Jean Baudrillard und das Theorem der Simulation

Von der Agonie des Realen zur Hyperrealität


Magisterarbeit, 2008
80 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG
POSTMODERNE
ZUM UMGANG MIT JEAN BAUDRILLARD
EINLEITENDE ZUSAMMENFASSUNG

I. VOM ABSOLUTEN ZEICHEN ZUM SIMULAKRUM
1. SIMULATION
1. 1. SIMULIEREN, DISSIMULIEREN & FINGIEREN
1. 2. PRÄSENTATION & SIMULATION
1. 3. GOTTESBILDER & BILDERSTÜRMER
2. ORDNUNGEN DER SIMULAKREN
2. 1. DIE ERSTE ORDNUNG DER SIMULAKREN
2. 2. DIE ZWEITE ORDNUNG DER SIMULAKREN
2. 3. DIE DRITTE ORDNUNG DER SIMULAKREN
2. 4. HÖHLENGLEICHNIS
2. 5. KÜNSTLICHKEITSSPIRALE: TASSADAY &
LASCAUX
2. 6. RETTUNG DES REALITÄTSPRINZIPS:
DISNEYLAND & WATERGATE

II. VON DER REALITÄT ZUR HYPERREALITÄT
1. GENEALOGIE DER WERTGESETZE VON KARL MARX
2. ARBEIT UND PRODUKTION
2. 1. AUFRICHTIGKEIT & WERBUNG
3. DER DIGITALE CODE
3. 1. KOMMUNIKATION & STATISTIK
3. 2. DIE VIRTUELLE GESELLSCHAFT
Kunst & Illusion
Objekt & Verführung

KRITIK, DISKUSSION UND SCHLUSSBETRACHTUNG
ANHANG
Primärliteratur und Siglen
Sekundärliteratur

JEAN BAUDRILLARD UND DAS THEOREM DER SIMULATION

VON DER AGONIE DES REALEN ZUR HYPERREALITÄT

In dieser Arbeit versuche ich Baudrillards Gedanken, die er – eher unsystematisch ­– über mehrere Texte verstreut hat, etwas zusammenzufassen, sein Gedankensystem nachzuzeichnen, welches sich in den verschiedensten Gebieten von Gesellschaft und Leben wiederfindet. Ich beziehe mich dabei auf Textauswahlen der Bücher: »Agonie des Realen«, »Der symbolische Tausch und der Tod«, »Illusion und Virtualität«, »Von der Verführung « und »Das perfekte Verbrechen«. Dabei gehe ich, im Anschluss an Falko Blask, von seinem »folgenschwersten Theorem«[1] aus, dem der Simulation. Jenes Theorem möchte das Verschwinden der Realität beschreiben, und zwar insofern das Reale durch Zeichen des Realen ersetzt wird. Diesen Zustand nennt Baudrillard Hyperrealität. Da die Zeichen aber auf nichts mehr verweisen und es keine Referenten mehr gebe, werde das Reale mit seiner Darstellung verwechselt, das heißt, in der Hyperrealität könne zwischen Simulation und Realität nicht mehr unterschieden werden. Jene Referenzlosigkeit wiederum entstünde durch die allmähliche Beseitigung der semantischen Äquivalenz zwischen Signifikant und Signifikat, womit das Wahrheitsprinzip beseitigt würde.

EINLEITUNG

POSTMODERNE

Jean Baudrillard gilt als ein Philosoph der Postmoderne, war Soziologe und beanspruchte den Status eines Theoretikers der Gegenwart[2]. Abgesehen davon, dass Baudrillard offensichtlich einer disziplinären Einordnung aus dem Wege zu gehen versuchte, ist auch der Begriff und die Erscheinungsform der Postmoderne diskussionswürdig. Deswegen möchte ich mich in diesem Kapitel einleitend mit dem Begriff der Postmoderne und der Frage beschäftigen, in welchem Sinne Baudrillard als ein postmoderner Denker gesehen oder bezeichnet werden kann.

Dass es sich beim dem Begriff »postmodern« eher um eine Art »Passepartoutbegriff« handelt, den mittlerweile jeder in beliebiger Weise anwende, hat Umberto Eco dazu veranlasst, ihn nicht als eine historische Kategorie, sondern als das Kriterium einer bestimmten Haltung zur Geschichte zu definieren.[3] Diese Haltung nennt Eco Ironie. Für eine Beantwortung der Frage, in welchem Sinne Baudrillard postmodern ist, soll im Folgenden Ecos Definition im Kontext anderer, einschlägiger Bestimmungen diskutiert werden.

