Graphemgemination im Schriftsystem des Deutschen


Magisterarbeit, 2008

158 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der segmentbasierte Erklärungsansatz
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Zur sogenannten Vokalopposition im Deutschen (Teil I)
2.3 Die Regularitäten der Graphemgemination
2.3.1 Restriktionen für Graphemgemination
2.4 Der Segmentansatz in orthographischen Regeltexten
2.5 Fremdwortintegration und segmentbasierter Ansatz
2.6 Bestimmung des Geltungsbereichs der Geminationsregel
2.6.1 Beschränkung auf Stamm- oder Wurzelmorpheme
2.6.2 Beschränkung auf Autosemantika
2.7 Ausnahmen und Problemfälle
2.7.1 Wörter mit undurchsichtiger morphologischer Struktur
2.7.1.1 Unikale Morpheme
2.7.1.2 Unproduktive Suffixe
2.7.2 Ausspracheschwankungen
2.7.3 Akzentwechsel
2.7.4 Vokalisch erweiterte Pluralformen mit Geminate
2.7.5 Fremdwortschreibungen
2.7.5.1 Simplex statt Geminate
2.7.5.2 Geminate statt Simplex
2.7.6 Graphemgeminaten an Morphemgrenzen
2.7.6.1 Graphemgeminaten als Assimilationsprodukte

3. Der silbengelenkbasierte Erklärungsansatz
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Silbische Schreibungen
3.3 Zur sogenannten Vokalopposition im Deutschen (Teil II)
3.4 Die Repräsentation von Silbengelenken
3.4.1 Die Kernsilbe als minimale Silbenstruktur
3.4.2 Ambisyllabizität als Folge zweier silbenstruktureller Bedingungen
3.5 Silbengelenke: Graphematische Entsprechung
3.5.1 Graphemgeminaten und Stützformen
3.5.2 Kopierregel anstelle von Stützformen
3.5.3 Der Geltungsbereich der Geminationsregel im Gelenkansatz
3.6 Der Silbengelenkansatz in orthographischen Regeltexten
3.6.1 Der Regelvorschlag von Augst / Eisenberg
3.6.2 Die Tradition des silbenbasierten Ansatzes in der Orthographie
3.6.3 Silbentrennung
3.6.3.1 Syllabierung, Gelenkschreibung und Intuition
3.7 Fremdwortintegration und silbengelenkbasierter Ansatz
3.8 Ausnahmen und Problemfälle
3.8.1 Die Suche nach vokalisch erweiterten Stützformen
3.8.2 Das morphematische Prinzip in Anglizismen
3.8.3 Silbengelenke zwischen Nebenton- und Reduktionssilben

4. Der silbenschnittbasierte Erklärungsansatz
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Tradition des Silbenschnittkonzepts
4.3 Zur sogenannten Vokalopposition im Deutschen (Teil III)
4.3.1 Das phonetische Korrelat der Silbenschnittopposition
4.3.2 Das phonologische Konzept des Silbenschnitts
4.4 Die Repräsentation der Silbenschnittopposition
4.5 Silbenschnitt: Graphematische Entsprechung
4.5.1 Das doppelte Konsonantengraphem als „Bremszeichen“
4.5.2 Graphemgeminate und Implosionsposition
4.6 Ausnahmen und Problemfälle
4.7 Die Silbenschnittopposition am Schriftanfang

5. Schluss
5.1 Zusammenfassung und abschließende Bewertung
5.2 Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1 Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln
7.2 Exzerpte aus orthographischen Regeltexten

1. Einführung

Zwischen dem Schrift- und Lautsystem einer Sprache bestehen beschreibbare, nicht willkürliche strukturelle Beziehungen; in einer Alphabetschrift wie der unsrigen äußern sich diese Beziehungen im sogenannten phonographischen Prinzip. Dieses grundlegende funktionale Prinzip beschreibt zunächst die regelhafte segmentale Zuordnung von Phonemen und Graphemen, ausgedrückt in Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln (GPK-Regeln), vgl. z.B. Anhang (73). Mit einem solchen Regelapparat ist der grundlegende alphabetische Anteil des deutschen Schriftsystems isoliert. „Der alphabetische Anteil ist das, was man an den graphematischen Wortformen auf Korrespondenzen zu einer rein segmentalphonologischen Repräsentation zurückführen kann“ (Eisenberg 1998: 294). Abgedeckt sind hier bereits Graphien wie beispielsweise <kalt>: /k/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <k> + /a/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <a> + /l/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <l> + /t/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <t> oder <Milch>: /m/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <m> + /1/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <i> + /l/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <l> + /ç/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] /ch/. Das deutsche Schriftsystem ist jedoch bei weitem keine reine Phonemschrift; die segmental ausgerichteten GPK-Regeln werden vielmehr in großem Maße überlagert von silbenstrukturellen, lexikalisch-morphologischen und syntaktischen Informationen. Die Funktionalität unseres Schriftsystems beruht also gerade darauf, dass es viel abstrakter und damit lautunabhängiger ist als ein rein phonembasiertes (vgl. z.B. Eisenberg 2005: 70, 1998: 294).1

In Anlehnung an Primus 2000: 10 fasse ich das phonographische Prinzip, das die meisten Autoren nur auf die GPK-Regeln beschränken, weiter und beziehe suprasegmentale Korrespondenzen mit ein - so gibt es nicht ausschließlich regelhafte Beziehungen zwischen segmentalen, sondern darüber hinaus ebenso zwischen suprasegmentalen phonologischen und graphematischen Repräsenta­tionen:

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Mittels dieser weiteren Auffassung ist es möglich, auch silbenstrukturelle Gegebenheiten, die graphematisch regelhaft abgebildet werden, als „phono- graphisch“ zu charakterisieren.

Bezüglich der Korrespondenzregeln auf segmentaler Ebene ist festzuhalten, dass nicht-distinktive lautliche Kontraste graphematisch nicht wiedergegeben werden (vgl. z.B. Primus 2000: 12); demzufolge haben nur Phoneme graphische Entsprechungen, die im Gegensatz zu ihren Oberflächenrepräsentationen, den Phonen, abstraktere Einheiten darstellen. Bei Phonemen wird grob gesagt von all jenen Eigenschaften abgesehen, die nicht-distinktiver Natur sind (vgl. Nerius et al.: 100).2 Relevant für die Schreibung ist daher lediglich das Phonem als stärker generalisierte Einheit wie beispielsweise /r/ gegenüber seinen phonetischen Varianten (Allophonen) [r], [r], [к] und [n] oder /t/ gegenüber [t] und [th].3 Wie Wiese 1987: 90 bemerkt, hinterlassen Regeln, die er als „postlexikalisch“ klassifiziert, die also außerhalb des Lexikons angewandt werden, keine Spuren in der Schrift. Solche postlexikalischen phonetischen Prozesse sind u.a. die Aspiration oder die Auslautverhärtung, die beide keine graphematische Entsprechung finden. In silbenfinaler Position werden die stimmhaften Obstruenten /b/, /d/, /g/ aufgrund einer artikulatorisch begründeten phono- taktischen Restriktionen stimmlos realisiert, also als [p], [t] und [g];4 diesem phonetischen Prozess wird, wie die Paare <Könige> - <König> oder <Kinder> - <Kind> belegen, in der Schrift jedoch nicht Rechnung getragen, eben weil diese konkreten phonetischen Realisationen auf die entsprechenden abstrakteren Phoneme zurückzuführen sind.5

Wichtig für die Formulierung von Korrespondenzregeln auf segmentaler Ebene ist nun die Ermittlung des Phonem- und Grapheminventars des Deutschen, die in beiden Fällen mithilfe der Substitutionsmethode per Minimalpaarbildung durchgeführt wird. In Bezug auf die konsonantischen Phoneme bereitet dies relativ wenige Schwierigkeiten, hier finden sich in der Literatur nur wenige Divergenzen. In Anlehnung an Eisenberg 1998: 93 wird für das Standarddeutsche das folgende Inventar an Konsonantenphonemen angegeben:

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Hinsichtlich der Vokalphoneme besteht hingegen in der Literatur kein Konsensus darüber, welche der verschiedenen in Frage kommenden vokalischen Eigenschaften als die phonologisch relevante angesetzt werden soll. Betrachtet man Minimalpaare wie Miete - Mitte, Rate - Ratte, Stahl - Stall u.dgl., so herrscht keine Einigkeit darüber, worin genau dieser Gegensatz phonologisch begründet ist: Es gelte allerdings als erstrebenswert, so Becker 1998: 31, die Fülle der möglichen Korrelate auf ein primäres zu reduzieren: Sind es inhärente vokalische Merkmale wie Vokalquantität oder Vokalqualität oder sind diese beiden Eigenschaften gar nicht inhärent, sondern vielmehr prosodische Konsequenzen der distinktiven Silbenschnittopposition (vgl. Lenerz 2002: 67, Becker 1998: 48ff)? Je nach Sichtweise unterscheidet sich das angegebene Vokal­phoneminventar; diejenigen Autoren, die die Vokalquantität als phonologisch relevant erachten, nehmen die folgenden Paare von Monophthongen an (z.B. Nerius et al. 2007: 110):

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Vertreter der Auffassung, nicht die Quantität, sondern die Qualität der Vokale sei entscheidend, verzichten bei der Notation dieser Paare auf die Längenmarkierung, die Anzahl der Vollvokale bleibt allerdings unverändert (z.B. Fuhrhop 2006: 8):

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Diejenigen Autoren, die diese beiden Eigenschaften als phonetische Folgeerscheinungen einer weiteren Opposition loser und fester Silbenschnitt verstehen, nehmen für die segmentale Ebene letztendlich eine Reihe von insgesamt nur acht Monophthongen an (z.B. Primus 2000: 12):6

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Im Gegensatz zur Ermittlung der Vokalphoneme ist die Feststellung des Graphembestandes weniger problematisch. Analog zur Differenzierung Phon vs. Phonem entspricht der kleinsten distinktiven Einheit auf Schriftebene nicht etwa der einzelne Graph, der mit einem einzelnen Buchstaben übereinstimmt, sondern das Graphem, das auch aus einer Buchstabenkombination bestehen kann, wie die Mehrgraphen <ch> oder <sch> verdeutlichen. So besteht eine Schreibung wie <schlachten> zwar aus zehn Graphen, aber nur aus sieben Graphemen. Wie Nerius et al. 2007: 104 ausführen, tragen Graphe in Texten darüber hinaus einen spezifischen Charakter, der sich durch verschiedene Schrifttypen bzw. durch verschiedene Handschriften äußert. Diese Graphe müssen so weit verallgemeinert werden, dass sie diese Individualität verlieren und folglich, auf einem höheren Abstraktionsgrad, Grapheme darstellen.7 Eisenberg 1998: 291 ermittelt für das Deutsche das folgende Grapheminventar:8

