„Den Schritt hinauswagen!“ - Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers Roman 'Transit'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman
2.1 Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität
2.2 Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die Überangepasstheit gegenüber dem sozialistischen Staat
2.3 Résistance, eine revolutionäre Utopie ?
2.3.1 Flüchtlinge und Slumbewohner- Utopisten oder potentielle Revolutionäre?
2.4 Legitimation des Widerstands
2.5 Formen und Methoden des deutschen Widerstands im besetzten Europa
2.5.1 Passiver Widerstand
2.5.2 Aktiver Widerstand
2.6 Heinz, der schweigende Held als Gegenpol zum islamistischen Märtyrer
2.7 Spuren von ethischer Transzendenz

3 Ist es möglich in einer narrativen Rekonstruktion für sich Rechenschaft abzulegen?
3.1 Die Solidarisierung der Verletzlichen
3.2 Negative Freiheit

4 Exil und Emigration
4.1 »Feindliche Ausländer« - das Trauma der zweimaligen Internierung der deutschen Emigranten
4.2 Der mittelbare Feind
4.3 Der unmittelbare Feind
4.4 Verantwortlichkeit im Krieg
4.4.1 Die Hauptfigur
4.4.2 Der mexikanische Konsul

5 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich eine psychoanalytisch-philosophische Analyse einiger Figuren und Konzepte des Widerstands, sowie des Exil und der Emigration in Anna Seghers Buch Transit durchführen. Dabei beziehe ich mich auf die theoretischen Begriffe Lacans und ihre Rezeption und Fortentwicklung in Alain Badious und Slavoj Žižeks Philosophie in dem Buch Die politische Suspension des Ethischen, ebenso Jean-Paul Sartres existentialistisches Werk Das Sein und das Nichts.

Ich fange mit der Endaussage des Romans an, welche die Flucht für alle negiert und den Anschluss an den Widerstand, der Résistance, befürwortet. Es werden zeitbezogene Unterschiede erläutert; sowie Seghers eigene Vergangenheit, die sich  nicht ohne Widersprüche in ihrem öffentlich-politischen Handeln widerspiegelte als ein Symptom für eine radikale Vergangenheit erkannt. Anhand einiger Figuren werden die verschiedenen Formen des Kampfes verdeutlicht. Dabei werde ich auf die Frage eingehen, in wie weit Widerstand eine Utopie ist und ob Flüchtlinge und andere Ausgegrenzte, wie etwa Slum-Bewohner, potentielle Revolutionäre sein können. Dazu muss zuerst die Frage erläutert werden, in wie weit Widerstand eine Legitimationsgrundlage besitzt und welche Folgen und Konsequenzen für das eigene Handeln man daraus ziehen kann. Anhand der Figur von Heinz wird gezeigt, wie der Prototyp des Revolutionärs im Roman beschrieben wird und ob die Figur des Legionärs für den Aspekt einer ´ethischen Transzendenz´ stehen könnte.

Im dritten Abschnitt wird die Frage der Rechenschaft in narrativen Rekonstruktionen erläutert. Aus der Analyse schlussfolgere ich die Konsequenz, die zur Solidarität und Widerstandleisten führen kann.

Im vierten Abschnitt werden die Begriffe Exil und Emigration erläutert und die Rolle des Feindes näher analysiert. Dabei wird zunächst der geschichtliche Hintergrund der Situation der deutschen Flüchtlinge erläutert, die mit mittelbaren und unmittelbaren Feinden zu kämpfen hatten. Dabei versuche ich anhand Jean-Paul Sartres existentialistischem Hauptwerk, welches auch unter der deutschen Besatzung entstand, die Rolle der Verantwortung im Krieg sowie im Exil zu erläutern. Anhand der Figur des Ich-Erzählers und dem mexikanischen Konsul werden Beispiele für verantwortliches Handeln aufgezeigt.

