Psychische Störung als Sozialisationsergebnis - Eine Untersuchung zur Antipsychiatrie


Diplomarbeit, 2007

129 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitende Darstellung zu meiner Themenwahl

2. Grundlagen I: Sozialistionsforschung
2.1 Der Begriff der Sozialisation / Anmerkungen zur Sozialisationsforschung
2.2 Kulturanthropolgische Sozialisationsforschung
2.2.1. Der Mensch als Kulturwesen
2.2.2 Krankheit; ein soziales Problem?
2.2.2.1 Was ist Krankheit?
2.2.2.2 Was ist psychische Krankheit?

3. Abriss der Englischen Antipsychiatrie – zugleich in ihrer Kritik
3.1 Einführendes
3.2 Kurze Darstellung des für die Antipsychiatrie wichtigen Existentialismus
3.3 Ronald D. Laing
3.3.1 Sozialphänomenologie der Familie
3.3.2 Kritik Laings Sozialphänomenologie der Familie
3.3.3 Transzendentale Erfahrung anstatt Politik
3.3.4 Kritik Laings transzendentaler Erfahrung und Politik
3.4 David Cooper
3.4.1 Familie, Individuum und Gewalt
3.4.2 Gesellschaftliche Gewalt und Gewalt der Psychiatrie
3.4.3 Zerdehnung des Krankheitsbegriffs
3.5 Weiterführende Kritik
3.5.1 Neue Spiritualität und revolutionäre Politik
3.5.2 Abschließende Kritik

4. Grundlagen II - Die Sozialisationstheorie in der Antipsychiatrie
4.1 Laing: Die Sozialisation in der Familie
4.1.1 Die zwei Familien
4.1.2 Die Familie als Phantasie
4.1.2.1 Verinnerlichung
4.1.2.2 Umwandlung und Externalisierung: „Projektion“
4.1.2.3 Die Übertragung von Gruppenmodi
4.1.2.4 Die Abwehrfunktion der Familie
4.2 Die Erforschung der Familie und der sozialen Zusammenhänge in ihrem Verhältnis zur Schizophrenie
4.3 Die Politik der Familie
4.3.1 Familie und Invalidation
4.3.2 Familienszenarien
4.3.3 Operationen
4.3.4 Regeln und Metaregeln
4.3.5 Das Mapping (Abbilden)
4.4 Ergebnisse der durch die Antipsychiatrie indizierten Familienforschung
4.4.1 Definition der Schizophrenie auf Grund einer Störung der typischen Interaktion
4.4.2 Der Begriff der Beziehungsrealität
4.4.3 Die Beziehungsfalle
4.4.3.1 Das Double-Bind
4.4.3.2 Der Effekt des Double-Bind
4.4.4 Die Pseudo-Gemeinschaft
4.4.4.1 Definition von Beziehungen
4.4.4.2 Charakterisierung der Pseudo-Gemeinschaft
4.4.4.3 Mechanismen zur Aufrechterhaltung der Pseudo-Gemeinschaft
4.4.5 Der Rubber fence (Gummizaun)
4.4.5.1 Billigung und Verheimlichung
4.4.6 Verinnerlichung der Rollenstruktur und daraus resultierender schizophrener Schub
4.4.7 Spaltung und Strukturverschiebung innerhalb der Ehe
4.4.7.1 Weitere Definition von Schizophrenie
4.4.7.2 Die Verteidigung stereotyper Rollen in den Familien von Schizophrenen, sowie deren Auswirkung
4.4.8 Das Bestreben, einen anderen verrückt zu machen
4.4.8.1 Ältere Literatur
4.4.8.2 Neuere Theorie auf Grund weiterer Forschung
4.4.8.3 Motive jemanden verrückt zu machen
4.4.9 Der Vorgang der Mystifizierung: Konfusion und Konflikt
4.5 Cooper: Kritik der Erziehung
4.6 Cooper: Forderung einer Revolution von Liebe, Beziehung und Wahnsinn

5. Abschließende kritische Rückschau und Vorschlag einer menschenzentrierten Therapie-

Form

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

1. Einleitende Darstellung zu meiner Themenwahl

…..

Schon während meiner Schulzeit machte ich Erfahrungen und Beobachtungen, die in mir ein unsicheres aber tiefes Gefühl erregten, in einer „falschen Gesellschaft“ zu leben, in der sich die Menschen über die Wahrheit und Wirklichkeit entweder freiwillig hinwegtäuschen oder daran gehindert werden, diese herauszufinden. Ich hatte das Gefühl, dass man, wenn man sich hierfür interessierte, als lästig „ausgemustert“ oder „mundtot gemacht“ wurde. - Daher hatte ich ständig den Eindruck, dass die Sozialisation der Individuen in der Familie, der Gesellschaft und ihren Institutionen, wie der Schule, uns nicht, um es mit Albert Einsteins Worten zu sagen, nicht „zu mündigen Persönlichkeiten, sondern zu nicht viel mehr als wohlerzogenen Haustieren“ erzieht, wir also manipuliert und unterdrückt werden.

… zeitgenössische Wissenschaftler weisen hierauf hin, wenn auch im sozialen Kontext. So beispielsweise Albert Einstein in seiner Darstellung vom wahren Wert des Menschen: Dieser „ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom ICH gelangt ist“[1]. - Hier bleiben also nur noch drei Möglichkeiten der Psyche/des Geistes übrig, dass entweder das „ES“ mit seiner zügellosen Triebstrebsamkeit (Freud: Krankheit des rigiden ES) oder das „ÜBER-ICH“ mit seiner reinen Moral (Krankheit des rigiden ÜBER-ICH), siegt, oder eben, dass beide gleich stark sind, sich einig werden und so verschmelzen.

Oder sollte man es mit Nietzsche ausdrücken: Er strebe den Übermenschen, der frei von verlogener Moral ist, an. Dies kann nur bedeuten, dass dieser Mensch nur Moral lebt, die er vollständig und bewusst eingesehen hat. Da sowohl zügelloses Ausleben eines Triebes als auch Triebreduktion ein Moralkodex sein können, müssen sich hier also letztendlich alle Trieb- und daraus entstehenden Moralkonstitutionen verbunden werden.

Auch ich frage mich, wie wir dazu beitragen können, dass ein freier, echter/wahrhaftiger und sich selbst sozialisierender und trotzdem sozialverträglicher, also „mündiger“ Mensch in unserer Gesellschaft sich entwickeln und bestehen kann.

Mit der Suche nach und der Darstellung von Literatur mit Wegweisern und Einsichten zu diesem Thema gelangte ich zur Antipsychiatrie, mit der sich diese Arbeit beschäftigen soll. - Diese erscheint mir dabei als eine Art wissenschaftlicher Erarbeitung und Zusammenfassung der Sprache des Wahnsinns, mit der ich mich gut identifizieren kann.

Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich an folgendem Leitfaden:

Zuerst werd ich einen ersten Grundlagenteil anlegen. Dieser wird sich mit einem Abriss der Klärung des Sozialisationsbegriffs, der die Antipsychiatrie ermöglichenden kulturanthro-pologischen Sozialisationsforschung und der daraus hervorgehenden Frage, was Krankheit, beziehungsweise psychische Krankheit ist, beschäftigen.

Es wird sich ein Abriss der Grundpositionen der englischen Anti-Psychiatrie anschließen, der sich auch der bekanntesten Kritik an dieser widmen wird. Für die englische Antipsychiatrie habe ich mich entschieden, da diese als Begründung der antipsychiatrischen Denktradition gilt.

Als dritten Teil der Arbeit werde ich einen Überblick über die antipsychiatrische Sozialisations-sicht Ronald D. Laings, die Ergebnisse der sich auf diese beziehenden Sozialisationsforschung zur Entstehung der Schizophrenie und schließlich der Cooperschen Erziehungskritik geben.

Zuletzt folgt dann eine zusammenfassende Kritik als Rückschau auf diese Arbeit und der Vorschlag einer menschenzentrierten Therapieform in der Folge der Tradition der Antipsychiatrie.

2. Grundlagen I: Sozialistionsforschung

2.1 Der Begriff der Sozialisation / Anmerkungen zur Sozialisationsforschung

Sozialisation wird von Sozialwissenschaftlern übereinstimmend als wichtigste Bedingung der „Menschwerdung“ des Homo Sapiens gesehen.

„Unsozialisierte“ Menschen, die zum Großteil ohne soziale und kulturelle Einflüsse aufwuchsen, gelten aus dieser Perspektive nicht als „typisch“ menschlich. Diesen Personen wird ein Mangel an „menschlicher Natur“ zugeschrieben, die immer eine soziale sei.[2]

Schmerl[3] hält fest, dass Sozialisation von diesem Blickwinkel aus

„also weniger ein Anpassungs- und Kontrollvorgang, um ungezügelte Lebensäußerungen zu kultivieren und zivilisieren, sondern in aller erster Linie Voraussetzung der Entwicklung grundlegender menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten“ sei.

Sie weist auch noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass schon 1958 Gehlen den Menschen als „Kulturwesen“ beschreibt:

„...dass wir alles Menschliche nur in der Imprägnierung durch ganz bestimmte kulturelle Färbungen erfahren können. ... Wenn die Kultur dem Menschen natürlich ist, so bekommen wir auch umgekehrt seine Natur nie als solche, sondern nur in der Durchdringung mit ganz bestimmten kulturellen Zusammenhängen zu Gesicht.“[4]

Dieser von Gehlen beschriebene Sachverhalt bedeute aber auch, dass die „Natur des Menschen“ vor bzw. ohne gesellschaftliche Formung nicht zu existieren scheint, nicht einmal als „abstrakte Denkmöglichkeit“[5].

