Die Unbegreiflichkeit Gottes in der Theologie Karl Rahners


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die scholastische Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes

2. Kritik Rahners an der scholastischen Lehre der Unbegreiflichkeit Gottes
2.1. Kritik am Primat des theoretischen Begreifenwollens
2.2. Unbegreiflichkeit Gottes und freie Willensdekrete Gottes

3. Aspekte der Unbegreiflichkeit Gottes nach Karl Rahner
3.1. Karl Rahners Verständnis von Geheimnis
3.1.1. Gott, das heilige, namenlose, unverfügbare und unbegreifliche Geheimnis
3.1.2. Der Mensch vor dem bleibenden Geheimnis Gottes
3.2. Unbegreiflichkeit Gottes und Offenbarung
3.3. Unbegreiflichkeit Gottes in der Schau

4. Bedeutung der Unbegreiflichkeit Gottes für die Theologie Karl Rahners

Literaturverzeichnis

Einleitung

Jeder Mensch trägt ein bestimmtes Bild von Gott in sich, das dieser aus seinem Umfeld, seinen Beziehungen und religiösen Prägungen übernommen hat. Diese Vorstellungen erfährt der Mensch als prägend für sein eigenes Leben, wobei diese Bilder lediglich einen unbeholfenen und nicht erschöpfenden Versuch des Menschen darstellen, eine klare Definition für Gott und seine Eigenschaften zu finden1, da „Gott über alles, was außer ihm ist und gedacht werden kann, unaussprechlich erhaben ist2. Für Karl Rahner ist diese Aussage des Ersten Vatikanums der einzige legitime Zugang, der es ermöglicht, „Gott […] denken und von ihm reden zu können, [um] der Wirklichkeit, auf die das Wort Gott verweist, [zu entsprechen].“3 Mit dieser Auffassung wird die Lehrmeinung katholischer Theologen, dass die Unbegreiflichkeit Gottes lediglich „ eine unter anderen ‚Eigenschaften‘ Gottes ist“4, kritisch hinterfragt, da Rahner die „Unbegreiflichkeit [Gottes] nicht als eine Eigenschaft Gottes [unter] anderen, sondern [als] Eigenschaft seiner Eigenschaften versteht.“5 Vor dem Hintergrund dieser Aussagen Karl Rahners, hat die vorliegende Arbeit zum Ziel, einen Einblick in seine Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes, zu geben. Zu Beginn soll die kirchliche Lehrauffassung von der Unbegreiflichkeit Gottes bzw. Verborgenheit Gottes im Lichte der sogenannten Schultheologie näher beleuchtet werden, bevor diese in einem weiteren Kapitel den kritischen Anfragen Rahners an diese Lehre gegenübergestellt werden soll. Im dritten Kapitel wird schließlich der Versuch Karl Rahners, eine Synthese zwischen den Aussagen der traditionellen kirchlichen Lehre und seinen eigenen Überlegungen zur Unbegreiflichkeit Gottes zu ziehen, dargestellt. In diesem Hauptteil wird besonders auf die anthropologische Theologie Rahners im Hinblick auf die Beziehung zwischen Gott als bleibend unbegreiflichem Geheimnis und dem Menschen als Geheimnis Gottes, sowie offenbarungstheoretische Überlegungen Rahners, sowie Aspekte der Unbegreiflichkeit Gottes eingegangen. Im Anschluss erfolgt eine Einordnung dieser Eigenschaft in Bezug auf die Schau Gottes in der visio beatifica. In einem abschließenden vierten Kapitel soll schließlich der Versuch unternommen werden, die Bedeutung der Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes für die Theologie Karl Rahners, aufzuzeigen, sowie eine Zusammenfassung, der aus der vorliegenden Arbeit gewonnenen Erkenntnisse, erfolgen.

