Mobbing in der Schule. Eine Herausforderung für Lehrer und Schüler


Examensarbeit, 2008
92 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Absicht und Fragen

3 Was ist Mobbing?
3.1 Begriffserklärung
3.2 Erscheinungsformen
3.3 Statistische Eckdaten

4 Juristische Aspekte

5 Wer übt Gewalt aus?
5.1 Charakteristika von Opfern und Tätern
5.1.1 Persönlichkeitsmerkmale von Opfern
5.1.2 Persönlichkeitsmerkmale von Tätern
5.2 Die Rolle der Mitläufer und Zuschauer-Sympathisanten
5.3 Die Lehrer
5.4 Die Mobbing Struktur - ein Kreislauf

6 Ursachen für Mobbing
6.1 Außerschulische Einflussfaktoren
6.1.1 Nationalität und Herkunft
6.1.2 Gewalt in Familien
6.1.3 Erziehung
6.1.4 Finanzieller Status
6.1.5 Äußerliche Auffälligkeiten
6.1.6 Unsicherheiten
6.1.7 Medien
6.2 Schulische Einflussfaktoren
6.2.1 Schulklima
6.2.2 Das Streben nach Aufmerksamkeit
6.2.3 Zusammengehörigkeit - Gruppengefühl
6.2.4 Schule ist Langweilig!
6.2.5 Leistungsdruck
6.2.6 Lehrer

7 Folgen
7.1 Unmittelbare Reaktion der Opfer
7.2 Folgen für das Opfer
7.2.1 Körperliche Gesundheitsfolgen
7.2.2 Psychische Folgen
7.2.2.1 Auswirkung auf die sozialen Kompetenzen
7.2.2.2 Suizidgefährdung
7.2.3 Folgen auf das Familienleben und Freizeit
7.3 Folgen für den Täter

8 Maßnahmen gegen Mobbing
8.1 Vorüberlegungen
8.2 Interventionsmaßnahmen
8.3 Präventionsmaßnahmen
8.3.1 Maßnahmen auf Schulebene
8.3.2 Maßnahme auf Klassenebene
8.3.3 Maßnahmen auf individueller Ebene
8.3.4 Konzepte zur Gewaltintervention und –prävention
8.3.4.1 Anti-Bullying-Programm
8.3.4.2 Farsta Methode
8.3.4.3 ‚No-Blame-Approach’
8.3.5 Resultate von Anti- Mobbing- Arbeit

9 Mobbing - eine Herausforderung?

10 Anti- Mobbing- Arbeit am Beispiel Schweden
10.1 Das Schulsystem
10.2 Das Schulklima
10.3 Das Klassenklima
10.4 Der aktive Kampf gegen Mobbing
10.4.1 Gesetzliche Regelung gegen Mobbing
10.4.2 Mediatoren
10.5 Die Hjulsta Schule in Spånga, Schweden
10.5.1 Das Schulklima
10.5.2 Der Kampf gegen Mobbing

11 Umfrage
11.1 Methode
11.1.1 Die Entwicklung des Schülerfragebogens
11.2 Umfrage und Auswertung
11.3 Effektivität des Anti-Mobbing-Konzepts

12 Deutsche Schulen und Anti-Mobbing-Konzepte
12.1 Das Landschulheim Steinmühle in Marburg, Deutschland
12.1.1 Das Anti-Mobbing-Programm
12.2 Umfrage
12.3 Auswertung
12.4 Effektivität des Anti-Mobbing-Konzepts

13 Hypothese

14 Fazit

15 Literaturangaben

16 Tabellenverzeichnisse

17 Abbildungsverzeichnis

18 Anhang
18.1 Anhang 1: Interview mit Herrn Urban Åström , Schuldirektor der Hjulsta Schule
18.2 Anhang 2: Schüler Fragebogen (englisch) für Hjulsta Schule
18.3 Anhang 3: Schüler Fragebogen (deutsch) Steinmühle Marburg

1 Einleitung

„Vier Hildesheimer Berufsschüler sollen über Monate hinweg einen 18-Jährigen gequält und nackt gefilmt haben. Klassenkameraden sollen den Misshandlungen tatenlos zugesehen haben. Das Opfer musste sich nach bisherigen Erkenntnissen ausziehen und seinen durch die Misshandlungen geschundenen Körper zeigen. Dabei lief eine Videokamera. […] Möglicherweise sei sogar ein Lehrer Zeuge der Vorgänge geworden, ohne einzuschreiten. Der Pädagoge wies den Vorwurf zurück[…]“

(http://www.hilfe-hd.de/gewalt2004.htm vom 4.2.2004)

Solche erschreckenden Nachrichten lesen wir heutzutage immer häufiger in den Zeitungen. Die Rede ist hier von Mobbing, ein schwerer und großer Begriff, auf den alle berufstätigen Lehrer mit größter Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal während ihres Berufslebens stoßen werden. Während der Lehrerausbildung wird das Thema Mobbing und Konfliktbewältigung äußerst stiefmütterlich behandelt.

Fragt man Schüler nach dem Ausmaß von Aggression unter Schülern, zeigt sich gemäß einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung in München über Schulen und Schultypen hinweg ein erstaunlich einheitliches Bild: In fast jeder Klasse gibt es Opfer, Täter und Mitschüler, die präzise berichten können. Fragt man hingegen Lehrer, wird Aggression im Klassenkontext latent unterschätzt, oder gar weggeschaut, wie es der zuständige Lehrer in dem Zeitungsausschnitt getan hat.

