Hitlers Rezeption der Novemberrevolution in den Jahren 1919-1923


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
26 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Hitler in den Jahren 1918-1923

2. Hitler und die Novemberrevolution

3. Hitlers Rezeption der Novemberrevolution
3. 1. Grundlinien der Rezeption
3. 2. Hitlers Revolutionsverständnis
3. 3. Funktion der Rezeption

4. Schluss

Anhang
Quellen- und Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Adolf Hitler ist eine der meistuntersuchten historischen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Über kaum eine andere Person ist soviel nachgedacht, diskutiert und geschrieben worden. Manche sehen in ihm die einflussreichste Person seiner Zeit. Andere versuchen seine Bedeutung zu relativieren, ihn in eine Reihe mit anderen mächtigen Männern zu stellen. Wie man diese Frage letztlich beantwortet, soll nicht Thema dieser Arbeit sein. Ihre Beantwortung hängt vom Blickwinkel des jeweiligen Betrachters ab, auch davon wie man Begriffe wie „historische Größe“ oder „persönliche Macht“ definiert.

Eine vorurteilsfreie Beschäftigung mit Hitler fällt schwer. Denn Schlagworte wie „Diktator“, „Kriegstreiber“ und „Massenmörder“ sind tief in das Bewusstsein der meisten Menschen eingeprägt und das wegen der ungeheuren Verbrechen gegen Menschen, für die er verantwortlich ist, beileibe nicht zu Unrecht. Eine wirklich objektive Auseinandersetzung wird dadurch wahrscheinlich unmöglich.

Selbst wenn man in die Frühphase von Hitlers politischer Laufbahn untersucht, sind die Schreckensvisionen „2. Weltkrieg“ und „Holocaust“ nicht vollkommen zu verdrängen. Dennoch lohnt sich der Versuch einer nüchternen Auseinandersetzung, weil man dem Politiker Hitler somit auf die Spur kommt und erahnen kann, unter welchen Voraussetzungen er seine spätere Macht und Zerstörungsgewalt entwickeln konnte.

Eine wichtige Voraussetzung für Hitlers Entwicklung war zweifelsohne die Novemberrevolution, die er als verwundeter Weltkriegssoldat erlebte. In der Frühphase seiner politischen Karriere 1919-1923 war sie eines der Hauptthemen seiner Reden und Publikationen. Ebendiese Rezeption der Revolution bis 1923 soll der Gegenstand dieser Arbeit sein. Der gescheiterte Putsch im November 1923 schließt diese Frühphase ab und soll auch unserer Untersuchung er als zeitliche Grenze dienen.

Ein kurzer biographischer Abriss der Jahre 1918-1923 im ersten Kapitel soll das Verständnis der Rezeption erleichtern. Ein Überblick über Beiträge der Forschung zu dem von uns behandelten Thema wird im zweiten Kapitel geliefert.

Den Kern der Arbeit wird eine ausführliche Darstellung und Interpretation der Rezeption im dritten Kapitel bilden.

Das Hauptaugenmerk der Interpretation wird darauf liegen, welche Haltung Hitler zur Revolution einnimmt. Steckt hinter der vordergründigen Ablehnung der Novemberereignisse vielleicht doch ein ambivalentes Verhältnis? Inwiefern war die Novemberrevolution konstitutiv für den persönlichen Aufstieg Hitlers und das Emporkommen der Nationalsozialisten? Ferner soll uns beschäftigen, warum Hitler mit seiner Rezeption der Revolution so gut ankam.

1. Hitler in den Jahren 1918-23

Die Jahre 1918 bis 1923 waren für Deutschland und die Deutschen eine bewegte Zeit. Die Monarchie überlebte den 1. Weltkrieg nicht und musste Platz machen für eine demokratische Republik. Die Siegermächte des Weltkriegs zwangen den Deutschen im Pariser Vorort Versailles einen Friedensvertrag auf, der von einem großen Teil der deutschen Öffentlichkeit als unangemessen und ungerecht empfunden wurde. Eine verfehlte Geldpolitik führte zu einer aberwitzigen Inflation, die dem Kleinbürgertum in Mark und Bein ging. Besonders bedrohlich aber war, dass wichtige Gruppen an den politischen Rändern der Republik und darüber hinaus ihre Unterstützung versagten und gegen sie agitierten und revoltierten. Die neue Staatsform konnte sich nur schwer konsolidieren, auch weil viele Menschen in ihr keinen begrüßenswerten Fortschritt sahen. Die Deutschen waren eher verwirrt und wähnten sich auf dem absteigendem Ast.