1. Die scholastische Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes

Wie Karl Rahner feststellt verlässt Gott, indem er sich dem Menschen offenbart, seine Verborgenheit, um so dem Menschen zu zeigen, dass er das Heil schafft. Trotz dieses Heraustretens Gottes aus seiner Verborgenheit bleibt das Geoffenbarte, betrachtet man es von der „‚Unbegreiflichkeit Gottes‘ her“6, etwas Verborgenes und kann nur, falls es überhaupt geschehen kann, durch eine „Wortoffenbarung enthüllt werden.“7 Mit dieser Aussage erklärt die „Schultheologie“8 die Unbegreiflichkeit Gottes, also seine ‚incomprehensibilitas‘9. Laut Schultheologie ist diese Inkomprehensibilität Gottes ein Ergebnis „der seinshaften Unendlichkeit Gottes“10, wodurch der kreatürliche, begrenzte Intellekt des Menschen nicht in der Lage ist, „die in dieser absoluten [Fülle des Seins] gegebene Wahrheit und Erkennbarkeit [vollkommen] auszuschöpfen [und zu erfassen].“11 Aus dieser wesenhaften Seinsfülle Gottes folgt allerdings nicht, dass es Bekanntes und Unbekanntes in Gott gibt, da „ein und derselbe Gott erkannt [ist, zugleich aber]grundsätzlich unbegreiflich bleibt“12, auch wenn, wie Rahner einräumt, diese scheinbare Widersprüchlichkeit nicht näher reflektiert wird.13 Des Weiteren behauptet die Schultheologie, dass „das Wesen Gottes und das [Geheimnis der] Trinität“14, dem menschlichen Erkenntnisvermögen entzogen sind, sodass es dem Menschen nicht möglich ist, durch philosophische Spekulationen das Geheimnis der Dreifaltigkeit in seiner Fülle zu begreifen. Allein durch Gottes freien Entschluss, dieses Mysterium durch eine „übernatürliche Wortoffenbarung“15 dem Menschen zu offenbaren, kann der Mensch von diesem Geheimnis, dass trotz ergangener Offenbarung seinen Mysteriumscharakter beibehält, wissen. Das freie Handeln Gottes auf die Welt hin wird durch die Schöpfung keinesfalls begrenzt, wodurch deutlich wird, diese Meinung vertritt die Schultheologie, dass freie Beschlüsse Gottes dem menschlichen Intellekt nur durch das Ergehen einer Offenbarung im Wort zugänglich werden. Diese freien ‚Dekrete‘ Gottes bleiben, „solange sie sich nicht objektiv vergegenständlicht haben“16, ein Handeln Gottes aus seiner Verborgenheit heraus.17 Selbst in der ‚visio beatifica‘18, die als „radikale[] Enthülltheit“19 Gottes verstanden wird, bleibt, laut Schultheologie, die Unbegreiflichkeit Gottes erhalten. Dieses metaphysische Erklärungsmodell lasse sich, so stellt Rahner richtig fest, nicht so sehr mit der Begrenztheit menschlichen Intellekts, als vielmehr mit der „Inkommensurabilität“20 des begrenzten menschlichen Erkenntnisvermögens mit der Unendlichkeit Gottes, begründen. Die neuscholastische Schultheologie verdichtet in ihren Aussagen über die visio beatifica die „eigentliche [Rettung] des Menschen [und dessen] letzte Seligkeit“21 in der Lehre von der Gottesschau. In der visio beatifica erfährt die „theoretische Vernunft des Menschen“22 ihre Vollendung, weswegen es in der Schau zu einer totalen „Unmittelbarkeit zwischen [menschlichem] Intellekt und [Gottes Wesen kommt, ohne, dass diese durch] eine endliche [und damit begrenzte] Wirklichkeit vermittelt [werden müsste].“23

2. Kritik Rahners an der scholastischen Lehre der Unbegreiflichkeit Gottes

Nachfolgend sollen die, im ersten Kapitel vorgestellten Elemente der neuscholastischen Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes, im Hinblick auf Rahners kritische Anfragen, die er an diese stellt, näher beleuchtet werden, um diese Elemente besser zu durchdringen können.

