Ensemblegeist - Philosophische Betrachtung zur musikalischen Gruppen- und Organisationsdynamik


Doktorarbeit / Dissertation, 2008

152 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

Berufstätigkeit

Musik als Sprache

Talent und Arbeit

Sucht

Musikalität

Auftrittssituation

Fähigkeiten für den Vortrag

Musikalischer Charakter

Affektenlehre

Takt

Rhythmus

Üben

Wiederholung

Symmetrie

Stimmung

Die Fuge – Fügen

Harmonie, Konsonanz, Dissonanz

Tempo

Dynamik

Virtuosität

Rahmen

Die Zauberformel des Konzertes

Zuge hörig keit

Literatur und Online–Quellen

Vorwort

In den letzten Jahren meines Instrumentalstudiums habe ich angefangen, meine Umgebung gezielt zu beobachten. Ich habe versucht zu analysieren, warum bestimmte Prozesse innerhalb Gruppen initiiert und durchlaufen werden. Weil ich selbst ein rationaler Mensch bin und mich manchmal genötigt fühle, gegen den Strom zu schwimmen, fallen mir Vorkommnisse auf, die für die meisten meiner Mitmenschen eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn das von mir Beobachtete unlogisch erscheint, hinterfrage ich die Motive, und versuche zu erkennen, warum es stattfindet. Warum steht niemand auf, wenn eine Vorlesung endet und der Vortragende die Studenten entlässt? Warum trägt jeder Zweite dieses hässliche, gelbe Gummiband am Handgelenk? Warum traut sich niemand aus dem Publikum aufzustehen, um das Konzert zu verlassen, wenn es ihm nicht gefällt? Warum habe ich auch als nicht-zu-Prüfende bei einer Prüfung für Medizinstudenten ein flaues Gefühl im Magen?

Durch meine ausführliche musikalische Ausbildung kann ich auf viel Erfahrung zurückgreifen, was die Arbeit in musikalischen Gruppen betrifft. In meinem Umfeld befinden sich viele Musiker aus meiner Familie und meinem Bekanntenkreis, die mir helfen, meine Thesen zu vergleichen und zu testen. Zusätzlich zu meiner Ausbildung als Solo-Geigerin und Orchestermusikerin habe ich aus Interesse häufig in Chören gesungen und kann auch diese Gruppen für meine Überlegungen heranziehen. Aus diesen Gründen möchte ich mich auf die Gruppendynamik in musikalischen Gruppierungen konzentrieren. Meine Arbeit stützt sich vorwiegend auf das von mir Erlebte und Beobachtete in den folgenden Ensembles, an denen ich über längere Zeit teilgenommen habe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu einigen zusätzlichen Ensembles habe ich eine Insider – Beziehung, weil mir ein oder mehrere Mitglieder sehr nahe stehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Laufe meines Studiums habe ich entdeckt, dass ich eine Begabung für Organisation und Optimierung von unterschiedlichen Abläufen besitze. Dies hat dazu geführt, dass mir das Management eines Orchesters angeboten wurde. Das ermutigte mich, mich in meiner Dissertation mit der Führung und Organisation von musikalischen Gruppen zu befassen. Um eine Gruppe effizient führen und organisieren zu können, ist es aber notwendig, die gruppendynamischen Prozesse zu kennen und deuten zu können. Erst dann wird die Arbeit mit der Gruppe effektiv sein.

Als ich meine Beobachtungen startete hatte ich keine Informationen über gruppendynamische Prozesse, weshalb ich keine für mich befriedigenden Erklärungen auf die sich ergebenden Fragen finden konnte. Erst nachdem ich vom Studienzweig Gruppendynamik und Organisationsentwicklung mit der Koppelung an Philosophie in Klagenfurt erfahren habe, wurde ich angeregt, in meinen Thesen die gruppendynamische Komponente mit-einzubeziehen. Zusätzlich stütze ich mich auf Felder wie zwischenmenschliche Beziehungen, Psychologie und Philosophie.

Im Prozess meiner Überlegungen für diese Arbeit habe ich viele meiner Fragen für mich beantworten können. Gruppendynamische Prozesse finden in jedweder Ansammlung von Menschen statt. Bei musikalischen Gruppen wirken sich diese Prozesse aber auch auf das Produkt des Ensembles – die Musik – aus. Durch ein gespieltes Werk kann direkt in die Seele der Gruppe hineingeblickt werden. Es entsteht eine Projektion aus Elementen, die durch gemeinsame Geschichte und Kultur geprägt sind.

Oft bildet sich ein gruppendynamischer Prozess über lange Zeit, ohne sichtbare Anzeichen dafür. Dann erreicht er eine bestimmte Menge an Mitwirkenden, ab welcher der Prozess ein stabiles Tempo entwickelt. Ab diesem Zeitpunkt ist er dann nicht mehr aufzuhalten, die Dynamik beschleunigt sich exponentiell und der Kreis der Wirkenden vergrößert sich über vernünftige Grenzen hinaus. Der Hype wird zur Hysterie, bis Gegenmaßnahmen getroffen werden müssen.

