Die Göttliche Liturgie der Orthodoxen Kirche im Spannungsverhältnis von Tradition und Erneuerung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

A Einleitung

B Die Göttliche Liturgie in der orthodoxen Kirche
I. Vorüberlegungen
1. Herausragende Stellung der Liturgie
2. Eschatologisches Liturgieverständnis
3. Sacramentum vs. Mnoippiov
II. Eigenarten und Erscheinungsformen
1. Verbindung von Liturgie und Wahrheit
2. Enge Traditionsbehaftung
3. Rückzug ins Mnoippiov
III. Einstellung zu Wandel und Erneuerung
1. Bereitschaft zu liturgischem Wandel?
2. Abgrenzungsmentalität
3. Behauptung liturgischer Kontinuität

C Historischer Wandel in der Göttlichen Liturgie
I. Beispiele für Wandel in der orthodoxen Liturgie
1. Geschichtliche Hintergründe zum Wandel
2. Historisch-kritische Liturgiedeutung
3. Robert Taft und die Chrysostomos-Liturgie
II. Erklärungsversuche einer einseitigen Perspektive
1. Identitätsstiftung durch Abgrenzung
2. Historische Vorbehalte gegen den Westen
3. Wandel durch Erneuerungsbewegungen
III. Fazit

D Schlussfolgerung

E Quellen- und Literaturverzeichnis

A Einleitung

Dass mit dem Begriff des Glaubens nicht nur eine innere Haltung, sondern immer auch ein äußerliches und rituelles Vollzugsgeschehen verknüpft ist, ist notwendige Prämisse jeder liturgiewissenschaftlichen Investigation. Ebenso wie innere Einstellungen unterliegen dabei auch äußere Rituale einer gewissen historischen Kontingenz - sollte man annehmen. Doch nicht jede religiöse Gemeinschaft legt Wert auf die Betonung der Geschichtlichkeit ihrer eigenen Tradition. Vielmehr sieht man sich in einzelnen Kirchen mit einem spürbaren Argwohn konfrontiert, sobald man die Struktur der kirchlichen Liturgie auf ihre historische Wandelbarkeit hin zu untersuchen beginnt.

Genau dieses Vorhaben soll mit Blick auf die orthodoxe Kirche im Folgenden zum Gegenstand meiner Ausarbeitung werden. Dabei werde ich zu Beginn einige theologische Präsumtionen - mitsamt deren konkreten Erscheinungsformen - zur Rolle der Liturgie in der orthodoxen Kirche herausstellen. Anhand dieser Erscheinungsformen soll anschließend gezeigt werden, inwiefern auch unter orthodoxen Theologen das Narrativ der Göttlichen Liturgie als eines homogenen und durch alle Zeiten hindurch unveränderlichen rituellen Gebildes dominant ist.

Daran anknüpfend werde ich dieses verbreitete Narrativ einer Untersuchung über historische Veränderungsprozesse in Struktur, Erscheinung und Text der Göttlichen Liturgie gegenüberstellen. Diese Gegenüberstellung soll den inhaltlichen Schwerpunkt meiner Ausarbeitung bilden. Insbesondere werde ich dabei zeigen, ob die von vielen orthodoxen Theologen kolportierte Unwandelbarkeit der Göttlichen Liturgie mit der historischen Realität als kongruent einzustufen ist. Als zentrale Bezugsquellen der geschichtlichen Auseinandersetzung mit der Göttlichen Liturgie werde ich mich dabei primär auf die Ausführungen Ivan Dmitrevskijs (19.Jahrhundert) und Robert Tafts (21.Jahrhundert) berufen, welche die Göttliche Liturgie in ihrer jeweiligen Zeit aus einer historisch-kritischen Perspektive heraus beleuchtet haben.

Doch bevor ich zu diesem Punkt komme, werde ich im Folgenden zunächst einige grundlegende Charakteristika des orthodoxen Liturgieverständnisses benennen, die für eine differenzierte Beschäftigung mit dem Spannungsverhältnis von Tradition und Erneuerung im Zusammenhang mit der Göttlichen Liturgie nicht ausgespart werden dürfen.

