Integrationsprozesse deutscher Einwanderer nach Amerika im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

26 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenkorpus

3. Johann Bauer: Ein Blick in politische Integrationsvorgänge

4. Matthias Dorgathen: Opfer der systemabhängigen Integrationsfaktoren

5. Christian Kirst: Ein Wirtschaftsflüchtling

6. Resümee

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Migration ist seit jeher ein fester Bestandteil der amerikanischen Gesellschaft und Geschichte. Die gesamte Gesellschaft baute auf Migration auf - selbst die ersten Siedler Nordamerikas waren gewissermaßen Einwanderer aus dem englischen Mutterland. Daraus ergeben sich interessante soziologische Strukturen in Nordamerika. Eine besonders interessante dieser Strukturen stellt die deutsche Einwanderung dar, welche mitunter zu den größten und ältesten der amerikanischen Geschichte gehört. Bereits 1751 fragte sich Benjamin Franklin: „Warum sollte Pennsylvania […] eine Kolonie von Fremden werden […] daß sie und germanisieren statt daß wir sie anglifizieren?“1

Die Geschichte der deutschen Auswanderung nach Amerika reicht zurück bis mindestens ans Ende des 17. Jahrhunderts.2 Bereits damals machte die deutsche Bevölkerung einen relativ großen Teil der amerikanischen Bevölkerung aus, welche sich besonders in Städten wie Pennsylvania bemerkbar machte und sich in der ersten Volkszählung von 1790 mit einem Zwölftel der gesamtamerikanischen Bevölkerung äußerte.3 Sowohl die relativ hohe Bevölkerungsanzahl als auch viele der kulturellen deutschen Einflüsse strecken sich bis in die heutige Zeit hinein.

Beim Betrachten dieser Geschichte stellt sich nun, wie bei vielen anderen Darstellungen von Migrationsverhältnissen, die Frage, wie der Integrationsprozess deutscher Einwanderer in Amerika von Statten ging. Wie gelang es ihnen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden und in die vorhandene Gesellschaft einzugliedern? Wie sahen auf der anderen Seite die Bemühungen der bereits dort ansässigen Bewohner aus, die Neuankömmlinge in ihre Gesellschaft aufzunehmen? Diese Ausarbeitung versucht nun, Antworten auf diese Fragen zu finden und darzustellen, inwiefern die lokale Gesellschaft und die Einwanderer in Amerika die wirtschaftlichen und kulturellen Schwierigkeiten zu überwinden versuchten.

Dafür sollte vorerst eine Arbeitsdefinition von Integration folgen. Unter Integration versteht diese Arbeit die Eingliederung von Neuankömmlingen in die vorhandene Gesellschaft. Dabei ist wichtig, dass sowohl die Versuche der Einwanderer, sich so gut es geht in die lokale Gesellschaft einzugliedern, als auch die Versuche der lokalen Gesellschaft, den Einwanderern den Übergang so einfach wie möglich zu gestalten, berücksichtigt werden sollten. Neben den Einwanderern tragen demnach auch die lokale Gesellschaft und deren Angebote einen erheblichen Teil zu Integrationsvorgängen der Neuankömmlinge bei.

Um verschiedene Integrationsprozesse herauszuarbeiten und auf ihren Erfolg hin zu untersuchen, beschäftigt sich diese Arbeit mit Briefen, welche auf die oben angesprochenen Aspekte hin untersucht werden. Dabei sind alle Briefe in der Zeit des 19. Jahrhunderts angesiedelt und von deutschen Einwanderern geschrieben. Zuerst wird dabei die Briefserie von Johann Bauer, anschließend die von Matthias Dorgathen und zuletzt die von Christian Kirst auf Integrationsvorgänge untersucht.

2. Quellenkorpus

Bei den in dieser Arbeit analysierten Quellen handelt es sich ausschließlich um Briefe, welche von deutschen Auswanderern aus Amerika zurück in die deutsche Heimat geschrieben wurden. Als zeitlicher Rahmen wurde hierfür aus Platz- und Repräsentationsgründen das 19. Jahrhundert gewählt. Deshalb folgt nun zuerst eine allgemeine, äußere Quellenkritik von Briefen als historische Quellen. Die meisten der nachstehenden Ausführungen, sowie die Briefe selbst, sind dem Werk von Helbich entnommen.4

Vorerst lässt sich allgemein feststellen, dass Briefe gerade in dieser Zeit ein oft verwendetes Medium darstellten. Zwischen 1820 und 1914 wurden geschätzt etwa 280 Millionen Briefe nach Deutschland geschickt, was aufzeigt, in welch großem Volumen die Zeugnisse der Einwanderer ihre deutschen Bekannten oder Verwandten erreichten.5 Dies legt die Untersuchung dieses Mediums für Fragen dieser Zeit aufgrund der vor anderen Medien dominierenden Anzahl nahe.

