Welche Chancen und Risiken entstehen bei einer Parentifizierung für die kindliche Entwicklung?


Bachelorarbeit, 2020

58 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Parentifizierung
2.1 Rollen parentifizierter Kinder
2.2 Formen der Parentifizierung
2.3 Erklärungsansätze für die Entstehung von Parentifizierungen
2.3.1 Psychische Erkrankungen der Eltern
2.3.2 Konflikte und Trennungen der Eltern
2.3.3 Transgenerationale Weitergabe
2.4 Auswirkungen von Parentifizierungen auf die Kindheit
2.5 Gefährdung des Kindeswohl durch emotionale Parentifizierung

3. Bindungstheorie
3.1 Geschichtlicher Hintergrund
3.2 Bindung und Bindungsverhalten
3.3 Explorationsverhalten und Bindungsmuster
3.4 Bindungsstörungen
3.5 Zusammenhang Parentifizierung und Bindung

4. Erziehungskompetenzen
4.1 Erziehungskompetenz nach Petermann und Petermann
4.2 Beziehungs- und Erziehungskompetenzen nach Schneewind

5. Sozialpädagogische Familienhilfe

6. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

BGB Bürgerliches Gesetzbuch

BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

ICD-10-GM International Classification of Diseases, 10.Revision, German Modification

KJH Kinder und Jugendhilfe

SGB Sozialgesetzbuch

SPFH Sozialpädagogische Familienhilfe

1. Einleitung

Die Familie stellt das wichtigste Lebensfeld des Kindes dar. Die Vermittlung von Werten, das Wahrnehmen und Würdigen von kindlichen Grundbedürfnissen und eine liebevolle, warmherzige Erziehung ist die elementare Aufgabe in der Familie. (vgl. Klepp/ Buchebner-Ferstl/ Kaindl 2009: 21) Kompetente Eltern, die ihr Kind im Heranwachsen unterstützen, ihm Freiheiten geben aber auch klare Grenzen aufzeigen, ermöglichen die Entwicklung zu einem emotional stabilen und autonomen Erwachsenen (vgl. Fuhrer 2007: 11f). Gleichzeitig widerspricht dieser Grundgedanke den oftmals negativen Erfahrungen, denn Familie kann für Kinder auch ein Ort sein, an dem sie schutzlos ausgeliefert sind (vgl. Klepp/ Buchebner-Ferstl/ Kaindl 2009: 21).

Durch krisenreiche Erlebnisse und Belastungen in Familien, wie Trennungen, psychischen Erkrankungen oder negativen Beziehungserfahrungen in der Kindheit der Eltern, gerät das Familiensystem in ein Ungleichgewicht. In solch prekären Lebenslagen von Familien werden Kinder zu einer primären Unterstützungsquelle für ihre Eltern. Sie übernehmen Verantwortung um die Belastung der Eltern zu reduzieren. Die Unterstützung der Familie im Haushalt, die Versorgung jüngerer Geschwister oder das Beraten und Trösten der Eltern gehört dann nicht selten zu den Aufgaben des Kindes. (vgl. Lenz: 2014: 210)

Dabei kommt es zu einer Parentifizierung des Kindes, in denen die Rollen zwischen Eltern und Kindern vertauscht werden (vgl. Simon /Clement/Stierlin 2004: 255). Die Verantwortungsübernahme kann sich als Belastung für das Kind darstellen, wenn das parentifizierte Kind durch den Rollentausch die eigene Rolle nur noch teilweise ausleben kann (vgl. Boszormenji-Nagy/ Spark 1992 :47f). Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Parentifizierung und deren Einfluss auf die Entwicklung des Kindes.

Im Heidelberger familiendynamischen Konzept findet das Thema Parentifizierung durch Helm Stierlin, sowie im systemischen Ansatz durch Ivan Boszormenji-Nagy und in der strukturellen Familientherapie durch Salvador Minuchin ihren Platz. In ihrer Literatur berichten die Autoren, dass die Parentifizierung nicht nur eine Verantwortungsübertragung an das Kind darstellt, sondern dieses Phänomen eine spezielle Beziehungsdynamik zwischen Eltern und Kindern beschreibt. Ivan Boszormenji-Nagy/Spark (vgl. 1992: 209) spricht von einer verzerrten Beziehung zwischen den Generationen in Familien, die durch Wunschphantasien und Abhängigkeitsmustern initiiert werden. Stierlin (vgl. 1978: 24) beschreibt die Parentifizierung als Form von Delegationen, in denen Aufgaben und Erwartungen von Eltern an das Kind übertragen werden. Durch Grenzüberschreitungen des elterlichen Subsystems kommt es zu einer Verstrickung in Familien, indem Kinder emotional für ihre Eltern verfügbar sind (vgl. Minuchin 2015: 72f). Die Parentifizierung stellt verschiedene Rollen des Kindes dar. So übernehmen Kinder nicht nur Aufgaben im hauswirtschaftlichen Bereich, sondern auch emotionale Aufgaben, indem sie in einer Trennungssituation Berater und Partnerersatz für ihre Eltern darstellen (vgl. Lenz 2014:210). In dieser Form der Rollenübertragung kommen Eltern ihrer Verantwortung in der Erziehung nicht mehr nach, vielmehr missbrauchen sie ihr Kind für eigenen Bedürfnisse (vgl. Desch 2014:20).

Aktuelle Forschungen zur Parentifizierung wurden in Studien von Lenz (2003), dem Deutschen Jugendinstitut e.V. (2010) und von Ulrike Loch (2014) durchgeführt. In diesen wurde der Zusammenhang der Parentifizierung mit einschneidenden Lebensereignissen, wie psychischen Erkrankungen (vgl. Lenz/ Daldrup 2003), Trennungen von Eltern (vgl. Hermann 2010) oder frühe Parentifizierungen als transgenerationale Weitergabe (vgl. Loch 2014) in Familien untersucht. Die unterschiedlichen Forschungen verdeutlichen, welche Auswirkungen Parentifizierungen auf die Familiendynamik und auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind haben.

Das Thema Parentifizierung richtet sich in der vorliegenden Arbeit auf das parentifizierte Kind in der Familie. Die daraus resultierende Forschungsfrage lautet: Welche Chancen und Risiken entstehen bei einer Parentifizierung für die kindliche Entwicklung?

Diese Arbeit stellt eine reine Theoriearbeit dar, die das Thema Parentifizierung mit Hilfe einschlägiger Literaturrecherche und unter Einbezug aktueller Studien analysiert. Um das Thema systematisch anzugehen, wurde die vorliegende Arbeit in fünf Kapitel unterteilt, indem das Letzte die Zusammenfassung mit der Beantwortung der Forschungsfrage darstellt.