Ich bin selber in meiner Schullaufbahn Opfer einer solchen Form von Gewalt geworden und kann beurteilen, wie wichtig es ist, dass wir Lehrer Kenntnisse über Mobbing in der Schule haben, wissen, was Mobbing ist, wie wir damit umgehen können und sollen und wie wir in der Anti- Mobbing- Arbeit auf die Erlebnisse und Ansichten der Schüler eingehen können. Mit dieser Arbeit bezwecke ich, meine Kenntnisse darin zu vertiefen und andere Menschen über dieses Problem aufzuklären. Denn eines ist sicher: Wegschauen hilft hier niemandem!

2 Absicht und Fragen

In dieser Arbeit werde ich mich mit dem Thema Mobbing auseinandersetzen und Wege aufzeigen, welche Maßnahmen vorbeugend als auch begleitend ergriffen werden können, um Mobbing zu verhindern oder einzustellen.

Folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund:

- Was ist Mobbing und was sind die Ursachen dafür?
- Ist den Schülern bewusst, welche Arbeit die Schule leistet, um Mobbing vorzubeugen und zu hantieren?
- Gibt es Konzepte, die erfolgreich umgesetzt wurden und wie funktionieren sie?
- Was nehme ich selbst nach der Auseinandersetzung mit diesem Thema für mich mit?
- Welche Möglichkeiten habe ich als zukünftige Lehrerin, mit dem bei der Erstellung dieser Arbeit erworbenen Wissen aktive Anti-Mobbing-Arbeit zu betreiben?

Bei weiterer Vertiefung in das Thema konnte ich erkennen, dass der Hauptanteil der Literatur und durchgeführten Untersuchungen aus Schweden stammen, was mich dazu bewegte, das Rad der Erkenntnis nicht neu zu erfinden, sondern erst einmal dort nachzuschauen, wo sehr viel fundamentale Arbeit geleistet wurde und wird. Daher wird der Schwerpunkt meiner Arbeit sein, unter Einbeziehung der oben angegebenen Fragen, die Erfahrungen einer schwedischen Schule einfließen zu lassen und daraus die Schlüsse zu ziehen, wie wir Lehrer in Deutschland davon lernen und gegebenenfalls die bereits erreichten Erfolge annehmen und weiter entwickeln können. Ist diese Erfahrung mit Erfolg auf eine deutsche Schule übertragbar?

Die Komplexität des Themas und die inzwischen zahlreichen Untersuchungen dazu – dennoch die noch weitgehende Unkenntnis an unseren Schulen – führten mich mehrfach in Versuchung, zu sehr in Details zu gehen, die den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. Um dennoch die meisten Aspekte zu berücksichtigen, sind einige nur kurz angerissen.

3 Was ist Mobbing?

3.1 Begriffserklärung

Der Begriff Mobbing stammt aus dem Englischen und wird mit anpöbeln, fertigmachen (mob = Pöbel, mobbish = pöbelhaft) übersetzt. Das Wort „Mobbing“ geht auf das lateinische Wort „mobile vulgus“ zurück und bezeichnet eine „wankelmütige, aufgewiegelte Volksmasse.“ Er wurde erstmalig von Nobelpreisträger und Tierverhaltensforscher Konrad Lorenz zur Beschreibung eines Gruppenangriffs auf unterlegene Tiere, in diesem Fall Gänse, verwendet (vgl. Kasper 1998). Nach Olweus (2005) verwendete der schwedische Arzt Peter-Paul Heinemann, Ende 1960er bis frühe 1970er Jahre, denselben Begriff zur Beschreibung eines ähnlichen Gruppenverhaltens bei Schulkindern.

Die ersten systematischen Untersuchungen wurden Anfang der 1970er Jahre in Schweden durchgeführt. Es folgten weitere Untersuchungen auf Grund von steigendem Interesse der Öffentlichkeit in mehreren skandinavischen Ländern. Obwohl in Norwegen dieses Problem in örtlichen Schulen wohl bekannt war, bedurfte es zur Einleitung präventiver Maßnahmen eines tragischen Selbstmords dreier Jugendlicher, welche Opfer von Mobbing wurden. In den 1980er bis 1990er Jahren erlangte Mobbing in Schulen immer mehr Aufmerksamkeit und die Suche nach Präventions- und Interventionsmaßnahmen weitete sich international aus und es wurden Studien aus Japan, USA, Kanada, Holland und Australien bekannt.

Mobbing ist eine Form offener und/oder subtiler Gewalt, die über einen längeren Zeitraum gegen Personen ausgeübt wird, diese sozial auszugrenzen. Gewalt kann dabei verbal und/oder physisch sein. Unter Mobbing unter Schülern versteht man alle böswilligen Handlungen, die klar darauf abzielen, eine Mitschülerin oder einen Mitschüler fertig zu machen. Dazu gehören

- direktes Mobbing: z.B. Hänseln, Drohen, Abwerten, Beschimpfen, Herabsetzen, Bloßstellen, Schikanieren
- indirektes Mobbing: z.B. Ausgrenzen, Ruf schädigen, "Kaltstellen" durch das Vorenthalten von Informationen und Beschädigen von Eigentum der gemobbten Person u. ä.

Dan Olweus (2005) hat zu Beginn der Forschung des Mobbingverhaltens die Definition in einem Satz erfasst, der als Grundlage gemeinsamen Verständnisses weltweit gilt.

„Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist.“

(Olweus 2005: 22)

Negative Handlungen sind aggressive Verhaltensweisen, die verbal, nonverbal oder körperlich gegen einen anderen Schüler[1] oder eine Schülergruppe ausgeübt werden (vgl. Olweus 2005). Der längere Zeitraum spielt dabei eine entscheidende Rolle, der gemäß einiger Experten mindestens ein halbes Jahr oder länger andauern sollte, um überhaupt von Mobbing sprechen zu können (vgl. Holighaus 2004:61; Gebauer 2005:29). Die genauen Strukturmerkmale folgen in Kapitel 2.2.

Auch kann nicht jedes aggressive Verhalten als Mobbing bezeichnet werden. Ausschlaggebend für die Abgrenzung ist die Zielsetzung des Verhaltens: der sich aggressiv verhaltende Schüler will sich selbst bereichern, sei es an materiellen Gütern oder an immateriellen wie z.B. Steigerung des Selbstbewusstseins. Meist sind ihm die Ausmaße des Schadens, den er mit seinem Verhalten verursacht, unbewusst und somit unbeabsichtigt. Der mobbende Schüler zielt darauf ab, das Opfer zu schädigen. Die Grenze besteht nach Alsaker (2003) in dem systematischen, gewaltvollen und beabsichtigten Vorgehen der Schülergruppe oder des einzelnen Schülers gegen andere.

Olweus (2005) nennt ein weiteres wichtiges Kriterium, das Mobbing von Aggressivität abgrenzt, nämlich das „asymmetrisches Kräfteverhältnis“ (vgl. Olweus 2005:23), d. h. ein Ungleichgewicht der Kräfte zwischen Täter und Opfer.

„Der Schüler oder die Schülerin, der oder die der negativen Handlung ausgesetzt ist, hat Mühe, sich selbst zu verteidigen, und ist in irgendeiner Weise hilflos gegenüber dem Schüler oder der Schülerin oder den Schülern oder den Schülerinnen, die ihn drangsalieren.“

(Olweus 2005:23)

Einige Forscher, z. B. Holighaus (2004) verwenden das Wort „bullying“, (engl. „to bully“ bedeutet ‚tyrannisieren’), synonym zu dem Wort „Mobbing“. Das Bullying wird weitgehend als die unter Jugendlichen praktizierte Erpressung, Nötigung, Sachbeschädigung, physische Gewalt, bei der die Opfer von ihnen körperlich überlegenen Mitschüler gequält werden. Es sind Extremformen, die man unter dem Begriff Bullying zusammenfasst.

Im Laufe dieser Arbeit orientiere ich mich an der Definition von Dan Olweus (2005) mit der Einschränkung, dass nicht nur Vorkommnisse über einen längeren Zeitraum als Mobbing definiert werden, sondern bereits ein vermehrtes Erscheinen von Vorfällen, die einen Mobbingcharakter haben.

3.2 Erscheinungsformen

Alsaker (2003) unterscheidet in der Forschung primär zwischen direkten und indirekten Formen des Mobbings. Es sind Strategien, die der Mobbingtäter verwendet um sein Opfer zu schikanieren. Direkte Formen beinhalten Handlungen, die körperlich oder verbal wiederholt gegen einen Schüler oder eine Schülergruppe gehen.

„Physische Quälereien unter Kindern erstrecken sich von ungefährlichen, jedoch schmerzhaften Verhaltensweisen wie Kneifen oder Haarereißen bis hin zu regelrecht bedrohlichen Handlungen, wie etwa mit harten Gegenständen dreinschlagen oder ein Kind vom Bürgersteig auf die Straße stoßen.“

(Alsaker 2003:22)

Die Liste der Quälereien lässt sich unendlich verlängern: einen Schüler gegen seinen Willen festhalten, ihn schlagen, würgen, einsperren, zwingen, etwas Ekelerregendes zu essen, hin bis zu lebensbedrohlichen Angriffen wie auf die Straße stoßen etc.

Verbale Angriffe sind Nachrufen von groben, gemeinen oder obszönen Namen. „Weitere häufige Formen des verbalen Mobbings sind Auslachen, abschätzige Ausdrücke verwenden, Anschreien, Einmischen und Bloßstellen“ (Alsaker 2003:23). Auch Drohungen gehören zu verbalen Angriffen.

Indirektes Mobbing zielt auf eine Manipulierung des sozialen Umfelds des Opfers ab (s. o. 1.3 Begriffserklärung und Abgrenzung). Das Ausschließen aus einer Gruppe, Ignorieren, Gerüchte verbreiten, Freunde stehlen und dafür Sorge tragen, dass das Opfer in ein schlechtes Licht gerät, zählen zur indirekten Form des Mobbings und führen dazu „…dass die soziale Situation einer Person verschlechtert wird, darunter ist insbesondere die eben genannte Ausgrenzung aus der gleichaltrigen Gruppe zu rechnen“ (Alsaker 2003:23).

Die Erscheinungsformen können unterschiedlich auftreten, direkt, indirekt oder in gemischter Form. Manche Handlungen von Mobbing könnten in dieser Einteilung nach Alsaker (2003) in beide Kategorien gefasst werden, z. B. das Zerstören oder Wegnehmen von Eigentum (ein Stift oder ein Kleidungsstück). Wird es vor dem Eigentümer zerstört und trägt zur Bloßstellung des Opfers bei, würde es als direkte Form gelten, wenn es hinter dem Rücken des Schülers geschieht als indirekte. In einer Mobbing- Situation hat jeder Mensch in dem Raum, in dem die Tat begangen wird, eine spezifische Rolle, er ist direkt oder indirekt beteiligt Diese Rollen sind nach Gebauer (2007) Mobber (Täter), Opfer, Zuschauer und Mitläufer. „Mobbing ist daher kein individuelles, sondern ein soziales Phänomen“ (Gebauer 2007:29). Während die Zuschauer passiv dem Geschehen zusehen und beistehen, unterstützen die Mitläufer sporadisch in aktiver Form den Mobber.

