Die Politisierung des Heimatbegriffs. Historische Begriffsentwicklung und Gefahr der Objektivierung


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Relevanz und Zielsetzung
1.2 Inhaltliche Gliederung

2 Annäherung an den Heimat Begriff
2.1 Historische Begriffsentwicklung
2.1.1 Menschliches Verlangen nach Identität
2.2 Heimat & Globalisierung = Paradoxie?
2.3 Subjektivistische und objektivistische Auffassung von Heimat

3 Gefahr der Objektivierung bzw. Politisierung
3.1 Abgrenzung zur Nation

4 (Rechts-)Populismus
4.1 Macht der Medien & Rhetorik
4.2 Heimatministerium

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

1.1 Relevanz und Zielsetzung

In einem Brief an einen vertrauten Freund schrieb der russische Schriftsteller Dostojewski: „Ohne Heimat sein, heißt leiden“(Dostojewski, S. 9). Die Frage nach der Bedeutung von Heimat für unser Denken und Handeln gehört heute, fast 200 Jahre nach Dostojewski‘s Worten, wieder zu einer der drängendsten Fragen unserer Gesellschaft. Die erneute Politisierung des Begriffs Heimat durch beispielsweise das Heimatsministerium macht deutlich, dass die territoriale als auch kulturelle Entgrenzung ein starkes Bedürfnis nach Heimat bei der Bevölkerung geweckt hat. Eine Heimat, die Geborgenheit und Sicherheit verspricht in einer immer globaler funktionierenden Welt und dem aufkommenden Fremdheitsgefühl im eigenen Land entgegenwirken soll. Doch ‚Was ist Heimat?‘ überhaupt und kann sie diesen gestellten Ansprüchen gerecht werden? Oder muss der Heimatbegriff neu definiert werden bzw. kann dieser überhaupt definiert werden? Mit dem Diskurs um Heimat, insbesondere der Politisierung des Begriffs Heimat und der damit verbundenen Probleme soll sich auf Grund seiner Aktualität bzw. neue Konjunktur kritisch in dieser Arbeit auseinandergesetzt werden.

1.2 Inhaltliche Gliederung

Um erörtern zu können inwiefern das erneut verstärkte Aufkommen von Heimat in der Politik als rhetorisches Zugeständnis an die Rechtspopulisten zu verstehen ist, wird sich zunächst versucht an den Begriff Heimat anzunähern. Hierbei wird kurz auf die historische Entwicklung des Begriffs und das grundsätzliche, menschliche Verlangen nach Identität eingegangen. Im Anschluss soll weiterführend analysiert werden, ob bzw. inwiefern Globalisierung und Heimat sich ausschließen. Hierfür werden ältere Auffassungen mit modernen Auffassungen von Heimat verglichen, um die Schwierigkeit des Begriffs Heimat insbesondere im politischen Kontext zu demonstrieren.

Im letzten Teil des zweiten Kapitels wird sich im Hinblick auf die Leitfrage mit Hilfe von Jens Korfkamp, der subjektiven (persönlichen) und objektiven (politischen) Auffassungsebene von Heimat beschäftigt, um anschließend die Gefahren der Politisierung des Begriffs Heimat aufzuzeigen. Hierzu wird der Begriff Nation explizit von dem der Heimat abgegrenzt. Der Rechtspopulismus wird im vierten Kapitel thematisiert: Rechtspopulisten verstehen es besonders mit Hilfe von Rhetorik, die Identitätsängste der Bevölkerung mit Hilfe des Heimat Begriffs zu ihren Gunsten zu mobilisieren bzw. diese Ängste zu intensivieren. Zuletzt wird das Heimatsministerium, welches von Horst Seehofer 2018 ins Leben gerufen wurde, thematisiert und mit Hilfe von kritischen Stellungsnahmen, wie z.B. die der Journalistin Katrin Auer oder Margarita Tsomou beurteilt, ob das Heimatsministerium als eine rhetorische Zustimmung an den Rechtspopulismus gedeutet werden kann.