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Das lateinische Alphabet dient vielen Sprachen und deren Schriftsysteme stellen recht unterschiedliche Anforderungen. Jede Sprache macht ihren eigenen Gebrauch von diesem Alphabet, funktionalisiert es auf ihre Weise. So können Buchstaben ergänzt, Diakritika verwendet sowie Buchstaben zu Mehrgraphen zusammengefügt werden. Solche Besonderheiten bilden das spezifische Grapheminventar einer Sprache, im Deutschen betrifft dies das Eszett <ß> sowie die drei Umlautgrapheme <ä>, <ö> und <ü>. Sprachspezifisch sind ebenso Buchstabenkombinationen wie die Digraphen <ch> und <qu>, genau wie der Trigraph <sch>. Bezüglich des Graphembestandes in (6) fällt zunächst auf, dass Eisenberg sich auf ein Inventar beschränkt, das ausreicht, um den weitaus größten Teil des heimischen Kernwortschatzes abzudecken. Möchte man jedoch einen größeren Wortschatz berücksichtigen, der auch Eigennamen und Fremdwörter erfasst, muss das obige Inventar um einige Grapheme erweitert werden, wie beispielsweise um <y> oder auch <c>, das in indigenen Wörtern nur als Bestandteil des Digraphen <ch> auftritt, außerdem um Mehrgraphen wie <th> oder <ph> (vgl. Eisenberg 2005: 67). Solche Grapheme gehören Eisenberg 1998: 291 zufolge nicht zum Kernbestand, sondern nur zu einem „erweiterten Grapheminventar des Deutschen“, zu welchem er außerdem die Buchstaben <x> und <v> zählt. Aufgrund der wenigen Schreibungen mit <x>, wie <Hexe>, <Jux> oder <fix>, sei es nicht gerechtfertigt, ein Graphem <x> im Kernbereich anzusetzen, weil das Deutsche über die in gleicher Umgebung viel häufiger vorkommenden Graphemfolge <chs> verfügt wie in <Dachs>, <Echse>, <Ochse> oder <Büchse>. Etwas strittiger ist allerdings der Ausschluss von <v> aus dem deutschen Graphembestand, denn Schreibungen wie <Vogel>, <voll>, <Vater>, <viel> oder <ver-...> sind im Kernwortschatz überaus frequent. Eisenberg begründet diesen „Rauswurf“ damit, dass solche Graphien trotz hoher Frequenz dennoch gegenüber <f> markiert seien, Gleiches gelte für <v> vs. <w>, wenn es mit dem Phonem /v/ zusammenfällt, wie z.B. in den Wörtern <Vase>, <vage>, <Vampir>, <Vanille> oder <Vulkan>.9 Ob der Ausschluss dieser Buchstaben tatsächlich für alle Fälle gerechtfertigt ist, kann sicherlich bestritten werden. Wichtiger als einzelne Grapheme, und in dieser Hinsicht stimme ich Eisenberg 1998: 292 zu, ist jedoch die Feststellung, dass ein Grapheminventar auf prinzipiell dieselbe Weise ermittelbar ist wie ein Phoneminventar. Nur aufgrund dieser Möglichkeit kann den Graphemen ein vergleichbarer Status in graphematischen Wortformen zugeschrieben werden wie den Phonemen in phonologischen Wortformen. So, wie ein Phonem die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit des Lautsystems ist, ist das Graphem die kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit des Schriftsystems; zwischen beiden bestehen nicht-arbiträre Be­ziehungen, die in GPK-Regeln zusammengefasst werden. Diese Korrespondenz­regeln fungieren ausschließlich auf segmentaler Ebene, da sie nicht kontextgebunden und somit auf die inhärenten Merkmale isolierter Segmente beschränkt sind.

Betrachtet man nun Schreibungen mit doppelten Konsonantengraphemen, wird schnell deutlich, dass die Regularitäten, die diese Verdopplung bestimmen, kontextfrei nicht motiviert werden können, selbst wenn die von Nerius et al. 1987 formulierten polyrelationalen GPK-Regeln der Form /t/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <t>, /t/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <tt> oder /p/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <p>, /p/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <pp> zugrunde gelegt werden (vgl. Anhang 74). Denn das unterscheidende Merkmal in Minimalpaaren wie Miete - Mitte, Rate - Ratte, Stahl - Stall usw. wird weniger beim Konsonanten als vielmehr beim Vokal vermutet, wie oben bereits angemerkt wurde. Ungeachtet dessen, wie dieser Unterschied nun beschrieben wird (s.o.), steht fest, dass er in einer auf die segmentale Ebene der GPK-Regeln beschränkte Analyse nicht zu erfassen ist, denn das doppelte Graphem <tt> in der Schreibung <Mitte> wird wie das Einzelgraphem <t> auf dasselbe Phonem /t/ bezogen, doppelte Konsonanten­zeichen können demzufolge nicht mittels einfacher GPK-Regeln isomorph aus der Lautung hergeleitet werden. Nichtsdestotrotz erfolgt die Gemination von Konsonantengraphemen regelmäßig; weil sie seit dem Barock dieses hohe Maß an Konsistenz erreicht habe, könne hier, so Maas 1994: 172, für schulische Zwecke von einer vollständig regulären Schreibung ausgegangen werden. Diese Regularität und Produktivität zeigt sich beispielsweise an Kunstwörtern, die im Deutschen zwar bedeutungslos sind, aber nach den Silbenstrukturbedingungen des Deutschen gebildet sind. Jeder, der der deutschen Orthographie mächtig ist, würde also für die fiktiven Wörter /'RYta/ oder /'kRilri/ die Graphien <Rütte> und <krillen> verwenden.

Nach Eisenberg 1999: 343 gehört die Gemination von Konsonanten­buchstaben zu den auffälligsten Erscheinungen des deutschen Schriftsystems. „Das Thema ist insbesondere seit Mitte der 80er Jahre immer wieder behandelt worden, und zwar unter linguistischen wie didaktischen, unter psycho- linguistischen wie schrifttheoretischen Gesichtspunkten.“ Es gibt nun ver­schiedene Ansätze, die die Schreibung solcher Graphemgeminaten10 in unter­schiedliche theoretische Modelle zu fassen versuchen. Die Diskussion und der Vergleich dieser konkurrierenden Beschreibungsansätze ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Verfolgt werden dabei primär theoretische Ziele; im Rahmen der verschiedenen Ansätze werden die jeweiligen Regularitäten ermittelt, auf die doppelte Konsonantenzeichen zurückgeführt werden. Dabei werde ich meine Ausführungen jedoch nicht auf eine rein graphematische Analyse beschränken, sondern die orthographische Norm und somit auch, zumindest oberflächlich, die Frage nach der praktischen Anwendbarkeit der einzelnen Konzepte mit einbeziehen.11

Im zweiten Kapitel möchte ich zunächst auf einen Beschreibungsansatz zur Graphemgemination eingehen, der in der Literatur oftmals als „akzentbasiert“ tituliert wird und doppelte Konsonantenzeichen als graphematische Markierer für Vokalkürze beschreibt. Alternativ zu diesem Konzept, das u.a. die Verfasser des amtlichen Regeltextes zur deutschen Orthographie verfolgen, ist ein silbenbasierter Ansatz entwickelt worden, der doppelte Konsonantengrapheme grundsätzlich auf sogenannte Silbengelenke oder ambisyllabische Konsonanten zurückführt und auf diese Weise in der Lage ist, diese Doppelgrapheme phonographisch auf einer suprasegmentalen Ebene zu analysieren (vgl. oben 1). Im Rahmen dieses zweiten Ansatzes zur Graphemgemination, der im dritten Kapitel erörtert wird, wird der hohe Grad an silbischen Schreibungen im Schriftsystem des Deutschen sichtbar. Aufgrund dieser Relevanz wird schnell deutlich, dass ein silbenbezogener Ansatz die Systematizität der Doppel­konsonanzschreibung eher zu erfassen vermag als jener, der in seiner Regelbeschreibung prosodische Regularitäten ausblendet. Im darauf folgenden vierten Kapitel wird ein weiteres silbenbasiertes Konzept vorgestellt, das die Graphemgeminaten an eine spezielle Position innerhalb der Silbenstruktur bindet, die bei scharfem Silbenschnitt vorliegt. Der Silbenschnitt beschreibt unter­schiedliche Formen des Anschlusses von einem Nukleusvokal an den darauf folgenden Konsonanten. Diese verschiedenen Ansätze spiegeln grob gesagt die oben erwähnten unterschiedlichen Sichtweisen in Bezug auf das phonologisch relevante vokalische Merkmal wider. Während im ersten Ansatz die Vokalkürze, also die Quantität als ausschlaggebender Faktor betrachtet wird, wird diese im silbengelenkbasierten Konzept prosodisch analysiert und an ihre Stelle tritt die Gespanntheitsopposition, eine qualitative Eigenschaft, wohingegen der dritte Ansatz schließlich diese beiden Faktoren als von der Silbenstruktur abhängige Konsequenzen der im Deutschen distinktiven Silbenschnittopposition wertet. Je nachdem, welche der eben vorgestellten Perspektiven eingenommen wird, wird im Grunde bereits für eine der möglichen Theorien zur Doppelkonsonanz­schreibung Partei ergriffen. Bedenkt man, dass das Grapheminventar des Deutschen, lässt man das komplexe Graphem <ie> außer Betracht, das als einziges Graphem eindeutig Länge markiert, auf nur acht Vokalgrapheme beschränkt ist und bedenkt man weiterhin, dass nur innerhalb der Silben­schnitttheorie ebenfalls von nur acht Vollvokalen ausgegangen wird, wird hier bereits deutlich, dass eine eineindeutige Korrespondenz von Vokalphonemen und -graphemen nur im Rahmen dieses Ansatzes gegeben ist. Die Zuordnung im Bereich der Vokale, die in der Literatur oft als unterspezifiziert verurteilt wird, ist im silbenschnittbasierten Ansatz demzufolge phonographisch auf segmentaler Ebene, wohingegen die Verdopplung von Konsonantengraphemen als phono- graphisch auf suprasegmentaler Ebene charakterisiert werden kann, also als von silbenstrukturellen Gegebenheiten bedingte Schreibung.

