Der Pflichtbegriff bei Kant und Cicero im Vergleich


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,0

Moritz Fork (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Marcus Tullius Cicero – Von den Pflichten
2.1 Das höchste Gut – Das Ehrenhafte
2.2 Die Pflicht
2.3 Die Handlungsregel

3 Immanuel Kant – Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
3.1 Das höchste Gut - Der gute Wille
3.2 Die Pflicht
3.3 Die Handlungsmaxime

4 Diskussion

5 Fazit

A Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Jahre 44. v. Chr. schrieb Marcus Tullius Cicero, nachdem er sich aus dem politischen Leben in Rom zurückgezogen hatte, sein philosophisches Spätwerk „Von den Pflichten“ (De officiis). Das Werk ist in Briefform an seinen Sohn Marcus verfasst, der sich zu dieser Zeit zum Philosophiestudium in Griechenland aufhielt und sich nach Ansicht seines Vaters nicht gebührend um sein Studium kümmerte. Cicero erinnert seinen Sohn daher um seine Pflichten als zukünftigen Staatsmann und teilt sein Werk in drei Bücher: Das erste Buch behandelt die Pflichten bezogen auf das Ehrenhafte, das zweite bezogen auf das Nützliche und im dritten Buch erörtert er Situationen, wenn das Ehrenhafte und Nützliche in Konflikt geraten (vgl. Klopfer, 2008, S. 194).

Im Jahre 1783 übersetzte der Philosoph Christian Grave auf Anregung König Friedrich d. Gr. von Preußen Ciceros Werk „De officiis“ ins Deutsche und veröffentlichte zugleich einen Kommentarband dazu. Immanuel Kant hat das Werk Graves gelesen und plante darauf eine Erwiderungsschrift zu verfassen. Zu dieser Erwiderungsschrift ist es allerdings nie gekommen, stattdessen veröffentlicht Kant im Jahre 1785 seine „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, welche sich im Kern um den gleichen Zentralbegriff der Pflicht und deren Identifizierung dreht, sich aber dennoch im Aufbau der Bestimmung und Identifizierung als unterschiedlich zu Ciceros Werk erweist (vgl. ebd., S. 298).

Aufgrund vorgenannter Tatsachen stellt sich nun die Frage, inwiefern sich die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von dem um viele Jahrhunderte früher fassten Werk „Von den Pflichten“ hinsichtlich der Bestimmung und Identifizierung des Pflichtbegriffs unterscheidet, in welchen Schritten der Pflichtbegriff aufgebaut wird, nämlich was erstens Grundlage der Pflicht ist, wie sich zweitens die Pflicht definiert und drittens welche Handlungsregel sich aus ihr ergibt. Die folgende Hausarbeit soll dieser Frage nachgehen und untersucht daher die beiden Werke in genau diesem Dreierschema. Während sich bei Cicero das Dreierschema über das Ehrenhafte als höchstes Gut zur Definition der Pflicht bis hin zur Handlungsregel zieht, beginnt Kant beim guten Willen, der im darauffolgenden Schritt die Pflicht bedingt und hierauf zur Handlungsmaxime führt.

Nach der Analyse der beiden Werke, die immer sehr nah am Originaltext gehalten ist, wird in einer darauffolgenden Diskussion deutlich werden, wo sich die beiden Autoren überschneiden, gleichen und unterscheiden, so dass ein abschließendes Fazit die Frage der Hausarbeit abrunden wird.

2 Marcus Tullius Cicero – Von den Pflichten

2.1 Das höchste Gut – Das Ehrenhafte

Nachdem Cicero in den ersten Kapiteln seines Werkes seinen Sohn dazu angehalten hat, sich auf das Studium in Athen zu konzentrieren, wendet er sich schon bald der philosophischen Thematik zu, nämlich der Bestimmung des höchsten Gutes als „das Ehrenhafte“ und der sich daraus bedingten Pflicht:

Denn wer das höchste Gut so bestimmt, dass es keine Gemeinschaft mit der Tugend hat, und zum Maßstab derselben nur eigenen Vorteil, nicht aber die Sittlichkeit1 nimmt, der dürfte, wenn er seinen Grundsätzen getreu bleibt und sich nicht bisweilen von seiner besseren Natur besiegen lässt, weder Freundschaft noch Gerechtigkeit noch Freigebigkeit üben können; tapfer vollends kann gewiss auf keine Weise derjenige sein, welcher den Schmerz für das höchste Übel hält, und ebenso wenig mäßig derjenige, welcher das sinnliche Vergnügen als das höchste Gut aufstellt. (DO, I,5)

Cicero hält fest, dass eine Gemeinschaft niemals ohne Pflicht aufrechterhalten werden kann und daraus das Ehrenhafte als höchstes Gut bestimmt ist. Zudem erklärt er den Epikureern (wenn auch nicht namentlich genannt), die das höchste Gute in der Lust bestimmten, eine klare Absage und verweist im nächsten Textabschnitt darauf, dass nur die Stoiker festbegründete Vorschriften der Pflicht lehren, „welche behaupten, das Ehrenhafte müsse entweder als das einzige oder als das vorzüglichste Gut um ihrer selbst willen erstrebt werden.“ (DO, I,6). Damit leitet Cicero vom höchsten Gut auf den Begriff der Pflicht nach stoischer Lehre über, welche die philosophische Grundlage seines Werks bildet.

2.2 Die Pflicht

Da der Stoiker Panaitios von Rhodos es unterlassen hat die Pflicht begrifflich zu bestimmen, teilt Cicero deshalb deren Untersuchung in zwei Teile ein: Erstens in Fragen nach dem höchsten Gut, ob alle pflichtgemäßen Handlungen vollkommene Handlungen sind und ob eine Pflicht wichtiger ist als eine andere und zweitens nach Fragen zu den Vorschriften für die Einrichtung des gewöhnlichen Lebens (vgl. DO, I,7).

Im folgenden Kapitel 8 erläutert Cicero anhand der griechischen Begriffe kathorthoma und kathekon noch eine weitere Einteilung der Pflichten, nämlich nach vollkommenen Pflichten (kathorthoma) und mittleren Pflichten (kathekon): Die vollkommenen Pflichten benennen schlichtweg „das Rechte“. Für Cicero bedeutet dies „strenge Pflichten“ (vgl. Klopfer, 2008, S. 195). Die mittleren Pflichten sind wiederum diejenigen, die sich auf die Einrichtung des gewöhnlichen Lebens beziehen. Damit ist auch gemeint, dass diese beiden Begriffe unterschiedliche Vollkommenszustände und deren mentale Bindung an die Handlungen bezeichnen, nämlich erstens nach dem naturgemäßen Leben (kathekon) und zweitens nach dem sittlichen Leben (kathorthoma) (vgl. ebd.). Die Pflichten jedoch, welche Cicero in seinem Werk weiterverfolgt, sind die mittlere Pflichten, die sich auf das gewöhnliche Leben beziehen, nicht die vollkommenen Pflichten, welche nur den Weisen zukommen:

Denn alle Pflichten, von denen ich in diesen Büchern rede, nennen die Stoiker mittlere Pflichten; dieselben sind allgemein und haben einen weiten Umfang, und viele erfüllen sie teils durch eine glückliche Naturanlage teils durch Fortschritt in der Erkenntnis. Jene Pflichten hingegen, welche sie die rechten nennen, ist etwas Vollkommenes und Vollendetes […]; sie kann außer dem Weisen niemanden zukommen. (DO, III,14)

Wie sehen aber nun die Überlegungen zu einer Beschlussfassung bzgl. einer Handlung nach der vorgenannten mittleren Pflicht aus? Cicero teilt diese Überlegungen in drei Teile auf:

1. Ist eine Handlung ehrenhaft oder nicht?
2. Ist eine Handlung nützlich oder schädlich?
3. Wie ist zu handeln, wenn das Ehrenhafte und Nützliche in Konflikt geraten?

