Ereignissegmentierung im Sprachvergleich. Konstruktion direktionaler Bewegungsereignisse im Deutschen und Türkischen


Bachelorarbeit, 2019

55 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bewegungsereignisse im Sprachvergleich
2.1 Typologische Einordnung des Deutschen und Türkischen
2.2 Boundary-Crossing
2.3 Sprachliche Mittel
2.3.1 Deutsch
2.3.2 Türkisch

3. Event Unit Formation

4. Ereignissegmentierung aus kognitiver Perspektive
4.1 Der Einfluss von Aufmerksamkeitsmustern
4.1.1 Manner und Path
4.1.2 Zielgerichtete Bewegung und Endpunktfokussierung
4.2 Psychologische Grundmodelle der Ereignissegmentierung
4.3. Sprachtypologischer Einfluss auf die Ereignissegmentierung
4.3.1 Macro-Event-Property
4.3.2 Manner-Layer und Path-Layer

5. Empirischer Teil der Studie
5.1 Fragestellung und Hypothesen
5.2 Experimentendesign
5.2.1 Probanden
5.2.2 Stimuli
5.2.3 Durchführung

6. Datenanalyse
6.1 Kodierung der Daten
6.2 Anzahl der Äußerungen
6.3 Anzahl und Kombination der Segmente
6.4 Boundary-Crossing und Endpunkt
6.5 Abhängigkeit der Variable

7. Interpretation der Ergebnisse

8. Diskussion

9. Ausblick

10. Literaturverzeichnis

11. Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Prozesse der Ereignissegmentierung aus kognitiver und linguistischer Perspektive. Zusammengestellt aus Darstellung bei Gerwien & von Stutterheim (2018) und Zacks et al. (2007)

Abbildung 2: Schematische Darstellung der definierten Segmenttypen in den jeweiligen Wegabschnitten

Abbildung 3: Anteil an Antworten mit mehr als zwei Äußerungen

Abbildung 4: Anzahl Häufigkeit Segment 3 nach Sprache und Kondition

Abbildung 5: Anzahl Nennungen Boundary-Crossing und Endpunkt in Prozent

Abbildung 6: Relation Anzahl Segmenttyp 0, EP und BC nach Sprache und Kondition

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Mittelwert der Anzahl an finiter Verben nach Sprache und Kondition

Tabelle 2: Anzahl von 1, 2 und 3 finiter Verben nach Sprache und Kondition

Tabelle 3: Anzahl der Segmenttypen nach Sprache und Kondition

Tabelle 4: Anzahl der Segmente nach Sprache und Kondition

Tabelle 5: Abhängigkeit Anzahl finiter Verben und Lexikalisierung EP in den Aussagen

Tabelle 6: Anzahl finiter Verben in Antworten, in denen beide Referenzpunkte (BC und EP) lexikalisiert wurden

1. Einleitung

Jede visuelle und akustische Information, die wir aus dem Umfeld wahrnehmen, gelangt über unsere peripheren Organe in unser Gedächtnis. Durch kognitive Fähigkeiten wird der ununterbrochene Strom an Informationen in Gedanken umgewandelt. Um unsere Gedanken zu formen und zum Ausdruck bringen zu können, brauchen wir Sprache, denn sie kann als „die Infrastruktur im Land des Denkens“ (Kohlmayer 2000) verstanden werden. Die Sprachen der Welt verfügen über unterschiedliche strukturelle und grammatische Mittel um Angaben zu zeitlichen und räumlichen Relationen zu machen. Z.B. gibt es in Australien eine Aborigine Gemeinschaft, die nicht zwischen rechts und links unterscheidet, sondern Angaben zur Himmelsrichtung macht (Boroditsky & Gaby 2010). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die sprachstrukturellen Unterschiede einen Einfluss auf das menschliche Denken haben.

Das große Interesse für Bewegungsereignisse im sprachwissenschaftlichen Forschungsbereich geht auf die Untersuchungen von Leonard Talmy (2000, 2007) zurück, der anhand typologischer Unterschiede eine Unterteilung in Verb-Framed und Satellite-Framed Sprachen vornahm. Das Türkische wird zum ersten und das Deutsche zum zweiten Sprachtyp gezählt. Diese strenge Dichotomie wurde im Laufe der Forschung weiterentwickelt und zu Teilen auch relativiert (Slobin 2006; Beavers et al. 2010). Ein einflussreiches Modell in der kognitiven Forschung stellt die Event Segmentation Theory (EST) von Zacks & Swallow (2007) dar, die besagt, dass der kontinuierliche rezeptive Strom in einem automatischen Prozess in Bedeutung tragende Einheiten unterteilt wird, sobald ein Input wahrgenommen wird (ebd. 2007: 80). Bohnemeyer et al. (2007) rezipierten das Grundmodell und untersuchten die Segmentierung von Ereignissen im sprachlichen Kontext. Dabei konnten sie sprachtypologische Unterschiede im Hinblick auf die Manner- und Path-Informationen und ihre sprachabhängige Kodierung feststellen. In zwei Experimenten konnten Gerwien & von Stutterheim (2018) zeigen, dass Richtungs- oder Orientierungswechsel einen Einfluss auf die Segmentierung von Bewegungsereignissen haben. In einer nonverbalen Aufgabe testeten sie, wie häufig und wann die Sprecher1 des Französischen und des Deutschen den visuellen Input segmentierten. In der Lexikalisierungsaufgabe wurde untersucht, wie viele Event Units (s. Kapitel 3) produziert wurden. Zwischen beiden Sprachen konnte ein signifikanter Unterschied in der Anzahl der Segmente und der produzierten Event Units festgestellt werden. Außerdem zeigten Gerwien & von Stutterheim (2018), dass die kognitive Segmentierung und die Segmentierung in der Sprache auf denselben mentalen Repräsentationen basieren.