Die Erscheinungsformen von Mobbing zeigen sich in Abhängigkeit zu Alter und Geschlecht unterschiedlich. Jüngere Schüler greifen die Opfer am häufigsten mit physischer Gewalt an, ältere Kinder greifen eher zu psychischen Methoden, um Mitschüler zu mobben.

„Welche Form das Mobbing annimmt, ist offenbar auch abhängig vom Alter der Kinder [...]. Die physischen Formen nehmen mit dem Alter eher ab, während die verbalen und indirekten Formen zunehmen.“

(Alsaker 2003:24)

3.3 Statistische Eckdaten

Es gibt mittlerweile in der ganzen Welt viele Untersuchungen und Veröffentlichungen zum Thema Mobbing. Da Mobbing nicht eine wissenschaftlich messbare Größe ist, sondern – wenn auch nicht nur – vom individuellen und subjektiven Empfinden der Personen abhängt, zeigen die statistischen Daten dennoch eine eindeutige Tendenz. Jeder Mensch besitzt eine unterschiedliche Toleranzschwelle, dies hat zur Folge, dass sich manche Menschen nach kürzerer Zeit schikaniert fühlen als andere.

Auch wenn subjektive Einschätzungen und Bewertungen der Schüler den Untersuchungen zugrunde liegen, sind sie dennoch ein Indiz für die Bedeutung von Mobbing in Schulen. In einer Langzeitstudie wird von 500.000 Kindern und Jugendlichen gesprochen, die wöchentlich in Deutschland in irgendeiner Form gemobbt werden – eine erschreckende Zahl! (vgl. Jannan 2008).

Jungen werden gemäß Olweus (2005) vermehrt befragt, da ihre Mobbingmethoden deutlicher zu erkennen sind als die von Mädchen.

Olweus (2005) fand heraus, dass Jungen eine stärker ausgeprägte Tendenz zur Gewalt besitzen als Mädchen (29). Auch Jannan (2008) bestätigt diese Tendenz und stellt zusätzlich einen Rückgang von Gewalttaten in den höheren Klassenstufen fest (vgl. Abb. 1 und Abb. 2).

„Gewalt mit physischen Mitteln ist unter Jungen üblicher. Mädchen dagegen benutzten oft raffiniertere und verdecktere Schikanen wie üble Nachrede und Verbreitung von Gerüchten oder sind Drahtzieher in Freundschaftsbeziehungen (z. B. einem Mädchen seine „beste Freundin“ wegzunehmen). Doch auch unter Jungen ist das Schikanieren mit nichtphysischen Mitteln (Worten, Gesten usw.) die häufigste Form der Gewalt.“

(Olweus 2005:30)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.: Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Klassen, die nach eigenen Angaben gemobbt werden. (Quelle: Jannan 2008:25).

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Abb. 2.: Anteil der Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Klassen, die angeben, andere schikaniert zu haben. (Quelle: Jannan 2008:32)

Grundsätzlich ist Mobbing in allen Schulformen wieder zu finden. Eine weitere Untersuchung zeigt, dass in den verschiedenen Schulformen in Deutschland am häufigsten in Grundschulen, dicht gefolgt von Haupt- und Gesamtschulen gemobbt wird. Am seltensten tritt Mobbing an Gymnasien auf (vgl. Abb. 3). Es besteht weder ein Zusammenhang zwischen Klassen- bzw. Schulgröße und Mobbing, noch zwischen städtischen- bzw. ländlichen Schulen und Mobbing (vgl. Bödefeld 2006).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3. Schüler, die ein- bis mehrmals pro Woche gemobbt wurden. (Quelle: Jannan 2008:23)

Dieser Unterschied stellt die Erklärung von Dan Olweus (2005) zur Bevorzugung von Jungen für seine Studien dar.

4 Juristische Aspekte

Die rechtlichen Aspekte bei schulischer Gewalt können bei Extremfällen eine große Hilfe sein, um sich Unterstützung von rechtsstaatlicher Seite einholen zu können. Das Strafgesetzbuch (Fassung vom 13.11.1998) geht auf verschiedene Formen der Gewalt und deren Bestrafung ein. Kinder, die während der Tat nicht vierzehn Jahre alt sind, gelten als schuldunfähig, Jugendliche hingegen können für ihre Taten belangt werden.

Strafbar sind

(1) Gewaltdarstellung (§131), dies impliziert Gewalttätigkeiten in Schriften
(2) Verharmlosungen von Gewalttätigkeiten
(3) öffentliche Ausstellung und Verbreitung speziell bei Kindern unter 18 Jahren
(4) Beleidigungen (§185)
(5) Verbreitung von Gerüchten, die dazu dienen, das Opfer zu schädigen (§186): üble Nachrede
(6) Bildaufnahmen zu veröffentlichen, wenn sie aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich stammen, d. h. aus einem persönlichen geschützten Raum (§ 201a)
(7) Körperverletzung oder körperliche Misshandlung (§223)
(8) Nötigung durch Drohungen oder Erpressen (§240).
(9) Sachbeschädigung (§303)
(10) In folgenden Vorkommnissen in der Schule ist es Pflicht, die Polizei einzuschalten und evtl. Anzeige gegen die Täter zu erstatten:
(11) Angriff mit Körperverletzung auf Mitschüler und/oder Lehrer
(12) Vorsätzliche Zerstörung des Eigentums von Mitschülern und/oder Lehrern
(13) Bedrohung, Telefonterror, Rufschädigung
(14) Waffenbesitz
(15) Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Missbrauch
(16) Räuberische Erpressung, Schutzgelderpressung
(17) Handel mit Drogen und Waffen