2. Der segmentbasierte Erklärungsansatz

2.1 Vorbemerkungen

Die grundlegende Annahme des segmentbasierten Beschreibungsansatzes ist, dass ein akzentuierter Kurzvokal in der Schrift durch eine Verdopplung desjenigen Graphems angezeigt wird, das mit dem auf den kurzen Vokal folgenden Konsonanten korrespondiert. Voraussetzung dabei ist, dass auf den zu markierenden Vokal nicht mehrere, sondern lediglich ein einzelner Konsonant folgt. Grundlage der Graphemgemination bilden hier demnach einzelne Segmente: Sowie ein Einzelkonsonant auf einen betonten kurzen12 Vokal folgt, wird dieser graphisch verdoppelt. Aus diesem Grund tituliere ich den Beschreibungsansatz als „segmental“ oder eben „segmentbasiert“, da im Gegen­satz zu den anderen Theorien zur Doppelkonsonanzschreibung, die im Rahmen dieser Arbeit diskutiert werden, suprasegmentale Einheiten ausgeklammert werden. Die übliche Bezeichnung als „akzentbasiert“ halte ich wie Neef 2002: 174 nicht für sinnvoll, denn wie sich herausstellen wird, spielt der Akzent in den konkurrierenden silbenbasierten Ansätzen zur Graphemgemination ebenfalls eine entscheidende Rolle.13

Die Regularitäten des hier zu Beginn vorgestellten Konzeptes bewegen sich also auf dem Level der phonographischen Korrespondenz auf segmentaler Ebene, wobei zugleich eines der Hauptschwächen dieses Ansatzes transparent wird. Denn die doppelten Konsonantenbuchstaben können nicht isomorph aus der Lautung abgeleitet werden: Eine phonologische Eigenschaft eines bestimmten Segments soll mit einer graphematischen Eigenschaft eines ganz anderen Segments korrelieren; diese Indirektheit erfordert also in gewisser Weise eine Einbeziehung des kontextuellen Umfelds der einzelnen Einheiten. Wie bereits in der Einführung angemerkt, kann die Graphemgemination also selbst in einem Ansatz, der versucht, auf suprasegmentale Eigenschaften zu verzichten, nicht durch die herkömmlichen GPK-Regeln motiviert werden, da eine Regel der Form [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] /tt/ ausgeschlossen ist. Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre die Formulierung einzelgraphemübergreifender Korrespondenzregeln, wie sie in der generativen Phonologie nach Chomsky üblich sind. Eine allgemeine Transformationsregel hat dabei das folgende Format:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Regel besagt, dass ein Input A zu B transformiert wird, und zwar in dem Kontext nach X und vor Y; „[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]“ steht dabei für die Position des zu transformierenden Segments. Angewandt auf die Graphematik des Deutschen könnte für eine Beispielschreibung <Grotte> die folgende Regel formuliert werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese kontextgebundene Regel erzeugt nun eine Verdopplung des Graphems <t>, wenn es mit einem Phonem /t/ korreliert, das auf den Kurzvokal [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] folgt und entweder einem weiteren Vokal (also [-kons]) oder der Morphemgrenze vorausgeht („#“ markiert die Morphemgrenze).14 Der graphematische Kontext ist also ausschlaggebend dafür, ob diese Korrespondenzregel applizieren kann. Für die allgemeinen phonographischen Korrespondenzen würde die einfache GPK- Regel /t/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <t> ausreichen, sind die Bedingungen in (8) jedoch erfüllt, so müsste die erweiterte kontextsensitive Regel in Kraft treten. Mittels dieser erweiterten GPK-Regeln können die geminierten Konsonantengrapheme zwar nun erfasst werden, die Indirektheit der Zuordnung von phonologischer zu graphischer Eigenschaft bleibt jedoch dennoch bestehen.15

2.2 Zur sogenannten Vokalopposition im Deutschen (Teil I)

In der Einführung wurde bereits erwähnt, dass im Rahmen des segmentbasierten Ansatzes für die deutsche Standardlautung das folgende Phoneminventar an Vollvokalen zugrunde gelegt wird (z.B. Nerius et al. 2007: 110):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie Maas 1992: 285 betont, ist bezüglich dieser quantitativen Unterschiede nicht die „absolute Lautdauer“ von Interesse, sondern vielmehr eine „relative Quantität“. Denn langsam gesprochene kurze Vokale können länger dauern als normal bzw. schnell gesprochene lange Vokale. „Gesprochene Sprache ist“, so Maas, „beliebig dehnbar, wie Singen und rhythmisches Sprechen zeigen“, trotzdem ist eine Identifizierung der einzelnen Phoneme auch hier gegeben. „Schließlich bestehen auch erhebliche Differenzen im Sprechtempo bei verschiedenen Sprechern, die dennoch in der Regel die Verständigung nicht in Frage stellen. Es geht also nicht um die physikalische Quantität im absoluten Sinne, sondern um Wahrnehmungsmuster, um Kontraste, um relative Quantität.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Was die akustische Dauer der Vollvokale betrifft, wurden schon früh Messungen durchgeführt (z.B. 1904 durch Ernst A. Meyer16 ), die zu einem Verhältnis von 1:2 der Monophthonge in (9a) zu denen in (9b) führten. Auch Restle 2003: 48 bestätigt, dass ein Monophthong der Klasse (9b) unter Hauptakzent etwa doppelt so lang ist wie ein Monophthong der Klasse (9a), wie die sonographische Darstellung in (10) veranschaulicht.

Wichtig für den segmentbasierten Ansatz und für die spätere Abgrenzung zu den Regularitäten der anderen silbenbasierten Beschreibungsansätze ist, dass die Vokalquantität als inhärente segmentale Eigenschaft analysiert wird und, dass allein die Vokalquantität in Minimalpaaren wie Schotte - Schote als phonologisch distinktives Merkmal erklärt wird (vgl. z.B. Nerius et al. 2007: 102).

2.3 Die Regularitäten der Graphemgemination

Wie Neef 2005: 117 bemerkt, wird nun eine schriftsystematische Spannung im vokalischen Bereich dadurch erzeugt, dass einem Inventar von neun Vokalbuchstaben auf graphematischer Seite (vgl. 6) fünfzehn Vollvokale auf phonologi scher Seite gegenüb erstehen (vgl. 9). Die Markierung der Vokal­quantität gilt innerhalb des segmentbasierten Ansatzes daher als graphematisch unterspezifiziert, da es keine Grapheme gibt, die diese als inhärent erachteten Eigenschaften darzustellen vermögen. „Das Deutsche wird mit dem lateinischen Schriftsystem geschrieben, das ihm in vieler Hinsicht inkongruent ist und unseren Rechtschreibaltvorderen einfallsreiche Lösungen abverlangte, um damit adäquat zu schreiben“ (Maas 1994: 156f).17 Da dieses Grapheminventar also keine Möglichkeit für eine direkte Kennzeichnung der Vokalquantität bereitstellt, wird, synchron betrachtet, der indirekte Weg über die Konsonantenbuchstaben gewählt.

Der Kontext, in dem Konsonantengrapheme geminiert werden, wurde bereits in 2.1 festgelegt (vgl. die Transformationsregel in 8). An dieser Stelle soll nun die Begründung für die Beschränkung auf den dort angegebenen Kontext nachgeholt werden:

(11) a) Wald, kalt, Kasten, landen, Wachs, Band, Kante, rasten, Mast, Paste, Knast, Last, Mensch, Geld, Wert, Rente, wenden, Weste, wild, Kind, Rost, Kosten, Wolke, Frust, Lust, Wunder, Stunde, Frucht, Sucht, Kruste, brüsk, Sünde, Holz, stolz, Wucht, Milch, mild

b) Wall, Ross, Libelle, Kapelle, Kette, Wette, Amme, Tanne, krumm, Schwamm, Lamm, starren, wetten, kennen, Blatt, Robbe, Knolle, toll, still, kippen, Knall

c) Arzt, Quarz, Pferd, Zebra, Obst, Mond, Husten, Wüste, düster, grätschen, Rätsel

d) Wal, Qual, Mal, Tal, rot, Lot, Mut, Schnute, gute, Rede, kleben, loben, Knabe, Schnabel, Miete, Rate, Vogel, Kuchen, Suche, holen, Kabel, Blume, Glut, Besen, Rune, Brot, Kanone, Stiel,

e) Bö, da, wo, Nu, Gnu, je, du, so

Wie die Auflistung in (11) zeigt, stehen in morphologisch einfachen Wörtern betonte Kurzvokale sowohl vor einzelnen (11b) wie auch vor mehreren Konsonanten (11a). Langvokale hingegen stehen, abgesehen von einigen Aus­nahmen (11c), im Allgemeinen nicht vor mehreren Konsonanten,18 sondern vor Einzelkonsonanten (11d) und außerdem dort, wo innerhalb desselben Morphems kein Konsonant folgt (11e, vgl. Regeltext 2006: 1819 ).

