausblick
5 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Modell des rational handelnden Homo oeconomicus in der normativen Entscheidungstheorie und den tatsächlichen, von kognitiven Verzerrungen beeinflussten Verhaltensmustern, wie sie in der Verhaltensökonomie analysiert werden.
- Vergleich zwischen normativer und deskriptiver Entscheidungstheorie
- Kritische Analyse des Homo oeconomicus und des Bernoulli-Prinzips
- Grundlagen und Entstehung der Verhaltensökonomie
- Detaillierte Untersuchung der Prospect Theory
- Psychologische Faktoren und Heuristiken bei menschlichen Entscheidungen
Auszug aus dem Buch
3.3.4 Der Besitztumseffekt
Nach der Erwartungsnutzentheorie (Bernoulli Prinzip) und dem Homo oeconomicus soll mithilfe der Vergabe von subjektiven Wahrscheinlichkeiten ein bestimmter Nutzen maximiert werden (s. Kapitel 2.3). Jedoch bietet dieses Modell, wie bereits in den obigen Kapiteln beschrieben, eine Reihe von Fehlereinflüssen durch Urteilsheuristiken, da Menschen erstens zugunsten der Sicherheit eine Option mit geringerem Erwartungswert bevorzugen und zweitens die emotionale Bedeutung eines Ereignisses stärker gewichten (Felser, 2015).
Das ökonomische Verhaltensmuster, bei dem Menschen tendenziell einem Gut, welches sich bereits in deren Besitz befindet, einen höheren Wert zuschreiben als Personen, die dieses Gut nicht besitzen, tituliert Thaler (1980) als Besitztumseffekt (endowment effect). In Folge vieler Arbeiten und Experimente beschreibt und definiert es Thaler als „the underweighting of opportunity costs“ (Thaler R. H., 1980, S. 44).
Zu einem der ersten und einfach verständlichen Beispiele Thalers für den Besitztumseffekt zählt eines, welches er aus seinen persönlichen Erfahrungen sammeln und auf diesen Effekt ableiten konnte:
„Mr. R bought a case of good wine in the late '50's for about $5 a bottle. A few years later his wine merchant offered to buy the wine back for $100 a bottle. He refused, although he has never paid more than $35 for a bottle wine.” (ebenda, S. 43).
Anhand dieses Beispiels lässt sich der Effekt, dass der wahrgenommene Wert eines Gutes sich erhöht, sobald er sich erstmals in dem Besitz derjenigen Person befindet, auf Grund der Diskrepanz des Kaufs- und Verkaufspreises sehr gut und verständlich verdeutlichen (Kahneman D., 2012). Menschen die bereits eine Sache besitzen, verlangen für diese im Allgemeinen einen höheren Verkaufspreis (WTA: willingness to accept) als Menschen, welche nicht bereits im Besitz dieser Sache sind, als Kaufpreis (WTP: willingness to pay) bereit sind zu zahlen (Pfister, Jungermann & Fischer, 2017).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problemstellung menschlicher Entscheidungsfindung und Darlegung des Aufbaus der Arbeit.
2 Die normative Entscheidungstheorie: Analyse des Homo oeconomicus, des Bernoulli-Prinzips und der Subjektiven Erwartungsnutzentheorie als Basis rationalen Handelns.
3 Verhaltensökonomie (behavioral economics): Darstellung der Verhaltensökonomie als Gegenentwurf zur normativen Theorie, inklusive der detaillierten Beschreibung der Prospect Theory und ihrer Kernkonzepte.
4 Fazit / Ausblick: Zusammenfassende kritische Betrachtung der untersuchten Theorien und Diskussion der Bedeutung psychologischer Aspekte in der Wirtschaftswissenschaft.
5 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Entscheidungstheorie, Homo oeconomicus, Bernoulli-Prinzip, Erwartungsnutzen, Verhaltensökonomie, Prospect Theory, Risikoaversion, Verlustaversion, Besitztumseffekt, Urteilsheuristiken, kognitive Verzerrungen, Rationalität, Nutzentheorie, Verhaltensmuster, deskriptive Entscheidungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Grundlagen der ökonomischen Entscheidungstheorie und untersucht den Wandel vom klassischen, rationalen Modell des Homo oeconomicus hin zu den Erkenntnissen der verhaltensökonomischen Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die normative Entscheidungstheorie, das Bernoulli-Prinzip, die Entstehung der Verhaltensökonomie sowie die psychologischen Faktoren menschlicher Entscheidungen, insbesondere im Kontext von Risiko und Unsicherheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen normativen Modellen und der deskriptiven Prospect Theory aufzuzeigen und die Grenzen rein rationaler Wirtschaftsmodelle kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse, die bestehende Modelle und empirische Erkenntnisse aus der Wirtschaftspsychologie und den Verhaltenswissenschaften gegenüberstellt und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der normativen Grundlagen (Homo oeconomicus, Erwartungsnutzen) und die detaillierte Analyse der verhaltensökonomischen Perspektive, einschließlich Phänomenen wie Risikoaversion, Verlustaversion und dem Besitztumseffekt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Prospect Theory, Homo oeconomicus, kognitive Verzerrungen, Nutzentheorie und rationale Entscheidungsfindung geprägt.
Was unterscheidet das Bernoulli-Prinzip von der Prospect Theory?
Während das Bernoulli-Prinzip den Nutzen rein mathematisch und absolut betrachtet (normativ), berücksichtigt die Prospect Theory psychologische Faktoren wie den Referenzpunkt, die Verlustaversion und die subjektive Verzerrung von Wahrscheinlichkeiten (deskriptiv).
Was besagt der Besitztumseffekt konkret?
Der Besitztumseffekt (Endowment Effect) beschreibt das Phänomen, dass Menschen einem Gut einen höheren Wert beimessen, sobald sie es besitzen, verglichen mit dem Preis, den sie bereit wären zu zahlen, um das Gut zu erwerben.
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- Lisa Grobe (Author), 2020, Entscheidungsfindung der Verhaltensökonomie. Eine Anomalie zum Homo oeconomicus und dem Bernoulli-Prinzip, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936180