Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers

Untersucht anhand einer Werkanalyse der Videoarbeit 'Half Sleep'


Examensarbeit, 2008

103 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Fragment

2.1 Der Begriff des Fragments
2.1.1 Textfragmente aus germanistischer Perspektive
2.1.2 Körperfragmente aus medizinischer Perspektive
2.1.3 Die Reliquie
2.2 Fragmentarische Wahrnehmungen
2.3 Das Fragment als ästhetische Kategorie nach einer Arbeit von Eberhard Ostermann
2.3.1 Die Idee der vollkommenen Ganzheit
2.3.2 Status einer verhinderten Ganzheit
2.3.3 Distanzierung von der idealistischen Ganzheitsidee

3 Perspektiven des Fragmentarischen in der Kunstgeschichte
3.1 Fragment als Ergebnis einer Zerstörung
3.1.1 Natürliche Vergänglichkeit der Dinge
3.1.2 Kriegerische Zerstörung und ihre Spuren
3.2 Die Schönheit des Fragmentes
3.3 Die Utopie der Totalität und ihre Auflösungstendenzen
3.4 Fragmentarische Strukturen der zeitgenössischen Medien Fotografie,
Film und Video
3.4.1 Mediale Differenzen
3.4.2 Formen der Fragmentierung beim Aufnahmeprozess
3.4.3 Formen der Fragmentierung durch Nachbearbeitung
3.5 Zusammenfassung: Formen fragmentarischer Strukturen in der Kunst

4 Das künstlerische Werk Nan Hoovers
4.1 Biografie Nan Hoovers
4.2 Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers
4.2.1 grafisches und malerisches Werk
4.2.2 Installation und Performance
4.2.3 fotografisches Werk und Video
4.3 Werkanalyse der Videoarbeit ‚Half Sleep’ (1984)
4.3.1 Erster Eindruck
4.3.2 Werkbeschreibung mit Blick auf fragmentarische Strukturen
4.3.3 Das Phänomen der Synästhesie in Bezug zum Werk
4.3.4 Das Motiv der Zeit im Werk
4.3.5 Das Motiv des Lichtes im Werk
4.4 interpretation der Videoarbeit ‚Half Sleep’ in Bezug zur Grundannahme fragmentarischer Strukturen und ihrer Funktion im Werk Nan Hoovers

5 Zusammenfassung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„ Wer das Fragmentarische zu fassen versucht, wird zwangsläufig fragmentarisch blei- ben, denn er stellt im Verlauf des Schreibens fest, daßeigentlich alles Bruchstück ist. “ [1] .

Christoph Meckel

Diese Arbeit ist der Versuch einer Bestimmung des Begriffes ‚Fragment’ als ein allgegen- wärtiger Faktor unseres Lebens, der - immer schon präsent - seinen Eingang in die Kunst als eigenständige ästhetische Kategorie erst Ende des 19. Jahrhunderts fand. Vielleicht mag von der Position Christoph Meckels (1978) aus eine Betrachtung des Fragmentes widersinnig erscheinen, da jede Form einer Klassifizierung letztlich Don Quichots Kampf gegen Windmühlen gleicht und jede Behauptung einer intentional begründeten Verwen- dung fragmentarischer Strukturen als nichtig erklärt. Fraglich bleibt aber: Wenn alles Fragment ist, woher wissen wir dann, dass es Fragment ist? Meckels Perspektive hinkt am fehlenden Bezugspunkt, denn Bruchstücke existieren nur dort, wo es etwas Vollstän- diges gibt bzw. gab. Hier schließt sich die Frage an, was dieses geschlossene Ganze ist, an dem sich die Welt als fragmentarisch erweist?

Diese Argumentation zeigt, unabhängig vom Begriff ‚Fragment’ oder einem Gegenstand, besitzt nahezu jedermann ein gewisses Bewusstsein darüber, wie sich ein Ganzes und seine Bruchstücke in der Realität präsentieren. Es handelt sich also um individuelle Vor- stellungskonzepte, nach denen wir unser Umfeld beurteilen, welches in Abhängigkeit zu historischen Ereignissen und Weltverständnissen zu betrachten ist und somit einem stän- digen Wandel unterliegt.

In dieser Arbeit soll daher nicht allein untersucht werden, wie sich der Begriff des Frag- mentes bestimmen lässt. Vielmehr soll gleichzeitig analysiert werden, wie sich die Be- deutung des Begriffes Fragment unter bestimmten Bedingungen verändert und in welcher Form und Absicht, fragmentarische Strukturen Eingang in die Kunst als Präsentationsflä- che kultureller und individueller Weltkonzepte fanden. Die Wahl einer zeitgenössischen Künstlerin zur beispielhaften Untersuchung der Form und Intention verwendeter frag- mentarischer Strukturen soll der Auseinandersetzung mit dem Fragment als ästhetischem Mittel in der Gegenwart einen vorläufigen Endpunkt setzen. Das Werk der nordamerika- nischen Künstlerin Nan Hoover trat dabei als interessanter Forschungsgegenstand hervor, da sie trotz der internationalen Tendenzen der Abstraktion, gegenständlichen Bildinhalten verhaftet blieb. Nicht nur ihre figurative Arbeitsweise, sondern ebenso ihr grenzüber- schreitender Einsatz künstlerischer Medien, geben ihrem Werk eine Sonderstellung in der Nachkriegsmoderne. Da ihre Arbeit keiner konkreten Kunstströmung zuzuordnen ist, er- möglicht sie eine unabhängige Untersuchung möglicher fragmentarischer Strukturen. Folglich lautet die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit: Finden sich fragmentarische Strukturen im künstlerischen Werk Nan Hoovers und wenn ja, in welcher Form und Funk- tion treten diese auf?

Erscheint die Thematik auch schwer greifbar, so zeichnen sich bei einer ersten Annähe- rung an den Forschungsgegenstand in der Literatur drei wesentliche Tendenzen der Be- trachtung ab: (1) Die schöpferischer Ergebnisse, ihrer Ursachen und Absichten von Frag- mentarizität in der Musik, Literatur und Kunst [2], (2) die Untersuchung körperlicher Fragmentierungen, ihrer Bedeutungen und Beziehungen zum Körperverständnis [3] sowie (3) fragmentierende Aspekte unserer Wahrnehmung von Welt, die in engem Zusammenhang mit der Fragwürdigkeit der Wirklichkeitswahrnehmung durch visuelle Medien stehen. Daher liegt es nahe, den Vorbetrachtungen zum Begriff des Fragmentes im Kapitel 2 eine daran orientierte Struktur zugrunde zu legen, bevor diese im anschließenden Punkt in eine kunsthistorische Betrachtung übergehen.

Im Folgenden widmet sich Kapitel 4 der ausführlichen Beschreibung und Analyse des Werkes der zeitgenössischen Künstlerin Nan Hoover. Nachdem in einem ersten Schritt ein Einblick in ihre Biografie gegeben wird, begibt sich die anschließende Betrachtung auf die Suche nach fragmentarischen Strukturen. Dieser Schritt dient der Prüfung der These: Das Werk Nan Hoovers weist fragmentarische Strukturen als werkverbindende Ästhetik auf. Im Anschluss findet die beispielhafte Werkanalyse der Videoarbeit ‚Half Sleep’ über erste Eindrücke und eine Werkbeschreibung Zugang zur detaillierten Motiv- betrachtung. Hierbei richtet sich das Augenmerk auf einen möglichen funktionalen Zu- sammenhang zwischen fragmentarischen Formen und Hoovers werkbezeichnender Aus- sage: „[…] der Charakter des Taktilen. Das zieht sich durch mein ganzes Werk.“ [4]. Die Interpretation der Videoarbeit ‚Half Sleep’ in Bezug zur Grundannahme fragmentarischer Strukturen und ihrer Funktion im Werk Nan Hoovers mündet schließlich in der Verifizie- rung bzw. Falsifizierung der Forschungsthese: Die Verwendung fragmentarischer Struk- turen im Werk Nan Hoovers als visuelles ästhetisches Mittel dient der sinnlich taktilen Erfahrung des Kunstwerkes. Schlussendlich führen die Betrachtungen in die finale Beant- wortung der Forschungsfrage.

