Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus und vor welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit?


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1 Begriff Mediatisierung
2.2 Handlungsfeld frühkindliche Bildung

3. Medien in der frühkindlichen Bildung
3.1 Medien in Bezug auf Kinder
3.2 Medien in Bezug auf Eltern

4. Dilemma zwischen Schutz der Kinder und Vorbereitung auf die digitale Welt

5. Mediatisierte Kinderwelten: Herausforderungen für die Soziale Arbeit

6. Widersprüche der Mediatisierung

7. Diskussion

8. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es ist mittlerweile keine Neuheit mehr, dass digitale Medien im Alltag der Menschen fest verankert sind. Sie durchdringen verschiedene Lebensbereiche und sind aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Kinder werden heutzutage in diese digitale Welt hineingeboren und sind von Geburt an damit konfrontiert. Bereits von Säuglingen werden Fotos mit einem Smartphone gemacht und ins digitale Netz gestellt.

Kinder sind fasziniert von digitalen Medien und nutzen immer früher die große Vielfalt, die sie bieten. Schon als Kleinkind wischen sie intuitiv über die Oberfläche der Geräte. Ihre Eltern sind dabei ihr Vorbild (vgl. Projektbüro SCHAU HIN! 2019, S. 2 und 4). Bereits mit einem Jahr beherrschen Kinder die Wischtechnik. Zuerst einmal sind sie fasziniert von den Farben, Bildern und Geräuschen. Das Verständnis über das Gesehene kommt erst nach und nach und beginnt in etwa mit dem dritten Lebensjahr (vgl. Behr 2019, S. 141f.).

Über den Wandel der Medien in Bezug auf Kinder und Jugendliche kann viel in der Literatur gefunden werden. Medien und Kleinkinder werden hingegen selten in Zusammenhang gebracht. Die Thematik wird kontrovers diskutiert. Sowohl Eltern als auch Kindertageseinrichtungen (Kitas) stehen vor den Herausforderungen einer Erziehung in der mediatisierten Gesellschaft. Eines ist dabei sicher, eine medienfreie Kindheit ist heutzutage nicht mehr vorstellbar. Die miniKIM Studie stellt eine Basisuntersuchung zum Medienumgang 2- bis 5-Jähriger in Deutschland dar. Sie zeigt auf, dass allein ein Fernseher in 99 % der Haushalte, in denen Kinder der oben genannten Altersgruppe aufwachsen, vorhanden ist. Ebenso sind Computer/Laptop sowie Handy/Smartphone in 97 % der Familien vorhanden. Über einen Internetzugang verfügen 95 %. Insgesamt verbringen Zwei- bis Fünfjährige 43 Minuten am Tag vor dem Fernseher (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2014, S. 3 und 5). Diese Ergebnisse zeigen, dass das Thema Medien in der frühen Kindheit sehr wohl relevant ist.

In Bezug darauf hat mich interessiert, welche Chancen und Risiken die Nutzung von Medien in der frühkindlichen Bildung haben und wie Kindertagesstätten und Eltern dazu stehen. Außerdem will ich beleuchten, wie sich die Kommunikation zwischen AdressatInnen und Professionellen durch den Einsatz von digitalen Medien ändert.

Ergänzend möchte ich Bezug zu den Herausforderungen der Sozialen Arbeit durch die mediatisierten Kinderwelten nehmen. Auf Basis der Mediatisierungsdimensionen von Kutscher, Ley und Seelmeyer (2015) sowie Steiner (2015) möchte ich die Mediatisierung in Bezug auf AdressatInnen und Professionelle und die dadurch veränderte Kommunikation beschreiben.

2. Theoretischer Rahmen

Bevor der oben genannten Fragestellung nachgegangen wird, müssen zuerst einmal grundlegende Begrifflichkeiten erklärt werden.

