Das Zeitalter der Digitalen Bohème. Teilnahme Kathrin Passigs am Ingeborg-Bachmann-Preis


Hausarbeit, 2017

20 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Literaturpreise
2.1 Definition
2.2 Geschichtlicher Hintergrund
2.3 Funktionen

3. Der Ingeborg-Bachmann-Preis
3.2 Allgemeines
3.1 Geschichtlicher Hintergrund
3.3 Kritik

4. ,Die Unterwanderung' des Ingeborg-Bachmann-Preises
4.1 Kathrin Passigs Teilnahme in Klagenfurt
4.2 Das Webblog Riesenmaschine.
4.3 Die 'Zentrale InleÜigen' Agentur
4.4 Die Digitale Bohème
4.5 Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

An Aufklebern, die den Gewinner eines Literaturpreises ausweisen und gleichermaßen an­preisen, kommt man in der Buchhandlung mittlerweile nicht mehr vorbei. Literaturpreise sind fester Bestandteil des Literaturbetriebes geworden und Treffpunkt gleichermaßen für Schriftsteller, Lektoren, Kritiker und Journalisten.

Seit nun mehr als über 2500 Jahre dauert die Geschichte der Literaturpreise an. Angefan­gen in der Antike über Renaissance und Barock, bis hin zur Moderne haben sie die Wahr­nehmung von Literatur nachhaltig geprägt und prägen sie noch heute. Dort wird Literatur produziert, kritisch analysiert, aber vor allen Dingen wird ihr Aufmerksamkeit geschenkt. Wer einen Literaturpreis gewinnt, gewinnt nicht nur Geld, sondern auch die Aufmerksam­keit des Feuilletons, die von autorensuchenden Verlagen und die der Gesellschaft.

Besondere Aufmerksamkeit zu generieren, das gelang Kathrin Passig 2006 beim Inge­borg-Bachmann-Preis. Zusammen mit Kollegen kreierte sie einen ,Skandal‘, sodass die Medien noch zehn Jahre später über sie berichten. Das hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige geschafft, zuvor Rainald Goetz mithilfe einer Rasierklinge. Passigs Waffen waren jedoch anderer Natur. Mit Spaß, Ironie, einem handwerklich einwandfreien Text und ihren Kollegen, die scheinbar dasselbe Ziel hatten wie sie: den Literaturbetrieb unterwandern und bloßstellen, begegnete sie der literarischen Öffentlichkeit. Inwieweit ihr eine Unterwande­rung gelungen ist und welche Auswirkungen diese hatte, das soll diese Arbeit klären.

Zunächst wird der Begriff des Literaturpreises definiert, daraufhin wird es einen groben Überblick zu seinem geschichtlichen Hintergrund geben. Danach folgt eine Veranschauli­chung der verschiedenen Funktionen, die ein Literaturpreis je nach Anspruchsgruppe zu erfüllen hat. Kapitel drei befasst sich mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Mittelpunkt wird dabei sein Werdegang stehen; sein heutiges Bild und kritische Stimmen werden eben­falls beleuchtet.

Das letzte Kapitel bildet den Schwerpunkt dieser Arbeit. Es wird sich rund um Kathrin Passigs Teilnahme am Bachmann-Preis drehen. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf ihrem Internetauftritt sowie der ihrer Kollegen. Die Digitale Bohème macht sich wie es scheint einen Literaturpreis zu eigen. Wie das von statten geht, wer sich hinter der Digitalen Bohème verbirgt und welche Chancen und Risiken das für den Literaturbetrieb und speziell für den Bachmann-Preis bedeuten, soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden.

2. Literaturpreise

2.1 Definition

Bei einem Literaturpreis handelt es sich um eine Auszeichnung, die meist periodisch verlie­hen wird, mit dem Ziel ein einzelnes oder das Gesamtwerk eines Autors zu würdigen.1 Es findet eine öffentliche Bekundung der Wertschätzung der Literatur statt, die mit der Über­reichung einer Gabe, meist in Form von Geld, verbunden ist.2 Vergeben wird ein solcher Preis unter anderem von Stiftungen („Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung“), öf­fentlich-rechtlichen Trägern („Aspekte-Literaturpreis“ des ZDF), privaten Unternehmen („Merck-Kakehashi-Literaturpreis“) oder auch der einzige von einer Leserjury vergebene Literaturpreis, der „Mara-Cassens-Preis“.3 Ebenfalls können Preise von Einzelpersonen gestiftet werden wie der Alfred-Döblin-Preis von Günther Grass.