Diese Verteilung von kurzen und langen betonten Vokalen verdeutlicht, dass aufgrund der Anzahl der auf den entsprechenden Vokal folgenden Konsonanten die Vokalquantität in den meisten Fällen vorhersagbar ist. Eine Opposition zwischen Lang- und Kurzvokal, lässt man die Ausnahmen in (11c) unberücksichtigt, ist also nur dort möglich, wo ein Einzelkonsonant auf den jeweiligen Vokal folgt (vgl. die Fälle 11b und d). Die orthographische Markierung setzt - synchron betrachtet - genau in dieser Zone der phonologischen Unent- schiedenheit ein; sie hält bedeutungsdifferenzierende Schreibungen bereit, um die Vokalquantität graphisch zu dokumentieren. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass auf ein Vokalgraphem, das phonographisch mit einem betonten Kurzvokal korrespondiert, stets (mindestens) zwei Konsonantengrapheme folgen. Entweder sind diese bereits gegeben, weil auch im phonologischen Wort mehr als ein Einzelkonsonant vorliegt (vgl. die Fälle in 11a), oder aber sie werden durch die Geminationsregel „erzeugt“, wie die unten aufgeführten Minimalpaare zeigen:20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bisher wurden alle Beispiele so ausgewählt, dass nur Kurzvokale in der Schrift angezeigt werden. Der Default-Fall ist die graphematisch unmarkierte Schreibung der Langvokale (vgl. 11d und e) sowie die jeweils zweiten Beispiele in der obigen Minimalpaarliste), dennoch - und daher redundant - wird der Langvokal graphisch gekennzeichnet. Diese Kennzeichnung erfolgt allerdings weitaus unregelmäßiger als beim Kurzvokal. Wie die folgenden Schreibungen bezeugen, wird die Dehnungsmarkierung mittels verschiedener Mittel realisiert; wie die Minimalpaare in (12) sind auch diese auf phonologischer Seite minimal distinktiv, nicht aber auf Schriftebene:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zunächst gibt es die Möglichkeit, ebenfalls die Vokalgrapheme zu geminieren (<Schnee>, <Boot>, <Saat>). In Hinsicht auf das oben aufgezeigte Problem der Indirektheit der Konsonantenverdopplung hat eine solche graphematische Langvokal-Markierung den Vorzug, dass, ausgehend vom Phoneminventar in (9), eine phonologische Eigenschaft eine direkte phonographische Entsprechung in der Schrift findet. Im Rahmen eines segmentbasierten Ansatzes würde eine konsequent umgesetzte Vokalgraphemgemination und gleichzeitig der Verzicht auf die Gemination der Konsonantengrapheme den Vorteil bieten, dass Vokallänge phonographisch durch einfache kontextfreie GPK-Regeln angezeigt werden könnte, würden Regeln der Form /a:/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <aa> neben /a/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <a> angenommen, die eindeutige Schreibungen wie <Aal> oder <Saal> generieren.21 Wie bereits erwähnt, wird diese Möglichkeit der Längenmarkierung allerdings nur sporadisch angewandt und stellt lediglich eine von weiteren Mitteln dar. Zusätzlich sind nämlich Schreibungen mit Dehnungs-h üblich wie in <Stahl>, <Lehm>, <roh> oder <Stuhl>, außerdem, im Falle von /i:/, die Schreibung <ie> wie z.B. in <lieben> und <Krieg>22 und des Weiteren der (unmarkierte) Verzicht auf eine Markierung wie beispielsweise in <Wal> oder <Kabel>.23 Eine relativ neue Möglichkeit, Länge und Kürze von Vokalen graphematisch anzuzeigen, ist die Differenzierung zwischen <ß> und <ss>. Maas 1992: 311 weist noch auf die orthographischen Schwierigkeiten der sich gegenüberstehenden graphischen Repräsentationen <s> vs. <ß> hin, die vor allem im Auslaut bestehen (vgl. <Haß> gegenüber <hassen> oder <muß> gegenüber <müssen>). Maas spricht von „chaotischen Schreibungen“, „von denen es insbesondere in Diktaten nur so wimmelt“. Durch die Neuregelung ist das Graphem <ß> nun nicht mehr nach Kurzvokalen, sondern ausschließlich nach Langvokalen zugelassen (<Füße>, <groß> oder <Straße>, aber <Kuss>, <Hass> in Einklang mit <küssen>, <hassen> usw.). Betrachtet man Minimalpaare wie Schoß - schoss oder Maße - Masse, so wird der Quantitätsunterschied also auch durch die Verwendung des Eszett deutlich, ohne dass wie in (13) der Vokal gesondert gekennzeichnet wird.

2.3.1 Restriktionen für Graphemgemination

Bisher blieb unerwähnt, dass nicht alle der in (2) genannten Konsonantengrapheme geminiert werden können, um Vokalkürze anzuzeigen. Sucht man nach Beispielen für Verdopplungen der einzelnen Grapheme, so wird man in den meisten Fällen schnell fündig, in anderen weniger schnell und bei einer Reihe von Graphemen bleiben Beispiele gänzlich aus bzw. finden sich nur im fremdsprachigen Bereich:24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gründe, warum manche Grapheme nicht als Geminaten auftreten, sind verschiedene. Vorab ist es wichtig festzuhalten, dass die Kürze des Vokals nur dort bezeichnet wird, wo dem phonologischen Einzelkonsonanten phonographisch ein einfaches Graphem entspricht, d.h. ein Graphem, das nicht ein Mehrgraph ist. Somit scheiden die Digraphen <qu> und <ch> aus, genau wie der Trigraph <sch>. Es wird also geschrieben: <machen> (*<machchen>), <Dach> (*<Dachch>); <Brosche> (*<Broschsche>), <Fisch> (*<Fischsch>). Hier ist es also nicht möglich, die Vokalquantität durch die Schreibung anzuzeigen; der vorangehende Vokal kann kurz sein wie in waschen oder aber lang wie in wuschen, der Beispielsatz „Er hat ein Zimmer direkt an der Bucht gebucht “ verdeutlicht diesen Umstand. Die Buchstabenfolge <ng> teilt dieses Rekodierungsproblem nicht, denn das Phonem /д/, mit dem sie korreliert, folgt ohnehin ausschließlich auf betonte Kurzvokale, wie die Beispiele Länge, Stange, Wange, wringen und bang, Rang oder Sarong zeigen; doch eine Gemination ist auch hier ausgeschlossen (*<Stangnge>, *<Rangng >).25 In diese Reihe eingliedern lässt sich der Digraph <qu>, der allerdings nur in Fremdwörtern in entsprechender Position steht, z.B. in <Clique>; auch hier ist die Graphie *<Cliquque> selbstredend ausgeschlossen. Dass des Weiteren das Graphem <ß> nicht verdoppelt wird, liegt nicht nur daran, dass es, zumindest seit der Neuregelung, nicht nach kurzen Vokalen steht (s.o.), sondern außerdem daran, dass es ursprünglich eine Ligatur aus den Buchstaben <s> und <z> („Eszett“) darstellt und aufgrund dessen noch in der älteren Schriftgeschichte als Mehrgraph galt, das (wie heute u.a. <sch>) nicht zu verdoppeln ist (vgl. Maas 1994: 166).

Dieses ästhetische Schreibprinzip, das besagt, dass Mehrgraphen nicht zu geminieren sind, thematisiert schon Johann Christoph Adelung in seiner Vollständigen Anweisung zur Deutschen Orthographie von 1788, indem er feststellt, dass die Verdopplung solcher komplexen Grapheme ohne Zweifel unterbleibe, weil sie das Auge beleidigen würde, würden vier oder gar sechs Buchstaben angewandt (vgl. Adelung 1788: 227). Er räumt jedoch ein, dass im Falle des <ch> nach ausländischem Vorbild (z.B. <Saccharin>, <Bacchus>) eine reduzierte Form des *<chch> von Nutzen sein könnte, ohne, so Adelung 1788: 228, die Gestalt der Wörter merklich zu verändern (er nennt als mögliche Schreibungen *<macchen>, *<lacchen> und *<Sacche>).26

Abgesehen von dieser rein „graphotaktischen“ Restriktion gibt es weitere Beschränkungen; beispielsweise wird das Graphem <k>, steht es nach einem betonten Kurzvokal, nicht als <kk> verdoppelt (*<schmükken>), sondern als <ck>, wie in <backen>, <flicken>, <Hecke>, <Wrack>, <Glück> oder <Ge­schmack>. Die Graphemgeminate <kk> tritt lediglich in einigen Fremdwörtern auf wie in <Brokkoli>, <Sakko>, <Pikkolo>27, <Mokka>, <Akku> oder <Schirokko>; die Schreibung <Stukkateur> wurde bereits, in Anlehnung an <Stuck>, in <Stuckateur> geändert.

Dass des Weiteren die Grapheme <h>, <j> und <w> in entsprechender Position nicht verdoppelt werden (die Graphie <Struwwelpeter> stellt hier m.W. die einzige Ausnahme dar), hat rein distributionelle Gründe, denn die Frikative /h/, /j/ und /v/, mit denen die drei Grapheme korrespondieren, treten in indigenen Wörtern nur silbeninitial auf (vgl. auch Primus 2000: 25). Da betonte Kurzvokale im Standarddeutschen in silbenfinaler Position ausgeschlossen sind,28 ist ein Aufeinandertreffen mit diesen Frikativen ausgeschlossen. Die Grapheme <b>, <d> und <g>, die mit den stimmhaften Obstruenten /b/, /d/, /g/ korrespondieren, werden in wortfinaler Position nicht oder nur marginal geminiert (z.B. <Brigg>), was offensichtlich mit dem im Deutschen wirksamen phonetischen Prozess der Auslautverhärtung zusammenhängt. Da wort- bzw. silbenfinal keine solchen stimmhaften Obstruenten zugelassen sind und zu den stimmlosen Obstruenten [p], [t], [k] verhärtet werden, werden auch die mit ihnen in Bezug stehenden entsprechenden Grapheme in der graphematischen Struktur vermieden.29

Einen besonderen Status haben <x> und <z>, die in der Lautung den Affrikaten /les/ und /ts/ entsprechen. Zunächst sollte man vermuten, dass diese nicht geminiert werden aus dem Grund, weil sie genau genommen aus zwei Konsonanten bestehen, und verdoppelt werden ja bekanntlich nur Grapheme, die mit Einzelkonsonanten korrespondieren. Unter Verwendung des „Konzepts der komplexen Segmente“ (Ramers 1999a: 63, Anm. 3, Wiese 1988: 61) bilden Affrikaten unter artikulatorischem Aspekt zwar ein Cluster aus zwei Konsonanten, ansonsten, für phonologische Regeln, fungieren sie jedoch als ein Segment, können also nicht wie andere Konsonantenkombinationen bisegmental analysiert werden.30

In der besagten Position, also nach betontem Kurzvokal, wird /ts/ stets als <tz> wiedergegeben (<flitzen>, <Satz>, <Katze>, <Platz>, <motzen>, <Trotz>)31, nur in einigen Fremdwörtern steht <zz>, wie in <Pizza>, <Skizze>, <Razzia> oder <Intermezzo>. Anlautend, nach langem Vokal und nach Konsonant steht hingegen einfaches <z> (<Zahn>, <Zinn>, <zart>, <Brezel>, <Herz>, <Arzt>, <Walze>, <Notiz>). Im Falle der Affrikate /les/ steht nach Langvokalen andererseits nicht das einfache Graphem <x>, sondern die Graphemfolge <ks> (vgl. <Keks> oder <Koks>). Einfaches <x> folgt hier auf kurze Vokale: <Hexe>, <Nixe>, <fix>, <Boxer>. Wie bereits in 1. angemerkt, fasst Eisenberg 1998: 291 diese Schreibung jedoch als markiert gegenüber jenen mit der Graphemfolge <chs> auf: <Fuchs>, <Wachs>, <Deichsel>, <Büchse> usw. Demzufolge nimmt Eisenberg <chs> als Default-Fall im Deutschen an und schließt das konkurrierende <x> aus dem Kernbestand deutscher Grapheme aus.

