Die Novelle XXI des "Novellino". Analyse und Märchenmotiv


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Novellino

3. Novelle XXI
3.1 Inhalt
3.2 Künstlerische Gestaltung
3.3 Unterschiedliche Deutungen
3.4 Das Märchenmotiv

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Novellino ist ein sehr bedeutendes Werk, welches die Literatur in besonderer Weise geprägt hat, da er die erste europäische Novellensammlung überhaupt ist. Der Autor ist nicht bekannt, er hat jedoch vielen Berühmtheiten wie beispielsweise Dante Alighieri oder Giovanni Boccaccio einen Anreiz gegeben. Insgesamt befinden sich einhundert Novellen im Novellino, welche die unterschiedlichsten Themen beinhalten und dem Werk einen vielfältigen Charakter geben.

Zu Beginn leitet ein Proömium den Leser in das Werk ein, welches auf die vielen Geschichten andeutet und Sinn und Zweck des Novellino verrät. Daraufhin folgen dann die Novellen. Diese sind sehr verschieden, sie variieren nach Länge und es werden die unterschiedlichsten Charaktere vorgestellt, es spielt an den verschiedensten Orten und es handelt von den unterschiedlichsten Themen. Die Novelle XXI, welche im Italienischen '' Come tre maestri di nigromanzia vennero alla corte dello 'mperadore Federigo '' heißt, wird im Laufe der Arbeit ausführlich analysiert.

Sie hat einen besonderen Stellenwert in der Novellensammlung, da sie zum einen sehr detailliert beschrieben ist, zum anderen aber auch viele wichtige Informationen enthält, welche im Folgenden erläutert werden. Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Novelle XXI von einer anderen Seite und unter einem besonderen Schwerpunkt zu betrachten. Zunächst soll ein knapper Abriss der zentralen Handlungsstränge den Leser in das Gesamtwerk einführen. Im Anschluss daran wird die Novelle XXI vorgestellt und ihr Inhalt wiedergegeben. Besonders wird auf die künstlerische Gestaltung und auf die unterschiedlichen Deutungen der Novelle eingegangen.

Auch wird das Märchenmotiv dabei berücksichtigt. Ist die Novelle XXI eine Novelle oder kann man diese als eine Art Märchen betrachten? Anschließend soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Schlüsse, die sich aus der Untersuchung der verschiedenen Aspekte ziehen lassen, ihre Entsprechung in der Gesamthandlung finden und die Novelle wird aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.

2. Der Novellino

Erst seit dem 19. Jahrhundert trägt die Novellensammlung den Titel Il Novellino. Zunächst war sie bekannt unter dem Titel Le ciento novelle antiche oder als Libro di novelle e di bel parlar gentile.1 Das genaue Jahr und der Autor sind nicht bekannt. Frühstens ist das Werk 1281, spätestens um 1300 entstanden. Erst im 16. Jahrhundert wurde das Werk, von Pietro Bembo in Auftrag gegeben, gedruckt. Auch über den Autor lässt sich nur sagen, dass er aus der Toskana stammt. Außerdem könnten die verschiedenen Novellen im Kaufmannsmilieu entstanden sein.2

Der Novellino umfasst insgesamt genau einhundert Novellen, welche zunächst keine wirkliche Ordnung aufweisen. Die Novellen wirken, als seien sie willkürlich aneinander gereiht. Dies wird in der Forschung jedoch kontrovers diskutiert, denn andere gehen davon aus, dass die Novellen nach bestimmten Kategorien sortiert sind und daher eine bestimmte Ordnung aufweisen müssen3. Es beginnt mit dem Proömium, welches einen groben Einblick in das Gesamtwerk gibt, dabei wird das Programm vorgestellt und der Leser wird persönlich angesprochen.

Die Novellen unterscheiden sich in vielen Hinsichten voneinander. Es gibt Novellen, welche aus einem einzigen Satz bestehen, und andere, welche mehrere Seiten umfassen. Auch bezüglich der Themen handelt es sich mal um antike, mal um biblische oder mittelalterliche Erzählungen oder Lebensweisheiten mit einem internationalen Horizont, da die Erzählungen in den verschiedensten Ländern stattfinden.4

Der Novellino richtete sich an die höfische Gesellschaft, das Bürgertum und die Kaufleute und weist in vielen Novellen einen neuzeitlichen Charakter auf, was das Denken und Handeln der Menschen betrifft. Jedoch ist für jede einzelne Novelle ein aktiver Leser notwendig, der mitdenkt und sich Schlüsse ziehen muss.

