In der heutigen dynamischen Informationsgesellschaft hängt der Erfolg einer Organisation nicht mehr von einmal gesetzten Impulsen ab, sondern es zählt die Fähigkeit, Strategien ständig den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Vorliegende Konzepte des organisationalen Wandels trivialisieren komplexe Sachverhalte auf eine Weise, dass sie nur über eine sehr begrenzte Geltung verfügen. Theorien der Selbstorganisation, wie z.B. die neuere Systemtheorie, die eine angemessenere Betrachtung erlauben, sind dagegen bisher kaum auf die anwendungsorientierte Organisationsforschung übertragen worden. Vor diesem Hintergrund wird im erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Teil der Untersuchung auf Grundlage der neueren Systemtheorie eine pluralistische Forschungsstrategie abgeleitet, die auch für pragmatische Gestaltungshinweise zu nutzen ist. Im Anschluss steht die Entwicklung eines konkreten Forschungsrahmens, bestehend aus einem „Forschungsobjekt Organisation” als analytische Einheit verschiedener Systeme bzw. Untersuchungsperspektiven und einem modelltheoretischen Lösungsansatz strategischer Anpassungsfähigkeit, der gleichzeitig den Anwendungsfall für etwaige Gestaltungshinweise darstellt. Strategische Anpassungsfähigkeit entspricht danach einem „organisationalen Wissen um strategischen Wandel”, dessen Produktion durch das Vorhandensein bestimmter Bedingungen wahrscheinlicher wird. Im Unterschied zum üblichen Vorgehen werden so pragmatische Gestaltungsvorschläge abgeleitet, deren Zweck und Ziel aus abstrakten theoretischen Modellüberlegungen resultieren und nicht aus einem direkten – oft trügerischen – Praxiszusammenhang. Abschließend verdeutlicht ein Prozessmodell zur Realisierung eines „Organisationalen Wissens um strategischen Wandel” in einer Welt elektronischer Netzwerkmedien die praktische Anwendbarkeit des verwendeten begrifflichen Konzepts und die praktische Aussagefähigkeit der logischen Schlussfolgerungen. Konkret erfolgt eine beispielhafte Überprüfung des abstrakten Modells durch die Ableitung resultierender Anforderungen für das Software-Design eines IT-Tools zur Unterstützung von strategischer Anpassungsfähigkeit. Das IT-Tool wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts als Prototyp verwirklicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundüberlegungen
2.1 Wissenschaftsziel
2.2 Epistemologische Basis dieser Arbeit
2.2.1 Grenzen einer abbildtheoretischen Perspektive
2.2.2 Radikaler Konstruktivismus
2.2.3 Erkenntnistheoretische Einordnung des Radikalen Konstruktivismus
2.2.4 Die Erweiterung des Radikalen Konstruktivismus zu einer allgemeinen Theorie beobachtender Systeme
2.3 Resultierende Implikationen für ein konstruktivistisch-systemtheoretisches Wissenschaftsverständnis
2.3.1 Allgemeine wissenschaftstheoretische Konsequenzen
2.3.2 Methodologische Konsequenzen
2.4 Eine pluralistische Forschungsstrategie als geeignete Methodik für Anwendungsorientierung
3 Beschreibung des ‚Forschungsobjekts Organisation’ mit Hilfe systemtheoretischer Ansätze
3.1 Systemtheoretische Ansätze zur Modellbildung
3.1.1 Allgemeine Systemtheorie und Kybernetik
3.1.2 Anwendung der Systemtheorie als Modelltheorie
3.2 Die Theorie sozialer Systeme zur Begriffs- und Problembildung
3.2.1 Grundzüge der Theorie sozialer Systeme
3.2.2 Verschiedene Typen sozialer Systeme
3.2.3 Die Organisation im eigentlichen Sinne (i.e.S.) als autopoietisches soziales System
3.3 Das ‚Forschungsobjekt Organisation’: Eine Organisation im weiteren Sinne (i.w.S.) als Einheit verschiedener Systeme
4 Die Festlegung relevanter Systeme einer Organisation i.w.S.
4.1 Die äußere Umwelt: Das Gesellschaftssystem unter besonderer Berücksichtigung elektronischer Netzwerkmedien
4.2 Die normative bzw. formale Sozialstruktur: Das Organisationssystem als Organisation i.e.S.
4.3 Die Systeme der inneren Umwelt der Organisation i.e.S.
4.3.1 Die Verhaltensstrukturen bzw. die informellen Sozialstrukturen: Interaktionssysteme
4.3.2 Die Beteiligten bzw. Mitglieder: Bewusstseinssysteme
4.3.3 Die Technik: Informations-Technische Systeme (IT)
4.4 Zwischenfazit
5 Das Problem: Strategische Anpassung von Organisationen i.e.S.
5.1 Evolutionärer Wandel von Organisationen
5.1.1 Evolution von Organisationspopulationen (Population-Ecology-Ansatz)
5.1.2 Kognition und Evolution bei Weick
5.1.3 Evolution von Organisationen als soziale Systeme
5.1.4 Einseitigkeit organisationaler Beobachtung als Problem evolutionärer Bewährung
5.2 Organisationen zwischen Zweck- und Systemrationalität
5.2.1 Zweckrationalität und Rationalitätsmythos
5.2.2 Relative Zweckrationalität und Systemrationalität
5.2.3 Systemrationalität durch einen Rationalitätsmythos 2. Ordnung
5.3 Notwendigkeit strategischer Anpassungsfähigkeit von Organisationen
5.3.1 Der Strategiebegriff und die Notwendigkeit strategischer Anpassungsfähigkeit
5.3.2 Der Begriff organisationaler Wandel/Anpassung
5.3.3 Strategische Anpassung von Organisationen i.e.S.
6 Der Lösungsansatz: Strategische Anpassungsfähigkeit als ‚organisationales Wissen um strategischen Wandel’
6.1 Konzept eines organisationalen Wissens in einer Welt elektronischer Netzwerkmedien
6.2 ‚Organisationales Wissen um strategischen Wandel’: Ein dualistisches Verständnis
6.2.1 Generierung eines Zweifels durch strategische Information
6.2.2 Das Know-how der Generierung strategischer Information
6.3 Ein formales Entscheidungsprogramm 2. Ordnung als Voraussetzung für Gestaltungshinweise
6.3.1 Ermöglichung von ‚Organisationalem Wissen um strategischen Wandel’ als Zweck des Programms
6.3.2 Eine strategische Agenda als Mittel zur Umsetzung des Programms
6.4 Resultierende prinzipielle Anforderungen der Organisation i.e.S. an ihre innere Umwelt
6.4.1 Das Prinzip polykontextueller Beobachtung
6.4.2 Das Prinzip des begrenzten Zufalls
6.4.3 Das Prinzip einer begrenzten Subversivität
6.5 Zwischenfazit
7 Prozess der Realisierung eines ‚Organisationalen Wissens um strategischen Wandel’ in einer Welt elektronischer Netzwerkmedien
7.1 Bestimmung einzelner Prozessschritte
7.1.1 Individuelle Zweifel als potenzielle Themen
7.1.2 Aufbau eines elektronischen Themen-Netzwerks als Gedächtnis
7.1.3 Reflexion verteilter Interaktionen aufgrund der Verknüpfung von Themen
7.1.4 Reflexion als Thema strategischer Entscheidungen durch Technisierung verteilter Reflexions-Interaktionen
7.2 Gestaltungshinweise innerhalb der Prozessschritte
7.2.1 Individuelle Zweifel durch Exploration in elektronischen Netzwerkmedien
7.2.2 Aufbau eines elektronischen Themen-Netzwerks aufgrund gemeinsamer individueller Interessen
7.2.3 Verteilte Reflexion mit Hilfe der Bildung von Communities of Reflexion
7.2.4 Technisierung verteilter Reflexions-Interaktionen durch Freiheit innerhalb eines festen Rahmens
7.3 Das umfassende Prozessmodell als die relevante Welt der Problemdefinition für Software-Design
8 Schlussfolgerungen und beispielhafte Anforderungsdefinition für das Software-Design zur Unterstützung des Prozessmodells
8.1 Schlussfolgerungen für grundsätzliche Möglichkeiten der IT
8.2 Anforderungsdefinition: Beschreibung erforderlicher Unterstützungsdienste
8.2.1 Hyperlink unterstützte Suche in einem quasi unendlichen Suchraum
8.2.2 Emergente Netzwerkbildung durch Verknüpfung individueller Suchpfade
8.2.3 Partnervermittlung und Veränderungsassistent
9 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit entwickelt ein Prozessmodell strategischer Anpassungsfähigkeit für Organisationen, die in einer durch elektronische Medien geprägten, hochdynamischen Umwelt agieren. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie Organisationen ein "organisationales Wissen um strategischen Wandel" generieren können, um die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Anpassung zu erhöhen, ohne dabei die für die Systemerhaltung notwendige Stabilität zu verlieren.