Mit diesem Vorgehen verfolgt die Arbeit das Ziel, den Begriff ‚Fragment’ in seinem Be- deutungsspektrum nachzuzeichnen, wobei der Schwerpunkt auf seiner kunsthistorischen Verwendung als ästhetisches Mittel und seiner transportierenden Intentionen liegt.

Das Fragment

Walburga Hülk (1999) fasst, einleitend zu ihrer Arbeit Zerscherbtes Paktum. Ü ber einige Bruchstücke bei Kleist und Flaubert, die Situation mit der man sich nach einer ersten Recherche der Literatur zur Thematik Fragment konfrontiert sieht, sehr pointiert zusam- men:

„Fragmente, so scheint es, sind von Anfang an Teil menschlicher Erzählungen, Fragmente hat die Geschichte der Künste immer schon hinterlassen: Zerschlagene Häupter […], rudimentäre Höh- lenzeichnungen […] Techniken der Durchdringung, Zerteilung, Zerfaserung und Synthetisierung von Körper, Zeit und Raum, seien es die Eisenbahn- oder Flugreise, Röntgen- und Laserstrahlen, die Computeranimation. […] die religiöse Inbrunst aber auch gegenüber den heiligen Reliquien und der romantische Kult der Ruinen; die Phantasien körperlicher Zerstückelung - in der Psycho- analyse eingegangen als Symptome der Kastrationsangst - und die hysterische Theatralisierung einzelner Organe: Konzepte, Natur- und Kulturgeschichte des Fragments scheinen unerschöpflich.“[5]

Das Zitat gibt einen ersten Einblick in die Weite und Allgegenwärtigkeit des Begriffskon- zeptes ‚Fragment’. Die hierin aufscheinende Komplexität einer umfassenden Bestim- mung des Terminus ‚Fragment’ ist Motivation der folgenden Kapitel, in denen der Begriff eine Aufschlüsselung erfahren soll. Allerdings können im Rahmen dieser Arbeit auch nur ausgewählte Gebiete beleuchtet werden, in denen dem Fragment eine spezifische Bedeu- tung zukommt. Das heißt, für die vorliegenden Betrachtungen müssen, aus vorrangig ökonomischen Gründen, jene Vorkommnisse und Verwendungsbereiche des Begriffes entfallen, die sich den dargelegten Konzepten oder einem alltagssprachlichen Gebrauch zuordnen lassen.

2.1 Der Begriff des Fragments

Die beschriebene Vorgehensweise erfordert eine Klärung des Fragmentbegriffes.

Laut der wortgeschichtlichen Betrachtung des Ausdrucks ‚Fragment’ im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, handelt es sich um eine Eindeutschung des lateinischen Wortes ‚fragmen, fragmentum’ mit der Grundform ‚frangere’. Es ist mit ‚zertrümmern, zerbrechen’ zu übersetzen und „[…] meint ursprünglich die nachträgliche Zerstörung einer gegebenen (textuellen) Einheit […].“ [6]. Dieser rein materielle Bezug auf ein zertrümmertes, zerteiltes Objekt, wird als grundlegendste Bedeutung postuliert, da sie dem semantischen Gebrauch des Wortes entspricht wie es bereits in der Antike verwendet wurde. Er beschreibt demnach explizit materielle Objekte wie Holz, Stein oder Brot, die durch gewisse Umstände in Form eines Bruchstückes vorhanden sind.[7]

Geht die ursprüngliche Bedeutung von der Position des Verlustes einer Ganzheit aus, bezieht eine weiter gefasste Wortbedeutung das Unvollendete der Ganzheit, im Sinne ei- nes unabsichtlichen oder absichtlichen Verfehlens einer Einheit ein [8].

Die Brockhaus Enzyklopädie fasst die allgemeine Definition des ‚Fragments’ mit den Worten „[…] etwas Unvollendetes; Bruchstück.“ [9] zusammen. Obwohl die letztere der beiden Definitionen den Aspekt der Intention vernachlässigt, verdeutlicht sie doch durch ihre Knappheit die semantische Ambivalenz dieses begrifflichen Gegensatzpaares. Eber- hard Ostermann (1991) spricht hier von dem Potential des Fragmentbegriffes als ästheti- sche Kategorie sowie als Metapher, welches sich darin begründet, „[…] daß er die Vorstellung einer Ganzheit nicht ausschließt, sondern auf eine verdeckte Weise impliziert, zugleich aber den Status dieser Ganzheit nicht eindeutig festlegt, so daß es demjenigen überlassen bleibt, der den Begriff verwendet, ob er das Ganze fragmentarisch als zerfallen, als zerstückelt oder teilweise realisiert verstanden wissen will.“ [10]

Der Begriff des Fragments hat demnach diametrale Bedeutungsstrukturen zwischen Zerfall und Entstehung. Somit ist er nicht ausschließlich negativ konnotiert als Sinnbild einer Vergänglichkeit der Welt.

Für die folgenden Ausführungen erscheint es angebracht, die sprachlichen Analogiebil- dungen zum Wort Fragment vorab zu klären, da diese im weiteren Verlauf immer wieder Verwendung finden. Das Nomen ‚Fragment’ wird adjektivisch in Form von ‚fragmenta- risch’ bzw. ‚fragmentär’ gebraucht und bedeutet analog dazu, ‚bruchstückhaft, unvollen- det’ [11]. Während das Adjektiv von Fragment die semantische Ambivalenz übernimmt, ist die Verbform ‚fragmentieren’ eindeutig bestimmt mit: „in Bruchstücke zerlegen.“ [12]. Hie- raus gehen die Substantivierungen ‚Fragmentierung’, ‚Fragmentarizität’ oder ‚das Frag- mentieren’ hervor, die semantisch der Verbform gleichen. Der Begriff der Fragmentierung erhält auf dem Gebiet der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) eine Bedeutungser- weiterung als „[…] ungeordnete Zergliederung eines Speichers in Bereiche, die von Pro- grammen oder Daten belegt sind.“ [13]. Als Letztes soll noch die Wortbildungsform der ‚Fragmentation’ erläutert werden. Hierbei handelt es sich ebenfalls um einen fachspezifi- schen Begriff. Für den Bereich der Botanik und Genetik beschreibt die Fragmentation eine Durchschnürung des Zellkerns ohne eine genaue Chromosomenverteilung bzw. eine ungeschlechtliche Vermehrung, durch die Zerteilung der Mutterpflanze [14]. Allgemeiner wird ‚Fragmentation’ in der Bedeutung des Zerfalls von Zellen oder Zellbestandteilen benutzt [15].

Anhand der möglichen Wortbildungsformen des Wortes ‚Fragment’ wird einerseits er- sichtlich, dass der Gebrauch sich vorrangig auf die Bedeutung des Zerteilens, Auflösens beschränkt, das heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung gebraucht wird. Andererseits zeichnen sich spezifische Verwendungen des Begriffes in bestimmten Lebens- und For- schungsbereichen ab.

„Fast alles Formgewordene verfällt der Zeit, wird Scherbe, Restbestand, Verrott, Ramsch, Trümmerfeld oder Stoff des Vergessens. Fast alles Gemachte bleibt hinter der Vollendung zurück […].“ [16], schreibt Christoph Meckel (1978) in seinem Essay Ü ber das Fragmentarische. Diese Allgegenwärtigkeit des Fragments, wie sie auch bereits im Zitat Walburga Hülks (1999) und bei anderen Autoren, die sich zum Thema ‚Fragment’ äußern, zum Vorschein kommt, macht es fast unmöglich sich der Thematik systematisch zu nähern. Ostermann (1991) bezeichnet Typologisierungsversuche des Fragmentarischen als unergiebig, denn „Er [der Fragmentbegriff] lässt sich auf nahezu alles anwenden, vom kleinsten materiellen Parti- kel und von der flüchtigsten Erfahrung bis zum monumentalen philosophischen System, das die Wahrheit als Ganzheit durchdrungen zu haben behauptet, aber auch nur Fragment ist […]. Man hat dies auch das ‚Definitive des Fragmentarischen’ genannt, dem sich letztlich nichts entziehen kann.“ [17].

