Zur Bedeutung der Körpersprache in der Lehrer-Schüler-Interaktion


Examensarbeit, 2007
81 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was heißt Körpersprache?

2. Das Kommunikationsmodell
2.1 Die vier Seiten einer Botschaft aus Sicht des Senders
2.2  Die vier Seiten einer Botschaft aus Sicht des Empfängers
2.3 Beispiele zur nonverbalen Kommunikation

3. Die visuellen Signale der Körpersprache
3.1 Gestik 
3.2 Mimik 
3.3 Blick 
3.4 Körperhaltung 
3.5 Proxemik

4. Ebenen und Funktionen der Körpersprache
4.1 Kommunikationshygiene
4.2 Kongruenz – Inkongruenz

5. Körpersprachliches Ausdrucksverhalten der Schüler
5.1 Nebenengagement 
5.2 Imagepflege

6. Nonverbales Kommunikationstraining in der Grundschule
6.1 Sensibilisierung 
6.2 Übung 
6.3 Reflexion
6.4 Anwendungsaufgaben
6.5 Fazit zum Trainingsmodul

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Narratives Protokoll vom 23.03.2007:

L. (Lehrer) sitzt auf dem Stuhl am Lehrerpult. Die Schüler vergleichen ihre Hausaufgaben. L. schaut einzelne Schüler an und fordert sie durch Nicken auf, die Ergebnisse vorzutragen. L. steht auf, geht nach hinten und lehnt sich an die Wand. Schüler können sie nicht sehen, ohne sich umzudrehen. L. fragt: „Wer ist dafür, dass wir jetzt mit Kunst weitermachen?“ Schüler heben die Hand. L. wechselt den Platz und stellt sich vor die Klasse.  L.: „Dann schließt jetzt bitte das Arbeitsheft!“ L. zieht dabei die Augenbrauen nach oben, Blickkontakt zu den Schülern besteht. M. beginnt andere Schüler am Tisch mit Papier zu bewerfen und singt dabei. L. reagiert, schaut mit zusammengezogenen Augenbrauen zu M. und sagt: „M., du hörst jetzt sofort auf, die anderen Schüler zu stören!“ M. ist still, sitzt auf seinem Stuhl, der Oberkörper ist leicht zur Seite geneigt. Der Kopf wird von der Hand gestützt. Die Augenbrauen sind leicht gehoben und die Mundwinkel verzogen.

Beim Beobachten dieser Unterrichtssituation viel mir auf, wie hoch der nonverbale Anteil dieser Kommunikation war. Jede verbale Äußerung wurde durch Körpersprache unterstützt. Sie wurde in ihrer Aussage und Wirkung bekräftigt. Als der Lehrer beispielsweise auf die Störung des Schülers reagierte, verriet auch das Gesicht mit der Mimik das Ärgernis auf diesen. Die Augenbrauen waren dabei zusammengezogen, die Mundwinkel nach dem Sprechen hingen nach unten. Die Körpersprache unterstützte also die Verbalsprache - verhielt es sich auch im umgekehrten Fall so? Nein! Der Lehrer und auch die Schüler konnten jeweils die Körpersprache des anderen verstehen. Auf die Frage des Lehrers, hoben die Schüler nur die Hand. Es bedeutete ein „Ja“. Ebenso wie der Lehrer nur durch Blickkontakt die Schüler zum Vorlesen auffordert.

Welche Bedeutung hat folglich die Körpersprache im Unterricht? Welche Wirkung zeigt sie in einer Interaktion, d. h. in einer wechsel-seitigen Beeinflussung von Lehrer und Schüler? Mit dieser Arbeit möchte ich die Körpersprache näher ins Bewusstsein rufen und die möglichen Bedeutungen ihrer Signale verständlich machen, um eine positive Auswirkung auf den gesamten Unterrichtsprozess zu erzielen. Aus diesem Grund liegt auch der Schwerpunkt dieser Arbeit auf den visuellen Signalen der Körpersprache, wie die Gestik, Mimik, Körperhaltung, Proxemik und der Blick. Vorweg wird jedoch der Begriff der Körpersprache erklärt und im Kommunikationsmodell näher beschrieben, denn jeder nimmt Botschaften individuell auf, verarbeitet sie und übermittelt sie dann weiter. Die Erläuterung des körpersprachlichen Ausdrucksverhaltens im Unterricht mit den verschiedenen Ebenen und Funktionen erfolgt im 4. Kapitel. Da ich es für sehr wichtig halte, dass nicht nur Erwachsene sondern auch Kinder eine bestimmte Kommunikationskompetenz in der Körper-sprache erlangen, möchte ich abschließend ein Trainingsmodul für die Grundschule vorstellen. Die Schüler sollen dabei etwas Neues erfahren und Erkenntnisse über ihre eigene Körpersprache und die der anderen erzielen, um sie besser anwenden zu können.