- Systemtheoretische Modellierung von Organisationen
- Konstruktive Erkenntnistheorie und ihre Anwendung auf Organisationen
- Strategische Anpassung als Prozess der Wissensgenerierung
- Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie als Unterstützungsinstrument
- Bedeutung von emergenten Strukturen und informeller Kommunikation
Auszug aus dem Buch
Die Festlegung relevanter Systeme einer Organisation i.w.S.
Bislang ist noch nicht geklärt, welche Art von Systemen innerhalb einer Organisation i.w.S. als analytische Einheit verschiedener Systeme zu berücksichtigen sind. Für die konkrete Festlegung relevanter Sichtweisen bzw. Systeme innerhalb des ‚Forschungsobjekts Organisation’ (=Organisation i.w.S.) bietet sich als Orientierungshilfe ein Rückgriff auf einen etablierten Ansatz der Organisationsforschung an. Die Festlegung erfolgt hier in Anlehnung an Scott, dessen Systematik mit der Einteilung in Kapitel 3.3 vereinbar scheint. Die zentralen Elemente einer modernen Organisation sind nach Scott (1986: 35ff.): Sozialstruktur, die sich aus einer normativen bzw. einer formalen Struktur und einer Verhaltensstruktur bzw. einer informellen Struktur zusammensetzt, Beteiligte bzw. Mitglieder, Ziele, Technologie und Umwelt. Diese Elemente nach Scott, sind zu verstehen als relevante Perspektiven zur Beschreibung von Organisationen und nicht als Systemelemente im Sinne der Systemtheorie (vgl. Kapitel 3). Sie werden hier jeweils soweit möglich als eigenständige Systeme innerhalb der Einheit einer Organisation i.w.S. beschrieben. Dabei wird hier der Umweltbegriff weiter differenziert. Es wird zum einen von einer äußeren Umwelt ausgegangen, die für alle betrachteten Systeme und auch andere Organisationen i.e.S. das umfassende Gesellschaftssystem darstellt und zum anderen von einer inneren Umwelt, die nur einer bestimmten Organisation i.e.S. zugehört. Wesentlich ist, dass innerhalb der Einheit einer Organisation i.w.S. grundsätzlich alle betrachteten Systeme gegenseitig Umwelt füreinander darstellen.
Zunächst beginnt die nähere Beschreibung dieser Systeme innerhalb der Organisation i.w.S. in Kapitel 4.1 mit der Beschreibung eines Systems, dass für alle hier betrachteten Systeme eine äußere Umwelt darstellt. Diese wird im Anschluss an die Einführung (vgl. Kapitel 1) in der Form einer differenzierten Gesellschaft beschrieben. Diese Gesellschaft wird insbesondere durch eine elektronische Vernetzung aufgrund heutiger Informations- und Kommunikationstechnologie geprägt. Die Nutzung des Internets, insbesondere des Standarddienstes ‚World Wide Web’ (WWW), schreitet mit enormem Tempo voran. Heute gehören elektronische Netzwerkmedien deshalb bereits zur sozialen Wirklichkeit einer globalisierten Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Herausforderungen für Organisationen in einer durch funktionale Differenzierung und neue Informationstechnologien geprägten Weltgesellschaft.
Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundüberlegungen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen gelegt, wobei insbesondere der Radikale Konstruktivismus und die systemtheoretischen Ansätze von Luhmann diskutiert werden.
