Bilanzierung latenter Steuern nach dem Handelsgesetzbuch und des International Financial Reporting Standards

Ein kritischer Vergleich


Seminararbeit, 2019

53 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
1.2. Gang der Untersuchung

2 Grundlagen der Bilanzierung latenter Steuern
2.1 Entstehung latenter Steuern
2.1.1 Grundlagen
2.1.2 Entstehung aktiver latenter Steuern
2.1.3 Entstehung passiver latenter Steuern
2.2 Arten von Erfolgsdifferenzen
2.2.1 Temporäre Differenzen
2.2.2 Permanente Differenzen
2.2.3 Quasi-permanente Differenzen
2.3 Konzepte der Abgrenzung latenter Steuern
2.3.1 Überblick
2.3.2 Timing Konzept
2.3.3 Temporary-Konzept
2.4 Methoden der Bewertung latenter Steuern
2.4.1 Überblick
2.4.2 Liability-Methode
2.4.3 Deferred-Methode

3 Bilanzierung latenter Steuern nach HGB
3.1 Anwendungsbereich
3.2 Ansatz latenter Steuern
3.2.1 Grundlagen
3.2.2 Aktive latente Steuern
3.2.3 Passive latente Steuern
3.3 Bewertung latenter Steuern
3.3.1. Zugangsbewertung
3.3.2. Folgebewertung
3.4 Ausweis latenter Steuern
3.5 Latente Steuern auf Verlustvorträge

4 Bilanzierung latenter Steuern nach IFRS
4.1 Anwendungsbereich
4.2 Ansatz latenter Steuern
4.2.1. Grundlagen
4.2.2 Aktive latente Steuern
4.2.3. Passive latente Steuern
4.3 Bewertung latenter Steuern
4.3.1. Zugangsbewertung
4.3.2. Folgebewertung
4.4 Ausweis latenter Steuern
4.5 Latente Steuern auf Verlustvorträge

5 Kritischer Vergleich der Bilanzierung latenter Steuern nach HGB und IFRS
5.1 Anwendungsbereich
5.2 Ansatz latenter Steuern
5.3 Bewertung latenter Steuern
5.4 Ausweis latenter Steuern
5.5 Latente Steuern auf Verlustvorträge
5.6 Synopse
5.7 Fallbeispiel passive latente Steuer

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Rechenbeispiel zu aktiven latenten Steuern

Abbildung 2: Rechenbeispiel zu passiven latenten Steuern

Abbildung 3: Vergleich Timing-Konzept & Temporary-Konzept

Abbildung 4: Handelsbilanz & Steuerbilanz A-AG

Abbildung 5: Steuerbilanz A-AG

Abbildung 6: Handelsbilanz A-AG

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Synopse

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit

Die Bilanzierung latenter Steuern gilt als eine der schwierigsten Disziplinen der internationalen Rechnungslegung.1 Latente Steuern entstehen aus dem Abweichen der Vorschriften, nach denen die Handelsbilanz (HB) und die Steuerbilanz (StB) eines Unternehmens erstellt werden.2 Führen diese unterschiedlichen Wertansätze zu einem Abweichen des handelsrechtlichen Ergebnisses von dem steuerrechtlichen Ergebnis, so entspricht die Steuerbelastung, welche sich aus der HB ergibt (sog. Fiktiver Steueraufwand bzw. -ertrag) nicht der tatsächlich, nach Steuerrecht errechneten, zu zahlenden Steuerschuld (sog. effektiver Steueraufwand- bzw. -ertrag).3 Um einen Zusammenhang zwischen dem Handelsbilanzgewinn, vor Steuern, und dem tatsächlichen Ertragsteueraufwand zu ermöglichen sind latente Steuern notwendig.4 Die Bilanzierung der latenten Steuern dient somit dem Ziel der periodengerechten Erfolgsermittlung5 und darüber hinaus der korrekten Darstellung der Vermögenslage des Unternehmens.6

Im deutschen Recht war lange Zeit der Grundsatz der formellen und materiellen Maßgeblichkeit (§5 Abs. 1 EstG a.F.) dafür verantwortlich, dass HB und StB weitgehend übereinstimmten.7 Steuerrechtliche Wahlrechte waren in Übereinstimmung mit der HB auszuüben.8 Latente Steuern spielten daher in der bisherigen Bilanzierungspraxis für die deutsche HB eine untergeordnete Rolle.9 In Abschlüssen gemäß der International Financial Reporting Standards (IFRS) hatten latente Steuern bereits eine größere Bedeutung, dies resultiert aus der zentralen Bedeutung der Informationsfunktion in den IFRS.10