Meist handelt sich um rätselhafte Erzählungen, in denen nur das Nötigste erklärt ist und oft fehlt dabei auch eine logische Verknüpfung der Handlungen. Der Leser muss mitdenken können und dabei besonders kreativ sein, um logische Schlüsse aus den Erzählungen schließen zu können und besonders die Moral zu verstehen. Es bleibt alles dem Leser überlassen, jede Novelle ist dabei eine neue Herausforderung. In jeder Novelle kommen neue Protagonisten vor und auch der Hintergrund muss bekannt sein, da die Novellen lediglich auf ihre Ereignisse reduziert sind.5

Oftmals findet man weder einen Vorspann, noch einen Schlusssatz, es gibt keinerlei Ausschmückungen oder Informationen zu Zeit, Ort, etc. Die Novellen sind mehr oder weniger fragmentarisch zusammengesetzt. Auch fehlen Zwischenstücke, da nur die Fakten beschrieben werden. Meist fehlt die Intention und die gegebenen Informationen scheinen völlig unverbunden zu sein, da es keine Kausalverknüpfungen gibt.6 Während des Lesens kommen also viele Fragen auf.

Der Novellino wird unter anderem auch als eine Art 'Vorläufer' des Decameron betrachtet. Der Decameron, welcher von Giovanni Boccaccio geschrieben wurde, umfasst ebenfalls einhundert Novellen und auch hier findet man zu Beginn ein Proemio, welches sehr wichtig ist. Das Proemio ist wie im Novellino aus topischen Elementen zusammengesetzt, jedoch viel ausführlicher beschrieben und ausgeschmückt. Es handelt sich um eine komplexere Erzählsituation und es gibt eine klare thematische Strukturierung.

Boccaccio erschafft eine Rahmenerzählung mit zehn Erzählerfiguren, welche auf eine sehr demokratische Weise Entscheidungen treffen. Jeden Tag ist eine neue Person der König oder die Königin des Tages und entscheidet das Thema der Novellen, daraufhin erzählen die Figuren der Reihe nach ihre Geschichten. Zwar ist der Decameron viel ausgeschmückter als der Novellino, jedoch muss man auch bedenken, dass der Decameron viele Jahre später entstanden ist. Der Novellino gilt allerdings nicht nur als Vorläufer des Decameron, sondern auch für zahlreiche andere Werke.

Beispielsweise finden sich einige der Figuren des Novellino in der Divina Commedia von Dante Alighieri wieder. Es handelt sich um '' […] novelle che furono storie credute vere e che per continuare a essere credute tali furono applicate a personaggi contemporanei. ''7, so Alessandro D'Ancona. Oftmals werden antike Stoffe wieder aufgegriffen und leicht verändert.8 Ob Narziss oder andere Berühmtheiten der Antike, im Novellino finden sich viele antike Persönlichkeiten wieder.

Auch die Schauplätze sind sehr unterschiedlich und spielen beispielsweise in vielen verschiedenen Ländern. Mal spielt die Novelle in Italien, mal in Frankreich, mal in Griechenland und mal sogar im Orient. Ob am Hof Kaiser Friedrichs, in einem Kloster oder in einem Wald, fast jede Geschichte spielt an einem anderen Ort. Auch bezüglich des Vokabulars finden sich in einigen Novellen Besonderheiten wieder. Spezielle Worte kommen nur in bestimmten Novellen vor und werden in anderen wiederum mit anderen Worten ausgedrückt oder beschrieben.

Die Sprache ist in den meisten Novellen Schwerpunkt der Geschichte und daher besonders wichtig. Im Novellino finden sich viele Wortspiele wieder und viele Novellen beschäftigen sich in erster Linie mit Themen wie der Schlagfertigkeit und dem geschickten Einsetzen der richtigen Worte. Die Psyche der Figuren bleibt dabei allerdings völlig unbekannt. Ihre Motivation wird nicht geschildert und man hat keinerlei Einblicke in die Personen, da sie weder eine psychische Dimension aufweisen, noch ihre Gefühle äußern. Die Personen sind nicht wandelbar und meist nur mit wenigen Adjektiven beschrieben, sodass es sehr schwer scheint, sich in diese hineinzuversetzen.