John Williams dirigiert einmal im Jahr an zwei Abenden ein Filmmusik-konzert in der Hollywood Bowl, ein natürliches Amphitheater mit über 18.000 Zuschauerplätzen (siehe Satellitenbild auf der nächsten Seite), die beim Event restlos verkauft sind. Die Vorfreude wächst lange, denn die Zuschauer kommen einige Stunden vor dem Konzert an, parken, picknicken, unterhalten sich und warten auf den Maestro. Ein veröffentlichtes Programm gibt es nicht. Jedes Werk ist eine Überraschung, die nach den ersten Takten mit Applaus und Freudenrufen entgegengenommen wird. Ein Drittel des Publikums hat sich im Vorfeld Laserschwerter besorgt, die nicht an der Hollywood Bowl selbst verkauft werden, sondern am zwei Kilometer entfernten Walk of Fame. Sobald die ersten Noten von Star Wars erklingen, steigt dieses Meer aus Laserschwertern respektvoll und dankbar auf und gibt dem restlichen Publikum einen überraschenden Schub intensiver Freude. Das Konzert ist so zusammengestellt, dass es am Ende für den Zuschauer zu kurz erscheint. Die Masse erhebt sich und fordert unnachgiebig eine Zugabe. Diese heizt das Publikum noch mehr an und es bebt für eine weitere. Welche Kraft soll 18 000 Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen aufhalten? Erstaunlicherweise nur ein Mann: John Williams selbst. Eine sympathische Geste, die andeutet, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen, reicht aus. Die Massenenergie verpufft und kein Einziger aus dem Publikum ist unzufrieden. Das Konzert ist zu Ende und der Strom bewegt sich in Richtung Parkplätze. Diese Situation kann aber auch ganz anders ausgehen, wie es Randale nach Fußballspielen immer wieder beweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hollywood Bowl, Satellitenbild Quelle: www.wikipedia.org

Für Hysterien gibt es viele Beispiele. Sehr aktuell im Moment ist das Thema Klimakatastrophe. Die Diskussion an sich ist nicht neu. Seit den 70er Jahren gibt es Umweltschutzorganisationen, aggressive Aufkleber und extreme Behauptungen, wie „es ist fünf vor zwölf“ – seit über 30 Jahren. Die Statements nicht ernst zu nehmen ist die einzige Möglichkeit, nicht vor lauter Sorge verrückt zu werden. Die Menge an privaten Umweltschützern, die im Bereich ihrer Möglichkeiten dieses Thema nicht gänzlich ignorieren, ist trotzdem seit dieser Zeit stetig gewachsen. Der Abfall wird getrennt, das Wasser beim Zähneputzen nicht laufen gelassen, Regenwasser wird gesammelt und auf recyclebare Verpackung geachtet. Der Prozess hat seine Richtung eingeschlagen. Aber mit Vorbereitung in den letzten Jahren, wird seit einigen Monaten[1] der Nerv der Masse getroffen. Klima katastrophen die immer näher kommen, werden ausgeschlachtet. Hochwasser in Deutschland und Österreich mit immensen Schäden, Tsunami in Thailand während europäische Touristen dort urlauben, zu milder Winter, zu heißer Frühling, kein Regen seit Monaten. Und dann noch der Kinofilm The Day after Tomorrow, in welchem New York unter einer meterhohen Eisschicht begraben liegt. Der Film war zwar schon vor längerer Zeit im Kino, aber jetzt war der Zeitpunkt, an dem er seine ganze Macht im Fernsehen entfalten konnte. Die Hysterie ist in vollem Gange. Dafür muss ein Schuldiger gefunden werden. Nachdem davor schon wegen Feinstaub eine Innenstadtstraße in Klagenfurt – eine Stadt mit beneidenswerter Luftqualität – gesperrt wurde und über weitere, mit Kosten verbundene Auflagen für Autos nachgedacht wird, ist der derzeitige Übeltäter CO2 . Gegen diesen sind die schützenden Maßnahmen potentiell unendlich. Für jeglichen Gegenstand kann die CO2-Belastung ausgerechnet werden – und das in Tonnen. Die Menschen werden verängstigt, wahrscheinlich damit sie sich über neue Steuern aus Liebe zur Umwelt (oder aus Angst davor), die beim zügig angesetzten Klimagipfel erfunden werden, nicht zu sehr ärgern. Die Situation ist längst gekippt – Zeit für Gegenmaßnahmen: Während noch vor einigen Wochen Gegenstimmen wahrscheinlich als Umweltsünder angeprangert worden wären, könnten sie jetzt zu Erlösern werden. Wissenschaftler melden sich langsam zu Wort und versuchen zu beruhigen: Das Klima ist kein homogener Zustand und hat sich im Laufe der Erdgeschichte immer wieder, ohne menschlichen Einfluss geändert; Der Mensch kommt lange nicht an Einflüsse aus der Natur und dem Tierreich selbst heran; Hochwasser und Trockenperioden sind nichts Außergewöhnliches, nur sind sie jetzt für uns auch an entfernteren Orten sichtbar; Der Mensch baut immer näher an Küsten und Flüssen, das war schon immer gefährlich; Ein Monat, der zwei Grad wärmer ist als üblich, ist noch keine globale Erwärmung. Außerdem gab es in der Vergangenheit immer wieder Eiszeiten und wärmere Perioden. Es kann nicht erwartet werden, dass das Klima einen Zustand beibehält, damit es für den Menschen bequemer ist.