In der vorliegenden Arbeit wird die Lexikalisierung und Konstruktion von Bewegungsereignissen im Deutschen und Türkischen untersucht. Den Probanden werden Videosequenzen gezeigt, die die Bewegung einer Entität (in den meisten Fällen eine Person) entlang eines Wegabschnitts darstellt. Anders als bei Gerwien & von Stutterheim (2018) werden in den Videos keine Richtungs- oder Orientierungswechsel, sondern Referenzpunkte in Form von End- (Garage, Brunnen, Ticketautomat) und Grenzpunkten (Wasserschlauch, Absperrband, Besen), dargestellt. Ziel ist es zu prüfen, wie die beiden Sprachgruppen in ihren sprachspezifischen Mustern zusammenhängende Einheiten konstruieren und wie die beiden genannten Referenzpunkte wahrgenommen werden. Das Experimentendesign wird aus einer vorgehenden Masterarbeit von Wutz (2018) übernommen, die das Französische und Deutsche untersuchte. Sie führte ein verbales und ein nonverbales Experiment durch, in denen sie die Ergebnisse von Gerwien & von Stutterheim (2018) bestätigen konnte. In dieser Bachelorarbeit wurden ausschließlich die Ergebnisse der Lexikalisierungsaufgabe betrachtet, da eine weitere Untersuchung der nonverbalen Segmentierung über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würde. Die transkribierten deutschen Daten wurden von Wutz (2018) übernommen und durch Abweichungen bei der Kodierung nochmals neu aufbereitet. Die türkischen Daten für die Studie der vorliegenden Arbeit wurden eigenständig erhoben.

2. Bewegungsereignisse im Sprachvergleich

In den folgenden Abschnitten sollen das Deutsche und das Türkische in die beiden Sprachmuster nach Talmy (2000) eingeordnet werden. Dabei werden die für die Studie relevanten Eigenschaften betrachtet, zu denen auch das Verhalten der Sprachen in Situationen mit einem physischen Grenzübertritt (Boundary-Crossing) zählt. Des Weiteren werden die sich stark voneinander unterscheidenden sprachlichen Mittel zur Lexikalisierung von Bewegungsereignissen dargelegt.

2.1 Typologische Einordnung des Deutschen und Türkischen

Leonard Talmy (2000) unterteilte die Sprachen der Welt in S-Sprachen und V-Sprachen, um sie anhand ihrer Lexikalisierungsmuster miteinander vergleichen zu können. Sprachabhängige Unterschiede zeigen sich darin, wie die semantischen Komponenten Motion (die Tatsache der Bewegung), Figure (die sich bewegende Entität), Ground (Hintergrund, vor dem die Bewegung stattfindet), Path (der Weg, den die Figure nimmt) Manner (die Art und Weise der Bewegung) und Cause (die Ursache der Bewegung) verbalisiert werden. Path und Motion stellen den Kern der Bewegung dar und werden in allen Sprachen bei der Beschreibung eines Bewegungsereignisses versprachlicht. Manner und Cause bezeichnet Talmy (2000) als Co-Ereignisse, deren Versprachlichung fakultativ ist (Talmy 2000: 49). Motion wird grundsätzlich im Verb lexikalisiert und kann mit anderen Komponenten zu einem „system of conflation“ (Talmy 2000: 65) verschmelzen, wohingegen Path sprachabhängig im Verb oder außerhalb des Verbs realisiert werden kann.

Deutsch wird zu den Satellite-Framed Sprachen (des Weiteren als S-Sprachen) und Türkisch zu den Verb-Framed Sprachen (des Weiteren als V-Sprachen) gezählt. Diese Einteilung wird in der Forschung mit dem Einfluss von Slobin (2006) und Beavers et al. (2009) nicht als absolut verstanden, sondern als Skala, in der für die Sprachen der Welt eine Tendenz hin zu einem typologischen Sprachtyp festgestellt werden kann. Das Deutsche lexikalisiert Path außerhalb des Verbs, wohingegen dieser im Türkischen bevorzugt im Verb ausgedrückt wird. Auch diese Einteilung ist nicht absolut, sondern eher ein bevorzugtes Muster, durch das die anderen Optionen nicht auszuschließen sind (Beavers et al. 2009: 39). Dennoch enthalten die sprachspezifischen Eigenschaften in Talmys Typologie wichtige Erkenntnisse, die Rückschlüsse auf die Strategien einer Sprache ermöglichen. Die Path-Komponente wird in S-Sprachen durch sogenannte Satelliten zum Ausdruck gebracht, die von Talmy (2007) als „any constituent that is a sister relation to the verb root“ (Talmy 2007: 139) bezeichnet werden. Im Deutschen fungieren Präpositionen und Partikel als Path-Komponenten. In S-Sprachen ist es möglich, mehrere Satelliten mit einem finiten Verb zu kombinieren und dadurch detaillierte Informationen zum Path zu geben (Talmy 2007: 164; von Stutterheim et al. 2019). In Beispiel (1) wird in einem einfachen Satz durch das Verb zunächst bestimmt, dass die Figure sich bewegt (Motion) und wie diese Bewegung aussieht (Manner). Es werden Informationen darüber gegeben, dass die Figure den Hügel überwinden muss und sich vor dem diesem oder in einer niedrigen Position am Hang des Hügels befindet (über). Es wird ausgedrückt, dass sie sich in einen neuen räumlich eingegrenzten Raum begibt (ins), der sich unterhalb des Hügels befindet und die Figure sich daher wieder von einer erhöhten Position in eine niedrigere bewegen muss (hinunter).