Im ersten Kapitel wird der Begriff und das Thema Parentifizierung aus unterschiedlichen Sichtweisen durch verschiedene Autoren wie Ivan Boszormenji-Nagy und Geraldine Spark (1992), Albert Lenz (2014), Salvador Minuchin (2015), Helm Stierlin (1978) und anderen bedeutenden Autoren dargestellt. Dabei werden die Formen der Parentifizierungen und die Rollen eines parentifizierten Kindes näher beleuchtet. Anschließend verdeutlichen Erklärungsansätze unter Einbeziehung der unterschiedlichen Studien von Lenz (2003), dem Deutschen Jugendinstitut e.V. (2010) und denen von Ulrike Loch (2014) die Entstehung von Parentifizierungen. Zum Abschluss des Kapitels werden die Auswirkungen einer Parentifizierung auf das Kind näher beleuchtet.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Bindungstheorie von John Bowlby (1980, 1987, 1991, 2001, 2014) und Mary Ainsworth (1970). Mit Betrachtung der Bindungstheorie wird das Phänomen der Parentifizierung in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kind dargestellt. Anschließend wird auf die Bindungsstörungen der Klassifikation des ICD-10- GM (DIMDI 2020) eingegangen und deren Zusammenhang zu einer Parentifizierung aufgezeigt.

Im dritten Teil der Arbeit wird das Konzept der Erziehungskompetenz von Petermann und Petermann (2006) im Vergleich zu den Beziehungs- und Erziehungskompetenzen von Schneewind (2010) gegenübergestellt. Anhand der Darstellung beider Konzepte werden die erforderlichen Elternkompetenzen in der Erziehung und deren präventiver Einfluss auf die Parentifizierung des Kindes analysiert.

Der vierte Teil der Arbeit setzt sich mit dem Leistungsspektrum der Sozialen Arbeit, speziell der Kinder- und Jugendhilfe, auseinander. Dabei wird auf die Hilfen zur Erziehung (§27 SGB VIII), im Besonderen auf die Aufgaben, Methoden und Ziele der Sozialpädagogischen Familienhilfe (§ 31 SGB VIII) eingegangen. Anhand des Leistungsangebotes der KJH soll verdeutlicht werden, wie Parentifizierungen mit Unterstützung durch SPFH aufgelöst und wie Familien in diesem Prozess begleitet werden.

Das letzte Kapitel stellt eine Zusammenfassung der Arbeit dar. In der Auseinandersetzung mit der Thematik, unter Einbezug der oben genannten Kapitel, wird in diesem Teil die Forschungsfrage beantwortet.

In der vorliegenden Arbeit wurde auf die Benutzung der weiblichen und männlichen Personenbezeichnungen verzichtet, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Sämtliche Bezeichnungen für Berufsgruppen und neutrale Personen beziehen sich auf eine Geschlechtsneutralität.

2. Parentifizierung

Der Begriff Parentifizierung findet sich in der Literatur synonym auch als „Rollenumkehr“ (Simon/Clement/Stierlin 2004: 255) im System Familie wieder. Oft wird der Begriff im Zusammenhang mit psychischen, sowie physischen Erkrankungen von Eltern, dysfunktionale Beziehungsmuster in Familien und unerfüllte Bedürfnisse von Erwachsenen in Verbindung gebracht. Das Phänomen der Parentifizierung (lat. parentes= Eltern, facere= machen) (vgl. Desch 2014: 19) beschreibt allgemein eine Rollenumkehr der Eltern- Kind -Generation, indem dem Kind eine elterliche Rolle zugeschrieben wird (vgl. Simon /Clement/Stierlin 2004: 255). Dabei finden Generationsüberschreitungen der Hierarchien zwischen den „[…] elterlichen und kindlichen Subsystemen […]“ (Simon/Clement/Stierlin 2004: 255) statt und es kommt zur Dysfunktionalität der Familienstruktur (vgl. ebd.). Erdheim (2006:21) betrachtet wiederum den Begriff der Parentifizierung aus Sicht des Kindes, als „[…] ein Vorgang, der von den Erwachsenen, bzw. den Eltern initiiert wird: sie machen das Kind zum Erwachsenen“. Parentifizierte Kinder fühlen sich für das Wohlergehen ihrer Eltern verantwortlich. Sie opfern sich für die Sorgen und Probleme der Erwachsenen auf. (vgl. ebd.) Erdheim weist dabei deutlich auf eine Schuld der Eltern zu, die ihre Kinder parentifizieren. Auch ein Rollenwechsel über zwei Generationen ist bei der Parentifizierung möglich, indem Kinder in die Rolle ihrer eigenen Großeltern treten und Eltern in die Rolle des Enkels (vgl. Stadler 2017: 171). „Die Kinder haben in diesem Prozess nicht die Möglichkeit, diesen Rollenwechsel zu wählen, d.h. auf Augenhöhe zuzustimmen, und sie sind in der Regel massiven Überforderungssituationen ausgesetzt“ (Stadler 2017: 171). Das Kind nimmt die Funktion eines Erwachsenen ein, um die Bedürfnisse des rollenzuweisenden Elternteils zu befriedigen. Dabei sind unbefriedigende Bedürfnisse des Elternteils, die in der eigenen Kindheit erlebt wurden, ein wesentlicher Aspekt für die Entstehung der Parentifizierung. (vgl. Simon/Clement/Stierlin 2004: 255f) Eine große Beachtung nimmt der Begriff Parentifizierung in der Familientherapie ein. Hierbei wird die Parentifizierung als „[…] Vermischung der Generationsgrenzen und […] der innerfamiliären Hierarchie […] [betrachtet]“ (Simon/Clement/Stierlin 2004: 120). Pioniere der systemischen Familientherapie wie Helm Stierlin, Ivan Boszormenji-Nagy und Begründer der strukturellen Familientherapie wie, Salvador Minuchin sind einige Vertreter, die sich mit dem Begriff Parentifizierung, auseinandersetzt haben. Dabei sind Begriffe wie „Verstrickung“ nach Minuchin (2015: 73), sowie der Begriff „Delegation“ nach Stierlin (1978: 24) zu erwähnen, da diese eng mit dem Phänomen der Parentifizierung in Verbindung stehen.