Als ein Gemeinplatz gilt die Bestimmung der Postmoderne durch Pluralität. Die Pluralität bezieht sich auf die Breite der Lebenswirklichkeiten oder besser noch, auf das Recht differenter Lebensentwürfe als Grundverfassung der Gesellschaft. Unterschiedliche Wissensformen und Handlungsmuster werden im Gegensatz zu den großen Meta-Erzählungen der Moderne, die auf eine Einheit des Wissens und eine einheitliche Wahrheit zielten, anerkannt. Diese Entwicklung ergab sich aus der Erfahrung, dass Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden dürfen und dass die daraus resultierenden unterschiedlichen Sichtweisen nicht mehr um eine allumfassende Wahrheit konkurrieren müssen, sondern sie sich gegenseitig als eben nur anders wahrnehmen und vor allem akzeptieren können. Es gibt also nicht mehr nur eine Wahrheit oder Richtigkeit, nach der es sich zu richten gilt, damit alles gleich bewertbar bliebe, vielmehr geht es hier um eine Vielfältigkeit der Welt, deren Unhintergehbarkeit anerkannt und bejaht wird. Indem sich die Postmoderne als eine Form von Ideologie? um eine Vielheit heterogener Konzeptionen, Sprachspiele und Lebensformen bemüht, bezieht sie eine anti-totalitäre Position, einerseits aus einer geschichtlicher Erfahrung – nicht zuletzt der politischen Totalitarismen des letzten Jahrhunderts – und andererseits aus dem philosophischen Motiv einer Freiheit, die auf Universalismen verzichtet.

Aus dieser Entwicklung heraus entstand ein Abgrenzungsbedürfnis der Gegenwart und näheren Zukunft gegenüber der Vergangenheit, in diesem Fall von der Postmoderne zur Moderne. Hierbei lässt sich jedoch noch einmal unterscheiden, zum einen zwischen der Selbstbestimmung der Postmodernen und der Fremdbestimmung durch ihre Kritiker und zum anderen zwischen den Ausrufern eines neuen Zeitalters, Jean-François Lyotard zum Beispiel, und denen, die die Postmoderne als Strömung akademisch zu definieren versuchen, wie etwa Wolfgang Welsch oder auch Odo Marquard.[4]

Der Vorwurf des Relativismus wurde seit Beginn einer philosophischen Bestimmung der Postmoderne von außen erhoben. Auf Seiten der Postmodernen will sich Wolfgang Welsch beispielsweise gegen diesen Vorwurf zu Wehr setzen, wobei viel Energie mit relativ wenig Erfolg in diese Abwehr investiert wird. So sagt Marquard: wenn wir uns aufgrund der Unentscheidbarkeit der Wahrheit oder Moralität von Lebensentwürfen nicht sicher sein können, wie wir handeln sollen, so sei es sicherer, uns an die Traditionen zu halten;[5] Welsch hingegen meint: Da es keine normative Instanz mehr gibt, die über die Rechtmäßigkeit von Lebensentwürfen und Lebensansprüchen entscheidet, wählen beziehungsweise setzen wir (wir Postmodernen) Pluralität als absoluten Wert.[6]

Demnach hieße »postmodern«, dass man unter der Hand oder auch offen den Relativismus eingesteht, dem Vorwurf des Relativismus aber durch wünschenswerte, bestenfalls demokratisch gesetzte Werte zu entgehen oder ihn zumindest einzudämmen sucht. Grundlegend dafür ist die Unterscheidung von Beliebigkeit und Relativität, die von Welsch selber stammt: Der Postmoderne (als Zustand und Position) wird Beliebigkeit, und zugleich der Verfall moralischer Werte und ethischer Handlungsmaximen vorgeworfen; dabei konstatieren die Postmodernen ja gerade die faktische Unmöglichkeit absoluter Wertsetzungen und versuchen auf dieser Basis eine, bewusst und willentlich, plurale, sich aber dennoch moralisch verhaltende Gesellschaft zu begründen. Der Vorwurf des Relativismus ist letztendlich nicht zu entkräften, aber dieser Relativismus entspringt der geschichtlichen Erfahrung totalitärer Setzungen; daher gilt es einen Modus zu finden, mit ihm zu leben, ohne in der Beliebigkeit der Lebensentwürfe auch alle moralischen und ethischen Maßstäbe preiszugeben.

Die Postmoderne in diesem Sinne ist also eine geschichtsphilosophische Kategorie mit starken erkenntnistheoretischen und ethischen Implikationen. Ihre Karriere indessen beginnt sie als ein soziologisch-historischer Begriff: Erstmals erscheint er 1968, und zwar in Anitai Etzionis Werk »Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse«. Hierin behauptet Etzioni das Ende der Moderne, das nicht durch einen Abbruch, sondern durch eine Transformation erfolgt sei, sei durch einen technologischen Wandel erreicht worden:

»Nach dem zweiten Weltkrieg endete die moderne Zeit mit der radikalen Transformation der Kommunikations-, Wissens- und Energietechnologien. Ihr zentrales Merkmal war die kontinuierliche Zunahme der Effizienz der Produktionstechnologie, die eine wachsende Herausforderung für den Primat jener Werte bedeutete, denen diese Mittel dienen sollten. Die postmoderne Zeit, deren Beginn wir mit dem Jahr 1945 festsetzen können, wird entweder eine weitere und noch weitgehendere Bedrohung des Status dieser Werte durch den Ansturm der Technologien oder die Wiederherstellung der normativen Priorität dieser Werte erleben. Welche der Alternativen sich durchsetzt, wird darüber entscheiden, ob die Gesellschaft Diener oder Meister der von ihr erzeugten Instrumente sein wird. Die aktive Gesellschaft, die Herr ihrer selbst ist, ist eine Option, die sich mit der postmodernen Zeit eröffnet.«[7]

Etzioni vertritt hier die positivistisch-pluralistische Position einer Relativierung technologischer Rationalität zugunsten der Priorität der »Werte«. Jene Werte entfalten sich in einem Ideal der »aktiven Gesellschaft« als einer Gesellschaft, »die gegenüber den Bedürfnissen ihrer sich wandelnden Mitgliedschaft sensibel und in einer intensiven und ständigen Selbsttransformation begriffen ist.«[8] Dadurch erhält die Kategorie von Anbeginn eine ethische bzw. moralphilosophische Konnotation.