Trotz dieser großen Masse und der unvermeidlichen Individualität darf jedoch der Quellenwert der Briefe nicht unterschätzt werden; sie stellen Dokumente mit unvergleichbarem sozialhistorischen Wert dar, welche ebenfalls entscheidende Wirkung auf die Emigration an sich ausübten.6 Viele dieser Briefe gaben nämlich explizite Antwort auf die Frage der Nachwanderung und „rangieren weit vor allen anderen Informationsquellen“.7 Dies beruht unter anderem auf dem „hohen subjektiven Wahrheitsgehalt“,8 welchen die meisten Briefe aufgrund der starken persönlichen Verbindungen zwischen Briefschreiber und -Empfänger aufweisen. Allgemein gesehen bedeutet das für die kritische Betrachtung von Briefen, dass aufgrund der an das Medium gebundenen Umstände generell von einem hohen Wahrheitsgehalt und von einer „keinesfalls untypischen“9 Repräsentativität für die deutsche Auswanderung ausgegangen werden kann. Jedoch darf trotzdem auf eine innere Betrachtung der jeweiligen Dynamiken von Briefschreiber und Empfänger nicht verzichtet werden. Es handelt sich hier um historische Überreste, welche nicht für die Überlieferung zur historischen Arbeit vorgesehen waren. Jedoch bieten diese Zeugnisse deutscher Einwanderer trotz aller Individualität und schweren Überprüfbarkeit unvergleichliche Einblicke in Einzelschicksale und die amerikanische Gesellschaft, sowie deren Interaktion mit Einwanderern aus erster Hand. Da es sich um nicht verbesserte Überlieferungen handelt, werden aufgrund der Authentizität alle Rechtschreib- und Grammatikfehler der Briefe übernommen.

Zur inneren Kritik der einzelnen verwendeten Briefe sollte kurz angemerkt werden, dass in der benutzten Edition ausschließlich Briefserien ausgewählt wurden, da diese einen besseren Einblick in längerfristige Prozesse und Entwicklungen, wie beispielsweise die Integration, geben als Einzelbriefe.10 Da die Betrachtung der inneren Dynamiken hier zu viel Platz beanspruchen würde, folgen diese Beobachtungen an entsprechender Stelle der jeweiligen Briefanalysen.

3. Johann Bauer: Ein Blick in politische Integrationsvorgänge

Johann Bauer wanderte im Jahr 1854 im Alter von 26 Jahren nach Amerika aus, gerade als die westdeutsche Migrationsbewegung ein Maximum erreichte.11 Er selbst kam aus einem landwirtschaftlichen Familienhaus, war jedoch höchstwahrscheinlich Kaufmann und dazu sehr belesen, was sich in seiner doch eher hoch angesiedelten Ausdrucksweise bemerkbar macht.12

Bauer’s Gesinnung bei seiner Auswanderung „bietet das Beispiel eines Einwanderers, der sich der amerikanischen Lebensweise voll anzupassen suchte.“13 Dies darf bei der Untersuchung von Bauer’s Briefen auf Integrationsprozesse nicht außer Acht gelassen werden und führt möglicherweise zu verschönerten Darstellungen mancher Verhältnisse. Es sollte jedoch den annehmbaren subjektiven Wahrheitsgehalt der Briefe nicht schmälern und zumindest die Institutionen und lokalen Gegebenheiten sollten trotzdem herausgearbeitet werden können. Zusätzlich sollte noch angeführt werden, dass Bauer sich nicht, wie viele andere Deutsche, in einem deutschen Viertel befand, sondern als „einer von nur Sieben Deutschen in seiner township14 lebte. Dies muss als zusätzliche Rahmenbedingung bei der Untersuchung auf Integration gesehen werden; natürlich gelingt die Eingliederung in vorhandene Gesellschaften besser, wenn die Mehrzahl der bereits Ansässigen eigene Landsleute sind.