2.1 Begriff Mediatisierung

Die Menschen leben in einem ständigen Wandel der Medien. Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung und Neuentstehung der digitalen Technik verändert sich der Alltag. Es entstehen neue Kommunikationspotenziale und Möglichkeiten sich zu informieren. Auch geschäftliche Aktivitäten und Arbeitsfelder entwickeln sich.Durch den Wandel der Medien verändert sich, neben dem Alltag, die Kultur und die Gesellschaft. Der Mediatisierungsansatz untersucht diesen Wandel.Die Medien werden dabei als Prozesse verstanden und die prozessualen Veränderungen werden erforscht (vgl. Krotz 2017, S. 14f.). Zu Mediatisierungsprozessen lässt sich bislang keine systematisch abgefasste Theorie finden. Somit kann nicht genau beschrieben werden, wie Mediatisierung funktioniert. Außerdem muss der Begriff von dem Wort Medienwandel abgegrenzt werden. Mediatisierungsforschung beschäftigt sich neben dem Wandel des Mediensystems mit dem Wandel der Kommunikation. Dies in Bezug auf drei Ebenen. Auf der Mikroebene beschreibt Mediatisierung den Wandel der Menschen, deren Alltag und sozialen Beziehungen. Wandel von Organisationen und Institutionen werden auf der Mesoebene sowie Wandel von Politik, Sozialisation und Gesellschaft auf der Makroebene dargestellt (vgl. Krotz und Hepp 2012, S. 37).

Wird Mediatisierung auf die Soziale Arbeit übertragen, dann beschreibt diese „einen Prozess der medialen Durchdringung des (privaten wie beruflichen) Alltags von AdressatInnen und Fachkräften wie auch der Handlungskontexte Sozialer Arbeit in sozialer, räumlicher und zeitlicher Hinsicht, der auch die Gegenstände (Fall, Diagnose, Beratungsinhalte, Handlungsabläufe etc.) potentiell transformiert“ (Kutscher 2015, S. 5). Digitale Medien durchdringen somit auch den Alltag der Sozialen Arbeit, in dem sie das Handeln und die Dienstleistungen verändern. Damit steht auch dieses Berufsfeld im Wandel. Es transformieren sich z. B. Akteursverhältnisse und Praktiken (vgl. ebd. S. 5).

2.2 Handlungsfeld frühkindliche Bildung

Die „Frühe Kindheit“ findet von der Geburt bis zum Eintritt in die Schule statt. Hier meist bis zu einem Alter von sechs Jahren (vgl. Wagner 2010, o. S.). Die Familie ist zunächst einmal der zentrale Ort für die Entwicklung von Kindern, dies vor allem in den ersten Lebensjahren. Kindertageseinrichtungen stellen eine ergänzende Unterstützung zur frühkindlichen Bildung in der Familie dar. Die Kinder sollen dabei individuell, ganzheitlich und ressourcenorientiert gefördert und gefordert werden. Bereits im Elementarbereich sollen die Kleinen die gesellschaftlich notwendigen Grundwerte erfahren. Dazu gehören gesellschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit (vgl. Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen 2016, S. 11 und 14). Im Allgemeinen werden immer mehr Kinder in Kindertageseinrichtungen betreut. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Anzahl der betreuten Kinder unter drei Jahren von 2018 bis 2019 um 3,7 Prozentpunkte. Dies entsprach zum 1. März 2019 818.500 Kindern (vgl. Destatis 2020, o. S.).

Bildung in der frühen Kindheit fand lange Zeit wenig Bedeutung für die Erziehung im Kindergarten. Mittlerweile wird die frühkindliche Bildung durch die internationalen Leistungsvergleichsstudien PISA (Programme for International Student Assessment) und IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) in bildungspolitischen und pädagogischen Bereichen diskutiert.

Durch die frühkindliche Bildung und einer verbesserten Institutionalisierung dieser, werden bessere Entwicklungschancen für Kinder erwartet. Hierbei vor allem auch für Heranwachsende aus eher bildungsfernen Elternhäusern. Außerdem wird es Müttern ermöglicht, wieder erwerbstätig zu werden (vgl. Fölling-Albers 2013, S. 37).

Frühkindliche Bildung kann als Prozess verstanden werden. Kinder sind von Anfang an interessiert an der Welt und machen ihre eigenen Erfahrungen. Um diese Eindrücke verstehen und beschreiben zu können benötigt es in der frühkindlichen Bildung den didaktisch-pädagogischen Ansatz der Ko-Konstruktion. Das bedeutet, Fachkräfte lernen mit den Kindern zusammen und gemeinsame Lernprozesse werden konstruiert (Stamm und Edelmann 2013, S. 14). Die Elementarpädagogik richtet sich an die Lebenswelt der Kinder. Aufgabe ist, die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Dazu gehört der Einfluss ihres Umfeldes, wie sie aufwachsen und eben auch die „kindliche“ Medienwelt (vgl. Behr 2019, S. 139).