Könnte es sein, dass Menschen eine sehr romantische Vorstellung vom Natur -Begriff hegen? Weite Wiesen zum Picknicken, Seen mit Trinkwasserqualität zum Baden, Berghänge zum Wandern und Schifahren, saubere Strände mit feinem Sand zum Sonnen, ungefährliche Meereswellen zum Plantschen, Wälder zum Pilzesammeln… Haben wir vergessen, dass Wiesen gemäht werden, damit man darauf picknicken, Berghänge gerodet, damit man Schi fahren, Strände von angespültem Holz und Algen befreit, damit man geruchsmäßig ungestört liegen und für den Menschen gefährliche Tiere wie Haie und Bären entfernt, damit man ungefährlich plantschen und pilzesammeln kann. Trotz menschlicher Bemühungen, die Natur zu zerstören, bleibt ihr Grossteil für ihn unerreichbar oder lebensgefährlich: Hohe, schneebedeckte Berge, das Ewige Eis am Südpol, die Ozeane, Wüsten, dichte Regenwälder, der Weltraum und andere Planeten.

Das Opfer Natur, ist auch ein mächtiger Täter, womit der Mensch regelmäßig zum Opfer wird. Weil aber Mutter Natur nur positive Eigenschaften zugeschrieben werden, muss ein anderer Schuldiger gefunden werden: der Umweltsünder Mensch. Natürlich ist es tröstlich, einen Schuldigen zu finden, der sein Verhalten ändern kann. Die Natur zu beschuldigen würde nur die menschliche Ohnmacht entlarven.

Eigentlich ist der Mensch doch selbst ein Teil der Natur. Neben dem Physischen pflanzt die Natur dem Menschen eine Seele ein, die sie sich am Ende wieder holt. Die Seele ist ja unsterblich. Das Urnatürlichste tragen wir also in uns – unsere Seele, die, wie die Natur selbst, eine Projektion und nicht greifbar ist. Das Ziel in der Musik ist es wohl, beseelt zu spielen und damit natürlich. Die innere Natur nach außen zu transportieren. Und für ein Ensemble: die eigene Seele herauszulassen, wo sie mit den übrigen, herausgelassenen Seelen eine Gruppenseele bildet, die ihre eigene Dynamik entwickelt und für den Einzelnen nicht mehr steuerbar wird. Und diese Gruppenseele soll sich im Konzert mit der Seele des Zuhörers verbinden.

Dynamische Prozesse können auch in kleineren Gruppen beobachtet werden. Wenn innerhalb einer Gemeinschaft eine Person stärker ist und das mit kleinen Angriffen ausnutzt, bei denen sich noch keiner traut, sich zur Wehr zu setzten, weil sie wahrscheinlich für eine Diskussion zu unwichtig scheinen, braut sich unbemerkt eine Gegenkraft zusammen. Wenn der richtige Zeitpunkt getroffen wird und sich auch nur einer wehrt, bekommt er unerwartet Hilfe von weiteren Opfern. Die Übermacht hat sich gebildet und kostet das aus. Jeder will sich seinen Unmut im Schutz der Gemeinschaft von der Seele sprechen. Der Schuldige ist jetzt das neue Opfer. Ihn zu diesem Zeitpunkt zu unterstützen ist sehr gefährlich. Die Strafe ist um ein vielfaches größer als notwendig. Aber ist der Prozess im Gange, ist er schwer aufzuhalten. Es ist sogar besser, wenn er seine ganze Kraft ausschöpft, weil er danach erst absterben kann. Wenn er künstlich angehalten wird, kann er zwar eine Zeit lang schlummern, aber dann wieder auflodern.

Die kinetische Energie mancher dynamischer Prozesse kann aber auch sehr gefährlich sein. Zu viele Tragödien an Schulen zeugen von extremen Auswirkungen. Langjährige physische oder psychische Angriffe führen dazu, dass sich in unauffälligen Schülern der Hass so sehr anstaut, dass sie explodieren, sich eine Waffe besorgen und um sich schießen.