Die stetig fortschreitende Globalisierung und die daraus resultierende Internationalisierung der Märkte machte eine Annäherung der deutschen Rechnungslegung an die internationalen Standards unumgänglich.11 Ein zentraler Faktor für diese Entwicklung war die verstärkte Ausrichtung der externen Rechnungslegung an die Informationsbedürfnisse der Investoren. Diesen sollten entscheidungsrelevante Informationen zur Verfügung gestellt werden.12 Am 29. Mai 2009 trat mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) ein wesentlicher Meilenstein der Annäherung der deutschen Rechnungslegung an die IFRS in Kraft.13 Ein wichtiges Ziel war es die Vergleichbarkeit zwischen den Bilanzen international agierender Konzerne zu verbessern, das Handelsgesetzbuch (HGB) sollte durch die Veränderungen eine dauerhafte und vollwertige Alternative zu den IFRS darstellen.14 Von besonderer Bedeutung war die Umformulierung des §5 Abs. 1 Satz 1 EStG und der Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit durch die Streichung des §5 Abs. 1 Satz 2 EStG.15 Von einer „Neujustierung der Maßgeblichkeit“ ist die Rede.16 Während bisher steuerrechtliche Wahlrechte in Übereinstimmung mit der HB auszuüben waren, ist es nun möglich steuerrechtliche Wahlrechte gänzlich unabhängig vom Ansatz in der HB auszuüben.17 Aus diesen Veränderungen folgte eine Vergrößerung der Diskrepanz zwischen HB und StB, eine „Einheitsbilanz“ wird es kaum noch geben.18

Trotz der, durch das BilMoG, vorangetriebenen Annäherung des deutschen Handelsrechts an die IFRS stellt sich die Frage, inwieweit Unterschiede verbleiben.

Vor diesem Hintergrund ist es Zielsetzung der vorliegenden Arbeit einen kritischen Vergleich der Bilanzierung latenter Steuern nach IFRS und HGB vorzunehmen. Auf Grund des hohen Umfangs beschränkt sich diese Arbeit auf die Einzelabschlussebene.

1.2 Gang der Untersuchung

Zu Beginn des Kapitels 2 wird zunächst die Entstehung von aktiven und passiven latenten Steuern (2.1) dargestellt, die verschiedenen Arten von Erfolgsdifferenzen (2.2) erläutert und anschließend auf die Konzepte der Abgrenzung (2.3) sowie die Methoden der Bewertung latenter Steuern (2.4) eingegangen. Auf diese Weise werden die Grundlagen für das Verständnis der folgenden Vergleichsanalyse gelegt.

In der Folge wird in Kapitel 3 auf die Bilanzierung latenter Steuern nach HGB eingegangen. Eingeleitet durch einen Überblick über den Anwendungsbereich (3.1) werden die Punkte Ansatz (3.2), Bewertung (3.3) und Ausweis (3.4) aufgezeigt. Es folgt eine kurze Erklärung zu latenten Steuern auf Verlustvorträgen (3.5).

Nach der gleichen Vorgehensweise wird in Kapitel 4 die Bilanzierung latenter Steuern nach den IFRS dargestellt mit den Abschnitten Anwendungsbereich (4.1) , Ansatz (4.2), Bewertung (4.3), Ausweis (4.4) und latente Steuern auf Verlustvorträge (4.5).

Im Anschluss folgt in Kapitel 5 ein kritischer Vergleich zwischen der Bilanzierung latenter Steuern nach HGB und IFRS anhand der, in den vorangegangenen Kapiteln 3 und 4 verwendeten Abschnitte, Anwendungsbereich (5.1), Ansatz (5.2), Bewertung (5.3), Ausweis (5.4) und latente Steuern auf Verlustvorträge (5.5). Der Vergleich wird daraufhin durch eine Synopse (5.5) veranschaulicht und die Wirkungsweise latenter Steuern mittels eines Beispiels aufgezeigt. (5.6) Der Abschluss der Arbeit folgt in Kapitel 6 mit einer Zusammenfassung der in der Vergleichsanalyse erarbeiteten Erkenntnisse.

