Der Exorzismus - Lästiges Überbleibsel einer vergangenen Zeit oder genuin christliche Liturgie?


Diplomarbeit, 2008

88 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Exorzismus in der Einschätzung des heutigen Menschen
2.1 Ein Drama mit Todesfolge schockt 1976 die katholische Kirche: Der Exorzismus an Anneliese Michel aus Klingenberg
2.2 Teufelsaustreibung à la Hollywood: Der Exorzismus als Stoff für erfolgreiche Horrorfilme.
2.3 „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ (Liber Al vel Legis): Der Satanismus als bleibende Gefahr der Gegenwart

3. Die theologischen Grundlagen für den Exorzismus
3.1 Die Frage nach dem Geheimnis des Bösen und dem Ursprung des Teufels: Zu kirchlichen Lehrentscheidungen über den Teufel und die Besessenheit
3.2 Der traditionelle Teufelsglaube gerät in die Kritik: Zum Streitfall um Herbert Haags Plädoyer „Abschied vom Teufel“

4. Die biblischen Grundlagen des Exorzismus
4.1 Der Satan als Gottes Sohn und gefallener Engel: Zur Entwicklung der Satansfigur im Alten Testament und im apokryphen Schrifttum
4.2 „Und der böse Geist antwortete: Ich heiße Legion, denn wir sind viele“ (Mk 5,9): Zum Umgang Jesu mit Teufel und Dämonen im Neuen Testament

5. Die Entwicklung des Exorzismus in der Liturgiegeschichte
5.1 Der Exorzismus im Erwachsenenkatechumenat und die Sachbeschwörungen über Dinge: Zur Geschichte des Exorzismus bis zum Rituale Romanum von 1614
5.2 Ich beschwöre dich, unreiner Geist, verschwinde und fahre aus diesem Geschöpf Gottes: Zur Darstellung des Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614 und dessen Ergänzungen aus dem Jahr 1925
5.3 Der Schock von Klingenberg ruft zum neuen Nachdenken auf: Zur Kommission von Theologen und Humanwissenschaftlern im Jahre 1982/83
5.4 Der Teufel ist wieder los! (Focus Schlagzeile vom 8.2.99): Zur erneuerten Fassung des Exorzismus von 1999 und dessen kritische Wertung

6. Der Umgang mit Besessenheit und dem Exorzismus in einer pluralistischen Welt
6.1 Einfach nur verrückt oder tatsächlich vom Teufel besessen? Zu Besessenheitsphänomenen aus humanwissenschaftlicher Sicht
6.2 Der Teufel wird nicht mehr direkt angesprochen: Die neuen Ansätze der Liturgie zur Befreiung vom Bösen

7. Auswertung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Von 1000 befragten Personen glaubt nach Manfred Probst und Klemens Richter jeder vierte Deutsche an einen leibhaftigen Teufel. 49 Prozent halten ihn allerdings für eine Erfindung der Kirche und 14 Prozent aller befragten Personen sind der Meinung, dass man ihn durch exorzistische Formeln austreiben könne.[1] Weiter erfreute sich das Thema „Besessenheit“ und „Exorzismus“ in Deutschland im November 2005 einer hohen medialen Popularität. Innerhalb kürzester Zeit machten der amerikanische Kinofilm „Der Exorzismus von Emily Rose“ von Scott Derrickson und die deutsche Antwort darauf, „Requiem“ von Hans-Christian Schmid, auf das von kirchlicher Seite üblicherweise sehr diskret beschriebene Ritual des Exorzismus aufmerksam. Beide Filme beruhten auf dem letzten von einem deutschen Bischof erlaubten offiziellen Großen Exorzismus an der jungen Studentin Anneliese Michel aus Klingenberg am Main im Jahre 1976. Das in die Thematik des Exorzismus einführenden Kapitel 2 der vorliegenden Diplomarbeit beschäftigt sich näher mit den historischen Begebenheiten des Exorzismus an Anneliese Michel aus Klingenberg. Die Präsenz der vorliegenden Thematik versuche ich dadurch aufzuweisen, indem ich näher auf ältere und aktuelle Kinofilme eingehe, deren Inhalte sich um Teufelsglaube und Besessenheitsvorstellungen drehen. Außerdem stelle ich den Satanismus als bleibende Gefahr der Gegenwart dar und verdeutliche dadurch die Aktualität der Thematik. Nach den theologischen und biblischen Grundlagen des Exorzismus in Kapitel 3 und 4 gehe ich in Kapitel 5 ausführlich auf die Ritusentwicklung des Exorzismus in der Liturgiegeschichte ein. Inhalte dieses Kapitels bilden dabei die erneuerte Fassung des Großen Exorzismus von 1614 aus dem Jahre 1999 und dessen kritische Wertung. Die Neuausgabe des Exorzismus trifft in eine Zeit, in der okkulte und vor allem satanistische Vorstellungen Hochkonjunktur zu haben scheinen. Was genau ist aber überhaupt ein Exorzismus und wie wird er konkret durchgeführt? Wie kam er im Verlauf der Geschichte in den Gottesdienst der römischen Kirche? Darauf eine Antwort zu geben versucht Kapitel 5, bevor dann aktuelle Überlegungen zu der Frage, ob der Exorzismus in unserer westlichen Welt überhaupt noch zeitgemäß ist und wie mit möglichen Besessenen aus humanwissenschaftlicher Sicht am besten umgegangen werden sollte, die Diplomarbeit mit Kapitel 6 zum Ende führen. In diesem Kapitel gehe ich auch auf mögliche neuere Ansätze in der „Liturgie zur Befreiung vom Bösen“ ein, die den eigentlichen Exorzismus in die Nähe der Krankenpastoral zu rücken versuchen. Die gesamte Untersuchung mündet in eine abschließende Auswertung in Kapitel 7, in der ich die wichtigsten Erkenntnisse, die die vorliegende Arbeit aus meiner Sicht hervorbringt, formuliere, reflektiere und darzustellen versuche.

2. Der Exorzismus in der Einschätzung des heutigen Menschen

2.1. Ein Drama mit Todesfolge schockt 1976 die katholische Kirche: Der Exorzismus an Anneliese Michel aus Klingenberg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Mit dieser schriftlichen Genehmigung des damaligen Bischofs von Würzburg, Josef Stangl (+ 1979), an Pater Arnold Renz und Pfarrer Ernst Alt wurde die Durchführung des Großen Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614 an der damals 22jährigen Pädagogikstudentin Anneliese Michel aus Klingenberg am Main legitimiert. Diese bischöfliche Genehmigung war jedoch auch der Anfang einer Kette von unglücklichen Verkettungen rund um die 76malige Durchführung dieses Exorzimus an der jungen Frau, deren trauriger Höhepunkt ihr Tod am 1. Juli 1976 war und dessen Nachwirkungen die katholische Kirche in eine tiefe Debatte über den Sinn und die Verantwortbarkeit eines an einem Menschen durchgeführten Exorzismus stürzten. Wie sind die Ereignisse in Klingenberg 30 Jahre später zu beurteilen? Welche Konsequenzen sind aus diesem tragischen Fall für das heutige Verständnis von Besessenheit und den damit verbundenen Exorzismus zu ziehen? Hätte der Tod von Anneliese Michel aufgrund von Unterernährung und Entkräftung verhindert werden können, wenn frühzeitig von medizinischer Seite eingegriffen worden wäre? Das erste Kapitel meiner Diplomarbeit versucht, eine annähernde Antwort auf diese Fragen zu finden, ohne jedoch klar von Schuld und Versagen zu sprechen. Der Schwerpunkt liegt auf einer Darstellung der Ereignisse im Fall Klingenberg, ausgehend von der Genehmigung des Exorzismus durch Bischof Stangl im September 1975, bis zur Verurteilung der beiden Priester und der Eltern von Anneliese Michel durch das Landgericht in Aschaffenburg wegen fahrlässiger Tötung zu je 6 Monaten Haft auf Bewährung, sowie einer zusätzlichen Geldstrafe im April 1978.