Abschließend werden die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

2 Der Aspekt des Widerstands in Anna Seghers Roman

2.1 Rückzug in die Passivität als erster Schritt für wahre Aktivität

In wie weit ist die Hauptfigur durch seine politische Passivität bis zur plötzlichen Wende am  Ende des Romans ein Repräsentant der wahren Aktivität? Nach Alain Badious und Slavoj Žižeks Begriffen. unternimmt die Hauptfigur den ersten kritischen „Schritt im Rückzug in die Passivität, in der Weigerung, teilzunehmen – dies ist der notwendige erste Schritt, der gleichsam den Boden für wahre Aktivität bereitet, für einen Akt, der die Koordinaten der Konstellation wirklich ändert“[1].

Heutzutage sehen wir uns mit einer Flut von (Pseudo-)Aktiven konfrontiert, die glauben an unzählige Diskussionen teilnehmen zu müssen, nur um »etwas zu tun«[2]. Hier sieht Žižek die wahre Gefahr für unsere Zeit, da sie zur Erfindung formaler Möglichkeiten beiträgt, „deren Funktion es letztlich ist, das System reibungsloser laufen zu machen [sic!]“[3]. Von den Machthabern wird der Dialog, in der jetzigen Zeit, dem Schweigen bevorzugt, da das Schweigen etwas unheilvoll Bedrohliches an sich hat[4]. Doch wie war es während der NS-Zeit im Exil?

Der anonyme Erzähler in Anna Seghers Roman zeichnet sich durch seine einzelgängerische passive Orientierungslosigkeit aus, die in „tödliche Langeweile“ (Transit, S. 25)[5] mündet. Er ist nicht daran interessiert, sich wie sein Freund Heinz in Freiheitskämpfe zu stürzen, und als ein ´Held´ dazustehen, ein Vorzug , den er mit dem Verlust oder dem Opfer seines Beins bezahlen musste (Vgl. Transit, S. 18). Jeder ´Kampf´, sei es mit dem Wort, wie es der Schriftsteller Weidel betrieb, verlangt große Opfer. Er bezahlte sie mit seinem Leben (Vgl. Transit, S. 23). Der Legionär opferte sich auch, um seinen Vater vor dem Militärdienst zu verschonen. Seine Zeit bei der Fremdenlegion zeigte ihm zwar das Grauen und die Brutalität des Krieges, jedoch verlor er sich nicht völlig in jener Welt, sondern bewahrte sein menschliches Antlitz durch den solidarischen Beistand bei seinen Kollegen in der Wüste, die an der Grenze der Verzweiflung und Erschöpftheit seinen Zuspruch als eine Überlebenshilfe annahmen (Transit, S. 219 - 220).

Vielleicht sollte man einen kategorischen Unterschied zwischen Aktivität im Krieg und Aktivität in Friedenszeiten machen. Wenn die Existenz des Menschen wahrhaft bedroht ist, wie es im Krieg der Fall ist, dann gewinnt die Aktivität einen anderen symbolischen Wert, es ist eher eine Form der Selbstverteidigung im Angesicht des grauenhaften Staates. In Friedenszeiten, wie wir sie nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland erlebt haben, hat die aktive Linke oder die radikale Linke, wie die RAF, eher dazu beigetragen, dass sich der Staat, den sie bekämpfen wollte, im Angesicht der Bedrohung in ihren Maßnahmen genauso radikalisiert hat und somit das Wertesystem, welches sie beschützen wollte, selbst verleugnet hat. Hier diente die Verfolgung von Terroristen als Legitimationsgrundlage für die Offenlegung der  dunklen Kehrseite des Systems, wie wir es in den 70ern in Stammheim und heute in Abu Ghuraib sehen.

Im Abschnitt vier werde ich tiefer auf die Aktivität des Ich-Erzählers eingehen und zu dem Schluss kommen, dass seine Passivität keine echte Passivität war, da er durch seine produktive Hilfe vielen anderen Menschen geholfen hat und sich zu einem Kämpfer am Ende des Romans kristallisiert.