(Jannan 2008:46)

Jugendliche werden in der Regel mit Erziehungsmaßregeln, Zuchtmitteln oder mit einer Jugendstrafe geahndet (§5: Folgen der Jugendstraftat). „Im Vordergrund stehen Hilfen zur Verhaltensänderung“ (Jannan 2008:45). Erziehungsmaßregeln sind Erteilung von Weisungen, Anordnungen oder Hilfe zur Erziehung, um die Lebensführung der Jugendlichen zu regeln und um eine Erziehung zu fördern (§9 Arten und §10 Weisungen). Zuchtmittel können eine Verwarnung, die Erteilung von Auflagen oder Jugendarrest (§13: Arten und Anwendung), sein. Auflagen bestehen aus Entschuldigungen oder Entschädigungen bei dem Opfer oder Erbringung von Arbeitsleistung (§15: Auflagen).

5 Wer übt Gewalt aus?

In der Institution Schule können prinzipiell alle Personengruppen Mobbing ausüben, Schüler wie Lehrer. Diese können gegeneinander oder untereinander Gewalt ausüben und zwar in jeder beliebigen Kombination: Schüler-Schüler, Lehrer-Schüler, Lehrer-Lehrer und Schüler-Lehrer.

Am häufigsten besteht Mobbing unter Schülern. Diese Form von Gewalt ist bekannt und auch am häufigsten untersucht worden. Die von früher bekannten unschuldigen Schülerstreiche, die eine Klasse seinen Lehrern spielt, sind heute oft nicht mehr so harmlos. Das Schikanieren einer Klasse gegen einen einzelnen Lehrer nimmt stark zu. Die Streiche überschreiten oft die Privatsphäre und treiben in Deutschland zu viele Lehrer buchstäblich in den Wahnsinn.

Ein Artikel vom 12.06.2007 in der Westdeutschen Zeitung bestätigt dies:

Düsseldorf. Viele Lehrer in Nordrhein-Westfalen haben Angst oder zumindest ein ungutes Gefühl, wenn sie morgens zur Schule gehen. Immer häufiger kommt es vor, dass Schüler heimlich Videos von Lehrern drehen und ins Internet setzen. Oder noch schlimmer: Sie basteln Fotos von ihren Lehrern in Pornofilme oder Gewaltvideos. Die werden im Internet oder über Handys verbreitet. […]

Die Qualität des Mobbings geht weit über Dumme- Jungen- Streiche hinaus. „Die Schüler wissen nicht, was sie anrichten. Es gibt traumatisierte Lehrer, die psychologische Hilfe brauchen“, berichtet Silbernagel. An jeder weiterführenden Schule in Deutschland gebe es Fälle von anonymem Lehrermobbing im Internet, schätzt der deutsche Philologenverband. […]“

(http://www.wz-newsline.de/?redid=162217)

Eine extrem ungünstige Situation entsteht, wenn eine Lehrkraft einen Schüler mobbt. Lehrer haben andere Möglichkeiten zur Verfügung, um ihre Schüler zu schikanieren. Sie greifen zu Maßnahmen wie Bloßstellen, Beleidigen oder Anschreien vor der gesamten Klasse, schlechte Noten, zusätzliche Aufgaben für den Schüler oder Ausschließen aus dem Unterricht.

„Eine Studie der Erziehungswissenschaftler Volker Krumm und Susanne Weiß aus dem Jahr 2002 zeigt, dass 78 Prozent von 3 000 Studenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in ihrer Schulzeit kränkendes Lehrerverhalten erlebt haben. Die Kränkungen wären im Durchschnitt als schwer erlebt worden und bei 63 Prozent der Betroffenen hätten sie über einen Zeitraum von über sechs Monaten angehalten. Auch die Lehrer selbst scheinen sich des Problems bewusst zu sein. In einer Befragung der Wissenschaftler unter österreichischen Lehrern im Jahr 2002 gaben 81 Prozent der Befragten an, dass es an ihrer Schule Kollegen gäbe, die sich Schülern gegenüber kränkend verhalten. 85 Prozent gaben an, dass sie selbst schon einmal unfair gewesen seien.“

(http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/aktion-jugend-und-schule/pdf/juschu_ 061113.pdf)

Viele solcher Fälle werden nicht weiter verfolgt oder geraten nicht an die Öffentlichkeit. Lehrer müssen weniger befürchten, da sie unter dem Schutz der Schuldirektion stehen. Schulleiter decken ihre Lehrer oft, um den Ruf der Schule nicht zu schädigen. Die Zwickmühle, in der Eltern und gemobbte Schüler stehen, sind folgende: Die Vorgehensweise des Lehrers lassen sich nicht auf ihre Richtigkeit überprüfen, da es keine Beweise außer mündlichen Überlieferungen gibt. Die Maßnahmen, die ein Lehrer zur Bestrafung eines Schülers eingeleitet hatte, kann ein Lehrer oft willkürlich begründen und erhält in den meisten Fällen recht, da die Aussage eines Kindes gegen die eines Lehrers steht. Das Resultat: es wird nichts unternommen. Der Schüler kann nur auf einen Lehrerwechsel hoffen oder er verlässt die Schule.