Einer der ersten Schwierigkeiten, welche Bauer in Bezug auf seine Anpassung implizierte, ist die der Sprachbarriere. Diese ist recht offensichtlich und traf wohl jeden, der bereits einmal in einem sprachfremden Land war und sich dort nicht zu verständigen wusste. Dieses stellt jedoch eines der elementarsten Probleme der Einwanderung dar; wenn aufgrund von Sprachproblemen keine (tiefgreifende) Kommunikation zwischen Einwanderer und lokaler Gesellschaft entstehen kann, hat dies sowohl Auswirkungen auf das migrierte Individuum als auch auf die lokale Gesellschaft. Dies ermöglicht Verfälschungen in der Betrachtung des jeweils anderen. Auch für Bauer ein offenkundiges Problem, als er in seinem ersten Brief die Hoffnung aussprach, dass er dann auch bald engl. Sprechen könnte.15 Hierbei wird deutlich, dass Bauer sowohl den Nutzen als auch die Notwendigkeit erkannte, sich die englische Sprache anzueignen. Er erkannte, dass sich diese sowohl für seinen weiteren wirtschaftlichen Werdegang als auch für seine Kontakte mit der amerikanischen Gesellschaft als unentbehrlich zeigte. Die sprachliche Barriere wird bei Bauer zusätzlich in besonderem Maße auffällig, da er, wie oben angesprochen, einer der wenigen Deutschen in seiner Wohngegend war, was seine Rahmenbedingungen in Bezug auf sprachliche Verschiedenheit weiter verschärfte.

Die gesellschaftliche Seite der Sprachbarriere wurde von Bauer weiterhin in seinem zweiten Brief betont. Demnach bereitete es ihm viel Mühe in einem Jahr so viel Englisch zu lernen; um den Geistlichen zu verstehen.16 Dabei lässt sich erkennen, dass Bauer zum einen viel Freude und Kraft aus der regionalen Religion schöpft,17 aber gleichzeitig die Schwierigkeit aufgrund der Sprachfremdheit besteht, das volle Potenzial dieser gesellschaftlichen Integrierung auszuschöpfen. Hier wird also ein Angebot der lokalen Gesellschaft des Ziellandes in Form von religiösen Angeboten und Institutionen deutlich. Diese sollten erstens den Einwanderern helfen, sich besser zu integrieren und ihnen zweitens eine Möglichkeit geben, einen gewissen Grad an Bekanntheit in einem sonst fremden Land vorzufinden. Jedoch fehlte diesem Angebot eine Sprachunabhängigkeit, welche aus dem Andeuten des Problems von Bauer hervorgeht. Auch Bauer zeigte sich gewillt, dieses Angebot anzunehmen, was für einen positiven Integrationsversuch seinerseits spricht, wären da nicht die oben angesprochenen Verständigungsprobleme.

Ein weiteres dieser institutionellen Angebote des Ziellandes äußerte sich bei Bauer’s späteren Briefen in politischen Angeboten. Bauer schreibt von seiner Zugehörigkeit zur republikanischen Parthie, welche John C. Fremont wählen wollten aber nicht so glücklich waren es durchzuführen. I do not care sagt der Amerikaner, die Mehrheit muss regieren.18 Es gab also ein politisches Angebot in Amerika in Form von Parteien, welches auch von Einwanderern in Anspruch genommen worden konnte. In Bauer’s Aussagen über das Annehmen dieses Angebots wird ein Zugehörigkeitsgefühl deutlich, welches durch seine Worte scheint. Er adaptierte bereits amerikanische Floskeln wie I do not care und implizierte danach seine Zugehörigkeit oder zumindest sein tieferes Verständnis der amerikanischen Kultur durch den Zusatz […] sagt der Amerikaner, was gleichfalls für eine positive politische Integration spricht.

Natürlich darf bei der Betrachtung von deutschen Beschreibungen des amerikanischen politischen Systems aus dieser Zeit auch nicht außer Acht gelassen werden, aus welch einem politischen System die Deutschen nach Amerika kamen, oder gar genau vor diesem System nach Amerika flüchteten. Die deutsche 1848er Revolution, in welcher demokratisch-liberale Bemühungen gegen den Obrigkeitsstaat unternommen wurden, wurde 1849 mit der Einnahme Rastatts niedergeschlagen und den Revolutionären drohte die Hinrichtung.19 Diese Vorgänge im Heimatland machen es umso wahrscheinlicher, dass Einwanderer wie Johann Bauer sehr viel Sympathie für das liberal und demokratisch ausgerichtete junge politische System in Amerika hegten. Dieses stellte im Prinzip die Motivation dar, nach welcher man in Deutschland vergebens gekämpft hatte. So lassen sich vielleicht häufig getätigte Bemerkungen wie:

Ich kann nicht helfen zu bemerken, daß ich stolz fühle bei dem Gedanken amerikanischer Bürger zu seyn; […] daß man eine gehäßige Regierung durch eine andere ersetzen kann20 erklären. Dies führte in den Briefen vielleicht zu Glorifizierungen der politischen Strukturen, jedoch sollte dies den Analysewert des Einflusses des politischen Angebots auf die Integration nicht zu Nichte machen; die realinstitutionellen Strukturen und somit die potentielle Hilfe, welche den Einwanderern dadurch im Punkt der Eingliederung geboten wurde, kann trotzdem aus den Briefen ermittelt werden. Dies spricht für Bemühungen der lokalen Gesellschaft.

Weiterhin drückte Bauer ein Zugehörigkeitsgefühl und damit Anzeichen von gelungener Integration in Bezug auf das politische Angebot aus, indem er 1860 erwähnte, dass er an diesem Wahlkampfe ebenfalls theils nehmen [wird] & zwar zum ersten male, weil […] jeder Einwanderer 5 Jahre im Land sein muß bevor er wählen darf.21 Hieran ist erneut erkennbar, dass eine Einbindung von Einwanderern in die politischen Strukturen von Amerika in Form der Wahlbeteiligung bestand. Auch wenn dies für Integrationsversuche der lokalen Bevölkerung spricht, waren diese jedoch auch mit Restriktionen versehen, wie beispielweise der Vorgabe von 5 Jahren Bürgerschaft zur Berechtigung der Teilnahme am Wahlvorgang. Aus der allgemein positiven Stimmung Bauer’s gegenüber seiner Teilnahme am Wahlkampf und seiner sich daraus ergebenden politischen Integration, lässt sich jedoch ableiten, dass er den positiven Integrationswert der politischen Einbindung höher einstuft als den negativen der darüber gelegten Restriktionen.

Außerdem schien es ebenfalls ein breites Spektrum zu geben, in welchem sich die politischen Parteien befanden. Je nachdem, auf welcher Seite dieses Spektrums sich die Parteien und deren Ideologien bewegten, waren sie unter Anderem eher für oder gegen die Integration und den Einfluss von Einwanderern in und auf die amerikanische Gesellschaft. So gab es zum Beispiel die von Bauer angesprochene Whig Party, welche sich auf der eher rechten Seite des Spektrums befand und sich laut Bauer auch mit den ‚Knownothings‘ oder in deutsch gesagt die feinde der Ausländer verbinden werden.22 Bauer identifizierte hier demnach politische Fraktionen, welche sich als ausländerfeindlich äußerten und damit bewusst den Integrationsprozess von Einwanderern zu stören versuchten. Auf der politischen Seite gab es also laut Bauer sehr wohl ein Angebot, was den Einwanderern politische Integration ermöglichte, jedoch existierten auch Gegenstimmen, welche die Integration und den generellen Einfluss der Einwanderer minimieren wollten und sich in Parteien wie den Knownothings äußerten.

Diese Partei stellte sich allgemein gegen den großen Einwanderungsfluss und gegen den Einfluss von Einwanderern, welche schon im Lande waren.23 Deshalb forderte sie schärfere Vorgaben, wie beispielsweise, dass die Ausländer kein Amt begleiten sollen und 21 Jahre im Lande sein ehe sie wählen dürfen.24 Dies soll verdeutlichen, dass es öffentlich sowie politisch verschiedene Perspektiven und Stimmen für und gegen Einwanderer gab, wodurch sich eine präzise Rekonstruktion der allgemeinen Stimmung gegenüber Einwanderern und deren Integration als zunehmend schwierig gestaltet. Jedoch merkt Bauer weiter an, dass der gute Amerikaner […] von dem Grundsatze aus[geht] daß alle Menschen von Gott erschaffen sind gleiche Rechte zu haben, ich werde natürlich […] gegen den ‚Knownothing‘ [stimmen].25

Bauer implizierte mit dieser Aussage zum einen, dass der gute Amerikaner eine Auffassung vertrat, nach der jeder Mensch gleich zu behandeln sei, was Einwanderungs- und Integrationsprozesse rein ideologisch gesehen stark begünstigen würden. Mit gute[r] Amerikaner meinte er ziemlich wahrscheinlich die Mehrheit oder zumindest die für ihn ernstzunehmenden Stimmen der Öffentlichkeit. Zum anderen wurde diese Implikation direkt dadurch verstärkt, dass er im gleichen Satz sein Mitwirken am Verwirklichen dieser Ideologie anpreist, indem er bemerkt, dass er natürlich gegen die Vertreter der ausländerfeindlichen Partei stimmen wird. Es zeigt sich hier also ein Annehmen und Unterstützen der für ihn vorherrschenden lokalen Ideologie zum Thema Einwanderung, was gleichsam für einen gelungenen Integrationsvorgang im politischen Sinne spricht – sowohl was seine, als auch die Bemühungen der lokalen Gesellschaft angeht.