(1) Der Mann rennt über den Hügel ins Dorf hinunter.

Um Beschreibungen wie in (1) versprachlichen zu können, werden im Türkischen Sätze mit mehreren finiten Verben gebildet. Ein Path-Abschnitt kann immer nur mit einem Verb ausgedrückt werden. Beispiel (2) ist eine Variante, wie der Satz im Türkischen lexikalisiert werden kann. Die einzelnen Komponenten können in einer Beschreibung vorkommen, erfordern aber die Konstruktion von mehreren PPn.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Mann läuft rennend über den Hügel, läuft nach unten und kommt im Dorf an.

Manner wird im Deutschen im Verb und im Türkischen typischerweise durch ein Konverb versprachlicht. Im Türkischen ist es möglich Manner auch im Verb auszudrücken, allerdings gibt es Einschränkungen bei der Beschreibung von Situationen mit einem Grenzübertritt. Das Verb enthält dann die Path-Informationen und Manner kann durch ein Konverb zum Ausdruck gebracht werden. Im folgenden Abschnitt werden die Restriktionen, die in Boundary-Crossing Situationen gelten, näher betrachtet. Die sprachlichen Mittel, die bei der Lexikalisierung von Bewegungsereignissen in den jeweiligen Sprachen relevant sind, werden unter 2.4 aufgezeigt.

2.2 Boundary-Crossing

Wie bereits erwähnt, verfügen V-Sprachen über Verben, die Informationen zum Path der Bewegung geben. Im türkischen Sprachinventar gibt es aber auch Verben wie yürümek (laufen), dü§mek (fallen), ko§mak (rennen), die keine Path- sondern Manner- Informationen tragen (3)

(3) Bir bayan spor alet-ler-in-e dogru ko§-iyor.

Ein Frau Sport Gerät-PL-PASS-DAT Richtung rennen-PRS Eine Frau rennt zu den Sportgeräten .

Für die Verwendung von Manner-Verben konnten Slobin & Hoiting (1994) bei der Konstruktion eines Bewegungsereignisses mit Grenzübertritt Einschränkungen feststellen. Durch das Boundary-Crossing Constraint ist es in Sprachen mit einer Verb­Framing Struktur demnach nicht möglich, Manner im Hauptverb auszudrücken, wenn die Überschreitung einer räumlichen Grenze lexikalisiert werden soll (Slobin & Hoiting 1994: 498). In Beispiel (4) erfolgt durch die Bewegung von einem Außenraum in einen umschlossenen Innenraum eindeutig die Überschreitung einer Grenze. Der Grenzübertritt wird mit dem Path-Verb girmek (betreten) lexikalisiert, welches keine Informationen zur Art und Weise der Bewegung gibt (z.B. ob die Figure sich schnell oder langsam bewegt). Wird an den Verbstamm ko§-, wie in Beispiel (4), das Suffix -iyor angehängt, so kann er in einer dynamischen Beschreibung zu dem Hauptverb werden. Jedoch wird im betrachteten Beispiel hierbei kein Übertritt einer Grenze beschrieben, sondern die Bewegung hin zu einem Endpunkt _ in diesem Fall ein Haus (siehe hierzu 4.1.2). Der Grenzübertritt muss also in diesem Fall seperat durch ein Path-Verb ausgedrückt werden.

(4) Adam ev-e gir-iyor. Mann Haus-DAT betreten-PRS.

Ein Mann betritt das Haus .

(5) Adam ev-e ko§-iyor.

Mann Haus-DAT rennen-PRS.

Ein Mann rennt zum Haus .