3. Medien in der frühkindlichen Bildung

3.1 Medien in Bezug auf Kinder

Digitale Geräte sind im familiären Umfeld sowie in Kindertageseinrichtungen alltäglich. Es ist quasi nicht möglich, sich dem Einfluss der Medien zu entziehen (vgl. Bostelmann 2019, o. S.). Kinder bedienen digitale Geräte intuitiv. Die Einfachheit der modernen Technik stellt Chancen für den pädagogischen Alltag in Kindertageseinrichtungen dar. Digitale Medien sind vielfältig einsetzbar, wodurch ganz neue Möglichkeiten für die PädagogInnen entstehen. Dabei geht es nicht darum, dass die Kinder mehr Medien konsumieren, sondern sie sollen „digitale Medien als vielseitig verwendbare Informations-, Kommunikations-, Gestaltungs- und Lernmittel neben anderen kennen und kompetent nutzen lernen“ (vgl. Reichert-Garschhammer 2017, o. S.). Mit einem frühen Zugang der Kinder zu digitalen Medien entstehen weitreichende Möglichkeiten, unter Anderem zur Kommunikation. Sie sind ein wichtiger Bestandteil in der Alltagskommunikation von Heranwachsenden. Digitale Medien eröffnen dabei neue Chancen sich anderen mitzuteilen. Kinder können mit ihnen eigene Werke kreieren und sich dabei kompetent und selbstbestimmt fühlen.

Wichtig dabei ist, mit den Kindern über die Nutzung der Medien zu sprechen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Fragen über das Gelernte und Gesehene zu stellen. Außerdem bietet diese Form der Kommunikation einen Zugang zur Lebenswelt der Kleinen. Die Verarbeitung der Medienerlebnisse, bringt auch die lebenswelt- oder entwicklungsbezogenen Themen der Kinder zum Ausdruck (vgl. MFKJKS 2016, S. 130).

Digitale Medien gehören mittlerweile zur Lebenswelt von Kindern dazu. Die Kindertagesstätte stellt einen zentralen Bildungsort für die Heranwachsenden dar. Deshalb sollten Medien in den Alltag der Kitas miteinbezogen werden. Kinder müssen kompetent mit Medien umgehen können, um an der Gesellschaft teilzuhaben (vgl. Behr 2019, S. 139). Grenzen im Umgang mit digitalen Medien in Kitas sieht Reichert-Garschhammer (2017, o. S.) eher bei den Kompetenzen der PädagogInnen. Für pädagogische Fachkräfte ist der Einsatz von Tablet und Co. etwas Neues und ihnen fehlt es an Qualifikation und Unterstützung im Umgang sowie im kreativen Einsetzen der Geräte. Reichert-Garschhammer sieht die frühe Auseinandersetzung der Kinder mit digitalen Medien als Chance, Kompetenzen zu entwickeln und das Bewusstsein für gute und schlechte Medieninhalte zu stärken. Dadurch lernen die Heranwachsenden schon früh, das Internet verantwortungsvoll zu benutzen.

Die Teilstudie „Digitale Medien und Internet im Kindesalter – Fokus Kinderkrippen“ untersuchte die Erfahrungen und den Unterstützungsbedarf des pädagogischen Personals in Bezug auf den Einsatz digitaler Medien in der Kinderkrippe. Befragt wurden 22 pädagogische Fachkräfte aus fünf bayerischen Kinderkrippen. Das Alter der Kinder beschränkte sich auf 0 – 3 Jahre. Digitale Medien werden in Kinderkrippen bislang wenig verwendet und wenn, vorwiegend zu Dokumentationszwecken mit Hilfe von Fotos für die Eltern der Kleinen (vgl. Koschei, Bamberger und Eggert 2020, S. 1).

Die Studie zeigte, dass beim Einsatz von digitalen Medien der individuelle Entwicklungsstand der Kinder berücksichtigt werden muss. Außerdem sollen die pädagogischen Fachkräfte die Durchführung einer Aktivität begleiten und feinfühlig auf die Bedürfnisse und Reaktionen des Kindes eingehen. Für den Einsatz digitaler Medien in Kinderkrippen ist deshalb die ausreichende Kompetenz der Professionellen im Bereich frühkindlicher Entwicklung nötig. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist zudem wichtig.

Der gegenseitige Austausch über den aktuellen Stand in der Krippe als auch in der Familie ist zentral für die Planung und Durchführung medienbezogener Aktivitäten (vgl. ebd., S. 25 und 48f.).

