"Die Sache mit der Kreide". Anwendung der objektiven Hermeneutik im Schulalltag


Hausarbeit, 2019

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sequenzielle Analyse
Fallbeispiel
Anwendung der objektiven Hermeneutik

3. Strukturhypothese

4. Theoriebezug

5. Fazit

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lehrer1 und Schüler2 interagieren ganz abseits vom Unterricht ständig miteinander und oft sind es eben diese Interaktionen die das gegenseitige Meinungsbild stark prägen. In kaum einer anderen Institution kommen Menschen mit so großem Altersunterschied regelmäßig in Kontakt, wie in der Schule. Selten ist das Machtgefüge so speziell und von Antinomien geprägt wie bei der Beziehung von Lehrkraft und Schüler.

Es zeigt sich also, dass der Raum für mögliche Konflikte und Auseinandersetzungen in der Schule fast unendlich ist. Ich werde im Verlaufe dieser Hausarbeit ein Fallbeispiel analysieren, um daran zu zeigen wie sich die Eingangs erwähnten Interaktionen auf das Meinungsbild beider Seiten auswirken.

Mit Hilfe der objektiven Hermeneutik wird es mir möglich sein den Fall zunächst frei vom Kontext zu betrachten. Erst wenn dies sicher gestellt ist, kann jener Fall im Kontext der Interaktion zwischen Schüler und Lehrer bewertet werden.

Hierzu bediene ich mich an einem Fall aus dem Archiv Prof. Dr. Andreas Wernet's der Universität Kassel. Jener trägt den Titel „Die Sache mit der Kreide“.

Ferner wird der Fokus darauf liegen, zu erkennen, ob es sich bei der zuvor beschriebenen Interaktion um eine Entgrenzung oder Entspannung seitens des Lehrers handelt.

2. Sequenzielle Analyse

Fallbeispiel

„Die Sache mit der Kreide“:

(1) „Ohne zu klopfen betritt ein Schüler eine andere Klasse.
(2) S: Darf ich mir ein Stück Kreide ausleihen?
(3) L: Wieso ausleihen? Bringen Sie sie wieder zurück?
(4) S: Ja
(5) L: Aber das gehtja nicht; Sie wollen doch damit schreiben, dann wird sie doch kleiner.
(6) S (nimmt die Kreide): Na gut, dann leih ich mir eben einen Teil und den anderen stehle ich.
(7) L: Warum nicht gleich so.“

Anwendung der objektiven Hermeneutik

Um im Sinne dersequenziellen Analyse zu arbeiten, werde ich die erste Aussage zunächst von den anderen losgelöst betrachten.

(1) „Ohne zu klopfen betritt ein Schülereine andere Klasse“

Da ich die Methode der objektiven Hermeneutik anwende, muss ich die Aussage zunächst vom Kontext lösen und somit ändern. „Schüler“ wird also „Jemand“ und „die Klasse“ wird „ein Raum“. Nun erstellen wir verschiedene Szenarien die dieser Aussage entsprechen:

1) Die Person klopft bewusst nicht, da sie den Raum kennt und weiß, dass er leer ist.
2) Die Person klopft bewusst nicht, um die im Raum anwesenden zu stören.
3) Die Person vergisst zu klopfen, wollte eventuell im Raum Anwesende aber nicht stören.

Szenario 1) ist häufig Folge simpler Logik. Wenn sie einen Raum betreten bei dem sie sich sicher sein können, dass er leer ist (z.B. ein Abstellraum) ist es unnötig zu klopfen.

Bei 2) handelt es sich um ein aktives stören der im Raum anwesenden. Man muss also davon ausgehen, dass die Person das Handeln der Menschen im Raum unangekündigt stören möchte. Dies müsste dann Folge einer bestimmten Motivation sein, verschiedene Möglichkeiten werden dahin gehend später analysiert.

Bei Szenario 3) wird zwar wieder das Handeln der im Raum anwesenden Personen unterbrochen, es liegt dem aber keine böse Absicht zu Grunde. Man könnte also eine Entschuldigung der klopfenden Person erwarten und muss davon ausgehen, dass diese für gewöhnlich geklopft hätte.

Im Kontext betrachtet fällt 1) dem entsprechend weg und ist nicht von Wert für unsere Analyse, da der Schüler immer andere Personen in einer Klasse erwarten muss.