Um jedoch zu verstehen, wie es dazu kam, dass an Anneliese Michel der Große Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614 durchgeführt wurde und warum die Menschen, die ihr nahe standen, überhaupt von einer Besessenheit ausgingen, gilt es, einen Blick in ihre Kindheit und ihr soziales Umfeld zu werfen. Anneliese Michel, geboren am 21. 9. 1952 in Leiblfing bei Straubing in Niederbayern und aufgewachsen in Klingenberg am fränkischen Untermain, wuchs in einem fest verwurzelten katholischen Milieu auf. Schon früh erlebte sie den katholischen Glauben als prägende Kraft in ihrem Leben, sie besuchte regelmäßig und mehrmals wöchentlich die Frühmessen in Klingenberg, ging dort zur Erstkommunion und Firmung und schloss sich in ihrer Studentenzeit einer Rosenkranzgebetsgruppe an. Anneliese Michel war die älteste von vier Kindern und galt schon früh als hochintelligent, jedoch auch als nervlich labil. Ihre Stiefschwester Martha starb bereits im Alter von acht Jahren an einem Nierentumor und deren uneheliche Zeugung war lange Zeit eine schwere Belastung für die Familie Michel. Die Mutter von Anneliese Michel musste daher ihren Mann 1950 mit einem schwarzen Schleier heiraten. „Der Vater des Kindes soll ein katholischer Priester sein (…) und das erste gemeinsame und eheliche Kind Anneliese bringt sie dafür Gott als Sühneopfer für ihren vorehelichen Fehltritt dar, eine gewaltige Bürde für das neugeborene Kind“.[6] Deutlich wird durch diese Vermutung von Dieter Potzel, dass Anneliese Michel schon in sehr jungen Jahren für ihr Alter sehr bedenkliche, frühkindliche Erfahrungen und religiösen Druck von Seiten ihrer Eltern verarbeiten musste, die es ihr schwer machten, sich als ein normales Kind zu entwickeln. So wurde ihr z.B. von ihrer Mutter verboten, mit ihren Freundinnen zum Tanzen zu gehen, Sport zu treiben, oder Freunde zu sich nach Hause einzuladen. „Man konnte schließlich nie wissen, was geschah, wenn die jungen Mädchen Freunde bekamen. Wie man so sagt, die Ehre eines Mädchens ist wie ein weißes Tuch, man kann jeden Flecken darauf sehen. Ihre Tochter sollte unberührt in die Ehe gehen. Unberührt wie die Jungfrau Maria. (…) Öfter einmal fanden die Schwestern Anneliese weinend in ihrem Zimmer, weil die Mutter schon wieder verboten hatte, dass sie zum Tanzen gehe.“[7] An diesen Äußerungen wird deutlich, wie sehr die junge Anneliese Michel an ihrer strengen religiös-autoritären Erziehung litt und wie sehr sie einen Ausweg aus ihrer von Dogmen geprägten Umwelt suchte, um die Dinge tun zu dürfen, die alle Mädchen in ihrem Alter taten: Freunde zu treffen, sportliche Hobbys zu pflegen, auf Feste und Tanzveranstaltungen zu gehen, Beziehungen zum anderen Geschlecht aufzubauen, sich und andere kennen zu lernen.

Anneliese Michels labiler Gesundheitszustand wurde vor allem in den Jahren ab 1969 deutlich, in denen sie aufgrund von vermehrten depressiven Zuständen, Abwesenheitserscheinungen, Essstörungen und Kreislaufzusammenbrüchen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen musste. Verschiedene Ärzte, Neurologen und Psychologen diagnostizierten nacheinander in den Jahren 1969-1973 eine Erkrankung aus dem Bereich der Epilepsie und eine schwere Psychose, die sie mit Medikamenten wie dem Antikonvulsivum Carbamazepin oder Zentropil zu behandeln versuchten.[8] Beim Beten des Rosenkranzes erschienen ihr aber weiterhin teuflische Fratzen und sie glaubte, Stimmen zu hören, die ihr prophezeiten, schon bald in der Hölle tiefe Qualen erleiden zu müssen. Annelieses eigene Vermutung, was der Auslöser ihrer epileptischen Anfälle und Wahnvorstellungen sei, nämlich vom Teufel besessen zu sein, hielt sie jedoch vor den Ärzten geheim. Anneliese Michel und vor allem ihre Eltern fühlten sich von den Ärzten unverstanden und besaßen wenig Vertrauen zu ihnen. „Das Misstrauen bedarf keiner Worte. Ein leichtes Achselzucken, ein flüchtiges, herablassendes Lächeln, und die Kluft hat sich aufgetan. (…) Ohne es selbst zu wissen, hatte er [Dr. Lüthny Anm. HB.M. ]wohl sehr bald ihre untergeordnete Rolle betont. Das merkten wir daran, dass Anneliese es nötig fand, sich gegen ihn zu schützen. Sie tat es mit der einzigen Waffe, die ihr zur Verfügung stand: sie schwieg.“[9] Die Vermutung, von teuflischen Mächten besessen zu sein, verstärkte sich bei Anneliese Michel während einer Wallfahrt zum kirchlich nicht anerkannten Marienerscheinungsort San Damiano in Norditalien im Sommer 1973. Dort wurde an Anneliese Michel von Seiten der Reiseleiterin angesichts von heftigen epileptischen Anfällen, antireligiösen und antiklerikalen Affekten und angeblichem Schwefel- und Brandgeruch eine teuflische Besessenheit festgestellt. „Ohne den spezifischen religiösen Hintergrund und das wissenschaftsskeptische und dämonengläubige Milieu, das geprägt ist von tiefer Marienfrömmigkeit und harscher Kritik an religiösen Neuerungen (z.B. Handkommunion, Volksaltar), ist die Umdeutung der Phänomene zu einer dämonischen Besessenheit nicht nachvollziehbar.“[10] Die einzigen Menschen, zu denen die Familie Michel in dieser Zeit bedingungsloses Vertrauen besaß, waren die Priester Ernst Alt aus Ettleben bei Schweinfurt und Arnold Renz aus dem Nachbarort Rück-Schippach. Diese nahmen sich der Problematik sofort an, kannten sie Anneliese Michel doch bereits aus frühen Jahren. Sie waren überzeugt davon, ihr mit der rituellen Durchführung des Großen Exorzismus helfen zu können.

Beide bestätigten die Diagnose Annemarie Michels und ihres Umfelds, vom Teufel besessen zu sein. Pater Renz sprach daraufhin beim damaligen Würzburger Bischof Josef Stangl vor und bat ihn, den Großen Exorzismus an Anneliese Michel durchführen zu dürfen. Nach mehreren Wochen Bedenkzeit und der Erstellung eines Gutachtens durch den Jesuitenpater Adolf Rodewyk, der Anneliese Michel auf die Kriterien der Besessenheit hin untersuchte, erlaubte Bischof Stangl am 16. September 1975 Pater Arnold Renz den Vollzug des Ritus über einen Zeitraum von 9 Monaten, jedoch ohne ärztliche Überwachungs- und Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Seit Beginn der Exorzismushandlungen verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Anneliese Michel drastisch, sie verweigerte immer mehr die Nahrungsaufnahme und bekam zunehmend heftigere epileptische Anfälle, die sie ungewöhnlich heftige Geräusche wie lautes Schreien, Bellen und Stöhnen produzieren ließen. Auffallend waren vor allem ihre aggressiven Aversionen und Äußerungen gegenüber den beiden Priestern, die sie u.a. dazu aufforderten, mehrere Kniebeugen täglich auszuführen, die sie weiter körperlich schwächten. „Es wird gebetet und das Kruzifix geschwenkt, Vaterunser, Ave Maria. Zwischendurch werden Erfrischungen und Kuchen gereicht. Anneliese brüllt und tobt, besonders wenn Weihwasser fließt, sie will beißen und schlagen, von drei Männern muss sie gehalten werden. Anneliese flucht: „Scheißkerl, Drecksau, hör mit dem Dreckszeug auf.“ Es entstehen über vierzig Tonbandprotokolle.“[11] Aus Angst, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert zu werden, lehnte sie bis zu ihrem Tode jede medizinische Hilfe kategorisch ab. Anneliese Michel fühlte sich in einer Welt gefangen, in der himmlische und höllische Mächte sich gleichstark gegenüber standen und die die Anerkennung ihres je eigenen Hoheitsgebietes beanspruchten. Den von ihr verehrten Heiligen ihrer Frömmigkeisströmung wie Maria, Pater Pio und Therese Neumann von Konnersreuth standen auf der anderen Seiten die leibhaftigen Dämonen von Kain, Luzifer, Judas, Nero und Hitler gegenüber. In mehrfachen Äußerungen machte Anneliese Michel deutlich, dass sie von den Dämonen der gerade Erwähnten belästigt würde und sie Stimmen hören würde, die ihr befahlen, für Verstorbene und Lebende Buß- und Sühneleistungen zu erbringen. „Schuld, Buße, Sühne, das sind Begriffe einer Religion, mit der Anneliese aufgewachsen ist. Opfer, Sünde, Leiden, jedes Erlebnis muss in einen religiösen Zusammenhang gebracht werden. Anneliese baut eine Leidenserwartung auf. Denn leiden mussten auch die vielen Heiligen, die sie täglich anbetet. Trotzdem denkt sie an Selbstmord. Die Depressionen werden stärker.“[12]

