Gemeinwesenarbeit im Kontext Sozialer Arbeit. Eine Annäherung an Begriffe und Leitlinien


Hausarbeit, 2019

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Heranführung an eine Definition von Gemeinwesenarbeit

Historische Entwicklung der GWA und der Community Organization

Von der GWA zur Sozialraumorientierung

Sozialraumorientierung als Perspektive Sozialer Arbeit

Quartiersmanagement und „Soziale Stadt“

Das Programm „Soziale Stadt“ als Beispiel für die Arbeit des Quartiersmanagements

Quartiersmanagement als intermediäre Instanz

Bürger*innenbeteiligung und -aktivierung: Stadtteilbegehung und aktivierende Befragung

Vergleich der Methoden Stadtteilbegehung und aktivierende Befragung

Fazit

Einleitung

Gemeinwesenarbeit, seit den 1960er Jahren auch als „dritte Methode“ der Sozialen Arbeit neben der Einzelfall- und der Gruppenarbeit bezeichnet, setzt sich ganz allgemein für eine systematische, übergeordnete Betrachtung der Lebensbedingungen von Menschen in territorialen Einheiten wie Stadtteilen ein, ermittelt soziale Ungleichheiten und aktiviert die Bürger*innen, sich für ihre Interessen zu engagieren (vgl. Gillich in Gillich 2009:9ff).

Im Folgenden soll die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit im Kontext Sozialer Arbeit dargestellt werden, über ihre Bedeutung als „dritte Methode“, hin zur Perspektive der Sozialraumorientierung als erweiterter Ansatz gemeinwesenbetonter Arbeit. Dabei soll ein Eindruck davon vermittelt werden, welche Ziele die Gemeinwesenarbeit verfolgt, wie sich diese verändert haben bzw. in welchem Kontext sich diese verändern. Als Beispiel integrativer Handlungsansätze, um soziale Problemlagen z.B. schon präventiv zu vermeiden, oder eigenmächtig zu bewältigen, wird das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ skizziert und anhand des Sanierungsprogramms des Quartiersmanagements der Stadt Hannover für den Stadtteil Mühlenberg Methoden der Bürger*innenbeteiligung exemplarisch ausgeführt. Das Quartiersmanagement nimmt dabei die institutionelle Rolle ein, die integrativen Handlungsansätze langfristig umzusetzen und sich überflüssig zu machen. Dies soll über eine Aktivierung von Bewohner*innen der Quartiere gelingen.

Die Gemeinwesenarbeit hat in der Bundesrepublik Deutschland noch keine lange Geschichte durchlaufen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde mit der Settlement­Bewegung in Großbritannien der erste Schritt in Richtung gemeinwesenorientierter Arbeit im Kontext der Sozialarbeit getan wurde. Wenig später bereitete Jane Addams mit der Errichtung des „Hull House“ in Chicago, USA den Weg für eine Verknüpfung von Sozialer Arbeit und politischem Engagement. In Deutschland folgten erst in den 1920ern solche Nachbarschaftshäuser (BIitzan/ Klöck 1994:40). In den 1930ern hatten diese unter den Nationalsozialisten wieder zunehmend eine notlindernde statt politischer Funktion. Erst mit den Studentenbewegungen in den 1960er Jahren wurde die Gemeinwesenarbeit als Teil Sozialer Arbeit zunehmend politisch und setzte sich außerdem als „dritte Methode“, neben Einzelfall- und Gruppenarbeit in der Sozialen Arbeit durch. Zwanzig Jahre später, in den 80er Jahren entwickelte sich die Gemeinwesenarbeit hin zur „stadtteilbezogenen Arbeit“, wobei ein neuer Schwerpunkt auf der Hinwendung zu pragmatischen Handlungsmöglichkeiten lag, welche sich an den (vor allem territorial abgegrenzten) Lebenswelten und der Verbesserung der zugrundeliegenden Bedingungen orientierte. Begriffe wie „Sozialraumorientierung“, „sozial benachteiligte Stadtteile“ oder „stadtteilbezogene Soziale Arbeit“ und aktuellere wie das Bund-Länder­Programm „Soziale Stadt“ zeigen, dass die Gemeinwesenarbeit zunehmend als „durchgängiges Prinzip jeglicher sozialer Arbeit“ verstanden wurde und wird (vgl. Gillich in Gillich 2002:9 und Lüttringhaus in Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel 2007:16).