Aus Gründen der besseren Schreibökonomie wird im Folgenden auf die ausdrückliche Erwähnung der femininen Formen von „Lehrer“ und „Schüler“ verzichtet, wobei in solchen Fällen immer beide Geschlechter gemeint sind.

1. Was heißt Körpersprache?

Die Körpersprache als eine Form der nonverbalen Kommunikation dient uns als Mittel zur Verständigung, ist teilweise angeboren und prägt sich weiter im Verlaufe des Lebens aus. Nonverbales Verhalten bestimmt unsere Wahrnehmung und unser Handeln in ver-schiedenen Alltagssituationen. Selten sind die Auswirkungen dadurch bewusst. Jedoch wird die Aufmerksamkeit stärker auf non-verbales Verhalten gerichtet, wenn wir in bestimmten Situationen versuchen, uns zu kontrollieren oder beim anderen dessen „wahre“ Absichten zu erkennen. Zu den verschiedenen Kategorien von Signalen der Körpersprache und somit der nonverbalen Kommuni-kation gehören beispielsweise der Blick, die Gestik und Mimik, die Körperhaltung, die Kleidung und auch unser räumliches Verhalten. Durch diese Signale werden Botschaften, wie emotionale Zustände, Einstellungen zu anderen Menschen und Äußerungen über das Selbst vermittelt (vgl. Argyle 2005, S. 13). Oftmals auch zur Unterstützung verbaler Äußerungen. Die Begriffe „Körpersprache“ und „nonverbale Kommunikation“ befinden sich ein einem engen Zusammenhang und werden häufig gleichzeitig verwendet. Den Unterschied dieser Begriffe stellt die folgende Übersicht dar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als Oberbegriff dieser Übersicht steht die Kommunikation, als unmittelbare interpersonelle Wahrnehmungs- und Wechselwirkungs-prozesse. Botschaften werden von jeder Person individuell auf-genommen, verstanden und weiter übermittelt. Dieser Kommuni-kationsprozess gliedert sich in die verbale und nonverbale Kommuni-kation. Die verbale beinhaltet die Ausdrucksmöglichkeit durch das gesprochene Wort. Die nonverbale Kommunikation enthält drei Teilbereiche. Zum einen ist das die vokale nonverbale Kom-munikation. Dieser Teil umfasst den Bereich der Paralinguistik. Dazu zählen die sprachbegleitenden Formen, wie z. B. die Betonung und die Sprechpause und die selbständigen Formen, wie das Lachen oder Seufzen. Einen zweiten Bereich bildet die nonvokale nonverbale Kommunikation. Hierzu gehören die verschiedenen Signale der Körpersprache. Dabei werden die Mimik, Gestik, Körperhaltung und Proxemik, aber auch das Berührungs- und Geruchsverhalten mit ein-geschlossen. Als nonverbale Kommunikation im weiteren Sinne versteht sich der letzte Teilbereich. Dazu gehören Embleme, Hand-zeichen und auch Botschaften, die durch gezielte Wahl der Kleidung hervorgerufen werden. Nach diesem Modell von Rosenbusch und Schober (2004, S. 5) ist mit dem Begriff „Körpersprache“ auch die nonverbale Kommunikation gemeint aber nicht im umgekehrten Fall. Hier sind außerdem die vokale nonverbale und die nonverbale Kommunikation im weiteren Sinne zu beachten. Weiterhin ist aus der Begriffsübersicht erkennbar, dass die nonverbale Kommunikation auch mehr Verzweigungen aufweist, als die verbale Kommunikation. Lässt sich daraus auch schließen, wie wichtig das nonverbale Verhalten für die Übertragung von Botschaften ist? Eine der wohl bekanntesten Untersuchungen in der Kommunikationsforschung führte hierzu Professor Albert Mehrabian durch, dessen Ergebnisse seit den 70er Jahren populär wurden. Er untersuchte den Wirk-einfluss auf die zwischenmenschliche Kommunikation.

