Gott ist die Mitte meines Lebens

Durch sein Wort erfahre ich den Sinn und die Aufgaben meines Lebens


Sammelband, 2008

91 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführende Worte

Predigttexte chronologisch geordnet

I. Predigten im Kirchenjahr
01. Die Bedeutung des Kreuzes als christliches Zeichen, Symbol
1. Korintherbrief, Kap. 1, Vers 18-25
Klinikum Hanau, 12.07.1998
02. Die Veränderung des Menschen hin zu einem Gott gefälligen Christen
Brief an die Epheser, Kapitel 4, Vers 22-32
Christuskirche in Hanau, 11.10.1998
03. Gott schenkt Heil infolge von Glaube
Lukasevangelium, Kapitel 18, Vers 31-43
Dialogpredigt mit meinem Sohn Sascha
Klinikum Hanau, 24.02.2002
04. Wer sein Leben für Gott verändert, lebt ein wunderschönes Leben
1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 21-25
Christuskirche Hanau, 2.01.2000
05. Wahrer Glaube führt auf den neuen Weg der Liebe
Johannesevangelium Kapitel 20, Vers 19-29
Neckarzimmern, 21.04.1974
06. Durch Jesu Tod sind wir vor Gott gerechtfertigt, von Schuld freigesprochen
Brief an die Römer, Kapitel 3, Vers 3-8
Klinikum Hanau, 10.09.1005
07. Leben will gelernt sein, aber mit Jesu an der Hand gelingt es immer
Brief an die Römer, Kapitel 14, Vers 7-9
Stadtkrankenhaus Hanau, 08.11.1998
08. Blindheit muss nicht immer organisch bedingt sein; dennoch gehören Glaube, Jesus,
Wunder und Heilung unzertrennbar zusammen
Lukasevangelium, Kapitel 18, Vers 31-43
Klinikum Hanau, 24.02.2002
09. Segen, die Gnadengabe und Umarmung Gottes
Lukasevangelium, Kapitel 15, Vers 11-32
Kirche in Bad Peterstal, 11.03.1984
10. Nicht Sonntagschristen, sondern wahre Christen sind gefragt
Lukasevangelium, Kapitel 4, Vers 21-30
Bad Camberg, Rehaklinik, 30.01.1989
11. Reformationstag ist nicht nur ein geschichtlicher Tag, sondern er verlangt auch bei uns
Veränderungen
Matthäusevangelium, Kapitel 6, Vers 2-10
Evangelische Kirche in Brühl, Reformationsgottesdienst, 31.10.1982
12. Halbherzigkeit geht nicht – entweder Jesus Christus oder nichts!
Brief an die Galater 5, 1-6
Marienkirche Gelnhausen, 16.10.1994
13. 1. Advent – Stille, Einkehr, Ankunft
Lukasevangelium, Kapitel 1, 67 -79
Evangelische Kirche zu Wachenbuchen, 28.11.1982
14. Gegenstand der Theologie ist der in Sünde verhaftete Mensch, der ihn rechtfertigende
Gott und Heiland
Buß - und Bettag
Psalm 51, 1-21
Evangelische Kirche zu Wachenbuchen, 25.11.1982
15. Der Glaube an Gott hat persönliche Konsequenzen – das Bekenntnis
Matthäusevangelium 10, 24-33
Klinikum Hanau, 17.08.1986

II. Kasualpredigten - Taufe
01. Gott ist unendlich treu
Jesaja 43, Vers 1
Haustaufe in Hanau, 21.11.1992
02. Gott sagt in der Taufe seine Hilfe zu
Jesaja 41, Vers 13
Evangelische Kirche zu Wachenbuchen, 11.06.1995
03. Taufe heißt der Macht der Liebe und des Frieden Gottes zu vertrauen
Matthäusevangelium, Kapitel 28, Vers 16-20
Evangelische Kirche zu Wachebuchen, 10.01.1982

III. Kasualpredigten – Trauung
01. Miteinander leben heißt teilen, gemeinsam tragen, annehmen – auch die Fehler
Römer 15, 7
Friedenskirche Hanau, 02.03.1991
02. Nur wenn man sich ertragen kann, kann man miteinander leben
Kolosser, 12-15 a
Friedenkirche Hanau, 04.12.1982
03. Das Gebot der Nächstenliebe bestimmt den Ton in der Ehe
Lukasevangelium, Kapitel 10, 27
Katholische St. Elisabethkirche, ökumenische Trauung, 06.08.1983

IV. Kasualpredigten – Trauerfeier
01. Der Tod ist keine Endstation, sondern ein notwendiger Schritt in die Ewigkeit
1. Korinther 15, Vers 42 b und 43
Hauptfriedhof Hanau, 16.9.1982
02. Gott ist stärker als der Tod; darum werden wir auferstehen!
1. Korinther 15, 55 - 57
Friedhof in Wachenbuchen, 30.11.1982
03. Aus einer unvollendeten irdischen Symphonie schafft Jesus die Vollendete in der
Herrlichkeit der Ewigkeit.
Römer 14, 7 - 8
Hauptfriedhof Hanau, 20.07.1982

V. Besondere Predigten
01. Gottes Barmherzigkeit wirkt aktiv in unser Leben hinein
Abendandacht
1. Brief des Timotheus, Kapitel 1, 12-17
Stadtkrankenhaus Hanau, 15.07.1998

Zusammenfassung

Einführende Worte

Der lebendige Gott ist neben seiner Einzigartigkeit auch ein ganz besonderer Gott. Als ich vor etwas über 20 Jahren infolge meiner Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen war, brach für mich zunächst eine Welt zusammen.

Mit dieser neuen Situation konnte ich so nicht umgehen. In der Balneologischen Klinik, in der ich gerade zu einer Schmerztherapie war, versagten mir fast buchstäblich die Nerven. Zuhause warteten zwei Kinder auf mich, wollten mit mir die Welt erkunden; laufend hatte ich mich verabschiedet und nun sollte ich „rollend“ zurück kommen – das war ein riesiger Schock!

Verzweifelt lag ich in meinem Bett. Plötzlich setzte sich ein Mitpatient, er war wohl einige Zimmer weiter untergebracht still und ruhig an mein Bett; er legte seine Hand auf meinen Arm und schwieg. Er saß eine ganze Zeit so bei mir. Als er meine fragenden Blicke auffing sagte er zu mir: „Ich bin aktiver und praktizierender Christ! Darf ich für dich beten?“ Er durfte. Im Gespräch danach hatten wir schnell eine Gemeinsamkeit, den Glauben an den lebendigen Gott. In jener Stunde begriff ich noch nicht so umfassend was er meinte, als er zu mir sagte: „Wenn unser himmlischer Vater eine Tür schließt, dann öffnet er zur selben Zeit 1.000 neue Türen“.

So leise und still wie er gekommen war, ging er auch wieder.

Heute, 20 Jahre später, weiß ich, wie Recht er hatte. Eine dieser 1.000 Türen wollen Sie, liebe Leserin, lieber Leser im Folgenden mit mir durchschreiten. Sie öffnete sich für mich nach 8 Jahren meines Rollstuhldaseins, die Aufgabe des Autors im Auftrag des Herrn.