Literaturpreise lassen sich nicht nur nach ihrem Vergeber unterscheiden, sondern auch nach der Art und Weise der Entscheidungsfindung (geheime oder öffentliche Juryentschei­dungen) sowie des Auswahlverfahrens der Teilnehmer. Es kann sich mit freien Bewerbun­gen um einen Preis beworben werden wie beim zuvor genannten Alfred-Döblin-Preis oder es findet bereits eine Vorauswahl statt indem, die Kandidaten von der Jury vorschlagen werden. Des Weiteren kann zwischen undotierten und dotierten und der Höhe der Dotie­rung unterschieden werden. Die Höhe kann als Indikator für die Bedeutsamkeit eines Lite­raturpreises fungieren.

2.2 Geschichtlicher Hintergrund

Literaturpreisverleihungen, wie sie heutzutage stattfinden, sind auf die Dichterkrönungen der Antike zurückzuführen. Bereits damals bestand das Bedürfnis, den besten Künstler bzw. Dichter der Gemeinschaft für sein Werk auszuzeichnen, das sich in der Übergabe eines Lorbeerkranzes manifestierte. Das Fortbestehen der Dichterkrönungen zeigte sich in der Ernennung des poeta laureatus während des Humanismus, 1341 wurde Albertino Mussa- to mit dem Lorbeer ausgezeichnet.4

In Deutschland beginnt die Geschichte der Literaturpreise 1803 mit der Vergabe des „Dichterpreises der Stadt Halberstadt“, gestiftet wurde der Preis vom Schriftsteller Johann Wilhelm Ludwig Gleim zum Andenken an seinen Freund Ernst Ludwig Frhr von Spiegel. Die Dotierung betrug zwei Friedrichdor, dies entsprach circa 16,50 EUR.5 Nachfolger wa­ren 1844 der „Verdunpreis“ und 1859 der „Schiller-Preis“. Innerhalb der letzten zweihun­dert Jahre folgten zahlreiche weitere Literaturpreise und erst durch die zunehmende Häu­figkeit der Verleihungen etablierte sich der Gebrauch des Wortes Literaturpreis im 20. Jahr­hundert.6 Heutzutage verzeichnet die in diesem Bereich führende Webseite Kulturpreise.de für den deutschsprachigen Raum über 900 Literaturpreise.7 Das Metzler Handbuch Literatur spricht bereits von einem „gut organisierten flächendeckenden Casting für Nachwuchsau­toren [...]“, verantwortlich für diese inflationäre Ausbreitung macht es die einzelnen Abtei­lungen der Medienbranche, die laufend neue Autoren suchen.8

Aus der Fülle hervorstechend ist für den deutschsprachigen Raum der 1923 gestiftete „Georg Büchner-Preis“ (Dotierung 50.000 EUR), für den internationalen Raum ist der seit 1901 vergebene Literaturnobelpreis (Dotierung ca. 840.603 EUR) hervorzuheben.9