Trotzdem sei der Mensch auf Grund seiner nicht ausschaltbaren „natürlichen physiologischen Grundbedürfnisse“ nicht unbegrenzt formbar; jedoch würden seine „menschlichen Wesenszüge“, also höheren Bedürfnisse und mentalen Fähigkeiten durch Sozialisation, genauer durch Interaktion erst erweckt und ermöglicht, sogar geformt.[6]

Der Begriff der Sozialisation setzte sich zuerst in den USA in den 20`er und 30`er Jahren unter Einfluss der Kulturanthropologie durch[7], wurde jedoch schon vorher von dem Soziologen Ross[8] zur Darstellung gesellschaftlicher Formung des Individuums durch „soziale Beeinflussung und Kontrolle“ verwendet. Dieser Wortgebrauch ist teilweise bis heute in seinem sozialtechnologischen Gebrauch und in Auseinandersetzung mit den genannten Prozessen erhalten geblieben[9], auch wenn er häufig als einseitig beschrieben wird.[10] Oftmals sieht man hier die Sozialisation der Individuen primär unter dem Gesichtspunkt der Systemerhaltung und der Einpassung der jeweiligen Person in das soziale System.

Später kritisierten Sozialwissenschaftler nicht nur diese Darstellung des „over-sozialized conzeption of man“[11], sondern es wurden von Wissenschaftlern wie Parsons[12] auch die Indifferenz oder reflexionslose Übernahme der gesellschaftlichen Sozialisationsinhalte stark kritisiert, wie sie in den zu dieser Zeit klassischen Ansätzen der Soziologie zu finden waren.[13]

Mit der Zeit wurde jedoch nach Schmerl deutlich[14], wie die Funktionen und Grenzen der sozialwissenschaftlichen Einflussnahme in der kapitalistisch geprägten Gesellschaft einzuschätzen seien. Blieben die sozialisatorischen Maßnahmen ohne direkten Erfolg in Form erhöhter und/oder flexiblerer Qualifikationen für bestimmte Arbeitsprozesse, so würde die Sozialisationsforschung immer den veränderten Bedürfnissen des Kapitals angepasst. Progressive Sozialisationsziele[15] würden dann nicht mehr als funktional für wirtschaftliche Interessen gesehen.[16]

Für Schmerl[17] ist diese „bezeichnete Biegsamkeit einer Wissenschaft und ihrer Erkenntnisse für die wechselnden Interessen der herrschenden Klasse ein zentrales Kennzeichen bürgerlicher Wissen-schaft“[18].

Hagemann-Witte und Wolff[19] definieren dieses Dilemma folgendermaßen:

„... die Sozialisationsforschung muss ... entweder eine abstrakte, vorgesellschaftliche Natur des Menschen annehmen oder aber die Macht der bestehenden Verhältnisse zum unabweisbaren Schicksal erheben ...“

Ein weiteres Manko bürgerlicher Sozialisationsforschung sei die unzureichende Erklärungs-möglichkeit der Herausbildung und Aufrechterhaltung der jeweiligen Sozialisationsinhalte und –formen, wie auch deren Abhängigkeit von gesellschaftlichen Variablen.[20]

2.2 Kulturanthropolgische Sozialisationsforschung

Kulturanthropologische Forschungsbeiträge sind nicht durch eine eigenständige Theorie gekennzeichnet, sondern es wurde sich vorwiegend der Theorien der Nachbardisziplinen Psychologie, Psychoanalyse und Soziologie bedient.

Trotzdem ist der Kulturanthropologie nach Schmerl[21] wegen ihrer Methode des interkulturellen und methodischen Vergleichs ein „besonderer Platz innerhalb der sozialwissenschaftlichen Disziplinen“ einzuräumen.

2.2.1. Der Mensch als Kulturwesen:

Schmerl stellt fest[22], dass die amerikanische Kulturanthropologie „wie keine andere Wissenschaft dazu beigetragen hat, jahrhundertealte Vorstellungen von der „menschlichen Natur zu widerlegen“.

Schon die große Anzahl des von ihr gesammelten Forschungsmaterials beweise, dass bestimmte menschliche Lebensformen und Eigenschaften nicht etwa angeboren, sondern durch die jeweiligen sozialen Umwelten geformt sind.

Linton[23] stellt diesen Sachverhalt folgendermaßen dar:

„Bis vor kurzem haben Psychologen nicht voll erkannt, dass alle Menschen und so auch sie selbst sich in einer überwiegend kulturell determinierten Umwelt entwickeln und tätig sind. ... Selbst ein Meister Freud setzte häufig Instinkte ein für Erklärungen von Reaktionen, die wir heute als eindeutig kulturbedingt ansehen.“

Aber auch Kulturanthropologen griffen bei ihrer Arbeit häufig auf ihre eigene, also vorwiegend westliche Kultur zurück.[24]

Der Begriff der Persönlichkeit wurde wohl zuerst von Ruth Benedict[25] gebraucht. Sie benutzte diesen zur Beschreibung ihrer eigenen Kultur und ihrer sozialen und ethischen Konfigurationen.

Dabei versuchte sie die Verursachung kultureller Unterschiede durch unterschiedliche „psychische Typen“ der Kulturen zu beschreiben und erklären.

Singer[26] fasst die wichtigsten Punkte ihres Ansatzes wie folgt zusammen:

„1. In jeder Kultur gibt es einen weiten Bereich individueller Temperamentstypen, die allgemein wiederkehren.
2. Jede Kultur gestattet jedoch nur einer begrenzten Anzahl von Typen, sich zu entfalten. Das sind jene, die der
dominanten Konfiguration entsprechen.
3. Die überwiegende Mehrheit der Individuen wird sich dem jeweils dominanten Typ angleichen, ... . Sie werden
die „normalen“ Persönlichkeitstypen sein.
4. In jeder Gesellschaft wird eine Minderheit von Individuen diesem dominanten Typ nicht entsprechen, ... . Dies
sind die „Devianten“ oder Abnormen.
5. Die Einordnung und Verteilung von „normalen“ und „abnormen“ Persönlichkeitstypen hängt von der Konfi-

guration der jeweiligen Kulturen ab, die die Kriterien für „Normalität“ und „Abnormalität“ festlegen.“

Wie von Benedict ein solch weit reichender Einfluss der Kultur auf ihre Mitglieder zugeschrieben wurde, so war sie auch der Überzeugung, dass dieser nur auf Kosten der individuellen Persönlichkeit gehen konnte. Aus diesem Grunde interpretierte sie in ihrem Ansatz auch einen starken Gegensatz in das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Individuen, der das Individuum vorwiegend als „hilfloses Geschöpf“ gegenüber einer auf Einordnung und Anpassung drängenden Übermacht erscheinen lässt.

Oftmals wurde Benedict daher der Vorwurf gemacht, bei der von ihr behaupteten Plastizität des Menschen könnten nur noch die Devianten einer Gesellschaft als individuelle Persönlichkeit bezeichnet werden[27]. Obwohl diese Kritik in der Sekundärliteratur[28] wohl von Hand zu Hand weitergegeben wurde, hätte eine genaue Rezeption Benedicts Arbeiten diese Auffassung widerlegen können. So schreibt sie[29]:

„ ... In Wirklichkeit sind Gesellschaft und Individuum gar keine Gegner. Die Kultur liefert das Rohmaterial, aus dem der Einzelne sein Leben aufbaut. Ist es dürftig, dann hat er darunter zu leiden, ist es gehaltvoll, dann hat er die Gelegenheit, es zu seinen Gunsten auszuwerten. Die Gesellschaft im wirklichen Sinne, wie wir sie untersucht haben, ist niemals eine von den Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, trennbare Einheit. Kein Individuum kann ohne eine Kultur, in der es lebt, seine Fähigkeiten auch nur im Geringsten auswerten. ...“

Es fragt sich genau gesehen also nur, wann die kulturell vermittelten Informationen gehaltvoll sind, bzw., antipsychiatrisch gesehen, eine Auswertung zulassen.

Wichtig ist Benedicts Ansatz deswegen, weil sie durch ihr Plädoyer für die Kulturbestimmtheit des Menschen gegen die damals vorherrschende Idee des Primats von biologischen Faktoren und der Überlegenheit bestimmter menschlicher Rassen argumentierte. Auch setzte sie sich für größere Toleranz gegenüber Devianten einer Gesellschaft ein, die ihrer Meinung nach nicht grundlegend als „verrückt“ zu bezeichnen seien, sondern als lediglich nicht in die Vorstellungen von „Normal“ einer Gesellschaft passend. So bezeichnete sie die psychiatrischen Klassifikationen der westlichen Welt als willkürlich und im Grunde relativ.[30]

M. Mead vertrat in ihren Arbeiten zu diesem Thema eine ähnliche Sichtweise wie Benedict[31], auch wenn ihre wissenschaftliche Herangehensweise etwas von der Benedicts differierte.

So verglich sie die verschiedenen Kulturen mit „Filtern“, die jeweils nur den abgrenzbaren Bereich der wünschenswerten Verhaltensweisen des gesamten Verhaltens-Spektrums durchließen.[32] Dabei ging sie jedoch davon aus, dass die westliche Kultur deutlich mehr „Temperamentstypen“ zuließe als die von ihr untersuchten primitiven Kulturen. Diese kultivierten ihrer Ansicht nach nur einen dominanten Typus.

Ein weiterer Unterschied zu Benedict besteht darin, dass Mead die von ihr untersuchten Grundcharaktere nicht in übergeordnete Leitbilder zusammenfasste, sondern ausschließlich die einer Kultur innewohnenden Lebenspraktiken und Erziehungsformen für die Entwicklung der jeweiligen Charaktere, Fähigkeiten etc. verantwortlich machte. Nur in extremen Fällen besonders einseitiger oder auch ausgeprägter Veranlagung würden sich individuelle Eigenschaften gegen die Erziehung und dann auch von der jeweiligen Kultur als wünschenswert erachtete Merkmale durchsetzen. Diese Individuen gälten dann als Außenseiter und deviant.

