Thema der vorliegenden Arbeit ist die Verarbeitung des antiken Mythos vom Flug des Dädalus und des Ikarus in der Dichtung des polnischen Renaissancepoeten Jan Kochanowski.
In Kochanowskis Interpretation des Sujets manifestiert sich sein Selbstbild als Autor. Dieses ist, wie die Ausarbeitung hoffentlich zu beweisen vermag, nicht eindeutig positioniert und nur vor dem Hintergrund der zeit-genössischen Geisteswelt und der Biografie des Dichters verständlich. Ich möchte der Frage nachgehen, welche Faktoren dazu führen, dass man in der Wissenschaft von Jan Kochanowski und Ioannes Cochanovius spricht.
Diese Untersuchung wird es nicht vermeiden können, sich zumindest teilweise der Methoden des in Kreisen von Autorschaftsforschern lange Zeit verteufelten Biografismus zu bedienen. Die Gefahren, die mit einer möglichen Betretung völligen Neulands verbunden sind, bleiben mir indes erspart. Im Falle Kochanowskis kam die Forschergemeinde schon in den 80er Jahren zu dem Ergebnis, dass das Interesse an seiner Person sehr wohl Legitimität besitzt, und dass das pauschal ausgerufene Verbot einer biografischen Betrachtung die Forschung eher behindert als unterstützt. Diese Erkenntnis mündete jedoch nicht in einem Rückfall in hemmungslosen Biografismus nach dem Muster des 19. Jahrhunderts, sondern in der Suche nach dem „implizierten Autor“, dem alter ego Kochanowskis.
Ein solcher Ansatz erscheint im Hinblick auf das Werk des Meisters aus Czarnolas angemessen, sowohl was die Fülle der von ihm gestreuten autobiografischen Angaben als auch seine Janusköpfigkeit und seine Freude an der Ambivalenz von Aussagen angeht.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen zwei kurze Texte in Versform: das Lied II 24 und Fraszka III 29 . Der Vergleich beider Texte miteinander sowie mit der Darstellung des Flugmythos bei Ovid soll zwei konträre Autorkonzepte aufzeigen, zu denen sich Kochanowski bekennt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ursprung der Inspiration Kochanowskis: die antike Mythenwelt des „Methamorphoseon libri“
3 Kochanowski und die humanistische Begeisterung für antike Meister
3.1 Der Zimmermann als Inbegriff der Tradition: Fraszka III 29.
3.2 Erhebung über die irdischen Dinge: Lied II 24.
4 Traditionelle und innovative Aspekte in Kochanowskis Dichtung.
5 Fazit.
6 Bibliografie.
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Selbstbild des polnischen Renaissance-Dichters Jan Kochanowski durch die Analyse zweier ausgewählter Texte (Lied II 24 und Fraszka III 29) im Kontext der antiken Mythologie, insbesondere des Daedalus- und Ikarus-Mythos. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Kochanowski die Spannung zwischen humanistischer Imitation antiker Vorbilder und dem eigenen schöpferischen Innovationsanspruch in seinem Werk verarbeitet.
- Verarbeitung antiker Mythen bei Jan Kochanowski
- Das Spannungsfeld zwischen Tradition (Mimesis) und Innovation
- Autorschaft und Selbstbild in der Lyrik der Renaissance
- Literarische Metaphorik des "Zimmermanns" und des "Labyrinths"
- Die Rolle der polnischen Sprache als eigenständiges Kulturgut
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Zimmermann als Inbegriff der Tradition: Fraszka III 29.
Zu Beginn eine stark verkürzte Analyse des Inhalts. Das lyrische Subjekt beginnt mit einer Anrufung der ihm so teuren Dichtform, die sich als Träger seiner Geheimnisse bewährt hat:
„Fraszki nieprzepacone, wdziczne fraszki moje,
W które ja wszytki kad tajemnice swoje” (Z. 1-2)
und zwar unabhängig davon, ob er gerade in Fortunas Gunst steht oder nicht, wobei die Missgunst eher den Regelfall darstellt (Z. 3-4). Die Zeilen 5-10 sind eine Warnung an alle, die Interesse an einer Analyse des vom Subjekt intendierten Sinns haben könnten:
„Obraliby si kiedy kto tak pracowity,
eby z was chcia wyczerpa umys mój zakryty,
Powiedzcie mu, niech próno nie frasuje gowy,
Bo si w dziwny labirynt i bd wda takowy,
Skd adna Aryjadna, adne kbki tylne
Wywie go móc nie bd, tak tam cieki mylne.”