Der ungarische Psychiater und Familientherapeut Ivan Boszormenji-Nagy führte den Begriff Parentifizierung erstmals 1965 ein (vgl. Simon /Clement/Stierlin 2004:256). In seinem Buch „Unsichtbare Bindungen“ beschreibt er gemeinsam mit Geraldine Spark den Begriff als „[…] subjektive Verzerrung einer Beziehung-so, als stelle der Ehepartner oder gar eines der Kinder einen Elternteil dar“ (Boszormenji-Nagy/ Spark 1992: 209). Eine Vermischung der Generationsgrenzen bezieht sich nicht nur allein auf das Subsystem Eltern-Kind. Auch der eigene Partner kann durch eine Rollenverschiebung parentifiziert werden. Die beiden Autoren weisen in ihrem Werk daraufhin, dass die Parentifizierung nicht ausschließlich unter pathologischen Aspekten oder dysfunktionale Beziehungsmuster betrachtet werden kann. (vgl. ebd.) „Sie gehört zum regressiven Kerngeschehen selbst bei harmonischen, weitgehend auf Gegenseitigkeit beruhenden Beziehungen“ (Boszormenji-Nagy/ Spark 1992: 209). Die Verzerrung stellt Wunschvorstellungen der Eltern dar oder sie beruht auf einem starken Abhängigkeitsverhalten zwischenmenschlicher Beziehungen (vgl. ebd). Die Eltern-Kind-Beziehung stellt ein Loyalitätssystem dar, dass mit gegenseitigen erwarteten Verpflichtungen unter einer Verdienst-Buchführung vermerkt wird und als Basis für ein gute Funktionalität in der Familie dient (vgl. ders., S. 223). „Von den Eltern wie vom Kind wird erwartet, in das Verpflichtungssystem zu investieren […]“ (ebd.). Kommt es zum Ungleichgewicht im Verdienstkonto, stellt sich Macht und Herrschaft, als eine Ausbeutung dar (vgl. Boszormenji-Nagy/ Spark 1992: 89.).Die Rollenumkehr trägt einen positiven Aspekt der Selbstständigkeit des Kindes bei, wenn dieses in einem gewissen Rahmen parentifiziert wird. Erfährt das Kind eine Balance zwischen Erwartungen und Anforderungen des Elternteils, befindet sich dieses Beziehungsgefüge im dynamischen Gleichgewicht. (vgl. ders., S. 209f) Sie wird erst dann zur Bedrohung, wenn sie der Entwicklung des Kindes ernsthaft schadet (vgl. ders., S. 223). „[E]ine zeitweilige Parentifizierung des Kindes ist ein normales Stück Familienleben und ein Prozeß [sic], durch den das Kind lernt, Verantwortung zu übernehmen“ (ders., S. 47). Manifestieren sich diese Grenzüberschreitungen der Hierarchien, wird dem Kind die Chance verwehrt ein Kind zu sein, was eine Belastung der Verantwortungsübernahme des Kindes darstellt und ein Regelfall von pathologischer Parentifizierung in Familien ist (vgl. Boszormenji-Nagy/ Spark 1992 :47f). Durch Loyalitätsbindungen, die Boszormenji-Nagy (vgl.1992: 69) als unsichtbare, starke Fasern für den Zusammenhalt der Familie beschreibt, fühlt sich das Kind verpflichtet, seine übertragende Rolle zu erfüllen. Die Loyalität beschreibt die Treue, Zuverlässigkeit und Verbundenheit in einem Familiensystem. (vgl. ders., S. 66) Sie setzt „[…] das Vorhandensein strukturierter Gruppenerwartungen voraus, zu deren Erfüllung alle Mitglieder aufgerufen sind“ (Boszormenji-Nagy/ Spark 1992: 66). Werden die Erwartungen nicht erfüllt, kommt es zu Loyalitätskonflikten, die Schuldgefühle auslösen können (vgl. ders., S. 67).

Der Hauptvertreter der strukturellen Familientherapie Salvador Minuchin (vgl. 2015: 70) unterteilt das Familiensystem in verschiedene Subsysteme welche die Funktionalität durch klare Grenzen bestimmt. „Es muss [.] eine Machthierarchie in der Familie geben; Eltern und Kinder besitzen innerhalb dieser Hierarchie jeweils unterschiedliche Autorität“ (Minuchin 2015: 69f). Durch diese Funktion findet ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Eltern und Kind statt (vgl. ders., S. 70). Verschiedene Konstellationen von Individuen werden durch Generationen, Interessen oder Geschlechter gebildet (vgl. ebd.). In Familien differenzieren sich Subsysteme in das eheliche (Mann-Frau), elterliche (Eltern-Kind) oder das geschwisterliche (Geschwister) Subsystem (vgl. ders., S. 70f). Unter einer Familienloyalität entstehen unterschiedliche Erwartungen und Anforderungen an jedes einzelne Familienmitglied. Werden unter der Verpflichtung diese Erwartungen nicht erfüllt, entsteht ein Ungleichgewicht in der Familie. (vgl. ebd.) Für die Funktionalität einer Familie, sind klare Grenzen zwischen den einzelnen Generationen wichtig, da es sonst zu einer Grenzstörung in der Familienstruktur kommt (vgl. ders., S. 72). „Grenzen haben die Funktion, die Differenzierung des Systems zu beschützen“ (Minuchin 2015: 71). Nach dieser Aussage von Minuchin bedeutet das, dass Kinder vor Loyalitätskonflikten und Überforderungen bewahrt werden, wenn die Grenzen zwischen Eltern und Kind klar voneinander getrennt sind. Werden Kinder durch einen Konflikt der Eltern ins eheliche Subsystem miteinbezogen, so werden Grenzen des Eltern-Kind -System überschritten und es kommt zu Belastungen des Kindes (vgl. ders., S. 80f). Der Begriff Verstrickung bezeichnet eine Form der Grenzverletzung im Familiensystem, in der die Generationsgrenzen so durchlässig sind, dass die Rollen zwischen Eltern und Kinder nicht mehr klar differenziert werden können (vgl. ders, S.72f). Dabei kommt es zur Verletzung der Hierarchien, da „[…] die Distanzen geringer werden und die Grenzen sich verwischen“ (Minuchin 2015: 72). Deutlich wird die Grenzüberschreitung, wenn Eltern sich aus ihrer Verantwortung entziehen und die Kinder dadurch keine elterliche Autorität mehr erfahren (vgl. ders., S. 120). Die Kinder übernehmen dann die „[…] Führung, Kontrolle und das Treffen von Entscheidungen [.]“ (ebd.) in ihren Familien. Minuchin (vgl. 2015:73f) betrachtet die Verstrickung als pathogen, da die individuelle Entwicklung des Kindes zur Selbständigkeit gehemmt wird. Unter emotionalen Anforderungen kommt es zu einer Störung der Eltern- Kind Reziprozität (vgl. Desch 2014:20), die sich oft in verstrickten Familien zeigen (vgl. Lenz 2014: 210). Durch Grenzverletzungen der Hierarchien, wechseln Kinder aus ihrer komplementären Beziehung in eine symmetrische Beziehung zu ihren Eltern über (vgl. Desch 2014: 20; Lenz 2014: 210). „Bei der Parentifizierung besteht entweder ein Gleichgewicht, wie es in einer Paarbeziehung herrscht, oder sogar eine Asymmetrie zu Ungunsten des Kindes“ (Desch 2014: 20). Dabei wird dem Kind eine emotionale Rolle, wie z.B. der Tröster zugewiesen (vgl. ebd.).Eine Familie kann gut funktionieren, wenn die Rollen voneinander klar getrennt sind, das Kind elterliche Autorität erfährt und sich durch adäquate Delegationen autonom seiner kindlichen Bedürfnisse entwickeln kann (vgl. ders., S. 72).