B Die Göttliche Liturgie in der orthodoxen Kirche

B.I. Vorüberlegungen

Bevor die orthodoxe Liturgie im Hinblick auf dieses Spannungsverhältnis untersucht werden kann, sind also zunächst einige grundlegende Rahmenbedingungen zu benennen, die für eine Auseinandersetzung mit dem Liturgieverständnis der orthodoxen Kirche unerlässlich sind. Zu diesem Zweck werde ich nun zu Beginn einige zentrale theologische Präsumtionen benennen, die zur Frage nach der Wandelbarkeit der Göttlichen Liturgie überleiten sollen. Als erstes gilt es dabei, den Stellenwert der Göttlichen Liturgie innerhalb der orthodoxen Kirchen und ihrer Theologie(n) herauszustellen.

B.I.1. Herausragende Stellung der Liturgie

Für die orthodoxen Kirchen bilden Liturgie und Spiritualität das Fundament des Glaubens. Der in der orthodoxen Tradition bezeugte und durch die Generationen überlieferte Glaube findet dabei in der Göttlichen Liturgie seine vorrangige Ausdrucksform.1 Vor allem im eucharistischen Ritus werde dabei der Geist der Orthodoxie erfahrbar. Die Bedeutung und das Wesen des orthodoxen Glaubens ließen sich somit primär in Form liturgisch-doxologischer Bekenntnisäußerungen erfahren und erst sekundär über Dogmatik und die Zustimmung zu bestimmten Glaubenssätzen definieren.2 Dabei hat der gefeierte Glaube für die orthodoxe Christenheit nicht nur gemeinschaftsbildenden, sondern auch identitätsstiftenden Charakter. Dieser Charakter wird im Bewusstsein der Orthodoxie auch dadurch gefestigt, dass er von Generation zu Generation weitergegeben und so im Volk verwurzelt wird.3 Die Liturgie (insbesondere die Eucharistiefeier im Rahmen der Göttlichen Liturgie) wird somit auch als zentraler Erfahrungsraum kirchlicher Gemeinschaft gesehen.4 Die grundlegenden Glaubensüberzeugungen der orthodoxen Kirche sind dabei zentral in Gestalt von Doxologie und liturgischem Lobpreis formuliert und erst sekundär anhand dogmatischer Festschreibungen zu charakterisieren.5 Die derart herausragende Stellung der Liturgie in der orthodoxen Kirche wird dabei mit Verweis auf die Praxis der Urkirche begründet: schließlich sei es in der Zeit der Apostel der konkrete liturgische Vollzug (nicht etwa die Hl. Schrift oder die Dogmatik) gewesen, aus dem heraus sich die ersten christlichen Gemeinden versammelt und gebildet hätten. Die Kirche sei in ihren Anfängen somit nicht aus der Hl. Schrift oder der Dogmatik, sondern aus der Liturgie erwachsen.6 Aus der Tatsache, dass der gemeinsame rituelle Vollzug das ursprüngliche Zentrum der apostolischen Versammlungen darstellte, wird von Seiten der Orthodoxie somit die für die Kirchlichkeit konstitutive Wirkung der Liturgie begründet. Hinzu kommt, dass der eucharistischen Liturgie - neben ihrer anfänglich kirchenkonstituierenden Rolle - auch die Zentralstellung in der Spendung der Einheit der orthodoxen Gemeinschaft zukommt.7 Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Autokephalie und Pluriformität der einzelnen orthodoxen Nationalkirchen.

Insgesamt gilt es zudem zentral festzuhalten, dass die klassische orthodoxe Theologie bis zum Untergang von Byzanz dem konkreten liturgischen Vollzug den Vorrang gegenüber einer inhaltlich-deskriptiven Liturgiedefinition eingeräumt hat. Im Zentrum der orthodoxen Eucharistietheologie steht somit nicht der Versuch, die Liturgie des Byzantinischen Ritus inhaltlich greifbar zu machen, sondern der konkrete praktische Vollzug der eucharistischen Feier.8

Nach einer groben Skizzierung des Stellenwerts der Liturgie in der orthodoxen Kirche gilt es somit nun, sich der Göttlichen Liturgie zuzuwenden und zentrale Kristallisationspunkte des orthodoxen Eucharistieverständnisses herauszustellen. Denn innerhalb des ohnehin schon hohen Ranges der Liturgie in der orthodoxen Kirche nimmt die Eucharistie als zentrales Mysterium eine ebenso herausragende Stellung ein.

B.I.2. Eschatologisches Liturgieverständnis

Um sich der gesamten Dimension des spannungsreichen Verhältnisses von Tradition und Erneuerung in der orthodoxen Theologie deutlich zu werden, darf auch die enge Verknüpfung von Liturgie und Eschatologie nicht ausgespart werden.