Szenario 2) lässt den Schüler frech und schlecht erzogen wirken. Man muss davon ausgehen, dass er die Absicht hat Lehrer und Schüler der Klasse zu stören. Motivation dafür könnte z.B. eine persönliche Abneigung gegenüber dem Lehrer sein. Es ist aber auch möglich, dass der klopfende Schüler das Image des Regelbrechers von sich selbst erzeugen will. Damit könnte er den anderen Schülern gegenüber zeigen wollen, dass er die Autorität des Lehrers wissentlich missachtet und sich ihm nicht untergeordnet fühlt.

Auch die Möglichkeit 3) ist im Kontext plausibel. Der Schüler ist eventuell noch sehr jung und lernt noch, dass es sich gehört, anzuklopfen. Des Weiteren könnte er mit den Gedanken noch bei seinem eigentlichen Unterricht sein und es in der Eile schlicht weg vergessen haben, zu klopfen.

Nun folgt der zweite Satz und wird unter Zuhilfenahme des ersten Satzes interpretiert. Alle folgenden Sätze bleiben jeweils unberücksichtigt als würden sie (noch) nicht existieren. Außerdem gilt es nach jedem interpretierten Satz Kontexte zu rekonstruieren, in denen der Satz gefallen sein könnte. Nach der Interpretation des nächsten Satzes wird dann jeweils abgewogen welcher der vorherigen Kontexte nun noch möglich ist, welcher ausgeschlossen werden kann und welcher wahrscheinlicher wird. Auf diese Weise wird der ganze Text nach und nach analysiert.

(2) ,,S: Darfich mir ein Stück Kreide ausleihen?“

Im Kontext mit dem ersten Satz scheint es nun also so als wäre der Schüler tatsächlich nicht auf Höflichkeit besinnt und Szenario 2) zutreffend. Er fragt zwar und verlangt die Kreide nicht, allerdings entschuldigt er sich nicht für das fehlende Klopfen und grüßt den Lehrer auch nicht. Ein simples „Hallo“ wäre hier allerdings normal gewesen. Szenario 3) istjedoch noch immer plausibel unter der Voraussetzung, dass der Schüler in Eile ist und daher die üblichen Höflichkeiten vergisst.

Zudem hat der Lehrer nun zwei Antwortmöglichkeiten eröffnet bekommen:

- Er geht einfach auf die Frage des Schülers ein und gibt ihm die Kreide/ gibt sie ihm nicht.
- Er spricht das Fehlverhalten des Schülers an.

(3) ,,L: Wieso ausleihen? Bringen Sie sie wiederzurück?“

Zunächst können wir die in 3) bei Aussage (1) getätigte Möglichkeit, dass der Schüler noch sehr jung sei, eliminieren. Die Ansprache des Schülers mit „Sie“ zeigt dessen ungefähres Alter natürlich an.

Es scheint als hätte der Lehrer außerhalb der logischen Antwortmöglichkeiten reagiert. Er spricht die fehlende Höflichkeit des Schülers nicht direkt an. Außerdem lässt er offen, ob er dem Schüler die Kreide gibt und fragt, ob dieserjene denn zurück bringen würde. Die Frage scheint redundant, da „ausleihen“ impliziert, dass die Kreide wieder zurück gebracht wird.

Dem Schüler eröffnen sich nun wieder neue Antwortmöglichkeiten:

- Er antwortet auf die Frage.
- Er merkt an, dass die Frage redundant ist.

(4) „S:Ja“

Der Schüler antwortet so kurz wie möglich auf die Frage und merkt nicht an, dass diese redundant war. Es gibt allerdings zwei mögliche Gründe warum er es nicht anmerkt:

1- Der Schüler erkennt die Redundanz der Frage überhaupt nicht.
2- Der Schüler ignoriert die Redundanz der Frage wissentlich.

Aus dem Kontext ergibt sich zunächst nicht welcher der beiden Gründe zutrifft.

Dass seine Antwort extrem kurz ist, könnte allerdings ein weiteres Anzeichen für die zuvor vermutete Eile des Schülers sein.

[...]


1 Fortan als Lehrer/-innen zu verstehen

2 Fortan als Schülerinnen zu verstehen

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
"Die Sache mit der Kreide". Anwendung der objektiven Hermeneutik im Schulalltag
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Schulpädagogik
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V940801
ISBN (eBook)
9783346273178
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fallbeisppiel, Hermeneutik, Schule, Pädagogik
Arbeit zitieren
Max Kilburg (Autor), 2019, "Die Sache mit der Kreide". Anwendung der objektiven Hermeneutik im Schulalltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/940801

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