Eine extrem ungünstige Kombination ist eine Koalition von Lehrern mit Schülern gegen einen einzelnen Schüler. Da auch Lehrer nur Menschen sind, lehnen auch sie bewusst oder unbewusst andere Personen ab (vgl. Jannan 2008). Diese Ablehnung sollte ein Lehrer kontrolliert hantieren, dennoch kann sich diese Ablehnung in ein Mobbingverhalten entwickeln. In diesem Fall verfügt der Lehrer nicht über die Fähigkeit, auch unbeliebte Schüler gerecht und neutral zu behandeln (vgl. Jannan 2008).

In dieser Arbeit wird im Hinblick auf die Komplexität des Themas nur das Mobbing der Schüler untereinander angesprochen, wobei nicht ausgedrückt werden soll, dass andere Mobbingkonstellationen geringere Bedeutung haben.

5.1 Charakteristika von Opfern und Tätern

Es gibt spezifische Merkmale, die einen Mobbingtäter oder ein Mobbingopfer ausmachen Für Lehrer ist es wichtig, die typischen Verhaltensweisen der Schüler in Opfer, bzw. Täterrollen zu erkennen, um die Konflikte als Mobbingaktionen einstufen zu können.

5.1.1 Persönlichkeitsmerkmale von Opfern

Mobbingopfer sind in den meisten Fällen sehr behütet aufgewachsen und von ihren Eltern überfürsorglich behandelt worden. Es ist auffällig, dass sie sich gegen die Angriffe nicht oder nur in einem geringen Maße zur Wehr setzen, was auf ein geringes Selbstwertgefühl und Ängstlichkeit schließen lässt. Opfer vertrauen sich aus Angst vor Racheakten des Täters in den seltensten Fällen anderen, vor allem erwachsenen Personen an (Alsaker 2003:26). Sie isolieren sich zunehmend aus ihrem sozialen Umfeld, da sie keine Hilfe von anderen Mitschülern erfahren. Die Mobbingtäter manipulieren außerdem häufig die Mitschüler des Opfers, so dass eine Ausgrenzung noch verstärkt wird (Olweus 2005:27f).

Olweus (2005) unterscheidet zwei Arten von Opfertypen, dem „passiven, bzw. ergebenen, Opfertyp“ und dem „provozierenden Opfertyp“ (43).

Der passive Opfertyp wird als ängstlicher, zurückhaltender, ruhiger Mensch beschrieben, der unter mangelndem Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl leidet. Er pflegt meist eine negative Einstellung zu sich selbst und ist körperlicher schwacher als andere in seinem Alter. In der Schule sind sie alleine oder haben nur wenige Freunde. Das Aufsuchen einer Lehrperson während der Pause ist sehr auffällig und dient dem eigenen Schutz vor Angriffen. Sie reagieren auf die Angriffe eines Schülers mit Rückzug und wirken unsicher. Die Beziehung zwischen den Eltern und dem Opfertyp ist sehr eng und vertraut. Die Eltern beschreiben ihre Kinder, die einem solchen Muster entsprechen, meistens als vorsichtig und sensibel.

Im Kontrast dazu steht der ebenfalls ängstliche aber aggressive Opfertyp, der meist unter Konzentrationsschwäche leidet und andere Schüler in seiner Umgebung provoziert (Alsaker 2003:43). Dies führt zu einer Unbeliebtheit bei seinen Mitschülern und Schüler, die einem solchen Muster entsprechen, leiden häufig an Hyperaktivität. Auf Angriffe reagiert er scheu aber angriffslustig (vgl. Jannan 2008:37).

5.1.2 Persönlichkeitsmerkmale von Tätern

Die Gewalttäter zeigen verhäuft aggressives Verhalten gegenüber Gleichaltrigen und manchmal sogar gegenüber Erwachsenen. Sie werden von ihren Mitmenschen als impulsiv, aggressiv und unberechenbar gesehen. Mit einer positiven Einstellung zu sich selbst und zur Gewaltanwendung streben sie nach Macht und Kontrolle über andere Mitschüler, die Durchsetzung ihrer eigenen Ziele steht dabei im Vordergrund. Mobber erkennen sehr schnell Schwächen bei anderen Menschen, haben wenig Mitgefühl für ihre Opfer (vgl. Olweus 2005:44; Jannan 2008:33), lassen sich sehr leicht provozieren, was ihnen aus ihrer Sicht das Recht einräumt, mobben zu dürfen. Körperlich sind Mobber Gleichaltrigen meistens überlegen.

Die familiären Verhältnisse sind oft schwierig und mit Gewalt erfüllt. Die Annahme, dass Mobbingtäter oft selbst gemobbt wurden und es an anderen Schülern auslassen, ist ein weiteres Merkmal. „[…] 80% der gemobbten Jungen werden von Jungen gemobbt“ (Jannan 2008:33).

Die Reaktionen des Umfeldes auf Mobbingaktivitäten werden von dem Täter als positiv gedeutet, er fühlt sich überlegen und mächtig, von dem ängstlichen Mobbingopfer respektiert.

Nach Holighaus (2004) sind die schulischen Leistung der Täter, sowie ihre Beliebtheit eher durchschnittlich.

„Ihre Schulleistungen sind oft schlecht und ihre sonstigen Fähigkeiten eher durchschnittlich. Die anderen bewundern sie entweder- oder haben Angst vor ihnen. Wirklich beliebt sind bullys nie […].“

(Holighaus 2004:66)

Mobbingtäter sind nicht unbedingt unbeliebt in der Klasse, aber unbeliebter als normale Kinder. Häufig befinden sich Mobbingtäter in kleinen Gruppen, um sich gegenseitig zu unterstützen (Olweus 2005:44). Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass Mobber gefährdeter sind als andere, sich kriminelles Verhalten anzueignen.