Einige der Novellen weisen etwas Märchenhaftes auf und erinnern aufgrund von verschiedenen Punkten und Facetten an weltweit bekannte Märchengeschichten. So weist beispielsweise auch die Novelle XXI einen märchenhaften Charakter auf. Die Art ihrer Erzählung und bestimmte Punkte verleihen ihr diesen besonderen Charakter. Diese wird im folgenden genauer analysiert. Ob die Novelle jedoch als Märchen bezeichnet werden kann, wird sich im folgenden herausstellen.

3. Novelle XXI

3.1 Inhalt

Die Novelle XXI spielt am Hof Kaiser Friedrichs. Friedrich wird gleich zu Beginn als besonders positiver Herrscher dargestellt und als freigiebiger Herr beschrieben. Es wird beschrieben, dass die verschiedensten Künstler an seinen Hof reisen, um ihm ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Der Hof Friedrichs wird als ein wichtiges Zentrum dargestellt. Als Friedrich gerade am Tisch sitzt, erscheinen plötzlich drei Magier. Sie tragen eine ''schiavina''9, einen sogenannten Reisemantel, also haben sie eine lange Reise hinter sich und kommen von weit her.

Die Magier stellen sich vor und präsentieren daraufhin ihre Fähigkeiten. Sie können die natürlichen Gegebenheiten beeinflussen und haben die Gabe, das Wetter zu verzaubern. Sie sorgen für ein großes Unwetter, welches nach einer Weile wieder beendet wird.10 Als Dankeschön für ihr Zauberwerk wollen die Magier den Conte di San Bonifazio mitnehmen. Hierbei handelt es sich um eine historische Figur. Der Conte di San Bonifazio ist ein Freund und Verbündeter Friedrichs, der später allerdings zu seinem Feind wird. Friedrich akzeptiert den Vorschlag und lässt den Conte mit den Magiern gehen. Es vergehen über fünfzig Jahre.

Es handelt sich um einen besonders langen Zeitraum und dabei wird ausführlich beschrieben, was während der langen Zeit passiert. Der Conte kämpft in insgesamt drei Schlachten, heiratet und bekommt sogar Kinder, welche erwachsen werden. Trotzdem verlangen die Magier eines Tages, dass er nach all den Jahren zu Friedrich zurückkehren soll. Der Conte bezweifelt, dass er bei der Rückkehr auf Friedrich trifft, er muss tot sein. Auch die Reise zurück zum Hof Friedrichs wird als sehr lang beschrieben. Als der Conte den Hof schließlich erreicht, traut er seinen Augen nicht.11 Sie treffen auf Friedrich, so wie sie ihn das letzte Mal verlassen haben und alles ist genau wie vorher.

Der Conte ist verwirrt und berichtet Friedrich daraufhin von den vielen Ereignissen, welche über die Jahre geschehen sind.12 Die Magier können nicht nur das Wetter, sondern auch die Zeit beeinflussen. Der Conte selbst ist Teil einer Zauberei geworden, welche stark an ein Märchen erinnert. Die Zeit ist praktisch stehengeblieben. Zwar ist die Novelle XXI eine relativ lange Erzählung, jedoch werden auch hier einige Informationen nicht gegeben und es kommt zu Unklarheiten.

Auch hat man keinen Einblick in die Psyche der Figuren. Zum Beispiel wenn die Magier den Conte, also einen Menschen, als Belohnung haben möchten. Normalerweise würden sie Geld oder Kleidung bekommen, sie fordern allerdings einen lebendigen Menschen. Zu Beginn findet eine sehr detaillierte Schilderung statt, jedoch handelt es sich um kurze Sätze, die völlig unverbunden sind. Dabei findet allerdings ein Wechsel statt zwischen absoluter Knappheit und direkter Rede.13 Der Autor nutzt Wiederholungen und der Leser kann erneut lesen, was dem Conte im Laufe der Jahre geschehen ist.