Sein Anliegen bestand darin, ein Bewusstsein für die hohe Bedeutung der nonverbalen Kommunikation zu entwickeln und dieses zu nutzen (vgl. Mehrabian 2007, S. 178 ff.). Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind im folgenden Diagramm dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.1

In diesem Diagramm ist eine Dominanz der nonverbalen Kommuni-kation von ca. 55% festzustellen. Im Rahmen dieser Untersuchungen bedeutet dies, dass die Wirkung einer Botschaft hauptsächlich von der Körpersprache abhängt. An zweiter Stelle tritt der vokale non-verbale Anteil mit ca. 38%. Durch den expliziten vokalen Kanal werden nur ca. 7% übertragen. Es lässt sich also feststellen, dass Botschaften und deren emotionale Bedeutung hauptsächlich durch Übertragung von Gesten, Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke, usw. übermittelt werden. Ebenso wichtig ist die Paralinguistik mit den sprachbegleitenden und selbständigen Formen, wie der Tonhöhe, der Wortbetonung oder der Sprachmelodie.

Aber wie gelangte Albert Mehrabian zu diesen Untersuchungsergebnissen? Er lies dazu erfahrene Sprecher unterschiedliche Wörter vorlesen mit einer jeweils positiven, negativen und neutralen Betonung. Diese Wörter waren auch in ihrer Bedeutung verschieden. Diese Lesereihe nahm er auf  ein Tonband auf. Eine Gruppe von Versuchspersonen hörte sich dann die Auf-zeichnungen an und sollte anhand dieser feststellen, welche Beziehung der Sprecher zum Adressaten hat (vgl. Mehrabian 2007, 178 ff.). Mehrabian stellte dabei fest, dass positive Begriffe, wie beispielsweise Liebe und Freundschaft mit einer negativen Betonung auch auf eine negative Beziehung schließen ließ. Im umgekehrten Fall wurde eine positive Beziehung vermutet, wenn negative Wörter auch eine positive Betonung hatten. Die Betonung hatte mehr Einfluss als die inhaltliche Bedeutung eines Wortes. In einem weiteren Experiment untersuchte Mehrabian die Mimik und Gestik. Dabei zeigte er zu den vorgelesenen Wörtern auch die Bilder der Sprecher. Hier wurde eine eindeutige unterstützende Körpersprache zur Verbaläußerung ge-zeigt. Eine Ablehnung oder Zuneigung war deutlich erkennbar. In dieser Versuchsreihe hatte die Gestik und Mimik den größten Einfluss auf die Interpretation der Beziehungen von Sprecher und Adressat (vgl. Mehrabian 2007, S. 178 ff.). Auf diesem Wege  konnte Albert Mehrabian den Einfluss der Körper-sprache, der Paralinguistik und der vokalen Ausdrucksweise messen und ihre entsprechende Wirkung verdeutlichen.

2. Das Kommunikationsmodell

Das „Grundgesetz“ der Kommunikation nach Watzlawik erinnert uns daran, dass jedes Verhalten einen Mitteilungscharakter hat (vgl. Watzlawik, Paul 2003, S. 50 ff.). Eine Kommunikation ist nach seiner Meinung ein wechselseitiger Ablauf von Mitteilungen und besteht nicht nur aus Worten, sondern schließt das gesamte Verhalten ein.

„Verhalten hat kein Gegenteil, oder um dieselbe Tatsache noch simpler auszudrücken: Man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn mal also akzeptiert, daß Verhalten…Mitteilungscharakter hat, d.h. Kommunikation ist, so folgt daraus, daß man…nicht nicht kommunizieren kann“ (Watzlawik 2003, S. 51).