Viele dämonische Vorstellungen wurden jedoch erst durch den Ritus und die mittelalterliche Sprachform des Großen Exorzismus in der jungen Anneliese Michel wachgerufen. Vor allem die imprekative Form des Großen Exorzismus, in dem der Teufel und die Dämonen als Personen angesprochen werden und sogar nach deren Namen gefragt wird, ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Diese Form der Befreiungsliturgie suggeriert vor allem bei psychisch labilen Menschen eine Induktion von anthropomorphen Dämonenvorstellungen, deren Auswirkungen oftmals eine vorschnell angenommene Besessenheit von dämonischen Mächten ist. „Die unreflektierte insistierende Befragung und die paradoxe Kommunikation mit der „Besessenen“ im Namen höchster religiöser Autorität haben die Überzeugung von der Besessenheit bei der Betroffenen vor allem erst herbeigeführt.“[13] Vor allem die Vorstellung einer möglichen Sühnevorstellung von Lebenden gegenüber Verstorbenen lässt die Vermutung aufkommen, die Besessenheit und das damit verbundene Leiden sei von Gott gewollt, um dadurch die Sünden verstorbener oder noch lebender Menschen tilgen zu können. Diese Überlegung führt dann aber zu dem Ergebnis, dass Besessenheit nicht zu heilen ist, denn sie ist von Gott gewollt und es ist sein Wille, der bis zum Tod der besessenen Person erfüllt werden muss. Einen Gott zu behaupten, der an Anneliese Michel seine Macht demonstrieren wollte und sie als Sühne sogar sterben ließ, ist freilich höchst bedenklich. Gerade diese Vorstellung vom stellvertretenden Sühneleiden aber nahm Annemarie Michel an und bereitete so den Nährboden für ihre spätere Verehrung als Heilige bei Angehörigen und Anhängern. Trotz der Interpretation als Sühnebesessenheit wurden die exorzistischen Sitzungen bis zu ihrem Tod durch Unterernährung am 1. Juli 1976 fortgesetzt und auf insgesamt 52 Tonbandprotokollen dokumentiert. Nach Auskunft von ärztlichen Gutachten, die das Landgericht Aschaffenburg kurz nach ihrem Tod in Auftrag gab, wäre Anneliese Michel noch bis etwa 10 Tage vor ihrem Tod zu retten gewesen. Erforderlich wären jedoch eine Entmündigung ihrer Eltern und eine von ärztlicher Seite überwachte Zwangsernährung gewesen. Nach Meinung des Gerichts hätten die Eltern und die beiden Priester die akute Lebensgefahr Anneliese Michels erkennen und entsprechende Hilfeleistungen ausführen müssen. „In Klingenberg wurde das ursprüngliche Anliegen des Exorzismus - Menschen, die sich vom Bösen überwältigt sehen, Hilfe im Gebet zukommen zu lassen - pervertiert zugunsten der Bestätigung der eigenen wahnhaften Vorstellungen, unter Inkaufnahme der Leiden und des Todes einer jungen Frau.“[14]

2.2 Teufelsaustreibung à la Hollywood: Der Exorzismus als Stoff für erfolgreiche Horrorfilme

Nehmen wir einen Blickwechsel vor: Schon seit vielen Jahrzehnten dienen der Exorzismus und die dämonische Besessenheit als Aufhänger und Standardrepertoire für erfolgreiche Horrorfilme aus Hollywood. Oft sind diese Filme mit vielen Klischees verbunden und vermitteln übertriebene Vorstellungen von Teufelsbesessenheit und deren Auswirkungen. Im folgenden Kapitel sollen nun fünf bekannte „Teufelsfilme“ kritisch vorgestellt werden, um so den weiteren Gedankengang dieser Arbeit vorzubereiten, der die realgetreue Darstellung des Exorzismus im Verlauf der Kirchengeschichte und das dogmatische und biblische Verständnis des Teufels vorstellen wird.

Einer der aktuellsten Filme dieser Art ist der Ende November 2005 in die deutschen Kinos gekommene amerikanische Spielfilm „ Der Exorzismus von Emily Rose “, der in einer sehr freien Bearbeitung den Fall der Studentin Anneliese Michel erzählt (siehe Kapitel 2.1). Der von Scott Derrickson inszenierte Film ist jedoch weniger ein Horrorschocker, wie seine bekannten Vorgänger, als ein Gerichtsdrama, das versucht, die Wahrheit über die angebliche Besessenheit der jungen Frau herauszufinden. Der Pfarrer Richard Moore wird in dem dargestellten Gerichtsverfahren der Durchführung des Exorzismus und der damit verbundenen unterlassenen Hilfeleistung mit Todesfolge an der Schülerin Emily Rose angeklagt. Während in dem Gerichtsprozess die Schuldfrage geklärt werden soll und Glaube gegen Medizin steht, wird in Rückblenden die Geschichte des Mädchens erzählt. Während der gerichtliche Teil des Films sich qualitativ eher im Mittelfeld bewegt und beinahe nur als Lückenfüller und Stichwortgeber fungiert, wird der Film von der Geschichte um Emily Rose getragen. Der Regisseur hält sich dabei geschickt an eine Mischung aus Dämonenfilm und rationalen Erklärungen: Während die dämonischen Visionen wirklich unheimlich und in bester Horrorfilmtradition inszeniert sind (Blitz und Donner, Nachtdarstellungen, laute und bedrohliche Geräusche, Gegenstände, die sich bewegen), gibt der Film keine definitiven Antworten auf die Frage von Besessenheit und stellt die Visionen der Protagonistin als mögliche medizinische Krankheitssymptome dar. Seine Qualität verdankt der Film vor allem den Hauptdarstellern, allen voran Emily Rose, die die verzweifelte Besessene mit einer starken schauspielerischen Intensität spielt. Der Spannungsbogen baut sich im Gerichtfilm auf und steuert auf einen Klimax hin, der die Schuldfrage von Pfarrer Richard Moore behandelt. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er an übernatürliche Phänomene oder an eine psychische Krankheit glaubt.

Zu erkennen sind einige Parallelen zum Fall der Anneliese Michel, jedoch möchte der Film keine Dokumentation über die Vorgänge in Klingenberg sein, sondern lediglich durch eine effektvoll erzählte Geschichte unterhalten und dazu auffordern, mit Mut und Klarheit das Richtige zu tun, auch wenn das oft nicht einfach ist. Der Pfarrer ist schuldig und wird der unterlassenen Hilfeleistung angeklagt, darf jedoch den Gerichtssaal als freier Mann verlassen, da seine Schuld letztlich als gering eingestuft wird.