3.2 Künstlerische Gestaltung

Die meisten der Novellen im Novellino sind relativ kurz und beinhalten wenig Informationen. Der Autor schafft es jedoch, präzise zu verdeutlichen, welche Aspekte von Bedeutung für die einzelnen Novellen sind und welche eher weniger und daher im Hintergrund gehalten werden. Viele Novellen weisen eine ähnliche künstlerische Gestaltung auf, der Autor nutzt beispielsweise wechselweise die direkte wie auch die indirekte Rede und passt meist den Wortschatz an die Thematik der jeweiligen Novelle an.

Vergleicht man den Novellino mit dem Decameron, so wird schnell deutlich, dass der Decameron einen viel höheren Stil aufweist. Die Novellen sind nicht nur um einige Seiten länger, sondern der Inhalt an sich ist ausschlaggebend. Im Decameron werden meist alle nötigen Informationen genannt, die Psyche der Figuren wird meist genau erläutert, sodass man einen guten Einblick in diese hat und der Geschichte etwas leichter folgen kann. Auch was die Moral betrifft, so kann man diese im Decameron meist leichter nachvollziehen, als im Novellino, da viele wichtige Informationen genannt werden, welche im Novellino oftmals weggelassen werden.

Betrachtet man die Novelle XXI, so wird zu Beginn der Hof Friedrichs mit wenigen, dennoch ausschlaggebenden Worten beschrieben und somit schnell ein vielfältiges Bild für den Leser geschaffen. Besonders wird auf die verschiedenen Künstler eingegangen, welche seinen Hof besuchen und ihm ihre Fähigkeiten präsentieren. ''A lui venieno sonatori, trovatori e belli favellatori, uomini d'arti, giostratori, schermitori, d'ogni maniera gente.''14. Dadurch wird schnell ein abwechslungsreiches Bild geschaffen.

Auch werden bestimmte Aspekte in den Vordergrund gestellt, indem sie erneut genannt werden. Beispielsweise wird zu Beginn beschrieben, ''Stando lo 'mperadore Federigo, e facea dare l'acqua, […]''15, die selbe Information wird am Ende noch einmal gegeben, ''Trovaro lo 'mperadore e' suoi baroni, ch'ancor si dava l'acqua, la qual si dava quando il conte n'andò co' maestri.''16.

Trotz ihrer Kürze weisen die Novellen eine bestimmte Vielfältigkeit auf und haben eine besondere künstlerische Gestaltung. Auch der Wortschatz der Novelle XXI weist einige Besonderheiten auf. Der Begriff ''sonatori'' steht unter anderem auch für die ''musicisti, poeti, piacevoli narratori, esperti di magia''17. Die Kleidungsstücke der Magier werden als ''schiavine''18 bezeichnet und der Begriff ''giuderdone''19 wird in den meisten neueren Versionen mit ''compenso'' übersetzt. Außerdem finden sich Gallizismen wieder, wie beispielsweise der Ausdruck ''di gran paraggio''20.

Der Autor des Novellino nutzt sowohl die direkte, als auch die indirekte Rede, um die Novelle vor allem lebendiger zu gestalten und eine gewisse Dynamik zu erzeugen. ''[…] ed elli domandò: << Qual è il maestro di voi tre?>> L'uno si trasse avanti, e disse: << Messere, io sono.>>''.21 Mal findet man in der Novelle XXI sehr knappe Sätze und mal längere Sätze, welche viele Informationen beinhalten. Wie beispielsweise gleich zu Beginn der Novelle, wenn die verschiedenen Künstler einzeln aufgezählt und dabei gleichzeitig präsentiert werden .22

Dies geschieht vor allem an den Stellen, die wichtig scheinen sollen und in diesem Fall die Vielfalt der Gäste des Hofes darstellen. Besonders interessant hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung sind auch die vielen Wiederholungen des Autors. Zwar werden einige Stellen so schnell wie möglich erklärt, ohne ins Detail zu gehen, dafür werden andere Informationen doppelt genannt. Wie zum Beispiel die erneute Nennung von den vielen geschehenen Abenteuern des Conte.23

Dies macht der Autor bewusst, um vor allem die lange Zeit in den Vordergrund zu stellen und den Leser auf den Zeitraum allein fokussiert. Der Autor schafft es, mit wenigen und präzisen Worten jedoch eine bestimmte Spannung zu erschaffen.