Ich weiß mich in jeder Lebenssituation von meinem Gott getragen, geliebt und in die göttlichen Arme genommen, denn dass er mir diese Aufgabe gab, seine Frohe Botschaft weiter zu tragen, ist wohl die schönste Aufgabe, die ich als Mensch haben kann. Ich weiß, dass ich Sinn habe. Mein Sohn hat das damals als 11-jähriger Junge so formuliert: Lieber einen Vater im Rollstuhl, als keinen Vater! Lieber ein Mitarbeiter im Weinberg Jesus mit runden „Füssen“, als die Verbindung zu Jesus Christus und dem lebendigen Gott aufgegeben.

Wenn Sie nun dieses Büchlein lesen, dann nehmen Sie sich viel Zeit. Nicht ich spreche zu und mit Ihnen, sondern ich bete dafür, dass der lebendige Gott durch mich zu Ihnen spricht, Ihnen Trost und Hoffnung schenkt, Ihnen Mut macht und Ihnen sagt: Du kannst nie tiefer fallen, als in meine väterliche, gütige Hand. Ich kenne dich, ich kenne deinen Namen. Du gehörst mir.

Gott segne Sie beim Lesen und Verstehen.

Hanau 2008

Predigttexte und Bibelstellen-Zitate chronologisch geordnet

01. 1. Buch Mose, Kapitel 2, 24
02. 1. Buch Mose, Kapitel 15, 1
03. 1. Buch Mose, Kapitel 17, 7
04. 2. Buch Mose, Kapitel 14, 21
05. 2. Buch Mose, Kapitel 34, 6
06. 5. Buch Mose, Kapitel 7, 6-8
07. 2. Samuel 7, 18
08. 2. Samuel 12, 13
09. Psalm 34, 19
10. Psalm 45, 3
11. Psalm 51, 1-21
12. Psalm 103, 3+4
13. Psalm 103,13
14. Psalm 136, 1-26, jeweils in der 2, Vershälfte
15. Jesaja 9, 1
16. Jesaja 11, 2
17. Jesaja 19, 14
18. Jesaja 35, 5
19. Jesaja 41, 14
20. Jesaja 41, 13
21. Jesaja 43, 1
22. Jesaja 61, 2
23. Jesaja 65, 17
24. Jesaja 66, 2
25. Jeremia, 31, 33
26. Ezechiel, 36, 26
27. Hosea, 6, 6
28. Amos5, 22
29. Matthäusevangelium 5, 2-12
30. Matthäusevangelium 6, 5
31. Matthäusevangelium 6, 6
32. Matthäusevangelium 7, 31
33. Matthäusevangelium 10, 24-33
34. Matthäusevangelium 10, 26 b
35. Matthäusevangelium 12, 31
36. Matthäusevangelium 24, 35 - 26
37. Matthäusevangelium 25, 13
38. Matthäusevangelium 28, 16 -20
39. Lukasevangelium 1, 67 - 79
40. Lukasevangelium 2, 52
41. Lukasevangelium 4, 21-31
42. Lukasevangelium 6, 36-52
43. Lukasevangelium 10, 27
44. Lukasevangelium 11, 9-10
45. Lukasevangelium 12, 39-40
46. Lukasevangelium 15, 11-32
47. Lukasevangelium 18, 31-43
48. Lukasevangelium 18, 35-43
49. Lukasevangelium 22, 39-53
50. Johannesevangelium 3, 1-7
51. Johannesevangelium 20, 19-29
52. Römer 6, 3-8
53. Römer 8, 26
54. Römer 10, 9
55. Römer 14, 4
56. Römer 14, 7-8
57. Römer 15, 7
58. 1. Korinther 1, 18-25,
59. 1. Korinther 1, 30
60. 1. Korinther 15, 42 b und 43
61. 1. Korinther 15, 55 - 56
62. 1. Korinther 15, 55 - 57
63. 2. Korinther 5, 7
64. 2. Korinther 12, 8+9
65. Galater 5, 1-6
66. Galater 5, 13
67. Epheser 4, 22-32
68. Epheser 4, 26
69. Kolosser 3, 12 -15 a
70. 1. Timotheus 1, 12-17
71. 1. Johannesbrief 2, 2-25
72. Offenbarung 1, 18
73. Offenbarung 21, 4

I. Predigten im Kirchenjahr

01. Das Kreuz in seiner christlichen Bedeutung
1. Kor. 1, Vers 18-25
Klinikum Hanau, 12.07.1998

Predigtbitte:

Herr, heilige du uns in der Wahrheit, denn du bist die Wahrheit. Amen.

Liebe Gottesdienstbesucher hier im Sakralraum, liebe Zuhörer an den Lautsprechern,

ich bedanke mich dafür, dass Sie Ihr Rundfunkgerät eingeschaltet haben, bzw. dafür, dass Sie hierher in den Sakralraum gekommen und mit uns allen zusammen diesen Gottesdienst feiern wollen.

Zeichen und Symbole spielen in unserem Leben eine wichtige Rolle. Eines der Symbole ist das Kreuz. Hand aufs Herz und antworten Sie in der Stille ganz ehrlich vor sich selbst: Wie wichtig ist Ihnen das Kreuz? Schließen Sie für einen Moment die Augen. Können Sie das Kreuz, das sich in Ihrer Kirche befindet beschreiben? Haben Sie ein Kreuz in Ihrer Wohnung aufgehängt oder tragen Sie sogar eine Kette mit Kreuzanhänger? Können Sie das häusliche Kreuz oder den Kreuzanhänger beschreiben? Können Sie mit diesem Zeichen oder auch Symbol etwas anfangen, oder sind Ihnen andere Symbole wichtiger?

Zeichen und Symbole spielen im menschlichen Leben eine sehr große und auch gewichtige Rolle. Unsere Haltung dazu hängt deshalb nicht nur von dem jeweiligen Geschmack der Person ab; es kommen mehrere Aspekte dazu, so die Region, in der man aufgewachsen ist, die Tradition die uns so geprägt hat, wie wir sind, der Umgang mit Symbolen in der eigenen Familie, Begegnungen oder besondere Erlebnisse spielen dabei eine ebenso große Rolle wie der Geschmack des Einzelnen. Alle diese unterschiedlichen Aspekte schlummern in uns, häufig sogar unbewusst, so dass wir, ohne dass wir wissen, warum wir wie denken, fühlen, positiv oder negativ reagieren, etwas ablehnen oder auch nichts mit einer Sache zu tun haben wollen.

Ich weiß nicht, wie Sie, liebe Gottesdienstbesucher und Zuhörer zu dem Symbol Kreuz stehen. Die Zahl derer, die es aber ablehnen, scheint ständig zu steigen. Noch etwa ist sicher: Das Kreuz als christliches Symbol löst immer noch Diskussionen aus; denken Sie bei nur an die lebhafte Debatte in Bayern, die über Klassenzimmer und Amtsstuben hinweg die höchsten Gerichte beschäftigte.

Das Kreuz als Symbol ist aber nicht von den Christen erfunden worden; es ist uralt und in vielen unterschiedlichen Kulturen zu finden. Zur Zeit des Apostels Paulus, war es unter den Christen wenig verbreitet. Der Grund dafür ist ganz einfach: Der Kreuzestod galt seinerzeit als äußerst anstößig. Erst im Laufe der Zeit, der christlichen wie auch der profanen Geschichte, ist das Kreuz zu dem geworden, was es in unserem Verständnis heute ist: Ein christliches Zeichen.

