Die Examensarbeit beschäftigt sich mit dem Tourette-Syndrom, wobei der Blickwinkel aus sprachlichen und förderpädagogischen Perspektiven erfolgt. Zielstellung meiner Arbeit ist, ein möglichst umfassendes Bild zum Tourette-Syndrom und somit einen Teil Aufklärungsarbeit zu leisten.
In der Arbeit werden zum Ersten geschichtliche Hintergründe sowie Paradigmenwechsel bei der Betrachtung des Syndroms im Laufe der Vergangenheit vorgestellt. Weiterhin werden differentialdiagnostisch das Störungsbild und der Krankheitsverlauf dargelegt. Auf vokale Tics und wissenschaftliche Studien in diesem Zusammenhang (syntaktische und andere sprachliche Aspekte) wird vertiefend eingegangen. Thematisiert werden außerdem Nebenerscheinungen des TS, wie z.B. ADHS, Depressionen, Auto-Aggressionen, Lernstörungen u.v.m. , sowie die aktuellen Ätiologiehypothesen der Erkrankung. Therapieansätze werden vorgestellt.
Ein großer Teil der Arbeit widmet sich der pädagogischen Arbeit mit TS-Kindern und stellt konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Unterricht vor. Eine kritische Einschätzung der Maßnahmen wird vorgenommen. Zu diesem Kapitel gehören eine Fallbetrachtung und Meinungen von Betroffenen aus einem Tourette-Forum.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Blick auf das Tourette-Syndrom
3. Das Tourette-Syndrom – eine kurze Wesensbestimmung
3.1. Definition von Tics
3.2. Hauptmerkmale des Tourette-Syndroms
4. Differenzierte Betrachtung der Symptome unter sprachlicher Akzenturierung
4.1. Motorische Tics
4.1.1. Einfache motorische Tics
4.1.2. Komplexe motorische Tics
4.1.3. Häufigkeiten motorischer Tics
4.2. Vokale Tics – der sprachliche Aspekt des Tourette-Syndroms
4.2.1. Einfache vokale Tics
4.2.2. Komplexe vokale Tics
4.2.3. Koprolalie
4.2.4. Echolalie und Palilalie
4.2.5. Syntaktisches Auftreten der vokalen Tics
4.2.6. Abweichungen der sprachlichen Fähigkeiten bei Tourette-Patienten als Ansatzpunkt für sprachheilpädagogische Maßnahmen
4.2.7. Stottern und Tourette
5. Krankheitsverlauf
6. Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms und ihre sprachliche Dimension
6.1. Sprachliche und andere Zwänge, Zwangshandlungen und Zwangsgedanken
6.2. Depressivität, Aggressivität und selbstdestruktives Verhalten aufgrund ‚andersartiger’ Kommunikationsvoraussetzungen
6.3. Hyperkinetisches Syndrom
6.4. Lese-Rechtschreib-Schwäche und andere Lernstörungen
6.5. Überdurchschnittliche motorische, sprachliche und künstlerische Fähigkeiten
7. Ätiologie
7.1. Genetische Dispositionen
7.2. Organische Faktoren
7.2.1. Auffälligkeiten der subkortikalen Strukturen, insbesondere der Basalganglien
7.2.2. Imbalance der Neurotransmitter
7.2.3. Hirnanatomische Veränderungen und Auffälligkeiten im EEG
7.3. Modellvorstellungen zur Tic-Entstehung
8. Diagnostik unter förderpädagogischen und klinischen Gesichtspunkten
9. Behandlung des Tourette-Syndroms
9.1. Medikamentöse Behandlung
9.2. Verhaltenstherapeutische Behandlung, insbesondere das Habit Reversal Training
10. Fallbeispiel
10.1. Beschreibung des Vorgehens
10.2. Allgemeine Angaben zum Kind
10.3. Vorgeschichte und Umfeld
10.3.1. Informationen aus schriftlichen Quellen (Schülerakte) zum Störungsbild
10.3.2. Auswertung der Beobachtungen
10.3.3. Auswertung der Fragebögen der Mutter und der Klassenlehrerin
11. Förderpädagogische Interventionen bei Kindern mit Tourette-Syndrom
11.1. Schulerfahrungen von Personen mit TS
11.2. Die ‚richtige’ Schulform
11.3. Vorschläge zum (förder)pädagogischen Umgang mit dem Tourette-Syndrom
11.3.1. Leitlinien für den Unterricht bezüglich Aufmerksamkeitsproblemen, sprachlicher und schriftsprachlicher Einschränkungen
11.3.2. Maßnahmen bei vokalen Tics und sprachlichen Problemen
11.3.3. Schriftliche Leistungsüberprüfungen und Hausaufgaben
11.4. Vorschläge zum (förder)pädagogischen Umgang mit anderen Auffälligkeiten, die im Zusammenhang mit dem TS stehen
11.4.1. Anregungen zu Interventionen bei Aufmerksamkeitsstörungen
11.4.2. Anregungen zu Interventionen bei Zwangssymptomen