Özgali§kan (2013) untersuchte Aussagen von Türkisch und Englisch Muttersprachlern. In der Studie beschrieben die Probanden eine Reihe von Bildern, in denen eine Figure zu sehen war, die verschiedene Arten von Grenzen überschreitet (Teppich, Sprung ins Wasser etc.). Sie konnte feststellen, dass im Türkischen mit großem Unterschied zum Englischen Path-Verben zur Bildbeschreibung bevorzugt und Manner-Verben vernachlässigt wurden (ebd.:8). Was Hoiting & Slobin (1994) für V-Sprachen feststellen konnten, trifft also auch für das Türkische zu. Unter den Beschreibungen der türkischen Muttersprachler gab es aber auch solche, in denen der Grenzübertritt, entgegen des Boundary-Crossing Constraints, mit einem Manner-Verb lexikalisiert wurde. Aus ihren Ergebnissen schließt Özgali§kan (2013), dass es sich bei der Verwendung von Manner- Verben in V-Sprachen um eine weniger saliente Kategorie handelt. Manner-Verben sind im Türkischen jedoch nicht völlig auszuschließen (ebd. 3). Beispiele für Situationen, in denen ein Manner-Verb verwendet wurde, waren z.B. sehr plötzliche oder schnelle Bewegungen (ebd. 12)2. Ein weiteres Ergebnis ihrer Untersuchung zeigte, dass Türkisch­Muttersprachler die Bilder häufig ohne die Lexikalisierung des Grenzübertritts konstruierten. In solchen Fällen wurde die Bewegung der Figure in Richtung der Grenze beschrieben oder direkt innerhalb der begrenzten Region lokalisiert (ebd.:8). Özgali§kan (2013) konnte zudem Unterschiede bei der Anzahl der Äußerungen von Bewegungsereignissen zwischen dem Englischen und dem Türkischen feststellen. Türkisch Muttersprachler produzierten in ihren Äußerungen mehr Segmente, wenn sie einen Grenzübertritt beschrieben. Um die Verwendung eines Manner-Verbs zu umgehen, wurde eine plötzliche Bewegung, wie der Sprung ins Wasser, in einzelnen Etappen beschrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es gibt ein Trampolin, es gibt Wasser, ein Wasser mit Tiefe, tiefes Wasser, ein Mann springt vom Trampolin ins Wasser .

In (6) erfolgt zunächst eine sehr ausführliche Beschreibung der Situation. Anschließend wird der Absprung anhand eines Manner-Verbs beschrieben (atlamak, springen) und daraufhin erfolgt der Grenzübertritt durch die Lexikalisierung mit einem Path-Verb (girmek, betreten) und dem dazugehörigem Ground (Trampolin).

Es ist davon auszugehen, dass ein Grenzübertritt Einfluss auf die Wahl des Verbs hat und auf die Segmentierung eines Bewegungsereignisses. Dieser kann allerdings nicht im Sinne eines Constraints verstanden werden, der die Lexikalisierung von Grenzübertritten mit Manner im Hauptverb völlig ausschließt.

2.3 Sprachliche Mittel

Das Deutsche und das Türkische unterscheiden sich hinsichtlich der sprachlichen Mittel, mit denen die räumlichen Konzepte lexikalisiert werden können. Das Türkische als Prototyp einer agglutinierenden Sprache verfügt beispielsweise über eine Vielzahl an Suffixen, die eine grammatikalische Funktion haben und an den Wortstamm angehängt werden (Skalicka 1979: 25). Auch bei der Konstruktion von Bewegungsereignissen spielen diese eine Rolle. Im Folgenden werden die sprachlichen Mittel des Deutschen und Türkischen dargelegt, die für die Enkodierung der hier betrachteten Bewegungsereignisse von Bedeutung sind. Es wird aufgezeigt über welche Mittel die beiden Sprachen verfügen, um die die verschiedenen Komponenten (Manner, Path, Ground etc.) zu versprachlichen und wie die Direktionalität einer Bewegung markiert wird.

2.3.1 Deutsch

Das Deutsche verfügt über eine Vielzahl an Verben, die die Art und Weise der Bewegung ausdrücken und sich durch feine semantische Differenzierungen auszeichnen (Snell- Hornby 1983). Es gibt z.B. mehrere Verben, die Schnelligkeit (laufen, sprinten, rennen etc.) oder eine ruhige Bewegung (schreiten, spazieren, wandern etc.) ausdrücken. Das Inventar an Path-Verben ist hingegen sehr klein. Zu jenen werden verlassen, überqueren und betreten gezählt (Wienold 1992: 5; Berthele 2006: 53). Im Bereich der Semantik ist noch nicht geklärt, welche Verben zu den Path-Verben gezählt werden. Steigen wird beispielsweise sowohl den Path- als auch den Manner-Verben zugeordnet (Berthele 2006: 56f). In dieser Arbeit sind allerdings nur Solche relevant, die direktionale Bewegungen entlang der horizontalen Achse beschreiben und daher kann diese Diskussion außer Acht gelassen werden. Relevant ist zudem, dass die Verben in den Bewegungsereignissen eindeutig dem Ground-Objekt zugewiesen werden können. Dies ist für überqueren (7) und betreten (8) der Fall.

(7) Eine Frau überquert einen Bahnübergang.
(8) Eine Frau betritt den Rasen.

Grenzübertritt und zielgerichtete Bewegung können im Deutschen in einer Äußerung lexikalisiert werden, indem das Verb Manner kodiert und Path in vielen Fällen durch eine PPn kodiert wird. Auch innerhalb einer Verbalphrase, wie in Beispiel (9), können also Path und Manner gemeinsam lexikalisiert werden. Auf syntaktischer Ebene werden Path und Ground miteinander als Präposition und Nomen kombiniert und treten zusammen in einer PPn auf.