2.2 Anna Seghers »Rumspringa« als Ausgangsbasis für die Überangepasstheit gegenüber dem sozialistischen Staat

Wie man an Anna Seghers Leben sehen kann, hat ihre radikale Vergangenheit eher zu einer Integration in die herrschende ideologisch- politische Gemeinschaft in der DDR geführt. Dieses Phänomen sehen wir auch noch heute bei einer großen Anzahl der amerikanischen Neokonservativen, die in ihrer ´radikalen´ Vergangenheit Trotzkisten waren[6]. Ähnliches sehen wir beim ehemaligen Außenminister von Deutschland, Joschka Fischer.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin im April 1947 und ihre Entscheidung für die DDR, wurde sie von den West-Medien immer mehr als ´kommunistische Staatsdienerin´ brüskiert. Als eine öffentliche Person mit mehreren Ämtern im kulturellen Leben der DDR, hatte sie sowohl Kontakte zu den SED - Räten, sowie großen Einfluss auf das kulturelle Geschehen. Es gibt einige dunkle Leerstellen in ihrem Leben, welches ihre Staatstreue bis zur Selbstverleugnung oder -verrat verdeutlichen. 1955 spielte sie eine ungeklärte Rolle im Schauprozeß gegen den in Mexiko mitexilierten und altkommunistischen Freund, der als Trotzkist und amerikanischer Agent unschuldig verurteilt wurde. Ihr Verleger und Exilgefährte Walter Janka, wurde auf Grund ihres kontinuierlichen Schweigens im Gerichtssaal in der sogenannten ´Harich- Affäre´, zu Unrecht wegen Hochverrats zu langjähriger Gefängnishaft verurteilt. Dabei spielte Anna Seghers nach seinen Aussagen eine entscheidende Rolle bei der Flucht ihres gemeinsamen Freundes Georg Lukács aus Ungarn. Ihre idealistische Zustimmung zu den humanistischen Zielen des Sozialismus war wohl die einzige Möglichkeit an diesen Staat festzuhalten[7].

Dies stärkt Žižeks These vom »Rumspringa«[8], in der eine ´wilde´ Vergangenheit „langfristig zur Reproduktionsfähigkeit des Systems“[9] beiträgt. Siehe das Leben der RAF- Aktivisten, die falls sie die Haft überlebten, meist ein ´normales´ Leben anfingen und sich völlig in das System, welches sie vorher bekämpft hatten, integrierten. Im folgenden werden wir näher erläutern, warum Widerstand den Bruch mit der gegebenen Gesetzgebung erfordert.

2.3 Résistance, eine revolutionäre Utopie ?

„Die, die Macht haben sind für die Konzentration zuständig, die Flüchtlinge für das Camping.“[10]

Kann man bei der Résistance von einer revolutionären Utopie sprechen?

„»Utopie« ist eine Sache von höchster Dringlichkeit, etwas, in das wir um unseres Überlebens willen hineingestoßen werden, wenn es nicht mehr möglich ist, innerhalb der Parameter des »Möglichen« weiterzumachen“[11]. Aber kann man in einem Ausnahmezustand, wie es jeder Krieg ist von vorhandenen Parametern sprechen?

In Frankreich der 40er Jahre änderten sich Gesetze sehr rasch, da die Regierung mit ständig neuen Problemen und Änderungen der Verhältnisse konfrontiert war.

Die U- topie ist wörtlich ein Nicht- Raum, ein gesellschaftlicher Raum außerhalb der existierenden Parameter[12]. Die leninistische Utopie von einem Staatsapparat aus zehn oder zwanzig Millionen Menschen war kein Projekt der fernen Zukunft, sondern die Umsetzung in sofortiger Tat, in der Oktoberrevolution 1917. Die Internationalen Brigaden bestehend aus Menschen aller Länder und Klassen, waren kein Projekt der Zukunft, sondern eine Umsetzung in direktes Handeln. Somit kann man auch bei der Résistance von einem utopischen Raum sprechen, der die Koordinaten des faschistischen Regimes zu ändern versuchte, in einem rechtsfreien, der eigenen Gesetzgebung widersprechenden Tat. Jede Form von Widerstand hat in der Geschichte den Rahmen der Gesetzgebung, Verwaltung und möglicherweise der Staatsform gesprengt. Die Position des Flüchtlings war und ist bis heute noch immer eine Ausnahme. In Anna Seghers Buch übt die Verwaltung keine Autorität aus, indem sie den Flüchtlingen sagt, was sie tun sollen, wie sie sich verhalten sollen, oder was man von ihnen erwartet, sondern übt reine Macht aus. Sie entscheidet über das Schicksal der Menschen ohne Gewissensbisse, diese Situation ähnelt in ihrer kaltblütigen Bürokratie dem faschistischen Pendant im feindlichen Lager. Die meisten Figuren leben in einem rechtsfreien, chaotischen kafkaesken Rechtsraum.

