Diese Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, welche besonderen Bedürfnisse Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung bezüglich sexueller Bildung haben und wie die Soziale Arbeit die sexuelle Selbstbestimmung dieses Personenkreises im Alltag fördern kann. Menschen mit geistiger Behinderung sind selbst im Erwachsenenalter oftmals noch sehr unaufgeklärt. Sexualität ist allerdings ein wichtiger Faktor für die Identitätsentwicklung und entgegen verbreiteter Vorurteile auch für Menschen mit Behinderung von erheblicher Bedeutung. Aufgrund von jahrelangen Stigmatisierungsprozessen dominierten lange Zeit repressive Konzepte sowohl die Theorie als auch die Praxis der Sexualpädagogik. In den letzten Jahren wurde das Thema Sexualität in Bezug auf Menschen mit Behinderung allerdings zunehmend enttabuisiert und eine Normalisierung der Lebensverhältnisse angestrebt. Aufgrund dessen wird Selbstbestimmung mittlerweile als zentrales Leitprinzip für die pädagogische Arbeit postuliert.
Sowohl Sexualität als auch sexuelle Bildung und sexuelle Selbstbestimmung stellen ein menschliches Grundrecht dar. Trotzdem ist in der pädagogischen Praxis ein (wohlmeinender) Paternalismus gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung noch häufig vertreten. Eine (sexuell) selbstbestimmte Lebensführung kann allerdings nur realisiert werden, wenn andere Menschen dies auch zulassen und fördern. Zudem findet die gesellschaftliche Vermittlung von Sexualität als soziale Kompetenz vor allem im Kindes- und Jugendalter statt, weshalb die Wissensvermittlung und Ermöglichung von Erfahrungsräumen in dieser Zeitspanne besonders bedeutsam ist.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Begriffsbestimmung und -diskussion
1.1 Sexualität
1.2 Geistige Behinderung
1.3 Personenkreis der Kinder und Jugendlichen mit geistiger Behinderung
1.4 Sexuelle Selbstbestimmung
1.5 Sexualpädagogik
1.6 Sexualerziehung und Sexualaufklärung
1.7 Sexuelle Bildung
2 Rechtliche Rahmenbedingungen sexueller Bildung
2.1 Recht auf Sexualität und sexuelle Selbstbestimmung
2.2 Recht auf Bildung und Sexualaufklärung
3 Merkmale von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung
3.1 Sexualität und sexuelle Entwicklung
3.2 Lebenslagen und deren mögliche Auswirkungen auf die Sexualität
3.2.1 Einfluss von gesellschaftlichen Normen und Stigmata
3.2.2 Familiäre Bedingungen
3.2.3 Institutionelle Versorgung
3.2.4 Pädagogische Verhältnisse
3.2.5 Fehlen von Lern- und Erfahrungsräumen
3.3 Bedürfnisse bezüglich sexueller Bildung
4 Bedeutung für die Soziale Arbeit
4.1 Empowerment
4.2 Fallbeispiele
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung hinsichtlich sexueller Bildung. Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Soziale Arbeit durch den Empowerment-Ansatz dazu beitragen kann, die sexuelle Selbstbestimmung dieser Zielgruppe im Alltag aktiv zu fördern und strukturelle Barrieren abzubauen.