In der zwischenmenschlichen Kommunikation bestehen demzufolge  grundsätzliche Vorgänge, der Sender, der seine Nachricht mitteilt und der Empfänger, der diese Nachricht entschlüsselt. Friedemann Schulz von Thun hat diesen Gedanken aufgegriffen und entwickelte Anfang der siebziger Jahre ein Kommunikationsquadrat, bekannt auch als „Vier-Ohren-Modell“ (vgl. http://www.schulz-von-thun.de/kurz./html, 07.08.2007). Es stellt sich nun die Frage, ob dieses Kommunikationsmodell auch relevant ist für die Körper-sprache? Lässt es sich auch anwenden auf die nonverbale Kommunikation? Um hierauf eine Antwort zu finden, wird das Modell im Folgenden näher vorgestellt und anhand eines Beispiels aus der nonverbalen Kommunikation analysiert.

2.1 Die vier Seiten einer Botschaft aus Sicht des Senders

Jede Nachricht bzw. Botschaft enthält vier Seiten, die Sachinformation, der Appell und Beziehungshinweis und die Selbstoffenbarung (vgl. Schulz von Thun 2006, S.25ff). Für die Verständlichkeit des Modells an dieser Stelle zunächst ein Beispiel von: Ein Mann und eine Frau sind gemeinsam im Auto unterwegs. Die Frau sitzt am Steuer. Der Mann sagt: „Du, da vorne ist grün!“ Die Frau antwortet: „Fährst Du oder fahre ich?“ Wenn man sich zunächst den Aspekt des Sachverhaltes ansieht erfährt man, dass die Ampel grün anzeigt. Wenn es um die Sache geht, sollte diese Seite der Nachricht im Vordergrund stehen. Die andere Seite wäre der Appell. Hier könnte die Botschaft lauten: „Gib Gas, dann schaffen wir es noch bei grün!“ (vgl. ebd.).

Die Nachricht soll also einen bestimmten Einfluss auf die Person nehmen, bestimmte Dinge sollen getan oder unterlassen werden. Dieser Versuch kann auch versteckt sein, hierbei handelt es sich dann um eine Manipulation. Dieser manipulierte Sender kann nun auch die anderen drei Seiten der Nachricht unter Einfluss des Appells stellen lassen. Auf der Sachseite erfolgt dann eine einseitige und tendenziöse Berichterstattung. Der Sender möchte damit eine bestimmte Wirkung erzielen, beispielsweise Bewunderung oder Hilfsbereitschaft. Nicht auszuschließen wäre auch, den Empfänger einfach nur bei Laune zu halten( vgl. ebd.). Wichtig ist, dass der Appellaspekt vom Beziehungsaspekt unterschieden wird, weil mit dem gleichen Appell sich viele verschiedene Beziehungsbotschaften verbinden können. In dem Beispiel könnte die Frau auch empfindlich auf die Bevormundung reagieren oder sie könnte den Appell für unangebracht halten, weil sie nicht schneller mit dem Auto fahren möchte. In der Nachricht steckt nicht nur der Appell, wozu man veranlassen möchte, sondern auch das, was ich als Sender von mir selbst kundgebe, die Selbstoffenbarung.  In diesem  Beispiel offenbart der Mann als Beifahrer, dass er vermutlich sehr fahrtüchtig ist und deutsch spricht. Vielleicht hat er es eilig und möchte schnell an sein Ziel gelangen (vgl. Schulz von Thun 2006, S. 26 ff). Außerdem geht aus der Nachricht hervor, wie der Sender zum Empfänger steht. Erkennen kann man das am Tonfall, an der Formulierung oder an der nonverbalen Kommunikation. Für diese Nachricht ist der Empfänger besonders sensibel, denn es geht hier um seine Person. In dem Beispiel wird deutlich, dass der Mann mehr seiner eigenen Fahrfähigkeit vertraut. Auf der Beziehungsseite der Nachricht sind also zwei Botschaften versammelt. Zum einen geht es darum, was der Sender vom Empfänger hält und zum anderen, wie er selbst seine Beziehung zum Empfänger sieht.