Ostermann ist insofern zu zustimmen, dass es nicht möglich ist das Fragmentarische voll- ends zu erfassen, weshalb auch diese Arbeit und ihr Betrachtungsgegenstand nur frag- mentarisch bleiben können. Trotzdem soll versucht werden, über die Bündelung von Vor- stellungskonzepten des Fragmentarischen einen grundlegenden Einblick zu geben.

Für die hier vorliegende Arbeit bedeutet das, dass primär in gegenständliche und wahr- nehmungsbedingte Fragmente unterschieden wird. Denn wie schon in der einleitenden Aussage Walburga Hülks (1999) deutlich wurde, ist der Gebrauch des Ausdrucks ‚Frag- ment’ keinesfalls auf eine materielle Ebene beschränkt. Er bezieht sich nicht nur auf Ob- jekte, die in fragmentierter bzw. unvollendeter Form existent sind. Es ist ebenso ein Phä- nomen der Wahrnehmung. Zum einen lässt sich der Akt der visuellen Wahrnehmung durch die Funktionsweise des Auges und der Vorstellungserzeugung als fragmentarisch bezeichnen. Zum anderen sind es besonders Veränderungen des Lebensumfeldes, begin- nend mit der Industrialisierung und ihren Folgeentwicklungen, der Mechanisierung und Technisierung des 19./ 20. Jahrhunderts, aber auch jüngste Entwicklungen, wie das Inter- net oder Mobilfunkgeräte, die die gewohnten Wahrnehmungen der Welt, beispielsweise von Raum und Zeit, immer wieder aufsplittern. Eine genauere Betrachtung würde an die- ser Stelle zu weit führen, da vorerst die Überlegungen zum gegenständlichen Fragment- begriff im Mittelpunkt stehen sollen. Auf den Aspekt der Wahrnehmung wird im Kapitel 2.2 unter dem Begriff der ‚fragmentarischen Wahrnehmung’ genauer einzugehen sein. Für die Ausführungen zum Fragmentbegriff gegenständlicher Referenzobjekte wurde eine weitere Untergliederung gewählt: in Textfragmente als Träger von Gedankengut, in Körperfragmente als Objekte der leiblichen Existenz und in Reliquien als besondere Form des religiösen Fragments.

2.1.1 Textfragmente aus germanistischer Perspektive

Dass textuelle Bruchstücke als Fragment Bezeichnung finden, ist auf ein Zitat in der Bibel zurückzuführen. In der johanneischen Version des Speisungswunders, so Ostermann (1991), fordert Jesu Christi dazu auf: „Sammelt die übrigen Brocken, auf daß nichts umkomme!“ (Joh. 6, 12). Die Textstelle, die allegorisch als Mahnung Christi gedeutet werden konnte, die Bruchstücke seiner Lehre einzusammeln, führte bereits im Mittelalter zur Betitelung einzelner Textstellen als Fragmente eines Gesamtwerkes. Vorerst geschah dies nur in Bezug auf die Bibel, ab dem 14./ 15. Jahrhundert auch für andere literarische Texte. [18] Besonders interessant erscheint hierbei, dass das Fragment in immaterieller Form als Brocken einer geistigen Lehre Anwendung findet.

Peter Strohschneiders (1997) Aussage, „Fragmente sind in der Literaturgeschichte allgegenwärtig.“ [19], bezieht sich auf den Tatbestand, dass Texte durch ihre schriftliche Fixierung an ein Medium - sei es Pergament, lose Blätter, ein gebundenes Buch oder auch eine digitale Datei – gebunden sind und somit dem Verfall oder einer möglichen Zerstörung des Mediums unterliegen. Jedoch ist dieses Problem nicht nur auf das Gebiet der Literaturwissenschaft zu beschränken, sondern stellt vielmehr eine generelle Bedro- hung von Schriftgut dar. Trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass besonders in den Geisteswissenschaften, deren grundlegendster Untersuchungsgegenstand Produkte schöpferischer Arbeit darstellen, die Vergänglichkeit dieser eine existenzielle Rolle für den wissenschaftlichen Bereich an sich spielt. Nicht nur der Verlust der künstlerischen Arbeiten als solche, sondern gerade der Verlust der von ihnen transportierten Inhalte, das Gedankengut, die sprachliche und poetische Vielfalt weisen ausreichend Gründe auf, weshalb die Geisteswissenschaften von jeher um den Erhalt ihrer schöpferischen Produk- te bemüht sind.

Das Spektrum der als Fragment bezeichneten Texte umfasst Vorlagen, denen einzelne Wörter, Sätze oder Abschnitte fehlen, kleinste Textreste bis hin zu vollständig verlorengegangen Schriften, die nur noch in Sekundärliteratur Erwähnung finden. Als Ursachen von Fragmentarizität führt Strohschneider (1997) drei wesentliche Aspekte an: die Produkti- onsbedingungen, konzeptionelle Aporien sowie die Rezeptionsbedingungen von Texten.

Produktionsbedingte Faktoren der Fragmentarizität von Texten

Produktionsbedingte Verluste können durch innere und äußere Faktoren zustande kom- men. Letztere sind beispielsweise das Abhandenkommen der Textvorlage, ein Wechsel oder der Verlust des Mäzen bzw. des Auftraggebers, aber auch veränderte oder wegfallen- de Kommunikationszusammenhänge, Medienstrukturen oder Publikationsformen kön- nen als äußere Umstände auftreten. [20] So blieb beispielsweise Bertolt Brechts Unterneh- men, das Kommunistische Manifest in Hexametern nachzuerzählen, um dem Verschleiß durch die Filmarbeit während des Exils in Hollywood entgegenzuwirken, fragmentarisch, da es für dieses Projekt keinen Adressaten gab [21]. Was sich damit begründen lässt, dass sich über die Zeit ein Textsortenwissen ausgebildet hat, das die Textsorte ‚Manifest’ den Sachtexten zuordnet und diese vom Rezipienten in prosaischer Form erwartet werden, wie das Original des Kommunistischen Manifestes.

In engen Zusammenhang mit den äußeren Umständen, da von diesen beeinflusst, stehen die inneren produktionshemmenden Faktoren. Zweifel am eigenen Vorhaben oder Angst, dass die Veröffentlichung auf wenig Resonanz stößt, sind derartige Ursachen, die sich oft in Schreibhemmungen des Autors äußern [22]. Ebenso der Tod des Autors, was Christoph Meckel (1978) als die häufigste Ursache für Textfragmente anführt:

„Das ist ganz einfach: ein Mensch wird nicht fertig. Unfall, Selbstmord, politische Haft und Krieg oder Wahnsinn beenden das Leben zu früh. Er wird nicht fertig, weil Krankheit, Tretmühle, Geldarbeit seine Zeit beschränken. […] Er wird nicht fertig, weil er, um die Spannung lebenslänglicher Arbeitskonsequenz zu ertragen, im Übermaß trinkt, hurt, ausschweift, ausbricht oder vorübergehend verblödet. Und er wird nicht fertig, weil Zeitumstände, Tagesgeschehen und Verpflichtungen eines Berufs ihn vom Arbeitstisch fernhalten.“ [23]

Das Textfragment wird damit zum Ausdruck eines fragmentierten Lebens, eines gestörten schriftstellerischen Arbeitsprozesses. Anders formuliert, erzeugt die Fragmentarizität des Lebens, Fragmente als Zeugen unserer Vergänglichkeit.

Konzeptionelle Aporien als Faktoren der Fragmentarizität von Texten

Zur Stagnation oder zum Abbruch des Schreibprozesses kann es ebenso durch konzep- tuelle Unauflösbarkeiten des Stoffes kommen [24]. So blieb beispielsweise das dreiteilige Werk des österreichischen Schriftstellers Robert Musil (1880 -1942), Der Mann ohne Eigenschaften Fragment, da „[…] dessen gedanklich-philosophische Lösung in so vie- le Richtungen ausfranst, daß die Richtung oder ein Grundgerüst des weiteren emplot- ment der verschiedenen Handlungsstränge nicht mehr auszumachen sind.“ [25].

