Live-In-Arrangements. Herausforderungen und Chancen für osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung / Problemstellung

2. Überblick „Live-In-Arrangements“ in Deutschland

3. Forschungsstand

4. Rechtsgrundlagen & Vermittlungsmodelle in Deutschland
4.1 “Grauer Markt“ - in „Live-In“ Beschäftigungsverhältnissen

5. Definition: Dienstleistung
5.1 Dienstleistungen in privaten Haushalten älterer Menschen

6. Exkurs „Menschenwürde“

7. Arbeitsbedingungen in „Live-In“ - Settings
7.1 Gesetzliche Vergütung VS „Niedriglohn“
7.2 Arbeitszeit
7.3 Pausenzeiten & Freizeitverhalten im „Live-In“- Praxisalltag
7.4 Wohnverhältnis & soziales Umfeld
7.5 „Menschenunwürdige“ Arbeitsbedingungen in „Live-In-Arrangements“

8. Herausforderungen in „Live-In“ - Arrangements
8.1 „Hilf- und Machtlosigkeit“
8.2 Zugang zu medizinischer Versorgung
8.3 Ausbeutung versus europäische Freiheit
8.4 Gewalt in „Live-In“ - Arrangements

9. Diskussion / Erkenntnisgewinn

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung / Problemstellung

Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland sind immer mehr Menschen von Pflegebedürftigkeit betroffen.

Die Pflegebedürftigkeit liegt im Dezember 2018 bei ca. 3,68 Millionen Menschen, welche laut Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) als pflegebedürftig eingestuft wurden. Von diesen insgesamt 3,68 Millionen Menschen werden 2,90 Millionen Menschen ambulant und ca. 780.000 stationär versorgt. (vgl. Bundesministerium für Gesundheit (BMG) 2020)

Im Jahr 2017 gab es in Deutschland 14.480 Pflegeheime und 14.050 ambulante Pflegedienste. Die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte zeigen einen Zuwachs von ca. 30 Prozent in der ambulanten und 60 Prozent in den stationären Einrichtungen.1,76 Millionen Pflegebedürftige wurden allein in Privathaushalten durch Angehörige betreut. Weitere 0,83 Millionen Pflegebedürftige wurden von Angehörigen plus ambulanten Pflegedienstleistungsunternehmen versorgt. (vgl. Bundesamt für Statistik 2020)

Die Gesamtzahl der Beschäftigten in stationärer und ambulanter Pflege beträgt im Jahr 2015, 1,1 Millionen Menschen. (vgl. BMG 2020)

Das heißt rund drei von vier Pflegebedürftigen leben zu Hause und werden dort meist durch Angehörige versorgt. Die eintretende Pflegebedürftigkeit stellt nicht nur für die Betroffenen selbst ein einschneidendes Lebensereignis dar, welches mit großen Herausforderungen einhergeht, sondern auch für die mit der Versorgung betrauten Personen. Die Herausforderungen sind dabei nicht nur allein physisch, sondern betreffen eher die psychischen Aspekte, durch Kompetenzeinbußen und Abhängigkeiten, welche die Beziehung zwischen Pflegebedürftiger Person und pflegenden Angehörigen verändert. (vgl. Hielscher, Kirchen-Peters, Nock 2017, S.14)

Schmidt und Schneekloth (2011) geben an, dass drei Viertel der pflegenden Angehörigen durch die Pflege stark bis sehr stark belastet sind. Auch in Hinblick auf Morbidität lässt sich eine höhere Mortalität im Vergleich zu nicht pflegenden Angehörigen feststellen. (vgl. ebd., S.14)

Doch wer übernimmt die Versorgung, wenn Familienangehörige, ambulante oder die stationäre Pflege für die Pflegebedürftigen nicht in Frage kommt? Oft sind die Kinder berufstätig und können sich zeitlich nicht, um Ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern. Aufgrund der mangelnden Zeit greifen die pflegenden Angehörigen auf eine „preiswerte“ Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch Betreuungskräfte aus Osteuropa zurück. Der Generationsvertrag von Pflege durch Angehörige verliert immer mehr an Bedeutung. (vgl. Satola, Schywalski 2016, S.128)