2.4 Der Segmentansatz in orthographischen Regeltexten

Unter den verschiedenen konkurrierenden Ansätzen zur Graphemgemination im Deutschen ist der segmentbasierte Ansatz derjenige, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Eingang in die amtlich normierten Regeltexte und - damit verbunden - in unzählige Lehrbücher für den Schrifterwerb gefunden hat. In der aktuell seit August 2006 geltenden Regelung ist der Bereich der Doppelkonsonanzschreibung unter „A Laut-Buchstaben-Zuordnungen“ aufge­führt, genauer im ersten Kapitel „Vokale“ unter „1.2 Besondere Kennzeichnung der kurzen Vokale“. Der Umstand, dass Doppelkonsonantenbuchstaben nicht im Konsonanten-, sondern im Vokalkontext behandelt werden, verdeutlicht die bereits angesprochene und für diesen Ansatz charakteristische Indirektheit der Abbildung einer Vokaleigenschaft durch Konsonantengrapheme. Die Regel­formulierung für die Gemination von Konsonantenbuchstaben lautet im amtlichen Regeltext wie folgt (§2):

(15) Folgt im Wortstamm auf einen betonten kurzen Vokal nur ein einzelner Konsonant, so kennzeichnet man die Kürze des Vokals durch Ver­dopplung des Konsonantenbuchstabens.

Die Regelformulierung steht insgesamt betrachtet in der Tradition der amtlichen Regeln von 1902, die 1901 auf der Zweiten Orthographischen Konferenz erarbeitet wurden (vgl. Anhang 76). Nun geht dieses erste amtliche Regelwerk von 1901/2 zurück auf die Preußische Schul orthographie, die erstmals 1880 erschien und von Wilhelm Wilmanns verfasst wurde. Diese fußt wiederum auf dem im Rahmen der Ersten Orthographischen Konferenz von 1876 verabschieden Regelwerk, das letztendlich im Großen und Ganzen einer Vorlage des Erlanger Germanisten Rudolf von Raumer verpflichtet ist (vgl. auch Augst 1991: 322).

In dieser Vorlage Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Orthographie (vgl. Anhang 78) schreibt von Raumer in Abschnitt „A. Von der Bezeichnung der Kürze der Vokale“: „Der dem kurzen betonten Vokal folgende einartige Konsonant [...] wird verdoppelt, z.B. schwamm, schwimm, Fall, dürr.“32 Diese Formulierung verzichtet auf die Beschränkung auf den Wortstamm, die im aktuellen Regelwerk vorgenommen wird (vgl. 15). Diese ist nötig, um neben einschlägigen Fällen wie Affe, immer, Kinn oder Hass auch flektierte Formen wie beispielsweise du triffst, er nimmt, ihr wollt oder des Fells zu erfassen. Würde das ganze Wort samt Flexionsendung zur Grundlage genommen, müssten die angegeben Beispiele als Ausnahmen aufgefasst werden, da hier auf den betonten Kurzvokal mehr als ein phonologischer Konsonant folgt. Hierauf wird im Regeltext allerdings nicht explizit verwiesen, eine gewisse morphologische Kompetenz wird also vorausgesetzt.33

Augst 1991: 321f kritisiert diese Wortstammbeschränkung. Die Einbezie­hung integrierter Fremdwortschreibungen hat ihn dazu bewogen, in einem in Zusammenarbeit mit der Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für deutsche Rechtschreibung eigens formulierten Regel vor schlag von 1988, abge­druckt in Augst 1991: 336ff, die Graphemgemination auf die Position nach betontem Kurzvokal auszuweiten und auf diese Weise Wörter mit betonten Suffixen (z.B. kriminell) zu erfassen. Dies hat zur Folge, dass flektierte Formen wie sie kämm-t oder des Kamm-s plötzlich regelwidrig sind und über eine Regelergänzung erfasst werden müssen; demgemäß muss sich Augst, wie bereits von von Raumer nun auf das morphematische Prinzip berufen, das die Identität eines Morphems im ganzen Paradigma (weitgehend) aufrechterhält, z.B. in der Kamm, die Kämme, des Kamm(e)s; ich kämme, du kämmst, er kämmt usw. Auf dieses für das deutsche Schriftsystem grundlegende Schreibprinzip wird ohnehin bereits an anderer Stelle in demselben Kapitel Bezug genommen:

(16) Die Verdopplung des Buchstabens für den einzelnen Konsonanten bleibt üblicherweise in Wörtern, die sich aufeinander beziehen lassen, auch dann erhalten, wenn sich die Betonung ändert, zum Beispiel: Galopp - galoppieren, Horror - horrend, Kontrolle - kontrollieren [...].

Hinsichtlich des in Abschnitt 2.3.1 thematisierten ästhetischen Prinzips ist festzuhalten, dass alle älteren Regeltexte im Sinne dieser Restriktion darauf hinweisen, dass die Gemination von komplexen Graphemen unterbleibt. Von Raumer schließt in seiner Regelformulierung durch die Beschränkung der Doppelschreibung auf „einartige“ Konsonanten (s.o.) Schreibungen wie *<Aschsche> oder *<Stachchel> von vornherein aus (vgl. Augst 1991: 322); zusätzlich, und somit streng genommen redundant, erwähnt er an anderer Stelle (§6) explizit, dass diese Mehrgraphen nicht verdoppelt werden. Im aktuellen Regelwerk wird diese Restriktion hingegen stillschweigend vorausgesetzt; hier wird an keiner Stelle erwähnt, dass diese Grapheme nicht geminiert werden (vgl. auch Ramers 1999.1:54). Die einzigen Regelergänzungen stellen die besondere Behandlung von <k> und <z>, die als <ck> und <tz> „geminiert“ werden, und der Hinweis dar, dass die Doppelkonsonanzschreibung erhalten bleibt, auch wenn sich der Akzent verschiebt (vgl. 16). Ohnehin ist insgesamt auffällig, dass die alten gegenüber den neueren Regeltexten über wesentlich mehr Erläuterungen in den Vorbemerkungen verfügen. So wird im 1901 auf der Zweiten ortho­graphischen Konferenz beschlossenen Regelwerk u.a. umfassend beschrieben, was unter den Termini „Stamm“, „Vor- und Nachsilbe“, „Sprach- und Sprech­silbe“ oder „Haupt- und Nebenton“ zu verstehen ist; das alles geschieht in den aktuellen Formulierungen nicht. Entgegen der allgemeinen Vergrößerung des Umfangs und der Detailliertheit der Regelausarbeitungen seit 1901 muss, zumindest in Bezug auf den hier thematisierten Bereich der Laut-Buchstaben­Beziehungen, von einer Reduzierung ausgegangen werden. Was sich seit 1901 jedoch nicht geändert hat, ist die grundlegende Zurückführung der Doppelkonsonanzschreibung auf die anzuzeigende Vokalkürze. Trotz aller Nachteile eines solchen quantitätsbasierten Ansatzes, die insbesondere durch den Vergleich mit den anderen Beschreibungsansätzen transparent werden, haben die Verfasser der amtlichen Regeltexte diesen Bezug von Vokalquantität und doppelten Konsonantengraphemen augenscheinlich nie in Frage gestellt.

2.5 Fremdwortintegration und segmentbasierter Ansatz

Die Anpassung fremder Wörter an das deutsche Regelsystem ist ein Bereich, der oftmals als Beleg für die Systematizität der Doppelkonsonanzschreibung nach betontem Kurzvokal herangezogen wird (vgl. z.B. Augst 1987). Andererseits werden Fremdwortgraphien in schriftsystematischen Analysen oft ausgeklammert; vor allem die Verwendung fremder Grapheme und deren Kombinationsmöglich­keiten erschweren eine Einbeziehung in die Graphematik des Deutschen. Doch im Laufe der Zeit und infolge häufigen Gebrauchs verliert die Schreibung vieler Fremdwörter an Markiertheit, wenn zunächst auf phonologischer (und morpholo­gischer) und in einem weiteren Schritt ebenfalls auf graphematischer Ebene eine Anpassung an die grammatischen Regularitäten des Deutschen stattfindet. Dieser Integrationsprozess belegt auf anschauliche Art und Weise die Gültigkeit des hier aufgezeigten segmentbasierten Ansatzes. Entgegen der Orthographie der Her­kunftssprachen erhalten nämlich viele Lehnwörter regelkonform nach dem betonten Kurzvokal eine Geminate, wie die folgenden französischstämmigen Fremdwörter belegen: 34

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damit konform läuft die orthographische Integration des frz. <qu> unmarkiert als <k>, aber nach betontem Kurzvokal als <ck>, wie die Beispiele briquet > Brikett, laquais > Lakai, liqueur > Likör, paquet > Paket, piquant > pikant und, demgegenüber, attaque > Attacke, baraque >Baracke, baroque > Barock zeigen. Wie Augst 1989: 3 feststellt, kommt bei einigen Fremdwörtern aus phonologisch- strukturellen Gründen noch die orthographische Unterscheidung von stimmhaftem und stimmlosem /z/ vs. /s/ nach unbetonten Vokalen hinzu: In Schreibungen wie frz. façade >Fassade oder frz. façon > Fasson (frz. <c> wird durch dt. <ss> ersetzt) erfüllt die eingefügte Geminate <ss> also primär die Funktion eines Stimmlosigkeitsmarkierers, gegenüber Graphien wie Misere, Vision, Lasur, Husar, Fasan usw.

Doch das Französische ist nicht die einzige Quellsprache, bei der eine solche Integration zu beobachten ist, so wird beispielsweise auf gleicher Weise eine Geminate eingefügt in den folgenden Entlehnungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Andererseits, und ebenso anschaulich, wird der in der Herkunftssprache realisierte Doppelbuchstabe nach unbetontem Vokal vereinfacht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Besonders instruktive Integrationsschreibungen sind solche, in denen mehrere Anpassungen gleichzeitig vollzogen werden, wie beispielsweise bei frz. carrousel > dt. Karussell. Hier wird infolge orthographischer Integration markiertes <c> zu unmarkiertem <k>, genau wie <ou> durch einfaches <u> ersetzt wird. Daneben wird die Geminate <rr> nach unbetontem Vokal zu <r> vereinfacht und umgekehrt einfaches <l> nach betontem Kurzvokal verdoppelt. Zusätzlich wird <s> geminiert, um das stimmlose /s/ anzuzeigen.35

2.6 Bestimmung des Geltungsbereichs der Geminationsregel

Wie bereits angemerkt, beschränken sich die Regelformulierungen zur Doppelkonsonanzschreibung im amtlichen Regelwerk auf den Wortstamm, um flektierte Wortformen wie z.B. stemm-t, will-st, starr-st; Knall-s oder Sinn-s zu erfassen. Anknüpfend an die Überlegungen in Abschnitt 2.4 soll an dieser Stelle diskutiert werden, inwiefern die Aufhebung der Wortstamm-Beschränkung im Rahmen des Quantitätsansatzes für eine Regel zur Doppelkonsonanzschreibung sinnvoll ist und inwieweit weitere Beschränkungen des Geltungsbereichs dieser Regel nötig bzw. vorteilhaft sind.