2 Annäherung an den Heimat Begriff

2.1 Historische Begriffsentwicklung

Im etymologischen Lexikon von Braun wird Heimat als: „(…) Ort, Land, wo man geboren, wo man zu Hause ist, Vaterland h e i m a t l i c h adj. ‚in der Heimat vorhanden, die Heimat betreffend, zu ihr gehörend‘ (18. Jh.)“ definiert.(Braun, 1993, S. 525)Zu dieser Zeit waren Menschen meist noch an den Ort gebunden an dem sie geboren wurden, welcher dann auch als ihre Heimat galt.

Die Verknüpfung der Heimat an einen konkreten Ort reicht bis ins 19. Jh. Diese territoriale Assoziation von Heimat wurde nicht zuletzt durch die ‚Romantik‘ intensiviert. Zur Zeit der Industrialisierung, eine Zeit in der viele ihre Heimat (ihren Geburtsort) auf Grund der Urbanisierung verlassen mussten, gewannen idyllische Bilder bei Menschen, die ihre Heimat vermissten (bzw. Heimweh empfanden) an Bedeutung. In chaotischen Zeiten bzw. Zeiten der Umstrukturierung und dadurch empfundenen Unordnung spendeten nostalgische Bilder von Landschaften, Bächen und Alpenpanoramen den Menschen Trost. Dies ließ Heimat immer mehr auch zu einem Sehnsuchtsort werden, um den sich bis heute noch bemüht wird.(Schumann, 2002)

Eine Gefahr, die die Sehnsucht jedoch immer in sich trägt, ist die Gefahr, dass Menschen Imagination/Fiktion nicht mehr von der Realität unterscheiden können und diese vermischen. Veränderung über Zeit wird z.B. auf Grund fehlender physischer Präsenz nicht mehr wahrgenommen und die Erinnerung an das Bekannte und „Heimliche bzw. Heim(e)liche“ durch die Sehnsucht intensiviert.(Pfeifer, 2019)Die Enttäuschung ist groß, wenn realisiert wird, dass die Realität den Sehnsuchtsgedanken nicht entspricht. Die Heimat wirkt auf einmal nicht mehr vertraut, sondern „unheimlich“, einen Begriff der besonders von Sigmund Freud in Bezug seiner Psychoanalyse aufgegriffen wurde. Denn Unheimliches ist einem nicht bekannt bzw. vertraut und somit auch neu. Jedoch ist nicht alles Neue gleichzeitig auch scheckhaft, deswegen muss zum „Nichtvertrauten erst etwas hinzukommen, was es zum Unheimlichen macht.“ Freud beschreibt das Unheimliche aus diesem Grund als „(…) das Heimliche-Heimische (…), das eine Verdrängung erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist“.(Freud, Das Unheimliche , 1919, S. 268)Ein Phänomen in Form der Vermischung von Neuem und Alten, das auch auf die heutig existierenden Heimatsängste angewandt werden kann. Jedoch soll auf Grund des Umfangs der Arbeit nicht näher auf den Unheimlichkeitsbegriff von Freud eingegangen werden.

Die Adaption an die neuen Gegebenheiten fällt jedenfalls schwer. Eine Tatsache, die z.B. in dem Film „Das Wunder von Bern“, während der Rückkehr-Szene des Vaters aus dem Krieg besonders deutlich wird. (Wortmann, 2003)Auch der Schriftsteller Bernhard Schlink begreift Heimat mehr als ein utopisches Phänomen:

„So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat - letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie.“ (Schlink, 2019, S. 25)

2.1.1 Menschliches Verlangen nach Identität

Ein elementares menschliches Bedürfnis ist das der Identität. Identität bzw. Identitäten gehen stark mit einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl einher, welches wiederum meist an „aufgesetzte nationalistische, religiöse und ethnische Kategorien gebunden ist.“ (Wodak, 2016, S. 85)Die genannten Kategorien, insbesondere die Nationalistische, auf die im späteren Teil der Arbeit näher eingegangen wird, werden heute noch stark mit dem ursprünglichen Heimatbegriff in Verbindung gebracht und somit als statisch und singulär aufgefasst.

