"Die Räuber" von Friedrich Schiller und "Julius von Tarent" von Johann Leisewitz. Analyse der Rolle des Vaters im Sturm und Drang


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Figurenkonstellation
2.2 Vater-Sohn-Beziehung
2.3 Verhalten
2.4 Vergleich
2.5 Adaption auf die Rolle im Sturm und Drang

3. Schluss

4 Literaturverzeichnis

1, Einleitung

Die Epoche des Sturm und Drang zeichnet sich laut Luserke durch die „Binnenrebellion“1 der Söhne aus, die sich gegen das autoritäre Verhalten der Väter auflehnen und die eigene Selbstbestimmung erzielen wollen2. Während sich ein großer Anteil von Abhandlungen größtenteils mit den „feindlichen, sich befehdenden und schließlich einander umbringenden Brüder“3 beschäftigen, soll in dieser Arbeit die Rolle des Vaters analysiert werden. Dazu werden die Vater-Figuren des alten Moors in Schillers Drama Die Räuber sowie die des Constantin von Tarent in Julius von Tarent von Leisewitz untersucht, miteinander verglichen und Unterschiede beziehungsweise Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.

Um dies prüfen zu können, werden die Figuren sowie deren Position in den jeweiligen Dramen beschrieben, und aufgezeigt, in welcher gesellschaftlichen bzw. familiären Ebene sie eingebettet sind. Zudem wird die Vater-Sohn-Beziehung untersucht und das Verhalten beider Väter innerhalb der Handlung betrachtet. Abschließend wird, mittels dieser Erkenntnisse, eine Aussagen über die Vater-Figur im Sturm und Drang getroffen.

2. Hauptteil

2.1 Figurenkonstellation

In dem Drama Julius von Tarent nimmt die Figur Constantin, der „Fürst von Tarent“4, die zentrale Vaterrolle ein. Dieser spricht an seinem „sechsundsiebzigsten Geburtstage“5 von sich als „Greise“6. Er erwähnt sein „schwaches Herz“7, definiert seinen Geburtstag als „neuen Grade [seiner] Schwachheit“8 und sagt in seiner Geburtstagsrede, er stehe am „Rand des Grabes“9. Der Fürst von Tarent wird, so sein Bruder der Erzbischof, von seinen Untertanen als Vater und Landesherr gesehen10, von seinem Soldaten wird er als „vortrefflicher Herr“11 benannt und auch Constantin selbst sieht seine Regierungsgeschäfte als „häusliche Freuden“12 an, wobei seine Familie sein „innres Haus“13 und seine Untertanen das „äußre“14 darstellen. Trotz allem regiert er autoritär15 mit patriarchalische Zügen16 über seine Häuser, welche hierarchisch gegliedert sind17.

In dem Drama Die Räuber wird der Vater Maximilian durchweg als ,,[d]er alte Moor“18 bezeichnet, er nennt sich einen „achtzigjährigen Manne“19. Maximilian wird im Laufe der Handlung bewusst, dass er mit jedem „Schritt näher ans Grab rückt“20. Seine kränkliche Verfassung wird zudem von seinem Sohn Franz Moor benannt. In 1,1 vergewissert sich Franz mehrmals, ob es seinem Vater auch „wirklich ganz wohl“21 gehe, da er „so blaß“22 aussehe und einen „zerbrechlichen Körper“23 habe. Der alte Moor nimmt nicht nur gegenüber seinen zwei Söhnen eine Vaterrolle ein, sondern verkörpert diese auch in seiner Rolle als „regierende Graf von Moor“24 gegenüber seinen Untertanen. Dies zeigt sich deutlich in der Beschreibung seiner Regierungsweise durch Franz Moor: „Mein Vater überzuckerte seine Foderungen [!], schuf sein Gebiet zu einem Familienzirkel um, saß liebreich lächelnd am Tor und grüßte sie [Untertanen] Brüder und Kinder“25. Auch Daniel, der Diener im Hause Moor, hat die Herrschaft des alten Moors in guter Erinnerung behalten, da dessen Haus „Obdach der Waisen und der Port der Verlassenen“26 gewesen sei.