William Friedkins Horrorklassiker Der Exorzist aus dem Jahre 1973 wird auf dem DVD-Cover als der erschreckenste Film aller Zeiten angekündigt und ist der erste wirklich bedeutende Film über eine Teufelsbesessenheit, der in die Analen der Kinogeschichte einging und als Vorlage für alle weiteren Filme dieser Art diente. Eine teuflische Macht hat von der zwölfjährigen Regan, gespielt von Linda Blair, Besitz genommen und zwei Jesuitenpater versuchen nun, sie von diesen bösen Dämonen zu befreien. Von Linda Blairs legendärer dämonischer Maske abgesehen besticht der mit zehn Oskars nominierte Film hauptsächlich durch seine dichte, unheimliche Atmosphäre. Statt großer Spezialeffekte wird vieles eher angedeutet als explizit gezeigt und somit der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen. Hierzu gehört vor allem eine Szene, in der berichtet wird, wie jemand erst kürzlich die Dachbodentreppe herunterfiel und sich dabei das Genick brach, während sich der Kopf um 180° drehte. Es reicht das Bild der Treppe und die explizite Beschreibung, um einen unangenehmen Gruseleffekt zu erzeugen. Eine direkte Umsetzung der Szene in Form einer Rückblende würde niemals denselben Effekt erreichen, da der Zuschauer sich das passende Schreckensbild im Kopf selbst zurechtlegt. Auch die ungewöhnlich steile Außentreppe des Hauses, die schon bei bloßer Betrachtung ein Herunterfallen nicht unwahrscheinlich macht, spricht für sich. Tatsächlich kommt Father Karras, gespielt von Jason Miller, am Ende auf diese Art ums Leben, nachdem er sich, vom Dämon besessen, aus dem Fenster gestürzt hat. Der Film spart allerdings auch nicht mit direkten Schockeffekten. Ein solcher Schockeffekt wird etwa dadurch erzielt, dass sich Father Karras ein Tonband mit unheimlich klingenden Stimmen anhört, die Kamera langsam bis zu einem Telefon zurückfährt, das daraufhin plötzlich schrill klingelt. Die Haupteffekte des Films liegen natürlich in den Exorzismusszenen, dem dämonischen Gesicht Regans, der 180°-Drehung des Kopfes und dem legendären „Spinnengang“, in dem Regan über Kopf rückwärts die Treppe heruntergekrabbelt kommt. Zu den Effekten gehört auch die bekannte Coverszene des Films, in der Father Merrin vor dem Haus steht und von dem dämonischen roten Licht aus dem Zimmer Regans angestrahlt wird.

Am Ende zeigt sich das Böse noch einmal in einem starken Kontrast: Nachdem die vom Teufel besessene Regan Father Merrin getötet hat, sitzt sie in einer Ecke und kichert fies. Daraufhin packt Father Karras den Dämon und bringt ihn dazu, in ihn zu fahren. Daraufhin stürzt Father Karras, in Anlehnung an die Erzählung von der besessenen Schweineherde aus dem Neuen Testament, aus dem Fenster und stirbt. Die vom Dämon befreite Regan beginnt daraufhin wie ein kleines Kind zu weinen und der Film ist zu Ende. „In Verbindung mit den damals unerhörten, derb-vulgären Äußerungen (…) war „Der Exorzist“ seinerzeit sicherlich das Nonplusultra für schockierendes Material. Heute wirkt die überzogene Besessenheit Regans leider etwas albern - das muss man einfach zugeben.“[15]

Peter Hyams Film End of Days handelt von den letzten Tagen der vergangenen Jahrtausendwende und beinhaltet die damit einhergehenden Weltuntergangsvorstellungen. Arnold Schwarzenegger spielt den innerlich wie äußerlich heruntergekommenen Polizisten Jericho Cane, der die schmerzvolle Vergangenheit um den Tod von Frau und Kind im Alkohol zu ertränken versucht. Mit der in weniger als 48 Stunden anstehenden Jahrtausendwende droht jedoch durch eine Wiederkehr des Teufels, gespielt von Gabriel Byrne, eine neue düstere Ära anzubrechen. Die mittlerweile 20jährige Christine York, gespielt von Robin Tunney, bei ihrer Geburt von einem Satanspriester mit Schlangenblut gemarkt und seitdem in der Obhut einer Teufelssekte, soll dem Teufel zu Silvester zur Zeugung des Antichristen dienen. Doch der Teufel hat seine Rechnung ohne Jericho Cane gemacht. Peter Hyams Film beinhaltet viele religiöse Motive, neben der Namensgebung der Protagonisten, gleich zu Beginn die Schlange, den zungenlosen aber sprechenden Propheten, der den menschlichen Wirtskörper umzubringen versucht, die unschuldige schutzbedürftige Jungfrau und den heruntergekommenen Sympathieträger Jericho, der am Ende heroisch sein Leben zum Schutz der Welt gibt und so seine eigene Seele rettet. Doch viele religiöse Aspekte machen noch keinen guten Film. Denn neben diesen religiösen Aspekten beinhaltet der Film viele Logikfehler, die ihn bei näherer Betrachtung doch sehr in seiner Qualität schmälern: Nach 2000 Jahren Wartezeit gibt es nur eine Frau mit namens Christine, die als Mutter des Antichristen in Frage kommt. Diese wächst zwar in der Obhut einer Teufelssekte auf, wird jedoch nur von einer älteren Frau bewacht, die dann mühelos überwältigt werden kann. Der Teufel erscheint als eine Witzfigur, die sich mit Kleinigkeiten aufhält, obwohl es um alles geht.

Statt zum Beispiel mit allen Mitteln Jericho aus dem Weg zu schaffen oder Christine in seine Gewalt zu bringen, werden erfolglose oder untreue Untergebene bestraft oder Frauen geschwängert. Als es in einem geheimen Treffpunkt zum Ritual kommen soll, kann sich Jericho mühelos Zugang verschaffen, da der alte blinde Torwächter ihn aufgrund des in ihm spürbaren Hasses passieren lässt. Das Ritual zu vereiteln fällt dann auch nicht weiter schwer: Die unzähligen Sektenanhänger stehen zunächst nur untätig herum und ergreifen bei den ersten Schüssen die Flucht, und das in direkter Anwesenheit des Teufels. Der Teufel lässt sich erneut schnell von seinem Vorhaben abbringen und Jericho kann Christine problemlos befreien. Statt dies zu vereiteln, belässt es der Teufel erneut bei der Bestrafung eines untreuen Anhängers. Jericho und Christine flüchten sich in eine Kirche, während Mitternacht und das Millennium immer näher rücken. Die Teufelsanhänger umstellen die Kirche, unternehmen jedoch keinen ernsthaften Versuch, in sie einzudringen. Statt sich jedoch deren Überzahl zu Nutze zu machen oder eine Tür zu öffnen, befällt der Teufel nun Jericho und versucht auf diese Weise an sein Ziel zu kommen. Doch Jericho, zu neuem Glauben gelangt, kann sich im letzten Moment gegen den inneren „Schweinehund“ durchsetzen und wirft sich in das Schwert einer Engelsfigur. Damit rettet er nicht nur die Welt, sondern auch noch seine eigene Seele. Kurz bevor er stirbt, erscheint ihm noch seine Familie, mit denen er nun im Leben nach dem Tod wieder vereint sein wird. Auch wenn sein ganzer Zustand eher den Eindruck einer starken Erkältung erweckt, schafft Arnold Schwarzenegger es weitgehend glaubwürdig, den innerlich toten Polizisten zu verkörpern. Seine Wahl der Rolle mag dabei mit seinem tatsächlich neu gewonnenen Gottesglauben nach einer schweren Operation zusammenhängen. Auch Gabriel Byrne liefert eine geniale Darstellung des Teufels ab, jedoch kann all das nicht über das sehr schwache Drehbuch hinwegtäuschen. Das Ende gipfelt in einem stark überkonstruierten Finale mit einer beispielhaft schlechten Computeranimation des Teufels, der aus dem Boden aufsteigt und in einem der vielen Löcher im Drehbuch und der Kirche zurück zur Hölle fährt. „Spätestens der explosive Showdown, in der endlich auch Gottes Kraft, die vorher konsequent ins Lächerliche gezogen wird, zum Kampfmittel avanciert, entschädigt für schwächere Momente.“[16]

In Tyler Hackforts Im Auftrag des Teufels spielt Keanu Reeves einen erfolgreichen Anwalt mit Namen Kevin Lomax, der keinen noch so aussichtslosen Prozess verlieren will. Nach seinem Freispruch bekommt er ein viel versprechendes Angebot von einer großen Anwaltskanzlei in New York. Sein neuer Chef John Milton, gespielt von Al Pacino, nimmt Kevin unter seine Fittiche und öffnet ihm die Türen zum ganz großen Erfolg.