2.1. Kritik am Primat des theoretischen Begreifenwollens

Karl Rahner sieht in der traditionellen Auffassung von der Unbegreiflichkeit Gottes vor allem das Problem eines Primats „des theoretischen Begreifenwollens“24, wodurch das Verständnis dieser Eigenschaft Gottes von Anfang an zu sehr auf das Erkennen und darin enthaltene Wahrheit bezogen wird, so dass die Unbegreiflichkeit Gottes gewissermaßen als Beweis für die begrenzte und endliche Natur des Menschen, der Gott in seiner Fülle niemals vollständig begreifen kann, herangezogen wird.25 Ferner sind die Kriterien, die für die Messung des menschlichen Erkenntnisvermögens zur Anwendung gebracht werden, so Rahner weiter, einem Erklärungsmodell entnommen, welches Erkenntnis primär als vollständiges Durchschauen und Beherrschen eines Gegenstands versteht, wobei der menschliche Intellekt diese Kriterien, in Bezug auf das Erkennen von Gott, unabhängig von seinem Wissen von Gott hier auf Erden oder der Unmittelbarkeit Gottes in der Schau, weder während seines irdischen Lebens noch in der visio beatifica hinreichend erfüllen kann. Des Weiteren sieht Rahner in dieser negativen Auffassung menschlicher Endlichkeit und der damit verbundenen Annahme Gottes in seiner Unbegreiflichkeit die Gefahr eines „praktischen Atheismus“26, also einer „Gleichgültigkeit des Menschen gegenüber [Gott, da er] diesen nicht begreifen kann“27, was folglich den Sinn der seligen Vollendung des Menschen in der Schau infrage stellen würde, da der Mensch in der visio beatifica „unmittelbar [mit der,] ihn radikal überfordernden Unbegreiflichkeit Gottes [konfrontiert werden würde]“28 und angesichts dieser Eigenschaft Gottes in Resignation verfiele.29 Rahner bemerkt, dass ein solches Verständnis von Erkennen, wie es im bereits erwähnten Erklärungsmodell zum Ausdruck gebracht wird, nicht darauf abzielt, dem Menschen die Erfahrung von Unbegreiflichkeit von ihrem Wesen her zu ermöglichen, sondern im Sinne des „begreifend Erkannte[n]“30, wobei, wie bereits erörtert wurde, dieses Ideal weder auf Erden noch in der Schau erfüllt werden kann.31 Anders gesagt muss die Erkenntnis Gottes als des absoluten und unbegreiflichen Geheimnisses dauerhaft dem Zugriff des endlichen Intellekts des Menschen entzogen sein, da es sich sonst bei der „Wirklichkeit Gottes“32 um eine, vom Menschen erdachte und erschaffene Wirklichkeit, die von diesem abhängig wäre, handeln würde.33