Identität bzw. Identitäten nach Ruth Wodak sind jedoch nicht statisch, sondern dynamisch, „flüssig“ und fragmentiert.(Wodak, 2016, S. 85)„Sie werden immer wieder neu verhandelt, je nach soziopolitischen und situativen Kontexten sowie nach ideologisch geformten Kategorien“ z.B. im Kontext der Globalisierung.(Wodak, 2016, S. 85)

2.2 Heimat & Globalisierung = Paradoxie?

Genauso wie die Identität ist auch Heimat in einer globalisierten Welt als ständiger Prozess zu verstehen. „Mit der Globalisierung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden müssen. Heimat ist (…) ein Prozess.“(Egger, Heimat: Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden, 2014, S. 110)

Doch kann es eine ‚globalisierte Heimat‘ geben bzw. kann ein nationaler Heimat Begriff in einen transnationalen umgewandelt werden? Die Globalisierung ist von Dynamik und Vielfalt geprägt. Dynamik und Vielfalt, die der ursprüngliche Begriff von Heimat in seinem statischen und singulären Verständnis nicht umfasst. Die globalisierte Welt befindet sich in einem ständigen Prozess von Auflösung substantieller Bindungen, räumlicher Entgrenzung und zwanghafter Zukunftsorientierungen. So sorgt sie für eine permanente Dekonstruktion von Grundeinheiten und sozialkonstruierten Grenzen, was als Verlust von Geborgenheit und Sicherheit empfunden werden kann. Verluste, die z.B. laut der „Destruktion-Theorie“ von J. Schumpeter aber auch als Voraussetzungen für die Entstehung von etwas Neuem verstanden werden kann.(Schumpeter, 1912)Die Dekonstruktion bzw. Angst vor Dekonstruktion hat also das Heimatbewusstsein wiederaufleben lassen: Das Verlangen nach einem Recht oder sogar der Besitzanspruch auf Heimat – ein „Heimatrecht“.(Bausinger, 1990)Der Besitzanspruch eines Bürgers ist darauf zurückzuführen, dass er laut Jürg Zutt als „wohnendes Wesen“ zu verstehen ist: „(…) will sagen, daß er nicht im Kosmos verloren ist, sondern einen Ort hat, wohin er gehört … wo er zu Hause ist, seine Heimat hat… Der Wohnraum ist durch eine Grenze geschieden vom Fremden… immer ist diese Behausung das Ergebnis einer menschlichen – dynamischen Leistung, sich Wohnraum zu ergrenzen und ihn zu bewahren.“ (Giesen, 1996, S. 13)

Eine Heimat neu entstehen lassen bzw. das Umdenken bezüglich des Begriffs zu zulassen steht also im Wiederspruch zum menschlichen Streben nach dem Ergrenzen bzw. dem Bewahren von Heimat, einem konstruierten „Raum gegen Anonymität und Fremdheit“.(Giesen, 1996, S. 14)Somit kann die Globalisierung als ein Paradoxon zum ursprünglichen Heimat Begriff aufgefasst werden.

2.3 Subjektivistische und objektivistische Auffassung von Heimat

Eine universelle geltende Definition für den Begriff Heimat ist bis heute auf Grund seiner Vielschichtigkeit und der Affinität zur Emotionalität nicht gefunden worden, was die diversen Definitionsversuche von Wissenschaftlern deutlich machen. Es reicht aber auch schon ein reflektierender Blick seiner selbst, um zu erkennen, dass die Bedeutung von Heimat im Laufe des eigenen Lebens vielschichtig sein kann bzw. sich verändert.

Jens Korfkamp bezeichnet diese Auffassungsebene von Heimat als „personal-subjektivistisch“ und ist somit eine unpolitische Auffassung: „(…) ein Konstrukt aus Raum, Zeit und sozialen Kontakten.“ (Korfkamp, 2006, S. 87)Auf der anderen Seite macht er deutlich, dass Heimat nicht nur eine sehr private, sondern auch öffentliche Angelegenheit ist. Neben der „personal-subjektivistischen“ Ebene, manifestiert sich Heimat für ihn auch „gesellschaftlich-objektivistisch“.(Korfkamp, 2006, S. 95)Der Begriff erfüllt dann eine politische Funktion und etabliert ein Gemeinschaftsgefühl und eine Ab- und Ausgrenzung von den Anderen, den ‚Fremden‘.