Beschreibung des ‚Forschungsobjekts Organisation’ mit Hilfe systemtheoretischer Ansätze: Hier wird die Organisation als "Organisation im weiteren Sinne" (i.w.S.) als analytische Einheit verschiedener Systeme modelliert.
Die Festlegung relevanter Systeme einer Organisation i.w.S.: Dieses Kapitel dient der konkreten Identifikation und Beschreibung der relevanten Systeme innerhalb der modellierten Organisation.
Das Problem: Strategische Anpassung von Organisationen i.e.S.: Hier wird das Problem der Beharrungstendenz von Organisationen aus systemtheoretischer Sicht analysiert.
Der Lösungsansatz: Strategische Anpassungsfähigkeit als ‚organisationales Wissen um strategischen Wandel’: Dieses Kapitel führt das zentrale Konzept der Arbeit ein und entwickelt einen dualistischen Wissensbegriff für strategische Anpassung.
Prozess der Realisierung eines ‚Organisationalen Wissens um strategischen Wandel’ in einer Welt elektronischer Netzwerkmedien: Hier wird der konkrete Prozess zur Generierung dieses Wissens modelliert.
Schlussfolgerungen und beispielhafte Anforderungsdefinition für das Software-Design zur Unterstützung des Prozessmodells: Das finale Kapitel leitet praktische Anforderungen für die IT-Unterstützung der zuvor entwickelten theoretischen Prozessmodelle ab.
Schlüsselwörter
Strategische Anpassung, Organisation, Systemtheorie, Radikaler Konstruktivismus, Wissensmanagement, Informationstechnologie, Elektronische Netzwerkmedien, Wissensgenerierung, Organisationsgedächtnis, Evolutionärer Wandel, Entscheidungsprämissen, Selbstorganisation, Wissensmanagement, Internet, World Wide Web.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Organisationen in einer hochdynamischen Umwelt durch den Aufbau eines spezifischen "organisationalen Wissens um strategischen Wandel" ihre Anpassungsfähigkeit nachhaltig erhöhen können, ohne ihre systemische Stabilität zu gefährden.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit verbindet systemtheoretische Organisationslehre, Erkenntnistheorie (insbesondere Radikaler Konstruktivismus) und das Design von IT-gestützten Informationssystemen für Wissensmanagement.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Ableitung eines theoretischen Modells und darauf basierender Gestaltungshinweise für IT-Systeme, die Organisationen dabei unterstützen sollen, relevante Umweltsignale für strategische Lernprozesse zu nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit folgt einer pluralistischen Forschungsstrategie, die systemtheoretische Ansätze und erkenntnistheoretische Annahmen nutzt, um Gestaltungsvorschläge für komplexe soziale Systeme wie Organisationen abzuleiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Modellierung der Organisation als Einheit verschiedener Systeme, die Analyse des Problems der strategischen Anpassung und die Entwicklung eines konkreten Prozessmodells zur Wissensgenerierung unter Nutzung elektronischer Netzwerke.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind das "organisationale Wissen um strategischen Wandel", die Unterscheidung zwischen "Organisation i.e.S." und "Organisation i.w.S.", die "strategische Agenda" und die "technisierte Reflexion" durch elektronische Medien.
Wie unterscheidet sich dieser Lösungsansatz von klassischen Management-Modellen?
Im Gegensatz zu klassischen, oft auf Planbarkeit und Kontrolle basierenden Modellen, setzt dieser Ansatz auf Selbstorganisation, informelle Netzwerke und die bewusste Nutzung von Zufall und Mehrdeutigkeit als notwendige Bedingungen für strategische Anpassungsfähigkeit.
Warum spielt das World Wide Web für das Modell eine so wichtige Rolle?
Das WWW dient als Metapher und konkrete technische Infrastruktur für das "Organization Wide Web" (OWW), welches Organisationen ermöglicht, eine systeminterne "Zweitfassung der Gesellschaft" zu bilden und dadurch Reflexionsprozesse über die eigenen Entscheidungsprämissen anzustoßen.
- Quote paper
- Andreas Bruns (Author), 2006, Organisationales Wissen um strategischen Wandel in einer Welt elektronischer Netzwerkmedien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93902