Es gab nur wenige Gewinner, Menschen, für die jene Jahre ein Aufstieg bedeutete. Einer dieser Aufsteiger war zweifelsohne Adolf Hitler, der 1918 noch ein unbekannter Soldat war, 1923 indes schon ein bekannter Politiker mit beachtlichen Anhang und ernstzunehmender Machtbasis.

Ausgangspunkt für diese ungewöhnliche Karriere war in gewisser Hinsicht die Novemberrevolution 1918. Hitler weilte, als sich die Ereignisse Anfang November 1918 im ganzen Deutschen Reich überstützten, im pommerschen Pasewalk.[1] Während er dort eine Gasverletzung auskurierte, die er sich im Felde zugezogen hatte, erreichte ihn die Nachricht von den revolutionären Verhältnissen in vielen deutschen Städten. Auf seine Reaktion auf diese Entwicklung soll an späterer Stelle näher eingegangen werden. Vorab sei nur soviel erwähnt: Hitler wurde durch die Revolution auf besondere Weise beeindruckt.

Noch im November ging Hitler zurück in seine alte Wahlheimat München. Er blieb im Sold der Reichswehr und wurde nach einigen Monaten sogar mit speziellen Aufgaben betraut. Durch seine besonderen rhetorischen Fähigkeiten hatte er auf sich aufmerksam gemacht. Seine Vorgesetzen beauftragten ihn mit der politischen Schulung von Frontheimkehrern und – was für seinen weiteren Weg viel bedeutsamer sein sollte – schickten ihn als Beobachter zu Parteiveranstaltungen in München.[2]

München war nach dem November 1918 von heftigen politischen Turbulenzen heimgesucht worden.[3] Die von Kurt Eisner angeführte Revolutionsregierung konnte nie für Stabilität in Bayern sorgen. Zu schweren Übergriffen von links und rechts kam es nach der Ermordung Eisners durch einen rechten Aristokraten. Eine in der Folgezeit errichte Räterepublik konnte sich nicht lange halten und wurde von brutal vorgehenden Freikorps, die von Verbänden der Reichswehr unterstützt wurden, Mitte 1919 hinweggefegt.

Hitler blieb von dieser Situation natürlich nicht unberührt. Wie er sich verhielt, werden wir im folgenden Kapitel genauer betrachten.

Zurück zur Beobachtertätigkeit des Gefreiten Hitler. Bei einer Mission kam er mit der von Anton Drexler gegründeten Deutschen Arbeiter Partei (DAP) in Kontakt. Man trug Hitler die Mitgliedschaft an und er engagierte sich fortan für jene Splitterpartei.[4] Er trieb rasch den Ausbau der Strukturen der DAP voran, die zum Zeitpunkt seines Eintritts mehr ein politischer Verein mit Stammtischcharakter denn eine wirkliche Partei gewesen war. Aufmerksamkeit verschaffte Hitler sich und seiner Partei, die sich ab März 1920 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) nannte, durch brillante, von Agitation geprägte Auftritte als Redner.

Als die junge Republik, ausgelöst durch den Kapp-Putsch im März 1921 und den kommunistischen Aufstand an Rhein und Ruhr, im Chaos zu versinken drohte, konnte sich die NSDAP der neuen bayrischen Rechtsregierung als verlässliche Partner im Kampf gegen die Linke andienen.[5] Mitte 1921 war die Partei bereits auf eine beachtliche Größe angewachsen. Allein in ihrer Gründungsstadt München zählte sie 2500 ordentliche Mitglieder und etwa 45000 Anhänger.[6]

Die Vergrößerung der Partei verlief nicht ohne Probleme. Im Juli 1921 trat Hitler sogar aus der Partei aus und reagierte damit auf Streitigkeiten, die sich bei Beitrittsverhandlungen mit konkurrienden völkischen Parteien, vor allem mit der Deutschsozialistischen Partei, ergeben hatten. Er setzte die NSDAP damit unter einen enormen Druck, drohte sie doch einen charismatischen Redner und begabte Organisator zu verlieren. Aus der ‚Sommerkrise’ ging Hitler als eindeutiger Sieger hervor. Die Partei entlohnte ihm den Wiedereintritt mit der Wahl zum 1. Vorsitzenden, der mit diktatorischen Kompetenzen ausgestattet war.[7] Fest kommentiert diesen Vorgang mit den Worten: „Die NSDAP war in seiner Hand.“[8]