Aus dieser Anfangszeit des christlichen Glaubens heraus hat auch Paulus den Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben; gerade zu dieser Gemeinde hatte er eine enge Bindung. Allerdings kommt in diesem Brief nicht nur seine Verbundenheit zu der Gemeinde zum Ausdruck, sondern auch seine große Sorge um das Geschehen in der Gemeinde. Als er die Gemeinde verlassen hatte, blieb dort eine innerlich gefestigte Gemeinde zurück. Dann wurde die Gemeinde größer. Er hörte plötzlich von den Probleme in der Gemeinde: Eigentümliche Gruppenbildung, Rechtsstreitigkeiten, Unzucht und sogar von Missständen beim Abendmahl Diese Sorge bewegte ihn dazu, der Gemeinde zu schreiben. Unser heutiger Predigtext ist aus eben diesem Brief, ja er ist fast der Anfang dieses Briefes (1. Brief an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 18, die Verse 18-25:

„Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

Denn es steht geschrieben (Jesaja 49,14): ‚Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen’.

Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.

Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit,

wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit;

denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.“

Hier rückt Paulus der Gemeinde den Kopf zurecht. Er macht ganz klar und unmissverständlich deutlich, dass es nicht um kleinliche Differenzen und auch nicht um „Selbstruhm und religiöse Verzückung“ geht. Hier geht es um das „Wort vom Kreuz“! Es geht um das Evangelium, um die gute und frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die für uns Menschen im Kreuz und der Auferstehung von Jesus Christus spürbar geworden ist. Diese Botschaft, dieses Tun des lebendigen Gottes muss sich nun auch in den Taten der Menschen niederschlagen und sichtbar werden. Evangelium muss gelebt werden; es darf nicht nur gesprochenes und gehörtes Wort sein und bleiben, denn dann ist es nicht glaubhaft.

Hören Sie es auch, liebe Gottesdienstbesucher? Paulus meint nicht nur die Gemeinde in Korinth, er meint auch uns, hier und heute. Auch uns rückt er hier den Kopf zurecht. Wir müssen uns schon der Frage stellen, ob das „Wort vom Kreuz“ in unserem Leben Gestalt angenommen hat. Spiegelt sich in unseren Denken, Reden und Handeln das Evangelium wieder? Erfahren durch uns Mensch en – unwichtig ob sie Freunde oder Feinde, Arme oder Reiche, Greise oder Kinder, Gesunde oder Kranke sind – die bedingungslose Liebe Gottes?

Ich denke, wir leben in einer Welt mit Sicherheiten, in einer wohlgeordneten Welt mit einer überschaubaren Kirchengemeinde, in vertrauten Dörfern oder auch Stadtteilen, in denen eben vieles so ist, wie es ist, weil es eben schon immer so war. Neues, Menschen mit neuen Ideen wirken da oft bedrohlich, machen uns vielleicht sogar manchmal etwas Angst, denn wir müssten uns ja umgewöhnen, ein Wagnis eingehen, wenn wir uns darauf einlassen. Veränderung heißt eben auch immer Abschied vom Vertrauten und Bekannten nehmen. Loslassen ist schmerzhaft, aber notwendig; ohne loszulassen käme es zu einer Stagnation und in deren Folge zur Resignation. Alles wäre fast wie tot.

Wenn Menschen sich nach neuen Ufern aufmachen, dann wissen sie oft nicht, wie alles werden soll und werden wird. Sie haben nur eine Vision. Antrieb ist der Wunsch nach Veränderung, weil das bisher gewesene nicht mehr zu ertragen ist. Manchmal ist dieser Weg viel schwieriger als vermutet, aber manchmal wird alles viel besser, als je gedacht wurde. Ein Aufbruch in etwas Neues ist immer ein Wagnis. Im Wunsch nach Veränderung stecken Hoffnung und die Sehnsucht nach einem erfüllten und sinnvollen Leben.

Das Christentum wurde früher auch als das „wandernde Christenvolk“ bezeichnet. Das geht heute nicht mehr, denn die Zeiten haben sich grundlegend verändert. Wir haben völlig andere Situationen; wir können nicht wie die Jünger damals Jesus direkt auf dem Fuße folgen. Unterwegs sein, muss nicht immer äußerlich sein. Man kann auch innerlich unterwegs sein, sich nicht in den scheinbar gegebenen Unveränderlichkeiten unserer Zeit einrichten. Unterwegs sein heißt dann, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und auch auf der Suche nach dem lebendigen Gott zu sein. Innerlich unterwegs zu sein heißt dann, Stück für Stück so zu werden, einem Leben näher zu kommen, wie Gott es gewollt hat. Das Evangelium mit Leben zu erfüllen, das ist unsere Aufgabe. Ich weiß, dass das viel leichter zu sagen als zu tun ist. Wir sind dabei aber nicht auf uns alleine gestellt. Gott selbst hat uns versprochen bei uns zu sein. Er ist mit uns unterwegs. Wir können und dürfen ihm und dem Heiligen Geist ruhig zutrauen, dass aus unserem Weg, unseren Ideen und Visionen etwas Gutes wird. Manchmal gelingt es. Zuerst die Idee. Es finden sich Gleichgesinnte. Die Idee wird zu einem Projekt. Das Projekt wird in die Tat umgesetzt. Das Evangelium gewinnt so an Gestalt. Ich denke dabei an viele Projekte, Projekte, die es in jeder Stadt gibt: Die Obdachlosenhilfe, die Tafel, gespendete Lebensmittel werden an Bedürftige verteilt, oder den günstigen Mittagstisch, um nur einige zu nennen. Not wird in allen Beispielen gelindert. Hände teilen das Brot. Hände besänftigen oder heilen. Ich denke an die Begleitung von Kranken, die tröstenden Worte aus dem mitfühlenden Herzen, einfach zuhören zu können, nur da zu sein! Überall da gewinnt das Evangelium an Gestalt.

Wenn wir das begriffen haben, dann hat die „Standpauke“ des Paulus auch bei uns ihre Wirkung nicht verfehlt, dann haben wir das „Wort vom Kreuz“ begriffen. Der Blick geht von uns weg, er geht hin zum Gekreuzigten.

Für uns Christen ist er der Grund aller Hoffnung. Damit er nicht immer wieder neu „gekreuzigt“ werden muss, muss das Evangelium in unserem Denken, Reden und Tun endlich Gestalt annehmen. Gott lässt aus manchen unserer Ideen etwas werden, nur wir müssen uns auch darum bemühen.

Zurück zum Anfang: An alle diese Zusammenhänge erinnert das Kreuz in unserer Kirche, in den Häusern und an den Halsketten. Das Kreuz soll zum Maßstab für uns werden; es mahnt uns, immer wieder neu zu prüfen, ob das Kreuz wirklich im Mittelpunkt, im Zentrum unseres Lebens steht. Das Kreuz erinnert uns an das Zentrum des christlichen Glaubens, an das Evangelium. Die Kraft und den Mut, das Evangelium mit Leben zu füllen, bekommen wir von Gott, und das ist gut so!

Amen.

02. Die Veränderung des Menschen hin zu einem Gott gefälligen Christen
Epheser 4, Vers 22 -32
Christuskirche, 11.10.1998

Predigtbitte:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen.