2 Grundlagen der Bilanzierung latenter Steuern 2.1Entstehung latenter Steuern

2.1.1 Grundlagen

Latente Steuern entstehen auf Grund von unterschiedlichen Bilanzierungs- und Bewertungsansätzen in der HB nach HGB bzw. IFRS und der StB. Bei aktiven und passiven latenten Steuern handelt es sich um zukünftige steuerliche Be- und Entlastungen.19 Diese entstehen, wenn der tatsächliche Ertragsteueraufwand im Verhältnis zum handelsrechtlichen Jahresüberschuss (vor Steuern) niedriger oder höher ausfällt.20 Der Ausgleich dieses Missverhältnisses erfolgt entweder mittels eines Ertrags oder eines Aufwands um die tatsächliche Steuerbelastung in der HB periodengerecht darzustellen.21 Im Entstehungszeitpunkt der Differenz erfolgt der Ausweis dieser zukünftigen Be- oder Entlastung in Form von aktiven oder passiven latenten Steuern in der HB.22

2.1.2 Entstehung aktiver latenter Steuern

Aktive latente Steuern entstehen, wenn vorübergehend die handelsrechtlichen Buchwerte der Aktivseite geringer sind als die der StB oder die handelsrechtlichen Buchwerte der Passivseite höher sind als die der StB.23 Dies ist der Fall, sollten Vermögensgegenstände (Aktiva) in der HB niedriger bewertet werden als in der StB oder aber in der HB nicht angesetzt werden. Darüber hinaus ist dies der Fall, wenn Schulden (Passiva) in der HB höher bewertet werden oder ausschließlich in der HB angesetzt werden.24 Die Folge daraus ist ein, im Vergleich zur HB, höherer steuerrechtlicher Gewinn. Daher übersteigt der effektive Steueraufwand den fiktiven Steueraufwand.25 Dieser, höhere, fiktive Steueraufwand gleicht sich aus, wenn die Bemessungsgrundlage der Ertragsteuer, in zukünftigen Perioden, durch die Betriebsausgabe gemindert wird.26

Beispiele für die Entstehung aktiver latenter Steuern sind:

- Höhere planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwerts in der HB als in der StB zulässig.
- Höhere Bewertung einer Pensionsrückstellung in der HB als in der StB zulässig ist.27

Ein weiteres Beispiel ist der Verzicht auf die Ausübung des Aktivierungswahlrechts in der HB, im Falle eines Disagios bei einer Kreditaufnahme. In der StB ist die Aktivierung verpflichtend, somit entsteht eine Differenz zwischen HB und StB.28

Der Verzicht des Aktivierungswahlrechts führt dazu, dass das Disagio den handelsrechtlichen Gewinn (vor Steuern), durch seine Behandlung als Sofortaufwand, um seine gesamte Höhe reduziert. In der StB wird das Disagio über die Laufzeit des Kredits abgeschrieben und reduziert die Steuerbemessungsgrundlage somit kontinuierlich um den Abschreibungsbetrag. Der Steuerrechtliche Gewinn ist zuerst höher und in der Folge niedriger im Vergleich zum handelsrechtlichen Gewinn vor Steuern. Somit muss in der Periode der Entstehung ein Posten für aktive latente Steuern gebildet werden, dieser löst sich über die Laufzeit der Abschreibung des Disagios wieder auf.29

Erkennbar ist, dass aktive latente Steuern zum einen entstehen, wenn Erträge in der HB später als in der StB angesetzt werden und zum anderen, wenn Aufwendungen in der HB früher als in der StB angesetzt werden.30

Folgendes Beispiel soll die Abgrenzung von aktiven latenten Steuern verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Rechenbeispiel zu aktiven latenten Steuern31

Der höhere steuerrechtliche Gewinn führt zu einem höheren effektiven Steueraufwand, dieser wird in die HB übernommen. Mit Hilfe der latenten Steuern ergibt sich wieder ein logischer Zusammenhang zwischen dem Gewinn vor Steuern und dem Gewinn nach Steuern in der HB in dem der höhere effektive Steueraufwand durch die Bildung eines aktiven latenten Steuerpostens ausgeglichen wird.32

2.1.3 Entstehung passiver latenter Steuern

Passive latente Steuern entstehen, wenn zu versteuernde temporäre Differenzen, bei ihrer Auflösung zu einer Steuerbelastung führen.33 Spiegelbildlich zu den aktiven latenten Steuern entstehen diese, wenn Vermögensgegenstände (Aktiva) in der der HB höher bewertet werden als in der StB oder aber in der StB nicht angesetzt werden. Darüber hinaus ist dies der Fall, wenn Schulden (Passiva) in der HB niedriger bewertet werden oder ausschließlich in der StB angesetzt werden. In der HB liegt im Vergleich zur StB ein Mehrvermögen vor.34