Nur angemessene Gegenmaßnahmen im Frühstadium solcher Prozesse können sie zum Stehen bringen: stärkere Maßnahmen gegen Umweltzerstörung und ernsterer Umgang mit dem Thema; Das Ansprechen auch von kleinen menschlichen Zwischenfällen; kein Wegschauen bei kleinen psychischen oder physischen Torturen bei anderen.

Leider wird ein Prozess aber erst wahrgenommen, wenn es schon zu spät für Gegenmaßnahmen ist. Die Katastrophe muss erst stattfinden, bevor sie erkannt wird. Gegenstimmen werden im Frühstadium einfach nicht ernst genommen.

In der Musik kann sich das Ensemble den Aufbau solcher dynamischen Prozesse nicht erlauben. Zur Aufgabe der Musiker gehört es, alle Ansätze frühzeitig zu erkennen und entgegenzulenken. Trotzdem kann Dynamik auch aus dem Ruder laufen. In einem Werk, das am Ende immer schneller wird – so schnell, dass die Noten schon schwer zu spielen sind – kann keiner das Orchester noch anhalten. Der Dirigent kann sich nur zurücklehnen und es laufen lassen. (Hoffentlich gibt es am Ende keine Verletzten !) Und auch ein langsamer Satz kann immer langsamer werden, ohne Möglichkeit, das Tempo anzuziehen. Das kann sich lange Minuten, bis zum Ende des Satzes, hinziehen. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker sind bis dahin eingeschlafen. Bei vielen Mitwirkenden wie in einem Chor oder einem Orchester, lässt es sich leicht untertauchen und sich von der Verantwortung zurückziehen. Das verbreitet sich dann wie ein Virus unter den Teilnehmern und die Musik verliert ihren Inhalt. Völlig egal, wie hervorragend die Technik funktioniert, das Werk wird hoffnungslos langweilig. Diese Gefahr besteht besonders während der langen Proben mit ihren unzähligen Wiederholungen. Gute Dirigenten werden dann zu Animateuren für das Ensemble (sie versuchen, eine Seele – Anima – in die Musik zu pflanzen). Sie erzählen Witze oder erlebte Geschichten, um die Musiker aufzuwecken. Sie lassen sich bunte Bilder für Stellen im Werk einfallen[2], damit das Ensemble durch das Nachdenken darüber, wie es bloß möglich sein soll, das musikalisch auszudrucken, mental aktiv bleibt. Manche dieser Erklärungen sind so abwegig oder peinlich, dass sich ein Außenstehender an den Kopf greifen müsste. („…wie wenn ein Nilpferd küßt“ – Nikolaus Harnoncourt[3]). Und dann noch die Körpersprache und Mimik des Dirigenten, während des Auftritts – wenn das das Publikum sehen könnte! Jedoch der Zuhörer erfährt nichts von diesen Bildern, die den Sängern im Kopf herumschwirren und er sieht nicht, was der mit dem Rücken zum Publikum stehende Dirigent für Grimassen schneidet. (Manche Dirigenten scheinen nicht zu wissen, dass es manchmal Fernsehkameras von hinten gibt.) Der Zuhörer kann nur die dadurch entstehende Musik aufnehmen.

In der Musikvermarktung wird versucht, die lange Anfangsphase eines Prozesses zu überspringen, indem ein zu verkaufendes Musikstück (Pop-album) aggressiv beworben wird. Ein Großteil des Zielpublikums wird da-rüber informiert und durch Radio- und Fernseheinspielungen daran gewöhnt. Manche Lieder verkaufen sich nur wegen ihrer Bekanntheit. Andere erreichen einen so großen Interessentenkreis, dass sie zu lange aktuell bleiben und sie danach keiner mehr hören will. Die Verehrung schlägt in Verachtung um.

In meiner Arbeit wird der Leser vergeblich die politisch korrekte Ausführung von Berufs- und Personenbezeichnungen suchen. Das ist kein Versehen, sondern Absicht, oder besser: Weigerung. Ich weigere mich, UnwörterInnen zu kreieren, die nicht grammatikalisch korrekt und auch noch eine Katastrophe für den Lesefluss und damit für Konzentration und Verständnis sind. Als Frau kann ich mir erlauben, gegen diesen politischen Unsinn zu sein, ohne dafür gerügt zu werden, weil meine Haltung nicht als diskriminierend gegen dem schwachen Geschlecht gedeutet werden kann, dem ich voller Stolz angehöre. Ich bin aber lieber ein Teil von Musikern als von Musikerinnen, denn das Zweite wäre eine Eingrenzung von Frauen unter sich, die einen Schutz brauchen, damit sie nicht innerhalb Musikern untergehen, während ich mich beim Ersten sowohl unter Frauen als auch unter Männern behaupten kann. Weibliche Musiker sind nicht schlechter als männliche und brauchen keinen Begriff, in dem sie vor männlicher Konkurrenz sicher sind. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für andere Berufsgruppen.

