Kritische Hermeneutik. Interpretation der “Tag- und Nachtlieder” von Tristan Marquardt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

15 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kritische Hermeneutik
1.1. Entstehung der kritischen Hermeneutik
1.2. Methode der kritischen Hermeneutik
1.3. Vorgehen mit der “Insistierenden Lektüre”

2. “tag- und nachtlieder”
2.1. Tristan Marquardt
2.2. Vorwort von Robert Musil
2.3. Interpretation “Tag- und Nachtlieder”
2.3.1. Strophe 1
2.3.2. Strophe 2
2.3.3. Strophe 3
2.3.4. Strophe 4
2.3.5. Strophe 5

3. Literaturverzeichnis
3.1. Internetquellen

4. Anhang

1. Kritische Hermeneutik

In dieser Arbeit wird der erste Teil des zeitgenössischen Gedichts “tag- und nachtlieder” von Tristan Marquardt aus dem Gedichtband “Scrollen in Tiefsee” aus dem Jahr 2018 mit der Methode der kritischen Hermeneutik interpretiert. Dazu wird zunächst die Methode der kritischen Hermeneutik hinsichtlich ihrer Entstehung und ihren wichtigsten Vertreten betrachtet. Danach wird die theoretische Grundlage der Methode und ihr Ansatz zur Interpretation von lyrischen Texten beschrieben. Im Anschluss wird das methodische Vorgehen der “insistierenden Lektüre” bei einer Interpretation mit der kritischen Hermeneutik in einzelnen Schritten näher erläutert.

1.1. Entstehung der kritischen Hermeneutik

Die kritische Hermeneutik ist eine noch recht junge Theorie der Interpretation von literarischen Texten, sie wurde entwickelt von Jean Bollack und Christoph König. Der Ansatz der Hermeneutik als “Lehre vom Verstehen” geht jedoch bis in die Antike zurück, denn seitdem es geschriebene Texte gab, war auch das Problem des Verstehens dieser Texte präsent.1 Ende des 18. Jahrhundert, in der Epoche der Frühromantik, wird die Hermeneutik von Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher zu einer Wissenschaftsdisziplin ausgebaut und sie entwickelten Regeln für das Textverstehen, die auch für die kritische Hermeneutik von Bollack und König als Leitfaden dienen.2 Schlegel und Schleiermacher reagieren mit ihrem Ansatz einer literarischen Hermeneutik auf die stetige Debatte über das Missverstehen und die Vieldeutigkeit in Texten. Schleiermacher entwickelt zwei Interpretationsperspektiven, die dem Leser helfen sollen, sich dem Sinn des Textes anzunähern. Zum einen geht es ihm dabei um die psychologische Interpretation, bei der sich der Deuter in den Dichter hineinversetzen soll, um dessen Horizont und den schöpferischen Ursprung des Werks nachzuvollziehen. Zum anderen, geht es um die grammatische Interpretation, die sich auf den sprachlichen Aufbau des Textes konzentriert und damit eher ein technisches Interpretationswerkzeug darstellt. Dabei sollen die Sprachstrukturen und auch Neuschöpfungen von Sprachbedeutungen vom Deuter genauer untersucht werden. Der Leser soll also zunächst, durch das hineinversetzen in den Autor und das rekonstruieren des schöpferischen Akts, eine Deutung konstruieren und sich anschließend durch die grammatischen Interpretation im einzelnen rückversichern, sodass eine “Kreisstruktur des Verstehens”3 entsteht.4 Auch Christoph König verweist in seiner Monographie zur Interpretation der >Sonette an Orpheus< von Rilke auf den Ansatz von Schlegel und Schleiermacher, dass das Verstehen von Texten ein zyklischer Vorgang ist, also stets ein rückversichern und reflektieren über die eigenen Resultate und Methoden beinhaltet. Zudem betont er das “Phänomen der Individualität”5, welches bereits von Schleiermacher in der Deutungsarbeit als zentral dargestellt wird. König führt diese Überlegung weiter aus, indem er sagt, dass sich ein Gedicht verstehen lässt “weil es sich selbst konstruiert und insofern über sich nachdenkt.”6. Damit ist gemeint, dass jedes Gedicht durch eine aktive Verstandestätigkeit eines Autors entstanden ist und sich damit auch im Text ein “Sinn” oder “Verstand” wiederfinden lässt. Daher ist es möglich, auch wenn ein Werk zunächst fremd und unverständlich erscheint, einen Sinn darin zu finden, da der Autor in seinem Schreibprozess diesen Sinn mit Verstand in den Text eingearbeitet hat.7 “So trifft die Aktivität des Interpreten auf eine verbindliche reflexive Aktivität des Textes.”8