Laut Schätzungen von Thomas Klie ist von insgesamt 600.000 Haushaltshilfen, Betreuungskräften, „Pflegekräften“ aus Mittel- und Osteuropa auszugehen. (vgl. Lutz 2018, S.29)

In der Studie von Hielscher et al. im Jahr 2017 werden 163.000 Beschäftigte geschätzt. (vgl. Hielscher, Kirchen-Peters, Nock 2017, S.60)

Die Folge: In 10.000 deutschen privaten Haushalten arbeiten Migrant_innen aus Mittel­und Osteuropa meist „illegal“. Andere Schätzungen gehen von 300.000 - 400.000 „Live-In“ Beschäftigten, meist Frauen aus. Die geschätzten Zahlen sind statistisch jedoch schwer zu erfassen, da es kaum Kontrollen gibt über die „irregulären“ Arbeitsverhältnisse und den Aufenthalt der Beschäftigten. (vgl. Satola, Schywalski 2016, S.128)

Ableiten lässt sich jedoch, dass ein Viertel bis ein Drittel der Pflegearbeit in den privaten Haushalten in Deutschland von „Live-In“ aus Osteuropa geleistet werden. (vgl. Emunds, Habel 2020, S.113)

Wie schon im Demografischen Wandel beschrieben, wird die Nachfrage an bezahlbaren Dienstleistungen im privaten Pflegebereich und der Betreuung von Menschen mit Demenz auch in naheliegender Zukunft weiter steigen. ...Sofern es zukünftig keine einschneidenden sozialstaatlichen Regelungen bei gleichzeitigem Wandel des Gesellschaftsbildes bzgl. der alten Menschen gibt, wird die Zahl der Care-Migrantinnen in gleichem Maße steigen. (vgl. Satola, Schywalski 2016, S.128)

Diese Arbeit setzt sich mit dem Einsatz von „Live-In“ aus Osteuropa in deutschen privat Haushalten auseinander. Die Fragestellung lautet: „Welche Herausforderungen begegnen „Live-In“ in den privaten Haushalten und welche möglichen Chancen bieten sich ihnen in den Beschäftigungsverhältnissen?

2. Überblick „Live-In-Arrangements“ in Deutschland

In vielen privaten Haushalten deutscher Familien, in denen es zu einer Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen gekommen ist, arbeiten Haushaltshilfen, „Pflegekräfte“ und Betreuungskräfte aus Osteuropa. Diese beruflichen Tätigkeiten werden in diesem Zusammenhang mit dem Begriff „Live-In“ benannt. In den privaten Haushalten sind „Live- In“ nicht nur zeitweise beschäftigt, sondern wohnen dort mit den Pflegebedürftigen zusammen, welches den Begriff „Live-In“ erklärt. Im Alltagsgebrauch wird häufig von „24- Stunden-Pflege“ gesprochen. Die „Live-In“ aus Osteuropa arbeiten meist in einem mehrwöchigen Rhythmus (Wechsel ca. alle 2-3 Monate im Austausch mit anderen „Live- In“) bei den Auftraggeber_innen. In Betracht zum internationalen Markt, tritt der Einsatz von „Live-In“ besonders in Deutschland auf. Hintergrund liefert das deutsche Pflegesystem Prinzip: Ambulante Versorgung vor stationärer Pflege. (vgl. Emunds, Habel 2020, S.113)

3. Forschungsstand

In der Studie aus dem Jahr 2010 untersucht Karakayali die Perspektiven von osteuropäischem Migranten_innen, auf Ihre Arbeitsplätze in deutschen Privathaushalten von Pflegebedürftigen. Die Forschungsfrage der Studie beschäftigte sich mit den Auswirkungen auf die „Live-In“ in Bezug auf deren Biografie. Lutz und Palenga-Möllenbeck forschten dazu im Jahr 2010 weiter. Es wurden 279 Zeitungsartikel analysiert und 63 Interviews mit verschiedenen Akteuren zu „Live-In-Arrangements“ aus Mittel und Osteuropa geführt. Das Fazit der Untersuchung gibt Auskunft darüber, dass Faktoren wie Gender, Ethnizität, Alter, Phase des Familienzyklus, Klasse und deren Wechselwirkung im hohen Ausmaß die Situation der „Live-In“ beeinflusst. Auch stellen sich durch die Studie gewisse Tendenzen von „Kommodifizierung“ („Zur-Ware-werden“) und „Dekommodifizierung“ (Abkopplung sozialer Abhängigkeit, Selbstständigkeit, „Scheinselbstständigkeit) dar. Eine qualitative Studie über den Ablauf der Einstellung bis hin zu dessen Erfahrungen liefert Kniejska 2016, welche polnische Pflegekräfte beobachtet und befragt hat. Die Studie von Satola 2012 gibt Hinweise auf Erfahrungen von Polinnen, welche in deutschen Privathaushalten als „Pflegekraft“ tätig sind und deren reflektierten Erkenntnisse von „Ausbeutung“ in der häuslichen Arbeitsumgebung. (vgl. Emunds, Schacher 2012, S.14-15)