Weder im Englischen, Französischen, Spanischen, Italienischen, Bulgarischen oder Russischen wird eine vergleichbare politische Correctness gefordert. Eigentlich ist mir keine Sprache außer Deutsch bekannt, die sich damit befasst.

Ich habe Respekt vor den Generationen an Frauen vor mir, die, unter anderem auch für mich, sich ihnen zustehende Rechte erkämpfen mussten. Auch aus eigener Erfahrung kann ich verstehen, dass es frustrierend ist, nicht ernst genommen zu werden, oder gegen Vorurteile kämpfen zu müssen. Trotzdem bin ich voller Überzeugung, dass die „Innen“-Problematik zu viel des Guten ist. Die Dynamik der Emanzipation ist hier über eine vernünftige Grenze geschwappt und wird in naher Zukunft (sofern ich mich auf meine Zukunftstheorien verlassen kann) diesen Missstand wieder beheben. Bis dorthin nehme ich mir die Freiheit, nicht jeder Mode nachzueifern.

Mir ist bewusst, dass ich als jungaussehende Frau, mit einem Kampfgewicht von 52 Kilogramm gerne übersehen werde, wenn es darum geht respektiert zu werden. Und wenn ein großer 60jähriger Mann im Anzug, mit einem Kampfgewicht von 100 Kilogramm neben mir steht, brauche ich keine Hellseherin um zu wissen, wen die Dame von der Mercedeswerkstatt als erstes bedienen wird. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass dieser Umstand nur teilweise mit meinem Geschlecht zu tun hat. Mein Alter, mein Aussehen, mein Kleidungsstil, und mein Auftreten (und eine Eigenart in Österreich: meine Titel) sind für diese Problematik nicht weniger wichtig. Auch die Gesellschaftsformen in Österreich tragen einiges dazu bei. In den USA werde ich mit dem gleichen Geschlecht, Alter, Aussehen, Kleidungsstil und Auftreten anders behandelt. Ich weiß, dass auch junge Männer das gleiche Problem haben. Ich stimme zu, dass etwas getan werden muss, verlasse mich aber darauf, dass die Gesellschaft (und immerhin sind wir Frauen ein beträchtlicher Teil davon), sich dynamisch in die richtige Richtung bewegt und wir gemächlich dort ankommen werden, wo wir ankommen möchten, außer: wir schaffen es nicht, rechtzeitig zu bremsen.

Einleitung

Dass Gruppendynamik in musikalischen Gruppierungen stattfindet steht außer Frage.

„Der Beginn einer Gruppe oder eines Teams ist dadurch gekennzeichnet, dass sich mehrere Menschen aus einem bestimmten Grund zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einfinden. Der Grund für die Zusammenkunft besteht im Allgemeinen in einer Aufgabe oder einem Ziel, das absichtsweise von mehreren Menschen gemeinsam erreicht werden soll. Die zusammenführende Aufgabe oder das Ziel verbinden in einer formalen Weise und stellen diesbezüglich eine Situation gegenseitiger Abhängigkeit her.“[4]

Ein Musikensemble besteht aus mehreren Menschen, trifft sich aus dem Grund ein Musikstück zu erarbeiten zu einer festgesetzten Zeit an einem festgesetzten Ort. Nur gemeinsam können die Musiker das Werk aufführen und sind somit voneinander abhängig. Ein Musikensemble entspricht somit den Kriterien einer Gruppe.

Laut Kurt Buchinger muss die Aufgabe „eine echte Teamaufgabe sein, (…) die nur in Kooperation optimal zu bewältigen ist.“ Sobald jeder Einzelne alleine an der Aufgabe arbeiten kann, wird die Teamarbeit und das Team an der zukünftigen Zusammenarbeit behindert und womöglich sogar ein teamfeindliches Verhalten gefördert.[5]

Musiker müssen an einem Ensemblewerk zwar gemeinsam arbeiten und sie können es nur als Einheit aufführen, aber jeder Teilnehmer ist dafür verantwortlich, seine eigene Stimme spielen zu können. Üblicherweise muss er aus diesem Grund, bevor er in die Gruppe tritt, alleine daran gearbeitet haben. Eventuell ergeben sich während einer gemeinsamen Probe Passagen, die vor der nächsten Probe auch besonderer Aufmerksamkeit bedürfen und somit wieder Einzelarbeit nötig ist. Das behindert jedoch nicht die Teamarbeit – ganz im Gegenteil: es ermöglicht sie erst.