Predigttext:

„Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn

Und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.

Zürnt ihr, so sündiget nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel.

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet was gut ist, was erbaut und notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.

Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem anderen, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Liebe Gottesdienstbesucher, hier in der Christuskirchengemeinde,

hier ist Veränderung angesagt, ein Anruf, der auch uns, hier und heute meint! „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Lebenswandel und zieht den neuen Menschen an!“ Hier ist ganz klar Veränderung gemeint, da führt kein Weg vorbei, auch wenn wir das nicht so gerne hören, denn Veränderung heißt immer auch Arbeit und Anstrengung.

Männer, Jungendliche, Politik und Regierung; das sind nur einige Stichworte, die mir dazu einfallen. Nehmen wir einmal aus der Beispielsreihe, in der wir Veränderungen erwarten, das Wort „Männer“ Reihe und betrachten es uns etwas näher; von ihnen wird in vielen Bereichen eine Veränderung gefordert. Viele Frauen wünschen sich „neue Männer“. Nein, und nun schmunzeln sie bitte nicht, wenn ich sage, dass die Frauen ihre Männer nicht „eintauschen oder austauschen“ wollen, wenngleich dieser Gedanke dabei leicht aufkommen kann. „Der passt nicht in unsere Familie“, konstatierte eine alte Tante bei ihrer Nichte, „aber sie hat ihn nun mal schon geheiratet. Den kann man nimmer umtauschen!“ Solches Denken ist aber nicht die Regel. Gott sei es gedankt, denn die „Frauen“ möchten eigentlich „nur“, dass sich ihre Partner in ihren Verhaltensweisen ändern, sich verändern und sich dem Umfeld anpassen. Nicht der „Neue“, sondern der „veränderte“ Mann ist gefragt. „Rauche nicht so viel! Bitte höre auf zu trinken! Bleibe doch heute einmal zuhause!“ So, oder so ähnlich könnte dieser Katalog der Veränderungswünsche aussehen.

Auch Paulus stellt einen solchen Katalog der Veränderungen auf. Beim Lesen und Hören des Predigttextes ist er Ihnen vielleicht sogar aufgefallen. Er zeigt nämlich der ersten Christengemeinde, wo sie sich nach seiner Meinung und Überzeugung ändern, verändern soll und muss. „Legt die Lüge ab! Redet die Wahrheit! Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Stehlt nicht! Redet was gut ist, über andere, was erbaut und was notwendig ist! Seid freundlich untereinander!“

Was der Apostel Paulus hier will, ist absolut klar: Die Menschen in der christlichen Gemeinde sollen nach den gelehrten Worten Jesu Christi leben, denn nur dadurch wird die von Gott gewollte Lebensqualität sichtbar, und was noch viel wichtiger ist, für andere wird sie zum Beispiel für die eigene Lebensveränderung und somit für das eigene Leben. So, und nun stehen wir wieder am Beginn meiner Predigt: Veränderung ist angesagt, auch für uns, denn auch wir sind hier angesprochen und gemeint. Dieser Bibeltext, viele hunderte von Jahren ist er alt, ist so brandaktuell, dass er gestern im Hanauer Anzeiger hätte stehen können. Erschreckend ist dabei für mich die Erkenntnis, dass bestimmt keinem Leser aufgefallen wäre, dass es sich hierbei um paulinische Worte, also um einen biblischen Text handelt. Beschämend also für uns und unser Verhalten. Wir wissen doch um unsere Schwachpunkte, kennen ganz genau unsere Fehler, entschuldigen uns aber immer wieder mit den billigsten Ausreden für unsere Antriebsschwäche, endlich etwas zu verändern.

Natürlich gilt das auch für die Bitten der Frauen an uns Männer (selbstverständlich aber auch in der umgekehrten Bitte von uns Männern an die Frauen), denn sie haben die gleichen Ziele. Jahrelang haben die Frauen in der Frauenbewegung in der Kirche und in der profanen Gesellschaft für die Veränderungen im Miteinander gekämpft – Emanzipation, emanzipierte Männer, das sind die Schlagworte, die hier ihren Platz haben. Je selbständiger die Frauen im Berufsleben werden, desto klarer wird die Bitte um Mitverantwortung an den Partner; da ist die Mitverantwortung im Bereich der Kindererziehung und im Haushalt. Ich denke da an eine nette Formulierung, die Sie sicher alle kennen: Läuft mit den Kindern alles gut, sagen Väter gerne: „Das sind eben meine Kinder!“ Gibt es Probleme, dann hört sich das so an: „Das sind eben DEINE Kinder!“ Seltsam, dass da nicht steht, es sind in jedem Fall unsere Kinder! Aufgaben und Verantwortung zu teilen ist ein Teilaspekt für Veränderung. Da treten dann Männer aus den alten Grenzen und Verhaltensweisen heraus und schaffen so neuen Raum für die Frauen und Kinder, denn sie übernehmen in einer ganz neuen Form Verantwortung. Aber auch Männer wünschen sich neue Männer. „Noch alles beim Alten?“ oder „Immer noch der Alte!“ machen ganz deutlich, dass da noch einiges im Argen liegt. Der alte Mann zeigt eben keine Gefühle; er kommt immer vorwärts, hat immer Erfolg; er versagt nicht; er beißt in jeder Situation auf die Zähne, getreu den Sprichwort: Ein Indianer kennt keinen Schmerz – ein Junge weint nicht!

Warum darf ein Mann eigentlich nicht weinen? Ist er deshalb wirklich ein Schwächling oder wie man heute sagt „ein Weichei“? Macht ihn nicht gerade das Zeigen der Gefühle zum starken Mann? Bedeutet es wirklich, dass man sowohl im privaten wie auch im beruflichen Bereich an Autorität, vielleicht sogar den Arbeitsplatz verliert?

Lässt sich daraus in der Konsequenz ableiten, dass man lieber lügt, statt Schwäche einzugestehen? Lieber den anderen schlecht machen, statt eigene Fehler einzugestehen, kann das richtig und christlich sein? Liegt in diesem althergebrachten Denken die Begründung für unsere Ellenbogengesellschaft? Ich habe den Predigttext anders verstanden und auch anders in meiner Erinnerung.

Viele Menschen ziehen in der Mitte ihres Lebens Bilanz und fragen sich, ob sie ihr Leben wohl richtig eingerichtet und gelebt haben. So manchem werden dabei viele Defizite der unterschiedlichsten Art bewusst. Im Blick auf die verbleibende Lebenserwartung werden dann aber bisher nicht gelebte Sehnsüchte und Wünsche wach. „Was kann ich in meinem Leben denn noch verwirklichen? Was kommt noch alles auf mich zu?“ sind nur zwei Fragenbeispiele, die sich förmlich aufdrängen.

Wer sich diesen oder ähnlichen Fragen nicht stellt, der erstarrt im Gewohnten, Vertrauten. Viele Menschen spüren, dass sie nicht wirklich leben, dass sie auf Grund ihrer Verhärtungen von Sachzwängen gelebt werden, aber nicht selbst leben. Sie spüren, dass sie wichtige Ziele aus den Augen verloren haben. Meine Schüler in der Berufsschule sagten immer zu mir: „Für Gott, Religion und Glaube habe ich noch Zeit, wenn ich alt geworden bin. Jetzt will ich aber um jeden Preis leben, nach meinen Vorstellungen und Wünschen.“ Ob diese Haltung klug und richtig ist? Ich habe da meine Zweifel, und wir haben im Religionsunterricht viele gute Gespräche bei dieser Fragestellung geführt.