4. Matthias Dorgathen: Opfer der systemabhängigen Integrationsfaktoren

Matthias Dorgathen wanderte im Frühjahr 1881 aus dem heutigen Mülheim in die neue Welt aus.26 Entscheidend für dessen Auswanderung waren dabei wohl wirtschaftliche Faktoren wie die in den 1870er Jahren entstandene Wirtschaftskrise, welche beinah ein Jahrzehnt andauerte und auch die Ruhrregion, Dorgathen’s Heimatort, beeinträchtigte.27 Er suchte daraufhin eine bessere wirtschaftliche Sicherheit in Amerika in seiner Profession als Bergbauer. Diese wurde ihm wohl durch Berichte anderer Einwanderer suggeriert, welche in seinen Briefen oft zur Sprache kommen.28 Jedoch fand er nicht die finanzielle Sicherheit, welche er sich erhofft hatte und reiste daraufhin im März 1885 zurück nach Deutschland.29 Gründe dafür waren wahrscheinlich sowohl die ebenfalls ungünstigen Arbeitsbedingungen in Amerika30 als auch seine „ungemein enge Verbundenheit mit Familie und Freunden“,31 welche sich in seinem sehr hohen Briefduktus äußert und ihn wahrscheinlich zusätzlich in seine Heimat zurückzog.

Diese enge Verbundenheit, welche Helbich hier anspricht, legt ebenfalls nahe, dass der individuelle Wahrheitsgehalt der Briefe von Dorgathen relativ hoch liegen müsste; es bestand wenig Motivation auf Seiten Dorgathen’s, in seinen Briefen an seine Geliebten etwas zu beschönigen, zu verschweigen oder zu verändern.

Bereits in seinem ersten Brief merkte Dorgathen an, dass er bei seiner Ankunft im neuen Land guth aufgenomen [wurden]. sie thaten was sie nur konten […] und die Leute sind hir so guth das könt ihr nicht glauben.32 Hierbei wurde ein essenzieller Vorgang der Integration und der Einwanderung generell beschrieben: Der erste Eindruck, oder die erste Interaktion mit dem neuen Land und dessen Einwohnern. Laut Dorgathen’s Darstellung fiel ihm dieser erste Kontakt positiv auf, die lokale Gesellschaft bemühte sich offenbar und thaten was sie nur konten, um den Neuankömmlingen den Übergang ins neue Leben einfacher zu gestalten und somit den Integrationsvorgang bereits hier anzustoßen.

Im Folgenden fällt ein Kommentar zum Verhältnis der amerikanischen Gesellschaft speziell mit deutschen Einwanderern auf. Demnach haben [sie] hir vil lieber Deutschen als Engländer.33 Dorgathen filtert hier also aus der allgemeinen Stimmung der amerikanischen Gesellschaft heraus, dass englische Einwanderer lange nicht so gerne gesehen waren, wie deutsche. Das zeigt, dass deutsche Einwanderer (in dieser Zeit) wahrscheinlich einen einfacheren Integrationsprozess vor sich hatten, als viele andere Nationalitäten, da der allgemeine Wille zur Aufnahme und Eingliederung deutschstämmiger relativ hoch angesiedelt war.34

Dies rührte wahrscheinlich unter anderem daher, dass die deutschstämmigen in dieser Zeit die größte Einwanderergruppe bildeten und ihr Herkunftsland ein gutes Ansehen in Punkten der Kultur und der Wissenschaft unter den Amerikanern der höheren Gesellschaftsschichten genoss.35 Aber auch in den niedrigeren Schichten gewannen die Amerikaner ein Bild der Deutschen, welches von „Fleiß, Sparsamkeit und Ehrlichkeit – bewundernswerte Tugenden im amerikanischen Wertesystem“36 geprägt war. Es existierten also Klischees, nach welchen die Deutschen wegen ihrer ideologischen Grundausrichtung, ihrem Wertesystem, ihrer Wissenschaft und ihrem handwerklichen Geschick unter den Großteilen der amerikanischen Bevölkerung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hoch angesehen waren. Dies wirkte sich sicherlich positiv auf die Grundeinstellung der lokalen Gesellschaft zur Integration der Deutschen aus.