Ihre Antwort: „Fährst du oder fahre ich?“ richtet sich wahrscheinlich in diesem Fall nicht gegen den Sachinhalt sondern gegen die empfangene Beziehungsbotschaft (vgl. ebd.).Dieses Kommunikations-modell mit den vier Seiten lässt sich  auch schematisch darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.0

Schulz von Thun (2006, S. 30) meint dazu: „Den Vorteil des hier vorgestellten Modells sehe ich darin, daß es die Vielfalt möglicher Kommunikationsstörungen und –probleme besser einzuordnen gestattet und den Blick öffnet für verschiedene Trainingsziele zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit.“

2.2  Die vier Seiten einer Botschaft aus Sicht des Empfängers

Bislang wurde das Modell aus der Sicht des Senders dargestellt. Im Folgenden wird nun die Seite des Empfängers näher beschrieben. Auch hier finden sich wieder die vier Aspekte oder Seiten einer Nachricht wieder. Der Empfänger der Nachricht hat demnach die freie Wahl, mit welchem Ohr er die Botschaft aufnimmt und wie er daraufhin reagiert (vgl. Schulz von Thun 2006, S. 43 ff.). Der Verlauf des Gesprächs ist davon abhängig, welches Ohr vorrangig auf Empfang geschaltet ist. Oft schaltet der Empfänger einige Ohren unbewusst ab und stellt somit die Weichen für das zwischen-menschliche Geschehen. Im Auto-Beispiel hat sich die Frau gegen die Bevormundung des Mannes gewehrt und etwas ungehalten reagiert. Sie hörte also mit dem „Beziehungsohr“.

Wenn sie auf den Sachinhalt reagiert hätte, wäre eine mögliche Antwort gewesen: „Ja, hier ist grüne Welle!“ oder auf die Selbstoffenbarung mit: „Hast Du es eilig heute?“ Man merkt, es sind verschiedene Antworten möglich und es könnte zu Störungen kommen, wenn der Mann das Gewicht seiner Aussage auf eine andere Seite legt, als die verstandene Seite des Empfängers (vgl. ebd.). Auch für dieses Modell gibt es eine schematische Darstellung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2.1

Das Selbstoffenbarungs-Ohr (links oben) stellt sich die Fragen: „Was ist das für einer?“, „Was ist mit ihm?“, „Was sagt sie mir über Dich?“ Wenn beispielsweise explizite Beziehungsbotschaften ankommen kann es sehr hilfreich sein, über das Selbstoffenbarungs-Ohr zu hören, anstatt mit dem Beziehungs-Ohr (vgl. Schulz von Thun 2006, S. 45 ff.). Hierzu ein Beispiel: Die Mutter kommt gestresst von der Arbeit nach Hause und sagt zu ihrer Tochter: „Du hast das schmutzige Geschirr in der Küche ja immer noch nicht weggeräumt!“ Wenn die Tochter diese Nachricht mit dem Beziehungs-Ohr hört, fühlt sie sich schuldig, nutzlos und sieht sich als Last ihrer Mutter an. Wenn sie die Nachricht allerdings mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr hört, schlussfolgert sie daraus, dass die Mutter einen anstrengenden Tag hatte und nicht bei bester Laune ist. Diese Nachricht können aber nur ältere Kinder verstehen, weil sie die Fähigkeit haben, mit dem „diagnostischen Ohr“ zu hören (vgl. ebd.).

Es wäre also positiver, wenn man gefühlsmäßige Ausbrüche, Anklagen und Vorwürfe unserer Mitmenschen mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr hören würde. Das Beziehungs-Ohr (in der Darstellung links unten) gibt dem Empfänger darüber Auskunft, was der Sender über ihn denkt, was er von ihm hält und wie beide zueinander stehen. Viele legen in neutrale Nachrichten und Handlungen eine Stellungnahme zu ihrer Person hinein und fühlen sich schnell persönlich angegriffen. Das hat ein großes und überempfindliches Ohr auf der Beziehungsseite zur Ursache. Sie liegen sozusagen auf der „Beziehungslauer“ und fühlen sich verantwortlich für die Stimmungen und Gefühle anderer. Das „Sach-Ohr“ (in der Darstellung rechts oben) hingegen stürzt den Empfänger auf die Sachseite der Nachricht, was sich manchmal sehr verhängnisvoll auswirken kann, denn häufig liegt das Problem auf der zwischenmenschlichen Ebene. Der Empfänger (in der Darstellung rechts unten), der mit dem Ohr auf der Appellseite hört, verhält sich in gewisser Weise ähnlich wie der Empfänger, der mit dem Beziehungsohr hört. Er möchte es allen recht machen und den Erwartungen seiner Mitmenschen entsprechen. Man sagt, sie wären dauernd auf dem „Appell-Sprung“ (vgl. Schulz von Thun 2006, S. 58ff). Meist haben diese Empfänger kein Gespür für ihre eigene Person, sie wissen nicht was sie wollen und fühlen.