Doch während Kevin beruflich immer weiter aufsteigt, droht seine Ehe langsam aber sicher zu zerbrechen. Geblendet vom Erfolg vernachlässigt er seine Frau, bis für beide jede Hilfe zu spät kommt. Jetzt erst offenbart sich, dass John Milton mehr ist, als zunächst angenommen. Tyler Hackfort hat mit seinem Film ein Meisterwerk par exellence geschaffen. Allem voran steht Al Pacino, der mit einer ihm anzusehenden Genüsslichkeit und einem „teuflisch“ guten Lachen den Satan wie einen Marionettenspieler verkörpert, der seine Opfer gnadenlos manipuliert und in die Enge treibt. Dabei ist er noch nicht einmal abgrundtief böse, sondern spielt lediglich mit den Charaktereigenschaften seiner Opfer, besonders mit der Eitelkeit des auf Karriere bedachten Kevin. An dieser Stelle wird der Film auch zu einem Spiegelbild der Gesellschaft, vorgeführt am puren Vergnügen an Alkohol und Sex. Auch sonst gelingt es Hackford, eine subtil abgründige Atmosphäre zu kreieren, die schon zu Beginn einen Schatten daraufhin wirft, dass es aus diesem Kreislauf kein Entrinnen gibt. Einen besonderen Clou hält Hackfort am Ende des Films bereit, wenn er sich des in Hollywood beinahe obligatorischen Happy Ends bedient und doch mit Al Pacinos unvergleichlichem Lachen einen finalen Haken schlägt. Denn so einfach ist der Teufel nicht zu besiegen und Eitelkeit ist immer noch die schönste Sünde.

In Harold Ramis Film Teuflisch zeigt sich der Teufel zur Abwechslung von seiner lustigsten und hübschesten Seite. Die Story ist denkbar einfach, das Verkaufen der Seele wird einmal ganz wörtlich genommen. Elliot Richards, gespielt von Brendan Fraser, ist hemmungslos verliebt in seine Traumfrau, hat jedoch keinerlei Chancen und würde sogar seine Seele verkaufen, um ihr Herz zu gewinnen. In seiner Verzweiflung schließt Elliot einen Pakt mit dem Teufel, gespielt von Elizabeth Hurley. Sie bietet Elliot im Tausch für seine Seele sieben Wünsche an, deren Umsetzung ihn mit seiner großen Liebe zusammenbringen sollen. Doch mit dem Teufel ist nicht zu spaßen und ohne Seele hat auch ein Traum keinen Bestand. Zu Beginn wird beinahe kein Klischee ausgelassen, um die Ausweglosigkeit der Situation darzustellen. Die ersten zwei oder drei Episoden über die Wünsche sind auch ganz nett und witzig, danach aber wird die Szenerie nur immer wiederholt, die Variationen verlieren an Witz und Innovation, werden voraussehbar und langweilig. Auch am Ende löst sich mit dem Happy End alles lediglich in Wohlgefallen auf. Elisabeth Hurley allerdings verkörpert den Teufel so erotisch authentisch, schnippisch und doch fies, dass es wirklich Spaß macht zuzusehen. Und teuflisch, wie sie dabei ist, lässt sie Elliot nicht einmal den Hauch einer Chance. Alles ist harmlos und kindgerecht, aber doch mit Pepp. Ansonsten bleibt die einzig relevante Aussage des Films, dass man seine Seele nicht verkaufen kann, weil sie einem nicht gehört.

2.3 „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ (Liber Al vel Legis): Der Satanismus als bleibende Gefahr der Gegenwart

Im Juni 2001 erschütterte ein grausamer Mord die Bundesrepublik Deutschland, der an einem damals 33jährigen Mann aus Witten verübt wurde und deren Täter sich zur satanistischen Szene zugehörig fühlten. Die zur Tatzeit 22jährige Manuela Ruda und ihr 25jähriger Ehemann Daniel Ruda gestanden bei ihrer Verurteilung vor dem Bochumer Landgericht im selben Jahr, den Arbeitskollegen von Daniel Ruda auf grausame Weise getötet zu haben. Die Obduktion der Leiche ergab, dass das Opfer durch 66 Stiche, u. a. ins Herz und durch Hammerschläge ums Leben kam. Manuela Ruda und ihr Ehemann zeigten während des Gerichtsverlaufs keinerlei Reue und erklärten, dass Satan persönlich ihnen den Auftrag dazu geben habe, den Mann zu töten. „Reue sei eine Beleidigung Satans“, so Daniel Ruda auf die Frage des Richters, ob er im Nachhinein Reue für die Tat empfinde.[17] Manuela Ruda gab weiterhin zu Protokoll, dass der Satan ihnen befohlen habe, am 6. Juli 2001 ein Opfer zu suchen und diesem nach erfolgter Tötung den Herzstich zu setzen. Dieser angeblichen Anweisung Satans folgte das Ehepaar und ritzte dem Opfer zusätzlich nach vollbrachter Tat ein Pentagramm in den Oberkörper. Das vom Bochumer Gericht in Auftrag gegebene psychologische Gutachten bestätigte bei Manuela Ruda eine stark ausgeprägte Persönlichkeitsstörung und ihrem Mann einen übertriebenen Narzissmus, indem es feststellte: „Manuela R. suchte einen Mann, der eine Aura des Schreckens verbreitet. Kein Weichei wie die anderen, die sich in ihrem Schatten bewegten. Daniel R. hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, d .h. er ist nur auf sich selbst fixiert. Der Angeklagte stellt langfristig eine Gefahr dar. Er könnte noch einmal so eine Tat begehen.“[18] Weiterhin stellte das Gutachten fest, dass es sich bei den Beweggründen von Manuela Ruda um einen Mix aus einer Sehnsucht nach Anerkennung, Selbstinzenierung und einer labilen Persönlichkeit, die in den Sog ihres satanistischen Umfeldes geriet, gehandelt hat.[19] Im Anschluss an dieses Gutachten verurteilte das Bochumer Landgericht die beiden Täter zu Haftstrafen von 13 bzw. 15 Jahren und ordnete die Einlieferung in eine geschlossene Psychiatrie an. Im Anschluss an die Verurteilung kam es zu einer Reihe von Nachahmungstaten und in der satanistischen Szene wurde Manuela Ruda schnell zu einer Kultfigur, der es nachzueifern gilt. Sie selbst versucht aus der Psychiatrie, andere von solch einer Tat abzuhalten, indem sie in Interviews deutlich macht, dass ihr die Tat sehr Leid tue.