(9) Ein Mädchen fährt auf einem Fahrrad über einen Gartenschlauch in eine Garage.

In vielen Fällen, vor allem bei Wechselpräpositionen, gibt der regierende Kasus weitere Informationen zum Path der Bewegung an. Eine direktionale Bewegung wird durch den Akkusativ ausgedrückt. Die Dativ-Form dient als lokale Ergänzung, die eine nicht zielgerichtete Bewegung angibt.

(10) a) Die Frau läuft ins/ in das Haus. Akkusativ, direktionale Ergänzung. (?)
b) Die Frau läuft im/ in dem Haus. -> Dativ, lokale Ergänzung. (?)

Bei der Verwendung von Bewegungsereignissen mit durch und über ist im Gegensatz zu den in (7) und (8) aufgeführten Path-Verben, eine mehrdeutige Leseart möglich. Es kann sowohl Bezug zu einer Bewegung hin zu einem Zielort, als zu auch einer nicht zielgerichteten, atelische Bewegung genommen werden (Klein 1991: 90).

Ausschlaggebend sind hierbei die Eigenschaften des Grounds (Größe, Funktion etc.) und das Kontextwissen (Müller 2013: 232f). In Beispiel (11) ist eine ambige Leseart möglich, denn es ist zum einen denkbar, dass die Figur sich innerhalb des Parks oder der Rasenfläche bewegt, ohne ein bestimmtes Ziel erreichen zu wollen. In Diesem Fall würde es sich um eine atelische Bewegung handeln. Die Beschreibung kann aber auch so verstanden werden, dass die als Ground (Park) fungierende Entität durchquert und als Grenzübertritt konzeptualisiert wird. In (12) hingegen erfolgt eindeutig ein Grenzübertritt, da die Ground-Fläche der Brücke eingegrenzt und nicht weitläufig ist, wie in (11).

(11) Eine Frau läuft durch den Park (417)
(12) Die Frau fährt über die Brücke (101)

Einen weiteren Sonderfall stellt das Adverb entlang dar. In Beispiel (13) handelt es sich nicht um eine zielgerichtete Bewegung. Doch anders als bei durch und über wird entlang als Wegkomponente verwendet, wenn der Ground räumlich klar definiert ist.: „Ein Entlang-Ort ist, so wie ich dieses Wort verstehe, eine Art Streifen parallel zu einer Seite des Relatums“ (Klein 1991: 11). Bei Bewegungsereignissen mit entlang (kursiv?) ist also davon auszugehen, dass keine zielgerichtete Bewegung beschrieben wird, aber die Bewegung entlang einer bestimmten Richtung erfolgt.

(13) Eine Frau läuft den Weg entlang.

In Abschnitt 6.1 werden die Relevanz und der Umgang der betrachteten sprachlichen Mittel in der Studie dargelegt.

2.3.2 Türkisch

Das Türkische verfügt über Verben, die Bewegung im Allgemeinen (gitmek gehen , gelmek kommen), Änderungen des Standorts (girmek betreten , geqmek überqueren , qtkmak verlassen ) und die Ankunft an einem Endpunkt (ulagmak ankommen ) ausdrücken. Alle genannten Beispiele geben keine Informationen zur Art und Weise der Bewegung und enkodieren ausschließlich den Path (Woerfel 2018: 65).

Manner kann im Türkischen neben dem Path-Verb auch als subordinierende Konverben auftreten, wie in Beispiel (14), die in den meisten Fällen durch das Anhängen eines Suffixes (-(y)ErEk) an den Verbstamm gebildet werden. Sie zählen nicht zu den finiten Verben, da sie weder durch Personal- noch durch Tempusendungen ergänzt werden. Ins Deutsche können Konverbien in ein Partizip Präsens oder einen indem-Satz übersetzt werden. Die durch das Konverb ausgedrückte Handlung erfolgt zur gleichen Zeit wie die im Hauptverb ausgedrückte Bewegung. Konverbien können durch die doppelte Nennung des Verbstamms und das Anhängen des Suffixes -(y)E auftreten (15) und haben die gleiche Bedeutung wie in (14) (Aguigenoglu 2008: 151).

(14) Kiz gocug-u köprü-den ko§-arak geg-di.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Mädchen überquerte die Brücke rennend .

(15) Kiz gocug-u ko§-a ko§-a köprü-den geg-di.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Mädchen überquerte rennend die Brücke .

Slobin & Özgali§kan (2003) verglichen mündliche Äußerungen türkischer Muttersprachler mit Auszügen aus Romanen in türkischer Sprache. Sie wollten feststellen, über welche Mittel Sprecher von S-Sprachen verfügen, um Manner zu kodieren. Ihre Ergebnisse zeigten, dass Manner-Verben in V-Sprachen aufwändiger in der Kodierung. Sie argumentieren, dass die Versprachlichung von Konverbien aufwendigere mentale Prozesse erfordert. Sie werden daher nur dann ausgedrückt, wenn die Art und Weise der Bewegung erfragt wird oder das Fehlen von Manner einen Einfluss auf die Diskursstruktur hat. Die Lexikalisierung von Manner ist in V-Sprachen nach den Ergebnissen von Slobin & Özgali§kan (2003) restringiert. Türkisch Muttersprachler scheinen Bewegungsereignisse bevorzugt durch Path-Verben zu lexikalisieren und Manner-Informationen wegzulassen (ebd. 9).