Dieser Dimension zufolge hat die Göttliche Liturgie Anteil an der Umgestaltung und Erneuerung der Welt. Indem der Gläubige durch den Empfang der eucharistischen Gaben Teilhabe am Leib Christi erfährt, wird es ihm ermöglicht, das ewige Leben und das Kommen des Gottesreiches bereits in dieser Welt zu antizipieren. Somit fungiere die Eucharistie für den Gläubigen als Quelle der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens.9 Das Altarsakrament erfüllt dabei den Zweck der Vorwegnahme eines zukünftigen Geschehens, in dem durch die Feier der Göttlichen Liturgie an die Wiederkunft Christi erinnert und das Kommen der Gottesherrschaft somit für die Kirche in Erinnerung gerufen wird.10 In dieser anamnetischen Vorwegnahme der Gottesherrschaft in der Eucharistie findet somit eine Verschmelzung von Zeit und Ewigkeit statt.11

In ein derart von transzendenten Begriffen geprägtes Eucharistieverständnis fügt sich die in der orthodoxen Tradition stark verbreitete platonistische Liturgiedeutung nahtlos ein. Dieser Deutung zufolge handelt es sich bei der Feier der Eucharistie (lediglich) um das irdische Abbild einer himmlischen Urbild-Liturgie, der allein letztlich der Status des wirklichen Gottesdienstes zukommt. Dieses neuplatonistisch gefärbte Liturgieverständnis habe in der Orthodoxie breite Rezeption gefunden und sei als verbreitete Deutungsmöglichkeit der Göttlichen Liturgie von hoher Popularität gekennzeichnet.12 Dass die platonistische Liturgiedeutung sich in der orthodoxen Kirche großer Beliebtheit erfreut, wird zudem in der Begrifflichkeit der Göttlichen Liturgie bereits angedeutet. In diesem Terminus werde inhaltlich akzentuiert, dass das darin Geschehene ein Abglanz einer himmlischen Wirklichkeit sei und einen Dienst Gottes am Menschen darstelle.13 Die Eucharistie wird somit nach orthodoxem Verständnis zur Grundlage einer Verwandlung der ganzen Welt: in den eucharistischen Gaben wird die ganze Schöpfung Gott dargebracht und das Kommen der Gottesherrschaft bereits in Zeit und Raum antizipiert. Insofern handelt es sich bei der Göttlichen Liturgie um ein kosmisches Geschehen, das nicht nur eine ekklesiologisch, sondern auch eine eschatologisch begründete hohe Stellung im Glauben der orthodoxen Kirche einnimmt.14

B.I.3. Sacramentum vs. Muorqpiov

Eine weitere Dimension, die bei der Betrachtung des Spannungsverhältnisses von Tradition und Erneuerung in der Göttlichen Liturgie wichtige Impulse liefert, ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem für die Orthodoxie prägenden Terminus Mvoirfpiov. Wie wir anhand dieses Terminus im Folgenden sehen werden, kann bereits der Begriff der Sakramententheologie im Rahmen des orthodoxen Eucharistieverständnisses irreführende Schlussfolgerungen hervorrufen. Anstatt den lateinischen Begriff sacramentum als Kernbezeichnung der liturgischen Vollzüge zu verwenden, ist die orthodoxe Theologie in liturgischer Hinsicht intensiv vom griechischen pvoirfpiov geprägt. Dieses betont - in Abgrenzung zum lateinischen sacramentum (Begriff Tertullians aus dem 2. Jahrhundert) - stärker den geheimnishaften Charakter des Wirkens Gottes. Tertullians Begriff sacramentum hingegen inkorporiere bereits philosophisch-rational begründete und kirchenrechtlich fixierte Kategorien, die über den Charakter des Geheimnisvollen weit hinausgingen.15 In diese Darstellung fügt sich ein, dass die Sakramente im westlichen Kontext - wie am Beispiel der Ehe ersichtlich wird, die lange Zeit primär als Vertragsschluss gesehen wurde - stets auch mit einer juridischen Dimension belegt sind. In der Orthodoxie dagegen wird anhand des Begriffs pvorqpiov der Fokus eher auf das Ereignishafte und Feierliche, als auf das Juridische und philosophisch Fassbare gelegt. Durch den Begriff des pvarfpiov solle somit die Verbindung von Gott und Mensch deutlich betont und besonderer Wert auf das Heilsgeschehen durch die göttliche Gnade gelegt werden.16 Schon in etymologischer Hinsicht sperrt sich der Begriff des iiumqpiov (gr. pveiv 'Mund/Augen schließen') dabei gegen eine genauere Definition.