Die folgende Tabelle gibt einen komprimierten Überblick über die wesentlichen Merkmale, die für Opfer und Täter bezeichnend sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Merkmale von Täter und Opfer. (Quelle: Reinert/Wehr 1999: 114)

5.2 Die Rolle der Mitläufer und Zuschauer-Sympathisanten

Der Mobber verrichtet seine Taten fast immer vor den Augen anderer Mitschüler. Diese reagieren ganz unterschiedlich: manche Schüler schikanieren aktiv mit und werden als aktive Mitläufer bezeichnet, andere sehen weg, halten sich bewusst im Hintergrund und nehmen die Rolle von Zuschauern (Gebauer 2007) oder passiven Mitläufern (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/) ein, wodurch sie sich mitschuldig machen (vgl. Holighaus 2004).

Diesen Schülern ist allerdings nicht bewusst, dass sie mit dieser Passivität dem Mobber unter die Arme greifen und ihn zu weiteren Angriffen ermutigen. Gründe für die unterlassene Hilfeleistung lassen sich mit der Angst erklären, dass sie bei Einschreiten selbst zum Opfer des Täters werden könnten, was das Fernhalten der Schüler von dem drangsalierten Schüler erklärt (vgl. Alsaker 2003). Die Mitschüler haben nicht immer Gefallen an dem Geschehen, hier wird zwischen dem Mitläufer und Zuschauer unterschieden. Die Sympathisanten unterliegen häufig einem Gruppenzwang oder dem Wunsch, selbst zu einer Peergroup zu gehören (http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/).

Zuletzt gibt es eine Gruppe von Schülern, zu denen sehr wenige und in den meisten Fällen gar keine Schüler gehören. Diese Gruppe wird als Unbeteiligte bezeichnet und besteht aus Mitschülern des Opfers und Täters, die sich aktiv von dem Geschehen abwenden oder kein Wissen über die Vorgänge haben (vgl. Holighaus 2004:65f).

5.3 Die Lehrer

Lehrer, die den „Entwicklungen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken, tragen indirekt mit dazu bei, dass sich in einer Klasse Mobbing ereignen kann“ (Gebauer 2007:31). Alsaker (2003) nennt zur Begründung der passiven Haltung von Erwachsenen Unwissenheit an erster Stelle.

„Schüler spüren dies, was möglicherweise mit eine Ursache dafür ist, dass sie sich bei Problemen mit Gewalt eher selten an Lehrer wenden. Auch hier gibt es eine klare Abstufung hinsichtlich der Altersstufe: Für Schüler der Grundschulen sind Lehrer sehr wichtige Vertrauenspersonen, mit zunehmendem Alter nimmt diese Bedeutung an weiterführenden Schulen ab.“

(Jannan 2008:37)

Ein Lehrer weiß, dass er nicht alle Fakten in einer Konfliktsituation kennt und handelt nach seinem besten Wissen und Gewissen. Lehrer haben das Bedürfnis, jedem Schüler gerecht zu werden, aber auf Grund der ungeheuren Macht des Täters werden in den seltensten Fällen die Mobbingopfer angehört (Alsaker 2003: 28). Dazu kommt, dass sehr viele Vorfälle von Lehrern und Schulleitern vertuscht werden, um den Ruf der Schule nicht zu gefährden (Jannan 2008:46). Das gilt insbesondere den Mobbingaktionen, in denen ein Lehrer gegen einen Schüler mitgewirkt hat.

Es bedarf Professionalität, als Lehrer Sympathien und Antipathien nicht an Schülern auszulassen und ein faires Verhalten zu praktizieren. Es bedarf noch mehr Professionalität, Lehrer, die dies nicht vermögen, dahingehend zu unterstützen, dieses Vermögen zu erlangen oder, wenn dies nicht möglich ist, mit disziplinarischen Maßnahmen einzugreifen.

5.4 Die Mobbing Struktur - ein Kreislauf

Mobbing wird charakterisiert durch ständig sich wiederholende Schikanen des Täters gegen sein Opfer. Manchmal reicht schon ein einziger Angriff aus, um eine Traumatisierung hervorzurufen (vgl. Rigby 2008). Wird dem Mobbing nicht Einhalt geboten, hört es nicht irgendwann automatisch auf, sondern eskaliert. Die Schikanen gehen weiter, die Auswirkung auf das Opfer kann ins Unermessliche steigen.

Phase 1: Die Suche nach Konflikten

Eine Person verspürt aus erklärlichen oder unerklärlichen Gründen Hass, Wut und Aggression gegen jemanden und möchte diesem Schaden zufügen. Die Suche nach zufälligen „Konflikten, Meinungsverschiedenheiten, Streitigkeiten um Einfluss von Macht, […] Ungerechtigkeiten, […] Sündenböcke“ (vgl. Leymann 1993:60) steigt. Die Ursache des Hasses liegt tief in den Mobbern, er braucht aber Motive, um sein Mobben rechtfertigen zu können (vgl. Rigby 2008; http://www.arbeitsblaetter.stangl-taller.de)

Phase 2: Etablierung von Mobbing

Jedes Motiv wird in dieser Phase genutzt, um Streitereien anzuzetteln und auch psychische Gewalt auszuüben. Mobbing kann sich jetzt, wenn es nicht gestoppt wird, ungestört zu Psychoterror entwickeln, „weil er sich eben dazu entwickeln darf.“ (Leymann 1993:61). Das Mobbingopfer gerät immer mehr in einen Teufelskreis, bei dem die Folgen von Mobbing (Unsicherheit, Nervosität) für die Ursachen, dass eine Person gemobbt wird, gehalten werden. Das Opfer wird für den Angreifer immer leichter zu mobben (vgl. Alsaker 2003: 27; Leymann 1993:58ff).