Weiterhin ist aufzuführen, dass in beiden Dramen die Mutterrolle und somit die jeweilige Ehefrau zu beiden Vätern fehlt27. Daraus lässt sich schließen, dass die Väter ihre Söhne selbst großgezogen haben. Auch haben beide Männer eine Nichte, die sie in ihren Häusern aufgenommen haben und als „meine Tochter“28 benennen. Im Falle des alten Moors ist dies Amalia, bei Constantin Cäcilia. Beide Männer lassen sich darüber aus, dass ,,[z]u den häuslichen Freuden eines Greises [...] durchaus Weiber [gehören]“29. Der einzige Unterschied in der familiären Figurenkonstellation besteht darin, dass es neben dem Fürsten von Tarent noch seinen Bruder, den Erzbischof, gibt und somit eine „doppelte Bruderkonstellation“30 im Julius von Tarent aufgeführt wird.

2.2 Vater-Sohn-Beziehung

In Julius von Tarent erwähnt Constantin in seiner Geburtstagsrede seine „schwach und müde gewordene Herrschaft“31 und gedenkt, seinen „Hirtenstab“32 seinem Sohn Julius zu übergeben33. Dieser trägt einen inneren Konflikt zwischen der Gehorsamkeit gegenüber seinem Vater dem Fürsten34 und der damit verbundenen Pflicht als Fürstensohn sowie der nicht standesgemäßen Liebe35 zu Bianca aus36. Letztendlich muss Julius sich entscheiden. Entweder er wird selbst aktiv, indem er Bianca entführt und ein Leben mit ihr beginnt, was allerdings mit dem Verzicht auf die Herrschaft37 einhergeht und damit die Beziehung zu seinem Vater zerstört oder er bleibt passiv und macht sein „Glück von dem Tode [seines] Vaters“38 abhängig. Durch das Hoffen auf den baldigen Tod Constantins würde er symbolisch zum „Vatermörder“39 werden. Es ist gleich, wie sich Julius entscheidet, die „totale Zerstörung aller Bindungen von Familie, Gesellschaft und Staat“40 wird in beiden Fällen erwirkt. Allerdings erhebt Guido, der jüngere Sohn, ebenso „Rechte auf Blancan“41, was zu einer Rivalität zwischen den Brüdern in Bezug auf die Frau führt, nicht aber das Thema „Fürstenkrone und -erbschaft“42 beeinflusst43. Constantin von Tarent erkennt den Kampf beider Söhne um Bianca und versucht mit „befehlerischer Autorität“44 diese „zur Raison“45 zu bringen. Als Julius seinen Vater bittet, ihm seine Schwachheit nachzusehen, und an ihn appelliert, die Liebe zu seinem Sohn und dessen Glück über seine Pflichten als Fürst zu stellen46, antwortet dieser: „Ich hab‘ ihr nachgesehen - aber wenn ich es länger tue, so wird auch meine Nachsicht selbst Schwachheit“47. Als Constantin im weiteren Verlauf merkt, dass seine „Vernunftmoral“48 gegen die „Leidenschaft“49 seiner Söhne nicht ankommt, „verschiebt [er den] Akzent auf den Pol der Zärtlichkeit“50, indem er auf seinen baldigen Tod aufmerksam macht und anfängt zu weinen51. Er will damit erreichen, dass seine Söhne ihre Rolle im Herrschaftsgefüge wieder wahrnehmen. Die „Tränen eines Vaters“52 schaffen es, Guido zu erweichen, der seinem Bruder einen „Verzichtsausgleich“53 vorschlägt. Julius‘ Liebe zu Bianca istjedoch zu stark, denn die Tränen haben es nicht geschafft, ihn von seinem Entschluss der Entführung abzubringen54. Guido tötet Julius letztlich bei dessen Entführungsversuch. Constantin, der Guido wegen Mordes hinrichten muss, vergibt seinem jüngeren Sohn den Brudermord. „Das Schlußbild [...] zeigt, wie der Fürst tötet, was der Vater in ihm trotz allem liebt“55. Als Fürst durchsticht Constantin Guido mit der einen Hand, während er diesen als Vater mit dem anderen Arm gleichzeitig umarmt56. Bezüglich Julius hadert Constantin mit dem Schicksal, da er sein altes Leben nicht für seinen Erstgeborenen geben kann, damit dieser wieder lebt57.

[...]


1 Luserke, Matthias: Sturm und Drang. Autoren - Texte - Themen. Stuttgart: Reclam 2019. S. 13.

2 Vgl. Luserke, M.: Sturm und Drang. S. 13.

3 Ebd.

4 Leisewitz, Johann Anton: Julius von Tarent. Ein Trauerspiel. Hg. von Werner Keller. Stuttgart: Reclam 2012. S. 4.

5 Leisewitz, J. A.: Julius von Tarent. S.19.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd. S. 18.

9 Ebd. S. 35.

10 Vgl. Ebd. S. 55.

11 Ebd. S. 70.

12 Ebd. S. 55.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Vgl. Wenzel, Stefanie: Das Motiv der feindlichen Brüder im Drama des Sturm und Drang. Frankfurt amMain: Lang 1993. S. 67 - 68.