Der grauenvoll begangene Mord des Ehepaares Ruda aus Witten im Jahr 2001 erweckte in Deutschland neue Ängste und Befürchtungen, wie weit der Satanismus auch heute noch Einfluss auf eine aufgeklärte Gesellschaft ausübt. Vielen Jugendlichen sind die Gefahren des Satanismus nicht oder wenig bekannt, da es sich als schwierig erweist, eine feste Definition darüber abzugeben, was der Satanismus überhaupt ist. Viele Menschen denken beim Begriff Satanismus zuerst an Teufelsanbetung, verwüstete Friedhöfe, Tieropfer und schwarze Messen. Doch der Satanismus hat viele Gesichter und es ist schwierig, eine kurze und zutreffende Definition für ihn zu finden. Die Vielfalt der satanistischen Richtungen versucht Professor G. Schmid dahingehend zu reduzieren, dass er den Satanismus in zwei Bereiche bzw. Richtungen einteilt und unterscheidet. Zum einen spricht er vom experimentellen oder hypothetischen Satanismus und meint damit, dass der Satanismus oft dazu benutzt werden kann, etwas anderes ausdrücken zu wollen. Die Person des Satans steht hier als eine Art Hypothese im Raum, deren konkrete Wirklichkeit nicht bewiesen werden kann. Der Satanismus wird als Rebellion der Jugendlichen gegen die heile Welt der Erwachsenen gesehen. Der Satanismus ist dabei nie Mittelpunkt, sondern eher Ausdruckmittel eines inneren Protestes gegen eine festgefahrene Lebensstruktur.[20] Demgegenüber betont Schmid den religiösen Satanismus als eine konkrete Weltdeutung, dessen Basis auf einem weltanschaulich-religiösen System beruht. Die Betreffenden versuchen oftmals; den Satanismus intellektuell und religiös dadurch zu fundieren, dass sie liturgische Riten und Anbetungsformen pflegen. Der eigentliche Gott ist jedoch nicht Satan, sondern der Mensch selbst. Ihn gilt es durch magische Rituale zu preisen und seinen Willen zu betonen. Der moderne Satanismus wird daher auch als Religion des eigenen Egos gesehen, deren wichtigster Vertreter und Gründer Alexander Edward Crowley ist. Der 1875 in England geborene Crowley zeigte sich bereits in seiner Kindheit als ein sehr eigenwilliges Kind, dessen Ruf sich auch in späteren Jahren als junger Erwachsener nicht verbesserte. Aufgrund des sehr autoritären Erziehungsstils seiner Eltern machte er schon früh Erfahrungen mit paranormalen Phänomenen, ritueller Magie und okkulten Praktiken. „In Kairo entdeckte er 1904 im ägyptischen Museum eine Stele des ägyptischen Gottes Horus, die die Museumsnummer 666 trug - für ihn eine Offenbarung. Im Anschluss verkündete er das Gesetz von Thelema, das ihm von dem Geistwesen Aiwass im Liber Al vel Legis diktiert worden sei, als Gesetz des neuen Äons.“[21]

Anschließend ging Crowley nach Europa, wo er einen spirituellen Orden übernahm, der sich überwiegend durch das Praktizieren von Sexualmagie auszeichnete, eine bevorzugte Vorliebe des als exzentrisch geltenden Crowley. Im Jahr 1920 zog sich Crowley mit seinen Anhängern nach Sizilien zurück; um dort eine Abtei nach dem Gesetz von Thelema zu gründen. „Es war ein Ort wilder Ausschweifungen, mit hohem theatralischem Aufwand inszenierter sexualmagischer Riten und heftiger Drogenexzesse. Als Crowley 1947 starb, bezeichnete ihn die Presse als verderbtesten Menschen der Welt.“[22] Sein Buch des Gesetzes (Liber Al vel Legis) zeichnet sich im Besonderen durch die Konzentration auf den eigenen Willen und die Vergöttlichung des Menschen aus. Im Folgenden gebe ich diese gesetzlichen Grundlagen des „Liber Al vel Legis“ und des religiösen Satanismus wieder, die sich interessanterweise konträr der christlichen Botschaft von Gottes- und Nächstenliebe lesen lassen: „Das Gesetz des Starken: Das ist unser Gesetz. Und die Freude der Welt. Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz. Du hast kein Recht als deinen eigenen Willen zu tun. Tue den, und kein anderer soll Nein sagen. Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern. Es gibt keinen Gott außer dem Menschen. Der Mensch hat das Recht, nach seinem eigenen Gesetz zu leben. Zu arbeiten wie er will, zu spielen wie er will, zu ruhen wie er will, zu sterben wann und wie er will. Der Mensch hat das Recht zu essen was er will, zu trinken was er will, zu wohnen wo er will, zu reisen auf dem Antlitz der Erde wie er will. Der Mensch hat das Recht zu denken was er will, zu sagen was er will, zu schreiben was er will, zu zeichnen, malen, schnitzen, ätzen, gestalten und bauen wie er will. Der Mensch hat das Recht zu lieben wie er will; auch erfüllet euch nach dem Willen in Liebe, wie ihr wollt, wann, wo und mit wem ihr wollt. Der Mensch hat das Recht all diejenigen zu töten, die ihm diese Rechte zu nehmen suchen. Die Sklaven sollen dienen. Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen!“[23] Dieses Gesetz von Thelema lässt sich mit einen kurzen prägnanten Satz wiedergeben: „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz.“ Dadurch wird deutlich, dass der Mensch und sein Wille zur Maxime allen Handelns erhoben werden und dass jede besondere Rücksicht auf andere Menschen als Schwäche zu sehen ist. Laut seiner Lehre von Thelema beruht die Welt auf dem Zusammenwirken dreier Wesenseinheiten: Nuit, Hadit und Ra-Hoor-Kuit, deren Namen Crowley von alten ägyptischen Göttern abgeleitet hat.[24] Durch seine komplizierte und magische Lehre und die starke Betonung des Satans als siegreicher Rebell wird Crowley von vielen Anhängern als Verkörperung des Antichristen angesehen. Vollkommen verarmt und drogenabhängig starb er 1947 in England.

Gehen wir einen Schritt weiter: Eine der bekanntesten satanistischen Glaubensgemeinschaften ist die 1966 von Anton Szandor La Vey in Kalifornien gegründete „Church of Satan“. Der 1930 in Oakland, USA, geborene La Vey brach mit 15 Jahren die Schule ab, um sich seiner Karriere als Löwenbändiger in einem Zirkus zu widmen. Anschließend arbeitete er als Polizeifotograf in San Francisco, bevor er dann mit 20 Jahren sein Interesse für esoterische Themen entdeckte und regelmäßig Diskussionsabende dazu veranstaltete. Durch diese Treffen und seine dabei veranstalteten schwarzen Rituale (das Verspeisen eines menschlichen, in Brandy gekochten Fußes) wurde er schnell im ganzen Land bekannt.[25] Dadurch, dass bekannte Filmstars aus Hollywood der Kirche Satans beitraten, errang sie innerhalb kürzester Zeit landesweit eine große Aufmerksamkeit. La Vey machte vor allem durch sein provokant gewähltes Auftreten und Aussehen auf sich aufmerksam und provozierte dadurch nicht nur von katholischer Seite erhebliche Proteste. Er trug eine Glatze, schwarze Schlitzaugen und einen dunklen, spitzen Bart. Bei seinem Kleidungsstil orientierte er sich bewusst an der Kleiderordnung von katholischen Priestern. Er trug einen schwarzen Kragen mit weißem Rand und wirkte so kopf abwärts wie ein Priester, kopf aufwärts aber wie der Teufel in Person. Da nach seiner Meinung Menschen Rituale und Symbole brauchen, um zu glauben, setzte er sich bei vielen seiner Rituale Hörner und Masken auf.[26] Seine neun satanischen Grundsätze sind in seinem Hauptwerk, der „Satanischen Bibel“, veröffentlicht und üben auch heute noch großen Einfluss auf satanisch interessierte Jugendliche aus. Sie geben kurze und prägnante Definitionen für eine Begriffsbestimmung des Satans ab: „1. Satan bedeutet Sinnesfreude anstatt Abstinenz! 2. Satan bedeutet Lebenskraft anstatt Hirngespinste! 3. Satan bedeutet unverfälschte Weisheit anstatt heuchlerischer Selbstbetrug! 4. Satan bedeutet Güte gegenüber denjenigen, die sie verdienen, anstatt Verschwendung von Liebe an Undankbare! 5. Satan bedeutet Rache anstatt Hinhalten der anderen Wange! 6. Satan bedeutet Verantwortung für die Verantwortungsbewussten anstatt Fürsorge für psychische Vampire! 7. Satan bedeutet, dass der Mensch lediglich ein Tier unter anderen Tieren ist, manchmal besser, häufig jedoch schlechter als die Vierbeiner, da er aufgrund seiner „göttlichen geistigen und intellektuellen Entwicklung“ zum bösartigsten aller Tiere geworden ist. 8. Satan bedeutet alle so genannten Sünden, denn sie alle führen zu psychischer, geistiger oder emotionaler Erfüllung! 9. Satan ist der beste Freund, den die Kirche jemals gehabt hat, denn er hat sie die ganzen Jahre über am Leben erhalten!“[27]