2.2. Unbegreiflichkeit Gottes und freie Willensdekrete Gottes

Aus dem im vorherigen Abschnitt thematisierten Problem, folgt für Rahner ein weiterer Kritikpunkt, nämlich der Zusammenhang zwischen freien Willensdekreten Gottes und der Notwendigkeit ihrer Offenbarung im Wort, im Lichte der Unbegreiflichkeit Gottes, wie er von der Schultheologie vertreten wird. Bereits in seiner Darstellung der scholastischen Lehre von Gottes Unbegreiflichkeit weist Karl Rahner darauf hin, dass nur oberflächlich darüber reflektiert wird, ob die Offenbarung freier Willensdekrete Gottes die verborgene oder unbegreifliche Natur dieser Entschlüsse, aufhebt, es also zu einer vollständigen Enthüllung kommt, oder nicht. Ferner gibt der Theologe zu bedenken, dass das Ergehen der Offenbarung den „Geheimnischarakter solcher Dekrete“34, wenn es sich um freie Selbstmitteilungen Gottes an die Welt, deren innerstes Wesen Träger eines Mysteriums ist, handelt, nicht auflöst, sodass diese weiterhin als Geheimnisse bezeichnet werden können.35 Des Weiteren wirft Karl Rahner der Schultheologie vor, dass ihre Auffassung der verborgenen Freiheit Gottes im Bezug zur Welt, viel zu oberflächlich und scheinbar zu leicht zu begreifen ist, da freie Willensdekrete Gottes auf die Welt hin, auch in der „welthafte[n] Wirklichkeit“36 objektiv vergegenständlicht sein müssen. Rahner zieht daraus den Schluss, dass eine solche Reflexion über „freie[] Dekrete Gottes“37 dazu führt, dass diese nicht verborgener sein können, als jede personale Freiheitsentscheidung, bevor sich diese objektiviert.38 Überdies bemerkt Rahner, dass solche Dekrete, wenn sie sich nicht auf Gottes wesenhafte Herrlichkeit und Unbegreiflichkeit beziehen, „an Weltwirklichkeiten[, d. h. an objektive irdische Gegebenheiten] gebunden [sind], die [von ihm,] wie [beispielsweise] das Heil der Menschen[,] frei [ge]setzt werden.“39 Da diese Wirklichkeiten endlicher Natur sind, so Rahner, können diese dem begrenzten kreatürlichen Erkenntnisvermögens des Menschen, der für Rahner grundsätzlich ein Wesen „unbegrenzter Transzendentalität“40 und damit „capax infiniti“41 ist, nicht verborgener sein, als andere Weltwirklichkeiten.42. Trotz der großen Bedeutung der freien Willensdekrete Gottes im Hinblick auf seine wesenhafte Unbegreiflichkeit legt Rahner Wert darauf, diese Eigenschaft Gottes nicht auf das in diesen Entschlüssen objektivierte Freiheitshandeln Gottes und die dadurch notwendige Offenbarung zu begrenzen, da sonst der ‚deus absconditus‘43 seinen Verborgenheitscharakter aufgeben würde, sodass er zum ‚deus revelatus‘44, also zum offenbarten Gott werden würde, dessen Offenbarung uns vollständig „begreiflich [werden] würde[, wodurch] wir [etwaigen weiteren verborgenen Geheimnissen Gottes gegenüber, indifferent werden würden].“45 Karl Rahner spitzt diese Aussage zu, indem er postuliert, dass die Unbegreiflichkeit Gottes in diesem Fall, lediglich ein „[Er]schrecken […] darüber, da[ss] d[er ‚deus revelatus‘] auch anders [an uns] handeln könnte, als er [jetzt] handelt“46 wäre, wobei diese Angst, so gibt Rahner zu bedenken, durch die Erfahrung, „da[ss Gott,] als Gott der Vergebung und der absoluten Nähe [bereits] frei gehandelt hat47, eigentlich überwunden sein müsste.48 Auf den ersten Blick scheint dieses Freiheitshandeln Gottes auch nicht unbegreiflicher zu sein, als sich der Mensch selbst ist, wobei auf den zweiten Blick klar wird, so Rahner, dass diese Freiheitsbeschlüsse Gottes, die den Menschen als Gegenüber adressieren, in ihrem innersten Kern Ausdruck des „Nahekommen[s] seiner Unbegreiflichkeit [sind].“49 Karl Rahner sieht in dieser Erkenntnis die einzige Möglichkeit, um die Kommensurabilität von wesenhafter Unbegreiflichkeit Gottes und der Auffassung über den verborgenen Gott, der in der Heilsgeschichte handelt, zu gewährleisten. Für Rahner ist diese Vereinbarkeit nicht gegeben, wenn man, wie es die Schultheologie lehrt, davon ausgeht, dass die frei ergangene Offenbarung, die sich in ebenso freien Willensdekreten Gottes manifestiert, Geheimnisse enthüllt, „die in Gott verborgen[] [sind]“50 und Geheimnischarakter besitzen, da diese Annahme nicht hinreichend erklärt, welcher Zusammenhang zwischen dem Ergehen der Offenbarung, also der ‚revelatio qua‘51 und dem Inhalt der Offenbarung, d. h. der ‚revelatio quae‘52 besteht.53

3. Aspekte der Unbegreiflichkeit Gottes nach Karl Rahner

Nach der Vorstellung der neuscholastischen Lehre von der Unbegreiflichkeit Gottes und den kritischen Anfragen, die Karl Rahner an diese stellt, sollen nun überblicksartig einige Aspekte der Unbegreiflichkeit Gottes, wie sie Rahner sieht, vorgestellt werden.