2.3 Funktionen

Die Funktion eines Literaturpreises unterscheidet sich nach dem Anspruch mit dem man an einen solchen Preis herangeht. Um dies etwas deutlicher zu machen, bedient sich diese Arbeit einem Modell der Betriebswirtschaftslehre, dem Stakeholder-Modell. Stakeholder be­zeichnen die „Anspruchs-und Interessensgruppen, die Anforderungen an das Unterneh­men formulieren bzw. von denen das Unternehmen Beiträge (Leistungen) erwartet bzw. benötigt.“10 Überträgt man das Modell auf einen Literatur­preis, lassen sich folgende Stakehol­der abgrenzen (Abbildung 2-1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für das Publikum bzw. auch für die späteren Leser ist die Bewertung und die damit einhergehende Selektion von Literatur von Bedeutung, zudem haben das Vorlesen des Textes und die darauffolgen­den Diskussionen einen Unterhaltungswert für das Publikum. Im Gegenzug verleiht das Publikum durch seine Anwesenheit vor Ort dem Ereignis einen öffentlichen Rahmen. Den Stiftern bietet sich durch die Finanzierung eines literarischen Preises die Möglichkeit, dem interessierten Publikum ein kulturell aufgeschlossenes Image zu präsentieren. Verlage kön­nen neue Schriftsteller kennenlernen und versuchen, diese für sich zu gewinnen oder eige­ne Autoren ins ,Rennen schicken‘, um deren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Ein Literatur­preis fungiert für die berichtenden Medien, wie Zeitung, Radio und/oder Fernsehen, als Programmfüller. Besonders das Feuilleton und Kultursender profitieren von solchen litera­rischen Ereignissen und erhoffen sich genügend „Anknüpfungspunkte für griffige Schlag- zeilen.“11 Die Anwesenheit berichtender Medien bezeugt die Bedeutsamkeit der Veranstal­tung und soll die Popularität steigern . Für die Jury als vergebende Instanz bietet sich ähn­lich wie für die Stifter, die Möglichkeit der Selbstdarstellung, zudem tragen sie mit ihren Diskussionen zum Unterhaltungswert bei. Ihre Mitglieder haben sich mit ihrem Wissen und oft auch mit ihrem beruflichen Hintergrund für eine Jurymitgliedschaft qualifiziert und sorgen mit ihren Bewertungen für eine Hierarchisierung von Literatur. Außerdem können sie mit ihrem Urteil die Karriere eines Autors voran bringen, ihn aber auch „öffentlich so derart zu Konfetti verarbeite[n], dass er sich am Rand der Schreibblockade wiederfindet.“12

Die Autoren liefern mit ihren Texten die Voraussetzung für einen Literaturpreis. Für ihn sind die beiden wichtigsten Funktionen die finanzielle und die ideelle Unterstützung. Die finanzielle Unterstützung findet kurzfristig durch die Dotierung statt und langfristig durch die Reputationssteigerung. Diese Steigerung sorgt für vermehrte Aufmerksamkeit, die dann den Verkauf von Büchern erhöhen, für vermehrte Lesungen und Interviews sorgen kann. Diese Folgen sind jedoch kaum wissenschaftlich belegt und könnten auch nur durch auf­wendige empirische Studien herausgefunden werden. Zahlen existieren für den Deutschen Buchpreis, dessen Verkaufszahlen sich zwischen der Spanne von 200.000 und 600.000 Exemplaren befinden, ausgezeichnete Bücher sollen sich demnach zehnmal häufiger ver- kaufen.13 Trotz fehlendem ausreichendem empirischen Material scheinen sich die Verlage auf eine verkaufsfördernde Funktion zu verlassen, anders ließen sich die Aufkleber auf den Buchdeckeln, die auf den Gewinn eines Preises aufmerksam machen sollen, nicht erklären.

Literaturpreise machen sich noch eine weitere Funktion zu eigen. Sie stellen sicher, dass sich mehr oder weniger professionell mit Gegenwartsliteratur befasst wird. Da sich die Literaturwissenschaft nicht selten schwer tut, die Gegenwartsliteratur als Forschungsgegen­stand ernst zu nehmen, ist dies durchaus eine wichtige Funktion. Mit der Jury finden sich qualifizierte Menschen, die sich mit dieser Literatur zwar kurz aber dennoch auseinander setzen und diese bewerten. Außerdem können durch die Bündelungen eingereichter Texte durch Sammelbände, wie es beispielsweise jährlich beim Ingeborg-Bachmann-Preis ge­schieht, leichter für die Forschung der Gegenwartsliteratur hinzugezogen werden.

3. Der Ingeborg-Bachmann-Preis

3.2 Allgemeines

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wird im Rahmen der Veranstaltung „Tage der deutschspra­chigen Literatur“ seit 1977 jährlich in Klagenfurt vergeben. Der „schönste Betriebsausflug der Literatur “ bietet Raum für „alle Funktionäre der Firma Literatur “, von Literaturproduzenten über Literaturvermittler bis hin zu den Literaturverarbeitern wie Journalisten und Kritiker sind alle vertreten.14 Neben seinen menschlichen Akteuren hat der Bachmann-Preis seine Wichtigkeit zwei weiteren Faktoren zu verdanken. Einmal seiner Dotierung, die mit 25.000 EUR für einen 15-seitigen Prosatext für den gewinnenden Schriftsteller im Vergleich zu anderen Literaturpreisen recht hoch angesetzt ist.15 Des Weiteren braucht es neben dem Faktor Geld noch eine „möglichst dichte Folge herausragender Preisträger“16 Auch damit kann der Klagenfurter Literaturpreis aufwarten, um dies aufzuzeigen, dienen die Präsenz­zahlen von Autoren in gängigen literarischen Nachschlagewerken als Indikator. Fast drei­viertel aller Bachmann-Preisträger sind im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsli­teratur verzeichnet, in Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945 sind es 51 % und in Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart noch 43 %.17