2.3 Beispiele zur nonverbalen Kommunikation

Oft wird der nonverbale Kanal für implizite Botschaften verwendet und bietet eine gute Möglichkeit über Gestik, Mimik oder Körperhaltung eigenständige Botschaften zu vermitteln. Implizite Botschaften sind im Gegensatz zu den expliziten nicht ausdrücklich formuliert bzw. direkt gesagt (vgl. Schulz von Thun 2006, S. 33). Auf allen vier Seiten des vorgestellten Kommunikationsmodells sind sowohl explizite als auch implizite Botschaften zu finden. So könnte ich beispielsweise explizit sagen, dass ich aus Nordfriesland stamme. Die implizite Botschaft dabei ist mein nordischer Dialekt, der mich verrät. Es lässt sich vermuten, dass die explizite Botschaft auch die Hauptrolle in der Kommunikation einnimmt, da sie verbal aus-drücklich formuliert wird. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die impliziten Botschaften vermitteln uns häufig den „eigentlichen“ Inhalt einer expliziten Botschaft, durch Mimik, Gestik, Stimme, Aussprache und Betonung (vgl. ebd.). Diese Ansicht von Friedemann Schulz von Thun ist gleichbedeutend mit den Aussagen und Untersuchungs-ergebnissen von Albert Mehrabian (siehe Abb. 1.1). Auf die Frage, ob sich das Modell auch auf rein nicht-sprachliche Nachrichten an-wenden lässt, antwortet Schulz von Thun (2006, S. 34 ff.): „Ja. Hier ist allerdings meist die Sach-Seite leer.“ Dazu ein Beispiel: Der Lehrer kommt in das leere Klassenzimmer. Nur ein Schüler sitzt in der Ecke, hat den Kopf nach unten auf den Tisch gebeugt und weint. Auf der Seite der Selbstoffenbarung gibt der Schüler dem Lehrer zu verstehen, dass er traurig ist. Der Appell könnte in diesem Fall lauten: „Bitte tröste mich, mir geht es nicht gut!“ Die Beziehungsbotschaft könnte eine Bestrafung des Empfängers, in diesem Fall des Lehrers sein: „Sehen Sie, jetzt muss ich wegen Ihnen weinen!“ Alle genannten drei Seiten des Kommunikationsmodells geben wertvolle Informationen durch das Verhalten des Schülers, ohne dabei etwas zu sagen. Der sachliche Inhalt bleibt jedoch offen. Es lassen sich nur Vermutungen anstellen, aus welchem Grund der Schüler weint. Beispielsweise könnte eine Bestrafung wegen fehlender Hausaufgaben vorliegen oder ein Streit mit einem Mitschüler. Diese Botschaft kann nur explizit ausgedrückt werden. Ein weiteres Beispiel: Es ist Pause. Die Schülerin P. malt ein Bild mit Kreide auf den Schulhof. Nun kommt die Schülerin L. und fragt: „Darf ich mitmachen?“ P. reagiert nicht auf die Frage, gibt keine Antwort und malt weiter. Welche Mitteilungen bzw. Botschaften gibt uns die Schülerin P.?  Der Appell könnte hier lauten: „Sprich mich bloß nicht an!“