Musil empfand diesen Zustand wie ‚Asphalt in der Füllfeder’. Eine entgegengesetzte Problematik zeigt sich bei dem französischen Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922), der mit der zunehmenden Häufung und Vielfalt des Stoffes, sich immer wieder animiert sah seinen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu überarbeiten. Es gelingt ihm zwar vor seinem Tod dem Werk ein Ende zu geben, doch bleiben einzelne Episo- den unvollendet. Gerard Genette (1980), französischer Literaturwissenschaftler, diffe- renziert anhand dieser beiden Autoren den Begriff der ‚Unvollendetheit’ in eine ‚Unab- schließbarkeit’ und eine, wie bei Proust vorkommende, ‚Unerschöpflichkeit’ eines Werkes. [26] Weist Ersteres einen eindeutigen Fragmentcharakter auf, so ist die Zuord- nung der Unerschöpflichkeit, laut Ursula Link-Heer (1999), uneindeutig. Da es sich bei Proust um einen in der Grundstruktur abgeschlossenen Roman handelt, der trotzdem eine offene Form besitzt, die immer wieder erweitert werden kann [27]. Link-Heer (1999) wählt daher den Begriff „[…] einer multiplen Einheit, die auch Disparitäten und Un- vollkommenheiten in sich aufnimmt, und gerade dadurch an Größe und Wirklichkeit gewinnt.“ [28]. Auch Christoph Meckel (1978) gesteht dem modernen Roman die Abge- schlossenheit zu, doch verwehrt er ihm die Vollendung. Denn der Wille zu einem voll- endeten Werk, „[…] ist der Wille zur restlosen und unerschöpflichen Verwandlung des Rohstoffs, also dessen, was ein Einzelner heute erfahren und wissen, mit Fühlhörnern zusammentasten, mit Flimmerhaaren herholen, mit Einbildungskraft und Denken sich aneignen kann.“ [29].

Dieser Äußerung ist nicht nur die Unmöglichkeit eines vollendeten Werkes implizit, son- dern ebenso - und darin liegt die Begründung - die Unmöglichkeit zum restlosen und unerschöpflichen Aufspüren und Verstehen der Welt als Grundlage eines vollendeten Wer- kes. Was, laut Meckel (1978), in der Antike und im Mittelalter, er nennt beispielhaft Ovid, Homer und Dante als Autoren großer Epen, möglich war, da sie innerhalb eines weltan- schaulichen und ästhetischen Konsensus entstanden, der heute nicht mehr existiert [30].

Meckels (1978) Position ist die eines Außenstehenden. Er schaut distanziert auf die zu- nehmende Ausdifferenzierung des Wissens, der Gesellschaft und somit der Weltanschau- ungen. Eine Entwicklung, die sich auch in den Künsten niederschlägt und ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Aufsplitterung der Stile führt. Aus dieser Perspektive er- scheint die Welt fragmentiert, eine Zusammensetzung aus unterschiedlichsten Ansichten, Entwicklungen und Darstellungen, was jedes einzelne in ihr zu einem Fragment erklärt, da keines alles in sich zu vereinen mag. Ursula Link-Heer (1999) hingegen ist sehr nah an ihrem Untersuchungsgegenstand, das heißt sie bewertet den Fragmentcharakter nicht aus einem gesamtweltlichen Kontext heraus, sondern beurteilt die Fragmentarizität im Ab- gleich mit einer möglichen Geschlossenheit des Textes. Auch wenn Meckels (1978) Sichtweise nicht falsch ist, so ist sie für eine Untersuchung, die nach der Fragmentarizität von Objekten fragt, unbrauchbar, da sie keinen Diskussionsraum offen lässt.

Rezeptionsbedingte Faktoren der Fragmentarizität von Texten

Der letzte Aspekt nach Strohschneiders (1997) Einteilung ist die rezeptionsgeschichtliche Fragmentarisierung. Hierbei kommt es durch die Verfahren von Tradierung und Distribu- tion zu Verlusten, Änderungen oder Streichungen von Texten und Texteilen. Hier ist es oftmals der Autor selbst, der als erster Tradent seines Textes Veränderungen vornimmt [31]. Eine Überarbeitung aufgrund von Kritik seitens der Leserschaft scheint es kaum zu ge- ben, zumindest weiß Christoph Meckel (1978) nur von einem Beispiel zu berichten, bei dem James Joyce (1882 - 1941) „[…] irritiert durch die Kritik seiner Freunde an Finnegans Wake, überlegte, die Weiterarbeit einem irischen Kollegen - GEORGE MOORE - zu übertragen, einmaliger Fall von Krise durch Kritik.“ [32].

Die Einteilung Strohschneiders (1997), die hier zur Orientierung diente, gliedert die mög- lichen Ursachen für die Entstehung von Textfragmenten nach Kommunikationssituatio- nen, denen Texte ausgesetzt sind: Sei es zwischen Text und Umwelt, zwischen Text und Autor oder zwischen Autor und Umwelt als grundlegende Wechselwirkung, die ebenso in den Text einfließt. Auch wenn, diese Faktoren nicht prinzipiell voneinander trennbar sind, so sollte doch deutlich geworden sein, dass das Offenbleiben oder Nichtvollenden eines Textes in letzter Instanz vom Autor als Schöpfer abhängig ist. Verluste oder Streichungen eines vollendeten Werkes können hingegen durch autorunabhängige Faktoren zustande- kommen. Festzuhalten ist, dass dem Teilbereich des Textfragments die semantische Am- bivalenz von bruchstückhaftem und unvollendetem Fragment inhärent ist. Außerdem be- steht ein direkter Zusammenhang von materiellem und geistigem Verlust für die Fragmentierung von Texten. Aus germanistischer Perspektive ist ergänzend die Sonder- form des ‚Romantischen Fragments’ zu nennen, bei dem es sich nicht um ein Fragment im eigentlichen Sinne handelt, sondern um eine literarische Konzeption, die die Uner- schöpflichkeit in vollendeter Form präsentiert.

2.1.2 Körperfragmente aus medizinischer Perspektive

Im Bereich der Medizin ist der Begriff ‚Körperfragment’ nicht gebräuchlich. Er dient diesem Kapitel als Überbegriff für medizinische Fachausdrücke wie Prothesen bzw. medizinische Fachbereiche, die sich mit Fragmenten des Körpers beschäftigen, wie der Anatomie und der Transplantationsmedizin.

Der Körper als „[…] Ausgangspunkt und Urgrund unseres irdischen Seins.“ [33], erhält in Bezug zur Fragmentproblematik besondere Brisanz, da die Verletzlichkeit des Körpers, die Gefährdung seiner Intaktheit, die Gefährdung und letztlich die Vergänglichkeit unse- rer geistigen Existenz - Bewusstsein, Erinnerungen, Erfahrungen - impliziert. Die Rolle der Medizin ist dabei kompensatorischer Natur, indem sie Methoden und Mittel entwickelt hat und entwickelt, die Fehlfunktionen des Körpers zu korrigieren versucht und Ausfallerscheinungen, soweit möglich, ersetzt. Das Transplantieren von Organen und Körperteilen ist dabei keine Seltenheit. Doch basieren diese Kenntnisse auf der Erforschung des menschlichen Körpers, die ihren Ursprung in der Anatomie, dem analytischen Zergliedern desselben, hat [34].

Anatomische Medizin

Die Anatomie des menschlichen Körpers gehört zur grundlegenden Ausbildung eines Mediziners. Anatomiekurse im Grundstudium, in denen der anatomische Aufbau des Körpers gelehrt wird und die Studenten in Formaldehyd eingelegte Körperteile sezieren, ist auch heute noch wesentlicher Bestandteil des Medizinstudiums. Das Verstehen des Körpers in seinen Einzelteilen und ihrer Funktionsweisen bildet die Voraussetzung für die Diagnostik und Behandlung von Krankheiten. Sigrid Schades (1987) Aussage über die anatomischen Untersuchungen der Renaissancekünstler, „[…] die Zerstückelung geht eben der Vereinheitlichung voraus.“ [35] steht daher äquivalent zur medizinischen Anato- mie. Nicht nur das Anatomen und Künstler in der Renaissance eng zusammengearbeitet haben, sondern gerade die analytische Herangehensweise, die Fragmentierung des Kör- pers, zum verbesserten Verständnis seiner Existenzform, scheint hier identisch.

