Gesellschafts- und Romantikkritik. Automatenmenschen in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Der Automat als Objekt literaturwissenschaftlicher Kontroversen

2. Die Faszination von Automaten in Literatur und Realität
2.1. Die Geschichte der Automaten-Faszination
2.2. Die Automaten-Faszination in der Romantik

3. Automatenmenschen in „Der Sandmann“
3.1. Olimpia: Kritik an Wissenschaft und Gesellschaft
3.2. Nathanael: Kritik an Romantik und Subjektivismus
3.3. „Du lebloses, verdammtes Automat“: Clara als Ideal

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Quellen
5.2. Sekundärliteratur

1. Der Automat als Objekt literaturwissenschaftlichter Kontroversen

Das Automatenmotiv bietet bis heute Stoff für zahlreiche Geschichten in Literatur und Film. Modernen Vertretern der Gesellschaftskritik wie Ridley Scott oder George Orwell, die den Menschen im Zuge der andauernd fortschreitenden Technisierung immer weiter zum Automaten verkommen sehen, steht bereits in der Romantik E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ gegenüber, das noch immer für eine große Zahl an Diskussionen in der Literaturwissenschaft sorgt.[1]

Die anhaltenden Kontroversen sind vor allem darauf zurückzuführen, dass Hoffmann keine eindeutige Interpretation zulässt: Er erzählt multiperspektivisch und lässt seinen Leser im Unklaren darüber, wo sich in seinem Werk die Grenzen zwischen Traum und Realität befinden und welche Perspektiven als objektiv betrachtet werden dürfen. Schon mit den drei Briefen, die als Einleitung in die Geschichte dienen, werden dem Leser die subjektiven Ansichten der Protagonisten Clara und Nathanael förmlich aufgedrängt, und auch durch den Erzähler bietet sich im weiteren Verlauf der Erzählung kein klareres Bild.

Eine Vielzahl der Debatten zum „Sandmann“ beschäftigt sich mit dem Automatenmotiv, das durch die Figur der Olimpia vertreten wird.

Mit den Automaten übt Hoffmann nicht allein eine Kritik an der philiströsen Gesellschaft aus. Vielmehr ist diese Kritik in einen größeren Rahmen einzuordnen, in dem Olimpia als Extrem kleinbürgerlicher Alltäglichkeit Nathanael als Extrem frühromantischer Ideale gegenübersteht. Beide führen zu einem nicht lösbaren Perspektivenkonflikt, den ich in dieser Hausarbeit neben der Frage, worin die Faszination von Automaten allgemein und speziell in der Epoche der Romantik liegt, näher darstellen und teilweise auflösen möchte.

2. Die Faszination von Automaten in Literatur und Realität

2.1. Die Geschichte der Automaten-Faszination

Der Drang nach dem Beleben des Unbelebten, der mechanischen Nachahmung menschlicher Eigenschaften, aber auch allein die Beschäftigung mit diesem Thema sind alt.

Bereits im Altertum versuchte man, mit Hilfe von Automaten ganze Theater nachzuahmen. Bereits im 14. Jahrhundert entstanden erste automatische Uhren mit Figurenwerk, so auch am Straßburger Münster oder an der Frauenkirche in Nürnberg. Etwa 200 Jahre später wurden erste mechanische Musikinstrumente entwickelt, denen der Komponist, Kapellmeister und Musikrezensent Hoffmann später besonders kritisch gegenüber stand. Ende des 18. Jahrhunderts erlosch dann das Interesse an den Automaten kurz nach seinem eigentlichen Höhepunkt – und bevor es in der Literatur überhaupt zum Thema wurde. In dieser Zeit gelang es dem Mechaniker Jacques de Vaucanson, einen mechanischen Flötenspieler, einen automatischen Webstuhl sowie einen gehenden, fressenden, verdauenden und schnatternden Automaten in Gestalt einer Ente zu bauen.

Über die Faszination in der Realität hinaus sind die Automaten jedoch bis heute ein beliebtes Thema in der Literatur. In der Antike schafft Hephaistos in Homers „Ilias“ einen Erzriesen, der der Verstärkung in Kampfsituationen dienen soll. Im 13. Jahrhundert soll sich der Naturforscher, Philosoph und Theologe Albertus Magnus der Legende nach einen Automaten aus Holz, Messing und Leder gebaut haben, den der Kirchenlehrer Thomas von Aquin in der Überzeugung, Automaten seien Werke des Teufels, zerstört haben soll.

Es folgte die Beschäftigung mit Automaten in vielen weiteren Werken: vom Homunkulus[2] in Goethes „Faust II“ über Mary Shelleys Monster in „Frankenstein“ bis zu George Orwells „1984“[3], in dem mechanische „Teleschirme“[4] im Auftrag des in Ozeanien diktatorisch agierenden Großen Bruders dessen Volk ausspionieren.

Auch in Filmen ist das Automatenmotiv ein Thema: In Ridley Scotts „Blade Runner“ erhält der ehemalige Polizist Rick Deckard, den Auftrag, vier geflohene „Replikanten“ zu töten – Androiden, die vom Menschen nicht zu unterscheiden sind. Um zu ermitteln, ob es sich bei den Verdächtigen um Replikanten handelt, benutzt Deckard die „Voight-Kampff-Maschine“, eine weiterentwickelte Form des Lügendetektors, mit der sich Kontraktionen der Iris feststellen lassen.[5]

2.2. Die Automaten-Faszination in der Romantik

Im 18. und 19. Jahrhundert kam es zur rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der damit einhergehenden Technisierung. Mit der Erfindung der Dampfmaschine begann eine erste industrielle Revolution.