Benedict und Mead gaben durch ihre Einbeziehung psychologischer Betrachtungsweisen die Grundlagen und ermöglichten die Entwicklung der „Kultur-Persönlichkeits-Schule“ in der Kulturanthropologie und dann auch der Sozialisationsforschung.

2.2.2 Krankheit; ein soziales Problem?

2.2.2.1 Was ist Krankheit?

Was ist Krankheit im weiteren Sinne? Mit Giovanni Jervis kann diese Frage besonders einfach, wie auch treffend beantwortet werden:

„Gesundheit wird üblicherweise einfach als das Nichtvorhandensein von Krankheit verstanden.“[33]

Die Aufgabe jeder sich mit Krankheit beschäftigenden Therapie wäre demnach in einem Patienten Gesundheit wiederherzustellen; für die Psychiatrie hieße dies die Gesundheit der Psyche oder weiter des Geistes.

In der Präambel des Gründungsdokumentes der Weltgesundheitsorganisation heißt es darüber hinaus, dass Gesundheit nicht nur das Nichtvorhandensein von Krankheit sei, sondern auch „der Zustand umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“.

Gesundheit ist damit nicht nur die des physischen Körpers, sondern bedeutet vielmehr, wie Jervis meiner Meinung nach wieder treffend formuliert, „die Möglichkeit, die physischen und psychischen Anlagen voll auszuschöpfen …“.[34]

Wenn Gesundheit also das oben gesagte beinhaltet, dann fallen wohl gemerkt beispielsweise auch schlechte Ernährung oder Lebensführung aufgrund von Armut oder Unwissenheit, wie auch Fehlinformation und dadurch entstehendes Fehlverhalten, schlechte, krankmachende Arbeits- oder Sozialbedingungen in den Bereich von Krankheit oder wie man treffender ausdrücken müsste in die Nicht-Gesundheit. Auch psychische oder geistige Verarmung oder Nicht-Fähigkeit der Ausschöpfung der eigenen Intelligenzfähigkeit[35] aufgrund von Sozialisations- und Lernprozessen gehören hierzu.

Jedoch ist das allgemein verwendete Bild von Gesundheit immer noch das „von Gestern“[36], das noch von Krankheiten auf Grund von Infektionen ausgeht, wenn auch, wie ich ergänzen möchte, heute andere organische Krankheiten oder Behinderungen darunter gefasst werden.

Nach Schmerl[37] haben

„die Ergebnisse der psychosomatischen Medizin, der Sozialmedizin und ... der Sozialpsychiatrie gezeigt, dass auch bei der Genese von Krankheiten ... in zunehmenden Maße soziale Ursachen verantwortlich zu machen sind“.

Daher scheine es notwendig, den Bereich der physischen und psychischen Gesundheit in die Betrachtung von Sozialisationsauswirkungen mit einzubeziehen.[38][39]

Allerdings werden heute Krankheiten mit zwar oft wirksamen Methoden behandelt, die jedoch meistens nur das Recht bedeuten, nicht sofort zu sterben. Dies ist schon daran zu erkennen, dass nach einer Behandlung als gesund eingestufte Menschen sofort wieder in die krankmachende Situation entlassen werden, wieder krank werden, wieder und wieder behandelt werden oder sogar irgendwann dann wegen einer chronifizierten Kankheit behandelt werden müssen, da schon ein Dauerschaden entstanden ist. Jervis spricht hier treffend aus, dass diese Menschen selten in eine, wie ich ergänzen möchte, „gesunde“ Normalität zurückkehren.[40]

Mit Jervis möchte ich zunächst fordern, dass es Ziel der Zukunft sein müsste, Krankheiten vorzubeugen und ihre Ursachen zu bekämpfen, anstatt die immer häufiger chronisch werdenden Leidenszustände und die damit zusammenhängenden niedrigen Lebensqualitäten lediglich zu lindern.

Nun haben wir, wie Jervis wieder jedermann einleuchtend feststellt, große Fortschritte im Bereich der Gesundheitsfürsorge gemacht. Jedoch ist auch augenscheinlich, dass dieser Fortschritt immer noch, und ich möchte sagen mehr denn je, den Gesetzten der kapitalistischen Produktion und ihres Konsums gehorcht und, wie Jervis treffend festhält, dem Gesetz der Ausbeutung der Arbeitskraft. So sind beispielsweise die Auswirkungen der ökologischen Schäden nicht für alle Gesellschaftsklassen die gleichen.[41]

Wenn ich aus meinem Nahraum berichten darf, dürfen beispielsweise heute bei Verspannungen oder Rückenschmerzen nur noch selten Massagen verschrieben werden. Stattdessen werden diese derzeit meistens weggespritzt, auch wenn eine solche Behandlung meistens nur kurze Zeit vorhält --- was übrigens die Ideologie des heutigen Gesundheitswesens gut skizziert.

Hier zeigt sich auch, dass, wie Jervis festhält, den besser Betuchten auch entsprechend bessere medizinische Behandlungen zuteil werden. Denn diese, so möchte ich erläutern, könnten sich im beschriebenen Fall auch eine ergotherapeutische Behandlung leisten und wären langfristig nicht auf eine Schmerzbehandlung durch Betäubung, wie sie von den Kassen gewährt wird, angewiesen.

An der Tagesordnung in kapitalistischen Gesellschaften ist jedoch, wie Jervis wiederum treffend resümierte, eine Politik, die auf der „Ideologie der Tröstung durch Konsum und Flucht in die Ablenkung“ beruht, was ihm zufolge in einer „Entmutigung hinsichtlich politischer Alternativen zu einem immer schwierigeren, erniedrigenden Leben voller Frustrationen“[42] führt. Und in der Tat machen sich die Menschen, so ich möchte betonen, in einem weiteren Geschichtsverlauf, immer weniger Gedanken um diesen Fakt, zumindest nicht so intensiv, dass ein ausreichender Druck auf das Gesundheitswesen bestünde, diesen Sachverhalt wirklich zu ändern.

Das Gesundheitswesen nimmt also eine wiedergutmachende und trösterische Stellung ein, was aber weitergehend nicht wirklich verschleiern kann, dass fortschreitende Krankheit vor allem einen Verlust an Produktivität und dann auch gesellschaftlicher Vertragsfähigkeit bedeutet, da man immer weiter aus der Gesellschaft heraus fällt und abgedrängt wird, indem man in deren zwischenmenschlichen Beziehungen zunehmend Wert und Macht/ Einflussmöglichkeiten einbüßt.

Nun kann man behaupten, und das mit Recht, dass die Medizin sich heute, wie auch Jervis feststellt[43], mit dem Sozialwesen verbindet und ergänzt. Man muss allerdings gerechterweise auch fragen, wie dies geschieht. So folgt auf eine medizinische Behandlung schon eine Zurückführung in das jeweilige Gesellschaftssystem, die jedoch im meinen Augen wieder eine Tröstung ist, da bei chronischen oder schweren Kranken diese eher verwaltet werden, und das, wie gesagt, mit starken Einbußen ihres finanziellen und dann auch sozialen Lebensstandards. Hier werden tatsächlich, wie Jervis festhält[44], die

„technischen medizinischen Eingriffe[45] zu nur offiziell therapeutischen, in Wirklichkeit aber psychologisch-sozialen und trösterischen Zwecken gebraucht“.[46]

Ein wichtiger Sachverhalt, der gegen die Einführung neuer Krankheitsmodelle steht, ist die Organisation des Gesundheitswesens nach dem Profitprinzip.[47] So hätte schon Gaglio[48] festgestellt, dass in dem Maße, in dem Gesundheit zur „Ware“ würde, die man mit Hilfe von Behandlungen und Medikamenten wieder erwerben kann, die Verkäufer dieser Ware nicht wirklich an der Abschaffung oder Reduzierung von Krankheiten interessiert sein könnten[49].

Die damit verbundene „Kostenexplosion“ im Gesundheitswesen würde mit der Ideologie einer technologisch allmächtigen Medizin und einer breiten und intensivierten Gesundheitsversorgung der Gesamtbevölkerung verdeckt.[50]

Darüber hinaus stellt Jervis fest, wenn auch vorerst für das Proletariat[51], dass

„ein Großteil der Störungen (Krankheiten), … , unbehebbare psychophysische Leidenszustände“

sind,

„bei denen psychische Störungen, psychosomatische Störungen, chronische oder wiederkehrende Erkrankungen, Frustrationen, Ängste und umfassende Unsicherheiten mitspielen“.[52]

Dabei ist nach Eyer der einzig vernünftige Weg zur Eliminierung von psycho-somatischen Krankheiten[53] die Erkennung und Behebung der sozialen Ursachen.[54] Trotzdem würde diese Notwendigkeit nicht angegangen, da dies strukturelle Veränderungen und Kosten - auch Kostenumverteilungen - mit sich bringen würde, die sich gegen die Interessen der herrschenden Klassen richteten. Nach Nussbaum[55] handele es sich hier um das Prinzip vollendeter, freigelassener Marktwirtschaft, um ein „Perpetuum Mobile dritter Art“, das wirklich funktioniere. Der Staat könne seinerseits nur solche Gesundheitsmaßnahmen befürworten, die den zugrunde liegenden Mechanismus der kapitalistischen Wirtschaft nicht angriffen.