- Grundlagen der Sexualpädagogik und sexuellen Bildung im Kontext von Behinderung
- Rechtliche Rahmenbedingungen und der Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung
- Analyse der Sexualentwicklung sowie der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung
- Bedeutung des Empowerment-Ansatzes in der sozialpädagogischen Praxis
- Konkrete Handlungsoptionen anhand von Fallbeispielen
Auszug aus dem Buch
1.1 Sexualität
„Sexualität zu definieren, macht einige Mühe. Sexualität umfasst zu viel und zu Widersprüchliches, ist weitgehend dem Irrationalen und Unbewussten verhaftet. Kurz: Die Widerborstigkeit dessen, was menschliche Sexualität darstellt, sträubt sich gegen jede rational einsichtige Benennung. Andererseits kommen wir aber zumindest annäherungsweise nicht darum herum, wenn wir unnötiges aneinander vorbei Reden vermeiden wollen.“ (Sielert 2015, S. 36)
Das Zitat von Sielert verdeutlicht, dass sich die Vielfältigkeit menschlicher Sexualität kaum definitorisch darstellen lässt (ebd.). Zum einen besteht eine große Individualität hinsichtlich dessen, was für jede einzelne Person genau unter (gelungener) Sexualität zu verstehen ist (vgl. Ortland 2008, S. 17). Zum anderen wird Sexualität stark durch gesellschaftliche Normen- und Wertevorstellungen beeinflusst und kann sich aufgrund von lebenslangen Lernprozessen stetig verändern (vgl. Sielert/Schmidt 2013, S. 12). Demzufolge muss sich jeder Mensch mit den eigenen Bedürfnissen und den gesellschaftlichen Anforderungen auseinandersetzen, um eine eigene sexuelle Identität formen zu können (vgl. Ortland 2008, S. 17). Aufgrund dessen wird im Fachdiskurs weitestgehend die Auffassung vertreten, dass es die menschliche Sexualität nicht geben kann (vgl. Sielert 2015, S. 36; Krott/Walter 2013, S. 331; Specht 2013a, S. 290).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Begriffsbestimmung und -diskussion: Dieses Kapitel definiert und grenzt zentrale Begriffe wie Sexualität, geistige Behinderung, sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Bildung theoretisch voneinander ab.
2 Rechtliche Rahmenbedingungen sexueller Bildung: Hier werden die internationalen und nationalen rechtlichen Grundlagen dargelegt, die Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ein Recht auf Sexualität und Bildung zusichern.
3 Merkmale von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung: Dieses Kapitel analysiert die spezifische Sexualentwicklung sowie die Lebenslagen des Personenkreises und leitet daraus konkrete Bildungsbedürfnisse ab.
4 Bedeutung für die Soziale Arbeit: Abschließend wird auf Basis des Empowerment-Ansatzes diskutiert, wie Fachkräfte durch konkrete Handlungsstrategien und Fallbeispiele die sexuelle Selbstbestimmung in der Praxis fördern können.
Schlüsselwörter
Sexuelle Bildung, geistige Behinderung, sexuelle Selbstbestimmung, Soziale Arbeit, Empowerment, Sexualpädagogik, Lebenswelt, Inklusion, sexuelle Entwicklung, Menschenrechte, Teilhabe, Unterstützungsbedarf, Sexualerziehung, Privatsphäre, Beratung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sexuellen Bildung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung und der Rolle der Sozialen Arbeit bei der Förderung deren sexueller Selbstbestimmung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen das Verständnis von Sexualität bei Menschen mit Behinderung, die rechtliche Verankerung sexueller Rechte sowie die Analyse von Lebenslagen und Unterstützungsbedarfen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ermitteln, welche Bedürfnisse die Zielgruppe bezüglich sexueller Bildung hat und wie SozialarbeiterInnen im Alltag die Selbstbestimmung effektiv fördern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und nutzt theoretische Ansätze wie den Empowerment-Ansatz, um Handlungsmöglichkeiten für die soziale Praxis abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Darstellung rechtlicher Rahmenbedingungen, die Untersuchung der besonderen Lebenslagen der Zielgruppe sowie die konkrete Anwendung des Empowerment-Ansatzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sexuelle Bildung, sexuelle Selbstbestimmung, geistige Behinderung, Empowerment und Soziale Arbeit.
Warum spielt der Empowerment-Ansatz eine so große Rolle in der Arbeit?
Der Ansatz wird als theoretischer Orientierungsrahmen genutzt, da er ein positives Menschenbild verfolgt und darauf abzielt, die Eigenkräfte der AdressatInnen zu stärken, anstatt sie zu bevormunden.
Wie gehen SozialarbeiterInnen mit Michael im Fallbeispiel um?
Sie sollen nicht aus Scham rechtfertigend reagieren, sondern Michael als Experten in eigener Sache einbinden, seine Bedürfnisse hinterfragen und unterstützende, nicht-autoritäre Hilfe anbieten.
Welche Rolle spielt die Privatsphäre bei Menschen mit geistiger Behinderung?
Die Arbeit betont, dass der Mangel an Privat- und Intimsphäre in Institutionen ein großes Problem darstellt, welches durch gezielte räumliche und pädagogische Maßnahmen geschützt werden muss.
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- Frances Wagner (Author), 2020, Sexuelle Bildung für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/942620