Deutlich wird, dass passive latente Steuern entstehen, wenn Erträge in der HB früher als in der StB angesetzt werden oder Aufwendungen in der HB später angesetzt werden als in der StB.35 Dies zieht eine spätere Steuerbelastung nach sich, welche ausgewiesen werden muss um einen korrekten Vermögensausweis zu ermöglichen. Dazu werden zukünftige Ertragsteueraufwände, welche entstehen würden, wenn die HB als Grundlage der Besteuerung dienen würde, als passive latente Steuer erfasst.36

Beispiele für die Entstehung passiver latenter Steuern sind:

- In der HB eine Aktivierung selbstgeschaffener immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens.

Folgendes Beispiel soll die Abgrenzung von passiven latenten Steuern verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Rechenbeispiel zu passiven latenten Steuern37 Der höhere Gewinn in der HB führt zu einem höheren fiktiven Steueraufwand. Die Bildung eines passiven latenten Steuerpostens stellt wieder einen logischen Zusammenhang zwischen dem Gewinn vor Steuern und dem Gewinn nach Steuern her.38

2.2 Arten von Erfolgsdifferenzen

2.2.1 Temporäre Differenzen

Im Falle von temporären (zeitlich begrenzten) Differenzen werden die Erfolgskomponenten sowohl in der StB als auch in der HB erfasst. Der Unterschied liegt hier im Zeitpunkt der Erfassung.39 Die temporären Differenzen gleichen sich in zukünftigen Perioden wieder aus.40 Der Zeitpunkt des Ausgleichs ist dabei bereits bei der Entstehung bekannt und daher absehbar.41 Die temporären Differenzen umfassen somit all diejenigen Differenzen, die aus verschiedenen Wertansätzen resultieren und zu zukünftigen Ertragsteuerent- bzw. -belastungen führen.42

2.2.2 Permanente Differenzen

Permanente (zeitlich unbegrenzte) Differenzen entstehen durch Aufwände und Erträge, welche ausschließlich in der HB oder in der StB erfasst werden.43 Permanente Differenzen entstehen somit zwar erfolgswirksam, kehren sich allerdings im Zeitablauf nicht um.44 Es wird ausschließlich der Steueraufwand einer Periode beeinflusst. Grund für eine ausschließliche Berücksichtigung in der HB kann z.B. eine bestimmte, steuerlich generell nicht als Betriebsausgabe anerkannte, Aufwendung oder ein bestimmter nicht steuerpflichtiger Ertrag sein.45

2.2.3 Quasi-permanente Differenzen

Im Gegensatz zu den permanenten Differenzen gleichen sich quasi-permanente Differenzen in der Zukunft aus. Der Zeitpunkt des Ausgleichs ist aber voraussichtlich erst in ferner Zukunft und damit außerhalb des unternehmerischen Planungshorizonts, im Extremfall erst im Zeitpunkt der Liquidation des Unternehmens.46 Wird etwa handelsrechtlich eine Abschreibung auf einen Gegenstand des nicht abnutzbaren Anlagevermögens vorgenommen, die steuerrechtlich nicht zulässig ist, so belastet diese Abschreibung das Handelsbilanzergebnis und es folgt eine Differenz zwischen HB und StB. Die entstandene Differenz gleicht sich erst bei der Veräußerung des Anlagegutes wieder aus, mit einer Veräußerung ist jedoch im Falle des nicht abnutzbaren Anlagevermögens nicht zu rechnen.47

2.3 Konzepte der Abgrenzung latenter Steuern

2.3.1 Überblick

Die Ermittlung latenter Steuern ist im Wesentlichen nach zwei unterschiedlichen Konzepten möglich, dem Timing-Konzept und dem Temporary-Konzept.48 Während sich das Temporary-Konzept an der Bilanz orientiert, bezieht sich das Timing-Konzept auf die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV).49 In Folge des BilMoG wird nach deutschem Handelsrecht ebenso das Temporary-Konzept angewandt wie nach IFRS und US-GAAP.50