3 Gefahr der Objektivierung bzw. Politisierung

Heimat hat noch nie existiert, ohne dass der Begriff politisch instrumentalisiert worden ist. Das deutsche Kaiserreich erfand die Heimatschutzbewegung. In der Weimarer Republik begründete die Vaterlandsliebe die verschiedenen regionalen Identitäten des Landes. Heimat fungierte als Zugpferd der Propagandamaschine der nationalsozialistischen „Blut-und-Boden-Ideologie“.(Vetter, 1996)In den Kinos der frühen Nachkriegszeit versuchte man mit den von warmer Sonne und grünen Wiesen geblendeten Heimatfilmen die Schuld der Vergangenheit zu vergessen. Und in der DDR wurde von den Schülern im „Heimatkunde-Unterricht“ die Treue zum zerfallenden Staatssystem verlangt.(Walser, 1996)

Heimat als politisches Konzept zu verstehen bzw. ein subjektiv aufgeladenen Begriff zu objektivieren ist laut Naika Foroutan sehr kritisch zu betrachten.

„Der subjektive und emotional aufgeladene Begriff ‚Heimat‘ ist nicht objektivierbar. Die politische Mobilisierung im Zusammenhang mit Nation, ist der Versuch die subjektiven Daten eine objektive Bedeutung zugeben und sie nicht nur im Sinne von stark exkludierenden Gemeinschaften zu definieren, sondern drüber hinaus sie mit dieser Affektivität zur Emotionalität zu mobilisieren.“ (Foroutan, 2018)

Trotz dieser Erkenntnis, ist in Deutschland der Begriff Heimat durch das „Heimatministerium“ wieder politisiert worden. Denn das Begehren hin zur Renationalisierung in der deutschen Gesellschaft ist deutlich zu erkennen, insbesondere zu Zeiten der Flüchtlingskriese. Aber auch die selbsternannte Freiheitsnation USA entwickelt sich wieder zurück zum nationalen Protektionismus, erkennbar z.B. an Trumps Werbe Slogan ‚America first‘ oder dem geplanten Bau einer Mauer an der mexikanischen Grenze. Selbst Großbritannien folgt mit ihrem versuchten bzw. noch laufenden Austritt aus der EU dieser Tendenz zur Abgrenzung.(Ronald F. Inglehart, 2016)

3.1 Abgrenzung zur Nation

Der Heimat Begriff wird in der Politik, wie oben demonstriert, also sehr mit dem Nationalen in Verbindung gebracht. „Heimat ist jedoch nicht per se deckungsgleich mit der Idee der Nation.“(Egger, Heimat: Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden, 2014, S. 111)

Nation : „(…) lat. Folgend, für ‚Volk‘ und ‚Stamm‘, bezeichnet dann ‚alle in einem Land geborenen‘(…)‚die hinsichtlich Abstammung, Land, Sprache, Gesetzgebung, Regierung, bestehende Gemeinschaft‘(18 Jh.) auch im Sinne der politischen Zusammengehörigkeit“ (Braun, 1993, S. 912)

Das Vermischen bzw. die unscharfe Trennung von dem eher subjektiven Begriff der Heimat und dem objektiven Begriff der ‚Nation‘, gepaart mit der angespannten politischen Lage in der EU, lässt laut Naika Foroutan „eine toxische Mischung“ entstehen, die der rechtspopulistischen Instrumentalisierung des Heimat Begriffs in die Karten spielt.(Foroutan, 2018)

„Angesichts des Verständnisses für die Ängste und Wut von besorgten ‚Bio-Deutschen‘ Bürgern, fungiert der unscharfe und dehnbare und auf die Vergangenheit referierte Heimat Tropus, als Projektionsfolie, für eine als einst sicher imaginierte Welt - vor der Flexibilität und Mobilitätsansprüchen des Neoliberalismus, vor den Migrationsbewegungen, vor den globalisierten Märkten. Somit wird (…) gegenwärtig die nationale Gemeinschaft durch eine regressive Klärung der Vergangenheit, als eine Erinnerung an eine intakte Heimat zusammengehalten, die es so nie gegeben hat. “ (Foroutan, 2018)

Margarita Tsomou unterstreicht mit ihrer Aussage die Notwendigkeit sich den utopischen Charakterzügen, die der Heimat Begriff mit sich bringt, (vgl. Kapitel 2.1.) bewusst zu sein. Dieses Bewusstsein ist ein erster Schritt, um den Gefahren der manipulativen Nutzung des Begriffs wie z.B. im Rechtspopulismus, nicht zu verfallen bzw. dieser entgegenzuwirken.