Dass die orthodoxe Theologie diesem Begriff den Vorzug gegenüber dem lateinischen sacramentum gibt, lässt sich im Kontext des insgesamt apophatischen Charakters der orthodoxen Theologie begreifen. Mit dem Begriff apophatisch ist dabei insbesondere die Unmöglichkeit gemeint, positive Aussagen über das Wesen Gottes im Sinne philosophisch­rationaler Kategorien zu treffen. Diesen apophatischen Charakter, der etymologisch bereits durch das pvorqpiov angedeutet wird, lässt sich in der Orthodoxie ebenso auch auf die Eucharistie beziehen: Dadurch, dass der Begriff pvovqpiov primär durch das Geheimnisvolle des Wirkens Gottes konnotiert wird, entzieht sich die Eucharistie in gewisser Hinsicht der Dimension der Definierbarkeit. Der apophatische Charakter der Theologie durchzieht in dieser Hinsicht also alle Bereiche des orthodoxen Glaubens.17

Diese Tatsache lässt sich auch dadurch bestätigen, dass die orthodoxe Kirche - wie in Abschnitt B.I.1 gezeigt - ein besonderes Augenmerk auf den liturgischen Vollzug legt und diesem gegenüber einer Deskription des liturgischen Geschehens den Vorzug gibt. Dass es in der orthodoxen Theologie keinen inhaltlich ausformulierten und definitorisch gefassten Mysterienbegriff gibt , sondern auch hier der Fokus auf dem Mysterienvollzug liegt,18 wird sich im Zusammenhang meiner Darstellung des Verhältnisses der Orthodoxie zu liturgischen Erneuerungsbewegungen als relevant herausstellen.

Besonders am Verhältnis zur westlichen Transsubstantiationslehre lässt sich die Bedeutung dieses apophatischen Denkens deutlich machen.

Auf inhaltlicher Ebene ist festzuhalten, dass die im Westen mit der Transsubstantiation verbundenen Vorstellungen keinen Eingang in die orthodoxe Theologie gefunden haben. Vielmehr wurde der Begriff der Transsubstantiation von orthodoxer Seite lediglich zur Abgrenzung von einzelnen protestantisch-theologischen Ansätzen eingebracht.19 Die Orthodoxie bemühte sich also nicht um eine inhaltliche Rezeption mittelalterlich­scholastischen Denkens, sondern versuchte durch Aufgreifen des Begriffs der Transsubstantiation vielmehr, den eigenen Glauben an die Realpräsenz Christi in den eucharistischen Gaben gegenüber bestimmten Protestantismen zu verteidigen.20

Anhand des orthodoxen Umgangs mit der Transsubstantiationslehre kann daher gezeigt werden, dass die Frage nach dem Wie des Wandlungsgeschehens - aufgrund des apophatischen Charakters ihrer Theologie - für die orthodoxe Kirche von sekundärer Bedeutung ist. Gleiches lässt sich analog auch für den genauen Zeitpunkt des Konsekrationsgeschehens in der Göttlichen Liturgie sagen: Folgt man Alexander Schmemann, dann ist es innerhalb der Kategorien dieser Welt nicht einsichtig zu machen, wann die eucharistischen Gaben in der Feier der Göttlichen Liturgie nun genau konsekriert werden. Antwort auf das in der Eucharistie enthaltene pvoifpiov könne man stattdessen nur auf dem Weg des Glaubens, nicht jedoch durch etwaige philosophische Reflexionen über die Eigenarten der Liturgie erlangen. Erst in der Epiklese und im Kommen des Heiligen Geistes erschließt sich für den Gläubigen die Wahrheit des rituell inszenierten Geschehens. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung konstatiert Schmemann den genauen Augenblick der Wandlung als für das menschliche Denken nicht greifbar.21

Diese Beispiele sollen hier nur als kurze Illustrationen dessen gesehen werden, dass der apophatische Charakter der orthodoxen Theologie auch mit Blick auf die Deutung der Göttlichen Liturgie eine große Rolle spielt. Alle der bis dato herausstellten Vorannahmen zur Liturgie prägen dabei im heutigen Diskurs die Haltung der orthodoxen Kirche zu Tradition und Erneuerung entscheidend mit, wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden.

B.II. Eigenarten und Erscheinungsformen

Wie in Abschnitt B.I. gezeigt, nimmt die Liturgie in den orthodoxen Kirchen eine enorm hohe Stellung ein. Anhand der programmatischen Bezeichnung tiumqpiov (B.I.3) ließ sich zudem darlegen, dass die orthodoxen Kirchen sich eher über den liturgischen Vollzug, als über einen konkreten philosophisch ausgefeilten Mysterienbegriff definieren.