Auch unausreichende Unterstützung und Förderung von Kindern in der Schule können nach Jervis[56] zu einem Krankheitsschicksal, wenn auch dieses nicht als Krankheit, sondern als individuelles Schicksaal auf Grund von eigenen unzureichenden Kompetenzen und Möglichkeiten dargestellt wird, führen. Jervis schreibt[57]:

„Wie viel Talent, Intelligenz und Phantasie die Schule und die heutige Erziehung in den Kindern … zerstört, ist erschütternd.“

Dies deutet, wie man rechtens festhalten muss darüber hinaus darauf hin, dass die gesamte Sozialisation des Nachwuchses, also auch in der Familie häufig eben die Entfaltung der wirklichen geistigen Fähigkeiten der neuen Gesellschaftsmitglieder stark negativ beeinflusst.

2.2.2.2 Was ist psychische Krankheit?

Was aber ist psychische Krankheit? Wie wird diese gesellschaftlich interpretiert?

Der Begriff der Psychischen Krankheit hat seine Wurzeln im Devianzbegriff der Soziologie, also in der Betrachtung der Abweichung und dies immer in Bezug auf eine Norm.

Devianz bedeutet in dieser Hinsicht immer ein moralisches Urteil in Bezug auf einen Ausnahmefall, etwas, was nicht häufig vorkommt und unangemessen scheint. Somit verweist sie auf gesellschaftliche Unerwünschtheit, einen Widerstand gegen den Moralkodex oder die vorherrschenden Konventionen. Dies wiederum ist verbunden mit informellen oder formellen Sanktionen, um den Abweichenden in das als normal definierten Verhalten zurückzubringen.

Hierbei ist die Definition dessen, was abweichend ist von Kultur zu Kultur verschieden und variiert darüber hinaus je nach geschichtlicher Epoche und gesellschaftlichen Kategorien.

Dabei ist in einer gegebenen Gesellschaftsordnung der Kodex der Normen und dann auch Abweichungen immer so strukturiert, dass er das Bestehen der sozialen Ordnung gewährleistet. Auch die Gleichsetzung von abweichendem Subjekt und Verhalten ist variabel. Je nachdem, in wie weit eine abweichende Person mit ihrem Handeln dauerhaft in Verbindung gebracht wird, wird sie dann mit der Abweichung selbst verbunden oder gleichgesetzt, also als Abweichler etikettiert. Fortan werden meistens alle ihre Handlungen als von Devianz durchtränkt angesehen.

Jervis zieht hier den Schluss, dass, wie er es ausdrückt, die am weitesten verbreitete „Ideologie der Devianz“ die Negation des durch Konvention bedingten Charakters der Abweichung betrifft, die von daher zu beleuchten sei, dass ein Devianzkodex natürlich leichter durchsetzbar ist, werde augenscheinlich eine absolute, also natürlich scheinende, Ordnung übertreten. Hier kann man das Gesellschaftssystem auch passender Weise von jeder Verantwortung befreien.[58]

In alten religiös geprägten Gesellschaften war solche Devianz ein Verstoß gegen die gottgewollte Ordnung. Der Abweichler war fortan ein Diener des Bösen, bzw. besessen oder dämonisch. Heute, in einer Zeit, in der die Ideologie der Wissenschaft vorherrschend ist, wird die Gesellschaftsordnung vorwiegend mit der Objektivität der Naturgesetze gerechtfertigt. Somit erscheint Devianz immer wieder als organisch, bzw. körperlich genetisch bedingt.

Es wird jedoch auch immer öfter, vorwiegend von der Soziologie, dieses Problem von dem Standpunkt aus angegangen, dass hier soziale Faktoren mitwirken.

Obwohl diese Zusammenhänge auch in der psychosomatischen Medizin angesprochen wurden, ging die Initiative zur Untersuchung von Krankheit und sozialen Verhältnissen innerhalb größerer empirischer Erhebungen von der Soziologie aus. Diese erarbeitete sich dabei auch grundlegenden Erkenntnissen über diesen Zusammenhang.[59]

In anfänglichen Untersuchungen gelangte man zu wichtigen Abhängigkeiten zwischen sozialen familien- und schichtspezifischen Merkmalen und der Häufigkeit des Auftretens von Geisteskrankheiten. Faris und Dunham[60] zeigten bei einer Untersuchung in den Wohngegenden Chicagos auf, dass Einlieferungen psychopathologischer Fälle in genau denjenigen Stadtteilen stark erhöht waren, die überwiegend von Einwanderern, Arbeitern und sog. „Asozialen“ besiedelt waren. Die Viertel, in denen Mittelstandsangehörige oder besser Betuchte wohnten, waren weniger vom Auftreten psychischer Krankheiten betroffen.

Ähnliche Ergebnisse erlangte Häfner[61] für die deutsche Industriestadt Mannheim. Hollingshead und Redlich[62] kamen zu gleichen Erkenntnissen für die unteren Schichten, in denen sie eine signifikante Häufung von Geisteskrankheiten feststellten. Auch zeigte sich ihnen, dass die psychischen Störungen in den einzelnen Schichten stark differierten. So zeigten sich für die oberen Schichten vorwiegend neurotische Störungen und in den unteren Schichten hauptsächlich psychosomatische Störungen. Außerdem stellten sie fest, dass die unterschiedliche Verteilung psychischer Krankheiten auch auf unterschiedliche Diagnosen und Behandlungsformen in Abhängigkeit der jeweiligen sozialen Klasse zurückgingen. Strole und seine Mitarbeiter[63] fanden in weiteren Forschungen zu dieser Sachlage heraus, dass die Häufigkeit psychischer Störungen auch mit dem Ausmaß psycho-sozialer Belastungen korreliert, die schichtspezifisch differiert.

Für die Sozialisation und Soziogenese psychischer Krankheiten kann auf dieser Basis folgende Schlussfolgerung gezogen werden[64]: Die genannten Untersuchungen zeigen, dass bei der Genese psychischer Krankheiten immer soziale Phänomene mit hineinfließen und das Bild einer sich selbst entwickelnden Gehirnkrankheit nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, das die Grundlage von Diagnose und Therapie der klassischen Psychiatrie war.[65]

Es besteht jedoch, wie man gerechterweise festhalten muss, die Tendenz, nur dauerhaft auffallende Menschen als wirklich deviant im organischen Sinne zu brandmarken. Häufig geht man auch davon aus, dass die Gesellschaft bei einer Minderheit von Individuen abweichende Verhaltensweisen hervorruft, diese aufrechterhält, die betroffenen Personen in Form eines Sündenbocks brandmarkt und somit ihre Ordnung rechtfertigt.

Auch so genannte Geistesstörungen stellen hier eine Gruppe abweichender Verhaltensweisen dar, die die Menschen bezeichnet, deren Handlungen kaum kontrollierbar und im Wesentlichen irrational erscheinen. Allerdings werden diese Verhaltensweisen normalerweise im Weiteren medizinisch interpretiert, wobei dann jedoch weitergehende Überlegungen, „was im Kopf“[66] dieser Menschen abläuft meistens ausgeblendet werden.

In allen Fällen wird jedoch die Geisteskrankheit aus dem Verhalten und dem Gemütszustand der betroffenen Personen abgeleitet und man versucht Jervis zufolge[67] häufig, auch körperliche Merkmale bei solchen Menschen zu finden, um die medizinische Diagnose zu objektivieren. Oftmals, obwohl diese nicht wirklich eindeutig zuschreibbar sind --- und zwar weder Neuro-Chemisch noch Äußerlich.

Selten wird diese Form der Devianz als zwischenmenschlich determiniertes Problem gesehen, auf eine biologische unhistorische Krankheit reduziert und dementsprechend meistens medikamentös behandelt. Dabei wird dann das betreffende Individuum normalerweise als dauerhaft als der Selbstverantwortlichkeit unfähig identifiziert.

Somit kann man mit Jervis[68] sagen , dass es für die Zukunft gelten sollte diesen, auf biologischen Minderwertigkeiten aufbauenden, und somit „rassistisch gearteten psychosozialen Vorurteilen“ gegenüber dem so genannten Wahnsinn eine humanistische soziale Forschung gegenüberzustellen, zumal, wie ich ergänzen möchte, schon lange bekannt ist, wie Fehlsozialisation zu psychischer und sozialer Deformation führt; unter anderem zu Defiziten der Intelligenzausschöpfung. Nur so kann etwas gegen die Unterdrückung dieser Menschen durch medizinische und soziale Fehlbehandlung sowie deren Gesellschaftsausschluss getan werden. - Im Übrigen auch gegen eben diese bei den anderen Unterdrückten, noch so genannten normalen, wenigstens aber als psychisch gesund bezeichneten Menschen.

Unsere Auffassung ist, dass die als „im Geist krank“ bezeichnete Menschen nur daran leiden, dass ihnen das System einige der typischsten und am weitesten verbreiteten persönlichen psychischen Abwehrmöglichkeiten genommen hat und diese daher verzweifelt versuchen, sich auf andere Weise zu verteidigen, was auf Grund wieder im System als deviant registrierten Verhalten zu negativen Sanktionen ihnen gegenüber führt.

Daher gilt es dann auch, gegen die politischen und sozialen Ursachen und Mechanismen dieses Problems zu kämpfen.

3. Abriss der Englischen Antipsychiatrie – zugleich in ihrer Kritik

3.1 Einführendes

In der Antipsychiatriediskussion werden die englischen Psychiater Laing und Cooper oft auch als Begründer und zugleich bedeutendsten Vertreter eben dieser Bewegung genannt. Jedoch unterscheidet sich ihre Konzeption und deren Verknüpfung mit der modernen Politik bei vielen feststellbaren Gemeinsamkeiten maßgebend.