Das Konzept der Delegation wurde 1973 von Boszormenji-Nagy entwickelt und der Begriff im Jahr 1974 vom Psychiater und Psychotherapeuten Helm Stierlin erstmals eingeführt (vgl. Stumm/ Pritz 2010:121). Delegation (lateinisch delegare= aussenden, Mission betrauen) beschreibt den Vorgang einer Rollenübertragung, indem das Kind für den Erwachsenen zur Verfügung steht und gewisse Aufträge übernimmt (vgl. Stierlin 1978: 24). Dabei „[…] erhält [das Kind] die Erlaubnis und Ermutigung, aus dem elterlichen Umkreis herauszutreten - aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es wird sozusagen an langer Leine gehalten, und seine Freilassung erfolgt nur bedingt und begrenzt“ (Stierlin 1978: 24). Delegationsprozesse finden unter einer starken Loyalität in der Familie statt. Durch die Auftragserfüllung beweist der Delegierte seine Loyalität gegenüber dem Delegierendem, indem er ihm verpflichtet bleibt. (vgl. ebd.) Durch Beziehungsstörungen projizieren Eltern „[…] bestimmte Persönlichkeitsaspekte, Triebimpulse oder intrapsychische Konflikte unbewußt [sic] […]“ (Textor 1991). Eltern erhoffen sich dabei, dass für sie selbst ein stimulierendes Verhalten erzeugt wird und ihre eigenen Bedürfnisse dadurch gestillt werden (vgl. ebd.).Der Delegierte hat verschiedene Aufträge der Es-, Ich- oder der Über-Ich- Ebene zu erfüllen (vgl. Stierlin 1978:249). In Anlehnung an das Drei- Instanzen- Modell der Psychoanalyse von Freud (vgl. 1990: 299) sind dies auf der Es- Ebene triebhafte Regungen und Bedürfnisse eines Menschen. Das Kind erhält den Auftrag seine lusterzeugten Erlebnisse mit den Eltern zu teilen, da sie sich diese nicht selbst verschaffen konnten (vgl. Stierlin 1978: 24; Simon/Clement/Stierlin 2004: 62). „So kann z.B. ein sexuell unbefriedigter oder gehemmter Vater seine sexuellen Wünsche in den Sohn projizieren, der diese dann ausagiert, von seinen Erlebnissen berichtet und dem Vater stellvertretende Befriedigung verschafft“ (Textor 1991). Auf der Ebene des Ich, die zwischen den Erwartungen des Es und der Selbstbeobachtung stehen (vgl. Freud 1990 :299), erfüllen Kinder Missionen die einen stützenden und schützenden Charakter gegenüber ihren Eltern haben, wie z.B. die Rolle eines Streitschlichters oder die Übernahme von hauswirtschaftlichen Aufgaben im Alltag (vgl. Textor 1991). Aufträge des Über-Ichs werden in Anlehnung nach Sigmund Freud (vgl. 1999: 63 ff), in das Ich -Ideal, der Selbstbeobachtung und dem Gewissen differenziert. Dienste des elterlichen Ich- Ideals beschreiben unerfüllte Strebungen des Vaters oder der Mutter, die von ihnen selber nicht verwirklicht werden konnten, wie diese, ein herausragender Künstler oder Arzt zu werden (vgl. Textor 1991). Werden Aufträge in der elterlichen Selbstbeobachtung erfüllt, „so muß [sic] der Delegierte in seiner Person abgespaltene bzw. verleugnete Teile des Elternteils verkörpern und ausleben, die dieser dennoch ständig in sicherer Beobachtungsdistanz vom eigenen Ich haben muß [sic]“ (Simon/ Clement/ Stierlin 2004: 62f). Die Delegierten zeigen sich oft als depressive oder missratende delinquente Personen (vgl. ders., S.63), „[…]als eine Art Mülltonne für eigene, aber verworfene und nicht zugestandene Motivationen, Bedürfnisse, Antriebe, Eigenschaften“ (ebd.). Sie dienen für die Gewissensentlastung ihrer Eltern (vgl. ebd.).

Oft entgleisen Delegationsprozesse, da sie mit Loyalitätskonflikten des Kindes verbunden sind. Somit kann der Auftrag für das Kind sein, sich bei einem Streit der Eltern, auf nur ein Elternteil zu fokussieren mit dem Ziel, den anderen dadurch herabzusetzten. (vgl. Stierlin 1978: 25) Stierlin (vgl. Simon/Clement/Stierlin 2004:63) weist darauf hin, dass gewisse Aufträge in Form von Delegation als notwendig für das heranwachsende Kind angesehen werden, um es „[…] sinnvolle Lebensziele, Inhalte und Richtungen zu vermitteln“(ebd.). Sind hingegen die Aufträge an das Kind nicht altersentsprechend, so gehen Delegationen oft mit Konflikten und Überforderungen des Kindes einher, die dann pathologisch betrachtet werden können (vgl. ebd.).

Stierlin (vgl.1978: 62) unterscheidet die Übertragungen in Familienbeziehungen unter transfamiliärer und intrafamiliärer Übertragung. Von einer transfamiliären Übertragung (die Familiengrenzen überschreitende) wird gesprochen, wenn aus der Herkunftsfamilie stammende Einstellungen, Erwartungen und Verhaltensmuster unangemessen in anderen Beziehungen übertragen werden, die nicht der Ursprungsfamilie angehören, wie z.B. auf den Ehepartner. Im Gegensatz zur intrafamiliären Übertragung werden unvorteilhafte Verhaltensmuster innerhalb der Familie zwischen zwei Generationen transferiert und sind sofern Teil des Prozesses der transgenerationalen Übertragung. Hierbei kommt das Phänomen der Parentifizierung zum Vorschein, da Phantasien und Erwartungen des delegierten Elternteils dem Kind aufgezwungen werden. (vgl. ebd.) Unter diesen Ansichten der Autoren, finden aufgrund von Grenzüberschreitungen wie der Verstrickung, Übertragungen in Form von Delegationen statt, die verschiedene Aufträge an das Kind beinhalten. Boszormenji-Nagy (vgl. 1992: 89 und 223) und Minuchin (vgl. 2015:70f) beschreiben, dass es zum Ungleichgewicht in der Familie bzw. im elterlichen Subsystem kommen kann, wenn die Verpflichtungen und Erwartungen unter den Familienmitgliedern nicht erfüllt werden, die aus einer Familienloyalität entstehen. Durch diese Erwartungen oder Wunschphantasien entstehen Parentifizierungen, die verschiedenen Missionen oder Aufträge beinhalten. Demnach sind die Rollen parentifizierter Kinder und deren Funktion näher zu betrachten.