Im nächsten Schritt werde ich daher einige Erscheinungsformen benennen, in denen sich die soeben herausgestellten Vorannahmen äußern.

Anhand dieser Erscheinungsformen soll anschließend herausgestellt werden, inwieweit sich orthodoxe Theologen in ihrem Selbstverständnis bereits zum Verhältnis von Tradition und Erneuerung in Ritus und Liturgie positioniert haben. Dabei werde ich (diagnostisch) insbesondere jene Aspekte herausstellen, die aus Sicht vieler orthodoxer Theologen Veränderungen in Ritus und Liturgie erschweren.

B.II.1. Verbindung von Liturgie und Wahrheit

Zunächst ist hier die enge Anknüpfung des orthodoxen Wahrheitsbegriffs an liturgische Vollzüge zu nennen: Nicht wenige orthodoxe Theologen sehen in der - in kirchlicher Tradition wurzelnden - Liturgie (und allen in ihr enthaltenen Einzelriten) ein abgrenzbares Korpus, welches keine Veränderungen oder Umformulierungen dulde. Dabei bestehe die Tendenz, jeden Versuch, von der bestehenden liturgischen Ordnung abzuweichen, gleichzeitig als Abkehr vom Willen Gottes darzustellen.22 Somit lässt sich für die östliche Theologie der Versuch als charakteristisch bezeichnen, eine Verbindung von äußerlicher Form und Gesten mit dogmatischem Wahrheitsanspruch herzustellen. Dazu gehöre laut Regina Elsner in der Orthodoxie auch die Angst, diese Wahrheit bei Abkehr von der äußeren Form zu verlieren.23 Immerhin konstituiert sich in der Gemeinschaft der orthodoxen Kirche - wie oben bereits herausgestellt - die Wahrheit des Heilsmysteriums als eine erlebte Wahrheit: das „in der Wahrheit sein“ wird liturgisch-doxologisch, nicht philosophisch-rational definiert.24 Vor dem Hintergrund dieser engen Anknüpfung der eigenen liturgischen Praxis an den theologischen Wahrheitsanspruch lässt sich die Frage formulieren, inwieweit aus orthodoxer Perspektive überhaupt Veränderungen der Liturgie denkbar werden können.

Zu dieser engen Verknüpfung kommt die platonistische Deutung der Liturgie hinzu, die in der Orthodoxie oftmals die Interpretationshoheit über das liturgische Geschehen innehat: Wenn die Göttliche Liturgie im Verständnis der orthodoxen Kirchen durch die himmlische Urbild­Liturgie also derart vorgeprägt ist, wie lässt sie sich dann überhaupt aufgrund etwaiger irdischer Reformanliegen umgestalten? Die platonistische Liturgiedeutung und die enge Verknüpfung von Liturgie und Wahrheit in der orthodoxen Theologie zeigen sich somit als ein erster Zankapfel, der Veränderungen von Ritus und Liturgie aus Sicht vieler orthodoxer Theologen kritisch sehen lässt.

B.II.2. Enge Traditionsbehaftung

Diese Beobachtung lässt sich dabei im Kontext eines - auch in Bezug auf liturgische Ordnungen - allgemein sehr hohen Traditionsbewusstseins der orthodoxen Kirchen begreifen. Als besonders augenscheinliches Merkmal ist vor allem das Festhalten an der Lehre der Kirchenväter zu konstatieren: Immer wieder lassen sich in der orthodoxen Argumentation Rückbezüge feststellen, welche die eigenen theologischen Thesen durch den Erweis des Vorkommens in der patristischen Literatur mit besonderer Autorität untermauern sollen. Motiv dieser Rückbezüge sei dabei das Ideal der unveränderten Bewahrung der Lehre der Kirchenväter und der apostolischen Tradition.25 In liturgischer Hinsicht bedeute dies die Bewahrung der gottesdienstlichen Ordnung der byzantinischen Kirche des 12.Jahrhunderts. Zwar seien etwaige Veränderungen im Rahmen dieser Ordnung durchaus möglich, diese müssten jedoch in ein bestehendes liturgisches Gewebe eingeflochten werden, das seit byzantinischer Zeit unverändert geblieben sei. Veränderungen am rituellen Grundbestand der Göttlichen Liturgie seien dagegen zurückzuweisen.26