„Das Arbeitsprinzip Gemeinwesenarbeit signalisiert, dass der Zusammenhang von persönlichen, sozialen, materiellen und infrastrukturellen Begrenzungen- unabhängig von den jeweiligen Arbeitsschwerpunkten- nicht ausgeblendet werden darf. Die isolierte Betrachtung der Methoden Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit wird den Erfordernissen, die aus dem Auftrag der Sozialen Arbeit resultieren, nicht gerecht. Die Herausforderung besteht darin, Lebenswelten ganzheitlich zu erfassen. (...) Soziale Arbeit greift zu kurz, wenn sie sich auf Beziehungsarbeit reduziert (...), dann aber die einzelne Person allein lässt, wenn es darum geht, notwendige materielle oder infrastrukturelle Grundlagen zu schaffen(...).“ (Lüttringhaus in Hinte u.a. 2007:18)

Damit legitimiert sich die Gemeinwesenarbeit als Grundkonzept bzw. -einstellung jeglicher Sozialer Arbeit, indem sie die Einzelfall- bzw. Gruppenarbeit immer auch im Hinblick auf das gesamte System, welches Lebenswelten prägt, betrachtet. Im Sinne Bourdieus „Gegenfeuer“ ist es die Aufgabe von Intellektuellen, konkreter Wissenschaftlern, „(...) [ihre] Kompetenz, [ihre] fachliche Autorität und die mit [ihrem] Berufsethos verbundenen Werte der Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkeit in die politische Auseinandersetzung mit ein[zu bringen], oder, anders gesagt, [sie begeben] sich auf politisches Gebiet, ohne die Ansprüche des Wissenschaftlers abzugeben“ (vgl. Bourdieu 2004:153f). Was Bourdieu hier auf Wissenschaftler bezieht, lässt sich auch auf Sozialarbeitende übertragen: Ihre Aufgabe besteht nicht nur in der Unterstützung von Individuen oder Gruppen, sondern auch in der nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen, was politische Engagement erfordert. Historisch betrachtet, hat sich die Gemeinwesenarbeit von wohlfahrtstaatlichem Engagement zu einem Arbeitsansatz entwickelt, der die gesamte Soziale Arbeit prägt und deutlich macht, dass es nicht nur darum gehen kann, Probleme wie Armut zu „verwalten“, sondern dass z.B. Armut auch eingeschränkte Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben bedeutet , die eine „Politik der Integration“ erfordert (vgl. Gillich in GiIlich 2002:10f.). Daraus ergeben sich zwei zentrale Herausforderungen für Sozialarbeitende im Gemeinwesen: Zum einen müssen sie sich der Verantwortung stellen, ihre Arbeit in politische Kontexte einzuordnen und klar Stellung zu beziehen. Zum anderen geht es darum, den Bürger*innen selbst eine politische Stimme zu geben. Dazu muss vor allem die Beteiligung dieser einen größeren Stellenwert bekommen.

Im Verlauf dieser Arbeit wird sich zunächst an verschiedene Begriffe wie „Gemeinwesenarbeit“, „stadtteilbezogene Soziale Arbeit“ und „Sozialraumorientierung“ herangetastet.

Heranführung an eine Definition von GWA

In Anbetracht der Unschärfe des Begriffs „Gemeinwesenarbeit“ ist es schwierig eine allgemeine Definition geben zu können. Vielmehr wird anhand der Entwicklung des Begriffs auch die Veränderung deutlich, die Gemeinwesenarbeit als Teilbereich Sozialer Arbeit (vor allem) in Deutschland durchlaufen hat. Dabei dient die spezifische Geschichtsschreibung im deutschsprachigen Raum als identitätsstiftendes Element (vgl. Reutlinger, o.J.). Ganz allgemein ist Gemeinwesenarbeit (im Folgenden kurz GWA genannt) am besten in Abgrenzung zum klassischen Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit, dem Einzelfall abzugrenzen. Es geht darum „(. ) in einem definierten Territorium (. ), unter tätiger Mithilfe der Wohnbevölkerung, die Lebensverhältnisse in einem Quartier so zu gestalten und zu verbessern, dass die dort lebenden Bevölkerungsgruppen in der Lage sind, ihren Alltag nach ihren Vorstellungen im Sinne eines „gelingenden Lebens“ zu gestalten“ (vgl. Hinte in Graßhoff/ Renker/ Schröer 2018:205).