2.1 Rollen parentifizierter Kinder

Boszormenyi- Nagy/Spark (vgl.1992: 213) unterteilt die zugewiesenen Rollen eines parentifizierten Kindes in die manifeste Sorgerolle, Opferrolle und in die neutrale Rolle. In Manifesten Sorgerollen fallen Eltern in regressiven Verhaltensweisen einer Art Hilflosigkeit zurück, in der das Kind eine sorgende Funktion einnimmt. Es spendet Trost, versucht die Ehe der Eltern bei Streitigkeiten zusammenzuhalten und ist Ratgeber bei Problemen der Familie. (vgl. ebd.) Wenn Kinder den Sündenbock darstellen, sich für die Mutter oder den Vater aufopfern, begeben sie sich in die sogenannte Opferrolle. Das Kind ist für die Eltern verfügbar, es zeigt Verantwortung und nimmt jede Schuld auf sich. Durch die aufopfernde Rolle, wird das Kind durch Zuneigung der Eltern emotional belohnt. (vgl. ders., S. 214ff) In der Neutralen Rolle befindet sich das parentifizierte Kind, wenn es sich in eine stumme Rolle begibt. Es nimmt weder eine gebende noch eine nehmende Funktion im Familiensystem ein. (vgl. Boszormenyi- Nagy/Spark 1981: 217) Hinter dieser Rolle, verbirgt sich ein Kind „[…] der Leere und emotionellen Verarmung oder der Depression[.]“ (ebd.). Lenz (vgl. 2014:210) beschreibt weitere unangemessene Rollenzuweisungen. Demnach werden Kinder zu Friedensstifter oder Schiedsrichter bei Partnerschaftskonflikten, sie übernehmen den Haushalt, organisieren den Familienalltag und versorgen pflegebedürftige Familienmitglieder mit Medikamenten. Sie kümmern sich um die jüngeren Geschwister, umsorgen und pflegen sie, als wären sie deren Eltern. Sie sind Seelentröster nach dem Verlust eines Elternteils, ersetzen einen Partner oder realisieren den Lebenstraum der Eltern. Kinder werden zu Vertrauten ihrer Eltern und dienen als Kraftquelle in der Familie, indem sie unterstützend und tröstend ihre Rolle ausführen. (vgl. ebd.)

2.2 Formen der Parentifizierung

Aus den zugewiesenen Rollen ergeben sich unterschiedliche Aufträge an das Kind, die eine emotionale oder instrumentelle Parentifizierung darstellen (vgl. Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). Die emotionale Parentifizierung richtet sich „[…] auf die emotionale Fürsorge und damit auf die emotionalen und sozialen Bedürfnisse der Eltern“ (Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). Eltern stellen Erwartungen, die inadäquate Aufgaben entsprechend des Alters des Kindes beinhalten oder sie durch unangemessene Nähe und Zuneigung einen Partnerersatz durch das Kind erhoffen (vgl. ebd.). Die emotionale Parentifizierung beinhaltet expressive Aufgaben die an das Kind gestellt werden (Streitschlichter, Tröster, Partnerersatz), um die emotionalen Bedürfnisse der Eltern zu stillen, die nach außen schwer sichtbar sind (vgl. Graf/Frank 2001: 318.). Sie gilt als schädlichere Form, da sie eine große Belastung für das Kind darstellt und die Entwicklung des Heranwachsenden beeinflusst (vgl. Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). „Ausgewählt für die Rollenzuschreibung wird in der Regel das Kind, das in der Vergangenheit das größte Einfühlungsvermögen in die elterlichen Bedürfnisse bewiesen hat“ (Graf/Frank 2001: 316). Dabei kann sich ein Gefühl des Kindes entwickeln, sich nicht ausreichend um seine bedürftigen Eltern zu sorgen (vgl. Desch 2014: 20).

Bei einer instrumentellen Parentifizierung werden dem Kind exekutiven Aufgaben zugeordnet, indem es die Verantwortung für die Versorgung eines Geschwisterkindes oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten übernimmt (vgl. Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). Diese dienen „[…] als eine gesunde Übernahme von Verantwortung in einem sozialen Gefüge […]“ (Desch 2014:20). Die Aufträge an das Kind sind klar zugeordnet und nach außen transparent. Durch die Übertragung von Aufgaben an das Kind, wie z.B. der Übernahme von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, werden Fähigkeiten wie Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein des Kindes gefördert (vgl. Textor 1990). Beide Formen der Parentifizierung zeigen unterschiedliche Funktionen der Rollenübertragungen. Es wurde schon betont, dass sie emotionale Parentifizierung als schädlichere Form betrachtet wird (vgl. Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). Daher stellt sich die Frage, inwieweit die instrumentelle Parentifizierung die Kindesentwicklung negativ beeinflussen kann. Als ein positiver Aspekt der instrumentellen Parentifizierung gilt, dass durch die Übernahme von exekutiven Aufgaben die Selbständigkeit des Kindes gefördert wird (vgl. Textor 1990). Ein Kind benötigt einen erweiterten Handlungsspielraum, um mehr Verantwortung zu übernehmen und selbständig zu werden (vgl. Textor 1990). Wenn es aber zur Routine wird, dass ein Kind durch die Verantwortungsübertragung kaum noch Zeit für sich selber findet, um zu spielen oder die Schulleistungen dadurch leiden, weil Eltern in ihrem Alltag überfordert oder krank sind, dann geht es auf die Kosten der Gesundheit von Kindern (vgl. Faupel 2020). Entsprechend dieser Aussagen sind das Ausmaß der Verantwortungsübernahme (Häufigkeit, Art) und die Fähigkeiten des Kindes entscheidende Indikatoren, ob es eine Belastung für das parentifizierte Kind darstellt (vgl. Byng Hall 2008, zit. in Lenz 2014: 213). Sowohl Boszormenyi- Nagy (vgl. 1992:47) als auch Stierlin (vgl. Simon/Clement/Stierlin 2004:63) sind der Meinung, dass eine zeitweilige Parentifizierung des Kindes zur Entwicklung beitragen kann. Die Rollenverteilung wird dann zur Bedrohung, wenn es die individuelle Entwicklung des Kindes einschränkt und das Kind keine Möglichkeit hat, aus dieser überverantwortlichen Rolle auszutreten (vgl. Joraschky/ Retzlaff 2008: 349). Demnach stellt die emotionale Parentifizierung im Vergleich zur Generationsgrenzverletzung eine Verstrickung dar, weil durch die Diffusion der Grenzen eine starke emotionale Nähe zwischen Kind und Eltern besteht. Bereits erwähnt sieht Minuchin (vgl. 2015:73f) solche Grenzverletzungen als pathogen an. Demnach befindet sich das Kind, nach Boszormenyi- Nagy/Spark (vgl.1992: 213) in einer Sorgerolle, da es sich um die emotionalen Belange der Eltern kümmert und den Hilfebedürftigen zur Seite steht.