Für Beide waren die Phänomenologie Husserls und die Existentialontologie Satres die Basis ihrer Kritik am naturwissenschaftlich-medizinischen Modell der Erklärung, wie auch der Behandlung so genannter psychischer Störungen. Darüber hinaus beriefen sie sich auf die kommunikationstheoretischen Familienforschungen der Palo-Alto-Schule, die in den 50`er Jahren in den USA veröffentlicht wurden. Weitere geistige Vorfahren waren ihnen Söhren Kirkegaard, Martin Heidegger, Ludwig Feuerbach und Karl Marx.[69]

Trotzdem schrieben Beide nur ein gemeinsames Buch mit dem Titel „Vernunft und Gewalt“ zusammen, welches einen Kommentar zu Satres Philosophie und seiner Methode der Existentialbiographie darstellt. Laing erstellte später eine familien-theoretische Psychosetheorie, die von Cooper um eine gesellschaftliche Komponente weiterentwickelt wurde. Beide lehnten offiziell die Psychoanalyse als theoretisches Modell zur Erklärung psychischer Störungen, wie auch zur Therapie dieser, ab, blieben aber häufig, wie sich noch zeigen wird, ihren Erkenntnissen verhaftet, sei es bewusst oder unbewusst.

Über diese theoretischen Gemeinsamkeiten hinaus arbeiteten Beide zeitweise therapeutisch eng zusammen: So riefen sie gemeinsam mit A. Esterson 1965 die „Philadelphia Assoziation“ ins Leben und bauten in London „Network“ auf, ein System untereinander verbundener therapeutischer Wohngemeinschaften.

Zu bemerken ist, dass nur Cooper sein Konzept Antipsychiatrie nannte, während sich Laing hiervon distanzierte, da man der traditionellen Psychiatrie das Monopol der Bezeichnung „Psychiater“ nicht überlassen sollte, „nur weil die Ärzte diesen Beruf in den Schmutz“ zögen, „indem sie die Leute ohne Liebe, ohne Mitleid, ohne Sympathie“ behandelten.[70]

3.2 Kurze Darstellung des für die Antipsychiatrie wichtigen Existentialismus

Die beiden bedeutendsten Vertreter der Antipsychiatrie, Roland D. Laing und David Cooper, stehen, wie bereits gesagt, in ihrem methodischen Ansatz in der Tradition des Existentialismus. Daher soll zum besseren Verständnis ihrer Psychiatrieauffassung folgende kurze Darstellung der Leitsätze des Existentialismus dienen:[71]

- Existenz ist immer Existenz der Menschen; sie ist eine dem Menschen eigentümliche Sichtweise.
- Der Mensch hat niemals ein festgelegtes Wesen, sondern muss sich (Satre) gleichsam in beständiger Schöpfung aus dem Nichts zu dem machen, was er ist.
- Somit ist die Existenz des Menschen nicht unverständliches Sein, sondern immer ein „In-Der-Zeit-Sein“.
- Obwohl der individuelle Mensch im Mittelpunkt stehen sollte, kann er nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss immer in einer konkreten Situation gesucht und betrachtet werden, da er stets mit der Welt und anderen Menschen verbunden ist.

Daher stehen auch in der Antipsychiatrie Laings und Coopers der Mensch als sich selbst verwirklichende Person sowie seine dies ermöglichende Erfahrung[72] und sein Verhalten im Mittelpunkt der Betrachtung der Krankheitsgenese und therapeutischen Praxis.

3.3 Ronald D. Laing

3.3.1 Sozialphänomenologie der Familie

Laings Arbeiten über psychische Störungen, genauer über Psychosen, konzentrieren sich auf die Schizophrenie.

In seinem Buch „Das geteilte Selbst“[73] grenzt er sich scharf vom traditionellen naturwissenschaftlich-objektivistischen Krankheitsverständnis der Psychiatrie ab.

Diese sieht Schizophrenie als durch

„bestimmte Symptome, Formen der Erfahrung und des Verhaltens, …, die Ausdruck einer genetisch oder konstitutionell bedingten Krankheit sind, wobei die Symptome selbst unverständlich bleiben“[74],

bestimmt.

Für Laing macht eine vergleichende Untersuchung der klassischen Schizophrenie-Forschung deutlich, dass es keine allgemein anerkannten, objektiven Kriterien für die Diagnose Schizophrenie gibt.[75] Er zieht den Schluss:

„Der typische psychiatrische Patient ist eine Funktion des typischen Psychiaters und des typischen psychiat-rischen Krankenhauses“.[76]

Cooper wird hierzu später schreiben:

„Die Diagnose ist der Mord an der Möglichkeit, einen anderen Menschen kennen zu lernen.“[77]

In Orientierung an der Phänomenologie und Existentialontologie Satres entwickelte Laing seine „existentielle Phänomenologie“[78] als Antithese zum distanzierten natur-wissenschaftlichen Verständnis der Psychose durch die traditionelle Psychiatrie. Seine Stoßrichtung ist dabei, nach der Lebenswelt der Schizophrenen und nach der lebens-geschichtlichen Entstehung ihrer Krankheit zu fragen.

Denn es seien die Beziehungen innerhalb der seiner Familie, die die Symptome des später Schizophrenen erst schufen, weshalb die Schizophrenie auch weniger als Krankheit, denn als eine Gesamtheit individueller sozialer Reaktionen auf ihn negativ wirkender Sozialfaktoren anzusehen sei. Diese ließen sich somit auch beschreiben, wenn die betreffende Familiensituation bekannt sei.

Er nennt dies den „Versuch, die Art und Weise, auf die der Patient selbst in seiner Welt ist, zu rekonstruieren“.[79]

Man muss ergänzen, dass die Sozialisation in der Familie und in der weiteren Umwelt sich ergänzen und zusammenwirken. Eine reine Betrachtung der Familie verkürzt somit selbstverständlich auch das Bild der Krankheitsgenese.

Laing fasst in Anlehnung an die Hermeneutik Dithleys[80] Diagnose und Therapie als „Verstehen“ auf. So könne der Psychiater sich mit seinem Patienten nur verständigen, wenn er seine Reaktionen auf diesen und dessen Reaktionen auf sich selbst in einer bestimmten Situation miteinander in Beziehung setze. Er schreibt:

„Unser Begreifen hängt also ab von unserer Bereitschaft, die ganze Energie jedes Aspektes unserer Selbst in den Akt des Verständnisses mit einzubeziehen“.[81]

Dabei solle die Möglichkeit des Psychiaters miteinbezogen werden, sich nicht scharf als „normal“ vom „Verrückten“ abzugrenzen, sondern seine eigenen psychotischen Möglichkeiten zu erfahren, zu akzeptieren und dem Verstehensprozess zugänglich zu machen.

Bis dahin bleibt Laing noch im Rahmen der von Wulff kritisierten Abstraktionen der traditionellen Psychiatrie. Wulff schreibt, dass die bisherigen Ansätze

„gänzlich theoretisch und abstrakt“

blieben, indem sie

„sich dem Konflikt mit etwaigen pathogenen Faktoren im familiären und gesellschaftlichen Umfeld entziehen, aber auch dem Konflikt mit krankheitsreproduzierenden Institutionen“[82].

In seinem Buch „Wahnsinn und Familie“ geht Laing einen beachtlichen Schritt weiter, indem er die Beziehung der psychotischen Warnsysteme zu den Kommunikationsstrukturen der Herkunftsfamilie in den Vordergrund rückt, wobei er die Familienforschungen der Palo-Alto-Schule aufnimmt. Er spricht nunmehr vom „sozialphänomenologischen Blickwinkel“[83] und versucht, die Schizophrenie aus dem Kommunikationssystem der Familie, das auf starren Rollenzuweisungen, Machtverfestigungen und Konfliktverdrängungen beruhe, zu erklären. Das Verhalten und Erleben der Schizophrenen seien dabei „soziale Praxis“[84] in einer pathogenen Familiensituation, wobei die Symptome als Ausdruck eines Ringens „aus einer sinnlosen Situation ... etwas Sinnvolles zu machen“[85] zu verstehen seien. Es sei ein Versuch, unter unerträglichen Familienbedingungen zu überleben.

In dem Buch „Das Selbst und die Anderen“ nimmt Laing dann auf das Phänomen der „Beziehungsfalle“ nach G. Bateson Bezug[86]: Gemeint ist hiermit das Vorhandensein zweier widersprüchlicher Wünsche in den Haltungen der Eltern eines später psychisch Kranken, die das betroffene Individuum in einer ständigen Konfliktsituation halten. Dieses wird dabei ständig zwischen einander widersprüchlichen Befehlen hin und her gerissen, wodurch das Individuum verwirrt werde.

Diese widersprüchlichen Befehle prägen nach Laing das familiäre Universum, vor allem, wenn es sich um eine traditionelle Familienform mit patriachalischer Struktur handele. Dabei zeigt er auf, dass Individuen, die längere Zeit einer solchen Situation ausgesetzt sind, große Schwierigkeiten entwickeln, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren und Gefahr liefen, ihr Realitätsbewusstsein zu verlieren. Vor allem aber ginge ihnen die Fähigkeit verloren, zwischen logischer Sprache und widersprüchlichen Doppelbotschaften zu unterscheiden.

3.3.2 Kritik Laings Sozialphänomenologie der Familie

Nach Bobb[87] hat der familientheoretische Ansatz Laings sowohl bei Vertretern der traditionellen Psychopathologie als auch bei sozialkritischen Psychiatern Kritik hervorgerufen.