Zum Schluss wird sogar die Frage ''come va questo fatto ?''24 gestellt. Denn der Conte ist nach all den geschehenen Ereignissen natürlich verwundert, genau so wie Kaiser Friedrich und auch der Leser selbst wird diese Wende und vor allem diesen Schluss nicht erwartet haben. Die Novelle XXI packt den Leser und schildert die Ereignisse in kurzen und präzisen Sätzen, wiederholt bestimmte Passagen dennoch noch einmal, um die Spannung zu steigern und den Blick auf das Wesentliche zu lenken und während des Lesens eine bestimmte Richtung zu geben.

Der Schluss scheint sehr verwunderlich und lässt zahlreiche Fragen bezüglich des Sinns und Zwecks aufkommen. Es stehen viele Fragen offen, da wichtige Informationen nicht genannt wurden und daher viele Unklarheiten entstanden sind.

3.3 Unterschiedliche Deutungen

Viele der Novellen kann man aufgrund der kurzen Beschreibungen und fehlenden Informationen in verschiedene Richtungen auslegen und somit entstehen die unterschiedlichsten Deutungen. Auch wurde der Novellino in viele verschiedene Sprachen übersetzt, wie beispielsweise ins Englische, Spanische, Französische und Deutsche.25 Es wurde sogar eine neuere Version auf italienisch von Aldo Busi und Carmen Covito verfasst, der Novellino wurde dabei komplett in das neue Standarditalienisch übersetzt.26

Auch die Novelle XXI an sich wurde oftmals neu interpretiert und gedeutet. Dabei wurde vor allem berücksichtigt, welche Quellen für die Novelle in Frage kommen. D'Ancona, welcher in der Arbeit schon zitiert wurde, vertritt die Hypothese, dass es sich um einen orientalischen Ursprung handeln muss, und dass es sich hierbei um genauer zu sein um eine antike türkische Geschichte handelt, welche verändert wurde.27 Lo Nigro hingegen bezieht sich in seinem Werk ''Il tema del >tempo illusorio< nella narrativa tradizionale'' eher auf Volkstümliches und Religiöses.28

Zahlreiche Studien wurden zu den möglichen Quellen und Vorbildern aufgestellt. Hindermann beschreibt in seinem Werk ''Come va questo fatto? Zur XXI. Erzählung des Novellino'' zum Beispiel erneut den orientalischen Ursprung der Novelle. Er bezieht sich dabei besonders auf die Beschreibung der Himmelfahrt des Propheten Mohammed, welche mit der Novelle XXI in der Tat verglichen werden kann.29

Krappe hingegen vertritt die These, dass es sich weder um Religiöses, noch um einen orientalischen Ursprung, sondern um einen altirischen Ursprung handeln muss und erläutert seine Hypothese in seinem Werk ''The Source of 'Novellino' ''.30

3.4 Das Märchenmotiv

Die Novelle XXI wirkt zum einen durch die Erzähltechnik, zum anderen aber auch durch den enthaltenen Inhalt wie ein Märchen. Beispielsweise handelt es sich bei den Protagonisten um Magier, die zaubern können. Oder auch der Aspekt, dass die Zeit für den Conte stehenbleibt, erinnert beispielsweise an das bekannte Märchen Dornröschen.

Auch Übertreibungen sind typisch für Märchen und finden sich in der Novelle XXI wieder. Es wird von Jahrzehnten berichtet, die der Conte getrennt von Friedrich verbracht hat. Aber kann man die Novelle als ein Märchen bezeichnen? Wenn man bedenkt, dass die Novelle um 1300 entstanden ist, und das Wort Märchen zum ersten Mal durch die Gebrüder Grimm etwa sechshundert Jahre später aufkam, so scheint dies fraglich. Zu Zeiten des Novellino gab es keine Märchen. In zahlreichen anderen Werken sind viele der genannten Aspekte ebenfalls vertreten.