Dankbar griff der neue Parteiführer die nächste Krise der Weimarer Republik auf: die galoppierende Inflation.[9] Vor allem das Kleinbürgertum erlitt durch die Geldentwertung großen Schaden. Der finanzielle Bankrott war das eine, auf der anderen Seite entwickelte sich ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Republik. Viele zweifelten, ob der Staat und seine demokratisch gewählten Repräsentanten wirklich das Wohl der Bürger im Sinn hatten. Geschickt griff Hitler die vorherrschende Frustration in seinen Reden auf. Sein Populismus zahlte sich aus: die NSDAP gewann neue Sympathisanten, ihr Mitgliederzuwachs setzte sich mit beeindruckendem Tempo fort.[10]

Ganz und gar unpopulär indes war Hitlers Haltung während der Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen ab Anfang 1923. Anders als die übrigen politischen Kräfte Deutschlands gliederte er sich nicht in die Reihe derjenigen ein, die zum passiven Widerstand gegen die Besatzungsmacht Frankreich aufriefen. Hitler scheute, dem nationalen Konsens beizutreten, zumal sein Verhältnis zur Staatsgewalt äußerst ambivalent war.[11] In München hatte die SA sich zwar gerne als ‚Hüter von Recht und Ordnung’, als Schutzmacht gegen Links aufgespielt, in Wirklichkeit jedoch empfand er tiefe Verachtung für die amtierende Regierung in Berlin. Die ‚Novemberverbrecher’ – eine Hetzwort, auf das wir später noch genauer eingehen werden – wollte er nicht unterstützen, sondern bekämpfen.[12]

Zum Kampf kam es schließlich im Herbst 1923. Fünf Jahre nach der Novemberrevolution, fünf Jahre nach Kriegsende wagte Hitler die Kraftprobe mit den staatlichen Autoritäten und scheiterte. In München initiierte er am 8. November einen Putsch, welcher der Startschuss für einen ‚Marsch nach Berlin’ sein sollte.[13] Doch schon an der ersten Wegeskreuzung kam der ‚Marsch’ zum Stillstand. Am 9. November trieb die Münchner Polizei die Putschisten vor der Feldherrnhalle auseinander und setzte dem Spuk ein Ende.[14]

Damit war die Frühphase von Adolf Hitlers politischer Karriere beendet. Ihr Epilog fand ab dem 24. Februar 1924 vor dem Münchner Volksgericht statt, wo er in einem Hochverratsprozess zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt wurde, von denen er aber nur ein knappes Jahr verbüßen musste. Ende 1924 war Hitler wieder auf freiem Fuß.[15]

Wie wir eben erfahren haben, erlebte Hitler die Novemberrevolution in Pasewalk und ging bald darauf ins unruhige München. Welche Bedeutung die Revolution für ihn hatte, soll anhand von Forschungsergebnissen aus den letzten vier Jahrzehnten diskutiert werden.

2. Hitler und die Novemberrevolution

Hitler selbst hat Zeugnis darüber abgelegt, wie er die Ereignisse des November 1918 erlebt und welche Bedeutung er ihnen für seine politische Entwicklung beigemessen hat. Sein Bericht stammt jedoch aus ‚Mein Kampf’, also aus einer Quelle, die nicht während des von uns behandelten Zeitraums 1918 bis 1923, sondern später verfasst wurde. Dennoch wollen wir uns den relevanten Passagen kurz zuwenden, geben sie uns doch erste Anhaltspunkte:

„Seit dem Tage, da ich am Grabe der Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint. [...] Nun aber konnte ich nicht mehr anders. [...] Es war also alles umsonst gewesen. [...] Geschah dies alles dafür, dass nun ein Haufen elender Verbrecher die Hand an das Vaterland zu legen vermochte? [...]

[...]


[1] Vgl. Joachim Fest, Hitler. Eine Biographie. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1973. 114.

[2] Vgl. ebd. 167f.

[3] Vgl. ebd. 155ff.

[4] Vgl. ebd. 171ff.

[5] Vgl. ebd. 195.

[6] Vgl. ebd. 202.

[7] Vgl. ebd. 205f.

[8] Ebd. 207.

[9] Vgl. ebd. 215.

[10] Vgl. ebd. 223.

[11] Vgl. ebd. 237f.

[12] Vgl. ebd. 238.

[13] Vgl. ebd. 260ff.

[14] Vgl. ebd. 268ff.

[15] Vgl. ebd. 311.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Hitlers Rezeption der Novemberrevolution in den Jahren 1919-1923
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Vor- und Frühgeschichte der Weimarer Republik
Note
gut
Autor
Jahr
2000
Seiten
26
Katalognummer
V9406
ISBN (eBook)
9783638161213
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitler, Novemberrevolution, Weimarer Republik, NSDAP, Hitlerputsch
Arbeit zitieren
Thorsten Heckmann (Autor), 2000, Hitlers Rezeption der Novemberrevolution in den Jahren 1919-1923, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9406

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