Hinte nennt damit schon einige Merkmale der Gemeinwesenarbeit, nämlich, dass sie in einem festgelegten territorialen Rahmen, mithilfe von Bürgerbeteiligung und mit dem politischen und sozialen Auftrag der Verbesserung von Lebensbedingungen stattfindet. So wie der*die Case Manager*in in der Einzelfallhilfe zwischen Klient*in und Hilfemöglichkeiten vermittelt, um ein Hilfenetzwerk zu erstellen, so haben auch Gemeinwesenarbeitende eine intermediäre Funktion. Allerdings bezieht sich diese auf die Vermittlung zwischen Bevölkerungsgruppen und dem Träger, in dessen „Auftrag“ GWA stattfinden soll.

Hier wird deutlich, dass gerade GWA stark von politischen Interessen beeinflusst wird. In einer ökonomisierten Welt, in der der*die Einzelne dem Neoliberalismus ausgesetzt ist und damit scheinbar viel mehr sich selbst überlassen ist, ist die GWA wichtiger denn je, wenn es darum geht, die soziale Entwicklung von Stadt(-teilen) wieder in den Vordergrund zu rücken (vgl. Gillich in Gillich 2002:10ff.).

Damit wird klar, dass es, wenn von GWA die Rede ist, vor allem um eine territoriale Abgrenzung des Arbeitsfeldes geht. Doch genau hier sieht Reutlinger eine aktuelle Krise, in der die GWA steckt: In Anbetracht dessen, dass durch die Digitalisierung weniger territorial greifbare, aber für Lebenswelten relevante Räume wie zum Beispiel Chaträume, E-Mail-Verkehr oder digitale Bearbeitungsprozesse bei Behörden entstehen, wird es schwieriger dem Anspruch der GWA an Vergemeinschaftung sowie Vergesellschaftung gerecht zu werden (vgl. Reutlinger o.J ). Dazu wird die GWA um Begriffe wie „Sozialraumorientierung“ ergänzt, die Ansätze, die GWA und Soziale Arbeit verbindet, haben sich über die letzten Jahrzehnte verändert (Gillich in Gillich 2002:9f.).

Dass GWA ein diffuses Konglomerat von Strategien, Handlungsansätzen, theoretischen und methodischen Ansatzpunkten ist, erfordert eine Auseinandersetzung mit der Geschichtsschreibung als Gemeinsamkeit „der“ Gemeinwesenarbeit in der BRD (vgl. ebd.). Erst dann erklären sich weitere Begriffe wie „Sozialraumorientierung“ der „stadtteilbezogene Soziale Arbeit“, welche die Theorie von Gemeinwesenarbeit ausmachen.

Historische Entwicklung der GWA und der Community Organization

Wie auch in der Sozialen Arbeit gibt es für die GWA keine einheitliche Theorie. Dies würde verlangen, dass „eine geordnete Menge von Konzepten und Positionen, die aufeinander formal-logisch abgestimmt sind und Aussagen (...) über die Realität [machen], und, wenn möglich, der Prognose sozialen Geschehens, ohne den Anspruch auf Gesetzmäßigkeit aufzuheben“, existiere (vgl. Mohrlock/Neubauer/ Neubauer/ Schönfelder 1993:21f.). Da die Ursprünge der Gemeinwesenarbeit auf die britische Settlement-Bewegung bzw. die US-amerikanische Arbeit der Community Organization zurückzuführen sind, soll zunächst exemplarisch anhand des letzteren Beispiels eine kurze Einführung in dieses Feld stattfinden.