Im Gegensatz dazu konstatiert der Soziologe Daniel Bell 1973 in seinem Buch »Die nachindustrielle Gesellschaft« auch die These des technologischen Wandels, jedoch seien nicht die Maschinentechnologien ausschlaggebend, sondern »intellektuelle Technologien«[9]. Die postindustrielle Gesellschaft sei weniger durch die Technik, sondern vielmehr durch das theoretische Wissen gekennzeichnet, welches sich aus der Verbindung von Wissenschaft und Technologie, sowie der Planung und Steuerung der Sozialentwicklung ergebe.[10] Damit sei sie »auf dem besten Wege«, »die natürliche Ordnung durch eine technische zu ersetzen.«[11] In der nachindustriellen Gesellschaft geschieht nach Bell eine Fortsetzung und Steigerung der Technologien, jedoch keine grundlegende Umorientierung. Daniel Bell weist mit seiner These der postindustriellen Gesellschaft damit Etzionis Begriff Postmoderne zurück, indem er den gesellschaftlichen Strukturwandel nach 1945 als eine konsequente Fortsetzung der Moderne betrachtet.

In der Philosophie erscheint der Begriff der Postmoderne im Gegensatz zur Soziologie viel später, erst 1979 wird er von Jean-François Lyotard eingeführt. Er geht ebenfalls von den neuen Technologien aus und beschäftigt sich mit der Frage, welche Veränderungen für das Wissen in den am höchsten entwickelten Industriegesellschaften unter dem Einfluss der neuen Informations-Technologien zu erwarten sind.[12]

In seiner Untersuchung über die Eigenart modernen Wissens beschreibt er jene Entwicklung ausgehend von einer Einheit des Wissens, welche durch den Rückgriff auf die großen Meta-Erzählungen zustande kam. Selbst in der Detailforschung sei jener Rückbezug auf die hinter allem stehende Leitidee deutlich erkennbar gewesen. Die Totalität der drei in der Moderne entstandenen Meta-Erzählungen – die Emanzipation der Menschheit in der Aufklärung, die Teleologie des Geistes im Idealismus und die Hermeneutik des Sinns im Historismus – veraltet nicht ihrem Gehalt, sondern ihrer Art nach, wird hinfällig und löst sich auf. Diese Auflösung gilt als Vorbedingung für die postmoderne Pluralität und zum postmodernen Denken gelangt es dann, indem diese Auflösung als positive Veränderung begriffen wird, die neue Perspektiven mit sich bringt.

In Wolfgang Welschs Untersuchung »Unsere postmoderne Moderne« werden schließlich zwei Spielarten der Postmoderne unterschieden, einer diffusen und einer präzisen. Die Wahl seiner näheren Bezeichnung lässt auf die Ernsthaftigkeit jener enthaltenen Theorien schließen und so lautet seine Diagnose des diffusen Postmodernismus:

»Seine Spielarten reichen von wissenschaftlichen Universal-Mixturen in Lacan-Derrida-Tunke bis zu aufgedrehten Beliebigkeitsszenarien chicer Kulturmode. Das Credo dieses diffusen Postmodernismus scheint zu sein, daß alles, was den Standards der Rationalität nicht genügt oder Bekanntes allenfalls verdreht wiedergibt, damit auch schon gut, ja gar gelungen sei, daß man den Cocktail nur ordentlich mixen und mit reichlich Exotischem versetzen müsse. Man kreuze Libido und Ökonomie, Digitalität und Kynismus, vergesse Esoterik und Simulation nicht und gebe auch noch etwas New Age und Apokalypse hinzu – schon ist der postmoderne Hit fertig.«[13]

Die Bezeichnung »diffuser Postmodernismus« bekundet sich damit als eine polemische, eine beschreibende und wertende Kategorie, der es selbst an analytischer Präzision ermangelt. Sie erhebt lediglich den Vorwurf der Präzisionslosigkeit ohne anzugeben, worin die Präzision hier bestünde. Demgegenüber heißt es in seiner Bestimmung des präzisen Post-modernismus:

»Er frönt nicht dem Rummel des Potpourri und folgt nicht einer läppisch-beliebigen Verwirrungslizenz, sondern tritt für wirkliche Pluralität ein und wahrt und entwickelt diese, indem er einem Unterscheidungsgebot folgt. Statt die Vielheit durch Mischmasch zu vergleichgültigen, potenziert er sie durch Zuschärfung. Statt Differenzen in freier Turbulenz ihren Stachel zu nehmen, bringt er ihren Widerstreit zur Geltung. Statt naiver oder zynischer Kompensation betreibt er einschneidende und effektive Kritik.«[14]

Welschs Unterscheidung setzt damit also an den Resultaten beider Spielarten an: die eine verwirre, die andere solle stacheln. Eine Begründung der Entscheidung, warum Stacheln besser sei als Verwirren, ist damit aber noch nicht mit gegeben. Man könnte ja ebenso gut einwenden, dass es um Willen der Pluralität von Lebensentwürfen ratsamer sei, die Widersprüche zwischen ihnen gerade nicht weiter zu zuschärfen.