Von einer gesunden und adaptiven Parentifizierung geht Jurkovic (1997, zit. in Lenz 2014: 212) aus, „wenn Kinder von ihrer Rolle nicht vollständig eingenommen sind, sie gleichzeitig selbst unterstützt werden sowie ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Bemühungen gewürdigt werden“. Auch Desch (vgl. 2014: 20) betrachtet eine gesunde und adaptive Parentifizierung, wenn das Kind in seinen Aufgaben Unterstützung, Anerkennung und Lob von seinen Eltern erfährt und die Bedürfnisse des Kindes berücksichtigt werden. Durch die Übernahme der Aufgaben in Begleitung der Eltern, kann das Selbstvertrauen des Kindes und die Beziehung zueinander gestärkt werden, was für die Herausbildung von emotionalen und sozialen Kompetenzen bedeutsam ist (vgl. Desch 2014: 20). Demnach müssen Kinder in einer Verantwortungsposition von neuen Aufgaben durch Eltern begleitet und langsam herangeführt werden, um Belastungen des Kindes zu vermeiden. Von einer destruktiven Form wird gesprochen, wenn Eltern ihre Elternfunktion aufgeben, ihr Kind für eigene Bedürfnisse missbrauchen und dabei die Bedürfnisse des Kindes nicht wahrgenommen oder diese vernachlässigt werden (vgl. Jurkovic 1997, zit. in Lenz 2014: 212; Desch 2014 :20). Durch Grenzüberschreitungen wird dem Kind eine nicht kindgerechte Rolle zugewiesen, die durch inadäquate Aufgaben die Fähigkeiten des Kindes anhand des Alters übersteigen (vgl. Jurkovic 1997, zit. in Lenz 2014: 212). Wenn Kinder sehr überverantwortliche und fürsorgliche Verhaltensweisen zeigen oder sie in ihrer Rolle keine Anerkennung bekommen, so sind dies ebenfalls Merkmale einer destruktiven Parentifizierung (vgl. ebd.). „Durch die hohe Beanspruchung für instrumentelle oder emotionale Aufgaben kann das Kind nur ungenügend soziale Kontakte zu Peers aufrechterhalten oder Freizeitaktivitäten ausüben“ (Desch 2014: 20).

Betrachtet man die Komplexität der Parentifizierung, in ihren unterschiedlichen Rollen und Aufgaben die an das Kind übertragen werden, wird deutlich, dass die emotionale Parentifizierung stark der destruktiven Form zugeordnet werden muss, da sie mit einer emotionalen Belastbarkeit des Kindes einhergeht. Eine instrumentelle Parentifizierung kann sich sowohl adaptiv, als auch destruktiv zeigen. Ausschlaggebend für eine destruktive Form ist, wenn die Aufgaben an das Kind inadäquat erscheinen, die Kompetenzen des Kindes maßgeblich überschritten werden und es zu einer Bedrohung der kindlichen Entwicklung kommt (vgl. Jurkovic 1997, zit. in Lenz 2014: 212).

2.3 Erklärungsansätze für die Entstehung von Parentifizierungen

Die Ursachen dafür, dass es zu solch Grenzverletzungen in Familien kommt, sind aus unterschiedlichen Richtungen zu betrachten. Auslöser das ein Kind von seinen Eltern parentifiziert wird, können psychische Erkrankungen der Eltern, Trennung oder Konflikte des Paares oder Parentifizierungen der Eltern in der eigenen Kindheit sein (vgl. Lenz 2014: 210; Desch 2014: 19). „Diese Bedingungen können dazu führen, dass Eltern ihrem Kind nicht kindgerechte Aufgaben delegieren“ (Desch 2014:19). Auserwählte Studien, wie die von Albert Lenz (2003), Ulrike Loch (2014) und dem Deutschen Jugendinstitut e.V. (2010) zeigen im nächsten Abschnitt, wie durch unterschiedliche Faktoren eine Parentifizierung des Kindes in der Familie entstehen kann.

2.3.1 Psychische Erkrankungen der Eltern

Einen starken Einfluss, der eine Parentifizierung am häufigsten begünstigt, sind psychische Erkrankungen der Eltern (vgl. Lenz 2014: 184). „Verantwortung zu übernehmen und bestimmte Rollen und Aufträge zu erfüllen, sind die am häufigsten zu beobachtenden Beiträge der Kinder zur gemeinsamen Bewältigung der familiären Belastungen, die mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils verbunden sind“ (Lenz 2014: 184). Besonders Kinder psychisch erkrankter Eltern, dienen als wichtige Unterstützungsquelle für den familiären Alltag (vgl. ders., S.: 185). In Krisensituationen psychisch Erkrankter erleben betroffene Kinder oft, dass die verlässlichen Alltagsstrukturen in der Familie nicht aufrechterhalten werden können und das komplette System Familie ins Ungleichgewicht gerät. Durch diese Veränderungen im Familienalltag kommt es häufig zu einer Parentifizierung des Kindes, da die Heranwachsenden in den Aufgaben zunehmend eingebunden werden. (vgl. Pass/ Wiegand-Grefe 2012: 27f)