4 (Rechts-)Populismus

Der Begriff ‚Populismus‘ kommt aus dem lateinischen: populus = „Volk (im Sinne von ‚Leute‘ oder ‚Nation‘, wie bei ‚das römische Volk‘ oder ‚das deutsche Volk‘, nicht im Sinne von mehreren einzelnen Personen, die Regierung durch das Volk als Ganzes.)“

Somit beruft sich Populismus immer auf den „gemeinsamen Mann“ bzw. „die gemeinsame Frau“ und appelliert an einen „quasi-homogenen Demos“.(Wodak, 2016, S. 25)Eine Auffassung, welche sich gegen die Grundsätze der Globalisierung, die auf Heterogenität fußt, wendet. Rechtspopulismus kann somit als: „politische Ideologie definiert werden, die bestehenden politischen Konsens ablehnt und in der Regel Laizess-faire-Liberalismus mit Anti-Elitismus verbindet.“(Wodak, 2016, S. 25)

Anders als die traditionellen faschistischen Bewegungen der Vergangenheit, wie die NS-Diktatur, vermittelt Rechtspopulismus heute keine beständige Ideologie und Wertevorstellung, sondern eine oftmals unvereinbare Ansammlung von Überzeugungen, die ebenso unterschiedlichste Wählergruppen ansprechen und mobilisieren können. Eine Strategie, die offensichtlich aufgeht, wenn man die in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Wähleranteile der AfD, die laut einer Analyse der ‚PVS‘ eindeutig als rechtspopulistisch bezeichnet werden kann betrachtet.(Marcel Lewandowsky, 2016)

Zwei Annahmen die R. Wodak bezüglich Rechtspopulismus aufstellt sind:

1. „Alle Parteien pflegen eine (…) ‚Arroganz der Ignoranz‘. Appelle an den gesunden Menschenverstand und Anti-Intellektualismus markieren eine Rückkehr zu vormodernistischem Denken, also vor der Aufklärung.“
2. „Alle rechtspopulistischen Parteien instrumentalisieren eine Art von ethnischer, religiöser, sprachlicher, politischer Minderheit als Sündenbock für die meisten (…) aktuellen Sorgen und Probleme. Sie stellen die jeweilige Gruppe als gefährlich dar, als Bedrohung ‚für uns‘ für ‚unsere‘ Nation. Dieses Phänomen manifestiert sich als ‚Politik der Angst‘. “(Wodak, 2016, S. 18)

Mit dieser „Politik der Angst“ werden beispielsweise Migranten und Globalisierungsprozesse zu „Sündenböcken“ der heutigen gesellschaftlichen Unruhe gemacht, wie z.B. in der Finanz- und Europakrise.(Wodak, 2016)In Fällen wie diesen lassen sich Politik und Medien dann oft dazu verleiten komplexe historische Prozesse auf Momentaufnahmen und Schlüsselbilder zu reduzieren, die in den Köpfen der Bevölkerung ein dichotomisches Weltbild verankern: „Freunde und Feinde, Täter und Opfer, ‚Wir‘ und die ‚Anderen‘“(Wodak, 2016, S. 22)

4.1 Macht der Medien & Rhetorik

Es wäre jedoch falsch zu behaupten, es würde kein Inhalt hinter dem rechtspopulistischen Stil stecken. Sie sprechen durchaus existierende Probleme der heutigen Gesellschaft an und formulieren anders als z.B. SPD oder CDU ein schnörkelloses Vorhaben diese zu ‚beseitigen‘ – legislative und exekutive Vorhaben, die jedoch sehr radikal und realitätsfern sind. Sie brechen mit Politischer Korrektheit und drucken auf ihre Wahlplakate vereinfachte, direkte Slogans z.B. ‚Ausländer raus!‘, die in der heutigen Mediendemokratie eine Reaktion der Masse provozieren, viel Aufmerksamkeit erwecken und Wählerstimmen akquirieren.(Auer, 2002)(Frank Marcinkowski, 2009)Hüppauf beschreibt den Begriff Heimat somit auch als „Populärmythos“:

„Er erschöpft sich nicht in einer phantastischen Erzählung, sondern kreist um einen Kern von elementaren Bedürfnissen, ist unspektakulär, bleibt weitgehend verborgen und wird von allen geteilt.“ (Hüppauf, 2007, S. 110)

R. Wuth bezeichnet diesen Prozess als „Fiktionalisierung der Politik“, als Verwischung der politischen Grenzen zwischen dem Realen und dem Fiktiven bzw. dem Informativen und dem Unterhaltsamen.

„Sie schafft eine Realität für den Betrachter, die geordnet und bewältigbar erscheint – und setzt damit eine täuschend einfache Illusion an Stelle realer Komplexität und des Pluralismus der heutigen Gesellschaft.“ (Wodak, 2016, S. 31)

Slogans bekommen auf Grund ihrer leichten Verständlichkeit und weiten öffentlichen Reichweite eine neue Macht, die ausschlaggebende Auswirkung auf die gesellschaftliche Meinung haben kann. Besonders durch die „Dramatisierung“ von gesellschaftlichen Ereignissen, wie Danielle Albertazzi es nennt, wird die notwenige Spannung aufgebaut, die rechtspopulistischen Parteien sich dann zunutze machen, indem sie z.B. als ‚Retter‘ der Nation verstanden werden wollen, um die Gesellschaft vor vermeidlichen ‚Tragödien‘ zu bewahren.(Wolf, 2017)

„Die EU wurde somit zum unmittelbar greifbaren Kristallisationspunkt von Zukunftsängsten im Allgemeinen und von der Globalisierungsängsten im Besonderen, zum Referenzpunkt von Versicherungstheorien, zum Symbol von Entfremdung der Einzelnen in einer immer komplexeren technokratischen Welt, in der hochqualifizierten und gut vernetzten Eliten zu den Gewinnern zählen, in der es aber auch Verlierer gibt: die Nichtqualifizierten, die den Anschluss in einer Gesellschaft nicht schaffen, in der Bildung und Wissen zum zentralen Wettbewerbsfaktor geworden sind und die nun auf den Markt der nichtqualifizierten Arbeit mit Menschen in Konkurrenz stehen, deren Zuzug gerade die Freizügigkeit im Binnenmarkt und der unzureichende Schutz der Außengrenzen der EU ermöglicht hat.“ (Hilpold, 2017, S. 8)

4.2 Heimatministerium

Seit 2018 gibt es mittlerweile ein Heimatsministerium nicht nur in Bayern, sondern auch im Bund selbst, welches von dem jetzigen Innenminister Horst Seehofer eingeführt wurde.

Das Ministerium des Innern soll im Allgemeinen als Verfassungshüter fungieren und somit für die Sicherheit der Bürger in Deutschland sorgen.(Maizière)Desweitern ist es, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Integration zuständig, um somit gesellschaftlicher Ungleichheit entgegenzuwirken. Horst Seehofer benannte jedoch das Ministerium des Innern auf Bundesebene in Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat um und löste somit eine starke Diskussion aus, welche ihm unteranderem den Namen „Heimathorst“ verlieh.(BMI, 2018)(Krischer, 2018)

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Politisierung des Heimatbegriffs. Historische Begriffsentwicklung und Gefahr der Objektivierung
Hochschule
Zeppelin University Friedrichshafen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V936407
ISBN (eBook)
9783346278197
ISBN (Buch)
9783346278203
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politisierung, heimatbegriffs, historische, begriffsentwicklung, gefahr, objektivierung
Arbeit zitieren
Antonia Schiller (Autor:in), 2019, Die Politisierung des Heimatbegriffs. Historische Begriffsentwicklung und Gefahr der Objektivierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936407

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