Ohne aber eine Kritik an Welschs Unterscheidung weiter zu vertiefen, lässt sich sein Begriff des »diffusen Postmodernismus« mit Ecos Diagnose in eine Beziehung setzen, dass die Bezeichnung »postmodern« sich zu einem reinen »Passepartoutbegriff« entwickelt habe. Auf diese Weise ergibt sich ein weiterführender Bezug zwischen dem historischen auf den philosophischen Begriff der Postmoderne. Während sich nämlich Welschs Befund offenkundig auf einen Denk- und Schreibstil innerhalb einer bestimmten geistes-wissenschaftlichen und kulturkritischen Tradition (oder auch Mode) bezieht, hat Eco eher kunst-, literatur- und geschichtswissenschaftliche Diskurse im Blick. Ihm geht es, mit anderen Worten, um Postmodernität als historische Kategorie: Der Versuch, die Postmoderne als ein Zeitalter zu definieren, resultiere letztlich in der Tendenz, sie »historisch immer weiter nach hinten zu schieben […] bald wird die Kategorie des Postmodernen bei Homer angelangt sein«[15].

Was rechtfertigt Ecos ironische Bemerkung? Zunächst einmal die Beobachtung einer Praxis wissenschaftlicher Zuschreibung. Wie aber sieht es aus der Perspektive der kulturellen Selbstbeschreibung aus? Bevor »postmodern« eine historische bzw. historisierende Kategorie wurde, fungierte sie ja, wie bei Etzioni zu sehen war, als eine Kategorie der vergegenwärtigenden Selbstbeschreibung, als Definition der eigenen Zeitgenossenschaft: Was unterscheidet unsere Zeit von einer früheren und wie lässt sich ihre zeitliche Grenze datieren?

Dieser Umstand wirft die Frage nach dem geschichtlichen Verhältnis von Selbst- und Fremdbeschreibung auf. Das historische Bewusstsein in der Postmoderne wird zur Legitimation einer historischen Praxis, die darin besteht, für die eigene Zeitgenossenschaft ein neues Zeitalter zu proklamieren, während dies bisher immer nur späteren Generationen oder nachfolgenden Historikern oblag. Andererseits scheint dieses Ausrufen eines neuen Zeitalters kein spezifisch postmodernes, sondern ein genuin neuzeitliches Phänomen zu sein. Denn seit der Renaissance lässt es sich als ein wiederkehrendes geschichtliches Phänomen beobachten; man denke an die proklamatorischen, euphorischen Ausrufe von Bacon, Descartes und dies wiederum in allen Wissenschaftsbereichen, so auch von Gallilei oder Newton. In der Kunst wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts permanent ein neues Zeitalter ausgerufen: etwa im Futurismus oder im Dadaismus.

Entscheidend mag hier also nicht die Frage sein, ob es sich jeweils tatsächlich um ein neues Zeitalter handelt, sondern vielleicht eher das historische Selbstverständnis derer, die es verkünden – als ein mehr oder weniger gesuchter oder vollzogener Bruch mit der Vergangenheit. Mit dem Aufkommen einer Idee des Fortschritts am Beginn der Neuzeit, und zwar als ein zu bejahender geschichtlicher Vorgang, gehört der Ausdruck eines Bruchs, oder vorsichtiger, eines sich distanzierenden Verhältnisses zur Vergangenheit zum integralen Bestandteil der Selbstbeschreibungen von Individuen, Gruppen und Strömungen.

So wie nun die historische Selbstbeschreibung nicht als ein spezifisches Kriterium der Postmoderne genannt werden kann, weil sie auch in vielen klassischen Positionen der Moderne auftritt, exemplarisch etwa in Kants Schrift zur „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, so ist auch die Position des Relativismus kein spezifisches Merkmal der Postmoderne. Auch die Moderne und selbst die Antike kennen skeptische Positionen. Doch bleiben diese stets an die Frage der Objektivität bzw. des Fortschritts gebunden. So macht es einen gewaltigen Unterschied, ob der Relativismus als unumgängliche, aber ungewollte Option erscheint, oder ob man ihn emphatisch bejaht, wie es die Postmodernen dann tun. Der Unterschied lässt sich vielleicht am deutlichsten in einem Vergleich der antiken Skepsis und der Postmoderne zeigen: Nach dem Skeptiker gebe es zwar eine Wahrheit, aber wir Menschen können sie nicht erkennen. Denn für jedes vertretbare Argument existiere ein ebenso gültiges Gegenargument. Daraus schließt der Skeptiker, dass keines der beiden Argumente gültig sein könne. Er arbeitet mit dem tertium non datur: Entweder sei etwas wahr oder falsch, eine dritte Möglichkeit aber gebe es nicht.