2.3.2 Timing Konzept

Das Timing-Konzept orientiert sich an der GuV und bezieht nur solche Ansatz- und Bewertungsunterschiede mit in die Steuerabgrenzung ein, die sich sowohl zum Zeitpunkt Ihrer Entstehung, als auch im Zeitpunkt Ihrer Umkehrung in der GuV auswirken.51 Entstehen erfolgsneutrale Differenzen, z.B. durch eine erfolgsneutrale Zuschreibung, so schlagen sich diese nicht in der GuV nieder und führen somit nicht zu einer Steuerabgrenzung.52 Es werden also nur erfolgswirksame und temporäre Differenzen berücksichtigt, sog. timing differences.53

Vornehmliches Ziel der Bildung latenter Steuern ist nach dem Timing-Konzept das Erreichen einer Kongruenz zwischen dem effektiven Steueraufwand und dem fiktiven Steueraufwand. Diese Kongruenz ist notwendig, um in der GuV einen Ertragsteueraufwand auszuweisen, der in einem erklärbaren Zusammenhang zu dem handelsrechtlichen Ergebnis (vor Steuern) steht.54

2.3.3 Temporary-Konzept

Im Gegensatz zum GuV-orientierten Timing-Konzept bezieht sich das Temporary-Konzept auf die Bilanz. Grundsätzlich wird jede Bilanzierungs- und Bewertungsdifferenz zwischen HB und StB in die Steuerabgrenzung einbezogen, sofern sie künftige Ertragsteuerbe- oder -entlastungen zur Folge hat.55 Dies resultiert aus der obersten Zielsetzung des Temporary-Konzepts, dem Erreichen eines zutreffenden Vermögensausweises.56

Bei den sog. temporary differences werden, neben den timing differences auch Differenzen berücksichtigt, die bei Ihrer Entstehung nicht in der GuV berücksichtigt werden. Darüber hinaus umfassen sie auch quasi-permanente Differenzen.57 Zu beachten ist jedoch, dass Differenzen, die sich aus außerbilanziellen Hinzurechnungen und Kürzungen ergeben, nicht mit einbezogen werden dürfen, sog. other differences.58

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Vergleich Timing-Konzept & Temporary-Konzept 55

2.4 Methoden der Bewertung latenter Steuern

2.4.1 Überblick

Die Bewertung latenter Steuern kann auf Grundlage von drei, in der US- amerikanischen Literatur und Praxis entwickelten, Methoden erfolgen. Unterschieden werden die Liability-Methode, die Deferred-Methode und die Net-of-Tax-Methode.60 Die jeweilige Methode legt dabei fest, auf welche Weise die latenten Steuern zu ermitteln sind und welche Auswirkungen mögliche Änderungen des Steuerrechts und insbesondere des Steuersatzes auf zuvor gebildete latente Steuern haben.61 Die Net-of-Tax-Methode spielt jedoch in der Praxis keine Rolle, da sie zum einen die steuerlichen Konsequenzen aus der Bewertung mit dem Bewertungsvorgang selbst verknüpft und somit bei ihrer Anwendung Ursache und Wirkung vermischt werden würden, zum anderen führt die Verwendung dieser Methode zu Verstößen gegen das Bruttoprinzip und das Saldierungsverbot.6259 60 61 62

Sind in der betrachteten Periode mehrere temporäre Differenzen aufgetreten, bestehen zwei Möglichkeiten die auf sie entfallenden latenten Steuern zu berechnen. Die Einzeldifferenzenbetrachtung, bei der latente Steuern für jeden einzelnen Geschäftsfall, der zu temporären Differenzen führte, gebildet werden und die Gesamtdifferenzenbetrachtung, bei der die Gesamtdifferenz aus HB und StB um permanente Differenzen vermindert wird und so die gesamten temporären Differenzen ermittelt werden.63

2.4.2 Liability-Methode

Der Grundsatz der Verbindlichkeitsmethode (Liability-Methode) ist das Ziel eines zutreffenden Vermögens- bzw. Schuldenausweises.64 Passive latente Steuern werden als Verbindlichkeiten für zukünftige zu zahlende Steuern angesehen und haben somit einen Schuldcharakter. Aktive latente Steuern werden als ungewisse Forderungen angesehen, da diese eine spätere Steuerrückzahlung oder Steuerminderung zur Folge haben.65 Es werden wahrscheinliche spätere Einnahmen und Ausgaben in der Bilanz abgebildet, aus diesem Grund ist die Bewertung der latenten Steuern anhand der Steuersätze zu vollziehen, die im späteren Zeitpunkt der Auflösung der Bilanzdifferenzen gelten werden.66 Gemäß §274 Abs.2 Satz 1 sind die latenten Steuern daher unter Berücksichtigung des unternehmensindividuellen Steuersatzes zu bewerten.67 Verändern sich die Steuersätze, müssen auch die latenten Steuern an diese Änderung angepasst werden, um einen zutreffenden Ausweis des Vermögens in der Bilanz zu gewährleisten.68 Die Liability-Methode weist auf Grund ihres Ziels, ein zutreffenden Vermögens- bzw. Schuldenausweis zu erreichen, einen Bezug zum Bilanz-orientierten Temporary-Konzept auf.69

[...]