3.2 Medien in Bezug auf Eltern

Digitale Medien gehören längst zum Alltag in Familien. In den Haushalten sind zahlreiche Geräte, wie Fernseher, Tablet, Handy, etc. vorhanden. Schon von Säuglingen werden Bilder via Smartphone gemacht und auf soziale Netzwerke gestellt. Viele Eltern sind sich unsicher, welche digitalen Medien für ihre Kinder sinnvoll sind. In anderen Familien sind Tablets und Co. hingegen Standard. Diese ungleichen Voraussetzungen müssen in den Kitas ausgeglichen werden (vgl. Behr 2019, S. 138ff.).

Die Mediatisierung der Alltagswelt birgt sowohl Risiken als auch Chancen und Vorteile. Die Suche nach einem Kita-Platz wird durch digitale Medien erleichtert. Eltern können von zu Hause aus Antrag auf einen Betreuungsplatz stellen. Außerdem können sie sich ganz einfach auf Webseiten über die Einrichtungen informieren und erhalten einen Überblick über Angebote und freie Plätze. Durch Digitalisierung der Dokumentation in Kitas kann die Kommunikation zwischen Erziehungsberechtigten und pädagogischen Fachkräften erleichtert werden. So sind z. B. Allergien des Kindes oder Schlaf- und Essverhalten digital erfasst und es kann schnell auf Informationen zugegriffen werden. Außerdem können Eltern, durch den Einsatz verschiedener Apps, alle Informationen ganz einfach erhalten. Zudem ist es möglich, Elterngespräche und vieles mehr festgehalten werden (vgl. Friedrich-Liesenkötter 2020, S. 442ff.).

Die Zusammenarbeit von Fachkräften in Kitas mit den Eltern ist neben der direkten Arbeit mit den Kindern zentral und für die Entwicklung des Nachwuchses wichtig. Beide tragen die Verantwortung für das Wohl des Kindes in verschiedenen Lebensbereichen. Neben (Ehe-) PartnerInnen sind pädagogische Fachkräfte wichtige Ansprechpartner für Eltern in Bezug auf Erziehungsfragen (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2013, S. 357ff.). Meistens findet die Kommunikation zwischen beiden Parteien persönlich statt. Dies beispielsweise im Rahmen von Elterngesprächen.

Traditionelle Medien, wie z. B. Aushänge oder Briefe werden durch neue Medien, wie E-Mails, Chatgruppen oder Online-Plattformen mit Benachrichtigungsfunktion als Mittel zur Kommunikation ergänzt. Als Vorteil durch die Digitalisierung wird die ständige Erreichbarkeit von Eltern und auch von den Fachkräften gesehen. Der Kommunikationsfluss ist dadurch einfacher und schneller. Als positiv empfinden Mitarbeiter auch, dass Informationsweitergabe nicht mehr nur aus Terminankündigungen besteht, sondern tägliche Erlebnisse und Momente des Kindes mit einfließen können. Zudem haben sie den Eindruck, dass Botschaften tatsächlich bei den Eltern ankommen. Digitale Medien bieten außerdem Chancen zur Kommunikation mit Familien, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Empfangene Texte auf dem Smartphone können einfach übersetzt werden. Zudem bieten Videos und Fotos potentiale für nonverbale Kommunikation. Durch digitale Medien wird verstärkt auf Augenhöhe und weniger direktiv kommuniziert.

Neben den oben genannten Vorteilen, bietet die zunehmende Mediatisierung des Alltags auch Nachteile für Kindertageseinrichtungen. Fachkräfte stehen vermehrt in Kontakt mit den Erziehungsberechtigten. Die Tätigkeiten innerhalb der Einrichtungen werden dadurch transparenter. Dadurch besteht die Gefahr, dass pädagogische Handlungen in den Hintergrund treten, weil Fachkräfte mit der Interaktion mit den Eltern beschäftigt sind. Die zunehmende Transparenz der Kitas kann auch dazu führen, dass die Arbeit der Fachkräfte und die Kinder vermehrt kontrolliert werden (vgl. Knauf 2019, S. 6ff.).