Im Hinblick aus sozialethischer Sicht zu den Arbeitsverhältnissen in „Live-In“ Arrangements setzt sich Emunds (2016) im 57. Band des Jahrbuchs für Christliche Sozialwissenschaften mit den Herausforderungen der Arbeitsbedingungen von „Live-In“ auseinander. Er betrachtet die sozialethische Perspektive in den privaten Haushalten und versucht anhand der gewonnenen Erkenntnisse, Reformperspektiven für eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse der „Live-Ins“ aus Mittel- und Osteuropa zu schaffen. Schlüsselbegriffe wie „Schwarzarbeit“ und „Scheinselbstständigkeit“ werden als ernstzunehmende Aspekte genannt. Das Ziel zum Schutz der „Live-In“ soll langfristig, politisch reguliert, gefördert und kontrolliert werden. Mit dem Resultat, dass Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessert werden und die Menschenwürde und Gerechtigkeit gewahrt werden kann. (vgl. Emunds 2016, S. 199)

4. Rechtsgrundlagen & Vermittlungsmodelle in Deutschland

Zur Vermittlung von „Live-In“ aus Osteuropa in private Haushalte gibt es verschiedene Modelle. Eine Art der Vermittlung ist möglich durch die Zentralen Auslands- und Fachvermittlungen (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, durch ausländische Vermittlungsagenturen oder durch selbstständige Pflegekräfte, wenn ein Gewerbeschein vorliegt. Bei der Direkteinstellung wird ein Arbeitsvertrag zwischen „Pflege“- /Betreuungskraft“ und dem Pflegebedürftigen oder dessen Angehörigen geschlossen. Durch den geschlossenen Arbeitsvertrag ist der/die Arbeitgeber_in verbindlich daran gebunden, alle Pflichten wie die Abführung von Sozialabgaben und dem Versicherungsschutz für den/ die Arbeitnehmer_in zu leisten. Kommt es zu Vermittlung durch eine Agentur wird ein Dienstleistungsvertrag zwischen beiden Parteien geschlossen. Man spricht dabei auch im klassischen Sinne von “Arbeitnehmerüberlassung“. (vgl. Deutscher Bundestag 2016, S.4)

Regelungen zur Kostenübernahme sind nur zum Teil im Sozialgesetzbuch XI geregelt. Eine Leistung der gesetzlichen Pflegeversicherung ist nur dann möglich, wenn Pflegebedürftigkeit laut SGB XI vorliegt, ansonsten müssen die Kosten selbst getragen werden. Bei vorliegender Pflegebedürftigkeit kann Pflegegeld bei der Pflegekasse beantragt werden. Die Höhe richtet sich nach dem bestehenden Pflegegrad und beträgt zwischen 316 Euro bis 728 Euro monatlich. (vgl. ebd., S.5-6)

Aktuell gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, welche die arbeitsrechtlichen Kontrollmöglichkeiten zum Schutz der Pflegebedürftigen und der „Live-In“ in den Privathaushalten regelt. Bei der Vermittlung durch die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) wird jedoch auf Kooperation mit europäischen Arbeitsverwaltungen hingewiesen, welche auf Eignung und „Qualifizierung“ überprüft wurden. Zwingende arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen und Bestimmungen, wie Mindestlohn, Mindesturlaub, Arbeitsschutz sind einzuhalten. In Bezug zum Arbeitszeitgesetz (ArbZG) gilt dieses nicht für „Live-In“ in den privaten Haushalten. Das heißt es gibt keine arbeitszeitlichen Begrenzungen. (vgl. ebd. S.7)

