Im Zentrum der Stunde steht die kontroverse Beurteilung des demokratischen Charakters des antiken Athen durch die moderne (Geschichts-)Wissenschaft anhand von fachwissenschaftlichen Texten der Historiker Wolfgang Schuller und des Politikwissenschaftlers Urs Marti unter der Fragestellung: „Wie beurteilen die Historiker die athenische Demokratie und warum?“
Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten, dass die Kontroverse darauf beruht, dass der Bewertung der athenischen Demokratie einerseits moderne Maßstäbe (Marti) und andererseits die Bedingungen der Antike (Schuller) zugrunde gelegt werden und dass diese Maßstäbe zu einer unterschiedlichen Gewichtung der gemeinsamen Befunde zu den politischen Verhältnissen Athens führen.
Dies wird daran sichtbar, dass die SuS, die jeweiligen Argumente der Historiker aus den wissenschaftlichen Texten entnehmen und entsprechend ihrer Gewichtung in einem Schaubild strukturiert dar- stellen, die Bewertungsperspektive der Darstellungen herausarbeiten und in der Gegenüberstellung der Urteile ihre Unterschiedlichkeit mit den jeweiligen Bewertungsmaßstäben erklären, daran anschließend die jeweiligen Bilder der athenischen Demokratie als Konstrukte beurteilen, anhand der Kontroverse den Informationswert der Darstellungen beurteilen und Schlussfolgerungen für den Umgang mit darstellenden Texten diskutieren.
Die Stunde dient damit schwerpunktmäßig der Analyse- und Urteilskompetenz.
Inhaltsverzeichnis
1. Didaktisches Zentrum
2. Analyse der Lerngruppe und der Lernausgangslage
3. Didaktische Analyse mit Materialanalyse
4. Methodische Analyse
5. Anhang
5.1. Literaturverzeichnis
5.2. Quellenangaben zum verwendeten Material
5.3. Verlaufsplan
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das antike Athen als potenzielles Vorbild für die moderne Demokratie, indem sie die kontroverse Beurteilung durch Historiker analysiert. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie und warum Historiker die athenische Demokratie unterschiedlich bewerten und welche Rolle dabei die gewählten Bewertungsmaßstäbe spielen.
- Analyse und Vergleich kontroverser Historikerurteile
- Bedeutung von Bewertungsmaßstäben bei der historischen Urteilsbildung
- Konstruktcharakter historischer Darstellungen
- Förderung der Analyse- und Urteilskompetenz im Geschichtsunterricht
- Gegenwartsbezug und politische Relevanz der athenischen Demokratie
Auszug aus dem Buch
M1 Demosherrschaft in Athen
Nimmt man nun noch hinzu, dass die athenische Demokratie nur zum geringeren Teil durch eigenständige Bestrebungen des Demos errungen war, sondern dass die Schritte auf dem Wege dahin teils aus Adelsrivalitäten resultierten, teils Rückwirkungen außenpolitischer Faktoren, insbesondere des Seebundes, waren, und vergegenwärtigt man sich, dass auch in der voll entwickelten Demokratie die Normalzahl von gut 6 000 Teilnehmern an der Volksversammlung in Relation zu der Gesamtbevölkerung in der Größenordnung von 30 000 gesehen werden muss, dass überhaupt die politischen Entscheidungen nicht nur in einem „rationalen Diskurs“ in der Volksversammlung fielen, sondern dass es Absprachen und Führungspersönlichkeiten gab sowie die aus (nicht demokratisierbarer) unterschiedlicher Bildung und Erziehung resultierende unterschiedliche Fähigkeit, in der Volksversammlung sich verständlich zu machen und selber zu verstehen – dann liegt das Verdikt nahe, es habe sich gar nicht um eine Demokratie gehandelt.