3.1. Karl Rahners Verständnis von Geheimnis

3.1.1. Gott, das heilige, namenlose, unverfügbare und unbegreifliche Geheimnis

Wie Klaus Fischer und Siegfried Hübner völlig richtig bemerken, ist Gott für Karl Rahner ‚das heilige Geheimnis‘. Diese beiden Wesenszüge Gottes, nämlich seine Heiligkeit und der Mysteriumscharakter des Wortes „Gott“, können als konstitutiv für sämtliche Aussagen, die über Gott getroffen werden können, gedeutet werden. Für Rahner ist gerade der zweite Wesenszug so bedeutend, dass er, wie Klaus Fischer und Siegfried Hübner deutlich machen, „in seiner Rede von Gott“54 diesen stets als Geheimnis, ja sogar als Geheimnis schlechthin bezeichnet, wodurch klar ersichtlich wird, dass allein Gott als „das eine und einzige Geheimnis[, das] in der Erfahrung des Menschen vorkommt[, bezeichnet werden kann].“55 Damit erfüllt auch nur Gott das Kriterium, ein Geheimnis „im strengen und wahren Sinne“56 zu sein, da der Geheimnischarakter in der Wirklichkeit Gottes wesenhaft gegeben ist.57 Als Geheimnis lässt sich Gott weder völlig umfassend definieren noch in menschliche Denkstrukturen- und figuren fassen, da er wesenhaft „‘undefinierbar‘[ und somit, wie Karl Rahner es ausdrückt,] ‚namenlos‘ ist.“58 Freilich darf man dabei nicht außer Acht lassen, dass dieser Begriff einerseits nur eine ungefähre Beschreibung ist, ein Versuch die umfassende „Wirklichkeit Gottes“59 mit unserem eingeschränkten menschlichen Intellekt zu begreifen und dass andererseits diese Bezeichnung auf eine unbegrenzte, alles umfassende Lebens- und Seinsfülle verweist, die noch nicht einmal das „Nichts aus [sich und] seiner […] Einheit ausschließt“60, wodurch deutlich wird, wie Karl Rahner dies postuliert, dass es nichts geben kann, was aus der Fülle Gottes herausfällt, da diese alles ausfüllt und umfängt.61 Dies kann nur durch die Transzendentalität des Menschen, die dessen kreatürlichen Intellekt alle endlichen Dinge übersteigen lässt, erkannt werden. In dieser Transzendentalität liegt ferner die Erfahrung, dass Gott den Horizont für unser Verstehen und Wissen bildet und allen, von uns wahrgenommenen Gegenständen und Erfahrungen zugrunde liegt. Trotz dieser Erfahrung bleibt Gott in seinem Wesen unbegreiflich und kann nicht in einen noch größeren Horizont eingebettet werden und wird so als letztes Kriterium oder letzte Schwelle, als Grenze, die alles begrenzt, erfahren.62 Allerdings muss dabei festgehalten werden, dass Gott, obwohl er die alles abgrenzende Grenze ist, zugleich als unabgrenzbar und unendlich erfahren wird, da er anfangslos und endlos existiert.63 In seiner Unendlichkeit kann Gott daher nicht einmal durch den Intellekt des Menschen als „capax infiniti[, also als Wesen unbegrenzter Transzendentalität]“64 überstiegen werden.65 Aus dieser Erkenntnis lässt sich folgern, dass das Wort „Geheimnis“ nicht etwas bezeichnet, das man nicht kennen kann. Vielmehr ist das Geheimnis als etwas zu verstehen, dass nicht erschöpfend begriffen oder gar überstiegen werden kann. Unbegreiflichkeit bedeutet in diesem Sinne, die Unfähigkeit des endlichen Erkenntnisvermögens des Menschen, das Geheimnis umfassend zu definieren, da das Geheimnis seine eigene Erklärung und zugleich die Erklärung für alles andere ist.66 Diesem Geheimnis, das sich als unergründliche Wirklichkeit allen Denkkategorien entzieht und nur in der Transzendenz zu finden ist und nur von dieser her, wenn auch nur in einem begrenzten Ausmaß, wie der Verfasser dieser Arbeit bereits erläutert hat, definiert werden kann67, strebt der menschliche Intellekt in seiner Suche nach Wissen und Erkenntnis in Liebe zu.68 Diese freie Hinwendung auf etwas stellt allerdings kein spezifisches Charakteristikum des Menschen dar. Vielmehr handelt das Geheimnis in seiner Transzendenz selbst in Liebe und Freiheit und kann somit als „‚ heiliges Geheimnis ‘ [und] ‚ Woraufhin [, also Zielangabe der] Transzendenz“69 bezeichnet werden.70 Ferner, so Rahner, lässt sich das Geheimnis nur als Relationsbegriff verstehen, da dieses immer auf ein Subjekt, nämlich auf ein konkretes und wirkliches Geschehen beziehungsweise ein konkretes Gegenüber bezogen sein muss. Erst wenn dieses Geheimnis als Gott bezeichnet wird, kann es näher spezifiziert werden. Folglich ist vor diesem Hintergrund die Unbegreiflichkeit Gottes eine modale Spezifizierung des Gottesgeheimnisses selbst, deren Sinngehalt abhängig von den Charakteristika oder Einschränkungen des jeweiligen Subjektes, zu dem das Geheimnis in Beziehung tritt, ist. Nur unter diesem Aspekt wird das Geheimnis Gottes zu einer konkreten und wirklichen Größe. Wird dieses Geheimnis nicht in seiner seinshaften Verwiesenheit auf ein Subjekt betrachtet, so kann dieses nur als abstraktes Konstrukt ohne jeglichen Anknüpfungspunkt verstanden werden, wodurch das Gottesgeheimnis nicht mehr konzipiert werden könnte.71 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das Geheimnis unendlich und damit undefinierbar ist, da es weder Anfang noch Ende hat und als Grenze, die alles andere umfasst und begrenzt unübersteigbar ist. Die Unbegreiflichkeit des Geheimnisses ist allerdings nicht nur als Beweis für die defizitäre Erkenntnisfähigkeit des kreatürlichen Intellekts zu werten, sondern auch als eine genauere Beschreibung des Geheimnisses Gottes selbst, das seinen Sinninhalt allerdings nur, in seiner ontologischen Hinordnung auf ein Subjekt und dessen Begrenzungen und Eigenschaften, erhält.