16 Vgl. z.B. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 18 - 20.

17 Vgl. Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Handbuch Sturm und Drang. Göttingen: Walter de Gruyter 2017. S. 471. Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 36.

18 Vgl. Schiller, Friedrich: Die Räuber. Ein Schauspiel in fünf Akten. Stuttgart: Reclam 1965. S. 5.

19 Schiller, F.: Die Räuber. S.10.

20 Ebd. S. 6.

21 Ebd. S. 5.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Schiller, F.: Die Räuber. S. 4.

25 Ebd. S. 50.

26 Ebd. S. 119.

27 Dieses Fehlen kann darauf zurückgeführt werden, dass in der Machthierarchie der Familie „die Hausmutter eine Art Zwischenposition zwischen dem Hausvater einerseits und den Kindern und Dienstboten andererseits“ einnimmt. Da die Mutter ein engeres, vertrauteres Verhältnis zu ihren Kindern hat und somit eine geringere Distanz zu diesen besitzt als der Hausvater, „fehlt ihr nach der Ansicht des patriarchalischen Denkens damit auch die entsprechende Autorität“. Diese hierarchisch untergeordnete Rolle der Mutter, die zwischen den Kindern und Vätern vermittelt ist nach Sorensen „ein Grund für die auffallende Tatsache [...], daß die Mutter-Gestalt in so vielen Dramen des 18. Jahrhunderts [...] gänzlich fehlt - sie ist meistens vor dem Anfang des Stückes gestorben“. - Sorensen, Bengt Algot: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert. München: Beck, 1984. S. 16 - 17.

28 Vgl. Schiller, F.: Die Räuber. S. 41. vgl. Leisewitz, J.A.: JuliusvonTarent. S. 18.

29 Ebd.

30 Luserke, M.: Sturm und Drang. S. 212.

31 Martini, Fritz: Die feindlichen Brüder. Zum Problem des gesellschaftskritischen Dramas von J.A. Leisewitz, F.M. Klinger und F. Schiller. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Hrsg, von Firtz Martini, Walter Müller-Seidel, Bernhard Zeller. Stuttgart: Alfred Kroner Verlag 1972. S. 218.

32 Leisewitz, J.A.: JuliusvonTarent. S. 35.

33 Vgl. Sorensen, B.A.: Herrschaft undZärtlichkeit. S. 111.

34 Vgl. Ebd. S. 116.

35 Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 16.

36 Vgl. Luserke, M.: Sturm und Drang. S. 212.

37 Vgl. Ebd.

38 Leisewitz, J.A.: JuliusvonTarent. S. 45.

39 Martini, F.: Die feindlichen Brüder. S. 223.

40 Ebd. S. 219.

41 Leisewitz, J.A.: JuliusvonTarent. S.10.

42 Martini, F.: Die feindlichen Brüder. S. 225.

43 Vgl.Ebd.

44 Sorensen, B.A.: Herrschaft und Zärtlichkeit. S. 113.

45 Keller, Werner: Nachwort. In: Leisewitz, Johann Anton: Julius von Tarent. Ein Trauerspiel. Hrsg, von Werner Keller. Stuttgart: Reclam2012. S. 102.

46 Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 39.

47 Ebd.

48 Martini, F.: Die feindlichen Brüder. S. 222.

49 Ebd.

50 Sorensen, B.A.: Herrschaft und Zärtlichkeit. S. 113.

51 Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 36 - 40.

52 Ebd. S. 40.

53 Martini, F.: Die feindlichen Brüder. S. 226.

54 Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 41- 44.

55 Keller, W.: Nachwort. S. 108.

56 Vgl. Leisewitz, J.A.: Julius von Tarent. S. 67.

57 Vgl. Ebd. S. 58f..

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Die Räuber" von Friedrich Schiller und "Julius von Tarent" von Johann Leisewitz. Analyse der Rolle des Vaters im Sturm und Drang
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V939111
ISBN (eBook)
9783346268624
ISBN (Buch)
9783346268631
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturm und Drang, Die Räuber, Julius von Tarent
Arbeit zitieren
Eileen Krieger (Autor), 2020, "Die Räuber" von Friedrich Schiller und "Julius von Tarent" von Johann Leisewitz. Analyse der Rolle des Vaters im Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/939111

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