Nach einer kurzen Vorstellung der Dagara möchte ich auf die Unterschiede in der Wissensvermittlung zwischen Oral- und Schriftkulturen, später auf die Entstehung und Folgen der zuletzt Genannten, eingehen, da diese Aspekte als wichtige Voraussetzungen und Ursachen für deren unterschiedliches Denken gelten. Anschließend erfolgt die genaue Darlegung und Analyse der Denkstrukturen, eingeteilt in mehrere Denkkategorien, wobei ich mich jedoch nur auf die Arten des Denkens bezogen habe, die meiner Meinung nach am intensivsten durch die Präsenz von Schrift bzw. deren Fehlen beeinflusst werden.
Denn „Denken“ ist ein sehr weitläufiger Begriff und neben den hier aufgeführten Formen des Denkens ließen sich noch zahlreiche weitere aufzählen und untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dagara - ein Überblick
3. Wissen und dessen Vermittlung bei Oral- und Schriftkulturen
4. Literalität in Oralkulturen – Oralität in Schriftkulturen
5. Entwicklung von Schrift und Schriftkulturen
6. Folgen dieser Entwicklung als Voraussetzung der unterschiedlichen Denksysteme von Oral- und Schriftkulturen
7. Orales versus literales Denken
7.1 Religiöses Denken
7.1.1 Die Religion der Dagara
7.1.2 Denken über Leben und Tod – Die Eschatologie der Dagara
7.2 Theoriedenken
7.3 Philosophisches und kritisches Denken
7.4 Individualistisches versus gemeinschaftliches Denken
7.5 Abstraktes Denken
7.6 Zeitliches Denken
8. Veränderungen durch Verschriftlichung
9. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede in den Denksystemen von Oralkulturen, am Beispiel der Dagara, und Schriftkulturen. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie die Präsenz beziehungsweise das Fehlen von Schrift die kognitiven Strukturen, die Wissensvermittlung und das Weltbild einer Gesellschaft maßgeblich beeinflusst.
- Vergleichende Analyse von oralen und literalen Wissenssystemen
- Einfluss der Schrift auf abstraktes, kritisches und theoriefokussiertes Denken
- Soziale Organisation und religiöse Weltanschauungen im Vergleich
- Auswirkungen der Kolonialisierung und Verschriftlichung auf traditionelle Gesellschaften
- Psychologische und soziologische Dimensionen der kulturellen Entfremdung
Auszug aus dem Buch
3. Wissen und dessen Vermittlung bei Oral- und Schriftkulturen
Zunächst lässt sich allgemein sagen, dass bei Oralkulturen das Wissen und Denken sich direkt auf die Dinge bezieht, die für sie in der Gegenwart von Bedeutung sind. Dieses Wissen ist neben dem praktischen, alltäglichen Wissen sehr stark von religiösem Gedankengut durchzogen, welches von Generation zu Generation mündlich, neben persönlichen Gesprächen auch durch rituelle Zeremonien und Tänze, weitergegeben wird. Die Älteren sind die Träger dieses Wissens. Ihrem Gedächtnis werden hohe Anforderungen gestellt; bestimmte Mnemotechniken gelten bei der inneren Wissensspeicherung als Unterstützung.
Lernen basiert auf der direkten Vermittlung und Nachahmung des Wissens, wodurch eine enge Verbindung zwischen Sprecher und Zuhörer besteht. Weitergegeben wird nur das Wissen, was im gesellschaftlichen Kontext aktuell benötigt wird, veraltetes, nicht mehr brauchbares gerät in Vergessenheit. Ebenso verhält es sich mit der Geschichte, auch sie ist nur soweit von Relevanz, wie sie sich auf die Gegenwart beziehen lässt, was zur Folge hat, dass Geschichte teilweise so modifiziert wird, dass sie den jeweils präsenten Anforderungen innerhalb einer Tradition gerecht wird, da keine schriftlichen Dokumente vorhanden sind, die diese „Verfälschungen“ widerlegen könnten. Maximal können hier die mnemonischen Techniken, wie formalisierte Sprechmuster oder der Einsatz professioneller Erinnernder einer zu starken Manipulation entgegenhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt das Thema der Schriftlichkeit als prägendes Element westlicher Kulturen vor und erläutert die methodische Herangehensweise der Untersuchung am Beispiel der vorkolonialen Dagara.