1.2. Methode der kritischen Hermeneutik

Wie bereits beschrieben bezieht sich Christoph König in seiner Auslegung der kritischen Hermeneutik auf den hermeneutischen Ansatz von Schleiermacher. Er stimmt mit ihm überein, dass die subjektive und individuelle Sprachverwendung des Autors zur Konstruktion einer Sinndeutung notwendig ist und dass eine stetige Reflexion der eigenen Hypothesen und Methoden und damit ein zyklisches Verstehen die Interpretation bestimmt. Um diese beiden Schritte in der Interpretation praktisch durchzuführen, entwickelt König zusammen mit Jean Bollack die Methode der “insistierenden Lektüre”. Der Philologe John Bollack beschäftigte sich in seiner Forschung mit der Hermeneutik und gründete in Lille das “Centre de recherche philologique”, ein Forschungszentrum für Philologie und Hermeneutik.9 Seine dort, in Zusammenarbeit mit Christoph König, entwickelte kritische Hermeneutik, besteht darin, die Syntax in den Mittelpunkt der Interpretation zu stellen. Durch das betrachten der Syntax, will Bollack eine stimmige Argumentation erreichen, die “Logik des Produziertseins” eines Werkes erfassen. Für Bollack und König zeigt sich in der Syntax die Subjektivität, mit der das Werk konstruiert wurde. Diese Kompositionsgesetze müssen für eine sinnvolle Interpretation mit einbezogen werden. Das geschieht durch die “insistierende Lektüre”, welche das methodische Vorgehen der kritischen Hermeneutik beschreibt. Insistieren setzt dabei voraus, das der Prozess der Lektüre unabschließbar ist und schließt sich dabei Schlegels Konzept an, dass aufgestellte Hypothesen immer wieder reflektiert werden müssen und man bei jeder Lektüre neue Erkenntnisse aus dem Text ziehen kann. Die Lektüre ist vor allem für Texte mit einem schwer zu fassendem Sinn gedacht, da jedem Text eine subjektive Vernunft und ein Sinn zugrunde liegt, die der Autor ihm gegeben hat, dem man sich aber nur durch wiederholendes lesen, nachvollziehen und reflektieren nähern kann.10 Dieses Prinzip beschreibt Bollack in seiner Monographie über Paul Celan, in der er auf die Poetik der Fremdheit in seinen Werken eingeht. Um diese Fremdheit, oder wie Bollack sie auch nennt, Dunkelheit, verstehen zu können, nutzt er die insistierende Lektüre seiner kritischen Hermeneutik. In seinen Ausführungen zu dem Werk beschreibt er, dass die Dunkelheit, wie er sie in Celans Werken findet, eine Klarheit besitzt, die man als Leser entschlüsseln muss.11 Für ihn ist die Dunkelheit eine Sinndimension die durch bestimmte Wörter und in ihrer wechselseitigen Beziehungen untereinander geschaffen wurde.

“Der Text ist sein eigener Schlüssel. Wenn man das Gedicht lesen und verstehen will, wenn man es zur Transparenz einer Bedeutung bringen will, so muß es im Licht einer idiomatisch geprägten Sprache gelesen werden.”12