Peter Heintel weist darauf hin, dass das Beziehungsgeflecht in Gruppen sehr stark ist und seine Wirkung besonders dann spürbar wird, wenn ein Mitglied fehlt. Unruhe entsteht und eine Neusortierung kommt in Gang.[6]

Bei einem kleinen Ensemble, wie z.B. einem Streichquartett, ist es selbstverständlich wichtig, dass jedes Mitglied bei der Probe anwesend ist. Bei einer größeren Gruppe, in welcher mehrere Musiker die gleiche Stimme spielen, ist es jedoch verständlicherweise weniger wichtig wenn eines oder mehrere Mitglieder fehlen, solange die fragliche Stimme gespielt wird. Eine Neuordnung findet nicht statt, denn jeder Musiker hat eine zugewiesene Rolle, die er auch nach zwischenzeitigem Fehlen weiterhin innehält, selbst wenn er davor vertreten werden musste. Auch wenn bei einer Streichquartettprobe jemand fehlen sollte, übernimmt einer seiner Kollegen nicht seine Stimme.

Um Gefühle äußern zu können, ist laut Peter Heintel „ein Gemeinschaftserlebnis in der Gruppe nötig…, das im gleichzeitigen Erleben die Personen aneinander bindet.“[7]

Für einen Konzertauftritt ist die musikalische Äußerung von Gefühlen existenziell. Um Gefühle musikalisch äußern zu können ist es für Musiker jedoch nicht erforderlich, ein Gemeinschaftserlebnis als Gruppe erfahren zu haben. Oft werden Ensembles gebildet, deren Mitglieder sich nicht kennen. Zugegeben, die Wartezeit vor der Probe ist irgendwie unangenehm und gehemmt, aber das hat keinen Einfluss auf das gemeinsame Spielen. Hier interagieren nicht Personen miteinander, sondern Musikstimmen. Die Teilnehmer müssen sich nicht mögen oder kennen, um miteinander spielen zu können. Und nachdem sie miteinander gespielt haben, kennen sie sich persönlich nicht besser als zuvor. Sicher ist es angenehm für die Musiker, wenn sie persönliche Beziehungen miteinander pflegen, wie sie z. B. durch eine Tournee initiiert werden. Meiner Meinung nach hängt die Qualität der gespielten Musik davon aber nicht ab.

Außerhalb der Probe finden sehr wohl die auch sonst beobachteten gruppendynamischen Prozesse statt - wie sie Gudrun Vater beschreibt. Unterschiedlicher Einfluss in der Gruppe, unterschiedliche Nähe zwischen Mitgliedern und deren Auswirkungen und auch Sympathien und Antipathien sowie die Zugehörigkeit unterschiedlicher Altersgruppen und Geschlechtern.[8] Doch die Gruppe ändert ihr Dasein, sobald die Probe (oder eine Aufführung) beginnt. Keiner der erwähnten Prozesse spielt dann eine Rolle.

Lange Zeit gab es Orchester, die unter ihren Mitgliedern keine Frauen zuließen. Und obwohl diese Regel offiziell abgeschafft wurde (eines der letzten traditionsbewussten Orchester waren die Wiener Philharmoniker) hat es lange gedauert, bis Frauen auch tatsächlich aufgenommen wurden. Immer noch überwiegt der Anteil männlicher Musiker in diesen Orchestern stark. In Europa ist es auch sehr unüblich, eine weibliche Dirigentin zu sehen, so wie es auch wenige weibliche Komponistinnen gibt. Das hat jedoch gesellschaftliche Gründe. Es gibt meines Erachtens keinen Geschlechterunterschied was das Musizieren an sich betrifft.

Rudolf Wimmer erörtert, dass eine Gruppe nicht von Beginn an arbeitsfähig ist, sondern Zeit braucht, ein Sozialsystem zu bilden.[9]

Wie schon erwähnt, können einander völlig unbekannte Musiker unmittelbar miteinander arbeiten. Sie müssen sich nicht einmal begrüßt haben. Um jedoch ein wertvolles musikalisches Resultat zu erreichen sind gemeinsame Proben nicht zu ersetzen. (Hier sei das spontane Musizieren bei einer Jamsession im Jazz, Blues, Hip-Hop und Rock außer acht gelassen.) Die Musiker müssen sich zwar nicht persönlich kennenlernen, aber ihnen muss die Art, wie ihre Kollegen musizieren, geläufig sein. Dafür ist ein Mindestpensum an Proben notwendig. Die Art zu musizieren ist bei jedem weiteren Werk eine andere, sodass jedes Werk seine Proben braucht.

Es zeigt sich also, dass innerhalb musikalischer Gruppen einige der sonst beobachteten gruppendynamischen Prozesse keine (oder eine veränderte) Rolle spielen, dafür aber (wie später in dieser Arbeit zu lesen sein wird) weitere zum schon erforschten Feld der Gruppendynamik dazustoßen.