11.4.3. Anregungen zu Interventionen bei aggressivem Verhalten aufgrund gestörter Impulskontrolle
11.4.4. Einblicke in förderpädagogische Maßnahmen bei Lernstörungen und Leistungsschwächen, Sprechstörungen und Leseschwächen
11.5. Kritische Betrachtung der Maßnahmen
17. Anhang
17.1. Materialien zur Diagnostik/ vokalen und motorischen Einschätzung des TS und seiner Komorbiditäten
17.1.1. Tourette-Syndrom-Globalskala (TSGS) (nach Harcherik et al. 1984)
17.1.2. Tourette-Syndrom-Schweregrad-Skala (TSSS) (nach Shapiro et al. 1988); Auszug
17.1.3. Tourette-Syndrom-Symptomliste (TSSL) (nach Leckman et al. 1988)
17.1.4. Conners-Skala zum hyperkinetischen Syndrom (modifiziert)
17.1.5. Leyton-Zwangssyndrom-Fragebogen für Kinder (Berg et al. 1986, bearb. v. H.-C. Steinhausen 1988); Auszug
17.1.6. Zwangsfragebogen für Patienten mit Ticstörungen (nach Frankel et al. 1986; modifiziert); Auszug
17.2. Hospitationsprotokolle
17.2.1. Hospitationsprotokoll 06.04.2006: Hauswirtschaft
17.2.2. Hospitationsprotokoll 11.05.2006 (1): Doppelstunde Hauswirtschaft
17.2.3. Hospitationsprotokoll 11.05.2006 (2): Vertretungsstunde Deutsch
17.3. Fragebögen zum Fallbeispiel
17.3.1. Elternfragebogen zu M., ausgefüllt von der Mutter des Jungen
17.3.2. Lehrerfragebogen zu M., ausgefüllt von der Klassenlehrerin des Jungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, ein umfassendes Bild des Tourette-Syndroms unter besonderer Berücksichtigung sprachwissenschaftlicher und förderpädagogischer Perspektiven zu vermitteln und durch fundierte Aufklärungsarbeit einen Beitrag zum besseren Verständnis dieses Störungsbildes im schulischen Kontext zu leisten.
- Historische Erklärungsansätze und Paradigmenwechsel in der Pathogenese
- Differenzierte Symptomanalyse (motorische vs. vokale Tics, Koprolalie, Echolalie)
- Klinische Komorbiditäten wie ADHS, Zwangsstörungen und Lernstörungen
- Ätiologische Modelle (Genetik, neurobiologische Aspekte, Stress-Diathesis-Modell)
- Förderpädagogische Interventionsstrategien im Unterricht
Auszug aus dem Buch
4.2.3. Koprolalie
Eine Besonderheit der vokalen Tics ist die sogenannte Koprolalie, die allerdings nicht zwingend auftritt und kein Diagnosekriterium für das TS ist. Die Koprolalie kann auch bei dementen oder aphasischen 10 Patienten auftreten (vgl. MORRIS 2000, S. 1999). Der Betroffene muss immer wieder Schimpfwörter, Flüche, obszöne Begriffe oder ganze Sätze, die emotional negativ besetzt sind, ausstoßen. Die Zahlen zur Häufigkeit schwanken. Laut Robertson tritt die Koprolalie bei 38% der Patienten auf (ROBERTSON et al. 1989, zit. n. SCHAUENBURG/ DRESSLER 1992, S. 455), laut SINGER variieren die Angaben zwischen 8% und 40% (SINGER 1997, zit. n. Wittmann 2001, S. 47, Online im Internet) und nach einer neueren Studie mit 3500 Patienten wird von 14% ausgegangen, die von Koprolalie betroffen sind (FREEMAN 2000, zit. n. Wittmann 2001, S. 47, Online im Internet).
Generell werden die Zahlen zur Häufigkeit der Koprolalie immer niedriger, da sich im Laufe der Zeit die Diagnosekriterien für das TS erweitert haben, somit auch leichtere Fälle diagnostiziert werden können und sich aufgrund dessen die Gesamtzahl diagnostizierter Tourette-Fälle stetig erhöht (vgl. WITTMANN 2001, S. 48, Online im Internet). Die Koprolalie prägt sich vornehmlich erst in der Adoleszenz aus (vgl. SCHAUENBURG/ DRESSLER 1992, S. 454) bzw. findet dann ihren Höhepunkt, und ebbt im Erwachsenenalter wieder ab (GOLDENBERG et al. 1994, zit. n. Wittmann 2001, S. 48, Online im Internet). Die Provokationen unterscheiden sich vom normalen Fluchen dahingehend, dass sie besonders laut, mit ungewöhnlicher Sprechmelodie und Tonhöhe und teilweise mit verwaschener Artikulation geäußert werden (vgl. ROTHENBERGER 1991, S. 167).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Arbeit beleuchtet das Tourette-Syndrom aus sprachlicher und förderpädagogischer Sicht, motiviert durch die geringe Bekanntheit des Störungsbildes und den Wunsch nach Aufklärung.