[...]


1 Vgl. Grün, Anselm / Müller, Wunibald, Wer bist du Gott?, München 2010, 41.50.

2 Rahner, Karl, Wissenschaft als „Konfession“?, in: Ders.: SzTh III, Einsiedeln u.a. 1956, 461.

3 Fischer, Klaus P. / Hübner Siegfried, Gott – „das letzte Wort vor dem Verstummen“, , in: Ders.: Gott als Geheimnis des Menschen. Annäherungen an Karl Rahner, Wiesmoor 22015, 91.

4 Ebd., 92.

5 Rahner, Karl, Die menschliche Sinnfrage vor dem absoluten Geheimnis Gottes, in: Ders.: SzTh XIII, Einsiedeln u.a. 1978, 116.

6 Rahner, Karl, Über die Verborgenheit Gottes, in: Ders.: Sämtliche Schriften Bd. 22/1 B, Freiburg-Basel-Wien 2013, 641.

7 Ebd., 641.

8 Ebd., 641.

9 Ebd., 641.

10 Ebd., 641.

11 Vgl. Ebd., 641.

12 Ebd., 641f.

13 Vgl. Ebd., 642.

14 Ebd., 642.

15 Ebd., 642.

16 Ebd., 642.

17 Vgl. Ebd., 642.

18 Ebd., 642.

19 Ebd., 642.

20 Ebd., 643.

21 Ebd., 643.

22 Ebd., 643.

23 Ebd., 643.

24 Ebd., 643.

25 Vgl. Ebd., 643f.

26 Ebd., 644.

27 Ebd., 644.

28 Ebd., 644.

29 Vgl. Ebd., 644.

30 Ebd., 644

31 Vgl. Ebd., 644.

32 Miggelbrink, Ralf, Karl Rahner 1904-1984: Was hat er uns gegeben? – Was haben wir genommen? Auseinandersetzung mit Karl Rahner, Berlin 2009 (=Theologie: Forschung und Wissenschaft 29), 154.

33 Vgl. Ebd., 154.

34 Rahner, Karl, Über die Verborgenheit Gottes, in: Ders.: Sämtliche Schriften Bd. 22/1 B, Freiburg-Basel-Wien 2013, 642.

35 Vgl. Ebd., 642.

36 Ebd., 644.

37 Ebd., 644.

38 Vgl. Ebd., 644f.

39 Ebd., 645.

40 Ebd., 645.

41 Munteanu, Daniel, Die Würde des Menschen: imago Dei und capax infiniti, in: Ders.: Was ist der Mensch? Grundzüge und gesellschaftliche Relevanz einer ökumenischen Anthropologie anhand der Theologien von K. Rahner, W. Pannenberg und J. Zizioulas, Neukirchen-Vluyn 2010, 75.

42 Vgl. Rahner, Karl, Über die Verborgenheit Gottes, in: Ders.: Sämtliche Schriften Bd. 22/1 B, Freiburg-Basel-Wien 2013, 645.