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der mythologischen Verarbeitung bei Kochanowski ein und erläutert den methodischen Ansatz, der den "implizierten Autor" in den Mittelpunkt stellt.
2 Ursprung der Inspiration Kochanowskis: die antike Mythenwelt des „Methamorphoseon libri“: Das Kapitel analysiert Ovids Metamorphosen als zentrale Quelle für den Daedalus- und Ikarus-Mythos und beleuchtet den philosophischen Disput zwischen Mimesis und kreativem Schaffen.
3 Kochanowski und die humanistische Begeisterung für antike Meister: Hier wird Kochanowskis Ausbildung in Padua und sein tiefes Wissen über die antike Literatur als Grundlage für sein eigenes poetisches Schaffen dargestellt.
3.1 Der Zimmermann als Inbegriff der Tradition: Fraszka III 29.: Diese Analyse zeigt auf, wie das lyrische Subjekt den Akt des Schreibens als ein "Labyrinth" und den Autor als "Zimmermann" metaphorisiert, um Geheimnisse zu wahren.
3.2 Erhebung über die irdischen Dinge: Lied II 24.: Das Kapitel untersucht das Lied als Ausdruck des dichterischen Selbstbewusstseins und die Transformation des Dichters in ein Wesen der Lüfte, das Unsterblichkeit anstrebt.
4 Traditionelle und innovative Aspekte in Kochanowskis Dichtung.: Dieser Teil führt die Argumente zusammen und zeigt, wie Kochanowski durch die Aneignung und Umgestaltung antiker Vorbilder die polnische Literatur eigenständig weiterentwickelt.
5 Fazit.: Das Fazit fasst zusammen, dass Kochanowski eine ambigue Position zwischen der Bindung an die Tradition und dem Streben nach individueller künstlerischer Innovation einnimmt.
6 Bibliografie.: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Jan Kochanowski, Renaissance, Lyrik, Autorschaft, Mimesis, Innovation, Daedalus, Ikarus, polnische Literatur, Humanismus, Labyrinth-Metapher, Autobiografismus, Tradition, antike Vorbilder, literarische Kreativität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Selbstbild des polnischen Renaissance-Dichters Jan Kochanowski anhand der Verarbeitung des antiken Flugmythos von Daedalus und Ikarus in zwei spezifischen Gedichten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen der Nachahmung antiker Vorbilder (Mimesis) und dem eigenen schöpferischen Anspruch, sowie die Entwicklung einer eigenständigen polnischen Literatursprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung verfolgt die Frage, wie sich Kochanowskis Selbstbild als Autor im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation manifestiert und welche Faktoren ihn dazu befähigten, als ein Dichter von europäischem Rang wahrgenommen zu werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Elemente der Autorschaftsforschung und der vergleichenden Literaturwissenschaft (insbesondere den Bezug zu Ovid und Horaz) kombiniert, wobei auch biografische Aspekte unter dem Konzept des "implizierten Autors" berücksichtigt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der antike Ursprung des Inspirationsmythos analysiert, die Bedeutung der humanistischen Tradition erörtert und die zwei Gedichte "Fraszka III 29" sowie "Lied II 24" detailliert interpretiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören neben dem Dichter Jan Kochanowski auch Mimesis, Innovation, Renaissance, Labyrinth, Zimmermann und das Spannungsfeld zwischen polnischer Identität und lateinischer Gelehrsamkeit.
Wie deutet der Autor die Metapher des "Zimmermanns"?
Der Autor interpretiert die Selbstbenennung als "Zimmermann" in Fraszka III 29 als Ausdruck für das handwerkliche Verständnis des Dichtens, bei dem der Autor komplexe Strukturen (Labyrinthe) schafft, um seinen "verborgenen Sinn" zu schützen.
Was bedeutet die "Janusköpfigkeit" im Kontext von Kochanowski?
Der Begriff beschreibt die Dualität des Dichters, der sich einerseits fest in der Tradition der Antike verankert sieht, während er gleichzeitig durch Innovationen den Grundstein für eine eigenständige polnische Literatursprache legt.
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- Sebastian Kalandyk (Author), 2008, Zwischen mimesis und innovatio - Das Selbstbild des Dichters in der Lyrik von Jan Kochanowski, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93792