2.6.1 Beschränkung auf Stamm- oder Wurzelmorpheme

36 Zunächst ist festzuhalten, dass der Terminus „Wortstamm“ nicht einheitlich verwendet wird. Einerseits ist Usus, Simplizia wie auch komplexe Wörter als „Stämme“ zu bezeichnen, an die Flexionsendungen affigiert werden können (z.B. schön(-es), aber auch unschön(-es)); andererseits besteht die Möglichkeit, den Begriff eng zu fassen und den „Wortstamm“ somit mit der lexikalischen Wurzel eines Wortes gleichzusetzen. So ist in dem komplexen Wort unschön dann lediglich schön der „Stamm“, an den Wortbildungsmorpheme (un-schön) und/oder Flexionsmorpheme treten können ((un-)schön(-es)).37 Um Verwirrungen zu vermeiden, werde ich im Folgenden die Begriffe „Wurzel“ und „Stamm“ nicht synonym verwenden, sondern unter dem letzteren lediglich unflektierte Wort­formen verstehen.

Einige der Fremdwortgraphien, die gern als Beleg für die Funktionalität des Segmentansatzes herangezogen werden, sind, legt man die Beschränkung auf Wurzelmorpheme zugrunde, allerdings genau genommen regelwidrig, da häufig nicht die Wurzel, sondern das fremdsprachige Suffix die Geminate trägt (z.B. Pupille: lat. pupa - pupilla oder Lametta: ital. lama - lametta). Im Gegensatz zu indigenen Wörtern, bei denen Wurzelvokal und Akzent zusammenfallen und Wortbildungsmorpheme im Allgemeinen nicht betonbar sind, liegen die phonotaktischen Verhältnisse in anderen Sprachen oft anders. Beispielsweise können Suffixe im Französischen akzentuiert sein und die Betonung kann inner­halb einer Wortfamilie wechseln (vgl. délicát, aber délicatésse oder structure, aber structurél/-le). Dass Konsonantengrapheme im Zuge einer Eindeutschung in Fremdwörtern auch außerhalb der Wurzel geminiert werden, kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass die Beschränkung auf das Wurzelmorphem entweder überhaupt nicht funktional ist, oder aber, dass die Wortbildungs­morpheme von den deutschen Schreibern nicht als solche erkannt, sondern der Wurzel zugerechnet werden. Hier wird von der zweiten Hypothese ausgegangen.

In vielen Fällen werden Geminatenschreibungen auch einfach mit entlehnt. Blieben doppelte Konsonantenzeichen ausschließlich auf Wurzeln beschränkt, so wären Fälle wie die folgenden regelwidrig, was gegen unsere Intuition verstößt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bezieht man die Leserperspektive mit ein, so ist - abgesehen von unserer Intuition - diese Kennzeichnung außerdem nötig, um ein Wort wie Manschette, geschrieben *<Manschete>, in Anlehnung an Wörter wie Machete nicht mit Langvokal zu rekodieren.38 Genau aus diesem Grund, nämlich um eine korrekte Rekodierung sicherzustellen, werden ja auch Schreibungen der Form Hostess (aus engl. host - hostess) oder Mätresse (aus frz. maître - maîtresse) als regelkonform betrachtet, in denen die Geminate im Suffix als Markierer für Stimmlosigkeit fungiert.

„Trägt man dem Rechnung, so muß man für die Fremdwörter [...] festhalten: Wenn überhaupt, dann ist die Vokalquantität der b e t o n t e n Silbe graphisch markiert“ (Augst 1987: 98). Diesen Vorschlag, der folglich nun neben Wurzelmorphemen auch fremde Präfixe wie des-, non-, in- oder im- (gesetz den Fall, sie sind im jeweiligen Wort betont) mit einschließt, halte ich für eine Regel zur Doppelkonsonanzschreibung wenig geeignet, da auf diese Weise eine fremd­sprachige Graphie wie *<Dessinteresse> als Norm, eine native Graphie wie *<Unnsinn> hingegen als Verstoß zu werten wäre. Aufgrund solcher Unregel­mäßigkeiten ist die Empfehlung Augsts, die indigenen und nicht-indigenen Schreibungen gesondert zu betrachten, abzulehnen, nicht zuletzt, weil die Grenze zwischen Fremdwort und integriertem und damit unmarkiertem Wort sehr unscharf ist (vgl. auch Eisenberg 1991: 341f). Auch wenn Affixe im Deutschen im Allgemeinen keinen Akzent tragen, gibt es sowohl im indigenen wie auch in nicht-indigenen Wortschatz Ausnahmen. Betonte Präfixe, die die nötigen Bedingungen für eine Graphemgemination erfüllen, liegen z.B. in den deutschen Formen ún-zufrieden, úm-ständlich, áb-fahren oder án-greifen, vor, genau wie in den fremdsprachlichen Wörtern (s.o.). Betonte Suffixe mit betontem Kurzvokal und folgendem Einzelkonsonanten gibt es hingegen m.W. nur im nicht-indigen Bereich, aus diesem Grund ist es vernünftig, nur diese betonten Wortbildungs­morpheme in den Geltungsbereich der Regel zur Geminatenschreibung aufzunehmen. So ist sichergestellt, dass Fremdwortschreibungen mit betontem Suffix (strukturell, manuell, Quartett, Novelle usw.) erfasst und gleichzeitig Formen mit betontem Präfix (*<Dessinfektion>, *<innkompetent>, *<imm- perfekt>, genau wie *<unnsinnig>, *<unngerecht> usw.) ausgeschlossen werden.

Im Gegensatz zu Formen wie Raclette oder Kartell, in denen ohne spezielle Fremdsprachenkenntnisse kein Wortbildungsmorphem isoliert werden kann, sind diese fremdsprachigen komplexen Beispielwörter mit betontem Präfix hinsichtlich ihrer morphologischen Struktur wesentlich transparenter und aus diesem Grund leichter aus einem Regelbereich auszuschließen.39

In Abschnitt 2.4 wurde bereits ein weiterer Vorschlag Augsts erwähnt, der nicht bloß für Fremdwörter, sondern für alle Wörter des deutschen Wortschatzes von einer „Wortstamm“beschränkung absieht. Legt man eine solche Regel zu­grunde, umfasst der Geltungsbereich der Graphemgemination zunächst einmal sämtliche Wörter, also auch komplexe Wörter inklusive aller Wortbildungs­morpheme und Flexionsaffixe. Morphemgrenzen bleiben demnach unberück­sichtigt; selbst um Schreibungen komplexer Wörter wie beispielsweise Schutthaufen, Stimmbruch, krummlachen, sinngemäß etc. nicht als Ausnahmen konzedieren zu müssen, sind im Grunde bereits Regelerweiterungen nötig, denn in all diesen Wörtern folgt genau genommen auf den betonten Kurzvokal mehr als ein Konsonant.

Schreibungen wie diese machen deutlich, dass das Morphem in einer Regelformulierung zur Doppelkonsonanzschreibung eine prominente Rolle spielen muss; diese Relevanz ist selbst schon auf der Ebene der GPK-Regeln offensichtlich, die ebenfalls keine Morphemgrenzen überschreiten: So ist beispielsweise für ein Wort wie Backwaren die Schreibung *<baquaren> ausgeschlossen, obwohl hier dem Graphem <qu> die Lautung /kv/ entspricht (vgl. auch Geilfuß-Wolfgang 2007: 137). Demzufolge ist es alles andere als hinderlich, die Regeln der Graphemgemination auf Morpheme, genau genommen auf Wurzelmorpheme zu beschränken, schließlich sind die doppelten Konsonanten­grapheme in komplexen Wörtern wie Ritterknappe oder Wellensittichfutter nicht auf ganze Wörter bzw. Wortstämme, sondern auf die Schreibung der einzelnen Wurzelmorpheme zurückzuführen.

2.6.2 Beschränkung auf Autosemantika

Nun bilden Präfixe (wie Wortbildungs- und Flexionsmorpheme allgemein) und auch grammatische Funktionswörter wie ab, an, dran, bis, das, in, drin, mit, ob, um u.dgl.m. geschlossene Klassen, die sich prinzipiell anders verhalten als lexikalische Klassen (vgl. z.B. Neef 2002: 181). Im Gegensatz zu den offenen Wortklassen, die Träger selbständiger Bedeutungen, also autosemantisch sind, ergibt die wörtliche Bedeutung von Morphemen der geschlossenen Klassen erst im Kontext mit anderen Morphemen einen Sinn, diese können daher als synsemantisch klassifiziert werden. Schon früh stellte sich die Frage, ob ein segmentbasierter Ansatz nicht einfach seinen Geltungsbereich auf auto­semantische Inhaltswörter beschränken sollte, um somit Funktionswörter und andere grammatische Morpheme von vornherein auszuschließen. So begründet Adelung 1788: 221 diese Vorgehensweise mit der Unterscheidung der Wörter „nach ihrer Würde“. Dort heißt es, dass die verschiedenen Wortarten „in dem Zusammenhange der Rede nicht von einerley Wichtigkeit oder vielmehr Umfang sind, indem einige vollständige ausgebildete Begriffe, oder Hauptbegriffe, andere aber nur Umstände oder kleinliche Nebenbegriffe bezeichnen [...]. Man hielt es für schicklich, diesen Unterschied“, so Adelung, „auch durch die Schrift zu bezeichnen, und den Wörtern mit vollständigen Begriffen, die ich hier einmahl Hauptwörter nennen will, auch für das Auge mehr Umfang zu geben; daher schränkte man alle Schreibgesetze bloß auf diese ein“.