Überlegung 1 führt Cicero in Buch I weiter aus und manifestiert deren pflichtgemäße Handlungen in den vier Tugenden: Wahrheitssuche, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Er bezieht sich hier auf die klassischen Kardinaltugenden, bei der sich die Weisheit auf das Streben nach Erkenntnis zeigt, der Schutz der Gemeinschaft nur durch Gerechtigkeit und Tapferkeit erhalten werden kann und die Mäßigung Anstand und Sittlichkeit bewahrt (vgl. Fröhlich, 2006, S. 54).

Überlegung 2 (Buch II), scheint auf den ersten Blick überraschend, weil Cicero hier einen neuen Begriff einführt, nämlich den der Nützlichkeit. Cicero orientiert sich jedoch hier an der stoischen Lehre, die den Nutzen innerhalb der Tugenden sieht und nicht außerhalb, somit der Nutzen ein Teilgebiet der Tugenden ist. (vgl. Klopfer, 2008, S. 220). Er erläutert dies folgendermaßen:

Der Gegenstand aber, von dem wir jetzt reden wollen, betrifft das sogenannte Nützliche. In diesem Wort hat der gewöhnliche Sprachgebrauch einen Fehler gemacht und ist vom rechten Weg abgekommen, indem derselbe allmählich dahin gekommen ist, dass er, die Sittlichkeit vom Nutzen trennend, annahm, es gebe ein sittlich Gutes2, das nicht nützlich, und ein Nützliches, das nicht sittlich gut sei: Ein Irrtum, der auf das Leben der Menschen den verderblichsten Einfluss äußern musste. (DO, II,9)

In Überlegung 3 (Buch III) behandelt Cicero den Pflichtkonflikt zwischen Ehrenhaftem und Nützlichen. Da Konflikte einer Lösung bedürfen, stellt er hierzu eine Handlungsregel auf, die im folgenden Punkt dargestellt werden soll.

2.3 Die Handlungsregel

Wie kann der Mensch nun also seiner Pflicht nachkommen, wenn er in einen Konflikt gerät? Cicero leitet dies im Text folgendermaßen ein und kündigt sogleich eine Vorschrift (lat. „formula“) an:

Um daher in Fällen, wo das sogenannte Nützliche mit dem, was wir als sittlich gut erkennen, in Streit zu kommen scheint, ohne allen Fehlgriff zu entscheiden, muss man eine Vorschrift aufstellen, deren Befolgung uns bei der Vergleichung der Dinge vor jeder Abweichung von der Pflicht bewahrt. (DO, III,19)

Diese Vorschrift soll nun, so führt Cicero aus, „vorzüglich den Grundsätzen und dem Lehrgebäude der Stoiker entsprechen“ (DO III, 20). Was ist damit gemeint? Die ethischen Grundsätze der Stoiker beruhen auf dem Leben im Einklang mit der Natur, in dem eine Schädigung der menschlichen Gemeinschaft durch einen einzelnen mehr gegen die Naturordnung als Tod, Armut oder Schmerz ist, ja dass sich die Gesellschaft durch ein Zuwiderhandlung sogar aufzulösen droht. Cicero drückt diese natürliche Grundlage folgendermaßen aus:

Einem Anderen also etwas entziehen und mit dem Nachteil des Anderen seinen eigenen Vorteil fördern ist mehr gegen die Natur als Tod, Armut, Schmerz und alle sonstigen Übel, die unseren Körper oder unsere äußeren Verhältnisse treffen können. Zuerst wird nämlich hierdurch das Zusammenleben in der Gesellschaft der Menschen aufgehoben. Denn wenn wir die Gesinnung hegen, jeder dürfe um seines Vorteils willen den anderen berauben oder misshandeln, so muss sich notwendigerweise die Gesellschaft des Menschengeschlechts, die so ganz naturgemäß ist, auflösen. (DO, III, 21)

Gleichzeitig ergibt sich aus dieser Grundlage auch die Handlungsregel selbst und wird als Gebot folgendermaßen formuliert:

Man darf niemals einem anderen Menschen einen Schaden zufügen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. (Klopfer, 2008, S. 220)

Im weiteren Verlauf verdeutlicht Cicero auf dieser Grundlage anhand von Beispielen, wie die Handlungsregel nun unter bestimmten Umständen im Leben angewendet werden muss. Ein Beispiel ist der Tyrannenmord: Die Frage nach der Erlaubtheit eines Tyrannenmordes bejaht Cicero. Er hält diese Tat sogar für eine menschliche Pflicht, da der Tyrann der Gemeinschaft schadet sowie deren Naturordnung auflöst und die Mordtat somit nicht aus persönlichen Vorteilen, sondern zum Nutzen der Gemeinschaft begangen wird (vgl. DO III,32).