J. Glatzel, ein deutscher traditioneller Psychiater, hat nach Bobb[88] die umfassendste Kritik an der Antipsychiatrie vorgelegt, wobei er kaum zwischen den antipsychiatrischen Positionen unterscheidet und oftmals zu pauschalisierten Urteilen komme. Glatzel selbst gibt zu bedenken, dass weder Laing noch Cooper noch die Palo-Alto-Schule bei ihrer Darlegung des Zusammenhangs einer pathogenen Familiensituation und Schizophrenie etwas Zuverlässiges über die Richtung der Kausalität ausgesagt hätten. Seiner Meinung nach erwägen alle drei Theorien nicht, dass „es eben die präpsychotisch auffälligen Kinder sind, die auf das elterliche Verhalten“[89] zurückwirkten, wobei die familiäre Psychodynamik ein Reflex auf das pathologische Kind seien. Warum Glatzel sich für diesen, diesen der mit Laing zwei möglichen Schlüsse, zieht, begründe er nach Bobb[90] nicht, versucht jedoch offenkundig mit dieser Aussage die traditionelle, auf das Organische (Somatische) bezogene Psychiatrie zu retten.

Jedoch drückte sich Cooper, wie Bobb[91] richtig feststellt, vorsichtiger aus, als Glatzel ihm vorwirft, wenn er von einer „Hypothese“[92] sprach. Darüber hinaus konnten die Antipsychiater in weiterer Forschungsarbeit eine pathogene Familienstruktur schon für den Zeitraum vor der Geburt des später kranken Kindes nachweisen. Was Glatzel als prä-psychiotische Eigenschaften des Kindes identifiziert, erwies sich dann auch als normale kindliche Verselbständigungstendenzen. Er vollbringt somit zur Rettung der traditionellen Theorie das Kunststück, Gesunde zu pathogenen Menschen zu erklären.

Bobb stellt weiter fest, dass Glatzel zwar zuerst von einem Geflecht von sozialen und anlagebedingten Faktoren spricht, um sich dann jedoch auf zweitere zurückzuziehen, wobei ihm Erstere in seinen weiteren Ausführungen völlig fremd zu scheinen seien. Trotzdem habe er einen wichtigen Punkt in Bezug auf Laing und Cooper angesprochen. So seien in ihrem Theorie-gebäude, wie bei Glatzel die sozialen Faktoren, die somatischen nicht mehr aufgehoben. Dies allerdings bemerkte Laing selbst, als er sich 1975 für einen multidisziplinären, genetische, biochemische und soziale Faktoren einschließenden Ansatz aussprach.

Glatzel weist außerdem darauf hin, dass Laing und Cooper nicht erklären konnten, warum bestimmte und nicht alle Kinder einer Familie die schizophrene Symptomatik entwickelten und zog daraus den provokanten Schluss, dass so eine „Wiederbelebung der Entartungstheorie“ auf Grund einer „psychischen Disposition“[93] vorläge. Ich möchte dem ergänzend entgegenhalten, dass die spätere Forschung zu diesem Thema zeigte, dass das für das Entstehen einer solchen Krankheit relevante elterliche Verhalten vorwiegend nur ein Kind zu betreffen scheint und auch die weitere Umwelt der betroffenen Person eine Rolle spielt.

Neben der somatischen Ätiologie richtet sich die Kritik Laings auch gegen dessen Familialismus. R. Stefaniak[94] wendet ein, die Familie würde von ihm vom gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang getrennt und „am Ende wechselt das kranke Individuum der traditionellen Psychiatrie nur mit der kranken Familie den Platz“[95]. Jacoby hält hierzu fest, bei Laing sei „die Familie hauptsächlich ... Ursache der sozialen Unterdrückung und nicht ihr Opfer“[96]. Genau an diesem Punkt nahm Cooper Laings Theorie dann wieder auf und entwickelte sie weiter.

3.3.3 Transzendentale Erfahrung anstatt Politik

Nach Laing erfahren Menschen in individueller Weise die Objekte der Welt:

„Ich sehe Dich, und Du siehst mich. Ich sehe Dein Verhalten und Du siehst mein Verhalten. Aber ich sehe nicht Deine Erfahrung von mir, habe sie nie gesehen und werde sie nie sehen. Ebenso kannst Du nicht meine Erfahrung von Dir sehen.“[97]

Die Erfahrung einer Person kann somit nicht unmittelbar von einer anderen Person nachvollzogen werden, sondern sie muss immer in aktives Verhalten transformiert werden, damit sie für andere verständlich wird. Jedoch bildet nach Laing diese Inter-Erfahrung, die durch Interaktion vermittelt wird, eine Quelle von Missverständnissen und Irrtümern. Laing und Cooper konstatieren in der Welt ein hohes Maß solcher Entfremdung, die wiederum in verschiedenen Formen auftreten könne, wobei Erfahrung dem Sein entfremdet werde und so zum Teil auch zerstört.

Nach Laing begibt sich ein Psychotiker, wenn seine Krankheit ausgebrochen ist, zurück in seine innere Welt und schreitet rückwärts durch sein Leben.[98]

Dabei sieht er diese transzendentale Erfahrung, er nennt sie auch „Reise“, nicht nur für angemessen für die Therapie Schizophrener, sondern geradezu am meisten geeignet für die Beseitigung psychischer Deformationen, an denen, unterschiedlich stark, alle Mitglieder moderner Gesellschaften leiden würden.

Mit seiner „Phänomenologie der Erfahrung“[99] schafft Laing ein zivilisations-kritisches und gesellschaftstherapeutisches Manifest, in dem er formal das gleiche Verfahren wie zuvor Jones anwendet, nämlich die in der Therapie entwickelten Methoden direkt auf die Gesellschaft anzuwenden. Jedoch visierte Jones die Veränderung der gesellschaftlichen Realität selbst an, während Laing sich auf die inneren subjektiven Erfahrung und die Einstellung zur Gesellschaft konzentrierte. Laing stellt fest, in modernen Gesellschaften herrsche „eine unglaubliche Verwüstung unserer Erfahrung“.[100] Da die Menschen nunmehr auf die Beherrschung der Realität durch technische und ökonomische Vernunft konditioniert würden, ginge ihnen die Erfahrung der Wirklichkeit durch Imagination, Meditation, Phantasie und Traum verloren. Die technisch-ökonomische Vernunft wird bei Laing hier zur Vernunft schlechthin. Die Zerstörung der Phantasie bezeichnet er dabei als „Entfremdung“.[101] Jedoch dreht sich der Begriff hier nicht mehr wie bei Marx um die sozio-ökonomische Dimension, sondern bezieht sich auf die Zerstörung der inneren Welt.[102] Der einzige Weg der Aufhebung dieser Entfremdung sei die transzendentale Erfahrung als „Reise ... in den inneren Raum und die innere Zeit des Bewusstseins“.[103]

Und gerade die Schizophrenie stelle den Versuch der existentiellen Wiedergeburt dar, da sich der Psychotiker auf eine Reise in die innere Welt begebe.

Er schreibt: „Diese Reise wird erfahren als ein schreiten „In“, als ein Schreiten rückwärts durchs eigene Leben, in und zurück und durch und hinein in die Erfahrung der Menschheit, vielleicht weiter ins Wesen der Tiere, Pflanzen und Mineralien.“[104]

Im günstigsten Fall kehre der Reisende als existentiell neu geboren zurück, wobei viele jedoch nicht zurückkehrten, da sie auf Verhältnisse in Familie und Anstalt träfen, die für sie nicht zu bewältigen seien. Somit könne Schizophrenie sowohl Durchbruch als auch existentieller Tod bedeuten.

Da also der Mensch heute seiner inneren Welt entfremdet sei, komme es beim Versuch, diese zu durchschreiten, häufig zu Verwirrung und Verwechslung von innerer und äußerer Welt, Realität und Phantasie.

Hier verliert die Gestalt der historischen, gesellschaftlichen Realität bei Laing, als nicht mehr veränderbar, an Bedeutung. Es sei nicht wichtig für den genannten Befreiungsprozess, welche Gestalt diese Realität habe, sondern mit welcher Intensität von Intuition und Phantasie die Menschen mit dieser umgehen.

Bei Laing verbinden sich also psychedelische Erlebnisqualitäten und Formen der Frömmigkeit aus ostasiatischen Religionen mit den Traditionen der abendländischen Mystik, romantischer Selbstversenkung und Naturerfahrung.

Trotz seiner Zentrierung auf transzendentale Erfahrung wollte Laing entgegen dem, was ihm oft vorgeworfen wurde, eine „Idealisierung der Verrücktheit“ vermeiden und auch nicht den Schizophrenen zum Prototyp des unentfremdeten Lebens machen. Trotzdem könnten nach ihm in der Psychose transzendentale Erfahrungen „zuweilen“[105] durchbrechen. Im Gegensatz zu gesunden Menschen verbinde sich diese dann jedoch mit Unverständnis und Verwirrtheit, so dass Inneres und Äußeres, Erlebnis und Einbildung sowie Natürliches und Übernatürliches vermischt und/oder verwechselt würden.[106]

Dabei ist der psychische Wahn bei Laing doppeldeutig:

„Verrücktheit muss nicht unbedingt Zusammenbruch sein. Sie kann auch Durchbruch sein. Sie ist potentiell so sehr Befreiung und Erneuerung wie Versklavung und existentieller Tod.“

Der Verrückte könne

„oft durch seine Not und Desintegration hindurch für uns der Hierophant des Heiligen sein“[107].

Hier wird der Wahn also unter bestimmten Bedingungen, die allerdings bei ihm nicht genauer beschrieben werden, zur Stimme göttlicher Offenbarung.

Auf dem Kongress „Dialektik der Befreiung“ begründete Laing in seinem Referat „Undurchschaubarkeit und Evidenz in modernen Sozialsystemen“ seinen Verzicht auf Gesellschaftsveränderung und seine Zentrierung auf die transzendentale Erfahrung mit sozialkritischen Argumenten.[108] Er stellt fest, dass die auf Wissenschaft und Technik gründende Propaganda der Herrschenden und die Unterwürfigkeit der Massen ein System von Irrationalität wie auch Lüge geschaffen haben, das undurchschaubar und jeder Kontrolle entglitten sei.[109]

Somit wirbt Laing mit seiner Position des sozio-politischen Agnostizismus für einen Verzicht auf politisches Handeln und die Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität und deren Ersatz durch eine transzendentale Reise.