An diesen eben zitierten satanischen Grundsätzen lässt sich erkennen, dass der Satanismus wenig mit christlichen Grundhaltungen wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu tun hat. Er möchte eine Protesthaltung gegenüber den herrschenden weltlichen und religiösen Normen sein und versucht, vor allem durch die Durchführung von religiösen Ritualen Aufsehen zu erregen um so insbesondere junge Menschen in seinen Bann zu ziehen. Die satanischen Grundsätze lassen eine stark antichristliche und sozialdarwinistische Haltung erkennen, die nicht davor zurückschreckt, sadistische Handlungen, Tierquälereien, Blasphemie und menschenverachtende Praktiken zu verüben, um an ihr Ziel zu gelangen: Menschen an sich zu binden und sie gefügig zu machen. „Der moderne Satanismus ist keine fest strukturierte weltanschauliche oder religiöse Organisation, sondern ein Syndrom mit Einflüssen nihilistischer und freigeistiger Ideologien in Verbindung mit magischen, okkulten, fernöstlichen und sexuellen Vorstellungen. Dazu mischen sich noch sexuelle Perversitäten, Blasphemie und Hedonismus. Haben sich dazu vor etwas mehr als hundert Jahren streng hierarchische Orden gebildet, so haben diese an Einfluss verloren und es bildeten sich lockere und informelle Gruppen oder Einzelgänger, ähnlich wie beim New Age-Syndrom.“[28] Zu erkennen ist, dass der Satan in diesen religiösen Strömungen nicht mehr allein als Gegenspieler der Kirche angesehen wird, sondern selbst zum Gegenstand religiöser Hoffnungen der Menschen wird. Für die Anhänger des Satanismus ist der Mensch selbst Subjekt und Objekt seiner Triebe und Sehnsüchte. Satan wird in dieser Denkweise als Mittel zum Zweck gesehen. „Tatsächlich ist dann die Auswirkung des gelebten Satanismus jene Lebenseinstellung, in der sich das autonome Individuum egoistisch in den Mittelpunkt stellt und seine Gewaltphantasien auslebt.“[29] Eine besondere Zielgruppe des modernen Satanismus sind vor allem Menschen, die in der Gesellschaft bis jetzt zu kurz gekommen sind und deren soziales Milieu unter dem des normalen Durchschnitts liegt. Der Satanismus erweckt in ihnen eine Art Hoffnung, durch Gewalt und falsch verstandene religiöse Rituale zu Macht und Erfolg zu kommen. Vor allem orientierungslose Jugendliche sehen im Satanismus eine Art Freizeitbeschäftigung und Sinnstiftung. Dagegen finden Jugendliche, die sich in ihrem gesellschaftlichen Umfeld als Außenseiter wahrnehmen, im Satanismus einen Weg, sich gegenüber der Gesellschaft abzusondern und zu rebellieren. Die eigentlichen Jugendsatanisten finden sich jedoch in geheimen Gruppen zusammen, um mit Hilfe von geheimem Wissen Macht und Gewalt über andere auszuüben. Diese kriminelle Dynamik des Jugendsatanismus darf nicht vernachlässigt werden und muss strafrechtlich verfolgt werden.

3. Die dogmatischen Grundlagen für den Exorzismus

3.1 Die Frage nach dem Geheimnis des Bösen und den Ursprung des Teufels: Zu kirchlichen Lehrentscheidungen über den Teufel und die Besessenheit

Die Frage nach dem Geheimnis des Bösen beschäftigt die Theologen schon seit vielen Jahren und im Verlauf der Jahrhunderte wurde in der Person des Teufels immer mehr eine Antwort darin gefunden, warum und wie das Böse in der Welt zu erklären ist. Doch was ist eigentlich genau mit diesem Bösen gemeint und wie entwickelte sich die kirchliche Lehre vom Teufel und der Besessenheit? Das folgende Kapitel versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Mit Blick auf die vielen Kriege in der Welt, die wie vieles andere Leid auf Grund von starken Aggressionen und Aversionen der Menschen untereinander entstehen, ist eine Leugnung des Bösen als bestimmender Macht des menschlichen Handelns schwer zu übersehen. Wenn wir von einer abscheulichen und entsetzlichen Tat sprechen, die vom menschlichen Intellekt rational nicht erklärt werden kann, sprechen wir vom eminenten Bösen in der Welt, das sich jedem menschlichen Verständnis entzieht. „Es ist die schlechthin sinnlose und sinnwidrige, niemals und durch nichts zu rechtfertigende zerstörerische böse Tat, die auch bei einem noch so geweiteten Blick auf das Ganze nicht erklärt und akzeptiert werden kann.“[30] Dieses unfassbare und eminente Böse, z.B. die Ermordung eines unschuldigen Kindes, ist absolut sinnlos und unerklärbar und darf nicht heruntergespielt werden. Doch wie kann es das Böse in der Welt geben, wenn es gleichzeitig einen Gott gibt, der allmächtig, gerecht und von Grund auf gut ist? Für das mythische Denken war das Böse in der Welt ein Werk böser Götter, so wie andersherum das Gute in der Welt ein Werk guter Götter war. Platon war es, der betonte, dass von Gott nur Gutes kommen könne, da Gott selbst ja das Gute ist und dem Bösen mit seiner Macht gegenübersteht. Dadurch erlangte jedoch die Frage nach der Herkunft des Bösen eine neue Brisanz. Auch das monotheistische Denken Israels befasste sich mit dem Problem, wie Gott und das Böse zusammen gedacht werden können, ohne die Souveränität Gottes in Frage zu stellen.[31] Das Christentum förderte dann das Verständnis, dass alles Gute von Gott kommt, denn Gott wird verstanden als die Liebe selbst[32], der die Schöpfung aus Liebe und freiem Willen aus dem Nichts geschaffen hat. Wie kann nun das Böse in diesen liebenden Schöpfungsplan Gottes hinein gedacht werden? Kann das Böse allein vom Menschen kommen, wenn doch der Mensch als Abbild Gottes verstanden wird?

Marion Wagner gibt auf die Frage zur Herkunft des Bösen eine annähernde Antwort, indem sie drei mögliche Denkmodelle skizziert: das monistische Denkmodell, das dualistische Denkmodell und das personale Denkmodell.[33] Im Folgenden werden die wesentlichen Inhalte dieser drei Denkmodelle vorgestellt.

Das monistische Denkmodell sieht für die Wirklichkeit des Bösen nur eine letzte Ursache, aus der alles hervorgeht. Diese letzte Ursache unterscheidet sich aber vom christlichen Glauben dadurch, dass sie sich nicht auf Gott zurückführen lässt, sondern dass die Welt als eine Erscheinungsform des Unendlichen gesehen wird. In diesem Denkmodell wird die Welt nicht von Gott in Freiheit entlassen, sondern alles, was auf Erden passiert, ob Gutes oder Böses, steht mit Gott in einer ursächlichen Verbindung und kann auf ihn zurückgeführt werden. Dadurch trägt Gott ein doppeltes Gesicht, denn in ihm verbinden sich gleichzeitig gute wie böse Charakterzüge. „Er (Gott) ist für das Böse ebenso verantwortlich wie für das Gute. Das Böse ist die andere Seite Gottes. Das widerspricht dem biblischen Gottesbild, das im Unterschied zu den heidnischen Gottesvorstellungen, die ambivalent sind, die Eindeutigkeit Gottes betont.“[34] Durch viele neutestamentliche Schriften ist überliefert worden, dass Gott die Liebe ist, durch die das Böse für immer besiegt wurde.[35] Sollte dies nicht stimmen und Gott sogar mit dem Bösen in Verbindung gebracht werden, gäbe es für den Menschen keine Möglichkeit mehr, Gott bedingungslos zu vertrauen. Denn einem Gott mit zwei Gesichtern lässt nicht aus menschlicher Sicht schwer vertrauen. „Wenn Gott am Bösen nicht schuldlos ist, dann wird aus dem Wagnis des Glaubens, das auf das Zeugnis der Heiligen Schrift vertraut, für den Christen eine schlichte Torheit. Daher sind monistische Ansätze für die Theologie kein gangbarer Weg bei der Beantwortung der Frage nach dem Ursprung des Bösen.“[36]

Das dualistische Denkmodell vertritt die Existenz eines gottgleichen und ursprünglichen bösen Prinzips, das als Ursprung allen Bösen angesehen werden kann und Gott, dem Ursprung des Guten, gegenübersteht. So kann Gott von jeder Verantwortung für das böse freigesprochen werden. Dieses Denkmodell widerspricht dem christlichen Schöpfungsglauben, „der verkündet, dass die Welt in ihrem Ursprung eine ist, dass es nur einen Schöpfer aller Dinge gibt (…).“[37]

Auch in diesem dualistischen Denkmodell lässt sich schwer eine begründete christliche Hoffnung finden, da das Böse als gleichmächtiges Prinzip neben Gott als Ursprung alles Guten nicht besiegt werden kann.