Neben dem Bachmann-Preis wurden und werden weitere Preise verliehen, deren Dotie­rung, Anzahl und Stifter sich seit den letzten 40 Wettbewerbsjahren mehrfach geändert haben. In der folgenden Tabelle ist die Aufzählung der Preise auf die für diese Arbeit rele­vanten Jahre 2016, 2006 sowie 2005 und 2004 reduziert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Geschichtlicher Hintergrund

Als Vorbild des Bachmann-Preises gilt die Gruppe 47, es handelte sich dabei um eine Ge­meinschaft von Schriftstellern, Publizisten und Kritikern, die sich nach ihrem Gründungs­jahr 1947 benannt hat. Die Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, nach dem Zweiten Welt­krieg nationalsozialistisch geprägte Literatur zu erneuern und sich für die Demokratisierung von Politik und Gesellschaft einzusetzen. Sie schuf in ihrem Verlauf ein Forum für einen literarischen Neubeginn. Teilnehmer waren unter anderem Marcel-Reich-Ranicki, Heinrich Böll und Günther Grass. Die Teilnehmer lasen sich ihre unveröffentlichten Texte vor und wurden direkt danach von ihren Mitstreitern kritisiert. Nach 1950 wurde der „Preis der Gruppe 47“ verliehen, mit dessen Hilfe auf junge Autoren aufmerksam gemacht werden sollte. Zum letzten Mal traf sich die Gruppe 47 1967.18 19

Zehn Jahre später beschloss Humbert Fink, der selbst mehrmals Teilnehmer der Gruppe 47 war, „eine literarische Veranstaltung im Stil und weniger im Sinne der legendären Grup­pe in Österreich“ zu begründen.20 Dieser Idee wurde von Fink selbst, Feuilleton-Chef der FAZ Marcel Reich-Ranicki und Landesintendanten des ORF Ernst Willner, Leben einge­haucht. Sie benannten den Preis nach einem ehemaligen prägenden Mitglied der Gruppe 47, Ingeb org-Bachmann. Eröffnet wurde der Literaturwettbewerb am 16. Juni 1977.21 Sie schufen einen Wettbewerb, der zwar das Vorlesen unveröffentlichter Texte und die Sofort- kritik beibehielt, „sich nun aber an eine breite und mediale Öffentlichkeit wandte und juris­tisch durch Statuten abgesichert war“.22

3.3 Kritik

Kritik am Klagenfurter Wettlesen wurde bereits seit Anbeginn der Veranstaltung geübt. 1986 äußerte sich Marcel Reich-Ranicki dazu folgendermaßen:

Von Anfang an hat man diesen Wettbewerb attackiert und beschimpft und bisweilen verun­glimpft. In der Tat bietet er allerlei Angriffsflächen; und wer die Klagenfurter Prozedur — mündliche und öffentliche Sofortkritik der vorgelesenen Texte — für bedenklich hält, hat ge­wiß recht. Jawohl, wir haben es mit einer aus vielerlei Gründen fragwürdigen Veranstaltung zu tun.23

Kathrin Passig macht „die öffentliche Einsehbarkeit der Texte und die Transparenz der Diskussionen“ für die Kritik verantwortlich, „sie führen dazu dass jeder Journalist und jeder Zuschauer sich vor Ort, im Fernsehen oder im Internet selbst eine Meinung über die Juryentscheidungen bilden kann“24 Die freie Meinungsäußerung führt dazu, dass dem Wettbewerb auf wenig konstruktive Weise entgegen schlägt, langweilig zu sein, der Unter­haltungswert wird in Frage gestellt. Aussagen wie „sanft eingeschläfert durch todlangweili­ge Literatur“ oder „Langeweile beim Ingeborg-Bachmann-Preis“, sind keine Seltenheit im Feuilleton.25 Ernstzunehmende Kritik betrifft die Art der Autoren, die ausgewählt werden. Der Bachmann-Preis soll neuen, meist noch recht unbekannten Autoren eine Bühne bie­ten. Dass dies nicht immer funktioniert, zeigt Kathrin Passig mit ihrer Teilnahme.