Neben dieser festen liturgischen Ordnung bilden die (nach römisch-katholischer Zählung) sieben ersten ökumenischen Konzile eine weitere bedeutende Richtschnur für das orthodoxe Denken.27 Beide Faktoren zusammengenommen stärken das in weiten orthodoxen Kreisen verbreitete Narrativ, die kirchliche - auch liturgische - Tradition sei von historischer Kontinuität und gleichbleibendem Charakter. Dieses Narrativ stellt sich in der orthodoxen Ekklesiologie als sehr dominant heraus.28 Wie wir noch sehen werden, ist es jedoch als eine ausgesprochen einseitige Perspektive auf die vielgestaltigen Traditionen der orthodoxen Kirche einzustufen. Fürs erste markiert diese Haltung ein zweites bedeutendes Beispiel für das spannungsreiche Verhältnis von Tradition und Erneuerung in der orthodoxen Theologie.

B.II.3. Rückzug ins Muorqpiov

Ein drittes solches Beispiel ist innerhalb der orthodoxen Mysterientheologie in der Frage auszumachen, inwieweit die (sakramentale) Tradition und Praxis der Kirchen mit den Mitteln theologischer Vernunft zu erschließen sind. Der in Abschnitt B.I.3 eingeführte Unterschied der Begriffe sacramentum (im Westen) und uumqpiov (im Osten) macht diesen Sachverhalt deutlich: pvovqpiov betont vor allem das Geheimnishafte und Feierliche am Wirken Gottes, das sich auch auf den Vollzug der Mysterien selbst bezieht.29 Im Vergleich zum Mysterienvollzug rückt in der orthodoxen Theologie deshalb eine an Dogmen gebundene und anhand von Glaubensaussagen verankerte Deskription der Kirche - auch gegenüber der westlichen Theologie - in den Hintergrund. Viel zentraler ist für die Orthodoxie - wie bereits mehrfach erwähnt - die Definition der Kirche anhand des liturgisch-doxologischen Aspekts.30 Diese besondere Wertschätzung des rituellen Vollzugs geht in der orthodoxen Theologie jedoch auf Kosten einer inhaltlichen Reflexion über Art und Charakter der Mysterien. Statt einer solchen Reflexion wird zumeist die Unzugänglichkeit aller Aspekte des orthodoxen Glaubens für die menschliche Logik und Vernunft betont. Auf diese Weise wird der rituelle Vollzug (primär der Mysterien) gegenüber einer inhaltlich-kritischen Befragung der Mysterien präferiert. Exemplarisch für diese Tendenz lässt sich die Aussage von Athanasios Basdekis nennen, das Verhältnis des Menschen zum Ereignischarakter der Mysterien sei nicht intellektueller, sondern existenzieller Art.31

Sicherlich enthält dieser apophatische (siehe B.I.3) Zug der orthodoxen Theologie eine Reihe durchaus sinnvoller Elemente - allen voran die Position, dass das Wesen Gottes mit den Mitteln der menschlichen Logik und Vernunft nicht vollständig erfasst werden kann. In Bezug auf bestimmte rituelle Praktiken jedoch eine Unzugänglichkeit für die menschliche Logik in den Raum zu stellen, geht aus meiner Sicht über dieses sinnvolle Maß der apophatischen Theologie weit hinaus. Es lässt sich an dieser Stelle der Verdacht formulieren, dass eine tiefgehende theologische Reflexion über das Wesen der Mysterien nicht nur aufgrund von Ehrfurcht vor der Unbegreiflichkeit Gottes ausbleibt, sondern der Rückverweis auf das Geheimnishafte vielmehr auch eine Masche darstellt, die eigenen rituellen Praktiken und liturgischen Vollzüge nicht auf ihre sachlichen Bedeutungen hin überdenken zu müssen. Hinterrücks wird eine rituelle Gewohnheit durch den Rückzug ins Geheimnishafte somit zu einer Normativität deklariert, die durch göttlichen Willen legitimiert und so verfestigt wird - ohne dabei jedoch die sachliche Bedeutung einer rituellen Handlung genau zu reflektieren.

B.III. Einstellung zu Wandel und Erneuerung

Diese Hypothese soll an dieser Stelle zunächst eine Verdachtsformulierung bleiben. Sie soll überleiten zu einem nun folgenden Abschnitt, in dem ich - wie soeben bereits umrissen - den Habitus der orthodoxen Kirchen im Umgang mit (liturgischen) Erneuerungsbewegungen zu charakterisieren versuche. Dazu werde ich nun einige - immer wieder auftretende - Elemente und Einstellungen herausstellen, die sich als gängige Handlungsmuster der Orthodoxie im Umgang mit Erneuerungsbewegungen zeigen.