Die Beziehungsbotschaft könnte beinhalten, dass die Schülerin P. nicht mit der Schülerin L. spielen möchte, weil sie diese nicht mag. Auf der Seite der Selbstoffenbarung signalisiert die Schülerin P., dass sie alleine malen möchte und nicht gestört werden will. Wieder bleibt die Sachinformation offen, da die Schülerin P. schweigt und nicht explizit auf die Frage ihrer Mitschülerin antwortet. Hierfür könnte es vielleicht eine ganz simple Erklärung geben, nämlich das die Schülerin P. ihre Mitschülerin gar nicht hörte, da es in ihrer unmittelbaren Umgebung auf dem Schulhof sehr laut war. In beiden Beispielen fehlen jeweils die Sachinformationen. Alle anderen drei Seiten des Kommunikationsmodells können uns Mitteilungen geben. Ich stimme mit der bereits erwähnten Aussage von Friedemann Schulz von Thun überein, wenn sich die Anwendung des Modells auch auf nonverbales Verhalten bezieht, dabei aber die Sach-Seite leer bleibt. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Botschaften des nonverbalen Verhaltens der übrigen drei Seiten rein spekulativ sind. Das Modell lässt sich zwar anwenden, sagt aber über den Wahrheitsgehalt der Mitteilung nichts aus, da die explizite verbale Äußerung fehlt. In beiden Beispielen können die Ursachen für das Verhalten der Schüler ganz woanders liegen, als vermutet wird.

Außerdem sagt Schulz von Thun (2006, S. 35): „ Jedes in einem zwischenmenschlichen Kontext gezeigte Verhalten hat einen quadratischen Charakter und wird als solches aufgenommen.“  Diese Behauptung trifft wiederum nur bedingt zu, denn aus den Beispielen und den eigenen Aussagen von Schulz von Thun, bleibt die Seite des Sachinhalts bei nonverbalem Verhalten offen. Die Körpersprache gibt keine ausdrücklich formulierte verbale Äußerung. Demzufolge hat meiner Meinung nach das Modell in diesen Fällen eher den Charakter eines Dreiecks anstatt eines Quadrates.

3. Die visuellen Signale der Körpersprache

Wir sind ständig bemüht, unsere Mitmenschen besser zu verstehen, uns in verschiedenen Situationen angemessen zu verhalten. Dafür ist es sehr wichtig die Körpersprache wahrzunehmen, ob nun bewusst oder unbewusst. Es wird eine neue Sprache gesprochen, sobald eine Person die Signale des Körpers erkennt und darauf reagiert (vgl. Molcho 2001, S. 8). Dabei entsteht ein Kreislauf der Körpersprache:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.0

In diesem Kreislauf werden zuerst die Körpersignale wahrgenommen und dann verstanden. Anschließend erfolgt eine Reaktion auf die gesendeten Signale. Nun entsteht eine veränderte Situation die wiederum wahrgenommen wird (vgl. Bruno 2004, S. 15) Mit Hilfe dieses Modells können Signale nun bewusst wahrgenommen und gesteuert werden. Ein gezieltes Einsetzen der Körpersprache führt zu einer Wirkungssteigerung der Worte (vgl. ebd.). Nach Prof. Dr. Christa Heilmann wird die Körpersprache in unterschiedliche Kanäle gegliedert (vgl. www.staff.uni-marburg.de/“heilmann“/downloads-f.html, 27.07.07):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.1

Deutlich erkennbar in dieser schematischen Darstellung ist die Einteilung in die Sinneswahrnehmungen eines Menschen. Dazu gehört das Riechen, Berühren, Hören und Sehen. In diesem Kapitel liegt der Schwerpunkt auf dem visuellen Kanal, deshalb bleiben die anderen Bereiche an dieser Stelle nur erwähnt. Die visuellen Signale, wie Gestik, Mimik, Blickverhalten, Proxemik, Körperhaltung und die Kleidung werden in den folgenden Abschnitten näher beschrieben. Jeweils am Ende eines Kapitels sind die Signale und ihre möglichen Bedeutungen noch einmal zusammengefasst.

3.1 Gestik

Die Gestik sind  Arm, Hand- und Fingerbewegungen die helfen, Wortäußerungen zu unterstreichen, Argumente zu betonen oder auch Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch ohne Verbaläußerung besitzen Gesten eine eigenständige Mitteilungsfunktion (vgl. Püttjer 2004, S. 78).