Andreas Vesalius (1514 - 1564), flämischer Chirurg und Anatom, gilt als Begründer der modernen Anatomie. Er gab 1543 in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jan Stephan von Kalkar (1499 - 1546/50) das wohl einflussreichste anatomische Werk der Geschichte De humani corporis fabrica libri septem (Über den Bau des menschlichen Körpers) heraus, das besonders durch seine detailgenauen Illustrationen bekannt wurde und Vesalius Ruhm und Reichtum einbrachte. [36] Als Vertreter der Renaissance steht er in der Tradition antiker Vorbilder wie Aristoteles, Platon und Galen, die bereits auf der Suche nach dem Geheim- nis des Lebens tote Körper sezierten [37]:

„[…] als Vesal die Poren im Septum der Herzkammerscheidewand, trotz mühseligen Suchens nicht findet, durch die doch dem Galen zufolge das Blut von dem einen in den anderen Ventrikel des Herzens fließt, bewundert er die Weisheit und Allmacht des Schöpfers, der Dinge schaffen kann, die so wunderbar funktionieren und dabei doch so klein sind, daß man sie nicht sieht.“ [38].

Dieses Zitat, so Michael Sonntag (1989), verdeutlichet Vesalius’ geistige Verankerung in seiner Zeit, in der die Welt aus einer von Gott geschaffenen Ordnung besteht, die sich als Makrokosmos im menschlichen Körper bzw. in den Dingen an sich als Mikrokosmos widerspiegelt. Doch Vesalius wissenschaftliche Vorgehensweise offenbart, wie auch bei anderen Anatomen der Zeit, Unstimmigkeiten mit den Lehren der antiken Schriften. Dass die frühen anatomischen Wissenschaftler weniger Vertrauen in ihre Beobachtungen set- zen als in die überlieferten Arbeiten der Antike, ist, laut Sonntag (1989), Ausdruck

„[…] eine[r] wachsende[n] Unsicherheit […] angesichts eines im Kleinen, im Mikrokosmos aus den Fugen geratenden Universums. Was hier konfiligiert, sind grundsätzlich verschiedene „Lesarten der Welt“. Solange sie in einer Ordnung der Ähnlichkeiten und in der Fülle der Signaturen geschrieben ist, solange die Natur und die Schriften das Corpus des göttlichen Textes ausmache, der die Welt ist, solange kann ein Galen nicht „irren“.“ [39].

Es ist ein geistiger Umbruch der sich im 16. Jahrhundert vollzieht. Dass Vesalius’ Fabrica und Kopernikus’ De revolutionibus orbium coelesticum im selben Jahr erscheinen, deuten auf ein grundlegendes wissenschaftliches Bedürfnis der Zeit. [40] Sonntag (1989) spricht hier von einer Krise zwischen der alten Welt, ‚dem Buch der Signaturen’, und der neuen Welt, ‚dem Buch Galileis und seiner Nachfolger’. Mit diesem Umbruch geht auch eine Veränderung des Körperverständnisses einher, er verliert seine Position als mikrokosmi- sches Pendant der Welt. Das heißt, der Aufbau, die Struktur des Körpers, die Verbindung der Teile sind nicht mehr aus der Welt und auch nicht analog zu tierischen Körpern erklär- bar, sondern am menschlichen Körper als eigenständig organischer Totalität neu zu be- stimmen. [41]

Die De humani corporis fabrica libri septem Vesalius’ vermittelt mit dem mehrdeutigen Begriff ‚fabrica’ [42] zwischen einer „[…] göttlichen Baukunst, die sich an ihm [dem Kör- per] zeigt […] und [der] Kunstgriffe des Anatomen, der diesen Bau kongenial zerlegen und daran die Geheimnisse des Körpers demonstrieren kann.“ [43]. Das Aufdecken der kör- perinneren Vorgänge mittels der Seziertechnik gehört zu den Anfängen einer empirisch analytischen Erforschung der Welt. Gewährt die göttliche Baukunst die organische Tota- lität des Körpers, ist es die Zerlegekunst des Anatomen, die eine Verständnisänderung, hin zu einer aus ihren Teilen gebildeten körperlichen Gesamtheit, einleitet. [44] Im folgen- den Jahrhundert entwickelt sich über gesellschaftliche Transformationsprozesse, wie der Aufgliederung handwerklicher Tätigkeiten in einseitige Teilarbeiten, zugunsten eines ko- operativen Gesamtprozesses der Manufakturen, ein Bewusstsein für Mechanisierung [45], das heißt, für eine Ganzheit, die nur durch ein funktionales Zusammenwirken aller Be- standteile, existent ist. [46] Das hieraus entstandene Körpermodell entspricht dem Verständ- nis des Organismus als „Gesamtkomplex der strukturell u. funktionell differenten Orga- ne, die im Leben koordiniert, sich wechselseitig beeinflussend zusammenwirken.“ [47]. Welche Bedeutung lässt sich daraus für Körperfragmente, hier in Bezug auf einzelne Or- gane, ableiten?

Das Körperfragment aus medizinischer Perspektive stellt damit einen notwendigen Teil der körperlichen Ganzheit dar, und zwar nicht nur als konstruktive Einheit, sondern vor allem als funktionales System. Ein Ausfall oder Defekt eines der Bestandteile kann die körperliche Existenz bedrohen, da das Funktionsgefüge gestört ist.

Basierte das Verständnis der körperlichen Funktionszusammenhänge zur Zeit Vesalius’ noch auf einer Einheit von Leib und Seele, so dass seelische Ungleichgewichte als Ursa- che für Dysfunktionen des Körpers galten [48], zeigt das mechanisierte Körperverständnis eine Art Objektivierung, bei der der Körper zum materiellen Träger der Seele wird. Das heißt, der Körper ist nicht mehr eine an die gottgegebene Seele gebundene Existenzform, sondern materielle Grundlage eines subjektiven Empfindens in Form von Subjektivität und Bewusstsein. Hierin gründet letztlich „Die Angst vor dem Tod […] [als] Angst vor dem Verlust der Subjektivität.“ [49]. Besonders deutlich wird dies im Bereich der Transplan- tationsmedizin, die durch den Austausch kranken Materials gegen fremdes gesundes Ma- terial, die körperliche Existenz und damit - scheinbar unberührt - auch die subjektive Existenz verlängert.

Transplantationsmedizin

Die Transplantationsmedizin entwickelte sich in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und hat seitdem seine technischen Möglichkeiten zunehmend erweitert und ausgebaut. Auch gibt es kaum noch Körperteile, die nicht verpflanzbar sind. Mit der rasanten medizinischen Entwicklung um den Erhalt und die Verlängerung menschlichen Lebens kommen Bedenken zum Vorschein.

So kritisieren die Psychologen Brähler und Decker (2001), dass eine Transplantations- ethik oft nur zu legitimieren versucht, was medizinisch möglich wurde. Dabei gerate leicht außer Acht, dass Lebendspender [50] sowie Empfänger, die Transplantation, trotz ih- rer lebensrettenden Absicht als eine Fragmentierung ihres Körpers wahrnehmen [51]: „[…] für den Patienten zerfällt der Körper in eine Bedeutungslandschaft, die neu zusammenge- fügt werden muss.“ [52].

Ersichtlich wird dieses Phänomen in einer Untersuchung von Wolfgang Pommer (1997), die sich mit der Empfänger-Spender-Beziehung bei Nierentransplantationen beschäftigt. Aus den Befragungen ging hervor, dass mehr als zwei Drittel der Empfänger einer Lei- chennierenspende, deren Spender anonym bleibt, auch noch nach einem Jahr gelegentlich an den unbekannten Spender denkt, womit dieser Aspekt, laut Pommer (1997), eines der Hauptbelastungsmomente im mittelfristigen Transplantationsverlauf darstellt. [53] Denn, so setzt Pommer (1997) seinen Ausführungen voran, eine geistige Integrationsverweigerung kann den somatischen Integrationsprozess des Organs, trotz der Behandlung mit Immun- suppressiva, negativ beeinflussen, sogar zur Abstoßung führen [54]. Solang der Spender über das transplantierte Organ Präsenz zeigt, kann nicht von einer empfundenen körperlichen Einheit gesprochen werden.