Wenn von Community Organization die Rede ist, sind damit ebenso Begriffe wie Community Development, Community Organizing, Neighborhood Organizing oder Social Organization gemeint. All diese Begriffe haben gemein, dass sie als Sozialarbeit aus den Problemen der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) entstanden (Mohrlock u.a. 1993:22f.). Als eine der ersten Institutionen wurde 1877 nach Londoner Vorbild die Charity Organization Society (COS) gegründet, deren Ziel es war, durch systematische Hilfeleistungen langfristig Armut zu bekämpfen (vgl.ebd.). Kritik an dieser Art der Hilfe gab es in Form von Vorwürfen, dass so die Trägheit der Betroffen noch gefördert würde (ebd.). Setzte sich das Team zu diesem Zeitpunkt vor allem aus Ehrenamtlichen zusammen, so kam durch die Kritik die Wende hin zu professionellen, sich auf wissenschaftliche Studien stützenden Hauptamtlichen, welche für die COS zuständig waren (Mohrlock u.a. 1993:23f.). Dies legte den Grundstein für die Professionalisierung der Armenhilfe in den USA, nicht zuletzt durch das Engagement von Menschen wie Mary Richmond, welche die Notwendigkeit von Wohlfahrtstätigkeit auf Stadtteilebene erkannten (vgl. ebd. S.24).

Parallel zur CO entstand nach dem Vorbild der englischen Toynbee Hall , die von Samuel Barnett 1884 gegründet wurde, die Settlement-Bewegung, bei der vorwiegend hochgebildete Menschen in Häuser in den Slums der Großstädte zogen und dort mit den Bewohnern arbeiteten. Dies wurde auch in den USA praktiziert, beispielsweise gründete Jane Addams das Chicagoer Settlement „Hull House“ (ebd.). Pragmatik war dabei eher die Handlungsgrundlage als eine einheitliche Theorie wie bei den COS. Die Settlement-Bewegung wollte außerdem die Selbsthilfekräfte wecken, den Bewohnern einen Rahmen zur Entwicklung von Kompetenzen geben, vor allem aber Verbesserungen in der Sozialgesetzgebung auf lokaler, bundesstattlicher und nationaler Ebene erwirken (vgl. ebd. S.25f). Hier zeigt sich auch das politische Engagement der Settlement-Bewegung, indem sie u.a. politische Gruppierungen, Gewerkschaften und die Bürgerrechtsbewegung unterstützten. Dies ließ Anfang des 20. Jahrhunderts angesichts der Kriegs- und Nachkriegsjahre nach, der Fokus lag aber nach wie vor auf der Professionalisierung und Effektivierung Sozialer Arbeit, sodass Settlement-Bewegung und COS zunehmend zusammenarbeiteten (ebd.). Mit dem Bewusstsein des direkten Zusammenhangs von persönlichen Notlagen und Lebens- und Arbeitsbedingungen, wurden außerdem Community Center in Schulen als basisdemokratisch organisierter Ort, geschaffen an dem im Stadtteil Austausch stattfinden konnte. Community Center boten allerdings eher Raum für Kultur- oder Sportveranstaltungen, als für konkrete politische Aktionen. Parallel entwickelte sich die COS zusehends zur Einzelfallhilfe und war damit beschäftigt Soziale Arbeit als Profession anzuerkennen (ebd. S.26). Der Begriff „Community Organization“ etablierte sich ab etwa 1912, wenn auch ohne einheitliche Theorie. Charakteristisch waren von da an die demokratische Komponente, sowie die gesellschaftliche Anerkennung der COS als professionelle Sozialeinrichtungen, wodurch gesellschaftliche Zusammenhänge stärker in den Fokus der Sozialen Arbeit geriet (vgl. ebd. S.27).