4. ,Die Unterwanderung4 des Ingeborg-Bachmann-Preises

4.1 Kathrin Passigs Teilnahme in Klagenfurt

Kathrin Passig nahm 2006 an der Veranstaltung „Tage der deutschsprachigen Literatur“ teil, sie gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den kelag-Publikumspreis. Ihr Sieg schlug hohe Wellen im Feuilleton und „sorgte [...] für gewaltiges Stirnrunzeln und Panikat­tacken im Betrieb“26 Die Gründe dafür werden im Folgenden aufgezeigt und weiter unter­sucht.

Zunächst einmal entsprach die Schriftstellerin nicht dem üblichen Klischee, wonach ein noch unbekannter Nachwuchsautor sich um eine Karriere als Schriftsteller bemüht und sich mithilfe der Teilnahme, einen Namen machen will. Die heute 47-Jährige arbeitete bereits damals erfolgreich als Web-Designerin, Sachbuchautorin, Übersetzerin und Journa­listin. Sie schrieb unter anderem, für die taz, Berliner Zeitung und Spiegel Online. Dieser bereits bestehende Erfolg brachte ihr nicht nur positive Stimmen ein. Die Welt kritisiert dies folgendermaßen: „[Klagenfurt] ist [...] inzwischen längst nicht mehr die Häschenschu­le der Schriftstellerei, die es einmal war. Es ist eine Mustermesse, eine flüchtige Leistungs­schau.“27 Die Essayistin Jana Hensel behauptet in einem Interview mit der Zeit, dass die Jury die „Nähe zu jungen Literaten“ verloren hätte. Ebenfalls äußerte sich Hensel zum eingereichten Text, der wie sie sagt: „Eine Fingerübung, nichts weiter als eine Schreibkurs­Arbeit.“ sei.28 Dieser Aussage widerspricht ein Großteil des Feuilletons und offensichtlich Jury und Publikum mit ihren Abstimmungen zu den Preisen. Passigs, nach eigener Aussa­ge, erster Prosatext, entsprach nicht dem üblichen Klagenfurt-Format, „[. ..]er kann mit allen Insignien der in Klagenfurt hartnäckig gegen den Mainstream gepflegten „schwieri­gen“ Literatur aufwarten.“29 Die Jury lobte Passig ausnahmslos. Daniela Strigel, die Jurorin, die Kathrin Passig eingeladen hatte, hob ihre „obergescheite Art des Redens“ hervor.30 Der Juror und Literaturwissenschaftler Heinrich Detering ist sogar der Meinung, die Jury selbst in dem Text wieder erkannt zu haben, „mit ihrer Dekonstruktion der Besserwisserei [dreht die Protagonistin] nämlich weniger ihrem konstruierten Tod als dem Literaturbetrieb selbst eine lange Nase.“31

[...]


1 Vgl. Günther Fetzer, „Literaturpreise in: Ursula Rautenberg (Hg.), Redans Sachlexikon des Buches, Stuttgart 2015, S. 266-267.

2 Vgl. Otto Lorenz, „Literaturpreis“, in Klaus Weimar (Hg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft Teil: Bd. 2, H—O, Berlin/New York 2007, S. 468.

3 Literaturhaus Hamburg, „Mara-Cassens-Preis“. http://www.literaturhaus-hamburg.de/content/mara- cassens-preis [18.02.2017].

4 Vgl. Hanna Leitgeb, Der Ausgezeichnete Autor. Städtische Literaturpreise und Kulturpolitik in Deutschland 1926 — 1927, Berlin 1994, S. 10-13.

5 Vgl. Eva Dambacher, Literatur- und Kulturpreise 1859—1949. Eine Dokumentation, Marbach am Necker 1996, S. 33-34.

6 Vgl. Lorenz (wie Anm. 2).

7 ARCult Media, „Kulturpreise“. http://www.kulturpreise.de/web/index.php?cName=literatur [23.02.2017].

8 Stefan Porombka, „Schriftstellerberuf”, in: Thomas Anz (Hg.), Handbuch Literaturwissenschaft Band 3. Instituti­onen und Praxisfelder. Sonderausgabe, Stuttgart 2013, S. 287.