3 Immanuel Kant – Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

3.1 Das höchste Gut - Der gute Wille

Auch Kant beginnt in seinem Werk mit einer Grundlage aus der antiken Ethik, nämlich der Bestimmung des höchsten Gutes. Bei ihm ist das höchste Gut jedoch der „gute Wille“:

Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. (GMS, AA IV, 393)

Er begründet diese Herausstellung des guten Willens, weil andere Güter wie Naturgaben (Talente des Geistes und Eigenschaften des Temperaments) sowie Glücksgaben (Macht, Ehre Reichtum, Glückseligkeit) auch zu schlechten Zwecken verwendet werden können:

Verstand, Witz, Urteilskraft, und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze, als Eigenschaften des Temperaments, sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist. Mit den Glücksgaben ist es eben so bewandt. Macht, Reichtum, Ehre, selbst Gesundheit, und das ganze Wohlbefinden und Zufriedenheit mit seinem Zustande, unter dem Namen der Glückseligkeit, machen Mut und hiedurch öfters auch Übermut, wo nicht ein guter Wille da ist, der den Einfluß derselben aufs Gemüt, und hiemit auch das ganze Prinzip zu handeln, berichtige und allgemein-zweckmäßig mache; ohne zu erwähnen, daß ein vernünftiger unparteiischer Zuschauer sogar am Anblicke eines ununterbrochenen Wohlergehens eines Wesens, das kein Zug eines reinen und guten Willens zieret, nimmermehr ein Wohlgefallen haben kann, und so der gute Wille die unerläßliche Bedingung selbst der Würdigkeit, glücklich zu sein, auszumachen scheint. (GMS, AA IV, ebd.)

Es wird im vorgenannten Textabschnitt zudem ersichtlich, dass eine gute Verwendung der Natur- und Glücksgaben nur durch einen guten Willen zu verwirklichen ist, wenn der gute Wille „aufs Gemüt“ wirkt, um „das ganze Prinzip“ gegebenenfalls berichtigen zu können und zudem ein „vernünftiger unparteiischer Beobachter“ nur dann Wohlgefallen habe, wenn ein guter Wille vorhanden ist.

Besonders herauszuheben ist allerdings, dass Kant mit der Absage an die klassischen Tugenden (Mut, Beharrlichkeit, Ehre) mit einer jahrhundertelangen Tradition bricht, nämlich dass sich bei ihm das höchste Gut gerade nicht in den Tugenden angestrebt wird (vgl. Ludwig, 2016, S. 45).

Nach dieser Definition des guten Willens stellt sich aber nun die Frage, wann ein guter Wille wirklich gut ist und Kant gibt im darauffolgenden Abschnitt eine erste Teilantwort darauf:

Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt, oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d.i. an sich, gut, und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen, als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung, ja, wenn man will, der Summe aller Neigungen, nur immer zu Stande gebracht werden könnte. (GMS, AA IV, 394)

[...]


1 Kühner übersetzt hier das lateinische Wort „honestate“ mit „Sittlichkeit“. Viele andere Übersetzungen verwenden hier jedoch die Bezeichnung „das Ehrenhafte“, das dem Deutschen besser gerecht wird. Daher wird in der weiteren Ausführung der Hausarbeit diese Übersetzung verwendet werden.

2 Vgl. Fußnote 1. ein sittlich Gutes = das Ehrenhafte

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Pflichtbegriff bei Kant und Cicero im Vergleich
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V936730
ISBN (eBook)
9783346267962
ISBN (Buch)
9783346267979
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pflichtbegriff, kant, cicero, vergleich
Arbeit zitieren
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