„Mit der Öffnung seines Körpers und der Durchdringung mit fremden Organen muss sich der Patient, um die Erfahrung der Transplantation auszuhalten, selber - zumindest teilweise - verdinglichen […].“ [55]

Brähler und Decker (2001) vertreten damit eine Art selbttherapeutischen Ansatz. Dieser lässt sich in der Untersuchung Pommers (1997) erkennen. Er berichtet von Patienten, die ihren Spenderorganen Namen gaben. So nannte ein Empfänger, sein aus den USA stammendes Transplantat ‚mein Ami’, ein anderer gab ihm den Namen ‚Felix’, wohlmöglich als Aus- druck über das Glück, die Chance auf ein neues und unabhängigeres Leben [56]. Die Personifi- zierung des Transplantats durch die Namensgebung spiegelt die Distanz die gegenüber dem fremden Organ besteht wider und erklärt es eindeutig zum Fragment in Bezug zum eigenen, durch die Geburt gegeben, Körper. Gleichzeitig dient die Namensfindung als Annäherungs- prozess, indem der Empfänger beginnt, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. [57]

Das, was die Anatomie dem Körperfragment, im Sinne eines Körperteils oder eines Or- gans, in der Theorie an Funktionalität zuweist, wird in der Transplantationsmedizin exis- tenziell. Ermöglicht es die moderne Medizin, den Körper gleich einer Maschine mittels Ersatzteilen seiner Sterblichkeit zu entrücken, so hat sie jedoch keine Antwort auf die psychologische Verarbeitung jenes Fragmentierungsprozesses. Vielmehr suchen die Pati- enten nach eigenen Wegen der Verarbeitung und Integration des lebensspenden Organs, durch das ein Teil, ein Fragment des Spenders im Körper des Empfängers fortbesteht.

2.1.3 Die Reliquie

Die Reliquie als Objekt kultischer Praxis offenbart in der theologischen Auseinandersetzung des 13. Jahrhunderts differente Ansichten über die Funktion der Heiligenverehrung und gibt aufgrund der zunehmend tolerierten Zerstückelung von Heiligenkörpern einen Einblick in die Debatte der Auferstehung des Leibes.

Reliquien dienen der Verehrung von Heiligen, indem sie in Form körperlicher Überreste, Grabtücher oder Gegenständen des Martyriums, als materielle Präsenz des jeweiligen Heiligen, seine göttliche Gnade über den Tod hinaus den Gläubigen zugänglich macht. Dabei sind zwei wesentliche Ansichten über das Verhältnis von Reliquie und Heiligem zu differenzieren. Thomas von Aquin (1225 - 1274) positioniert sich mit seiner Theorie von der Kontinuität der Form, wobei Primärmaterie durch die Seele zur Sekundärmaterie - dem Körper - geformt wird, entgegen der im Volk verbreiteten Ansicht, dass die Reliqui- en die Heiligen selbst wären. Denn aus seiner Theorie geht hervor, dass der Körper ohne Seele, also nach dem Tod, wieder zur Primärmaterie wird. [58] Kritiker vertraten die Mei- nung, dass dadurch dem Reliquienkult die Berechtigung entzogen würde [59]. Gründet die- ser doch auf dem Glauben, dass durch „[…] ihre Verehrung, durch Prozessionen, durch Berührung oder Kuss, selbst die Nähe ihrer Gegenwart […] eine Übertragung dieser Macht [bedeute].“ [60]. Der Glaube an eine Realpräsenz der Heiligen zeigt sich vor allem in ihrer heiligenden Funktion, so dass die Stätten in denen die Reliquien aufbewahrt wur- den, meist in Kirchen und Klöstern, gleichsam geheiligt wurden [61]. Johannes von Paris (1255/60 - 1306), ein Zeitgenosse Aquins und Vertreter seiner Theorie entgegnete diesem Vorwurf, „[…] daß sie [die Reliquien] uns Leben und Leiden der Heiligen in Erinnerung riefen. […] Daher sei er [der tote Körper] nur um der Seele Willen, die einstmals mit ihm vereint war, zu verehren.“ [62].

Während sich Aquins Form der Verehrung auf eine Art Vorbildwirkung der Heiligen be- schränkt, ist es der Glaube an die Wunderwirkungen der Heiligenreliquien und ihre heili- gende Wirkung auf das direkte Umfeld, der das Gebot der Unverrückbarkeit der Gräber allmählich außer Kraft setzt und in der darauf folgenden Zeit die Fragmentierung der Körper, wie es bei den Griechen üblich war, zu tolerieren beginnt [63]. Nicht zuletzt, da die lateinische Kirche ihre missionarische Funktion erkannte und so heilige Körperteile zur religiösen, aber auch politischen Eroberung von Gebieten einzusetzen begann:

„Eine Teilung des Körpers konnte fruchtbar sein. […] Das Herz eines Königs oder der Finger einer Jungfrau befruchteten die Erde, in der sie begraben waren, mit ihrer heiligen oder königlichen Macht. Je größer die Anzahl der Teile und damit der Orte war, wo vornehme oder heilige Gestalten nach ihrem Tod sich aufhielten, desto größer war auch die Anzahl der Gebete, die sie empfingen oder hervorriefen, und desto weiträumiger ihre Präsenz.“ [64]

Grundlegend für die Zerteilung der Heiligenkörper waren die Versicherung, dass sich in jedem einzelnen Teil die Wirkkraft des Ganzen wieder finde sowie die Zusicherung, dass die Körper mit der Auferstehung ihre Vollständigkeit wiedererlangen würden. [65] Trotz des Glaubens an eine posthume Zusammensetzung steht der Fragmentierungspraxis, der tief in der mittelalterlichen Kultur verwurzelten Vorstellung, der materiellen Kontinuität als wesentliche Voraussetzung der personalen Existenz gegenüber, die sich, laut Caroline Walker Bynum (1996), anhand von Volkssagen und volkssprachlichen Hagiografien nachvollziehen lässt [66]. Entsprechend der Heiligenverehrung liegt hier die Annahme vor, dass das Individuum sein Leib sei, ein mittelalterliches Körperverständnis, dass laut Wal- ker Bynum (1996), mit „[…] heutigen Ansichten, daß der Spender eines verpflanzten Organs in diesem weiterlebe, vergleichbar zu sein [scheint].“ [67].

Die Versicherung der identischen Wirkkraft einzelner Reliquienteile und ihrer ursprüng- lichen Ganzheit findet sich in der Hostie als Leib Christi, zumindest soweit man der Ar- gumentation des Benediktiner Mönches Guibert von Nogent (1053 - 1124) folgt. Er sieht in ihr „[…] Unteilbarkeit und Unverletzlichkeit - als letzte Verheißung Gottes an die Menschheit.“ [68], da sich trotz ihrer Fragmentierung, durch die Zähne und Verdauung der Menschen beim Abendmahl, in jedem kleinsten Teil der unversehrte Leib Christi findet. Er erklärt damit das eigentlich stilistische Mittel der Synekdoche des pars pro toto als wahrhaftig. [69] Diese Argumentationsführung setzt sich, so Walker Bynum (1996), auch in den Heiligenviten des 13. und 14. Jahrhunderts durch, mit dem Ziel die Grenzen zwi- schen Teil und Ganzem aufzuheben [70].

„[…] die Synekdoche [ist] mehr als eine rhetorische Figur; Metonymie wurde zum Wunder. Die Unvergänglichkeit des Leibes war Beweis der Heiligkeit; aber vor allem waren die Heiligen in jedem ihrer Teile vollständig präsent.“ [71]

2.2 Fragmentarische Wahrnehmungen

Der Begriff der fragmentarischen Wahrnehmung umfasst zwei differente Aspekte. Zum einen soll in diesem Kapitel die Fragmentierung unserer Sinneswahrnehmung beschrie- ben werden, die durch den primären Wahrnehmungsapparat, dem Auge, bestimmten Be- dingungen unterworfen ist. Zum anderen soll es um die zunehmende Ausdifferenzierung unserer Lebenswelt gehen, die sich in Form von Verlustempfindungen auf das Selbst- und Weltverständnis auswirken und die Identitätskonstruktion in einer pluralisierten Gesell- schaft problematisieren.