4. Dilemma zwischen Schutz der Kinder und Vorbereitung auf die digitale Welt

Unsicherheiten, Sorgen und Ängste in Bezug auf Medien und Kinder gibt es sowohl bei den Erziehungsberechtigten als auch bei den pädagogischen Fachkräften. Zweitere befinden sich dabei im Dilemma zwischen Anforderungen und Wünsche der Eltern. Einerseits ist klar, dass Kinder heutzutage nicht vor einer digitalen Welt geschützt werden können. Andererseits wünschen sich gerade deshalb Eltern, dass zumindest in den Kitas dieser Schutz geboten wird (vgl. Behr 2019, S. 138).

Kinder werden in den Augen der Eltern und pädagogischen Fachkräften regelrecht von digitalen Geräten angezogen. Sie sehen in diesem starken Interesse an Medien eine Bedrohung der Eltern-Kind-Beziehung. Probleme der Kinder, wie z. B. Konzentrationsstörungen oder Übergewicht werden nicht selten den Medien zugeschrieben. Zudem liefert die Hirnforschung wissenschaftliche Beweise, dass durch die Nutzung digitaler Medien das Kinderhirn mutiert. Deshalb wählen immer mehr Erziehungsberechtigte, vor allem aus den Städten, Waldkindergärten als Ort für ihren Nachwuchs. Hier werden Medien stark kritisiert und vermieden. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema wird nicht vorgenommen. Dabei haben laut UN-Kinderrechtskonvention, die Kinder Recht auf Information, Teilhabe und Bildung. Dies auch mit und durch Medien. Laut dem französischen Soziologen Bruno Latour ist der Mensch ein „Hybridwesen“. Dies bedeutet, der Mensch definiert sich neben seinem Verhältnis zur Natur, auch durch die von ihm geschaffene technische Welt. Bisher werden medienfreie Kindertagesstätten bevorzugt, allerdings gibt es auch positive Erfahrungen mit Modellversuchen (vgl. Anfang und Lutz 2018, S. 1).

„Kinder sind nach Meinung Reichert-Garschhammers am besten vor Medienrisiken geschützt, je früher sie sich in einem begleiteten, kindgerechten und zeitlich dosierten Rahmen mit Medien aktiv, kreativ und kritisch auseinandersetzen und so Medienkompetenz entwickeln. Sie plädiert deshalb dafür, Eltern und Fachkräfte darüber zu informieren und Vorurteile abzubauen“ (Anfang et. al. 2018, S. 2). Was nicht vergessen werden darf ist, dass digitale Medien vor allem Kindern mit Beeinträchtigungen Chancen bieten. Mit ihnen können bereits in der Frühförderung Wahrnehmungsbedingungen und Handlungsspielräume erweitert werden (vgl. Anfang et. al. 2018, S. 3).

Trotz der zwiespältigen Meinungen der Erwachsenen haben Kitas den Auftrag, sich an der Lebenswelt der Kinder zu orientieren. Digitale Medien gehören zu dieser dazu (vgl. Knauf 2019, S. 5f.). Um den Unsicherheiten auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte entgegenzuwirken, müsste das Thema digitale Medien vermehrt in den Lehrplänen der ErzieherInnen Ausbildungen oder der entsprechenden Studiengänge verankert werden (vgl. Friedrichs-Liesenkötter 2020, S. 452).

5. Mediatisierte Kinderwelten: Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Ein wichtiges Handlungskonzept in der Sozialen Arbeit ist die „Lebensweltorientierung“, vor allem geprägt durch Hans Thiersch. Diese Vorstellung orientiert sich am Alltag der AdressatInnen und deren Bewältigungsanstrengungen. Ziel ist, unter Einbezug sozialer Gerechtigkeit, die Menschen zu einem gelingenderen Alltag zu befähigen (vgl. Thiersch und Grunwald 2014, S. 327ff.). „Das Konzept versucht die Eigensinnigkeit der Lebenserfahrung und Bedürftigkeit der AdressatInnen mit den Möglichkeiten institutionell und professionell gefasster Sozialer Arbeit zu verbinden“ (ebd., S. 327).