Veränderung ist angesagt. Verhärtet zu sein kostet Freunde, aber was in der Folge poch viel schlimmer ist, es kostet das Ewige Leben, denn ohne Veränderung wird weiter gelogen, gestohlen und betrogen. Verhärtet und starr zu leben macht einsam, und das in einer so schönen, lebendigen und dynamischen Welt.

Wir Menschen spüren diese Spannung, die immer dann auftritt, wenn Gefühle nach außen dringen; es tut weh, wenn man Gefühle der Trauen oder der Freude nicht zeigen darf, weil man zufällig männlich ist, oder es einfach nicht kann, weil man es nie gelernt hat. Das müssen wir aber üben, unsere Gefühle zu zeigen, ehrliche Gefühle, sie zu benennen, auszudrücken und sie klar zu formulieren. Wenn wir das schaffen, dann haben wir eine Veränderung erreicht, eine Veränderung die durchaus berechenbar bleibt, eine Veränderung die ehrlich ist, weil sie auf dem Boden des Evangeliums fußt. So wird die Starrheit unserer bisherigen Lebenstrategie durchbrochen. Sorgen, Kummer, Freud und Leid, Ängste und Alltagschwierigkeiten können so endlich vertrauensvoll mitgeteilt werden.

So kommt es endlich zu Gesprächen, das Schweigen hat ein Ende. Paulus sagt: „Seid freundlich und herzlich miteinander!“ So, auf dieser neuen Grundlage können auch neue Beziehungen aufgebaut werden. In der Familie wird nicht mehr nur Fern geschaut, die Spielkonsole in den Mittelpunkt das Alttagsgeschehens gerückt, der Computer als Partner gesehen, sondern Söhne können wieder mit den Vätern sprechen; die Väter haben plötzlich wieder Zeit, haben Interesse am Kind und werden für hartnäckig gestellte Fragen dankbar. Söhne sollten die Väter nicht mehr fragen müssen, ob sie geliebt werden, denn sie müssten es spüren, fühlen und gezeigt bekommen, dass es so ist; natürlich gilt das eben Gesagte auch in der Umkehrung, denn das Leben ist keine Einbahnstrasse. Akzeptanz und Anerkennung sind die Schlüsselworte für das, was Paulus für den Umgang mit dem Mitmenschen sagt. Veränderungen erreichen und bewerkstelligen zu wollen heißt ganz klar, dass man selbst aktiv werden muss, Ruhe finden, in sich hineinzuhören und dann in der richten Art und Weise um den anderen zu bemühen. In sich hineinhören heißt auch, sensibel nach dem Punkt zu suchen und zu erkennen, der eine Neuorientierung möglich macht. Alles beim Alten zu lassen, NEIN DANKE! Der Aufruf des Apostels erreicht uns alle, jeden in seiner spezifischen Lebenssituation. Legt den alten Menschen ab, zieht den neuen Menschen an! Das ist unsere Aufgabe.

Paulus hat bei seiner Gemeinde in Ephesus Verhaltenweisen entdeckt und benannt, die nicht nur ein gesundes und liebevolles Miteinander ausschließen, sondern sogar zu einem Zerbrechen der Gemeinschaft führen würden. Bei uns wäre er sicher in gleicher Weise fündig geworden, oder sehen Sie, liebe Gemeinde das anders? Er gebraucht das Bild des „Ablegens des alten Menschen“ und das „Anlegen des neuen Menschen“. Je mehr ich über das Bild des Apostels nachdenke, desto deutlicher wird bei mir die Verbindung zur Taufe. Das weiße, unbefleckte Taufkleid, ein Symbol für ein neues Leben – die Veränderung. Die Taufe bestätigt Gottes väterliche Liebe zu uns Menschen; sie beschenkt uns mit dem Heiligen Geist, seinem guten Geist, mit dem wir ein ganzes Leben rechnen und auch auf ihn vertrauen dürfen.

Jesus ist der erste neue Mann, der neue Mensch! Wichtig ist also für uns, dass wir begreifen, dass der, der dem lebendigen Gott begegnet, nicht mit leeren Worthülsen um sich wirft, in starren Verhaltensweisen ausharrt, sondern den alten Menschen ablegt, sich verändert und auf den lebendigen Gott hin bewegt. In der Begegnung mit Gott und seinem Heiligen Geist liegt die Vergewisserung, dass er, mein himmlischer Vater, mich unendlich liebt. Daran erinnert die Taufe, das ist Inhalt eines jeden Gottesdienstes, im Besonderen dann, wenn wir das Heilige Abendmahl feiern. Gottesdienst ist also nicht nur Ruhepunkt in der Hetze der Woche, sondern vielmehr noch eine Begegnung mit Gott, der Vergewisserung seiner Liebe und der sich daraus ergebenden Konsequenz: Der persönlichen Veränderung!

Wir packen doch so gerne alles an, verändern so gerne alles um uns herum, warum nicht auch uns selbst?

Kommt dann wieder einmal die Frage: Noch alles beim Alten, dann haben wir eine gute Antwort: „Schon lange nicht mehr!“ Dann haben wir nachvollziehbar begriffen, dass Veränderung nachhinken, nachhumpeln oder auch nachrollen sein kann, denn alles ist Nachfolge und das ist Veränderung.

Amen.

03. Gott schenkt Heil infolge von Glaube
Lukasevangelium, Kapitel 18, Vers 31-43
Dialogpredigt mit meinem Sohn Sascha
Klinikum Hanau, 24.02.2002

Predigtbitte:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, sei mit uns allen. Amen.

„Nanu, zwei Personen gestalten heute den Gottesdienst?“ „Das verstehe ich nicht!“ „Ich kann es nicht begreifen!“ „Wieso soll das so sein?“ „Wieso ist es wie es ist?“

Liebe Gottesdienstbesucher, liebe Patienten an den Übertragungsgeräten, wie oft kommen wir mit solchen Sätzen und Fragen in unserem Leben in Berührung.

„Warum bin gerade ich jetzt krank?“ Warum ausgerechnet ich?“, um nur zwei Beispiele zu nennen“.

Diese Sätze und Gedanken sind uns doch sehr vertraut. Da geschieht plötzlich etwas in unserem Leben, mit dem wir, Sie ebenso wie auch ich, nicht so einfach umgehen können. Wir fangen aus solchen Überlegungen heraus oft an zu Verzweifeln, ins Grübeln zu kommen, und suchen nach einer Antwort.

Wenn die Antwort oft auch noch so unbefriedend ausfällt, stört uns das in der Regel nicht so sehr, denn wir haben uns ja eine Antwort zurecht gelegt, mit der wir leben können – mit der wir uns vorerst zufrieden geben, uns abgefunden haben.

Nun stellt sich aber die Frage, wie das wohl bei den Jüngern, die Jesus begleitet haben, aussieht. Verstehen sie denn alles, was sie mit Jesus erleben? Begreifen sie alles was er sagt und tut? Es ist sicher lohnend, einmal in der Bibel nachzusehen, wie die Jünger mit einer solchen, möglichen Situation umgegangen sind. Ein Blick in das Lukasevangelium, im 18. Kapitel, hilft uns bei dieser Überlegung weiter.