Fragmentierte Sinneseindrücke

Der Begriff der Wahrnehmung beschreibt die Erfahrung der Welt und des Selbst über die Sinne. Eine ganzheitliche Wahrnehmung, im Gegensatz zur fragmentarischen Wahrneh- mung, ist demnach ein alle Sinne einschließendes Erfassen der Umwelt. Diese ganzheit- liche Wahrnehmung ist jedoch in zweifacher Hinsicht begrenzt. Einerseits, aufgrund einer Hierarchisierung der Sinne mit der exponierten Position der Augen als „[…] die aktivsten Organe unseres Wahrnehmungssystems […]“ [72]. Die visuelle Informationsmenge macht im Gegensatz zu den akustischen oder taktilen Daten, allein 60% der Informationsauf- nahme aus [73]. Zudem gelten die Augen als „[…] Garant außerordentlicher Erkenntnis […].“ [74], so Sabine Flach (2001) in ihrem Aufsatz Das Auge. Motiv und Selbstthematisie- rung des Sehens in der Kunst der Moderne. Denn während die anderen Sinne wie der Geschmacks- oder Tastsinn dem privaten Bereich des Subjekts zugeordnet werden, be- dingt durch ihre unmittelbare Sinneswahrnehmung, übernimmt das Auge, basierend auf seinen distanzierten mittelbaren Sinneseindrücken, die Funktion der Kontrolle und Selbst- kontrolle. [75] Diese Orientierungsfunktion basiert auf einer gebrauchsgebundenen Selekti- on, die im Gehirn die eingehenden Informationen filtert und zu einem Gegenstandsbild zusammensetzt [76]. Hieraus wird jedoch ersichtlich, dass die, dem Auge zugesprochene außerordentliche Erkenntnisleistung, nicht mit einer realitätsidentischen Wahrnehmung gleichzusetzen ist. Zwar ist diese Wirklichkeitswahrnehmung für das alltägliche Leben funktional, aber, so Sabine Flach (2001), ist dabei zu beachten, dass „Der Prozess des Sehens […] immer bereits determiniert [ist] durch soziale, kulturelle und politische Koordinaten.“ [77]. Sehen ist an einen geistigen Verarbeitungsprozess gebunden und somit nie nur neutrales, unbeeinflusstes Wahrnehmen der Umwelt, sondern, wie Ralf Koners- mann (1997) es ausdrückt, „[…] wenn wir vom Sehen sprechen, dann meinen wir damit einen jederzeit selektiven Deutungsvorgang, an dem Erkenntnis und kulturelle Umge- bung unmittelbar beteiligt sind.“ [78].

So sind es beispielsweise, laut Joachim Peach (1997), die technische Erfindung der Eisen- bahn, das Aufkommen von großen konsumorientierten Warenhäusern und von Panoramen, die, im Zeitalter der Industrialisierung, im 19. Jahrhundert, zu einer veränderten visuellen Wahrnehmung führen [79]. Einem Phänomen das Peach (1997), die „[…] Hypertrophie des Sichtbaren […].“ [80] nennt. Der Begriff beschreibt eine kulturell bedingte Herausstellung des visuellen Sinnes, was, so Peach (1997), anhand der Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts nachzuweisen ist. Es sind Geschichten wie Des Vetters Eckfenster von E.T.A. Hoffmann (1776 -1822), die Szenarien des Beobachtens entwerfen. Der Vetter, der durch eine Läh- mung sein Zimmer nicht verlassen kann, hat nur das Fenster durch das ein Stück der Außen- welt für ihn wahrnehmbar wird. [81]

„Der Ausschnitt, den ihm der Fensterrahmen von der Welt bietet, ist das bisschen Wirklichkeit, das er benötigt, um Beziehungen, Schicksale von Menschen, die er auf dem Marktplatz von ferne gesehen hat, weiterzuphantasieren.“ [82]

Seine Wahrnehmung ist fragmentarisch, nicht nur durch die Begrenzung des Fensters, sondern auch durch die Trennung von seinem Beobachtungsgegenstand, was ihm der wahrhaftigen Geschehnisse entzieht, es aber gerade dadurch zur Imaginationsfläche wer- den lässt. In der Malerei des Lichtmalers William Turners (1775 - 1851) ist der Einfluss der mechanischen Fortbewegung sichtbar. Er macht die Eisenbahn und die durch die un- gewohnt hohe Geschwindigkeit veränderte Realitätswahrnehmung direkt zum Bildmotiv seines Werks The Great Western Railway (Abb.1) von 1844. Die Erfahrung der bewegten Landschaft beim Blick aus dem Fenster, deren Vordergrund sich völlig aufzulösen scheint [83], drückt Turner durch verschwimmende Formen aus. Die Eisenbahn als solche ist eigentlich nur noch assoziativ zu erfassen. Das heißt, auch hier äußert sich die Hypertrophie des Sicht- baren’ als fragmentarische Form der Wahrnehmung in der Darstellung reduzierter Eindrü- cke [84], die zum Impuls der Vorstellung werden .

Peachs (1997) Argumentation zielt letztlich darauf ab, dass die von ihm beschriebenen wahrnehmungsgeschichtlichen Faktoren die Vorraussetzung für ein filmisches Sehens bil- den, und zwar in der „[…] Art der Anordnung, mit der Menschen zu Zuschauern der Reali- tät [……].“ [85] werden. Denn eben die Reduzierung auf den Gesichtssinn, bedeutet den Verlust der unmittelbaren Sinneseindrücke und somit eine vollständige Entmaterialisie- rung der Wahrnehmung [86]. Eine Entwicklung die ihre technische Entsprechung in den Medien der Fotografie, des Filmes und des Videos findet. Paul Virilo (1994) äußerte in diesem Zusammenhang seine Befürchtung, „[…] einer Pathologie der unmittelbaren Wahrnehmung […].“ [87].

Trotz einer individuell und kulturell bedingten visuellen Wahrnehmung ist dem Akt des Sehens die „[…] Vorstellung eines permanenten Wissenserwerbs, der als ein Prozess der ständigen Veränderung und Verschiebung von Sichtbarkeitsgrenzen fassbar wird.“ [88] inhä- rent. Diese Koppelung von Sehen und Wissen, macht das Auge und seine visuelle Wahr- nehmungsleistung, zu einem wesentlichen Faktor, der wissenschaftlichen Hinterfragung und Untersuchung der Welt nach ihren Bestandteilen und Funktionsweisen, und somit auch ihrer analytischen Aufgliederung. Ein Aspekt, der bereits im Kapitel 2.1.2 über die anatomische Verfahrensweise Vasalius’ angedeutet wurde und im folgenden Abschnitt genauer betrachtet werden soll.

Fragmentiertes Weltverständnis und Identitätskonstruktion

In unserer heutigen Welt ist Wissen zu einem stetig expandierenden Gut geworden. Die Wurzeln dieser Ausprägung finden sich in den aufklärerischen Bestrebungen wie sie Adorno und Horkheimer (1947/ 1984) einleitend zu ihrem Werk Die Dialektik der Aufklärung formulieren: „Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.“ [89].

Die Problematik, die sich dabei gegenwärtig aufwirft, ist die zunehmende Distanzierung von Expertenwissen und lebensweltlichen Realitätsdefinitionen. Nicht nur, dass die Fülle an Wissen nicht mehr in einem realen Verhältnis zur Aneignungskapazität steht, sondern gerade die Innovationen und Strukturveränderungen aller Lebensbereiche durch die ge- wonnenen Erkenntnisse, lassen diese Welten auseinander klaffen. Arnold Schäfer (1998) warnt in diesem Zusammenhang vor der Gefahr eines neuen Analphabetismus. [90]

„Der sogenannte Laie […] ist gleichzeitig fasziniert und entsetzt angesichts der modernen Waf- fentechnik und des Retortenbabys. Wir haben dazu ein in gewisser Weise magisches Verhältnis.“ [91]

Die erforschte Welt und ihre Errungenschaften beginnen sich wieder zu mystifizieren, da sie sich einem vollständigen Verständnis, soweit man kein ‚Experte’ ist, entziehen. Hier- in, so Schäfer (1998), offenbart sich ein Realitätsverlust, der dem von Adorno und Hork- heimer entworfenen Begriff der ‚Dialektik der Aufklärung’ zuzuordnen ist. Der Mensch

[...]