Betrachtet man beispielsweise die Divina Commedia, so findet man auch Magier wieder, welche sich tief in der Hölle befinden. Auch bei Boccaccio ist die Rede von Magiern. Aber besonders das Phänomen der stehengebliebenen Zeit findet sich in vielen bekannten Werken wieder, wie beispielsweise im Conde Lucanor. ''Un incantesimo simile a quello qui riferito trovasi nelle Novelle Turche tradotte da Petis de la Croix […] col titolo di Storia dello Scheik Schehabbeddin.' […] anche il cap. XIII del Conde Lucanor […] ove gran spazio di anni sembra volgersi per incantesimo […]''31.

Interessant scheint jedoch die Hypothese, dass die Idee der Geschichte aus dem Orient stammt, welche beispielsweise D'Ancona32 und Hindermann33 vertreten. Denn es steht fest, dass es aus dem Orient Schriften gibt, welche dasselbe Motiv beinhalten. Betrachtet man beispielsweise die Schriften bezüglich der Himmelfahrt Mohammeds und geht davon aus, dass der Autor des Novellino diese kannte und sich an ihr orientierte, so handelt es sich viel mehr um einen religiösen Ursprung.

Ob er die Schriften zur Himmelfahrt Mohammeds kannte oder nicht, Fakt ist, der Novellino beschäftigt sich in vielen Geschichten mit dem Orient. ''[…] la tradizione musulmana racconta del rapimento di Maometto ai sette cieli, al Paradiso ed all'Inferno, quando il profeta ebbe novantamila conferenze col Signore, e pur compì tutto questo si presto che, tornando al suo letto, lo trovò ancor caldo, […]''34, so D'Ancona. Es handelt sich hierbei also um dasselbe Zeitmotiv, welches in vielen Werken aufgegriffen wurde und immer wieder leicht abgewandelt wurde.

Geht man also davon aus, dass es sich bei der Quelle der Novelle XXI um die Schriften aus dem Orient handelt, so waren diese weit von einem Märchen entfernt, da sie religiöse Stoffe beinhalteten und in erster Linie zur Verbreitung der Religion dienten. Dass der Autor des Novellino seine Inspirationen aus der Türkei oder aus arabischen Ländern hatte, klingt jedoch plausibel. Zum Beispiel existiert auch die Hypothese, dass Dante seine Inspirationen für die Divina Commedia aus einem arabischen Werk hat.

Die arabischen Gelehrten veröffentlichten zahlreiche Schriften, welche auch nach Italien gelangten. Aus dem Grund kann man also durchaus davon ausgehen, dass der Autor seine Inspirationen und Ideen von der Himmelfahrtsgeschichte hat, welche aus dem Orient stammt. Diese hat er von der Idee her übernommen und in eine eigene, neue Geschichte umgewandelt. Das Märchen, wie man es heute kennt war schließlich erst ab dem 18. Jahrhundert bekannt.35 ''Con il termine novella si designavano nel medioevo novelle, o favole, o parabole' di tradizione sia orale che scritta, […]''36, so Bronzini.

Somit kann man sagen, dass es sich bei der Quelle der Novelle XXI vom Ursprung her um eine religiöse Geschichte handelt, diese aber dann vom Autor des Novellino in eine Novelle umgewandelt und verändert worden ist und in vielen Hinsichten, wie beispielsweise der Personen und Ereignisse, aber auch der Erzählform Aspekte aufweist, welche stark an ein Märchen erinnern, wie man es heute kennt.

4. Schlussbetrachtung

Anschließend lassen sich nun einige zusammenfassende Feststellungen machen. Zu Beginn der Arbeit steht die Behauptung, dass die Novelle XXI aufgrund von einigen Besonderheiten eine Art Märchen darstellt. Die genauere Analyse der Novelle hat gezeigt, dass die Geschichte zwar viele Merkmale eines Märchens aufweist, man jedoch nicht behaupten kann, dass es sich hierbei um ein richtiges Märchen handelt.

Der Begriff ''Märchen'' ist erst viele Jahre später entstanden und zu Zeiten des Novellino, welcher um 1280 geschrieben wurde, wusste man nicht, wie man ein Märchen schreibt oder was es überhaupt ist. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass es lohnenswert ist, literarische Werke genauer zu betrachten und dabei immer wieder zu neuen Schlüssen zu kommen. In dieser Arbeit musste jedoch die Anzahl der untersuchten Aspekte begrenzt werden.

[...]