Die sich daraus ergebenen Konsequenzen für die Berufspraxis ist, dass viele „Live- In“ ohne Rechtsgrundlage und ohne Arbeitsschutz, Kranken- oder Sozialversicherung in privaten deutschen Haushalten arbeiten. (vgl. Deutscher Bundestag 2016, S.7)

4.1 “Grauer Markt“ - in „Live-In“ Beschäftigungsverhältnissen

Die nicht eindeutigen Gesetze erlauben, dass viele „Live-In“ zwar keine „Schwarzarbeiter_innen“ im klassischen Sinne sind, aber in einem „Graubereich“ arbeiten. Das bedeutet, dass die Dienstleister_innen zwar auf einer rechtlichen Grundlage tätig sind, jedoch nicht im vollen Umfang der nationalen und EU- weiten sozial, arbeitsrechtlichen Gesetze und Verordnungen. Es entsteht eine Spaltung zwischen Schwarzmarkt und legalen Beschäftigungsverhältnissen. (vgl. Ver.di 2011)

5. Definition: Dienstleistung

Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales 1981 versteht man den Begriff „Dienstleistung“ wie folgt:

„All diejenigen Handlungen, Aktivitäten und Maßnahmen von privaten Institutionen oder Einzelpersonen und/oder staatlichen Institutionen, die darauf abzielen, die physische und psychische Lebens- und Erlebnisfähigkeit sowie die Sozialfähigkeit von einzelnen und/oder Gruppen wieder herzustellen oder zu verbessern“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 1981)

5.1 Dienstleistungen in privaten Haushalten älterer Menschen

Zwar wird von Pflegebedürftigkeit der zumeist älteren Menschen gesprochen, das heißt jedoch nicht, dass „Live-In“ das volle Spektrum an „Pflege“ im eigentlichen Sinne leisten müssen (z.B. behandlungspflegerische Tätigkeiten, welche im Sozialgesetzbuch V geregelt sind, z.B. Spritzen verabreichen, Medikamente stellen oder Wundversorgung durchführen. Häufig sind Haushaltstätigkeiten und personenbezogene Dienstleistungen gefragt. Zusätzlich dazu besteht besonderer Bedarf bei der Betreuung der Pflegebedürftigen im Fokus, besonders im Hinblick auf der Betreuung von Menschen mit Demenz. (vgl. Böning et. al. 2014, S.7)

Eine genaue Definition und Einteilung über Art und Umfang der Dienstleistung, für die pflegebedürftigen Menschen, durch „Live-Ins“ wurde anhand einer Untersuchung von Isfort et. al. 2012 genauer analysiert. Es wurde auf die Problematik in Hinblick auf die Unterscheidung und Definition hingewiesen. Da es oft zu Schwierigkeiten gekommen sei, ob die angebotene Dienstleistung schon eine pflegerische Tätigkeit oder Haushaltstätigkeit sei. Bei der Versorgung der Pflegebedürftigen handelt es sich oft um eine Mischung aus haushalts- und personenbezogenen Tätigkeitskomplexen. Die folgenden vier Dienstleistungsbereiche wurden zur genaueren Kategorisierung eingeteilt:

- Teilhabe
- Haushaltsnahe Dienstleistungen
- Sicherheit und unterstützende Hilfen
- Grund- u. Fachpflegerische Unterstützung (vgl. ebd. S.7-8)

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Details

Titel
Live-In-Arrangements. Herausforderungen und Chancen für osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Veranstaltung
Berufspolitische Grundlagen - Gesundheitsberufe
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V938454
ISBN (eBook)
9783346267948
ISBN (Buch)
9783346267955
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine interessante, sehr lesenswerte Ausarbeitung.
Schlagworte
Care Migration, Berufspolitische Grundlagen, Gesundheitsmanagement, Pflegemanagement, 24h Pflege, Live-In, Osteuropäische Haushaltskräfte, Pflege, Gesundheit, Ambulante Pflege
Arbeit zitieren
Christian Knipp (Autor), 2020, Live-In-Arrangements. Herausforderungen und Chancen für osteuropäische Betreuungskräfte in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/938454

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