Im Türkischen kann die Bewegung in Richtung eines Endpunktes durch räumliche Postpositionen (z.B. kadar bis, dogru in Richtung) ausgedrückt werden. Fall-Marker in Form von Suffixen, die an den Wortstamm angehängt werden, dienen als Mittel um die Zielgerichtetheit und den Ursprung der Bewegung anzuzeigen (Woerfel 2018: 72). Insgesamt gibt es im Türkischen drei Kasusmarkierung: Das Lokativ-Suffix -dE, das Dativ-Suffix -(y)E und das Ablativ-Suffix -dEn. Durch die Regeln der Vokal- und Konsonantenharmonie können diese Suffixe unterschiedlich realisiert werden, drücken aber dieselbe grammatikalische Kategorie aus (Becker 1994: 34). In Beispiel (16) wurde die Bewegung von der Brücke als Startpunkt mit der Ablativmarkierung -dEn an der Ground-Entität markiert und die Bewegung hin zum Auto durch das Dativsuffix -(y)E am Zielobjekt angezeigt. Mittels dogru kann die Bewegung zum Endpunkt und die Direktionalität betont werden. Die Verwendung einer solchen Postposition ist fakultativ. In (17) wird die Figure durch das Anhängen eines Lokativ-Suffixes an den Ground3 (- dE) lokalisiert. Wird Beispiel (17) durch ein Manner-Verb ergänzt, entsteht eine dynamische Relation (18), die keine Angaben zur Direktionalität gibt. Lexikalisierungen, wie in (18), werden von Gerwien & von Stutterheim et al. (2019) als screenshots bezeichnet. Sie lokalisieren die Figure in einer dynamischen Bewegung und geben nähere Angaben zu ihrer Aktivität. Eine solche Konstruktion ist ausschließlich mit Manner-Verben möglich.

(16) Bir bayan köprü-den araba-ya dogru ko§-iyor. (Excel_103)

Ein Frau Brücke-ABL. Auto-DAT. Richtung rennen-PRS

Eine Frau rennt über die Brücke, in Richtung des Autos.4

(17) Bir bayan köprü-de.

Ein Frau Brücke-LOK.

Eine Frau ist auf der Brücke.

(18) Bir bayan köprü-de ko§-iyor.

Ein Frau Brücke-LOK rennen-PRS.

Eine Frau rennt auf der Brücke.

In einer Spracherwerbsstudie wurden die Erzählungen der Frog-Story5 durch Probanden verschiedener Altersgruppen verglichen. Aksu-Kog (1994) stellte für das Türkische fest, dass in den Beschreibungen neben Informationen zu zielgerichteter Bewegung auch viele Lokativ-Adverbien und Pospositionen im Dativ vorkamen. Sie dienten dazu, Quelle und Ziel der Bewegung spezifischer zu beschreiben. Nach Aksu-Kog (1994) hatte ihre Verwendung vor allem Diskurs motivierte Gründe. Es wurde auf bereits stattgefundene Ereignisse aus einem vorherigen Kontext Bezug genommen (Aksu-Kog 1994: 350f). Sie zeigte, dass Sprecher von V-Sprachen dazu tendieren, elaboriertere Beschreibungen zur Lokalisation der Figure und dem Endzustand der Bewegung zu geben. In S-Sprachen werden hingegeben Path und Manner detailierter beschrieben. (ebd.: 354).

3. Event Unit Formation

Unter Event Units verstehen Gerwien & von Stutterheim (2018) eine Zustandsveränderung, die durch eine Ereignisgrenze abgeschlossen und gegebenfalls von einer weiteren Event Unit getrennt wird. Die Wahrnehmung einer solchen Begrenzung ist von sprachspezifischen Mustern und von der kognitiven Wahrnehmung einer Veränderung im kontinuierlichen Strom an Informationen abhängig (Gerwien & von Stutterheim 2018: 225; von Stutterheim et al. 2019). Event Units werden in der Bedeutung von Wörtern enkodiert, genauer gesagt im Verb. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird unter einer Event Unit daher eine lexikalische Einheit verstanden, die durch eine Äußerung mit je einem finiten Verb ver sprachlicht wird (Gerwien & von Stutterheim 2018: 227). Bei den sprachlichen Mitteln zur Konstruktion von Bewegungsereignissen konnten für das Deutsche und Türkische Unterschiede in der Anzahl an finiten Verben aufgezeigt werden. Türkisch-Sprecher lexikalisieren für jeden neuen Ground-Abschnitt ein neues Verb und Deutsch-Muttersprachler können ein Verb für mehrere Ground- Abschnitte enkodieren. Für die Lexikalisierungsaufgabe können somit größere Unterschiede bei der Anzahl an Event Units erwartet werden. Für das Französische konnten Gerwien & von Stutterheim (2018) bereits zeigen, dass mehr verbale Einheiten gebildet werden, als durch deutsche Probanden, wenn Bewegungsereignisse mit einem Richtungs- oder Orientierungswechsel versprachlicht werden sollen. Der Einfluss der Lexikalisierung räumlicher Konzepte auf die kognitive Segmentierung wird unter 4.2 näher betrachtet.