43 Ebd., 645.

44 Ebd., 645.

45 Ebd., 645.

46 Ebd., 645.

47 Ebd., 645.

48 Vgl. Ebd., 645.

49 Ebd., 645.

50 Ebd., 645.

51 Ebd., 645.

52 Ebd., 645.

53 Vgl. Ebd., 645.

54 Fischer, Klaus P. / Hübner Siegfried, Gott – „das letzte Wort vor dem Verstummen“, , in: Ders.: Gott als Geheimnis des Menschen. Annäherungen an Karl Rahner, Wiesmoor 22015, 90.

55 Ebd., 90.

56 Ebd., 90.

57 Vgl. Ebd., 90f.

58 Ebd., 91.

59 Ebd., 91.

60 Rahner K. / Weger K.-H., Was sollen wir noch glauben? Theologen stellen sich den Fragen einer neuen Generation, Freiburg i. Br. 1979 (=HerBü 700), 66f.

61 Vgl. Fischer, Klaus P. / Hübner Siegfried, Gott – „das letzte Wort vor dem Verstummen“, , in: Ders.: Gott als Geheimnis des Menschen. Annäherungen an Karl Rahner, Wiesmoor 22015, 91.

62 Vgl. KIADI NKAMBU, André-Jacques, Le Mystère de Dieu. Dieu-avec-nous-La révélation d’un partenariat de vie. Contribution à la notion du mystère chez K. Rahner, E. Jüngel, H. U. von Balthasar, Frankfurt am Main 2014, 156.

63 Vgl. Ebd., 148.

64 Munteanu, Daniel, Die Würde des Menschen: imago Dei und capax infiniti, in: Ders.: Was ist der Mensch? Grundzüge und gesellschaftliche Relevanz einer ökumenischen Anthropologie anhand der Theologien von K. Rahner, W. Pannenberg und J. Zizioulas, Neukirchen-Vluyn 2010, 75.

65 Vgl. Buckley, Michael J., Within the Holy Mystery, in: O’Donovan, Leo J. (Hrsg.), A world of grace. an introduction to the themes and foundations of Karl Rahner's theology, Washington D.C. 1995, 32.

66 Vgl. Ebd., 33.

67 Vgl. KIADI NKAMBU, André-Jacques, Le Mystère de Dieu. Dieu-avec-nous-La révélation d’un partenariat de vie. Contribution à la notion du mystère chez K. Rahner, E. Jüngel, H. U. von Balthasar, Frankfurt am Main 2014, 147.

68 Vgl. Buckley, Michael J., Within the Holy Mystery, in: O’Donovan, Leo J. (Hrsg.), A world of grace. an introduction to the themes and foundations of Karl Rahner's theology, Washington D.C. 1995, 33.

69 Losinger, Anton, Orientierungspunkt Mensch. Der anthropologische Ansatz in der Theologie Karl Rahners, Sankt Ottilien 32016, 68.

70 Vgl. Ebd., 68.

71 Vgl. KIADI NKAMBU, André-Jacques, Le Mystère de Dieu. Dieu-avec-nous-La révélation d’un partenariat de vie. Contribution à la notion du mystère chez K. Rahner, E. Jüngel, H. U. von Balthasar, Frankfurt am Main 2014., 151.

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Details

Titel
Die Unbegreiflichkeit Gottes in der Theologie Karl Rahners
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Katholisch-theologische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,00
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V940714
ISBN (eBook)
9783346271204
ISBN (Buch)
9783346271211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unbegreiflichkeit Gottes, Karl Rahner, Eigenschaften Gottes, Geheimnis, Fundamentaltheologie, Mysterium, Unverfügbarkeit Gottes, Heiligkeit Gottes, Geheimnis schlechthin, capax infiniti, Gottesgeheimnis Mensch, Verwiesenheit, theologische Anthropologie, Selbstmitteilung Gottes, deus absconditus, deus revelatus, seligmachende Schau, visio beatifica, Schultheologie, Relationsbegriff, Offenbarung, Rede von Gott, Gottesrede, Neuscholastik, Eigenschaftslehre, Seinsfülle Gottes, bleibende Unbegreiflichkeit Gottes, Transzendentalität, Katholische Theologie, Erkenntnistheorie
Arbeit zitieren
Martinus de Germareskauuensis (Autor), 2020, Die Unbegreiflichkeit Gottes in der Theologie Karl Rahners, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/940714

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