Zusammengefasst entstand Community Organization Ende des 19. Jahrhunderts als „reformerische und wohltätige Aktivität von Menschen der gebildeten Mittel- und Oberschicht“ in den Slumgebieten der US-Großstädte (vgl. Mohrlock/Neubauer/ Neubauer/ Schönfelder 1993:39f). Von da an entwickelte sich die CO in zwei Richtungen: Zum einen wurde CO als eine Methode der Sozialen Arbeit in diese integriert, vor allem im Hinblick auf Koordination von Institutionen und den Ausbau sozialer Dienstleistungen (ebd.). Zum anderen wurde die CO außerhalb der Sozialen Arbeit genutzt, um bürgerschaftliche Aktivitäten auf lokaler Ebene zu organisieren. Wegbereiter dafür war Saul Alinsky, der einige Strategien und Techniken in Anlehnung an die Gewerkschaften entwickelte. Alinsky distanzierte sich von der Sozialen Arbeit, weil er diese als bevormundend gegenüber den Bürger*innen verstand und nicht als Institution des Empowerment (ebd. S.36).

Als Zwischenstand der Entwicklungen kann man sagen, CO hatte sich ab den 1960ern zunehmend der Bürger*innenpartizipation, der Demokratie und Reformen verschrieben, was auch an der Anerkennung der CO als „dritte Methode“ der Soziale Arbeit lag. Als dritte Methode wurde die CO bzw. in der BRD die GWA bezeichnet, weil bisher die Methoden der Einzelfall- bzw. Arbeit mit Gruppen Gegenstand Sozialer Arbeit waren.

Nach Deutschland wurden ab ca. 1948 viele Ideen importiert, wie Soziale Arbeit im Angesicht der Orientierungslosigkeit der Nachkriegszeit funktionieren könnte, u.a. wurde die Einzelfall- bzw. Gruppenarbeit etabliert (ebd. S. 40). Als Beispiel dient hier Hertha Kraus' Aufsatz über „Amerikanische Methoden der Gemeinschaftshilfe“, der 1951 veröffentlicht wurde. Die Problematik daran war dabei die unreflektierte 6 Übernahme von Kenntnissen und Fähigkeiten, die in völlig anderem gesellschaftlichem und politischem Kontext praktisch entwickelt worden waren, also „gegen den Widerstand der Praxis“ übergestülpt worden sind (Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980:45). Somit ist begrifflich eine Unterscheidung zwischen Gemeinwesenarbeit und Community Organization zu machen, da die GWA in Deutschland sich erst unter dem Einfluss der CO der USA, sowie den Niederlanden und England heraus entwickeln konnte.

Bis in die 60er Jahre war GWA vor allem ein Teilbereich Sozialer Arbeit, der in den 1970ern im Kontext Sozialer Bewegungen eine Revolution zu erleben schien. Es entwickelten sich verschiedene Richtungen, in die die GWA gelenkt werden sollte. Die „aggressive GWA“ wollte vor allem an bestehenden Machtstrukturen rütteln, indem sie den „solidarischen Zusammenschluss von Minderheiten innerhalb eines Wohnquartiers“ vorantrieb (vgl. Müller in Müller/ Nimmermann 1971:232). Im Gegensatz dazu vertrat die „integrative GWA“ eine gemäßigtere Position, bei der sie getreu dem Motto „Verschiedenheit ist Einheit“ den Glauben an eine Anpassung von Einzel- bzw. Gruppeninteressen an ein Gemeinwohl vertraten (vgl. Ross 1971:67). Eine weitere Richtung schlug die GWA mit der Einstellung ein, vor allem zur Selbsthilfe zu aktivieren, um so die Lebensbedingungen in benachteiligten Stadtteilen verändern zu können bzw. Ressourcen für Veränderung zu schaffen. Dies wird als „Katalytisch-aktivierende GWA“ bezeichnet (vgl. Karas/Hinte in Horn u.a.1978).