In den Jahren 2001-2003 wurde in einem zweijährigen Forschungsprojekt von Lenz und Daldrup (vgl. 2003; Lenz 2005: 79ff) in den psychiatrischen Kliniken Paderborn und Herne eine qualitative Forschung mit Kinder und Jugendlichen im Alter von 7-18 Jahren durchgeführt, die sich mit den Auswirkungen des Zusammenlebens einer psychischen Erkrankung von Eltern befasste. In den 22 leitfadengestützten Interviews beschrieben die Kinder und Jugendlichen ihre Gefühle, Gedanken, Sorgen und Ängste, die aufgrund der psychischen Erkrankung eine emotionale Verstrickung mit dem kranken, sowie auch mit dem gesunden Elternteil darstellte (vgl. Lenz/ Daldrup 2003; Lenz 2005: 82). In der Studie fand man heraus, dass Kinder sehr sensibel auf die Veränderung in ihrem Familiensystem und Alltag reagierten und sogenannte Frühwarnzeichen signalisierten. Die erkrankten Mütter kamen ihren alltäglichen Aufgaben im Haushalt nicht mehr nach oder die Versorgung des Kindes wurde zunehmend vernachlässigt. (vgl. Lenz 2005: 82) Die Kinder übernahmen Aufgaben im Haushalt, um den kranken Elternteil zu entlasten (vgl. ders, S.86). Die Kinder und Jugendlichen berichteten des Weiteren, dass sie sich verantwortlich und unentbehrlich für ihre Familie fühlen und das ohne ihre Anwesenheit die Angst besteht, die Familie würde zusammenbrechen (vgl. Lenz 2005: 90). An einem Beispiel wird die Loyalität gegenüber dem erkrankten Elternteil bzw. der Familie sehr deutlich. Ein zwölfjähriger Junge berichtete, dass seine Schuldgefühle ihn so plagten, dass er auf seine Freizeitinteressen verzichtete, um der erkrankten Mutter im Haushalt zu helfen. „[…] und dann denke ich an sie und dann sage ich mir, sie muss hier alles alleine machen und dann gehe ich wieder zurück und helfe ihr auch. So, wo wir einmal da bei meinen Freund Fußball gespielt haben, da konnte ich schon sehen, dass sie ein bisschen wütend war und dann habe ich an sie, an sie gedacht und ich bin dann rein gegangen und hab ihr geholfen das Haus aufzuräumen. (m, 12 Jahre)“ [Hervorgehoben im Original] (Lenz 2005: 95)

Durch die psychische Erkrankung des Elternteils wird das Familiensystem massiv beeinflusst (vgl. ders, S. 92). Erkennbar wurde in der Studie, dass sich eine starke Verbundenheit zwischen den Familienmitgliedern entwickelte, die sichtbar durch die emotionale Dichte, Fürsorge und gegenseitige Unterstützung wurde (vgl. ebd). Auch der gesunde Elternteil suchte aufgrund der belasteten Situation Unterstützung beim heranwachsenden Kind. Kinder entlasten den gesunden Elternteil indem sie instrumentelle Aufgaben im Haushalt übernehmen (vgl. ders., S. 94). Ein wörtliches Zitat eines 9- jährigen Mädchen lautete:

Wir haben manchmal auch selber gekocht […] Nasi Goreng. Das schmeißt man einfach in die Pfanne […], da habe ich dann gekocht und wenn es mal aus Versehen verbrannt war […] und mein Vater hat mich dann angemeckert, weil es dann verbrannt war. Meine Schwester hat immer geputzt. (w, 9 Jahre)“ [Hervorgehoben im Original] (Lenz 2005: 94).

In dieser Aussage des Kindes wird deutlich, dass es sich für den gesunden Elternteil aufopfert um diesen zu entlasten. Das Kind nimmt die Verantwortung auf sich und unterstützt den Elternteil im Haushalt. Die Bemühungen und Taten des Kindes werden nicht belohnt und gewürdigt, was eine destruktive Form der Parentifizierung darstellt. Das Selbstvertrauen und die emotionale Stärke eines Kindes können nur dann wachsen, wenn die Aufgaben gewürdigt und anerkannt werden.

In der Rollenumkehr projetziert der gesunde Elternteil Wünsche an das Kind, da er diese vom erkrankten Elternteil nicht erfüllt bekommt. Somit nimmt der gesunde Elternteil eine zentrale Funktion bei der Parentifizierung ein. (vgl. Lenz 2005: 97) Das Kind begibt sich in eine Sorgerolle und stillt durch Zuwendung und Aufmerksamkeit die Bedürfnisse des gesunden Elternteils (vgl. Lenz 2005: 97). Eine Vater-Tochter-Beziehung kann sich durch das Fehlen des Ehepartners als sehr vertraulich und partnerschaftlich zeigen. Die Tochter wird zum wichtigsten Gesprächspartner für den Vater und auch umgedreht werden Sorgen gemeinsam geteilt. Durch die Abhängigkeit, kann es zu einer Loyalitätsspaltung des Kindes kommen, da das Kind dem Vater sowie auch der Mutter treu bleiben möchte. Dem Kind fällt es aus Loyalität schwer, sich aus diesen manifestierten Beziehungen zu lösen, was pathologische Folgen für das Kind haben kann. Werden Wünsche und Erwartungen der Eltern vom Kind nicht ausreichend erfüllt, so bekommt das Kind dies mit Ablehnung zu spüren. Dabei kann zur einer Überkontrolle oder Überfürsorge der Eltern kommen, die den Freiraum des Kindes massiv einschränken. (vgl. Lenz 2005: 97ff)

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Kinder Unsicherheiten, Ängste und Sorgen haben. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und von ihren Eltern ungeliebt, die ihre Bemühungen nicht wertschätzen und diese eher kritisieren. Die Kinder plagen Schuldgefühle, da sie oftmals in die Rolle des Streitschlichters zwischen die Eltern geraten. Durch die Übernahme von expressiven und exekutiven Aufgaben fühlen sie sich oft alleine gelassen und sind dadurch stark belastet. (vgl. Lenz 2005: 128) Dadurch wird deutlich, dass auch die instrumentelle Parentifizierung eine Überforderung darstellt. Durch die Aufgabenübernahme verzichten die Kinder auf ihre eigenen Interessen und sind in ihrer Selbstentfaltung stark eingeschränkt. Ihre Gedanken sind ständig beim erkrankten Elternteil und sie können sich dadurch nur wenig auf ihre eigene Lebenswelt konzentrieren. Sie unterstützen nicht nur den erkrankten, sondern kümmern sich auch um den gesunden Elternteil, sowie um die jüngeren Geschwister in der Familie.

2.3.2 Konflikte und Trennungen der Eltern

In Familien kommt es nicht selten zu Spannungen und Belastungen im Alltag, die oft mit starken Konflikten der Eltern verbunden sind. Können Eltern den Problemen und Belastungen nicht Stand halten, gerät ihre Beziehungsdynamik ins Ungleichgewicht, was bis zu einer Auflösung der Partnerschaft führen kann. Durch Auflösungen von Partnerschaften oder durch Konflikte in der Paarbeziehung können Parentifizierungsprozesse in Familien entstehen (vgl. Ohntrup u.a.2011: 375f). Die Parentifizierung tritt häufig in Familien mit nur einem Elternteil auf. Die Kinder unterstützen das Elternteil mit instrumentellen und emotionalen Aufgaben, die sonst der Partner übernommen hatte. (vgl. Lenz 2014: 185) Aktuelle Meldungen des BMFSFJ zeigen, dass von 8 Millionen in Deutschland lebenden Familien mit minderjährigen Kindern, 19 Prozent alleinerziehende Mütter oder Väter, mit ihrem Kind oder Kindern in einem gemeinsamen Haushalt leben (vgl. BMFSJF 2020). Die Anzahl der Alleinerziehenden hat sich in den Jahren 1996- 2018 von 1,3 Millionen auf 1,5 Millionen erhöht (vgl. ebd.).