2. Die Dagara - ein Überblick: Dieses Kapitel bietet einen ethnologischen Überblick über die Lebensweise, Sozialstruktur und Subsistenzwirtschaft der Dagara in Westafrika.
3. Wissen und dessen Vermittlung bei Oral- und Schriftkulturen: Hier werden die fundamentalen Unterschiede zwischen der mündlichen Wissensweitergabe in Oralkulturen und der speicherbasierten, abstrakten Wissensvermittlung in Schriftkulturen gegenübergestellt.
4. Literalität in Oralkulturen – Oralität in Schriftkulturen: Das Kapitel weist darauf hin, dass keine Kultur rein oral oder literal ist, und illustriert dies anhand von Beispielen für magische Schriftanwendungen bei den Dagara sowie moderner Oralität in technischen Medien.
5. Entwicklung von Schrift und Schriftkulturen: Dieser Abschnitt zeichnet die historische Entwicklung von graphischen Zeichen über komplexe Bilderschriften bis hin zum phonetischen Alphabet nach.
6. Folgen dieser Entwicklung als Voraussetzung der unterschiedlichen Denksysteme von Oral- und Schriftkulturen: Es wird analysiert, wie die Schrift das menschliche Gedächtnis entlastete und den Weg für konzeptuelles, syllogistisches Denken und die moderne Wissenschaft ebnete.
7. Orales versus literales Denken: Dieses Kapitel vertieft den Vergleich durch die Kategorien Religion, Theoriedenken, Philosophie, Individualismus, Abstraktion und Zeitverständnis.
8. Veränderungen durch Verschriftlichung: Die Auswirkungen kolonialer Einflüsse und der Schulbildung auf die Sozialstruktur und Identität der Dagara werden kritisch beleuchtet.
9. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst die zentralen Parallelitäten und gravierenden Unterschiede zusammen und resümiert, dass Schriftlichkeit als Katalysator für eine tiefgreifende Veränderung der Denkstrukturen fungiert.
Schlüsselwörter
Oralkultur, Schriftkultur, Dagara, Wissen, Literalität, Oralität, Theoriedenken, Wissensvermittlung, Sozialstruktur, Mythos, Abstraktes Denken, Weltbild, Kolonialisierung, Tradition, Denksysteme
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich das Vorhandensein oder Fehlen von Schrift auf die kognitiven Fähigkeiten und die Weltanschauung von Menschen auswirkt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen oraler Wissensüberlieferung und schriftbasierter Speicherung, die Auswirkung auf die soziale Organisation sowie die Entstehung von Theoriedenken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse der unterschiedlichen Denkstrukturen zwischen oralen Kulturen (am Beispiel der Dagara) und literalen Gesellschaften.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende kulturwissenschaftliche Analyse, die auf ethnographischen Daten und kulturtheoretischen Ansätzen, insbesondere denen von Jack Goody, basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Kategorien wie religiöses Denken, Theorienbildung, Abstraktion und das Zeitverständnis, um die Unterschiede zwischen beiden Kulturgruppen detailliert herauszuarbeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Literalität, Oralkultur, Dagara, Theoriedenken, Wissensvermittlung und Tradition.
Was ist die Rolle des Bagre-Mythos bei den Dagara?
Der Bagre-Mythos dient als zentrales Element der Initiation und Wissensvermittlung, bei dem durch rituelle Rezitationen kulturelle und existenzielle Fragen verhandelt werden.
Warum unterscheidet sich das Zeitverständnis in Schriftkulturen von dem der Dagara?
Während in Schriftkulturen Zeit als linearer Fortschritt zur Zukunft hin betrachtet wird, ist sie in Oralkulturen stärker mit der unmittelbaren Gegenwart und der zyklischen Tradition verbunden.
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- Tina Kramer (Author), 2004, Denksysteme in Oral- und Schriftkulturen anhand der Dagara (Westafrika), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936656