Von der GWA zur Sozialraumorientierung

Die Differenzen zwischen den Herangehensweisen waren es, die zu weiterer Ungenauigkeit des Begriffes führten. Anfang der 1980er Jahre gab es kein einheitliches Konzept mehr, das die GWA-Ansätze vereinen konnte, die GWA stand sich selbst im Weg (Reutlinger o.J.). Das Ringen um begriffliche Genauigkeit und gemeinsame theoretische Grundlagen führte zu verschiedenen Versuchen, die GWA wiederzubeleben. Mit Dieter Oelschlägels „Arbeitsprinzip GWA“, bekam dieselbe 1980 wieder Auftrieb. Nun umfasste dieser Begriff ein ganzes „(...) Bündel theoretischer und methodischer Aussagen für damals „fortschrittliche“ Sozialarbeit, die als konzeptionelle Grundlage für soziale Arbeit in allen denkbaren Berufsfeldern dienen sollte“ (vgl. Hinte/ Lüttrinhaus/ Oelschlägel 2007:8f). Damit stellte GWA eher eine Einstellung - statt einer Theorie, Methode oder eines Ansatzes dar - welche in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit Verwendung finden konnte.

Im Dilemma der Begriffe, für die es nur noch unspezifische, aufgrund ihrer Historie belastete Definitionen und Verknüpfungen gab, etablierten sich auch Begriffe wie „stadtteilbezogene Soziale Arbeit“ oder „Stadtteilorientierung“, welche noch keine spezifische Historie im GWA-Kontext hatten. Man versuchte über neue Begriffe auch eine neue Identität der GWA zu (er-)finden (vgl. Hinte/ Lüttringhaus/ Oelschlägel 2007:7f.) Besonders die Sozialraumorientierung gilt nach wie vor als Leitansatz Sozialer Arbeit im Hinblick auf Gemeinwesenarbeit.

„In der Sozialraumorientierung geht es nicht darum, mit großem Methodenarsenal und pädagogischer Absicht Menschen zu verändern, sondern, darum, Lebenswelten zu gestalten und Arrangements zu kreieren, die dazu beitragen, dass Menschen auch in prekären Lebenssituationen zurechtkommen“ (Hinte/ Lüttringhaus/Oelschlägel 2007:9 nach Hinte/Treeß 2007).

Während die stadtteilbezogene Soziale Arbeit sich vor allem an die territoriale Einteilung von Stadt als Handlungsfeld von GWA hält, wird diese Einheit durch die Sozialraumorientierung ergänzt. Seit ihren Anfängen wird GWA als territoriale, kategoriale und/ oder funktionale Einheit gefasst, d.h. sie orientiert sich maßgeblich territorial an Orten wie z.B. einem Stadtteil, an Kategorien wie etwa Kinder- und Jugendbelangen oder an funktionalen Aspekten, beispielsweise in Bezug auf die Infrastruktur eines Stadtteils. Als Abgrenzung für Handlungsbereiche dient aber nach wie vor der geografisch verortete Raum. Dies kritisiert Reutlinger im Hinblick darauf, dass die Perspektive im Zentrum der GWA stehen müsse, d.h. „wie meist erwachsene Individuen (...) in der Gruppe oder Gemeinschaft (selten Gesellschaft) handeln, wie sie ihre Bedürfnisse und Interessen artikulieren können, sich beteiligen (lassen) und darüber die Lebensbedingungen verbessern können“ (vgl. Reutlinger o.J.). Um dem gerecht werden zu können, reicht eine territoriale Verortung nicht aus. Dies wird an der Abwendung vom Begriff „Stadtteilorientierung“ hin zur „Sozialraumorientierung“ deutlich.

Die Settlement-Bewegung hatte vor allem die „Arbeiterfrage“ als soziale Herausforderung zu klären, waren es doch die Arbeiterviertel, an denen sich soziale Probleme wie Armut ablesen ließen. Somit konnten Settlement-Bewohner*innen einen sozialen Handlungsraum innerhalb eines geografischen Raumes schaffen, „soziale Prozesse und territoriale Welt entsprachen [sich]“ (vgl. Reutlinger o.J.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Gemeinwesenarbeit im Kontext Sozialer Arbeit. Eine Annäherung an Begriffe und Leitlinien
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
24
Katalognummer
V941486
ISBN (eBook)
9783346281005
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gemeinwesenarbeit GWA Begriffe Leitlinien
Arbeit zitieren
Britta Hofmann (Autor), 2019, Gemeinwesenarbeit im Kontext Sozialer Arbeit. Eine Annäherung an Begriffe und Leitlinien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941486

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