2. Historischer Blick auf das Tourette-Syndrom: Der Abschnitt rekapituliert die geschichtliche Wahrnehmung der Erkrankung von der Antike über die Inquisition bis hin zur wissenschaftlichen Erstbeschreibung durch Gilles de la Tourette.
3. Das Tourette-Syndrom – eine kurze Wesensbestimmung: Hier wird das Syndrom anhand der Kriterien des DSM-IV definiert und von anderen Bewegungsstörungen differentialdiagnostisch abgegrenzt.
4. Differenzierte Betrachtung der Symptome unter sprachlicher Akzenturierung: Dieses Kapitel detailliert motorische und vokale Tics sowie deren Auswirkungen auf den Sprachgebrauch und die schulische Kommunikation.
5. Krankheitsverlauf: Der Verlauf der Erkrankung wird als chronisch, aber fluktuierend beschrieben, wobei individuelle Lebensumstände und Stress eine wesentliche Rolle spielen.
6. Begleiterscheinungen des Tourette-Syndroms und ihre sprachliche Dimension: Hier werden Komorbiditäten wie Zwangsstörungen, ADHS, affektive Störungen sowie die besonderen Talente von Betroffenen analysiert.
7. Ätiologie: Der Fokus liegt auf genetischen Dispositionen und organischen Faktoren, ergänzt durch aktuelle Modellvorstellungen wie das Stress-Diathesis-Modell.
8. Diagnostik unter förderpädagogischen und klinischen Gesichtspunkten: Es wird dargelegt, dass die Diagnose primär klinisch erfolgt und der förderdiagnostische Ansatz im Vordergrund steht, um passende Hilfen zu initiieren.
9. Behandlung des Tourette-Syndroms: Die Möglichkeiten umfassen sowohl pharmakologische Interventionen als auch verhaltenstherapeutische Ansätze, insbesondere das Habit Reversal Training.
10. Fallbeispiel: Basierend auf Hospitationen wird der schulische Alltag eines Tourette-Kindes analysiert und die Diskrepanz zwischen häuslicher und schulischer Symptomwahrnehmung verdeutlicht.
11. Förderpädagogische Interventionen bei Kindern mit Tourette-Syndrom: Dieser zentrale Teil enthält praxisorientierte Leitlinien für den Unterricht, den Umgang mit Lernstörungen und die Anpassung von Prüfungsbedingungen.
Schlüsselwörter
Tourette-Syndrom, Tics, Koprolalie, Echolalie, Palilalie, ADHS, Förderpädagogik, Habit Reversal Training, Komorbidität, Basalganglien, Inklusion, Schulalltag, Sprachheilpädagogik, Symptomkontrolle, Impulskontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Tourette-Syndrom aus einer fachdidaktischen und förderpädagogischen Perspektive, um Lehrkräften fundiertes Wissen über die Erkrankung und den Umgang mit betroffenen Schülern zu vermitteln.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der klinischen Symptomatik, den ätiologischen Hintergründen, den schulischen Begleiterscheinungen und der konkreten Gestaltung pädagogischer Interventionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten, um die häufige Stigmatisierung und das Unverständnis gegenüber Tourette-Schülern im Schulalltag abzubauen und effektive Lernhilfen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Neben einer fundierten Literaturrecherche und -analyse wird eine qualitative Fallstudie eines betroffenen Schülers durchgeführt, ergänzt durch Hospitationsprotokolle und Fragebogenauswertungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die medizinisch-klinischen Grundlagen der Tics, die Analyse von Komorbiditäten, die diagnostischen Verfahren sowie konkrete Handlungsanweisungen für den pädagogischen Alltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Tourette-Syndrom, Tics, Förderpädagogik, Inklusion, ADHS, Habit Reversal Training, Schulerfahrungen und Impulskontrolle.
Warum wird im Fallbeispiel die Diskrepanz zwischen Schule und Elternhaus betont?
Dies verdeutlicht, dass betroffene Kinder Tics in der Schule oft unterdrücken, um sich anzupassen, was zu Fehlinterpretationen durch Lehrkräfte führen kann, während die Symptomatik zu Hause aufgrund der Vertrautheit stärker hervortritt.
Was bedeutet das "Habit Reversal Training" in diesem Kontext?
Es ist ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, bei dem Betroffene lernen, durch bewusste Gegenbewegungen oder Atemmuster ein Tic-Ereignis zu unterbinden oder in eine sozial akzeptierte Handlung umzuleiten.
- Quote paper
- Susann Sulzbach (Author), 2006, Das Tourette-Syndrom unter sprachwissenschaftlicher und pädagogischer Betrachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93691