Der Gedanke eines Topos-orientierten Unterrichtes basiert auf der Lebenswelt-Thematik der Phänomenologie. Diese wird auf Grundlage von Husserls und Waldenfels' Betrachtungen in dieser Arbeit kurz dargestellt. Daran anschließend wird der Topos-Begriff anhand alltäglicher Erfahrungen erläutert. Das Lebenswelt-Konzept mit den in ihr verankerten Topoi wird nun auf die schulische Pädagogik und speziell auf die Musikpädagogik und vergleichend auf die Religionspädagogik übertragen. Diese Darstellung ist pädagogisch-praktisch ausgerichtet und verzichtet auf Kritik zur lebensweltlichen Pädagogik. Schließlich wird über Verhaltensmöglichkeiten des Lehrers nachgedacht, die sich der Lebensweltthematik anpassen und so den Unterricht konstruktiv bereichern können.
Da das Unterrichtskonzept interdisziplinär – Musik und Religion – ausgelegt ist, wird kurz das Zusammenspiel und Wechselspiel dieser beiden Fächer im Unterricht beleuchtet. Anschließend wird der Topos Sehnsucht, der dem Unterrichtskonzept zugrunde liegt, philosophisch und psychologisch beschrieben und seine Verankerung im Alltag und in der Theologie dargestellt. Dies dient als Basis für die im Folgenden vorgestellten Unterrichtsbeispiele zum Thema Sehnsucht, die in der christlichen Religion und Musik ihren Sitz haben: Vier Texte aus der Bibel und zwei musikalische Beispiele aus unterschiedlichen Epochen. Die ausführliche Beschreibung der Unterrichtsbeispiele dient als Hintergrundwissen und Orientierung für den Unterricht, wobei nicht erwartet wird, dass die SchülerInnen zu denselben Ergebnissen kommen.
Es folgt das Unterrichtskonzept mit zusätzlich zwei Unterrichtseinstiegen aus der Lebenswelt der SchülerInnen und als Abschluss ein Worship-Song. Im Konzept werden die Reihenfolge und die Unterrichtsmethoden vorgeschlagen.
1 Einleitung
2 Topos-Didaktik als lebensweltorientierter Unterricht
2.1 Lebenswelt in der Phänomenologie
2.2 Topoi als alltägliche Erfahrungen
2.3 Lebenswelt in der schulischen Pädagogik
2.3.1 Topos-Didaktik in der Musikpädagogik
2.3.2 Lebenswelt und Symboldidaktik in der Religionspädagogik
2.3.3 Die Rolle des Lehrers
3 Der Topos „Sehnsucht“ im interdisziplinären Unterricht
3.1 Das Zusammenspiel von Musik und Religion im Unterricht
3.2 Aspekte der Sehnsucht
3.2.1 Begriffliche Annäherung
3.2.2 Sehnsucht im Alltag
3.2.3 Sehnsucht in der Theologie
3.3 Sehnsucht – Beispiele für die Unterrichtsgestaltung in der Sek I
3.3.1 Religiöse Sehnsucht
3.3.2 Sehnsucht als musikalischer Ausdruck
4 Unterrichtskonzept für einen Unterrichtstag in der Sek I
4.1 Vorüberlegungen
4.2 Unterrichtseinstiege aus dem Alltag
4.2.1 So soll es bleiben (Ich und Ich)
4.2.2 Spiegel Nerhegeb (aus: Harry Potter)
4.3 Sehnsucht in Religion und Musik
4.3.1 Sehnsucht (Sachs)
4.3.2 Psalmen
4.3.3 Wie lieblich sind deine Wohnungen (J. Brahms)
4.3.4 Seligpreisungen
4.3.5 Liebster Jesu, mein Verlangen (J. S. Bach)
4.4 Abschluss
4.4.1 Zusammenfassung
4.4.2 As The Deer
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit entwickelt ein interdisziplinäres Unterrichtskonzept für die Sekundarstufe I, das den Begriff der „Sehnsucht“ als zentralen „Topos“ nutzt, um eine Brücke zwischen der Lebenswelt der Jugendlichen und religiös-musikalischer Bildung zu schlagen. Ziel ist es, durch die Verknüpfung von Alltagserfahrungen, biblischen Texten und musikalischer Analyse ein tiefgründiges Verständnis für existenzielle Fragen und spirituelle Dimensionen zu fördern.
- Lebensweltorientierte Didaktik (Topos-Didaktik) in Musik und Religion.
- Philosophische und theologische Analyse des Sehnsuchtsbegriffs.
- Didaktische Aufbereitung von Psalmen und Seligpreisungen als Ausdruck menschlicher Sehnsucht.
- Musikalische Analyse von Werken (J. Brahms, J. S. Bach) als Ausdruck von Sehnsucht und Spiritualität.