B.III.1. Bereitschaft zu liturgischem Wandel?

Als erste grundlegende Beobachtung lässt sich in dieser Hinsicht festhalten, dass es im Kontext vorgeschlagener Liturgiereformen augenscheinlich wenig Offenheit für Erneuerungen gab - und gibt. Das Kernanliegen der orthodoxen Kirchen muss vielmehr mit der Bewahrung der Tradition wiedergegeben werden, die das Zentrum aller Bemühungen darstellt. Der Begriff der Erneuerung ist im liturgischen Kontext dagegen grundsätzlich negativ konnotiert und wird mit Verfallsszenarien und Verrat am Willen Gottes in Verbindung gebracht.32 Regina Elsner attestiert der Orthodoxie vor diesem Hintergrund eine fehlende kritische Distanz zur eigenen Tradition. Vor allem die Entstehung der liturgischen Tradition sei dabei kaum Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung und die führenden Argumentationslinien würden nicht auf ihr historisches Zustandekommen hin befragt.33

Dass das Ideal der Orthodoxie über weite Strecken in der Bewahrung der gottesdienstlichen Ordnung des 12. Jahrhunderts gesehen wird,34 illustriert beispielhaft die enge Bindung der heutigen Ostkirchen an die eigene liturgische Tradition. Ein viel beachtetes und tagesaktuelles Beispiel für eine solche traditionsbetonte Haltung lässt sich im Umgang der orthodoxen Kirchen mit der Liturgiesprache ausmachen. So wird die Bewahrung des Alt-Kirchenslawischen als der Sprache der Göttlichen Liturgie in der Orthodoxie beinahe zu einer Tugend stilisiert. Begründet wird die Beibehaltung des Alt-Kirchenslawischen (trotz des weitgehenden Unverständnisses dieser Sprache im Kirchenvolk) mit einer besonderen Wirklichkeit, die dieses enthalte und die mehr sei als eine bloße Ansammlung von Wörtern. In diesem Zusammenhang wird eine Reform der Liturgie in die jeweilige Landessprache nicht selten anhand eines Vergleichs zur Poesie zurückgewiesen:

Wenn ein Mensch Gedichte nicht versteht oder keinen Sinn für sie hat, ist daran nicht die Sprache der Poesie schuld, sondern dem Menschen fehlt die Gabe poetischer Wahrnehmung; die Aufgabe besteht nicht darin, die Sprache den Möglichkeiten des Lesers anzupassen, [...] sondern darin, den Leser zu lehren, echte Poesie zu verstehen.35

Einer sprachlichen Angleichung der Göttlichen Liturgie an die jeweilige Landessprache wird also die Öffnung des Volkes für das Verständnis der alten Kirchensprache vorgezogen. Dies zeigt sich zum einen an Versuchen innerhalb der Serbisch-Orthodoxen Kirche des 19. Jahrhunderts, das Neue Testament ins moderne Serbisch zu übersetzen: Weite Teile der serbischen Orthodoxie sahen in diesem Projekt die Gefahr, dass eine solche Übersetzung (und ihre Einflechtung in die Göttliche Liturgie) die traditionelle Liturgie und die Autorität der Kirche unterminiere.36

Zu dieser Haltung gesellt sich eine Abgrenzungsmentalität, aufgrund derer man sich hermetisch gegen eine Einflussnahme der westlichen Kirchen auf die orthodoxe Theologie abzugrenzen versucht. Diese Mentalität werde ich im Folgenden genauer definieren.

[...]


1 vgl. Bremer, Thomas/ Gazer, Hacik Rafi/ Lange, Christian (Hg.), Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 122

2 vgl. Basdekis, Athanasios, Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen, Frankfurt am Main 2007, S.58

3 vgl. Oeldemann, Johannes, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2008, S. 138

4 vgl. ebd., S. 188

5 vgl. ebd., S. 191

6 vgl. Alfeyev, Metropolit Hilarion, Geheimnis des Glaubens. Einführung in die orthodoxe dogmatische Theologie (=Studia Oecumenica Friburgensia 43), Münster 2019, S. 183

7 vgl. Zizioulas, John D., Lectures in Christian Dogmatics, London 2008, S. 141

8 vgl. Felmy, Karl Christian, Einführung in die orthodoxe Theologie der Gegenwart (=Lehr- und Studienbücher zur Theologie 5), Berlin 3.Auflage 2014, S. 224

9 vgl. Munteanu, Daniel, Theologie der Koinonia. Ökumenische Einführung in die Orthodoxe Theologie und Spiritualität, Borsdorf 2013, S. 240

10 vgl. ebd., S. 241f.