Wird die Doppelkonsonanzschreibung im Segmentansatz auf Wurzel­morpheme beschränkt, wofür im vorherigen Abschnitt plädiert wurde, impliziert dies bereits eine Trennung der „Haupt- und Nebenbegriffe“ im Sinne Adelungs. Werden Wurzelmorpheme nämlich als lexikalische Kerne eines Wortes definiert, werden Synsemantika, die keine lexikalische, sondern lediglich eine gram­matische Bedeutung tragen, a priori ausgeschlossen. Dass die Schreibungen der synsemantischen Morpheme nicht nur auf die Kennzeichnung der Vokalkürze verzichten, sondern ebenfalls keine Dehnungsmarkierungen aufweisen, führt dazu, dass sie insgesamt kürzere Graphemketten bilden als die Wörter der lexikalischen Klassen (Neef 2002: 181, Ramers 1999a: 60).40 Nach Augst 1991: 334 werden Synsemantika bereits in der zweiten Klasse als fertige Schreib­schemata holistisch abgerufen. Da man also davon ausgehen kann, dass sie als solche gespeichert sind, ist die ausbleibende orthographische Markierung der Vokallänge hier unproblematisch (vgl. Augst 1995: 36). Die Regel für die Verwendung der Geminate wird demzufolge nur für den nicht gespeicherten Teil der Wortschreibungen erzeugt, daher kommt sie ausschließlich für die freien Inhaltswörter in Betracht (vgl. Augst 1991: 334). In seiner Analyse geht Augst 1991: 323, auch bereits 1985b: 59, wie im folgenden Vierfeldschema verdeutlicht, von einer doppelten Dichotomie autosemantisch vs. synsemantisch einerseits und frei vs. gebunden andererseits aus:41

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Regel, die sich auf Inhaltswörter beschränkt, konzentriert sich also auf die Quadranten eins und drei. Bei den freien autosemantischen Morphemen steht die Geminate regelmäßig, in indigenen Wörtern sogar ausnahmslos (vgl. Augst 1991: 323). Im Bereich der gebundenen Morpheme sind die Autosemantika (dritter Quadrant) wie <Bollwerk> oder <Schellfisch> regelhaft, nicht aber Graphien wie <Brombeere>. Im Gegensatz zu „echten“ Ausnahmen (<Himbeere>, <Chef> usw.) stellen die Schreibungen der Funktionswörter im zweiten Quadranten (<an>, <ob> etc.) keine Ausnahmen dar, sondern sind als Mitglieder einer grammatisch-lexikalisch isolierten Formenklasse erst gar nicht von der Regel betroffen, ganz im Gegensatz zu Schreibungen wie <wann>, <dann> oder

[...]


1 Diese grammatische Komplexität des deutschen Schriftsystems, begründet in den Bezügen zu nicht-phonologischen Einheiten wie Morphemen oder Lexemen, bewegt Eisenberg (z.B. 2005: 63) dazu, das Deutsche als ein Mischsystem zu bezeichnen, als Alphabetschrift mit logographischer Komponente.

2 „An phonologischen (distinktiven) Oppositionen nehmen die Lautgebilde nur durch ihre phonologisch relevanten Eigenschaften teil. Und da jedes Phonem ein Glied einer phonologischen Opposition sein muß, so folgt daraus, daß sich das Phonem nicht mit einem konkreten Lautgebilde, sondern nur mit seinen phonologisch relevanten Eigenschaften deckt. Man darf sagen, daß das Phonem die Gesamtheit der phonologisch relevanten Eigenschaften eines Lautgebildes ist.“ (Nikolaj S. Trubetzkoy (1939): Grundzüge der Phonologie. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. S. 35, zit. nach Eisenberg 1998: 85f.)

3 Wie hier bereits umgesetzt, werde ich im Folgenden für Phoneme die konventionelle Notation in Schrägstrichen wählen, z.B. /ç/, wohingegen Phone in eckige Klammern gesetzt werden, z.B. [x]. Die Einheiten der graphischen Ebene werden mit spitzen Klammern wiedergegeben, z.B. <ch>.

4 Diese Verhärtung im Silbenendrand ist im Deutschen besonders wichtig für das Verhältnis von Ein- und Zweisilber, insbesondere in der Flexionsmorphologie. Denn die Artikulation, wie Eisenberg 1998: 124 hervorhebt, müsste in einer Form wie [Ra:d] (Rad) über die Verschlussöffnung des [d] hinausreichen, analog zu z.B. englischen Formen wie bed, wodurch dieser Form ein Ansatz zur Zweisilbigkeit implantiert würde und somit Verwechslungsgefahr zur Dativform dem Rade bestünde.

5 Eine unterschiedliche graphische Repräsentation gleicher Morpheme unterbindet zudem ein weiteres sehr grundlegendes Schreibprinzip im deutschen Schriftsystem, nämlich das sogenannte morphematische Prinzip. In einer älteren Sprachstufe, zu mittelhochdeutscher Zeit, wurden hier noch Phone, nicht Phoneme, repräsentiert, wie die Schreibungen gap vs. geben, bouc vs. biegen, tac vs. tages oder lîp vs. lîbes belegen (vgl. z.B. Augst et al. 2007: 297).

6 Da die hier aufgeführten Phoneminventare von Bedeutung sind für das in dieser Arbeit fokussierte Phänomen der Graphemgemination, das an Akzentuiertheit gebunden ist, bleibt der Reduktionsvokal /э/ hier außer Betracht; die Inventare sind somit auf betonbare Vollvokale beschränkt. Der Phonemstatus des Schwa-Lautes gilt ohnehin als umstritten, so klassifiziert Becker 1998: 112ff Schwa als Realisierung von /e/; ([в] wurde oben bereits als allophonische Variante von !r/ genannt).

7 Im Bereich der Großschreibung wird diese Differenzierung zwischen Graph/Graphem jedoch nicht aufrechterhalten. Betroffen ist hier nicht die funktionale Größe Graphem, sondern die kleinere Einheit Buchstabe bzw. Graph, z.B. <Scholle> und nicht *<SCHolle>. Nerius et al. 2007: 108 unterscheiden weiterhin zwischen Buchstaben- und Nichtbuchstabengraphemen (zu den letzteren werden Ziffern, Interpunkteme, Symbole usw. gezählt); diejenigen Buchstabengrapheme, die mit Phonemen in Beziehungen treten, werden dort „Phonographeme“ genannt. Auf diese werde ich mich im Folgenden beschränken.

8 Allein an der Benennung der Graphemklassen als Vokal- und Konsonantengrapheme, die sich an der Terminologie für die Phonemklassen anlehnt, wird der starke Bezug der Schreibung zur Lautebene deutlich. Viele Formulierungen hinsichtlich dieser Parallelität sind insbesondere in didaktischer Hinsicht irreführend, da oft nicht klar wird, ob nun von Konsonanten/Vokalen auf Laut- oder Schriftebene die Rede ist. Zudem sind (für Buchstaben) die Bezeichnungen „Selbst- und Mitlaut‘ im Orthographieunterricht geläufig, welche die Verwirrung perfekt machen und suggerieren, es handle sich bei Laut- und Schriftsegmenten um dieselben Einheiten (vgl. Augst 1985b: 57).

9 Fuhrhop 2006: 40 nennt als Beleg für die Fremdheit des <v> für /v/, dass das Initialwort VHS für Volkshochschule (/f/) [fau...] gesprochen wird und ebenso, anstelle von [ve...], wenn es für Video Home System (/v/) steht.

10 Ich werde die Termini „Graphemgeminate“, „Doppelkonsonanzschreibung“, „Graphem­verdopplung“ u.dgl., obwohl ich mir der zum Teil problematischen begrifflichen Implikationen bewusst bin, im Folgenden synonym verwenden. Einzig den Terminus „Schärfungsschreibung“, der z.B. von Neef 2005: 125 als der neutralste unter allen anderen charakterisiert wird, werde ich ausschließlich für das Konzept der silbenschnittbasierten Doppelkonsonanzschreibung verwenden (Kapitel 4). Da nur hier vom scharfen Silbenschnitt die Rede sein wird, ist es m.E. auch nur hier sinnvoll, von „Schärfungsschreibung“ zu sprechen.

11 Dass ich orthographische Gesichtspunkte nicht ausschließe, ist allein daran ersichtlich, dass ich in jedem Kapitel auch die Ausnahmen zum jeweiligen Erklärungsansatz nenne (vgl. die Abschnitte 2.7, 3.8 und 4.6), die selbstredend orthographisch und nicht graphematisch bedingt sind. Weil hier demzufolge keine scharfe Grenze zwischen Graphematik und Orthographie gezogen wird, habe ich mich im Titel der vorliegenden Arbeit für den Terminus „Schriftsystem“ entschieden, der hyperonym zu den Teilbereichen „Graphematik“ und „Orthographie“ zu verstehen ist.

12 Auf die Frage, welche phonologische bzw. phonetische Rolle die Vokalquantität tatsächlich für das Deutsche spielt, werde ich in den nächsten Kapiteln eingehen (vgl. 2.2, 3.3 und 4.3).

13 Dass die Doppelkonsonanzschreibung nicht ausschließlich der Kennzeichnung von Vokalkürze dient, sondern zudem in engem Zusammenhang mit dem Wortakzent steht, zeigt im Grunde genommen, dass hier über einzelne Segmente hinaus auch auf die Silbenstruktur Bezug genommen wird, da die Akzentuiertheit keine inhärente Eigenschaft von Vokalen ist, sondern eine prosodische (suprasegmentale) Größe darstellt. Dadurch, dass der Akzent im Rahmen dieses Ansatzes aber als segmentale Vokaleigenschaft analysiert wird, kann m.E. an der Benennung „segmentbasiert“ festgehalten werden.

14 Weiterhin müsste die Regel enthalten, dass es sich bei dem jeweiligen Kurzvokal, also hier bei /э/, um einen betonten Vokal handelt.

15 M.W. nutzt keiner derjenigen Autoren, die sich mit dem segmentbasierten Ansatz verbunden fühlen, diese Form der kontextgebundenen „erweiterten“ GPK-Regeln, was offensichtlich damit zusammenhängt, dass die meisten Untersuchungen der Frage nach der praktischen Anwendbarkeit einer graphematischen Regel im didaktischen Kontext nachgehen (vgl. Ramers 1999a,b) und für einen solchen Zweck diese derivationellen Transformationsregeln zu komplex sind. Für sein leserbasiertes Rekodierungsmodell macht Neef 2005: 42ff ebenfalls Gebrauch von solchen Transformationsregeln in der Graphematik.

16 Vgl. Ernst A. Meyer (1904): Zur Vokaldauer im Deutschen. In: Nordiska Studier, Uppsala. S. 347-356.

17 „Als am Anfang des 8. Jahrhunderts in der im heutigen Luxemburg gelegenen Abtei Echternach altenglische und althochdeutsche Glossen in das Pergament einer Evangeliar-Handschrift eingeritzt wurden, war eine andere Schreibung als mit dem lateinischen Alphabet gar nicht vorstellbar. Schriftlichkeit war im Westen Europas seit Jahrhunderten immer lateinische Schriftlichkeit. Lesen und Schreiben wurde am Lateinischen und für das Lateinische gelernt. Wer schrieb, schrieb lateinische Texte und lateinische Buchstaben. Diese Schrift wurde dann mit größter Selbstverständlichkeit auf die germanische Volkssprache angewandt, wie man es seit Jahrhunderten tat.“ (Nerius et al. 2007: 290)

18 Wie Eisenberg 1998: 118 angibt, lässt sich für die meisten Schreibungen dieser Gruppe zeigen, dass die Konsonantenfolge nach dem Langvokal darauf zurückzuführen ist, dass diese Wörter früher einmal morphologisch komplex oder mehrsilbig waren und nur synchron als monosyllabische Simplizia analysiert werden.