Vers 31 – Vers 34

„Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: ‚Seht, wir gehen hinaus nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespieen werden,

und sie werden in geißeln und töten; und am dritten Tag wird er auferstehen.’

Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.“

Ist das nicht tröstend für uns? Den Jüngern Jesu geht es ebenso wie uns. Sie leben mit Jesus, gehen mit Jesus, werden von ihm über die bevorstehende Zeit, das bevorstehende Leid informiert – und sie? Sie stehen da, hören zu, und verstehen es nicht und können es nicht begreifen.

Nun werden sich manche von Ihnen sicherlich fragen, was die Jünger nicht verstanden haben, denn Jesus macht doch eine eigentlich klare Aussage! Vielleicht verstanden die Jünger das, was Jesus sagte, akustisch nicht.

Nein, ich denke, dass das ein Gedankengang ist, der uns auf die falsche Fährte führt. Zwölf Menschen hören zu, verstehen es möglicherweise akustisch nicht und fragen dann nicht nach – das wäre und ist nach meinem Verständnis doch recht unwahrscheinlich.

Dann bleibt nur noch der Inhalt des Gesagten, die Beschreibung seines Leidenweges, den Jesus seinen Jüngern anvertraut, für das Nicht-Verstehen übrig. Die Jünger verstehen das Gesagte nicht, weil sie nicht erfassen, was ihnen eigentlich gesagt wird. Woran könnte das wohl liegen?

Ganz einfach, die Jünger gehen davon aus, dass Jesus nach Jerusalem gehen wird und dort das Reich Gottes aufrichten wird. Nach ihren Erwartungen wird er die Herrschaft übernehmen und regieren.

Aber genau in dieses Verständnis hinein bekommen sie von Jesus gesagt, dass er, dieser Heils und Hoffnungsträger leiden muss. Und dieses Muss wird einerseits ganz deutlich, indem Jesus sein Leiden selbst hervorsagt. In den Versen 32 und 33 heißt es: „Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespieen werden,

und sie werden in geißeln und töten; und am dritten Tag wird er auferstehen“ und er andererseits im Vers 31 auf die Worte der Propheten weist: „und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten“.

Ist damit das „Muss“ des Leidens für die Jünger schon erklärt oder steckt hinter diesen Wort ein noch viel tieferer Sinn? Wenn alles so geplant – vorhergesehen- ist, denn die Propheten schreiben es ja und Jesus sagt es vorher, wird dann damit eigentlich nicht deutlich, dass Gott es will, dass Gott selbst es geplant hat? Dennoch verstehen die Jünger es nicht, aber erstaunlicherweise fragen sie auch nicht nach. Was tut Jesus? Er erklärt es ihnen auch nicht, worum es denn geht. Er lässt sie scheinbar in ihrem Unverständnis. Scheinbar deshalb, weil die Geschichte noch weiter geht. Wie es genau weiter geht? Schauen wir doch bei Lukas nach und hören, was er in den Versen 35-43 schreibt:

„Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte.

Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre.

Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei.

Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Die aber vornan gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn:

Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.

Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das er sah, lobte Gott:“

Die Jünger in ihrem Verhalten, das war für mich, und vielleicht geht es Ihnen jetzt auch so, zunächst erschreckend. Sie wollten verhindern, dass ein Blinder mit Jesus in Kontakt kommt. Gehen wir gedanklich noch einmal zusammen einen Schritt zurück und vergegenwärtigen wir uns die Erwartungshaltung der Jünger, mit der sie Jesus begleitet hatten. Sie warteten auf den Anbruch des Reiches Gottes und genau eben aus dieser Erwartungshaltung heraus haben sie so gehandelt, wie uns berichtet wird.

Es geht ihnen also nicht darum, dass der Blinde nicht geheilt wird, sondern sie haben ein anderes Ziel ganz klar vor ihren Augen: Sie wollen, dass das Reich Gottes endlich anbrechen kann.

Und was will Jesus? Was tut er? Er nimmt sich Zeit für den Blinden, der ihn so überzeugt und intensiv ruft. Er fragt ihn sogar danach, was er für ihn tun kann! Der Blinde zögert nicht, macht keinerlei Umwege in seiner Antwort, sondern sagt ihm ganz knapp und unverblümt klart, was er will: „Herr, dass ich sehen kann“. Und Jesus antwortet ihm ebenso knapp und unmissverständlich: „Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen“.

Ich bemerke aber schon die Widerstände, die sich hier bei uns bemerkbar machen könnten. Ich könnte eine ganze Reihe von Widerständen aufzählen, möchte mich aber auf nur einige, sehr markante Beispiele beschränken: „Ich glaube doch auch, warum bleibe ich dann krank? Warum wird nicht so geholfen, wie dem Blinden geholfen wurde? Heißt das für mich, dass ich, wenn ich nicht gesund werde auch nicht richtig geglaubt habe?“

So, liebe Gemeinde hier im Sakralraum und an den Übertragungsgeräten, sind die Fragen meines Erachtens nicht richtig gestellt. Gehen wir diese problematische Fragestellung von einer anderen Seite an. Was bedeutet denn Heilung für den Blinden?

Der Blinde erhält Heil, dass sich für ihn in Form der Heilung darstellt. Er sitzt vor der Stadt Jericho, und ihm bleibt als Blindem in der damaligen Zeit nichts anderes übrig, als zu betteln. Hoffnung auf Heilung besteht für ihn nur in der Zeit des Reiches Gottes, in der Herrschaft des Messias. Das aber heißt, dass für ihn durch die körperliche Heilung, die Heilszeit bereits angebrochen ist, im Jetzt, im gegenwärtigern Leben, und das alleine durch den Glauben.

Wenn wir nun heute auf der Aussage beharren und sagen: „Ich glaube doch auch, ich muss darum auch gesund werden, in der Bibel steht das doch so“, dann machen wir den/unseren Glauben zu einem Mittel für einen bestimmten Zweck. Wir verbinden dabei sogar noch häufig den Zweck mit einem Versprechen: Wenn ich wieder gesund werden, dann werde ich …; wir versuchen dabei ganz klar mit Gott zu verhandeln. Das kann so weit gehen, dass wir betteln: „Nur dieses eine Mal noch!“ Und nun ganz ehrlich: Halten wir eigentlich diese, unsere Versprechen? Wie sieht das denn in unserer alltäglichen Praxis aus? Ich denke da zum Beispiel nur an das, was wir uns schon so oft für das neue Jahr, das neue Jahrhundert vorgenommen haben und schon jetzt, nur wenige Tage (der Jahreswechsel liegt doch erst 55 Tage zurück) in den Hintergrund geschoben und längst vergessen haben.

Hier drängt sich nun schon die Frage auf, ob der Glaube Mittel zum Zweck ist, unabhängig davon, ob mit oder ohne Versprechen. Machen wir es uns in unserem Denken und auch Fordern nicht etwas zu einfach? Denn das würde in der Konsequenz gedacht bedeuten, dass wir, die wir glauben, in unserem Leben nichts bleibendes Negatives zu erfahren brauchen. Das Rezept für diese Vorgehen wäre denkbar einfach und würde so lauten: Sind wir in Not, dann beten wir und alles wird wieder gut, hat wieder gut zu werden!