Berufstätigkeit

Ein Musiker macht sein Hobby zum Beruf. Er braucht nur ein bisschen herumfiedeln und seinen Spaß haben und bekommt dafür bezahlt. Das ist doch die allgemeine Meinung über Berufsmusiker. Sie brauchen sich nicht den ganzen Tag von Früh bis Spät zu plagen, arbeiten nicht körperlich hart, sondern proben nur ab und zu und spielen in eleganter Kleidung Konzerte und Opern.

Arbeit ist nicht mehr das, was früher darunter verstanden wurde. Frühere Generationen kannten Arbeit als eine körperlich anstrengende Tätigkeit, die ausgeübt wurde, um dafür entlohnt zu werden. Arbeit musste etwas, am besten Materielles, produzieren. Das Ergebnis sollte sichtbar sein.

Die heutige Großelterngeneration hat körperlich gearbeitet, während die Elterngeneration sich im Büro aufhält und den ganzen Tag sitzen darf. Heutzutage gibt es viele Menschen, die von zu Hause aus arbeiten. Obwohl sich Arbeit gewandelt hat, körperliche Anstrengungen durch Maschinen abgenommen werden und dadurch heute geringer sind und der Servicesektor stark angewachsen ist, hat sich das Verständnis von Arbeit nicht sehr geändert. Organisatorische Arbeit z. B. ist in den Augen der zu organisierenden Angestellten überflüssig. Jeder kann doch sagen, wer, was, wann zu tun hat. Dass durch Organisation effizientes Arbeiten möglich ist und dadurch viel Zeit und Anstrengungen erspart werden und damit auch finanzielle Mittel, sehen die Angestellten nicht.

Management für Ensembles ist auch Arbeit, ohne die das Ensemble keinen Auftritt hätte. Trotzdem sehen Musiker die Arbeit des Managers nicht als besondere Leistung und verstehen nicht, warum er soviel wie sie selbst oder sogar mehr als sie verdient, obwohl sie es sind, die das Produkt – das Konzert – schaffen.

Hingegen die Arbeit eines Tischlers ist offen sichtlich. Ob er einen Tisch, eine Küche oder einen Kleiderschrank getischlert hat, jedes Stück kann er als Ergebnis vorführen.

Wo ist das Ergebnis, das ein Musiker nach seiner Arbeit vorlegen kann? Es ist nicht sichtbar. Es ist flüchtig. Der Kunde hat nicht lange etwas davon. Und was hat er tatsächlich davon? Er kann sich nicht für das gezahlte Geld etwas an die Wand hängen, wie ein Bild, oder in die Vitrine stellen wie eine Statue. Er kann sein Erlebnis nicht seinen Freunden vorführen, wie Fotos aus dem Urlaub. Wie fotografiert man etwas Seelisches? Es ist nicht fassbar, nicht sichtbar und nur kurze Zeit hörbar. Es ist nicht einmal erklärbar, was daran gut sein soll, was es bewirkt und wie es wirkt. Und trotzdem gibt es Menschen, die diesen Service in Anspruch nehmen.

Wie kann ein Musiker das Produkt seiner jahrzehntelangen Arbeit herzeigen (falls es keine Aufnahmen davon gibt)?

Um auf die Feststellung zurückzukommen, dass der Musiker sein Hobby zum Beruf macht: Ist das tatsächlich wahr? Aus der Sicht des Künstlers sieht diese Behauptung ganz anders aus. Indem das Hobby Beruf wird, kann es nicht Hobby bleiben. Ein Beruf hat andere Anforderungen: Regelmäßigkeit, Zwang, Verlässlichkeit, Routine und ein von außen bereitgestellter Rahmen. Für den Beruf bekommt er bezahlt, für ein Hobby muss er zahlen. Das Hobby wird nur vom eigenen Trieb gespeist. Niemanden sonst kümmert es, wie regelmäßig die Tätigkeit ausgeübt wird. Heute keine Lust, anderes zu tun, keine Zeit? – dann eben nicht. Die Tätigkeit ohne Notwendigkeit auszuführen muss doch heißen, dass sie demjenigen besondere Freude bereitet. Der Beruf vermiest einem professionellen Musiker den liebevollen Umgang mit Musik. Wie soll ein Instrumentalprofessor nach zehn Unterrichtsstunden das am Abend gebotene Konzert besuchen, wenn er für diesen Tag keine Musik mehr hören kann? Warum soll ein Opernsänger nach 14 absolvierten Vorstellungen der gleichen Oper, sich auch noch anhören, wie sie klingt, wenn seine Zweitbesetzung singt? Oder kann sich jemand einen professionellen Sänger im Hobbychor der Kirche vorstellen? Obwohl Musiker gerne Konzerte besuchen, sind sie mit diesem Thema durch ihren Beruf übersättigt und können sich in ihrer Freizeit nicht damit beschäftigen, sondern brauchen einen nichtmusikalischen Gegenpol. Menschen, die dort wohnen wo andere urlauben, verbringen ihre Ferien auch nicht zu Hause.