1 Meckel 1978: S. 3.

2 zur Literatur, die sich konkret mit dem Aspekt des Fragmentes in der Kunst und Literatur auseinan- dersetzt sind folgende Werke als zentral zu bewerten: (1) Camion, Arlette (Hrsg. u.a.): Über das Frag- ment - Du fragment. Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft (Band 140). Heidelberg 1999. Dieses Werk ist ein Sammelband, der sich in den einzelnen Beiträgen sehr spezifischen fragmen- tarischen Phänomenen zuwendet; (2) Ostermann, Eberhard: Das Fragment. Geschichte einer ästheti- schen Idee. München 1991. Untersucht anhand literarischer und ästhetischer Theorien das Verhältnis von Ganzheit und Fragment von der Antike bis zur Gegenwart in seiner Auswirkung auf die Künste.

3 die Literatur hierzu ist sehr umfangreich, daher sollen hier zwei Werke beispielhaft genannt sein, die den Körper als eine Vorstellung von Ganzheit in seinen Teilen und ihrer Bedeutung betrachten (1) Benthien, Claudia/ Wulf, Christoph (Hrsg.): Körperteile. Eine kulturelle Anatomie. Hamburg 2001. ; (2) Agazzi, Elena/ Kocziszky (Hrsg.): Der fragile Körper. Zwischen Fragmentierung und Ganzheitsanspruch. Göttingen 2005.; andere Arbeiten gehen bei der Betrachtung des Fragmentes bzw. von Fragmentierungen vom skulpturalen Körper, (3) Blase, Karl Oskar: Torso als Prinzip. Kassel 1982. und (4) Schulze, Sabine: Das Fragment - Der Körper in Stücken. Frankfurt a.M. 1990.

4 Malsch 1989: S. 126.

5 Hülk 1999: S. 38.

6 Strohschneider 1997: S. 624.

7 Vgl. Ostermann 1991: S. 12.

8 Vgl. Strohschneider 1997: S. 624.

9 Brockhaus 2001: S. 524.

10 Ostermann 1991: S. 12.

11 Vgl. Duden. Fremdwörterbuch 2001: S. 327, Begriff: fragmentarisch.

12 Duden. Fremdwörterbuch 2001: S. 327f. , Begriff: fragmentieren.

13 Duden. Fremdwörterbuch 2001: S. 328, Begriff: Fragmentierung.

14 Vgl. Duden Fremdwörterbuch 2001: S. 327. , Begriff: Fragmentation.

15 Vgl. Zetkin 1992: S. 726.

16 Meckel 1978: S. 3.

17 Ostermann 1991: S. 13.

18 Vgl. Ostermann 1991: S. 12.

19 Strohschneider 1997: S. 624.

20 Vgl. Strohschneider 1997: S. 624.

21 Vgl. Meckel 1978: S. 7.

22 Vgl. Meckel 1978: S. 7.

23 Meckel 1978: S. 6.

24 Vgl. Strohschneider 1997: S. 624.

25 Link-Heer 1999: S. 88.

26 Vgl. Link-Heer 1999: S. 85ff.

27 Vgl. Link-Heer 1999: S. 101.

28 Link-Heer 1999: S. 120.

29 Meckel 1978: S. 5.

30 Vgl. Meckel 1978: S. 6.

31 Vgl. Strohschneider 1997 : S. 624.

32 Meckel 1978: S. 7f.

33 Rifkin 2006: S. 7.

34 Sonntag 1989: S. 60.

35 Schade 1987: S. 249.

36 Vgl. Rifkin 2006: S. 15f..

37 Vgl. Rifkin 2006: S. 7.

38 Sonntag 1989: S.68.

39 Sonntag 1989: S. 77.

40 Vgl. Sonntag 1989: S. 59.

41 Vgl. Sonntag 1989: S. 77f.

42 Vgl. Sonntag 1989: S. 84.; fabrica (lat.): Werkstätte; Handwerk, Baukunst; Kunstwerk, List.

43 Sonntag 1989: S. 84f.

44 Vgl. Sonntag 1989: S. 85.

45 vgl. Duden. Fremdwörterbuch 2001: S. 615.;‚Mechanismus’: [selbsttätiger] Ablauf, Zusammenhang oder Geschehen, das gesetzmäßig und wie selbstverständlich abläuft.

46 Vgl. Sonntag 1989: S. 86.

47 Zetkin 1992: S. 1534., Begriff: Organismus.

48 Vgl. Sonntag 1989: S. 72.

49 Decker 2001: S. 2.

50 vgl. Kremer 1997: S. 13. Dieser Begriff bezieht sich auf die Lebend-Organspende, die nur bei der Niere als paarigem Organ bzw. bei der Spendung eines Organsegmentes (Leber, Pankreas, Dünndarm) möglich ist.

51 Vgl. Decker 2001: S. 4.

52 Decker 2001: S. 3.

53 Vgl. Pommer 1997: S. 153.

54 Vgl. Pommer 1997: S. 151f.

55 Decker 2001: S. 3.

56 Vgl. Pommer 1997: S. 154 (Tabelle).

57 Vgl. Pommer 1997: S. 155.

58 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 241ff.

59 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 247.

60 Benthien 2001: S. 11.

61 Vgl. Legner 1995: S. 8.

62 Walker Bynum 1996: S. 247.

63 Vgl. Legner 1995: S. 9ff.

64 Walker Bynum 1996: S. 264.

65 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 251.

66 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 253.

67 Walker Bynum 1996: S. 299.

68 Walker Bynum 1996: S. 7.

69 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 7f.

70 Vgl. Walker Bynum 1996: S. 271.

71 Walker Bynum 1996: S. 271.

72 Schnelle-Schneyder 1990: S. 24.

73 Vgl. Schulze-Krüger 1992: S. 1.

74 Flach 2001: S. 50.

75 Vgl. Flach 2001: S. 49.

76 Vgl. Schnelle-Schneyder 1990: S. 25.

77 Flach 2001: S. 51.

78 Konersmann 1997: S. 40. zitiert in Flach 2001: S. 50.

79 Vgl. Peach 1997: S. 83.

80 Peach 1997: S. 61.

81 Vgl. Peach 1997: S. 61.

82 Peach 1997: S. 61.

83 Vgl. Peach 1997: S. 73.

84 Hierzu ein anschauliches Zitat von Eckart Liebau (1996) über die Erschütterung des Blicks: „[…] Die Zerstörung des gewohnten Sinns der gewohnten Welt - die Physiognomie ist nicht mehr faßbar; die Landschaften schneiden Gesichter, werden zu Fratzen, zum Verweis auf die Hölle. Und zugleich bildet im Innenraum der fliegende Salon von Bahnhof zu Bahnhof immer neue Sozietäten, wiederum viel zu schnell, als daß die gewohnten Umgangsformen noch zur Geltung kommen könnten. […] nur noch aus Bahnhöfen also scheint die faßliche Welt zu bestehen, eine radikale Reduktion zwar, aber hier immer- hin noch als wahrnehmbarer Ort, der durch Eigenzeit , Eigenraum und Eigenbewegung bei allen Vor- gaben wenigstens noch ein Stück weit durch das Subjekt strukturiert werden kann […].“ Liebau 1996: S. 182f.

85 Peach 1997: S. 83.

86 vgl. Peach 1997: S. 61.: „Der Sinn, der von der Realität der Gegenstände oder gegenständlichen Rea- lität zu ihrer bloßen Vorstellung vermittelt, ist der Gesichtssinn, insbesondere das Sehen.“

87 Virilo 1994: S. 56. zitiert in Flach: 2001: S. 51.

88 Flach 2001: S.50.

89 Adorno 1984: S. 19.

90 Vgl. Schäfer 1998: S. 24f.

91 Schäfer 1998: S. 25.

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers
Untertitel
Untersucht anhand einer Werkanalyse der Videoarbeit 'Half Sleep'
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Kunst- und Musikwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
103
Katalognummer
V93716
ISBN (eBook)
9783638064385
Dateigröße
5912 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fragmentarische, Strukturen, Werk, Hoovers
Arbeit zitieren
Susan Keßler (Autor), 2008, Fragmentarische Strukturen im Werk Nan Hoovers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93716

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