9 Nobelprize, „Frequently asked questions“. https://www.nobelprize.org/faq/questions_in_category.php?id= 13#79 [23.02.2017].

10 Helmut Schmalen/Hans Pechtl, Grundlagen und Probleme der Betriebswirtschaftslehre, 15. Aufl., Stuttgart 2013, S. 17.

11 Doris Moser, Ingeborg-Bachmann-Preis. Börse, Show, Event, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 393.

12 Elmar Krekeler, „Wetter schlecht, Literatur gut“, in: Welt. https://www.welt.de/kultur/article976427/Wetter-schlecht-Literatur-gut.html [21.02.17].

13 Vgl. Karin Röhrich, Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Korpusanalyse der Anthologie Klagenfurter Texte (1977 - 2011), Innsbruck 2016, S. 40.

14 Moser (wie Anm. 11), S. 17.

15 Beim Alfred-Döblin-Preis liegt die Dotierung bei 50 einzureichenden Seiten bei 12.000 €, Informationen dazu: http://www.kulturpreise.de/web/preise_info.php?ptyp_id=100&cPath=6&preisd_id=1669 [03.03.2017]. Der Größe Österreichische Staatspreis (zeichnet Autoren für ihr Lebenswerk aus), ist mit 30.000 € dotiert, Informationen dazu: http://www.kunstkultur.bka.gv.at/site/8108/default.aspx#a5 [03.03.2017].

16 Lorenz (wie Anm. 2), S. 469.

17 Vgl. Röhricht (wie Anm. 13), S. 37.

18 ORF, „Tage der deutschsprachigen Literatur“. http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis.eu/de/ archiv.html [02.03.2017].

19 Vgl. Moser (wie Anm. 11), S. 41 — 55.

20 Humbert Fink, „Vorwort“, in: Humbert Fink/Marcel Reich-Ranicki/Ernst Willner (Hg.), KLAGENFUR­TER TEXTE zum Ingeborg-Bachmann-Preis 1979. München 1979, S. 7.

21 Moser (wie Anm. 11), S. 39.

22 Röhricht (wie Anm. 13), S. 17.

23 Marcel Reich-Ranicki, „Vorwort“, in: Marcel Reich-Ranicki (Hg.), Erzählte Gegenwart, München 1986, S. 7.

24 Kathrin Passig, „Vermessung der Literatur“, in: Angela Leinen (Hg.), Wie man den Bachmann-Preis gewinnt. Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben, München 2010, S. 11. Der Text kann ebenfalls in der Zeit Online­Ausgabe gelesen werden: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-06/klagenfurt-passig [27.02.2017].

25 Krekeler, (wie Anm. 12.).

26 Ebd.

27 Ebd.

28 Wenke Husman, „Sieger ohne Relevanz“, in: Zeit Online. http://www.zeit.de/online/2006/26/klagenfurt- hensel/komplettansicht [07.03.17].

29 Daniel Haas, „Frau Passig Gespür für Schnee“, in: Spiegel Online. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ bachmann-preistraegerin-frau-passigs-gespuer-fuer-schnee-a-423638.html [03.03.2017].

30 ORF, „Bachmann. Erstmals Lob von allen Juroren“. http://archiv.bachmannpreis.orf.at/- bachmannpreisv2/bachmannpreis/texte/stories/118151/index.html [05.03.17].

31 Sabine Vogel, „Mit Kathrin Passig gewinnt eine Autorin der Berliner Zeitung den Ingeborg-Bachmann- Preis Kleines Fischsterben am Wörthersee“, in: Berliner Zeitung. http://www.berliner-zeitung.de/mit- kathrin-passig-gewinnt-eine-autorin-der-berliner-zeitung-den-ingeborg-bachmann-preis-kleines-fischsterben- am-woerthersee-15933972 [07.03.17].

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Zeitalter der Digitalen Bohème. Teilnahme Kathrin Passigs am Ingeborg-Bachmann-Preis
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Wolfgang Herrndorf
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V936514
ISBN (eBook)
9783346265289
ISBN (Buch)
9783346265296
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitale Bohème, Kathrin Passig, Wolfgang Herrndorf, Sascha Lobo, Digital, Ingeborg Bachmann Preis
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Das Zeitalter der Digitalen Bohème. Teilnahme Kathrin Passigs am Ingeborg-Bachmann-Preis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936514

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