Im Zuge der Aufklärung entstand bei den Menschen ein grenzenloses Vertrauen in die Fähigkeiten des menschlichen Verstandes, die Maschinen zu beherrschen – und mit ihnen auch die Natur. Die Aufklärer strebten danach, auch in der Gesellschaft natürliche Ordnungen aufspüren und beweisen zu können. Der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de la Mettrie ging in seinem Werk „L’homme machine“[6] sogar so weit, den Menschen als eine sich selbst steuernde Maschine anzusehen und ihn so sogar mit der Maschine auf eine Ebene zu stellen.

Es kam durch diese Ansichten zu einem starken Interesse an den Automaten und deren Erbauern. Deren Aufgabe bestand vor allem darin, das mechanistische Weltbild zu beweisen, „die anschaulichen Modelle zu einer Theorie der Welt zu liefern und somit diese zu verifizieren“[7].

Die Romantiker begriffen diese Weltanschauung als eine Enthumanisierung und befürchteten, dass der Mensch durch diese Entwicklung selbst zu einer Art Automat wird, dessen Aufgabe es ist, die Maschinen zu bedienen. Sie waren der Auffassung, dass die neuen gesellschaftlichen Regeln den freien Menschen erst zum „Bürger“ im Sinne der Aufklärung machen und unterschieden zwischen dem romantischen „Naturmenschen“ und dem durch die Gesellschaft unter Zwang disziplinierten „Zivilisationsmenschen“. Aufgrund dieser Unterscheidung entstand auch das „romantische Klischee“[8] Rationalismus gegen Subjektivismus.

Trotz seiner Aversion gegen die Automaten konnte sich auch Hoffmann nicht der Faszination entziehen, die von ebendiesen ausging: Er besuchte die populären Ausstellungen zahlreicher Automatenbauer und entwickelte sogar Pläne, einen eigenen Automaten zu bauen. Dass er sich für „die Physik nicht um der Naturerkenntnis willen, sondern wegen des [...] von ihr ableitbaren Bildes vom Menschen“[9] interessierte, zeigt die direkte und indirekte[10] kritische Beschäftigung mit dem Automatenmotiv und verwandten Aspekten in den Werken Hoffmanns. So entstand auch die Erzählung „Die Automate“, in der sich die Akademiker Ferdinand und Ludwig negativ über einen sprechenden Automaten äußern.

3. Automatenmenschen in „Der Sandmann“

Die Figur des Automaten Olimpia, der von Nathanaels Professor Spalanzani und dem Wetterglashändler Coppola erbaut wurde, stellt den einzigen Automaten in der Erzählung von Hoffmann dar. Wie alle anderen Protagonisten verkörpert auch Olimpia ein bestimmtes Weltbild der Epoche. Mit Hilfe der Figuren und über deren Umgang mit und Einstellung zu Spalanzanis Automaten versucht Hoffmann, die Weltbilder anschaulich zu machen und zu kritisieren, um zum Schluss sein eigenes als Ideal darzustellen. Die der Multiperspektivität der Erzählung entsprechend vielschichtige Kritik, die über den Automaten ausgeübt wird, soll im Folgenden neben Olimpia auch anhand von Nathanael und Clara erläutert werden.

[...]


[1] Von griech. autómatos: „sich selbst bewegend“, „aus eigenem Antrieb“.

[2] Von lat. homunculus: „künstlich erzeugter Mensch“.

[3] Orwell, George: 1984. Hrsg. von Herbert W. Franke. 21. Aufl. München: Ullstein 1984. S. 24.

[4] Obwohl „Teleschirm“ die korrekte Übersetzung darstellt, wurde das Wort „telescreen“ in Anspielung darauf, dass das Gerät neben seiner Propaganda- auch eine Spionagefunktion besitzt, in vielen deutschen Texten auch mit „Televisor“ übersetzt. In dieser gehaltvolleren Übersetzung wird auch das Augenmotiv deutlich, das in Hoffmanns „Der Sandmann“ ebenfalls eine zentrale Rolle einnimmt.

[5] Auch Scott stellt damit wie Orwell eine Verbindung zwischen Augen- und Automatenmotiv her.

[6] Dt. „Der Mensch eine Maschine“.

[7] Vietta, Silvio: Noch einmal: Automaten. In: Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft e.V., Heft 28, 1982. S. 89.

[8] Schmidt, Jochen: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750-1945. Bd. 2: Von der Romantik bis zum Ende des Dritten Reichs. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1988. S. 25-27.

[9] Hartung, Günter: Anatomie des Sandmanns. In: Weimarer Beiträge 23, 1977, Heft 9. S. 58-61.

[10] Ein Beispiel für die indirekte Auseinandersetzung mit dem Thema ist die Figur des Professors Spalanzani im „Sandmann“, die denselben Namen trägt wie der italienische Biologe Lazzaro Spallanzani, der sich im 18. Jahrhundert mit der künstlichen Befruchtung beschäftigte und die erste künstliche Besamung (bei Hunden) durchführte.

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Details

Titel
Gesellschafts- und Romantikkritik. Automatenmenschen in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar (Germanistik II))
Veranstaltung
Grundseminar Epoche: Romantik
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V9390
ISBN (eBook)
9783638161060
ISBN (Buch)
9783638746489
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschafts-, Romantikkritik, Automatenmenschen, Sandmann, Hoffmann, Grundseminar, Epoche, Romantik
Arbeit zitieren
Dennis Horn (Autor), 2002, Gesellschafts- und Romantikkritik. Automatenmenschen in "Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9390

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