Die Entwicklung der Gestik in der menschlichen Geschichte liegt weit zurück. Als sich der Mensch im Laufe der Jahrtausende zum Zweibeiner erhob, hatten die Hände zum Laufen ausgedient. Sie galten nunmehr als vielseitiges Werkzeug für die Jagd, um sich dabei per Handzeichen zu verständigen. Die nun freie Bewegung der Hände ermöglichten Deutungen, konnten Richtungen angeben oder Gefühle ausdrücken. Diese ersten Handbewegungen waren von großer Bedeutung, da sie den Ausgangspunkt, der von uns heute bekannten ausgeprägten Gestik, bildeten (vgl. Kresse 1999, S. 16). Gesten, die eine Verbaläußerung unterstützen, erfüllen einen doppelten Zweck. Sie begleiten und strukturieren das gesprochene Wort und können eine Interpretationshilfe geben. Der Zuhörer sollte den Sprecher an-sehen, sonst entgehen ihm die Gesten und somit ein Teil der Botschaften verloren (vgl. Caswell 2003, S. 30 ff.).

Mitteilungen können dadurch falsch verstanden werden. Lebhafte Personen gebrauchen häufig Gesten, um ihren Worten einen Rhythmus zu verleihen. Die Gedanken werden dadurch besser veranschaulicht. Es gibt jedoch auch die Möglichkeit, Bilder, Bewegungen oder Objekte durch bildliche Gesten mehr Ausdruck zu verleihen. Darauf wird an späterer Stelle noch näher eingegangen. Auch die Beziehung zwischen Sprecher und Hörer können unterschiedliche Bewegungen der Hände verdeutlichen, beispiels-weise eine erhobene Hand im Klassenzimmer die Ruhe fordert (vgl. ebd.). Verschränkte Arme hingegen wirken als Zeichen einer Dominanz oder Drohung und müssen nicht sprachbezogen sein. Eine einfache Einteilung der Gesten kann nach der Absicht, mit der sie verwendet werden, erfolgen. Man unterscheidet dabei folgende Gruppen (vgl. Rosenberg 1998, S. 37):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.2

Die Bittgesten sollen die Hilflosigkeit einer Person zeigen und glaubhafter darstellen. Dabei sind die Handflächen nach oben gerichtet und die Finger leicht gekrümmt. Die Beeindruckungs- und Drohgesten wirken oftmals aggressiv, sollen die Bedeutung der eigenen Person hervorheben und vor einen eventuellen Angriff warnen. Ein ausgestreckter Zeigefinger kann solche Wirkung verstärken (vgl. ebd.). Bei den Betonungsgesten wird die Aufmerk-samkeit auf die eigene Person gerichtet oder eine Aussage bekräftigen. Im Unterricht beispielsweise zeigt der Schüler mit dem Zeigefinger an, dass er etwas zu sagen hat. Die Beschwichtigungs-gesten wirken beruhigend, etwa in einem Streitgespräch.

Dabei sollen sie den Redefluss aufrechterhalten und mögliche Störungen vermeiden. Die Hände werden dabei mit den Handflächen nach unten gedrückt (vgl. ebd.). Wenn ein Gegenstand bildlich dargestellt wird, kommen die Demonstrativgesten zum Einsatz. Die Hände zeichnen das Objekt in der Luft und stellen die Umrisse dar. Umso größer das Objekt oder der Gegenstand ist, umso größer ist auch der Abstand beider Handflächen. Die Zeigegesten geben dem Zuhörer eine anschauliche Hilfe. Dazu wird der Zeigefinger oder die ganze Hand benutzt, um auf Personen oder Gegenstände hinzuweisen (vgl. Rosenberg 1998, S. 39). Ein großer Teil der Gesten ist zwar sprachbegleitend, jedoch lassen sie sich auch in ihrer Funktionalität einteilen. Folgendes Schema soll diese Einteilung veranschaulichen:

[...]

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung der Körpersprache in der Lehrer-Schüler-Interaktion
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
81
Katalognummer
V93765
ISBN (eBook)
9783640148547
ISBN (Buch)
9783640157303
Dateigröße
1261 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Körpersprache, Lehrer-Schüler-Interaktion
Arbeit zitieren
Annett Sagert-Müller (Autor), 2007, Zur Bedeutung der Körpersprache in der Lehrer-Schüler-Interaktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93765

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