Der Postmoderne wiederum vertritt die These, dass diese Alternative künstlich sei und falsch; es gebe nicht nur die eine Wahrheit, nicht wahr oder falsch, sondern viele Wahrheiten. Darin liege die Pluralität im eigentlichen Sinne. In dieser Hinsicht scheint die Unterscheidung zwischen Moderne und Postmoderne signifikant: Der Moderne glaubt an eine Wahrheit, die vielleicht unerkennbar ist, der Postmoderne jedoch an viele Wahrheiten, die nebeneinander existieren können, das heißt, er hält an dem tertium non datur nicht länger fest – multum datur!

Wichtiger aber scheint die Abkehr vom Fortschrittsglauben als Unter-scheidungskriterium zu sein, denn während es der Moderne an realisierenden Gesellschaftsentwürfen und dem Glauben an Fortschritt nicht mangelt, tritt hier beim Postmodernen Skepsis ein, mehr noch, er übt sich in der fortwährenden Dekonstruktion alternativer oder utopischer Gesellschaftsentwürfe und universaler Welt- und Selbstbeschreibungs-unternehmen. Das Ende der Metaerzählungen bedeutet vor allem, dass uns die Geschichte gelehrt hat, dass alle universalisierenden Entwürfe einer kommenden Zeit nur Not und Elend eingebracht haben, weshalb nun von ihnen Abstand genommen wird. Mit diesem Abstand jedoch geht schlechterdings auch der Abschied vom Modell des gesellschaftlichen Fortschritts als solchen einher: Die Geschichte stagniert oder bewegt sich allenfalls in einer ziellosen Abwandlung des Immergleichen.

Doch lässt sich auch mit diesem Kriterium – dem Verzicht auf einen absoluten Gültigkeitsanspruch – die Postmoderne nicht hinreichend definieren. Umberto Eco weist darauf hin, dass es erst der Bezug auf die Tradition ist, die man ernst, aber nicht beim Wort nehme, in der sich die eigentliche Postmodernität zum Ausdruck bringt. Eco bezeichnet diese Haltung als Ironie: Als einen spielerischen Umgang mit den Formen und Werten, die einstmals beim Wort genommen und für absolut gültig angesehen wurden, wie er in seinem Text »Ironie und Vergnügen« am Beispiel eines postmodernen Liebhabers illustriert. Ausgehend von einer Tradition der Liebesausdrücke, der abgenutzten Metaphern und des durch diese Tradition vorgeformten Gefühls, wird der gebildete Liebhaber kein »Ich liebe dich« naiv über die Lippen bringen. Will er dennoch dieses Gefühl zum Ausdruck bringen, so kann er sich – nach Ecos Vorschlag – unter Bezug auf ein tradiertes Kulturerbe eines Tricks bedienen:

»Er kann ihr sagen: »Wie jetzt Liala sagen würde: Ich liebe Dich inniglich.« In diesem Moment, nachdem er klar zum Ausdruck gebracht hat, daß man nicht mehr unschuldig reden kann, hat er gleichwohl der Frau gesagt, was er ihr sagen wollte, nämlich daß er sie liebe, aber daß er sie in einer Zeit der verlorenen Unschuld liebe. Wenn sie das Spiel mitmacht, hat sie in gleicher Weise eine Liebeserklärung entgegengenommen. Keiner der beiden Gesprächspartner braucht sich naiv zu fühlen, beide akzeptieren die Herausforderung der Vergangenheit, des längst schon Gesagten, das man nicht einfach wegwischen kann, beide spielen bewußt mit Vergnügen das Spiel der Ironie…Aber beiden ist es gelungen, noch einmal von Liebe zu reden.«[16]

Bei der Postmoderne handelt es sich demnach um eine spezifische Haltung zu Vergangenheit und Tradition, und deren Wahrheitsanspruch, die sie nicht mehr teilen kann, ohne naiv zu sein. Während der Moderne bzw. der Avantgardist die Tradition in ihrer Historizität entlarvt und mit ihr bricht, spielt der Postmoderne mit ihr. Er nimmt das Ausdrucksbedürfnis, am Beispiel Ecos hinsichtlich der Liebesempfindung ernst, ohne ihm naiv zu verfallen als gäbe es kein Gestern, keine historische Situiertheit der Expressionen, keine Versehrtheit der Ausdrücke durch ihre Geschichte. Der Avantgardist zerstört die Tradition; er würde versuchen neue und unverdorbene Ausdrucksmittel zu finden:

»Tschill tschill mein möhliges Krieb

Draußen schnirrt höhliges Stieb

Draußen schwirrt kreinige Trucht

Du aber bist meine Jucht

Du aber bist was mich tröhlt

Dir bin ich immer gefröhlt

Du bist mein einziges Schnülp

Du bist mein Holp und mein Hülp

Wenn ich allein lieg im Schnieb

denk ich an dich mein Krieb«[17].

Misslingt dies, und in seiner permanenten Wiederholung muss es das, so verstummt er in Ausdruckslosigkeit vor der »verbrannten Leinwand«, vor dem »weißen Blatt« Papier, oder bleibt stecken im »bloßen Geräusch« oder dem »totalen Schweigen« in der Musik[18].