[...]


1 Benjamin Franklin, 1751, zitiert nach Jürgen Eichhoff, Die deutsche Sprache in Amerika, in: Trommler, Frank [Hrsg.], Amerika und die Deutschen. Bestandsaufnahme einer 300-jährigen Geschichte, Opladen 1986, S. 237.

2 Wokeck, Marianne, Deutsche Einwanderung in die nordamerikanischen Kolonien. Prototyp einer transatlantischen Massenwanderung, in: Trommler, Frank [Hrsg.], Amerika und die Deutschen. Bestandsaufnahme einer 300-jährigen Geschichte, Opladen 1986, S. 29-33.

3 Helbich, Wolfgang; Kamphoefner, Walter D.; Sommer, Ulrike [Hrsg.], Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der neuen Welt 1830-1930, München 1988, S. 11.

4 Helbich, Briefe aus Amerika.

5 Helbich, Briefe, S. 31-32.

6 Ebd., S. 32.

7 Ebd., S. 33.

8 Ebd., S. 33.

9 Ebd., S. 39.

10 Ebd., S. 48.

11 Helbich, Briefe, S. 148.

12 Ebd., S. 148-149.

13 Ebd., S. 149.

14 Ebd., S. 149.

15 Johann Bauer an Eltern und Geschwister, New York 11.05.1854, in: Helbich, Briefe, S. 151.

16 Johann Bauer an Eltern und Geschwister, Princeton 10.06.1855, in: Helbich, Briefe, S. 154.

17 Johann Bauer an Katharina Bauer, Sandhill 02.09.1857, in: Helbich, Briefe, S. 156: Solche Beispiele könnt ihr hier offen sehen […] Mögt Ihr immerhin America eine Wildniß heißen mir gefällt es jeden Tag besser in Bezug auf Religion kann sich Deutschland nicht mit America messen.

18 Johann Bauer an seinen Schwager, Sand Hill 30.11.1856, in: Helbich, Briefe, S. 155.

19 Siehe z.B.: Levine, Bruce, The Spirit of 1848. German Immigrants, Labor Conflict, and the Coming of the Civil War, Illinois 1992, S. 5-8.

20 Johann Bauer an Eltern, Freunde und Geschwister, Willmothville 12.12. 1868, in: Helbich, Briefe, S. 165.

21 Johann Bauer an Eltern und Geschwister, Sand Hill 20.05.1860, in: Helbich, Briefe, S. 157.

22 Ebd., S. 157.

23

24 Johann Bauer an Eltern und Geschwister, Sand Hill 20.05.1860, in: Helbich, Briefe, S. 157.

25 Ebd., S. 157.

26 Helbich, Briefe, S. 398.

27 Ebd., S. 398-399.

28 Ebd., S. 399-400.

29 Ebd., S. 401.

30 Zum Beispiel waren sich die Gesellschaften und die Zechen nicht einig und es kam zu Streiks und Ungleichheiten, welche sicherlich die Entscheidung zur Rückwanderung Dorgathen’s begünstigten, wenn nicht anstießen. Siehe dazu: Helbich, Briefe aus Amerika, S. 400-401.

31 Helbich, Briefe, S. 401.

32 Matthias Dorgathen an Eltern, Geschwister und Schwager, Navare 07.05.1881, in: Helbich, Briefe, S. 402.

33 Ebd., S. 402.

34 Luebke, Frederick C., Das Bild des deutschen Einwanderers in den Vereinigten Staaten und in Brasilien 1890-1918, in: Trommler, Frank [Hrsg.], Amerika und die Deutschen. Bestandsaufnahme einer 300-jährigen Geschichte, Opladen 1986, S. 222-227.

35 Ebd., S. 223-224.

36 Ebd., S. 224.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Integrationsprozesse deutscher Einwanderer nach Amerika im 19. Jahrhundert
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Einwanderungsgeschichte der USA
Note
1.7
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V937966
ISBN (eBook)
9783346266330
ISBN (Buch)
9783346266347
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einwanderung, Briefe, Integration, 19. Jahrhundert, 19. Jh., USA, Amerika, Deutschland
Arbeit zitieren
Christoph Zistler (Autor), 2020, Integrationsprozesse deutscher Einwanderer nach Amerika im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/937966

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