19 Die Angabe „Regeltext“ bezieht sich im Folgenden auf die vom Rat für deutsche Rechtschreibung 2006 erlassene amtliche Regelung der deutschen Orthographie, zugänglich über http://www.rechtschreibrat.com/. Der für diese Arbeit relevante Teil ist außerdem im Anhang (75) wiedergegeben.

20 Wie Bramann 1987: 32 schreibt, setzte sich diese Form der Vokallängenmarkierung allmählich im 14. Jahrhundert durch, was später, nach Erfindung des Buchdrucks, jedoch zu einigen „Wortungeheuern“ führte, wie die Beispiele <offtt>, <unndt> oder <Walldt> etc. bezeugen. Diese weit vom phonographischen Prinzip entfernten Schreibungen könnten, so Bramann, durchaus in wirtschaftlichen Interessen begründet gewesen sein, denn viele Druckseiten brachten den Schreibern, Setzern und Druckern mehr Geld ein. Im Laufe der Zeit mussten solche willkürlichen Schreibungen, in denen „wild“ geminiert wurde, einfacheren Formen weichen.

21 Nerius et al. 2007 nehmen tatsächlich solche polyrelationalen Regeln an, vgl. Anhang (74). Wie Bramann 1987: 101 anmerkt, schlug Joseph A. Specht 1831 in seiner Kritischen Beleuchtung des teutschen Alphabets und seiner Anwendung eine konsequente Vokalverdoppelung zur Längenmarkierung vor. Trotz der Vorzüge einer Vokallängen- anstelle einer Vokalkürzen­Markierung war die Forderung nach der völligen Abschaffung der Längen-Kennzeichnung in orthographischen Reformüberlegungen weitaus prominenter. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Öffentlichkeit reagiert im Bereich Orthographie überaus sensibel und konservativ. Dies zeigen nicht nur aktuelle Diskussionen rund um die neue Rechtschreibreform, sondern bereits Proteste gegen Reformversuche im Rahmen der Ersten Orthographischen Konferenz (1876). Ein wesentlicher Streitpunkt war die potentielle Abschaffung der Längenmarkierung. Dass auf diesem Gebiet keine Einigung erzielt wurde, kann als ausschlaggebender Grund für das Scheitern der Konferenzbeschlüsse gewertet werden (vgl. Nerius 2000b: 126). Augst 1985: 60 bemerkt hinsichtlich der Redundanz von Vokalkürzen- und Längen-Markierung, dass diese doppelte Vorgehensweise vom linguistischen System her zwar nicht nötig sei; „da sie sich aber nun einmal so geschichtlich herausgebildet hat, müssen wir mit ihr leben. Deshalb sollte eine Reform diesen Sachverhalt nicht abschaffen, sondern nur offensichtliche Inkonsequenzen beseitigen.“

22 Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, ist die Markierung der Vokallänge bei /i:/ durch das Graphem <ie> die einzige regelhafte graphematische Zuordnung im Sinne des segmentbasierten Ansatzes.

23 Dass es mehrere Mittel zur Dehnungsbezeichnung gibt, zeigt die Möglichkeit graphischer Differenzierung in Schreibungen wie <lehren> - <leeren>, <Mal - Mahl>, <Lid - Lied> etc.

24 Ich möchte nicht ausschließen, dass nicht doch, zumindest für die einfachen Grapheme, Schreibungen mit Geminate existieren; ich habe allerdings keine gefunden.

25 Obwohl in den meisten GPK-Regel-Auflistungen die Regel /д/ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] <ng> aufgeführt ist, wird <ng> im Allgemeinen nicht zu den Graphemen gerechnet, offensichtlich aufgrund der Polyrelationalität von /д/ zu <ng>, wie in <Strang> oder <lang>, aber auch zu <n> in Schreibungen wie <Enkel>, <danke>, <zanken>, <Gestank> usw. Vgl. z.B. Fuhrhop 2006: 23.

26 Da infolge dieser ästhetischen Beschränkung ohnehin nur einzelne Buchstaben geminiert werden können, halte ich es für gerechtfertigt, die Begriffe „Graphem- und Buchstabengeminate“ synonym zu verwenden.

27 Die an dieser Stelle als Beispiele angeführten Formen sind entlehnt aus ital. <broccoli>, ital. <sacco> (aus lat. <saccus>), ital. <piccolo>. Die Schreibungen mit doppeltem <kk> wurden demzufolge nicht mit entlehnt; fremdes <c> wurde durch <k> ersetzt, aber zu der eigentlichen, im Deutschen regelhaften Schreibung <ck> kam es seltsamerweise nicht. Alternativ werden im aktuellen amtlichen Wörterverzeichnis die Schreibvarianten <Broccoli> und <Piccolo> angegeben, für die österreichische Varietät auch <Mocca>.

28 Diese silbenstrukturelle Restriktion wird im nächsten Kapitel ausführlich erörtert (vgl. Abschnitt 3.4.1). Wie bereits erwähnt, wird die Silbe im Rahmen des segmentbasierten Ansatzes so weit wie möglich ausgeklammert, sie ist erst Gegenstand in den folgenden suprasegmental ausgerichteten Ansätzen.

29 Abschnitt 3.4.2 wird zeigen, dass Geminaten, die mit stimmhaften Obstruenten bzw. Lenes korrespondieren, im Deutschen insgesamt als markiert gelten, auch in wortmedialer Position.

30 Mithilfe dieses Konzepts erklärt Ramers außerdem einige der in (11c) als Ausnahmen angeführten Beispiele, die zwar eine Konsonantenfolge, nichtsdestotrotz aber einen vorangehenden Langvokal aufweisen, wie beispielsweise Wüste, Rätsel oder grätschen. Wenn die auf den Vokal folgenden Affrikaten /st/ und /ft/ monosegmental analysiert werden, stellen diese Wörter keine phonotaktischen Abweichungen mehr dar.

31 In wenigen Ausnahmen steht <tz> auch nach unbetontem bzw. nebentonigen Kurzvokal: <Kiebitz>, <Stieglitz>, <Mumpitz>. Im Wort Herlitze besteht eine Akzentuierungsvariante; eine Ausnahme liegt demnach nur vor, wenn /1 her., litsa/ nicht aber, wenn /, her.1 litsa/ gesprochen wird.

32 Die hier zitierten älteren Regeltexte werden in der Form wiedergegeben, wie sie im Anhang zu finden sind. Dort wurden einige wenige Änderungen, die nicht inhaltlicher Natur sind, am Originaltext vorgenommen, um sie, hauptsächlich graphisch, an den hier benutzen Schriftschnitt anzupassen.

33 Hierzu ausführlicher in Abschnitt 2.6.1. Hier wird sich außerdem zeigen, dass eine Beschränkung auf Wurzelmorpheme sinnvoller ist als eine auf den Wortstamm. Als Beispiel kann hier bereits die Schreibung <bisschen> herangezogen werden, die als einzige aus der Reihe der sonst sehr eindeutigen regelhaften Schreibungen im Regelwerk sticht. Die Analyse dieses Indefinitpronomens hängt davon ab, wie man den Terminus „Wortstamm“ definiert. Versteht man ihn - wie üblich - als unflektierte Wortform, bezieht man komplexe Wörter also mit ein, so entspricht bisschen im Ganzen diesem Stamm. Dementsprechend folgen im Wortstamm auf den betonten Kurzvokal mehrere Konsonanten, weshalb im Grunde hier nicht geminiert werden dürfte. Der amtliche Regeltext verzichtet auf eine genaue Definition, er scheint jedoch von einer engeren Definition auszugehen, die Wortbildungsmorpheme wie Flexionsendungen ausschließt.

34 Die Belege der Quellsprachen in diesem wie auch in den folgenden Abschnitten zur Fremdwortschreibung sind entnommen aus Friedrich Kluge (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York: de Gruyter.

35 Für eine ausführliche Analyse der Fremdwortschreibungen im Rahmen des segmentbasierten Ansatzes siehe Augst 1987.

36 Zum Begriff des Morphems siehe z.B. Nerius et al. 2007: 155ff.

37 Dem amtlichen Regeltext scheint diese engere Definition vorzuschweben, denn er betrachtet „Wortstämme“ gesondert von Prä- und Suffixen (vgl. Regeltext 2006: 15); eine explizite Begriffs­bestimmung bleibt jedoch aus.

38 Der Begriff der „Rekodierung“ ist geprägt von Neef 2005, der einen leserbasierten Ansatz zur Doppelkonsonanzschreibung innerhalb seines „Rekodierungsmodells“ vorstellt. Vgl. insbesondere das Kapitel 4 in Neef 2005: 117ff und auch Abschnitt 5.2 der vorliegenden Arbeit.

39 Die morphologische Transparenz ist zum einen dadurch begründet, dass es antonyme Formen ohne die jeweiligen Präfixe gibt (in-aktiv vs. aktiv, interessiert vs. des-interessiert), zum anderen sind diese Affixe im Deutschen reihenbildend und somit nicht-unikal, vgl. in-kompetent, in-direkt, in-diskret, in-tolerant u.dgl.m, genau wie des-illusioniert, des-orientiert oder des-infiziert.

40 Ramers 1999a: 60 nimmt außerdem an, das Fehlen von Graphemgeminaten (und ebenso Dehnungsmarkierungen) korrespondiere mit der fehlenden Akzentuierung. Ramers’ Begründung zufolge sei eine Wortakzentsilbe potentieller Träger des Satzakzents, Funktionswörter aber seien, außer bei Kontrastierung, davon ausgenommen, weshalb die Annahme eines Wortakzents für diese Einsilber von vornherein unbegründet sei. Maas 1992: 313 weist jedoch darauf hin, dass die Betonbarkeit dieser Funktionswörter „das phonographisch ausschlaggebende Kriterium ist“, vgl. auch bei der Dehnung: ihnen, ihr usw.

41 Dieses Schema weicht geringfügig von dem in Augst 1991: 323 ab.

Ende der Leseprobe aus 158 Seiten

Details

Titel
Graphemgemination im Schriftsystem des Deutschen
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Hochschule)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
158
Katalognummer
V93676
ISBN (eBook)
9783638063425
Dateigröße
3005 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Graphemgemination, Schriftsystem, Deutschen
Arbeit zitieren
Davina Ruthmann (Autor), 2008, Graphemgemination im Schriftsystem des Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93676

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