Dagegen versucht sich der Postmoderne an dem Kunststück, die Tradition ernst zu nehmen, zu bewahren, ohne ihren absoluten Anspruch auf Wahrheit zu teilen. Die Mittel dazu sind »Zitat« und »Ironie«. Die Pluralität ist hier Resultat der entsprechenden Haltung zum Material der Vergangenheit. Die Einsicht in die Inkommensurabilität von Weltbildern schlägt sich nieder in einem spielerischen Ernstnehmen der verschiedenen Entwürfe – im Verhältnis zur Vergangenheit, aber auch im Verhältnis zu sich selbst. Denn man darf sich sicher sein, dass der Liebhaber die Worte, die Umberto Eco ihm in den Mund legt, lächelnd sagt. Die Relativität der Lebensentwürfe fordert eine Distanz zur Sache ebenso sehr wie eine Distanz zu sich selbst. Was die Postmoderne damit also radikal zurückweist, ist die Unmittelbarkeit: der Erkenntnis, des Gefühls und des Ausdrucks.

ZUM UMGANG MIT JEAN BAUDRILLARD

Wenn nun die Entscheidung darüber, ob Baudrillard vor dem Hintergrund der genannten Auffassungen der Postmoderne als postmoderner oder vielleicht besser als moderner Autor anzusehen sei, mehr sein soll als nur ein Akt der Verortung eines Autors in der Philosophiegeschichte, müssen sich aus der Diskrepanz zwischen den genannten Haltungen und der Baudrillards Fragen gewinnen lassen, die sein Theoriekonvolut zugleich schärfen und kritisierbar machen. Ich schlage daher vor, die kritische Lektüre Baudrillards durch die drei folgenden Leitfragen zu strukturieren:

1.) Angenommen die postmoderne Pluralität der Werte und zugleich damit auch die Relativität der Wahrheit sei kein bloßes, diffuses, selbst und relativ willkürlich gewähltes Lebensgefühl der spätkapitalistischen Gesellschaft – wie etwa Welschs »Definition« des diffusen Postmodernismus es nahe legte – sondern Resultat einer präzisen Einsicht in die Unhaltbarkeit absoluter, normativer Setzungen und der geschichtlichen Erkenntnis der katastrophalen Ergebnisse solcher Setzungen; wäre damit Baudrillards Beharren auf einen starken Wahrheitsbegriff nicht reaktionär?
2.) Führt sein Ansatz einer ursprünglichen Äquivalenz von Signifikat und Signifikant nicht erst zu seiner Geschichtsphilosophie, als eine Art »Katastrophentheorie «[19] die ganz auf Verfall und Untergang gestimmt ist? – Setzt man jene Entsprechung von Zeichen und Bezeichnetem an, von der im besten Falle näherungsweise zu sagen ist, worin sie besteht, muss dann nicht jede sich dazwischen schiebende Vermittlungsstufe als bloße Entfremdung jener ursprünglichen Entsprechung augenscheinlich werden? Ermöglicht nicht erst jener Ansatz die starke These, dass heute die Signifikate verschwänden und nur noch Signifikanten übrig bleiben? Unbestritten soll dabei bleiben, dass Baudrillard mit seiner These einer zunehmenden Fiktionalisierung einen wesentlichen Zug insbesondere einer Mediengesellschaft trifft. Andererseits aber legt Ecos obiges Beispiel nahe, dass es auch in jenem unentwirrbaren Gemisch aus Schein und Sein noch Signifikate gibt. Deren Beziehung zu den Signifikanten ist freilich alles andere als »schlichte« Äquivalenz.
3.) Fällt im Gesamtzusammenhang Baudrillards geschichts-philosophischer[20] Darstellung der Entwicklung der Simulationen und des Wertgesetzes, die zwar deskriptiv auftritt, jedoch normativ fundiert ist, nicht selbst dem Verdikt anheim, eine Metaerzählung zu sein? Einerseits bricht Baudrillard mit der Moderne, indem er ihren Metaerzählungen sein subversives Konzept des symbolischen Tausches entgegenstellt, anderseits aber erzählt er die Weltgeschichte als eine Geschichte der Konstrukt binärer Gegensätze, so dass ihm dies von seinen Kritiker immer wieder als Projektion vorgehalten wird. Douglas Kellner etwa beschreibt dieses Verfahren als eine Form der Anthropomorphisierung:

»Baudrillard comes off as the Walt Disney of contemporary metaphysics, anthropomorphizing objects in imaginary (ideological) projection in the same way in which Disney anthropomorphized animals and things, thereby turning animals and the object world into simulacra of smalltown America.«[21]

Anhand dieser Fragestellungen möchte ich einerseits theorieimmanente Probleme diskutieren, die sich in der Lektüre der oft unsystematisch entwickelten Thesen Baudrillards ergeben. Andererseits sollen sie einen Leitfaden für das Verständnis der existenziellen Botschaft bieten, die die Schriften Baudrillards enthalten oder jedenfalls zu enthalten scheinen, gemessen an der Emphase, mit der sie formuliert werden. Die Fragen, die sich dabei immer stellen, wenn Baudrillard bestimmte Vorgänge und Geschehnisse wie etwa Watergate kritisiert, sind: Was hätte man stattdessen tun können oder tun sollen? Welche Alternativen der Handlung gibt es in einer Hyperrealität? Wie kann sich eine Gesellschaft in der Hyperrealität und wie ein Individuum in einer hyperrealen Gesellschaft richtig verhalten? Welche Absichten verbergen sich hinter Baudrillards Texten oder verbinden sich mit ihr? Immer wieder weißt er wütend auf die Unmöglichkeit der Unterscheidung zwischen Realität und Simulation hin und seine geradezu zornige Anklage der Simulation im Namen der Realität verschafft sich in all seinen Texten auf die ein oder andere Weise Ausdruck. Welchen Zweck aber verfolgt seine Kritik? Streitet er für eine Rückkehr des Realen in die totale Simulation? Oder markiert er nur eine letzte Geste des Widerstands, die keine Widersacher mehr kennt? Ist Baudrillard selbst ein Simulant? Oder ein Zyniker?