Aber diese Einwände übersehen, dass es bei der Entstehung der Demokratie außer eigene Ziele verfolgenden Adligen auch einen Demos gegeben hat, dessen Unterstützung damit gewonnen wurde, dass man ihn zunehmend an der Herrschaft beteiligte, ein Ziel also, das jedenfalls von einem aktiven Teil der Bevölkerung angestrebt worden sein muss. Er übersieht weiter, dass die Beteiligten selber – und zwar alle, sowohl die Angehörigen des Demos wie die seine Herrschaft Kritisierenden – von Demokratia, also von Demosherrschaft, sprachen und die Demokratie damit zutreffend von den vorherigen Regierungsformen des Adels- und des Hoplitenstaates unterschieden. Dass Frauen keine politischen Rechte haben, ist weiter ein Faktum, das vor dem 20. Jahrhundert n. Chr. überall eine politische Selbstverständlichkeit war, und dass Personen, die das Bürgerrecht einer staatlichen Gemeinschaft nicht besitzen, demgemäß von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen sind, ist ja kein ganz abwegiger Gedanke. Das Messen der athenischen Demokratie an einem Ideal der uneingeschränkten und gleichen real ausgeübten Mitwirkung aller Bewohner eines Territoriums ist also unhistorisch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Didaktisches Zentrum: Das Kapitel erläutert die zentrale Fragestellung der Unterrichtseinheit zur kontroversen Beurteilung der athenischen Demokratie und definiert die angestrebten Kompetenzen.
2. Analyse der Lerngruppe und der Lernausgangslage: Hier wird der Leistungsstand und das Interesse der Schülerschaft an der Thematik analysiert sowie der diagnostizierte Förderbedarf beschrieben.
3. Didaktische Analyse mit Materialanalyse: Dieses Kapitel verortet die Stunde im Reihenkontext und reflektiert die fachdidaktische Bedeutung der Kontroversität bei der Betrachtung antiker politischer Systeme.
4. Methodische Analyse: Es werden die methodischen Entscheidungen für den Unterrichtsverlauf begründet, insbesondere der Einsatz der Urteilswippe zur Visualisierung des Urteilsprozesses.
5. Anhang: Dieser Teil enthält das Literaturverzeichnis, die Quellenangaben zum verwendeten Material sowie den detaillierten Verlaufsplan der Unterrichtseinheit.
Schlüsselwörter
Athenische Demokratie, Historikerurteil, Urteilskompetenz, Demosherrschaft, Bewertungsmaßstab, Konstruktcharakter, Politikwissenschaft, Geschichtsdidaktik, Partizipation, Antike, Moderne, Quellenanalyse, Interpretation, Urteilswippe, Staatsverfassung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer Unterrichtseinheit, in der Schülerinnen und Schüler lernen, die athenische Demokratie anhand kontroverser Historikerurteile kritisch zu bewerten und ein eigenes, fundiertes Urteil zu bilden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Analyse der athenischen Verfassung, der Vergleich zwischen antiken und modernen Demokratieverständnissen sowie das Reflektieren über den Konstruktcharakter historischer Forschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern die Erkenntnis zu vermitteln, dass historische Urteile von der Perspektive und den Bewertungsmaßstäben der Historiker abhängen, unter der zentralen Frage: „Wie beurteilen die Historiker die athenische Demokratie und warum?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Unterrichtsmethodik umfasst problemorientierte Einstiege, die "Urteilswippe" zur Visualisierung und Gewichtung von Argumenten sowie die Analyse von Sachtexten und Historikerurteilen im Rahmen der Think-Pair-Share-Methode.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Lerngruppenanalyse, die didaktische Begründung der Thematik unter Berücksichtigung moderner vs. antiker Wertmaßstäbe sowie die methodische Aufbereitung und Planung der Unterrichtsstunden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Urteilskompetenz, Kontroversität, Historikerurteile, Bewertungsmaßstab, Konstruktcharakter, athenische Demokratie, Quellenkritik und Politische Bildung.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Schuller und Marti für die Schüler wichtig?
Die Gegenüberstellung hilft den Schülern zu verstehen, dass unterschiedliche Forschungsergebnisse nicht zwangsläufig auf falschen Fakten beruhen, sondern auf einer unterschiedlichen Gewichtung derselben Befunde basieren, abhängig davon, ob man moderne oder antike Maßstäbe anlegt.
Welche Rolle spielt der Begriff "Konstrukt" in dieser Arbeit?
Der Begriff verdeutlicht, dass historische Darstellungen keine objektiven Abbilder der Vergangenheit sind, sondern durch die selektive Rekonstruktion der Historiker entstehen, was die Schüler zu einem kritischeren Umgang mit Fachliteratur führen soll.
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- Andreas Bonß (Author), 2020, Historikerurteile zur attischen Demokratie. Unterrichtsentwurf Geschichte Sekundarstufe II, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937654