1 Vgl. Krimpmann 2011, S. 15.

2 Vgl. § 274 Abs. 1 HGB.

3 Vgl. Ley 2013, S. 31.

4 Vgl. Scheffler 2011, S. 331.

5 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 48.

6 Vgl. Bieg / Kußmaul / Waschbusch 2012, S. 112.

7 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 72.

8 Vgl. §5 Abs. 1 Satz 2 EStG.

9 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 72.

10 Vgl. Heno 2011, S. 381.

11 Vgl. Pellens et al. 2017, S. 37.

12 Vgl. Meyer et al. 2010, S. 34.

13 Vgl. Küting, S. 288.

14 Vgl. BT-Drucksache 16/10067, S. 1. sowie ergänzend Scherrer 2011, S. 1-10.

15 Vgl. BT-Drucksache 16/10067, S. 35 sowie ergänzend Heyd / Kreher 2010 S. 18.

16 Vgl. Herzig / Briesemeister 2009, S. 927.

17 Vgl. §5 Abs. 1 Satz 2 EStG.

18 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 80.

19 Vgl. Bieg et al. 2009, S. 283.

20 Vgl. Bitz et al. 2014, S. 192.

21 Vgl. Ley 2013, S. 60.

22 Vgl. Ollinger 2015, S. 100.

23 Vgl. Ollinger 2015, S. 100.

24 Vgl. Schildbach / Stobbe / Brösel 2013, S. 400.

25 Vgl. Federmann 2010, S. 282.

26 Vgl. Hahn 2011, S. 632.

27 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 117.

28 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 488.

29 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 488.

30 Vgl. Eisele / Knobloch 2019, S. 593.

31 Modifiziert entnommen von Schildbach / Stobbe / Brösel 2013, S. 214.

32 Vgl. Schildbach / Stobbe / Brösel 2013, S. 214.

33 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 557.

34 Vgl. Ollinger 2015, S. 104.

35 Vgl. Pellens et al. 2017, S. 195.

36 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 557.

37 Modifiziert entnommen von Schildbach / Stobbe / Brösel 2013, S. 214.

38 Vgl. Schildbach / Stobbe / Brösel 2013, S. 241-243.

39 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 486.

40 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 109.

41 Vgl. Ollinger 2015, S. 109.

42 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 551.

43 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 486.

44 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 551.

45 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 486.

46 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 53.

47 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 551.

48 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 484.

49 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 49.

50 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 553.

51 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 485.

52 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012, S. 49.

53 Vgl. Kozikowski / Fischer 2012, S. 1076.

54 Vgl. Küting / Seel 2009, S. 501 f.

55 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 490.

56 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 553-555.

57 Vgl. Kozikowski / Fischer 2012 S. 1076.

58 Vgl. Bieg et al. 2009, S. 284.

59 Modifiziert entnommen von Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S.556.

60 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 490.

61 Vgl. Brönner et al. 2011, S. 641.

62 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 496.

63 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 564.

64 Vgl. Bieg et al. 2009, S. 287.

65 Vgl. Coenenberg / Haller / Schultze 2018, S. 492.

66 Vgl. BT-Drucksache 16/10067, S. 68.

67 Vgl. §274 Abs. 2 Satz 1 HGB.

68 Vgl. Baetge / Kirsch / Thiele 2017, S. 563.

69 Vgl. Herzig / Fuhrmann 2012. S. 57.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Bilanzierung latenter Steuern nach dem Handelsgesetzbuch und des International Financial Reporting Standards
Untertitel
Ein kritischer Vergleich
Hochschule
Fachhochschule Wedel
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
53
Katalognummer
V939026
ISBN (eBook)
9783346269447
ISBN (Buch)
9783346269454
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Latente Steuern
Arbeit zitieren
Ole-Kristoph Dethlefs (Autor), 2019, Bilanzierung latenter Steuern nach dem Handelsgesetzbuch und des International Financial Reporting Standards, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/939026

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