Beide Ebenen der Fragestellung – nach der theoretischen Kohärenz und nach der existenziellen Botschaft – fasst Falko Blask in seinem Buch »Jean Baudrillard zur Einführung« pointiert zusammen:

„Die Frage, die sich also letztlich stellt, ist weniger die, ob man Baudrillard als Diagnostiker gesellschaftlicher Phänomene ernst nehmen muß oder nicht, als diejenige danach, was er vortäuscht. Will er als abgehobener Betrachter einer Welt im Simulationsrausch erscheinen, der von einer unantastbaren Position objektiver Erkenntnis aus argumentiert, will er also einen metaphysischen Standpunkt einnehmen, oder fügt er den bestehenden Simulationen nur eine (scheinbar) reflexive hinzu, deren Inkohärenz zugleich paradoxe Ironie und kritische Analyse vereint?“[22]

Die antitotalitäre Position der Postmoderne beruht in der Vielheit, die aufgrund der geschichtlichen Erfahrung und den Formen der Vernunft entstand. Auch wenn sie einer Art Selbstbeschreibung und irgendwie auch der eigenen Verobjektivierung nicht entkommt, so geschieht dies nicht durch jene Proklamation anhand von Maßstäben, zumindest nicht in dem Sinne, wie es vorher betrieben wurde. Mit der Verabschiedung von Gott, begann die Suche nach neuen Maßstäben, die hernach in den Menschen selbst gesetzt wurde, dann in die Produktivität oder später in die Technik. Nachdem die Metaerzählungen unglaubwürdig geworden und alle Maßstäbe zweifelhaft geworden sind, war die Moderne an den Punkt gelangt, an dem es eben nur noch radikal alles abzulehnen galt, wo hingegen sich eben die Postmoderne spielerisch den verworfenen Traditionen wieder hinwenden möchte.

Baudrillard scheint nun eine leidenschaftliche Sehnsucht nach jenen allgemeinen verbindlichen Maßstäben zu artikulieren, die sich allerdings mit einer Ablehnung der bekannten Entwürfe verbindet, und zugleich vermag er es nicht, neue zu benennen. Er äußert sich lediglich in einem fast beleidigten Tonfall darüber, dass die alten obsolet seien.

Deutlich wird dies im Hinblick auf Ecos Empfehlung eines ironisch gebrochenen Wahrheitsanspruches und des spielerischen Umgangs mit ihm, wie er der Aussage des postmodernen Liebhabers zugrunde liegt, Schwerlich wird man behaupten können, der Aussage: »Wenn dies eine Situation aus soundso wäre, würde ich sagen – ich liebe Dich«, läge keine wie auch immer überformte »reale« Empfindung zugrunde. Sie hat einen Referenten, verweist auf etwas, das jedenfalls nicht Nichts ist. Fiktives, erfundenes, behauptetes, gemachtes Gefühl und reale Empfindung vermischen sich ununterscheidbar. Die Geliebte, die eine solche postmoderne Liebeserklärung empfängt, hätte nun – mit Baudrillard – die Wahl, misstrauisch nach dem verbindlichen Signifikanten zu suchen und würde dabei möglicherweise an der schieren Unentscheidbarkeit verzweifeln, oder sie hätte – mit Eco – die Wahl, auf eine solche Suche zu verzichten und vergnügt in das unentscheidbare Spiel von Möglichkeit und Wirklichkeit einzuwilligen.

Baudrillard belegt dieses spielerische Verhältnis, das Eco bejaht, mit dem düsteren Verdikt, es gäbe keinen verbindlichen Referenten mehr; im Spiel würde jeglicher Wahrheitsanspruch aufgegeben. Auch wenn der unmittelbare Bezug jener Äußerungen zu den entsprechenden Empfindungen nicht mehr möglich scheint, so ist im Gegensatz zu Baudrillard Eco in der Lage, aus dieser Misere einen Weg anzubieten. Und auch wenn dieser Weg in der Ironie besteht, so ist es doch keine negative oder hoffnungslose Ironie, ganz im Gegenteil: Sie bietet als distanziertes Einverständnis in die gegenwärtige Situation einen Ausweg, den Eco heiter zu gehen vermag.