11 vgl. ebd., S. 245

12 vgl. Bremer, Thomas/ Gazer, Hacik Rafi/ Lange, Christian (Hg.), Die orthodoxen Kirchen der byzantinischen Tradition, Darmstadt 2013, S. 124

13 vgl. Oeldemann, Johannes, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2008, S. 141

14 vgl. Felmy, Karl Christian, Einführung in die orthodoxe Theologie der Gegenwart (=Lehr- und Studienbücher zur Theologie 5), Berlin 3.Auflage 2014, S. 252

15 vgl. Döpmann, Hans-Dieter, Die orthodoxen Kirchen in Geschichte und Gegenwart (=Trierer Abhandlungen zur Slavistik 9), Frankfurt am Main 2010, S. 201

16 vgl. Oeldemann, Johannes, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2008, S. 156

17 vgl. Basdekis, Athanasios, Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen, Frankfurt am Main 2007, S. 57f.

18 vgl. Felmy, Karl Christian, Einführung in die orthodoxe Theologie der Gegenwart (=Lehr- und Studienbücher zur Theologie 5), Berlin 3.Auflage 2014, S. 224

19 vgl. ebd., S. 254f.

20 vgl. ebd., S. 255

21 vgl. Schmemann, Alexander, Eucharistie. Sakrament des Gottesreichs, Freiburg 2005, S. 294

22 vgl. Elsner, Regina, Die Russische Orthodoxe Kirche vor der Herausforderung Moderne. Historische Wegmarken und theologische Optionen im Spannungsfeld von Einheit und Vielfalt (=Das Östliche Christentum 63), Würzburg 2018, S. 48

23 vgl. ebd., S. 52

24 vgl. Basdekis, Athanasios, Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen, Frankfurt am Main 2007, S. 58

25 vgl. Oeldemann, Johannes, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2008, S. 189

26 vgl. Alfeyev, Metropolit Hilarion, Geheimnis des Glaubens. Einführung in die orthodoxe dogmatische Theologie (=Studia Oecumenica Friburgensia 43), Münster 2019, S. 185

27 vgl. Djuric Milovanovic, Aleksandra/ Radic, Radmila (Hg.), Orthodox Christian Renewal Movements in Eastern Europe, Cham 2017, S. 1

28 vgl. ebd., S. 13

29 vgl. Oeldemann, Johannes, Die Kirchen des christlichen Ostens. Orthodoxe, orientalische und mit Rom unierte Ostkirchen, Kevelaer 2008, S. 156

30 vgl. ebd., S. 191

31 vgl. Basdekis, Athanasios, Die Orthodoxe Kirche. Eine Handreichung für nicht-orthodoxe und orthodoxe Christen und Kirchen, Frankfurt am Main 2007, S. 58

32 vgl. Elsner, Regina, Die Russische Orthodoxe Kirche vor der Herausforderung Moderne. Historische Wegmarken und theologische Optionen im Spannungsfeld von Einheit und Vielfalt (=Das Östliche Christentum 63), Würzburg 2018, S. 47

33 vgl. ebd., S. 181

34 vgl. Alfeyev, Metropolit Hilarion, Geheimnis des Glaubens. Einführung in die orthodoxe dogmatische Theologie (=Studia Oecumenica Friburgensia 43), Münster 2019, S. 185

35 ebd., S. 186

36 vgl. Djuric Milovanovic, Aleksandra/ Radic, Radmila (Hg.), Orthodox Christian Renewal Movements in Eastern Europe, Cham 2017, S. 184

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Details

Titel
Die Göttliche Liturgie der Orthodoxen Kirche im Spannungsverhältnis von Tradition und Erneuerung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Liturgiewissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
36
Katalognummer
V936856
ISBN (eBook)
9783346268006
ISBN (Buch)
9783346268013
Sprache
Deutsch
Schlagworte
göttliche, liturgie, orthodoxen, kirche, spannungsverhältnis, tradition, erneuerung
Arbeit zitieren
Tobias Laubrock (Autor:in), 2020, Die Göttliche Liturgie der Orthodoxen Kirche im Spannungsverhältnis von Tradition und Erneuerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/936856

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