Phase 3: Eingriffe

In diesem Stadium ist Mobbing für außenstehende Personen bereits deutlich erkennbar. Die Angriffe werden immer brutaler und die psychischen Folgen beim Opfer offensichtlicher (auffälliges Verteidigungshalten, Krankheiten, Schüchternheit, usw.). Ein Eingriff von Lehrerseite muss spätestens an dieser Stelle geschehen, um die Situation zu entschärfen. Die Hilfe muss in professioneller Art erfolgen, da sonst die Gefahr besteht, dass der Hilfeversuch fehl schlägt und das Opfer dann noch mehr leidet (vgl. Leymann 1993:63f).

Phase 4: Ende

Wird dem Opfer keine Hilfe zuteil, führt die nicht endende Qual gegebenenfalls zu Persönlichkeitsveränderungen, die psychischer Therapie bedürfen. Der Betroffene entwickelt Zynismus, Hass oder Wut gegen andere Personen und kann im schlimmsten Fall bis zu Amokläufen oder Selbstmord getrieben werden (vgl. Leymann 1993:65f).

6 Ursachen für Mobbing

Jeder von uns wird durch seine Kindheit und sein Umfeld geprägt. Damit verhalten wir uns entsprechend dieser Prägung in der Gesellschaft. Was sind die Gründe dafür, dass ich mich zu einem Täter (Mobber) oder Opfer (Gemoppter) mit den entsprechenden Merkmalen entwickeln könnte?

6.1 Außerschulische Einflussfaktoren

Ein Kind wird am meisten von seinen Eltern und Geschwistern geprägt, mit denen es die erste Zeit seines Lebens verbringt. Religion, Herkunft, Erziehung, Freizeitgestaltung und Kultur spielen auch eine große Rolle für die Entwicklung eines Kindes.

6.1.1 Nationalität und Herkunft

Konfliktsituationen auf dem Schulhof werden vermehrt zwischen deutschen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund beobachtet. Es liegen z Zt. noch keine statistisch belegten Untersuchungen und Kenntnisse über die Häufigkeit von Mobbing gegen Einwanderer vor (vgl. Olweus 2005). Georgik et al. (2007) behauptet jedoch, dass Nationalität, Kleidung und Kultur immer häufiger als Motiv dienen, gemobbt zu werden. Dies gilt für alle Faktoren, mit denen der Schüler sich von der breiten Masse abheben könnte:

„Unterschiede im Vergleich zur Mehrheit der jeweiligen Gruppe spielt eine Rolle: Die andere Nationalität, die andere Kultur, die andere Religion, die andere Sprache oder die andere Bekleidung können Mobbingverhalten begünstigen.“

(Georgik et al. 2007:11)

Bei Kindern mit Migrationshintergrund, die in Konflikte geraten, ist nicht immer eindeutig, welche Rolle sie einnehmen, ob sie Opfer oder Täter einer Attacke sind. Jannan (2008) schreibt Kindern aus bestimmten ethischen Gruppen die Täterrolle von Gewalttaten zu. „Ursache hierfür ist immer mangelnde soziale Integration“ (18). Wird in Familien mit ausländischer Herkunft körperliche Gewalt ausgeübt, kann dies zusätzlich zu einem gewalttätigen Verhalten der Kinder führen (Jannan 2008:35). Das andere Erscheinungsbild, z.B. dunkle Haare und Hautfarbe, dabei sich in der Minorität befindend, lässt solche Kinder aber auch leicht in die Opferrolle rutschen

6.1.2 Gewalt in Familien

Trotz Aufklärung wird auch in den heutigen Tagen noch oft in Familien Gewalt zur Lösung von Problemen verwendet. Wenn ein Kind sein Vorbild, das er als positiv einschätzt (ein Elternteil oder ein anderer Jugendlicher), bei gewalttätigem Verhalten beobachtet, sinkt seine Hemmschwelle, ebenfalls aggressiv zu werden (vgl. Olweus 2005). Das Kind lernt, Konflikte mit Gewalt und nicht mit alternativen Lösungsstrategien zu lösen (vgl. Alsaker 2003). Die Unterdrückung, die das Kind bei diesen Gewalttaten verspürt, geben die Mobber an ihr Opfer weiter (Jannan 2008:35).

Laut Jannan soll körperliche Gewalt häufiger in Familien mit ausländischer Herkunft ausgeübt werden, was zu einem gewalttätigen Verhalten der Kinder führen kann (Jannan 2008:35). Denn die Unterdrückung, die das Kind bei diesen Gewalttaten selbst verspürt, kann es als Mobber an die Opfer weiter geben (Jannan 2008:35). Ob dies so verallgemeinert werden kann, stelle ich ohne weitere Belege einmal zunächst in Frage.

[...]


[1] Zur Verbesserung der Lesbarkeit werden Personenbezeichnungen in der männlichen Form verwendet; gemeint sind dabei in allen Fällen Männer und Frauen.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Mobbing in der Schule. Eine Herausforderung für Lehrer und Schüler
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
92
Katalognummer
V94080
ISBN (eBook)
9783640111329
ISBN (Buch)
9783640196173
Dateigröße
951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mobbing, Schule, Eine, Herausforderung, Lehrer, Schüler, Thema Mobbing
Arbeit zitieren
Beate Knecht (Autor), 2008, Mobbing in der Schule. Eine Herausforderung für Lehrer und Schüler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94080

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