In einem Forschungsprojekt des Deutsches Jugendinstitut e.V. (vgl. Hermann 2010: 135ff) wurde im Zeitraum 2007- 2010 unter den Namen „Kinderschutz bei hochstrittiger Elternschaft“, der Zusammenhang zwischen der Parentifizierung bei Konflikten und Trennungen der Eltern dargestellt. Für das Projekt wurden 29 Kinder im Alter von 7-14 Jahren ausgewählt. In einer quantitativen Forschung wurden die Kinder zu ihren Empfindungen in der Trennungssituation und den entstandenen Belastungen auf Grund von Konflikten zwischen den Eltern befragt. Die Ergebnisse der Datenerhebung zeigten, dass sich die Ausprägungsform der Parentifizierung im mittleren Bereich befinden. Die Kinder berichteten, dass sie sich in Streitgesprächen zwischen den Eltern hin- und hergerissen fühlten und es dabei zu Loyalitätskonflikten kam. (vgl. Hermann 2010: 140) Deutlich wurde, dass insbesondere Mütter dazu neigen ihre Kinder in die Rolle des Partnerersatzes zu drängen. Im Nachtrennungsprozess zeigten sich emotionale Belastungen der Kinder, indem sie die Rolle als Vermittler zwischen dem getrennten Elternpaar einnahmen. Sie wurden benutzt, um dem anderen Elternteil neue Erkenntnisse des Anderen zu liefern. Andere Kinder mussten sich stark emotional um den selbstbelasteten Elternteil kümmern. (vgl. Hermann 2010: 135-142)

2.3.3 Transgenerationale Weitergabe

Einen weiteren Aspekt für die Entstehung der Parentifizierung stellen die Übertragungen von Bindungs- und Beziehungsmustern über familiäre Generationen dar. Zu Beginn wurde die Übertragung von Verhaltensmustern durch transfamiliäre Weitergabe nach Stierlin (vgl. 1978: 62) beschrieben, die dazu führen, dass Erwartungen und Einstellungen der Eltern auf das Kind projiziert werden, die in der eigenen Kindheit erlebt wurden sind „[In] frühen Bindungserfahrungen erfahren Menschen die Welt als einen mehr oder weniger sicheren Ort. In den nahen Beziehungen zu den primären Bezugspersonen suchen Kinder Schutz und Sicherheit, Trost und die Erfahrung von Achtsamkeit gegenüber ihrer basalen Abhängigkeit“ (Rauwald 2013: 25). Werden positive Erfahrungen in Beziehungen des Individuums gesammelt, so dienen diese als innere Kraft- und Sicherheitsquelle und Schutzfaktor bei Belastungen oder Krisen für das gesamte Leben (vgl. ebd.). Demnach können Erfahrungen der Eltern wie Liebe und Zuwendung, an die eigenen Kinder weitergeben werden. Durch eine transgenerationale Weitergabe kommt es vor, dass Eltern die in der eigenen Kindheit eine unsichere Bindungsbeziehung zu ihren Eltern hatten, die Zuwendung nun bei ihren eigenen Kindern suchen (vgl. Graf/Frank 2001: 320). Wenn in der frühen Kindheit einschneidende Erlebnisse wie Gewalt, Missachtung oder Misshandlungen erlebt wurden, prägen sich diese Erfahrungen negativ auf die Bindungs- und Beziehungsqualität mit nahestehenden Personen aus (vgl. Rauwald 2013: 25). Diese negativen Erfahrungen haben „[…] einen nachhaltig belastenden Einfluss auf das Zusammenleben mit anderen Menschen […]“ (ebd.). Im gegenwärtigen Familienleben bekommen dann die eigenen Kinder der traumatisierten Eltern eine Rolle zugewiesen, in der Szenarien aus der Vergangenheit wiedererlebt werden, die Enttäuschung und Hilflosigkeit der Eltern widerspiegelt (vgl. Rauwald 2013: 26).

In einer Studie von Ulrike Loch (vgl. 2014: 281) zeigte sich, dass Kindheitstraumata von psychisch erkrankten Eltern über die Eltern -Kind-Beziehung transgenerational übertragen wurden und die Kinder Teil der Traumatisierung der Eltern waren. Durch häusliche Gewalt, Vernachlässigung, verstärkten Alkoholkonsum oder Verlust eines Angehörigen, erlitten die Eltern schmerzhafte Erfahrungen in ihren Herkunftsfamilien, die Jahre zurücklagen, aber dennoch eine zentrale Rolle in ihrem gegenwärtigen Leben spielten. Unbewusst wurden ihre eigenen Kinder in die Problemlagen der Eltern einbezogen und emotional parentifiziert, was zu einer Vernachlässigung und psychischer Gewalt der Kinder führte. (vgl. Loch 2014: 282) Durch das Traumata können Eltern nur schwer auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen, da sie selber Zuwendung und Fürsorge benötigen. Bei der Parentifizierung werden Verhaltensmuster zwischenmenschlicher Beziehungen über drei Generationen übertragen. (vgl. Loch 2014: 289f) Zum einen sind dies die Kinder, die ihre Beziehung zu ihren Eltern stabil halten wollen, aber keine Gegenleistung dafür erhalten. Zum andern sind es die Eltern, die auf Grund der negativen Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie nun einen Ausgleich dafür bei ihren Kindern suchen. Und zuletzt sind es die Großeltern, die keinen ausreichenden Schutz und Fürsorge ihrer Kinder (Elterngeneration) boten und diese ebenfalls parentifizierten. Die Parentifizierung zieht sich durch ihre Verstrickung in den Beziehungen und der Loyalität zueinander, wie ein Familiengeheimnis über die nachfolgenden Generationen hinweg. (vgl. Loch 2014: 290)

[...]

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Welche Chancen und Risiken entstehen bei einer Parentifizierung für die kindliche Entwicklung?
Hochschule
Fachhochschule Dresden
Note
1,1
Autor
Jahr
2020
Seiten
58
Katalognummer
V936183
ISBN (eBook)
9783346306524
ISBN (Buch)
9783346306531
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, chancen, risiken, parentifizierung, entwicklung
Arbeit zitieren
Cindy Wirthgen (Autor:in), 2020, Welche Chancen und Risiken entstehen bei einer Parentifizierung für die kindliche Entwicklung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936183

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