Jean Bollack macht damit deutlich, dass der Text seine eigene Sprache besitzt, auf die sich der Leser einlassen und sie entschlüsseln muss. Der Text ist dabei sein eigener Schlüssel, da er vom Autor im Schreibprozess codiert wurde, so kann er vom Leser durch die Lektüre auch wieder dekodiert werden, wenn er sich dem Text zuwendet und sich ihm unterwirft.13 Bollack unterscheidet dabei zwei Voraussetzungen, um den Sinn und die individuelle Sprache des Gedichts zu verstehen. Zum einen muss das Gedicht sinnintern erfasst werden, der Leser muss sich die Bedeutungswerte des Textes aneignen. Zum anderen die sinnexternen Voraussetzungen, dazu zählen kulturelle Einflüsse auf den Autor und ein damit verbundenes Hintergrundwissen, das der Leser benötigt.14 Denn alle Erfahrungen die ein Autor macht, werden in private Materie verarbeitet und in Sprache übersetzt, welche dem Text dann einen ganz eigenen Charakter gibt. Diese individuelle Sprache des Dichters muss der Leser sich aneignen und versuchen zu entschlüsseln.15 Die Lektüre ist damit eine Entzifferung, Entdeckung und Rekonstruktion des Schreibprozess, ein Einlassen auf die Fremdartigkeit des Textes, welche einen expliziten Sinn enthält, der keine Mehrdeutigkeiten zulässt. Denn Gedichte kommentieren sich selbst und zeigen, worauf sie sich beziehen und was sie umschreiben, der Leser muss dafür nur die Vorstellung des Autors rekonstruieren.16 Durch dieses Vorgehen ist auch gewährleistet, dass man über sich selbst und seine eigene Praxis Klarheit gewinnt und auch Fehler andere nicht begeht, da man nur mit dem Werk selber arbeitet und sich nicht von anderen Interpretationen oder Forschungsansätzen beeinflussen lässt.17 Daher stellt auch Christoph König bei seiner Monographie zu den >Sonette an Orpheus< von Rilke die Lektüre an den Anfang seiner Forschungsarbeit. Er will sich von keiner Methode oder Theorie leiten lassen, sondern nur durch Vernunft und insistierende Reflexion die poetische Arbeit rekonstruieren und macht somit dem Schreibprozess zum Gegenstand der Untersuchung.

“Die Lektüre rekonstruiert die konkrete poetische Arbeit, die das Gedicht zugunsten eines schönen Sinns vollzieht; sie ist nicht frei, sondern an den Text und seinen kreativen Akt, der zum Gegenstand wird, gebunden. Eine Zwangslektüre.”18

Er beschreibt die Hermeneutik als Textverstehen, bei der die Tätigkeit der Lektüre zunächst aus der Praxis besteht und danach die Reflexion dieser Praxis zeigt, ob der Sinn des Textes in seiner Ganzheit verstanden wurde. Die insistierende Lektüre besteht für ihn damit aus einer ständigen Reflexion der Lektüreresultate sowie der Interpretationsgeschichte im Vergleich mit dem Werk, eine methodische und historische Verfahrenskritik, die die eigene Intuition schärfen soll.19

[...]


1 Vgl. Jeßing, Köhnen 2017, S. 231.

2 Vgl. ebd., S.232.

3 Jeßing, Köhnen 2017, S. 232.

4 Vgl. ebd., S. 232.

5 König: >>Oh komm und geh<<, 2014, S.37.

6 Ebd.

7 Vgl. ebd.

8 Ebd.

9 Vgl. König: Nekrolog für Jean Bollack, 2012, S. 3.

10 Vgl. König: Philologie der Poesie, 2014, S. 100 f.

11 Vgl. Bollack 2000, S.254.

12 Ebd. S. 254.

13 Vgl. ebd., S. 254 ff.

14 Vgl. ebd. S. 255.

15 Vgl. Bollack, S. 258.

16 Vgl. ebd., S. 260.

17 Vgl. König: Philologie der Poesie, 2014, S. 101.

18 König: >>Oh komm und geh<<, 2014, S. 31.

19 Vgl. König: >>Oh komm und geh<<, 2014, S. 42 f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kritische Hermeneutik. Interpretation der “Tag- und Nachtlieder” von Tristan Marquardt
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V941714
ISBN (eBook)
9783346272799
ISBN (Buch)
9783346272805
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kritische, hermeneutik, interpretation, tristan, marquardt
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Kritische Hermeneutik. Interpretation der “Tag- und Nachtlieder” von Tristan Marquardt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941714

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