- Konkretes Unterrichtsmodell mit handlungsorientierten Einstiegen und ästhetischen Praxisphasen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Begriffliche Annäherung
Der Begriff „Sehnsucht“ meint im Mittelhochdeutschen ein „schmachtendes verlangen“ oder die „krankheit des schmerzlichen verlangens“. Etwas später wird „Sehnsucht“ als „ein hoher grad eines heftigen und oft schmerzlichen verlangens nach etwas, besonders wenn man keine hoffnung hat das verlangte zu erlangen, oder wenn die erlangung ungewisz, noch entfernt ist“ beschrieben.83
Während Kant Sehnsucht als „der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können“ allgemein definiert, bezieht sich bei Schiller die Sehnsucht konkret auf die Natur: „eine S. nach ihrer Glückseligkeit, eine S. nach ihrer Vollkommenheit“. Dieses Unerreichbare ist bei Goethe Bedingung der Sehnsucht: „die wahre S. [darf] nur auf ein Unerreichbares gerichtet sein“.
Das Gefühl der Sehnsucht beschreibt Wilhelm als „bittersüß“.85 Die Bittersüße kann aber zunehmend an Süße verlieren: „Wächst die Sehnsucht, fühlt das Selbst sich im Innersten bis zum Zerreißen gespannt.“86 Die Gegenwart wird als unvollkommen erlebt und ein mitunter früher erlebter optimaler Zustand imaginiert. Daher sind die Emotionen hinter der Sehnsucht ambivalent: „In der Sehnsucht vereinen sich positive Gefühle in Form der erstrebenswerten Objekte und Zustände und negative Gefühle, weil das Ersehnte nicht realisierbar ist oder als nicht realisierbar erscheint. Beides erzeugt die typische 'bittere Süße'“.87 Sehnsucht entsteht „selbsttätig“, sie „treibt einen aus sich heraus und über sich hinaus. Sehnsucht setzt Menschen in Bewegung.“ Ihre Intensität bezieht sie „aus der Spannung und der Spannweite zwischen dem Sehnenden und dem Ersehnten“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung des Ansatzes, Sehnsucht als lebensweltorientierten Topos für den interdisziplinären Musik- und Religionsunterricht zu nutzen.
2 Topos-Didaktik als lebensweltorientierter Unterricht: Theoretische Herleitung des Lebenswelt-Konzepts aus der Phänomenologie und Übertragung auf die pädagogische Praxis in Musik und Religion.
3 Der Topos „Sehnsucht“ im interdisziplinären Unterricht: Analyse der Sehnsucht aus philosophischer, psychologischer und theologischer Sicht sowie deren Bedeutung für die Unterrichtsgestaltung.
4 Unterrichtskonzept für einen Unterrichtstag in der Sek I: Detaillierte Planung für einen Schultag, der Alltag, Literatur, Musik und Religion in einem handlungsorientierten Konzept verbindet.
5 Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung der Topos-Didaktik und die Notwendigkeit methodischer Vielfalt für einen authentischen Unterricht.
Schlüsselwörter
Sehnsucht, Lebenswelt, Topos-Didaktik, Musikpädagogik, Religionspädagogik, Interdisziplinarität, Phänomenologie, Spiritualität, Musik, Religion, Unterrichtskonzept, Sekundarstufe I, Symboldidaktik, existentielle Erfahrung, Transzendenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit entwickelt ein didaktisches Konzept, das den Begriff der „Sehnsucht“ als verbindendes Element nutzt, um Musik und Religion im Unterricht der Sekundarstufe I interdisziplinär zu verknüpfen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der phänomenologischen Lebenswelt-Theorie, der Interpretation von Sehnsucht als menschliche Grunderfahrung und der praktischen Anwendung in Form von Unterrichtsbeispielen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch lebensweltnahe „Topoi“ ein tieferer Zugang zu religiösen und musikalischen Inhalten geschaffen werden kann, um SchülerInnen in ihrer Identitätsbildung zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer phänomenologischen Perspektive, die Erkenntnisse aus der Musik- und Religionspädagogik integriert, um ein handlungsorientiertes, lebensweltorientiertes Unterrichtsmodell zu begründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Topos-Didaktik, eine Analyse des Topos Sehnsucht und ein konkretes Unterrichtskonzept, das biblische Texte und Musikwerke zur Erschließung nutzt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Lebensweltorientierung, Interdisziplinarität, Sehnsucht, Musik- und Religionspädagogik sowie handlungsorientiertes Lernen.
Warum wird Nelly Sachs als Einstieg verwendet?
Das Gedicht von Nelly Sachs dient als Brücke, da es sowohl die alltägliche Sehnsucht der Menschen thematisiert als auch einen Übergang zur religiösen Suche nach Gott ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Musik von J. S. Bach im Konzept?
Bachkantaten dienen als Beispiel für barocke Musik, deren Symbolreichtum es ermöglicht, affektive Zustände wie Sehnsucht und Verlangen im Unterricht anschaulich zu machen.
- Arbeit zitieren
- Janine Müller (Autor:in), 2011, Der Topos "Sehnsucht" im Spannungsbogen zwischen Religion und Musik. Perspektiven für einen interdisziplinären Musikunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/940691