4. Ereignissegmentierung aus kognitiver Perspektive

Bisher wurden die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Türkischen bei der Lexikalisierung von Bewegungsereignissen aufgezeigt und dargelegt, welche sprachlichen Mittel beide Gruppen zur Verfügung haben. Im Anschluss sollen die Theorien zur Ereignissegmentierung in der kognitiven Forschung betrachtet und der Zusammenhang zu sprachspezifischen Mustern verdeutlicht werden.

4.1 Der Einfluss von Aufmerksamkeitsmustern

Sprachen unterscheiden sich dahingehend, worauf sie bei einem visuellen Input ihre Aufmerksamkeit richten. Das sprachabhängige Aufmerksamkeitsmuster beeinflusst, welche Informationen als relevant erachtet werden und wie der Input nach der Verarbeitung verbalisiert wird. Das Deutsche verfügt über eine Vielzahl an Verben, um Manner zu versprachlichen, wohingegen das Türkische ein deutlich kleineres Repertoire an Manner-Verben aufweist, deren Lexikalisierung zumeist fakultativ ist. Hinsichtlich der Lexikalisierung von Manner-Verben unterliegt das Türkische in Situationen mit Grenzübertritt gewissen Einschränkungen. Im Deutschen können durch die Path- Satelliten mehrere Wegabschnitte lexikalisiert werden. Aus den genannten sprachlichen Mitteln ergeben sich Aufmerksamkeitsmuster, die die selektive Wahrnehmung von Bewegungsereignissen beeinflussen. Diese Aufmerksamkeitsmuster innerhalb beider Sprachen werden nachfolgend dargelegt.

4.1.1 Manner und Path

Slobin (2006) untersuchte den Grad der auf die Manner-Information gerichteten Aufmerksamkeit. Sprachen, in denen Manner besonders häufig lexikalisiert werden, haben demnach eine hohe Manner-Salienz (Slobin 2006: 64) . In einer Sprachvergleichsstudie untersuchte Slobin (2006) die Aussagen von Probanden verschiedener Sprachen. Er betrachtete die Beschreibungen einer bestimmten Szene (owl exit scene) aus der Frog Story. In den Aussagen der Sprecher von Verb-Framed Sprachen, stellte er eine geringe Anzahl an Manner-Verben fest und schloss aus den Ergebnissen, dass diese keine Manner-Salienz aufweisen. Innerhalb der S-Sprachen mit einer hohen Anzahl an Manner-Verben gibt es hingegen eine „Cline of Salience“ (Slobin 2006: 73). Darunter werden eine graduelle Abstufungen in Abhängigkeit zur Häufigkeit, in der Manner lexikalisiert wird, verstanden (Slobin 2006: 65). In einer zweiten Untersuchung wurden Rückschlüsse auf die Konzeptualisierung von Bewegungsereignissen in Abhängigkeit zur Frequenz der Versprachlichung von Manner-Informationen gemacht. Spanisch- und Englisch-Muttersprachler hatten die Aufgabe, eine Textstelle aus einem Roman mündlich wiederzugeben. Es wurde eine Romanzeile ausgewählt, die keine Manner-Verben enthielt. In den englischen Äußerungen wurden bei der sinngemäßen Wiedergabe deutlich mehr Manner-Verben verwendet. Daraus schlussfolgerte Slobin (2006), dass sich die Konzeptualisierung von Bewegungsereignissen innerhalb der beiden Sprachtypen unterscheidet (Slobin 2006: 14f). Wenn eine Sprache den Path im Hauptverb kodiert, verfügt sie über begrenzte Mittel um Manner zu enkodieren und dies wirkt sich auf die konzeptuelle Repräsentation aus (Slobin 2006: 17).

Auch Pourcel (2004) konnte für das Französische feststellen, dass Manner-Informationen weniger häufig versprachlicht werden und die Lexikalisierung von Path-Informationen im Verb erfolgt. Vergleichend konnte sie für das Englische als S-Sprache aufzeigen, dass Manner deutlich häufiger ausgedrückt wurde. Path-Informationen wurden in beiden Sprachen zu einer hohen Anzahl lexikalisiert. Demnach wiesen beide Sprachen eine unterschiedliche Gewichtung von Manner auf, wohingegen die Path-Informationen im Englischen und Französischen gleich salient sind (Pourcel 2004: 507f). Die erhöhte Path- Salienz in beiden Sprachtypen ist nach Pourcel (2004) auf die Zielgerichtetheit des menschlichen Verhaltens zurückzuführen (Pourcel 2004: 509f).

Das Türkische untersuchten Özgali§kan & Slobin (2003) im Vergleich zum Englischen und betrachteten die Anzahl der Manner-Verben in Auszügen aus Romanen. Sie zählten deutlich weniger Verben, die Manner ausdrückten und stellten zudem fest, dass im Türkischen auf alternative sprachliche Mittel zurückgegriffen wird, um das Fehlen der Manner-Informationen im Hauptverb zu kompensieren (Özgali§kan & Slobin 2003: 9).