Die Antwort des christlichen personalen Denkmodells auf die Frage nach der Herkunft des Bösen weist hingegen in drei Richtungen: auf die persönliche Sünde als Freiheitstat des Menschen, auf die überpersonale Sündenmacht der Erbsünde und auf den Teufel als das personale Böse.[38] Der Teufel war ursprünglich ein von Gott geschaffenes gutes Geschöpf und hat sich im Laufe der Zeit aus freiem Entschluss gegen Gott gewandt, um die Menschen gegen ihn aufzubringen.[39] Die Vorteile dieses Denkmodells gegenüber den beiden zuerst genannten liegen darin, dass es zum einen das Böse als Freiheitstat des endlichen Menschen sieht und so die Verantwortung für das Böse in der Welt nicht direkt Gott zuerkennt. Zum anderen wird in diesem personalen Denkmodell die Möglichkeit ausgeschlossen, dass es neben Gott ein zweites gleichursprüngliches Prinzip gibt. Gott wird verstanden als der Ursprung alles Guten, der alles aus Liebe geschaffen hat und der daher nicht der Ursprung des Bösen sein kann. Freilich stellen sich auch Fragen: Ist es noch angebracht, im Zusammenhang dieses personalen Denkmodells vom Teufel zu sprechen? Was oder wer ist überhaupt gemeint, wenn vom Teufel die Rede ist? Die Antworten auf diese Fragen weisen auf eine wichtige theologische Erkenntnis hin: „Obwohl der Mensch das Böse tut und für das Böse in der Welt verantwortlich ist, ist das Böse doch zugleich größer als der Mensch, denn es gibt immer wieder abgründig böse Taten, bei denen man nicht einfach glauben kann, dass äußeres Tun und innere Absicht übereinstimmen, die auch im Hinblick auf den Täter so unmenschlich und grausam erscheinen, dass sie nur als Nachgeben gegenüber einem größeren Bösen, aber nicht als personaler Akt des Täters gewertet werden können.“[40] Wie kann jedoch diese größere Macht des Bösen gedacht werden und welche Rolle nimmt die Person des Teufels in diesem Zusammenhang ein? Ist der Teufel überhaupt eine Person oder vielleicht doch eher eine mythische Vorstellung vergangener Zeiten? In diesen Fragen drückt sich das ernsthafte Verlangen aus, eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach der Herkunft des Bösen zu finden. Von Seiten des kirchlichen Lehramts wird zuerst auf der Synode von Braga (561-564) die Existenz eines personalen bösen Wesens bestätigt und dessen Verbindlichkeit hervorgehoben.[41]

[...]


[1] Siehe dazu PROBST, Manfred und Klemens Richter: Exorzismus oder Liturgie zur Befreiung vom Bösen. Münster: 2002. S. 10.

[2] Anmerkung: „Anna Lieser“ war der Deckname für Anneliese Michel.

[3] Siehe dazu CIC 1936 can. 1172: „Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.“

[4] Veröffentlicht in: http://www.oberpfalznetz.de/.../102/46/800211_tmb1.jpg.

[5] GOODMAN, Felicitas D.: Anneliese Michel und ihre Dämonen. Stein am Rhein: 1987. S. 121f.

[6] POTZEL, Dieter: Zeitschrift „Der Theologe“. Ausgabe Nr. 9: Todesfalle Kirche - Warum musste Anneliese Michel sterben? Wertheim: 2004. zit. nach http://www.theologe.de/theologe9.htm. Fassung vom 12.7.2006.

[7] GOODMAN, Felicitas D.: Anneliese Michel und ihre Dämonen. Stein am Rhein: 1987. S. 35.

[8] Zur Vertiefung der medizinischen Hintergründe von A. Michels Krankheit siehe: NIEMANN, Ulrich und WAGNER, Marion (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 111ff. oder http://de.wikipedia.org/wiki/Anneliese_Michel.

[9] GOODMAN, Felicitas D.: Anneliese Michel und ihre Dämonen. Stein am Rhein: 1987. S. 51f.

[10] NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 66.

[11] PARIS, André: Unreiner Geist, weiche! http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2003/05/31/a0360. Fassung vom 31.5.2003.

[12] Siehe ebd.

[13] PROBST, Manfred und Klemens Richter: Exorzismus oder Liturgie zur Befreiung vom Bösen. Münster: 2002. S. 54.

[14] NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 67.

[15] Siehe dazu http://www.filmspiegel.de/filme/exorzistder/exorzistder_1.php

[16] Siehe dazu http://www.filmspiegel.de/filme/endofdays-nachohne morgen/endofdays-nachtohnemorgen_1.php

[17] Vgl. dazu die Berichterstattung zum Fall unter http://www.kriminalportal.de/thema/index_46951.cfm

[18] Zitiert nach ebd.

[19] Vgl. dazu http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,3921088,00.html

[20] Siehe dazu LAMPRECHT, Harald: Satanismus-Sympathie mit dem Bösen. In: Konfessionskundliche Mitteilungen und Informationen. Themenheft 1. Dresden: 2001. S. 4.

[21] Vgl. dazu ebd. S. 16.

[22] Siehe dazu LAMPRECHT, Harald: Satanismus-Sympathie mit dem Bösen. In: Konfessionskundliche Mitteilungen und Informationen. Themenheft 1. Dresden: 2001. S. 17.

[23] Ebd. S. 17.

[24] Vgl. dazu POETKE, Jan: Satanismus. Veröffentlicht unter http://www.sekten-sachsen.de/satan-poethke.htm

[25] Vgl. dazu POETKE, Jan: Satanismus. Veröffentlicht unter http://www.sekten-sachsen.de/satan-poethke.htm

[26] Vgl. dazu ebd.

[27] Siehe dazu LAMPRECHT, Harald: Satanismus-Sympathie mit dem Bösen. In: Konfessionskundliche Mitteilungen und Informationen. Themenheft 1. Dresden: 2001. S. 19.

[28] Vgl. dazu PITZINGER, Peter: Jugendsatanismus - zwischen Überbewertung und Verharmlosung. Veröffentlicht unter http://www.stjosef.at/artikel/pitzinger_jugendsatanismus.htm

[29] Vgl. dazu ebd.

[30] NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 33.

[31] Siehe dazu Kapitel 4.1 Zur Entwicklung der Satansfigur im Alten Testament.

[32] 1. Johannes 4,6.

[33] Vgl. dazu NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 35ff.

[34] NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 36.

[35] 1. Johannes 1,5b.

[36] Vgl. dazu NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 36.

[37] Siehe ebd. S. 36.

[38] Vgl. dazu ebd. S. 37.

[39] Siehe dazu Kapitel 4.1 Zur Entwicklung der Satansfigur im Alten Testament.

[40] NIEMANN, Ulrich und Marion Wagner (Hg.): Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen. Regensburg: 2005. S. 38.

[41] Siehe dazu ebd. S. 39.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Der Exorzismus - Lästiges Überbleibsel einer vergangenen Zeit oder genuin christliche Liturgie?
Hochschule
Universität Paderborn  (Theologische Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
88
Katalognummer
V94025
ISBN (eBook)
9783638069328
ISBN (Buch)
9783638955249
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exorzismus, Lästiges, Zeit, Liturgie
Arbeit zitieren
Hans-Bodo Markus (Autor), 2008, Der Exorzismus - Lästiges Überbleibsel einer vergangenen Zeit oder genuin christliche Liturgie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94025

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