»Bittere Zeiten lassen sich nicht mit einem Handschlag beenden. Der Zynismus ist eine zu mächtige Bastion, bewacht von tausenden Armeen. Es braucht mehr als gute Worte. Einen Aufstand! Einen Orkan! Einen wahnsinnigen Lärm, der das Bewußtsein erschüttert. Und dennoch ... Ich bezweifle, daß das allein reichen wird.«[23]

Baudrillard aber schlägt diesen (Aus-)Weg nicht ein, im Gegenteil, er lehnt ihn radikal ab. So jedenfalls könnten seine Texte verstanden werden, wenn er voller Emphase die Entlarvung der fehlenden Referenz und der Unmöglichkeit des Unmittelbaren betreibt. Der Gestus der entlarvenden Zurückweisung gehört nach Eco indessen der avantgardistischen Kritik an, die sich mit radikalen und bisweilen destruktiven Entwürfen von den Wahrheits- oder Ästhetikansprüchen der vorangegangenen Epoche absetzt. Baudrillards Horizont hingegen ist thematisch schon der Postmoderne zuzurechen.

Damit ließe sich die These aufstellen, dass Baudrillard eine Art Zwischen- oder Übergangsfigur darstellt und dass sich von daher auch die spezifische Problematik, die eigentümliche Spannung begründen ließe, die seine Texte auszeichnen. Diese These würde implizieren, dass es so etwas gibt wie eine Differenz zwischen Botschaft und Mitteilung in Baudrillards Schriften: Die Aussagen, die Baudrillard trifft oder die Probleme, auf die er aufmerksam machen möchte, sind unverkennbar Themen und Probleme der Postmoderne, die Art und Weise jedoch, wie Baudrillard sich auf diese bezieht, entspricht noch der Moderne, genauer noch, sie vollzieht sich im Stil avantgardistischer Kritik.

Das würde einerseits verständlich machen, warum es Baudrillard mehr darum zu gehen scheint, den Zustand unserer Gegenwart im Modus der Anklage zu entlarven als nach Alternativen zu suchen. Andererseits ließe sich damit zeigen, dass sich in Baudrillards Thesen gerade keine zynische Position verbirgt, denn Zynismus ist frei von Empörung.

»Mit der Existenz darf man nicht einverstanden sein. Sie ist uns als Trostpreis verliehen worden, und daran darf man nicht glauben. Mit dem Willen darf man nicht einverstanden sein. Er ist uns als Illusion eines autonomen Subjekts verliehen worden. Doch wenn es etwas Schlimmeres gibt, als dem Gesetz Anderer unterworfen zu sein, dann dem eigenen Gesetz unterworfen zu sein. Es ist uns als Simulakrum verliehen worden, und nur in Ermangelung eines Besseren an es zu glauben, ist das Schlimmste. Nur mit der Regel muß man einverstanden sein. Doch dann ist es nicht mehr die Regel des Subjekts, sondern die Regel des Spiels der Welt.«[24]

[...]


[1] Falko Blask: Jean Baudrillard zur Einführung. Hamburg 1995, S. 10

[2] Falko Blask: Jean Baudrillard zur Einführung, S. 13 f.

[3] Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose, Frankfurt/M. S. 695

[4] Vgl. Odo Marquard: Abschied vom Prinzipiellen: philosophische Studien, Stuttgart 1995 und Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne, Berlin 2002.

[5] Vgl. Odo Marquard: Skepsis in der Moderne, Stuttgart 2007.

[6] Vgl. Wolfgang Welsch: P ostmoderne - Pluralita ̈ t als ethischer und politischer Wert, Köln 1988.

[7] Anitai Etzioni: The active Society. A Theory of Societal and Political Processes, New York 1968.

Dt.: Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse, Opladen 1975, S. 7

[8] Ebd. S. 8

[9] Daniel Bell: The Coming of Post-Industrial Society. A Venture in Social Forecasting, New York 1973

Dt.: Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt – New York 1985, S. 43 ff

[10] Ebd. S. 32 f., 42 ff.

[11] Ebd. S. 54

[12] Jean-François Lyotard: La Condition postmoderne. Rapport sur le savoir, Paris 1979

Dt.: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Bremen 1982, S. 11 ff, 19 ff

[13] Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne. S. 2

[14] Ebd. S. 3

[15] Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose. S. 695.

[16] Ebd. S. 696 f.

[17] Erich Fried: Leilied bei Ungewinster

[18] Umberto Eco: Nachschrift zum Namen der Rose. S.695 f

[19] Gerd Bergfleth: Baudrillard und die Todesrevolte, S. 367 in: Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod. München 1982

[20] Dass es sich um einen geschichtsphilosophischen Versuch handelt, darauf deutet nicht zuletzt, dass Baudrillard versucht die Entwicklung in einem Dreischritt zu fassen.

[21] Douglas Kellner, Jean Baudrillard: Fr om Marxism to Postmodernism and Beyond, Cambridge 1989, S. 179

[22] Falko Blask: Jean Baudrillard zur Einführung. Hamburg 1995, S. 39

[23] Camille de Toledo: Goodbye Tristesse, Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen. München 2007, S. 5

[24] Jean Baudrillard: Das perfekte Verbrechen. München 1996, S. 25 Im folgenden werde ich die Abkürzung PV verwenden. Zur Siglen-Übersicht siehe Anhang S. ff.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Jean Baudrillard und das Theorem der Simulation
Untertitel
Von der Agonie des Realen zur Hyperrealität
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Philosophische Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
80
Katalognummer
V94235
ISBN (eBook)
9783640102990
ISBN (Buch)
9783640116966
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean, Baudrillard, Theorem, Simulation
Arbeit zitieren
Heike Ludwig (Autor), 2008, Jean Baudrillard und das Theorem der Simulation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94235

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