2.3.1 Flüchtlinge und Slumbewohner- Utopisten oder potentielle Revolutionäre?

Der Flüchtling oder Transitär ist wie der heutige Slumbewohner ein potentieller Utopist, oder revolutionäres Subjekt, nach marxistischem Bestimmungsmodell, da er „außerhalb staatlicher Kontrolle und mehr oder weniger in rechtsfreiem Raum lebt, unter furchtbarem Mangel an minimalen Formen von Selbstorganisation“[13]. Er lebt in einem gewaltsam zusammengewürfelten Kollektiv, in das er selbst eine neue Form des Zusammenlebens finden muss, abgeschnitten von jeder traditionellen, ererbten oder religiösen Lebensweise[14]. Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Nicht-integrierten ist, dass der Slumbewohner gesellschaftspolitisch nicht integriert wird von der Macht, da sie es „angemessener findet, ihn in der Twilight -Zone der Slums hausen zu lassen“[15] und dem Nicht- Integriertsein des Flüchtlings in den gesetzlichen Raum der Staatsbürgerschaft, wobei die Machthaber sie durch Konzentration zu kontrollieren versuchen.

[...]


[1] Žižek, S. 8 – 9 [alle folgenden Zitatsangaben mit dem Hinweis auf Slavoj Žižek stammen aus seinem Buch Die politische Suspension des Ethischen, 2005]

[2] Vgl. Ebd. , S. 8

[3] Ebd. , S. 8

[4] Vgl. Ebd., S. 8

[5] Seghers, Anna: Transit. Berlin 1982. [Alle folgenden Zitate aus dem Text beziehen sich auf diese Ausgabe und stehen in runden Klammern, direkt nach dem Zitat]

[6] Vgl. Žižek, S. 8

[7] Vgl. Young Lie, Pusan: Lebenskonzeptionen und Figurengestaltungen im Früh- und Exilwerk von Anna Seghers. Seoul 1995, S. 3.

[8] Dieses Wort ist vom deutschen Wort herumspringen abgeleitet und wird heute in den amischen Gemeinschaften, in den Vereinigten Staaten zur Bezeichnung der Zeit benutzt, in der ihre Kinder, meist ab dem 17 Lebensalter, die Erlaubnis bekommen, jedem exzessiven Genuss nachzugehen und nach einigen Jahren sich zu entscheiden, ob sie der strengen Gemeinschaft beitreten, oder normale Bürger werden wollen.

[9] Žižek, S. 8

[10] Anspielung auf das englische Wort concentration camp aus Ernst Lubitsch Film To Be or not to Be.

[11] Žižek, S. 199

[12] Ebd., S. 199

[13] Ebd. , S. 201

[14] Ebd. , S. 202

[15] Ebd. , S. 203

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
„Den Schritt hinauswagen!“ - Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers Roman 'Transit'
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Veranstaltung
Deutschland im Spiegel des Exilromans
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V93827
ISBN (eBook)
9783640105748
ISBN (Buch)
9783656201731
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schritt, Konzeptualisierung, Widerstands, Exil, Anna, Seghers, Roman, Transit, Deutschland, Spiegel, Exilromans
Arbeit zitieren
M. A. Sara Ehsan (Autor), 2007, „Den Schritt hinauswagen!“ - Konzeptualisierung des Widerstands im Exil in Anna Seghers Roman 'Transit', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93827

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