3.3.4 Kritik Laings transzendentaler Erfahrung und Politik

Das „Autorenkollektiv Psychiatrie und Politik“ wies richtigerweise auf den Widerspruch hin, dass Laing feststelle, dass die Gesellschaft eine von ihm als im Kern unzerstörbar dargestellte Erfahrung zerstöre, da es sonst auch keine transzendentale Erfahrung gäbe.

Es stelle sich daher die Frage,

„woher die innere Erfahrung ihren Inhalt und ihre Einmaligkeit beziehen soll, wenn alle Bereiche des menschlichen Lebens der Entfremdung der Verhältnisse unterworfen sein sollen“[110].

Dies ist dann wohl nur mit Mystizismus und Religion zu erklären, wie ich es am Ende dieser Arbeit versuchen werde. Soviel jetzt: Laing unterstellt eine wahre Natur des Menschen, die von gesellschaftlichen Einflüssen befreit sei.[111]

Gleiss wiederum unterstellt Laing, für ihn seien die psychisch Gestörten „die Hauptpotenz für die Gesellschaftsveränderung“[112]. Nach Bobb hat er damit unrecht, da er aus Laings oben formulierten „kann“ ein „ist“ mache und auch übersehe, dass eine solche Gesellschafts-veränderung für Laing gar nicht möglich ist. Auch beziehe er sich auf ein Zitat Laings, von dem er einen großen Teil wegließe, nämlich,

„dass ein Großteil der Abweichenden ... keinerlei Einfluss darauf hat ..., einen verändernden Einfluss auf das System auszuüben“[113].

Da Laing nach Bobb[114] die technisch-ökonomische Rationalität mit der Vernunft selbst verwechselt, müsse er diese für bankrott erklären und in die Mystik fliehen:

„Passives Beobachten ist die gebilligte Form zur Befreiung in einer Gesellschaft, die die einzige Befreiung erdrückt hat: Die aktive menschliche Lebenserfahrung.“[115]

Er übersehe dabei, dass

„die Mystifikation das Komplement zur Verdinglichung nicht ihre Auflösung ist“[116].

3.4 David Cooper

Als Cooper 1967 die Arbeit „Psychiatrie und Antipsychiatrie“ in England veröffentlichte, waren die Arbeiten Laings zum Thema der Schizophrenie bereits erschienen.

Nach Bobb[117] handelt es sich bei Laing um den originelleren Theoretiker, während Cooper für den politischer orientierten Theoretiker zu halten wäre, der viele Gedanken von Laing aufnahm, diese modifizierte und weiterentwickelte, um für die Antipsychiatrie, ihr Selbstverständnis und therapeutische Aktivität eine politische Perspektive zu finden.

3.4.1 Familie, Individuum und Gewalt

Cooper führt zunächst Parsons funktionalistische Definition von Familie an, da diese in der wissenschaftlichen Diskussion den höchsten Stellenwert innehabe. Nach dieser Theorie habe die Familie vorwiegend zwei Funktionen[118]:

1. Die Sicherstellung der primären Sozialisation.
2. Die Stabilisierung des heranwachsenden Jugendlichen.

Copper interpretiert hier weiter, dass die Mikrokultur Familie die Aufgabe der Indoktrination der Normen und Werte der Makrokultur der Gesellschaft auszuführen habe. Da das Wertesystem der Makrokultur jedoch entfremdet sei, bedeute dies, dass die Familie Normen vermittelte, die die weitere Erfahrung des Zöglings zerstöre.

Die sozialen Rollen in der Familie gelten ihm zufolge dabei als Summe der Erwartungen, die den Inhabern einer sozialen Position über ihr Verhalten entgegengebracht würde. Er kritisiert jedoch sogleich diesen Rollenbegriff, da er nach seiner existentiellen Struktur in erster Linie ein „Für-Einander-Da-Zu-Sein“ beinhalte und erst sekundär ein „Für-Sich-Selbst-Sein“ zuließe. Dem gegenüber betont er die Idee der autonomen Persönlichkeit, wonach jedes Familienmitglied dazu befähigt werden sollte, seine eigenen Gesetze und Maßstäbe aufzustellen.[119] Nach Cooper vollzieht sich Gruppenbildung, wie auch Familienzusammenhalt, immer auf Grund wirklicher oder auch eingebildeter Bedrohung.[120] Jedes Familienmitglied hat dann eine spezifische Funktion zu erfüllen, um diese Bedrohung vom Verband fernzuhalten.

Wenn dabei keine reale Bedrohung vorhanden ist, müsse durch Gewaltandrohung oder reale Gewalt Furcht erzeugt werden, um den Zusammenhalt der Gemeinschaft zu gewährleisten. Auf Grund dieser Entfremdung würde dann die Gruppe zu einem Hyperorgan mit eigenen Gesetzen erhoben.

[...]


[1] Albert Einstein: „Mein Weltbild“, S.13, entstanden in Beschäftigung mit Freuds Psychoanalyse

[2] Ein beeindruckendes Bespiel ist Malsons (1974) Darstellung von „wilden Kindern“ oder „Wolfskindern“, die sich bei ihrer Entdeckung weder artikulieren oder auf sonst eine Weise verständlich machen konnten, noch einen aufrechten Gang beherrschten. Auch sind bei diesen Individuen Fehler in der instinktiven Verhaltens-steuerung aufgezeigt worden, die, gemeinsam mit dem bisher gesagten, klar belegen, dass Deprivation von so-zialer Interaktion zu irreversiblen kognitiven Schädigungen und solchen an grundlegenden menschlichen Fähigkeiten führt, die nach Erreichen eines bestimmten Alters nicht mehr ausgeglichen werden können.

[3] 1978, S.1

[4] Gehlen, 1958, S.113; vgl. auch Schmerl, 1978, S.1 f.

[5] Vgl. Schmerl, 1978, S.2

[6] Vgl. Schmerl, 1978, S.2

[7] Clausen, 1968; vgl. auch Schmerl, 1978, S.4

[8] 1896

[9] Vor allem in Norm- und Rollentheorien der Soziologie

[10] Schmerl 1978, S.4 f.

[11] Wrong 1961

[12] 1968

[13] Vgl. Schmerl, 1978, S.7

[14] 1978, S.7 f.

[15] Der mündigen, selbständig und bewusst denkenden Persönlichkeit

[16] So sei es auch nicht verwunderlich, wenn die Psychologie an dieser Stelle dazu tendiere, wieder stärker indivi-duell psychologische oder sogar auch genetische Gesichtspunkte als Sozialisationsprozesse determinierend darzu-stellen.

[17] Im Übrigen auch für die Antipsychiatrie

[18] Schmerl, 1978, S.9

[19] 1975, S.52

[20] Vgl. Schmerl, 1978, S.10

[21] 1978, S.15

[22] 1978, S.15 f.

[23] „The Cultural Background of Personality, 1945, S.81

[24] Vgl. Schmerl, 1978, S.16

[25] 1928, 1932, 1934

[26] 1961, S.26; in Kaplan, 1961, S.9-90

[27] Vgl. Schmerl, 1978, S.18

[28] Vgl. bspw. Singer, 1961

[29] 1934: „patterns of culture“

[30] Vgl. Schmerl, 1978, S.19

[31] Vgl. Schmerl, 1978, S.19 f.

[32] Vgl. Mead: „Sex and Temprament“, 1935; vgl. auch Schmerl, 1978, S.19

[33] Jervis, 1988

[34] Ebd.

[35] Man beachte, dass man heute Intelligenz als aus zwei Pools bestehend betrachtet; dem der angeborenen fluiden Grundintelligenz und der kristallinen, durch Lernprozesse erworbenen Intelligenz. - Messen kann man in Intelligenztests, wie heute immer häufiger zugestanden wird - obwohl ein Anspruch besteht mit diesen, die Gesamtintelligenz eines Menschen zu erheben - in fortschreitendem Lebensalter immer ausschließlicher die kristalline Intelligenz; denn alles, was dann gemessen wird, ist schon durch die bisherigen Lerninhalte determiniert. Dies beruht darauf, dass man schneller Aufgaben löst, ist ein Grund- bzw. Vor-Wissen vorhanden.

[36] Vgl. Jervis, 1988, S.30

[37] 1978, S.165

[38] Ferber (1975, S.261-300) schreibt hierzu, dass die Einbeziehung „sozial-medizinisch-ätiologischer Fragestel-lungen“ in die Untersuchung von Sozialisationsprozessen eine Erweiterung dieser um einen Gegenstandsbereich eröffne, der von Soziologie und Sozialpsychologie bis dahin wenig beachtet worden sei. Es handele sich dabei um Eigenschaften und Verhaltensweisen, die „ungeachtet ihrer Leibnähe ... zum Bereich der soziokulturellen Plastizität des Menschen“ gehörten. Die fundamentale Bedeutung von Krankheit und Gesundheit erfor-dere, dass alle anderen Aspekte von Gesundheit als hiervon abhängig eingestuft werden müssten. Abgesehen von ökonomischen Belastungen „verändern und prägen (sie) zwischenmenschliche Beziehungen ... beeinflussen die soziale Selbsteinschätzung und Identitätsbildung der Kranken“

[39] An den von der romantischen Medizin geprägten Begriff des „Psychosomatischen“ (Heinroth, 1818) , der eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen einforderte, knüpfte Freuds „Konversionsmodell“ an, das darauf abzielte krankmachende Wirkungen seelischer Konflikte darzustellen („die Verwandlung seelischer Inhalte in körperliche Symptome“) („ Studien über Hysterie“, in gesammelte Werke; Bd.1, Frankfurt, 1964) . Freud definierte unerträgliche seelische Vorstellungen als „Erregungsenergie“, die unschädlich gemacht werden konnten, indem sie in körperliche Symptome umgesetzt wurden.