Spüren Sie, um welche Aussage es hier geht? Der lebendige Gott würde so zu unserem Notnagel, den wir eben in dieser Notsituation aus unserem christlichen Verständnis heraus anrufen.

„Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen“ heißt es im Psalm 50, Vers 15. Was ist aber, wenn wir in der Not beten also Gott anrufen und das Erhoffte nicht eintrifft? Müssen wir dann verzweifeln, an Gott und seiner Zusage zweifeln und sagen, dass der Glauben doch nicht hilft, kein Heil bewirkt oder mein Glauben falsch ist?

Nein, auch Paulus würde hier widersprechen. Er hat um Heilung gebeten, doch ihm wurde die Heilung versagt.

Im 2. Brief an die Korinther lesen wir im 12. Kapitel in den Versen 8+9: „Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, … Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Heil muss also etwas anderes, mehr als nur körperliche Heilung sein. Bei ihm, um bei Paulus zu bleiben, liegt das Heil darin, dass der lebendige Gott ihm zur Seite steht, ihm die Kraft gibt, seine Krankheit zu ertragen. Wenn wir also nun den Blickwinkel unserer Betrachtungen dahin gehend erweitern, dass wir ihn auf die Nähe Gottes lenken, stellt sich dann nicht unweigerlich für uns die Frage, ob dieser Zuspruch Gottes nur Paulus gilt, oder er nicht vielleicht auch heute für uns, hier in unserer ganz spezifischen Situation gilt? Ist es nicht vielmehr so, dass wir auch täglich Gottes Heil erfahren und wir uns oft erst im Nachhinein fragen, wie wir mit so mancher schwierigen Situation fertig geworden sind, das Leid und den Schmerz ertragen konnten und in der Folge davon dann von einem Wunder sprechen?

Gott spricht uns sein Heil zu, jetzt, hier, in unserem Leben; oft geschieht Gottes Heil im Verborgenen, was bei uns immer wieder zur Folge hat, dass wir es gar nicht wahrnehmen, nicht wahrnehmen können. Paulus hat sich direkt von Gott angesprochen gefühlt und hat seine Zusage in sein Leben übernommen. Wir lesen heute diese Zusage und können sie für uns wie einen Brief an uns lesen und dabei erkennen, dass diese Zusage auch für uns heute gültig ist, ihre Gültigkeit nicht, zu keiner Zeit verloren hat. Jeder Einzelne von uns ist gemeint, ganz persönlich angesprochen.

Dem Blinden wurden die Augen zum Heil geöffnet; wir haben unsere Augen manchmal auch geschlossen, obwohl wir die Augen doch geöffnet haben. Lassen Sie es uns neu wahrnehmen: Ein liebes Lächeln, das uns entgegen gebracht wird, ein „ich drück dich“, ein tröstendes Wort, die liebevolle und besorgte Geste, Freunde, die uns in den Arm nehmen, auch eine überstandene Krankheit oder die Kraft, die uns geschenkt wird, mit dem einen oder anderen Problem umgehen zu können, auch den neu hinzugekommenen Lebenspartner auf Elternseite, der es nur gut mit einem meint annehmen zu können und Schwierigkeiten ertragen zu können; diese Reihe ließe sich unendlich erweitern.

Heil widerfährt uns überall dort, wo Gott selbst es uns zuteil werden lässt. Dafür hat Gott einen Plan gehabt, damit wir Heil erfahren. Er schenkt uns durch den Glauben Kraft und Heil, die im Leben ständig erfahrbar sind, sodass der Glaube nicht nur Mittel zum Zweck, sondern der Weg zum Heil, unserem Heil ist. Gott schenke uns die Gnade der Erkenntnis und mache uns sehend für das Heil, das er uns schenkt und schon geschenkt hat.

Amen.

04. Wer sein Leben für Gott verändert, der lebt ein wunderschönes Leben
1. Johannesbrief, Kapitel 2, Vers 21-25
Christuskirche Hanau, 02.01.2000

Predigtbitte:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

nun haben wir ihn hinter uns gebracht, den viel gefürchteten, von Ängsten durchsetzten Schritt in das nächste Jahrhundert, ich könnte auch Jahrtausend sagen. Alles das, was wir uns vorgenommen haben, Projekte, Festlichkeiten und gute Vorsätze für diesen Übergang in das neue Jahr, neue Jahrtausend warten nun darauf, dass sie umgesetzt, durchgehalten, bzw. weitergeführt werden.

Noch herrscht bei vielen von uns die Feststimmung vor. Die Ängste sind schon wieder vergessen oder zumindest wieder deutlich in den Hintergrund getreten. Alles ist ja gut gegangen. Da fällt mir ein Lied der Sängerin Milva ein: „Hurra, wir leben noch!“ Doch der Schein ist trügerisch, denn der Alltag mit allen seinen Ängsten wird uns bald wieder einholen. Da wird es sich dann zeigen, ob dieser Jahreswechsel, der Jahrhundertschritt auch so etwas wie ein Aufbruch gewesen ist, auf den der Eine oder auch Andere in einer Art Hochstimmung gewartet hat.

Wir wollen ja glauben, glauben, dass alles gut geht, glauben, dass es einen Gott gibt, der die Geschicke der Menschen leitet oder wie Helmut Thielicke sagt: „Der Glaube an Gott glaubt nicht nur an etwas, er glaubt auch gegen etwas“. Er glaubt eben auch gegen die Angst, er glaubt gegen die Sorgen, gegen die Schuld und auch gegen den Tod.

So gesehen erweist sich möglicherweise aber die Jahrtausendwende doch als eine willkürliche Schwelle, die von Kommerz und Stimmungsmacher geschickt benutzt wurde, um mit den Sehnsüchten und Hoffnungen und dem Glauben der Menschen zu spielen!

Weihnachten, Neujahr, Jahrtausendwende, alles gefühlsbeladene Feste, bzw. Ereignisse, die Wünsche und Erwartungen wach werden lassen; damit wir aber nicht einer gewaltigen Täuschung – einer Mogelpackung – aufsitzen, sollten wir unsere Lebenswirklichkeit mit Nüchternheit betrachten; dabei darf dann aber nichts beschönigt und auch nichts unterschlagen werden. Bei einer solchen Betrachtung werden allerdings unsere „Altlasten“, die wir mit in das neue Jahr gebracht habe, sehr deutlich: Begonnenes wurde nicht zu Ende geführt; vieles angedacht, nichts umgesetzt; vieles einfach vergessen und ebenso vieles aus Gründen der Bequemlichkeit einfach verdrängt; Verpflichtungen nur „holpernd“ nachgekommen, Versprechungen nur eingeschränkt eingehalten; vieles von diesem Ballast, und ich habe nur einen kleinen Teil aufgezählt, wären wir jetzt gerne wieder los. Unbelastet von allen diesen Dingen und guten Mutes würden wir so gerne weitergehen, doch wir wissen auch, dass sich unsere Wünsche keinesfalls mit einem Schlag erfüllen lassen oder erfüllt werden. Niemand, auch keine gute Fee, ist in Sichtweite, die uns wie in einem Märchen, drei Wünsche erfüllen kann. Mit einer Brechstange ist da aber auch nichts zu erreichen. Trotzdem ist es wichtig, dass wir unsere Wünsche nicht übersehen oder gar aufgeben. Wünsche und Hoffnungen sind Ausdruck der Möglichkeiten, Uneingelöstes durch Bewegung doch noch zu verändern.