In einer Studie untersuchten von Stutterheim, Gerwien, Bouhaous, Carroll und Lambert (2019) die Konstruktion von Bewegungsereignissen im Französischen, Englischen, Deutschen und Arabischen. Den Probanden wurden Videosequenzen gezeigt, in denen im Laufe der Bewegung ein Orientierungs- oder Richtungswechsel der Figure erfolgt. Anders als in den bisherigen sprachvergleichenden Studien im Bereich der Bewegungsereignisse betrachteten sie neben den Komponenten Path und Manner auch weitere relevante konzeptuelle Domänen, wie die Temporalität im Zusammenhang mit der Räumlichkeit . Zu den untersuchten konzeptuellen Kategorien gehören die Wahl des Event Layers (s. Kapitel 4.3.2), die bevorzugte Kategorie beim räumlichen Framing und die Aspektualität der jeweiligen Sprache. Innerhalb der räumlichen Framing Kategorien wird zwischen figure-based und ground-based Sprachen unterschieden (Gewien, von Stutterheim et al. 2019). Für das Französische konnten sie feststellen, dass die Aufmerksamkeit erhöht auf der sich bewegenden Entität, also der Figure liegt, wenn Aussagen zu einem Orientierungs- oder Richtungswechsel gemacht werden sollen. Wenn im Input keine Informationen zur Richtung der Figure gegeben wird, versprachlichen französische Sprecher Manner of Motion. Da die Direktionalität eines räumlichen Konzepts nicht allein von der Bewegungsbeschaffenheit der Figure abgeleitet werden kann und das Französische wie auch das Türkische in der Beschreibung eines Grenzübertritts eingeschränkt sind, bleibt als einziges figure-based Konzept die Lokalisierung der Figure oder eine nicht räumliche Referenz übrig (von Stutterheim et al. 2019). Aus diesen Beobachtungen schlussfolgern die Autoren, dass über sprachspezifische Aufmerksamkeitsmuster entschieden wird, wie der Input in Event Units unterteilt werden soll. Wenn nicht die Informationen zu finden sind, die den standardisierten Aufmerksamkeitsmustern entsprechen, kann keine automatische Einteilung in Event Units erfolgen. Es wird Zugriff auf eine Strategie genommen, die innerhalb einer Rangordnung an zweiter Stelle steht. Sobald im Input keine Rückschlüsse auf die Richtung der Bewegung gemacht werden können, wird im Französischen die nächste Strategie angewandt, um nähere Informationen zur Figure zu geben . In diesen Fällen wird ein Manner-Verb verwendet und die Direktionalität der Bewegung wird nicht weiter berücksichtigt. Innerhalb einer festgestellten Rangordnung ist die Auswahl der untergeordneten Strategie nach von Stutterheim et al. (2019) sprachspezifisch . Um ein Bewegungsereignis zu konstruieren, können Sprecher des Deutschen und Französischen Manner im finiten Verb lexikalisieren. Im Deutschen stellt es jedoch das Standardmuster dar, wohingegen die französischen Probanden bevorzugt Path im Verb lexikalisieren . Die sprachspezifischen Unterschiede bei der Event Unit Formation sind nicht als eine „function of graded salience“ (von Stutterheim et al. 2019) nach Slobins (2006) Theorie zu betrachten, sondern als eine hierarchische Ordnung innerhalb einer Sprache zu verstehen, die einem bestimmten Muster folgt.

[...]


1 Soweit im Folgenden Berufs- Gruppen- und / oder Personenbezeichnungen Verwendung finden, so ist auch stets die jeweils weibliche Form gemeint. Der Verf. sieht daher von einer genderneutralen Ausdrucksweise ab.

2 In der vorliegenden Studie gibt es keine Videosequenzen, die eine plötzliche oder besonders schnelle Bewegung darstellen. Daher ist davon auszugehen, dass die Überschreitung der Grenzen von den Probanden durch Path-Verben lexikalisiert wird.

3 In der Terminologie zu Lokalisierungsausdrücken als Relatum bezeichnet (Becker 1994: 3).

4 In der Terminologie zu Lokalisierungsausdrücken als Relatum bezeichnet (Becker 1994: 3).

5 Slobin & Berman gründeten the frog-story project, in dem Sprechern verschiedener Sprachen die gleiche Kindergeschichte, die aus 24 Bildern besteht, erzählten. Die Sprachen sollten im Hinblick auf Alters- und Sprachunterschiede miteinander vergleichbar gemacht werden (Berman, Slobin et al. 1994).

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Ereignissegmentierung im Sprachvergleich. Konstruktion direktionaler Bewegungsereignisse im Deutschen und Türkischen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,6
Autor
Jahr
2019
Seiten
55
Katalognummer
V938000
ISBN (eBook)
9783346266118
ISBN (Buch)
9783346266125
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegungsereignisse, eine Untersuchung, Psycholinguistik, Linguistik, Deutsch und Türkisch, im Vergleich, Sprachvergleich Deutsch Türkisch, Event Segmentation Theory, Zacks, Bohnemeyer, Talmy, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Serpil Dogruoglu (Autor:in), 2019, Ereignissegmentierung im Sprachvergleich. Konstruktion direktionaler Bewegungsereignisse im Deutschen und Türkischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938000

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