[40] Von lerntheoretischer Seite her wurde erkannt, dass durch Konflikte verursachte emotionale Erregung bestimmte körperliche Reaktionen und unter Umständen auch psychosomatische Krankheit nach sich zogen. Die für den Körper an sich sinnvolle Aktivierung des autonomen Nervensystems und der endokrinen Drüsen als Abwehrreaktion auf gefährliche Begebenheiten, könne sich natürlich auch negativ auswirken, wenn sie häufig, intensiv und über längere Zeit hinweg ablaufen. So führe die Daueraktivierung zu „Flucht oder Angriff“ ohne entsprechende Möglichkeiten, sich diesem zu entziehen zu Störungen der Organfunktionen und Schäden an Körpergewebe (vgl. Cannon, „The Wisdom of the Body“, New York, 1939 und: Seyle, „Einführung in die Lehre vom Adaptionssyndrom“, Stuttgart, 1953) . Hauptsächlich wirkten diese Stresssituationen auf Herz, Atmung, Verdauung, Haut etc., da diese direkt mit dem autonomen Nervensystem verbunden seien (vgl. Lachmann, Psychosomatic Disorders – A behavioristic interpretation“, New York, 1972; und: Bräutigam u. Christian, „Psychosomatische Medizin“, Stuttgart, 1973) .

[41] Vgl. Jervis, 1988, S.32 f.

[42] Jervis, 1988, S.33

[43] 1988, S. 33 f.

[44] 1988, S.34

[45] Oft ohne Klarheit darüber zu schaffen

[46] Auch für die moderne Medizin, die ihre Erfolge und Fortschritte der Anwendung naturwissenschaft-licher Prinzipien verdankt, sind diese Erkenntnisse zur Erforschung und Heilung von Krankheiten enorm wichtig. Denn mit der Zunahme psychosomatischer Erkrankungen in modernen Industriegesellschaften reichen organzentrierte Diagnosen und Behandlungsweisen zum Verständnis der neuen Krankheiten nicht mehr aus. Nicht ursachenbezogene Behandlungsweisen durch therapeutische Maßnahmen wie Medikamente werden hier höchstens die Symptome abmildern, jedoch wahrscheinlich sogar krankheitsfördernd wirken, wobei die wirklichen Krankheitsursachen, die im sozialen Bereich zu suchen wären, notwendigerweise verdeckt bleiben müssen. --- Nach Schmerl (1978, S.184) ermöglicht die Bestärkung und Aufrechterhaltung einer einseitigen Krankheitsideologie gerade ein „uneingeschränktes Anwachsen“ soziogener Krankheiten.

[47] Vgl. Schmerl, 1978, S.186 ff.

[48] „Medizin und Profit“ 1973

[49] Vgl. auch Bosse, 1977 und Rosenberg, 1977

[50] Als Beispiel nennt Schmerl (1978, S.187 f.) , dass mit der zunehmenden Zahl funktioneller und Stress-Krankheiten die Verschreibung von Medikamenten, wie etwa Beruhigungsmitteln überdimensional zugenom-men hätten. Die Ärzte, die für solche Krankheiten über keine adäquaten Therapiemittel verfügten, würden von der Pharmaindustrie gezielt umworben, hier zur „Lösung

von Scheinproblemen, nicht der Scheinlösung von Problemen“ ( Hoffmann-La Roche) entsprechende Medika-mente zu verschreiben.

[51] 1988, S.35

[52] Jervis (1988, S.35) gibt ein für uns passendes Beispiel von „Nicht-Gesundheit“: „Ein junger Techniker kommt todmüde und nervös von der Arbeit nach Hause und „flüchtet“ sich vor den Fernseher, womit er sich den Beziehungen (ich möchte ergänzen: Im engeren sozialen Sinn) mit an deren verweigert: Er ist nicht eigentlich krank, weder körperlich noch geistig, aber seine Situation kann nicht als wirkliche Gesundheit und Wohlbefinden bezeichnet werden.“ - Wie wir sehen werden kann vielmehr dieser Sachverhalt gerade als Ausgangspunkt für spätere psychosomatische und psychische Krankheit seiner selbst, wie auch seines familiären Umfelds werden.

[53] Herz, Leber, Magen, Schlaganfälle, Drogensucht und psychischer Krankheiten

[54] Vgl. Eyer, 1977, S.3-6

[55] 1977, S.21

[56] Wie ich es oben schon mit dem Intelligenzdiskurs verdeutlichen wollte

[57] Ebd.

[58] Vgl. Jervis, 1988, S.75

[59] Vgl. Schmerl, 1978, S.174 ff.

[60] 1939

[61] „Inszidenz seelischer Erkrankungen in Mannheim“, in: „Sozialpsychiatrie“, Bd.4, S.126-135, 1969

[62] „Der Sozialcharakter psychischer Störungen“, 1975 / 1958

[63] 1962: „Midtown-Manhatten-Studie“

[64] Vgl. Schmerl, 1978, S.177 f.

[65] Vgl. Laing, 1969

[66] Jervis, 1988, S.79

[67] 1988, S.80

[68] 1988, S.82

[69] Vgl. Bateson, 1972

[70] Laing: „Le Monde“, 1975, in Jervis, 1978, S.66

[71] Vgl. Kosthöfer, Rheingans, Süsske, Wundahl, 1976, S.61 f.

[72] Lebens- und Lern-Erfahrung und deren Lerninhalte

[73] 1972

[74] Bobb, 1980, S.43

[75] Vgl. auch Obiols, 1978, S.40

[76] Laing, 1972, S.33

[77] Cooper, 1972, S.46

[78] Ebd, S.19

[79] Cooper, 1972, S.29

[80] für den die Beziehung zwischen Autor und Leser Grundbedingung für das Textverständnis sei

[81] Ebd. S.38

[82] Wulf, 1977, S.4; vgl. auch Bobb, 1980, S.44

[83] Laing, 1975, S.30

[84] Ebd. S.118

[85] Ebd. S.305

[86] Vgl. Obiols, 1978, S.42

[87] 1980, S.45

[88] Ebd.

[89] Vgl. Glatzel, 1976, S.26

[90] 1980, S.45

[91] Ebd.

[92] Cooper, 1971, S.5

[93] Glatzel: 1971, S.73

[94] 1973, S.18 ff

[95] Ebd., S.25

[96] „Gesellschaftstheorie und Psychotherapie“ in „Das Argument“, 1975

[97] Laing, 1970, S.11

[98] Man nennt dies einen Regressionsprozess

[99] 1970

[100] Vgl. Laing, „1970, S.21

[101] Ebd., S.22

[102] Vgl. mit dem Kapitel über Mystifikation

[103] Vgl. ebd., S.115

[104] Laing, 1972, S.99

[105] Vgl. Laing, 1970, S.120

[106] Vgl. ebd, S.116

[107] Ebd., S.122

[108] Ebd.

[109] „Es gibt fast nichts, was wir über die Totalität des globalen Weltsystems oder eines seiner verschiedenen Subsysteme wissen können.“ Dies zwinge zu einer „Haltung fast völliger Skepsis“. „Wir können niemandem trauen: keinen Prinzen, Päpsten, Politikern, Gelehrten oder Wissenschaftlern, ... Mit größter Vorsicht mögen wir unser Vertrauen in eine Quelle setzen, die viel tiefer ist als unser Ich. ... “ (Laing in Cooper: „Dialektik der Befreiung“, 1973, S. 12 ff., 47)

[110] Vgl. Autorenkollektiv, Psychiatrie und Politik, in „Das Argument“, 1973, S.74

[111] Laings „Stimme Gottes“ könnte mit dem später von Carl R. Rogers entworfenen, aus Erfahrung lernenden Organismus verglichen werden, den dieser einem anerzogenen und so aus außengelenkten Lerninhalten bestehenden Selbstkonzept entgegensetzt. Dieses Selbstkonzept verhindert mit zunehmender und erfolgreicher Installation durch Sozialisation die weitere Verwertung von Erfahrungsinhalten sowie deren Integration ins Gesamtbewusstsein, arbeitet also gleichsam als Wahrnehmungsfilter und Steuerungselement.

[112] Gleiss I., „der konservative Charakter der Anti-Psychiatrie“, in das „Argument“, 1975, S.47

[113] Laing, 1970, S.47 und Basaglia, 1972, S.117 f.

[114] 1980, S.51

[115] Jacoby R., „Gesellschaftstheorie und Psychotherapie – Laing, Cooper“, in „Das Argument“, 1975, S.69

[116] Ebd., S.69

[117] 1980, S.52

[118] Vgl. Kosthöfer, Rheingans, Süsske, Wundahl, 1976, S.64

[119] also die Individuen aus ihrem subjektiven Zentrum heraus lebend sich selbst mit Eigenschaften belegen können

[120] Cooper, 1972

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Titel
Psychische Störung als Sozialisationsergebnis - Eine Untersuchung zur Antipsychiatrie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogische Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
129
Katalognummer
V94194
ISBN (eBook)
9783640104765
ISBN (Buch)
9783640185610
Dateigröße
1034 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychische, Störung, Sozialisationsergebnis, Eine, Untersuchung, Antipsychiatrie
Arbeit zitieren
Martin Walther (Autor), 2007, Psychische Störung als Sozialisationsergebnis - Eine Untersuchung zur Antipsychiatrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94194

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