Wie bereits mehrfach beschrieben, gehören digitale Medien zur Lebenswelt von Erwachsenen, aber auch von Kindern dazu. Nach dem oben beschriebenen Konzept muss sich also auch die Soziale Arbeit an dieser Lebenswelt orientieren und herausfinden, welche Relevanz die digitalen Medien im Leben der KlientInnen haben. Zu beachten ist hierbei, ob sie den Menschen im Hinblick auf das Ziel eines gelingenderen Lebens unterstützen oder eher behindern. Die Soziale Arbeit muss zudem überlegen, wie sie zur Medienbildung und zum Erreichen von Medienkompetenz einen Beitrag leisten kann. Sie soll also auch bezogen auf das Handlungsfeld der frühkindlichen Bildung, ihre grundlegenden Herangehensweisen hinterfragen und versuchen, einen Beitrag zu einem gelingenden Leben in der mediatisierten und digitalisierten Lebenswelt von Kindern zu leisten. Ein Ziel dabei ist die Vermittlung von Medienkompetenz. Diese ist ebenso Voraussetzung für Fachkräfte, um die Herausforderungen der medial durchdrungenen Alltagswelt zu bewältigen (vgl. Tillmann 2020, S. 96f.).

Gerade Kinder und Jugendliche bekommen immer mehr Zugänge zu digitalen Medien und entziehen sich dabei früh der Kontrolle durch Erwachsene. Deshalb ist für sie eine frühe Kompetenzentwicklung im Umgang mit Medien wichtig. Dadurch kann der positive Nutzen gestärkt und Gefahren abgewendet werden (vgl. Hajok 2019, S. 52f.). In den Handlungsfeldern der Kinder- Jugend- und Erziehungshilfen taucht vermehrt die Thematik der negativen Erfahrungen durch Medien auf. Dies häufig auch im Zusammenhang mit dem darauf bezogenen Handeln ihrer Erziehungsberechtigten.

Auch Benachteiligungen, im Sinne der vorhandenen digitalen Medien, sind weit verbreitet. Ebenso werden medieninduzierte Familienkonflikte immer zentraler. Computerspiel- und Internetsucht gehören bereits zu klassischen Problemlagen in der Jugendhilfe. Wichtig ist deshalb, eine professionelle Unterstützung und eine angemessene Medienerziehung durch pädagogische Fachkräfte. Die Problematiken zeigen hierbei keinen Zusammenhang zu Migration oder niedrigem sozioökonomischen Status. Solche Konflikte sind in nahezu allen Familien vorhanden (vgl. Hajok 2019, S. 195f.).

Um die medienbezogene Lebenswelt und das damit verbundene soziale Handeln zu verstehen, benötigt es in der Sozialen Arbeit die Medienpädagogik. Diese setzt sich mit „Sozialisations-, Bildungs- und Erziehungsprozessen in mediatisierten Welten“ auseinander (vgl. Siller, Tillmann und Zorn 2020, S. 315). Zur Medienpädagogik gehören Medienforschung, -kunde, -didaktik und -erziehung. Der Grund, warum die pädagogische Auseinandersetzung mit digitalen Medien zunehmend wichtig für die Praxis und Gestaltung der Sozialen Arbeit wird, ist die Relevanz der Medien für „die Sozialisation, die persönliche Entwicklung und Entfaltung, für die Gestaltung von Freizeit und Arbeit, die Handlungs- und Partizipationsmöglichkeiten von Menschen“ (ebd., S. 317). Die digitale Kommunikation fordert einen stärkeren Blick auf Interaktion und Partizipation (vgl. ebd., S. 316).

6. Widersprüche der Mediatisierung

Das Fortschreiten der mediatisierten Alltagswelt und der Sozialen Arbeit stößt auf ambivalente Meinungen. Zwar werden digitale Medien überall genutzt, dennoch haben viele ein ungutes Gefühl gegenüber sozialen Netzwerken, v.a. in Bezug auf den Datenschutz. Diese zunehmende Ambivalenz gegenüber Mediatisierungsprozessen versucht Olivier Steiner mit Widersprüchen in der Sozialen Arbeit zu erklären. Der Wandel der Medien geht auf zwei Prozesse der Mediatisierung zurück, nämlich Konvergenz und Divergenz. Konvergenzen in Bezug auf Inhalt, Ökonomie, Technologie und Körper, sowie Divergenzen mit Blick auf Individualisierung und Pluralisierung der Mediennutzung und bezogen auf soziale Ungleichheiten.

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus und vor welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit?
Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V937917
ISBN (eBook)
9783346266828
ISBN (Buch)
9783346266835
Sprache
Deutsch
Schlagworte
digitale, medien, bildung, welche, chancen, risiken, herausforderungen, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Digitale Medien in der frühkindlichen Bildung. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus und vor welchen Herausforderungen steht die Soziale Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937917

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