Wenn ich nun genau darüber nachdenke, dann stehe ich vor solchen Fragen: Wie viel wird mir abverlangt, wenn ich meinen Weg gehe? Liegt das Gelingen meiner Pläne an mir? Ein Blick zurück zum Weihnachtsfest sagt mir klar NEIN, denn es ist bei allen Fragen und Problemen unverzichtbar, dass der Mensch gewordene Gott, in Jesus Christus hat er Gestalt angenommen, mir seine Hilfe und Begleitung zugesprochen hat, auch in mein Leben eingreift. Fragen wir nun nach der Wahrheit für uns, dann fragen wir danach, wie wir im Blick auf ihn wahrhaftig leben können. Lassen Sie uns dieser Fragestellung an Hand des Predigttextes für den heutigen Sonntag nachgehen. Er steht im 1. Johannesbrief, im 2. Kapitel, in den Versen 21-25:

„Ich habe euch nicht geschrieben, als wüsstet ihr die Wahrheit nicht, sondern ihr wisst sie und wisst, dass keine Lüge aus der Welt kommt.

Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.

Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.

Was ihr gehört habt von Anfang an, das bleibe in euch. Wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, so werdet ihr auch im Sohn und im Vater bleiben.

Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben.“

Dieser Abschnitt im 1. Johannesbrief ist ein voller, ja fast überladener Textanschnitt. Er ist ein Bekenntnis zu diesem irdischen Jesus als Christus und Gottessohn. Er ist der Höhepunkt innergemeindlicher Auseinandersetzungen; schon damals wurden bei Teilen der Gemeinde Zweifel an der Göttlichkeit Jesu laut; man ging davon aus, dass eine vollständige Verbindung zwischen irdischen und himmlischen nicht möglich ist. Vor der Passion habe sich der göttliche Anteil von Jesus wieder zu Gott zurückgezogen. Solches Denken hätte aber eine Abwertung des Menschen Jesus von Nazareth zur Konsequenz. In der Weiterführung hieße das auch, dass Jesus in der Rolle des entscheidenden Offenbarers zurück genommen würde. Unser heutiger Predigtext betont nun aber, dass Jesus Christus das Einzige ist, das wir verlässlich über Gott wissen. Im Leben und Sterben begegnet uns Gott selbst als die Wahrheit über uns.

Der Schreiber ist davon überzeugt, dass der, der nach Gott fragt, zugleich nach Jesus Christus fragen muss. Wer aber nun nach Jesus fragt, stellt damit automatisch für sich selbst die Frage nach der Wahrheit, der Wirklichkeit des Lebens. Keine Angst, es wird keine philosophisch-theologische Diskussion über die Wahrheit und deren Bedeutung; ich möchte auch nicht die unendliche vielen Versuche einer Antwort aus der Geschichte aufzählen. Klar aber ist eins: Wie auch immer die Frage nach der Wahrheit beantwortet wird, sie wird immer unvollständig bleiben, wenn die Wahrheit, die Jesus Christus ist, ausgeklammert wird. Genau aber davon ist im Predigtext die Rede. Diese Wahrheit ist immer konkret. Schon Jesus brauchte dafür keine anspruchvollen Traktate, keine theoretischen Abhandlungen, sondern er lebte die Wahrheit im Alltag. Sie zeigte sich täglich, war für alle Menschen die sie sehen wollten auch sichtbar. Erstaunlich war dabei die unterschiedliche Weise, wie Jesus seinen Zeitgenossen und Mitmenschen begegnete und ihnen half, gesund zu werden, ihr Leben einfach besser zu verstehen. Von diesen lebenswichtigen und wahrhaftigen Begegnungen spricht das Neue Testament. Hier erfahren wir die Wahrheit über das Leben. Hier finden sie sich wieder, die unter der mühseligen und kräftezehrenden Last des Alltags seufzen und sich zu Gehör bringen und erfahren dabei, dass sie, wenn sie wollen, Leben, Hoffnung und Zuversicht von Gott geschenkt bekommen. Aus diesem Grund sucht Jesus die Menschen da auf, wo sie wirklich sind: Zu Hause, bei der Arbeit und auf Plätzen, um ihnen zu zeigen, wie nahe Gott bei ihnen ist und auch ihr Leben verändern kann.

Jesu Spuren sind bis heute unverkennbar: Wenn Menschen erkennen, dass Geld und Reichtum nicht alles sind, wenn sie spüren, dass Liebe mehr ist als zu verlangen, wenn jemand Kraft findet sich zu entschuldigen und um Verzeihung zu bitten, wenn Hoffnung und Freude am Leben wieder die Oberhand im Leben gewinnen, dann sind sie auf den Spuren und dem Lebenswandel Jesu. Überall, wo das geschieht, da ereignet sich die Wahrheit, haben wir Tuchfühlung mit Jesus Christus bekommen, dem lebendigen Gott. Er, der die Wahrheit ist, ist das stärkste Gegenargument, wenn Menschen an die Wand gedrückt werden oder Täuschungen zu erliegen drohen.

Erstaunlich ist, wie nahe Wahrheit und Lüge beieinander liegen und wie leicht sich Menschen täuschen lassen. Gott will nicht, dass wir in die Irre gehen und kommt uns deshalb mit seiner Wahrheit zur Hilfe. Ich denke dabei an „den guten Hirten“, „das verlorene Schaf“ oder auch an „den verlorenen Sohn“. Jesus läßt die Wahrheit sichtbar werden, und sie heißt: Gott geht es um Bewahrung und Rettung“. So, und nur so gibt Gott sich zu erkennen.

Die Hoffnung auf eine gute Zukunft, so wie Gott sie uns verheißen hat, dürfen wir uns nicht mit dem Hinweis auf eine kaputte, immer wieder aus den Fugen geratene Welt zerstören lassen. Die Wahrheit, die Jesus gelebt hat, möchte die guten Bilder in uns verstärken. Jesus zeigt und macht auch für uns unmissverständlich deutlich, dass Gott immer mit dabei ist. Brauchen wir da noch mehr als die Zusage, dass er kommt, weil er treu ist? Er befreit Gefangene. Er tröstet Traurige. Er gibt Ängstlichen wieder Mut. Gott ist bei uns, auch in dem vor uns liegenden Jahr.

[...]

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Gott ist die Mitte meines Lebens
Untertitel
Durch sein Wort erfahre ich den Sinn und die Aufgaben meines Lebens
Autor
Jahr
2008
Seiten
91
Katalognummer
V94187
ISBN (eBook)
9783640104697
ISBN (Buch)
9783640113682
Dateigröße
870 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Predigten, Mut gewinnen und nicht verzweifeln, sich neu mit Gott einlassen, Glauben an Gott neu ausrichten, Gott in den Alltag einbeziehen, sich dem lebendigen Gott neu zuwenden, Gott als die persönliche Lebensmitte erkennen, Kraft aus dem Glauben schöpfen
Arbeit zitieren
Religionspädagoge Günter-Manfred Pracher (Autor), 2008, Gott ist die Mitte meines Lebens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94187

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