1 Vorlesungsmitschrift: Vertiefungsmodul Literaturwissenschaft Italienisch. Der Novellino. Birigt Tappert. WS 16/17.

2 Vorlesungsmitschrift: Vertiefungsmodul Literaturwissenschaft Italienisch. Italienische Literatur vom Mittelalter bis ins 18. Jh. Birgit Tappert, WS 14/15.

3 Siehe: Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart 1988, S. 317.

4 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart 1988.

5 Vorlesungsmitschrift: Vertiefungsmodul Literaturwissenschaft Italienisch. Der Novellino. Birigt Tappert. WS 16/17.

6 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart 1988.

7 Alessandro D'Ancona, Del Novellino e delle sue fonti, Bologna 1880, S. 275.

8 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart 1988.

9 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62.

10 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62-64.

11 Vgl.Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 64.

12 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 64.

13 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62.

14 Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62.

15 Ebd.

16 Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 64.

17 Alberto Conte, Cesare Segre (Herausgeber), Il Novellino, (Salerno Editrice), Rom, S. 43.

18 Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62.

19 Vgl. Guido Favati (Herausgeber), Il Novellino, (Fratelli Bozzi), Genova, S.174.

20 Vgl. Alberto Conte, Cesare Segre (Herausgeber), Il Novellino, (Salerno Editrice), Rom, S. 44.

21 Vgl. Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 64.

22 Vgl. Janos Riesz (Herausgeber), Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S. 62.

23 Vgl. Janos Riesz, (Herausgeber) Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S.66.

24 Vgl. Janos Riesz, (Herausgeber) Il Novellino. Das Buch der hundert alten Novellen, (Reclam), Stuttgart, S.66.

25 Siehe: https://www.arlima.net/mp/novellino.html

26 Siehe: Aldo Busi /Carmen Covito: Il Novellino, Milano:[Bur rizzoli], 1992.

27 Vgl. Alessandro D'Ancona: ''Le fonti del Novellino'', in: Paul Meyer u.a. (Hrsg.): Romania. Revue trimestrielle, Paris, 2008, S. 169.

28 Siehe Sebastiano Lo Nigro: Il tema del tempo illusorio nella narrativa tradizionale: Catania [Universitá di Catania, Facoltà di lettere e filosofia], 1968.

29 Vgl. F. Hindermann: ''Come va questo fatto? Zur XXI. Erzählung des Novellino'', in: Orbis Mediaevalis. Mélanges de langue et de littérature mßedievales offerts à R.R. Bezzola à l'occasione de son quartrevingtième anniversaire, Bern 1978, S. 187 -193.

30 Siehe: Alexander Haggerty Krappe: The Source of ''Novellino'': Neuphilologische Mitteilungen, Helsinki, 1925.

31 Alessandro D'Ancona: ''Le fonti del Novellino'', in: Paul Meyer u.a. (Hrsg.): Romania. Revue trimestrielle, Paris, 2008, S. 169.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. F. Hindermann: ''Come va questo fatto? Zur XXI. Erzählung des Novellino'', in: Orbis Mediaevalis. Mélanges de langue et de littérature mßedievales offerts à R.R. Bezzola à l'occasione de son quartrevingtième anniversaire, Bern 1978, S. 187 -193.

34 Alessandro D'Ancona: ''Le fonti del Novellino'', in: Paul Meyer u.a. (Hrsg.): Romania. Revue trimestrielle, Paris, 2008, S. 169.

35 Vgl. Andre Jolles, Einfache Formen, Legende, Sage, Mythe, Rätsel,Kasus, Spruch, Memorabile, Märchen, Witz, Tübingen 1982, S. 218.

36 Giovanni Battista Bronzini, L'andar novellando: Dal Novellino al Decameron, (Istituto di storia delle traduzioni populari), Bari 1993. S. 83.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Novelle XXI des "Novellino". Analyse und Märchenmotiv
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanistik)
Veranstaltung
Novellino
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V942124
ISBN (eBook)
9783346273796
ISBN (Buch)
9783346273802
Sprache
Deutsch
Schlagworte
novelle, novellino, analyse, märchenmotiv
Arbeit zitieren
Jasmin Sarlak (Autor), 2017, Die Novelle XXI des "Novellino". Analyse und Märchenmotiv, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/942124

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