Eine gängige Meinung über Musik ist auch, dass man damit kein Geld verdienen kann. Eindeutig - weil es nun mal keine richtige Arbeit ist. „Lern doch lieber „was Gescheites!“ Ein freiberuflicher Musiker muss immer wieder dafür sorgen, Kunden zu finden, die ihn für seine Leistung entlohnen. Ein Kunde kann es sich nicht leisten, den Musiker entsprechend zu finanzieren, deshalb verkauft er sein Produkt gleichzeitig an viele. Dadurch wird das Produkt nicht entwertet, sondern ganz im Gegenteil: es wird durch ein gemeinsames Erlebnis des Publikums aufgewertet. Die gleichen Kunden werden aber nicht für die gleiche Leistung mehrmals zahlen, also muss der Musiker einen größeren Kreis an Kundschaft suchen. Und wenn die Kunden nicht zum Künstler kommen, muss der Künstler zu den Kunden. Schon vor tausend Jahren sind Wandermusiker umhergezogen, haben ihre Lieder vorgetragen, wurden bewundert und haben als Dankbarkeit eine Entlohnung von den Zuhörern bekommen. Wenn es soweit war und sie kein Geschäft mehr machen konnten, sind sie weitergezogen. So etwas scheint heutzutage unmöglich zu sein. Heimatlos und einsam, immer unterwegs zu sein. Aber moment! Was ist mit den großen Pop- und Rockstars, die Welttourneen veranstalten und monatelang im Tourbus leben? Oder berühmte Chöre, Ensembles und Orchester, die das ganze Jahr über mit Auftritten ausgebucht sind, die über der Erdkugel verstreut liegen? Und je erfolgreicher ein Solist ist, desto eher ist er von einem Auftritt zum nächsten unterwegs. Jede Woche eine neue Stadt. Zugegeben, wandern muss keiner mehr. Aber verglichen mit den Lebensstandards der Gegenwart hat sich nicht viel geändert (außer, dass einige dieser Künstler ausgezeichnet verdienen). Sie sind trotzdem heimatlos und einsam.

Das Publikum ist neugierig bei Künstlern, die nur kurze Zeit in der Stadt sind. Das ist eine Motivation, die Vorstellung zu besuchen. Der Künstler muss dafür sorgen, dass das Neue, Exotische und Fremde nicht verfliegt und zieht nach kurzer Zeit in die nächste Stadt. Diese Engagements werden schon zwei Jahre im Voraus verhandelt, dadurch ist das Leben eines heutigen Solisten etwas vorausschaubarer als das eines früheren Wandermusikers.

Nicht viele Menschen können diesen Lebensstil lange halten. Der natürliche Wunsch, eine Familie zu gründen und sich ein Nest zu bauen meldet sich irgendwann. Beides – Beruf und Familie - zu vereinen funktioniert nur, wenn der Künstler einen Lebenspartner findet, der auf seine Selbstverwirklichung verzichtet und gänzlich in der Aufgabe aufgehen kann, eine heile Welt für den Künstler aufzubauen, welche er nur sporadisch aufsuchen kann. Diese Rolle ist auf lange Sicht zu schwierig und eine Trennung unausweichlich. Außerdem ist der Künstler selbst oft von Menschen des anderen Geschlechts umgeben und abgelenkt, und auch für ihn ist es schwierig, der Familie, die nicht bei ihm ist, treu zu bleiben.

Um beruflich Musiker zu sein müssen also, nachdem schon Kindheit und Jugend daran geopfert wurden, weiterhin Einschränkungen in kauf genommen werden. Die Arbeitsplätze in Orchestern sind beschränkt. Auch wenn dieser Beruf ein sehr anspruchsvoller ist – es gibt immense Konkurrenz. Der Musiker kann sich nicht einfach aussuchen, in welcher Stadt er arbeiten will. Er absolviert in der Regel über 20 Probespiele, bis er ein Orchester findet, das ihn unter Vertrag nehmen will. Das heißt, er muss sein Privatleben hinten anstellen. Er lässt den Beruf für ihn entscheiden, wo er leben soll. Moment: leben wir um zu arbeiten, oder arbeiten wir um zu leben?

Ein weiteres Paradoxon für die Arbeit im Orchester ist die dafür notwendige Ausbildung. Während die Ansprüche für Orchesterspieler Teamfähigkeit, Toleranz, Gemeinschaftsgefühl, Unterordnungsfähigkeit Leitbarkeit und die Fähigkeit, im Kollektiv unterzutauchen umfassen, wird jeder Musiker als Solist ausgebildet. Für diese Aufgabe sind die Ansprüche zum Teil denen für Orchestermusiker entgegengesetzt: Führungsfähigkeit, Selbständigkeit, Eigeninitiative und die Fähigkeit, aus dem Kollektiv herauszustechen. Dementsprechend wird für eine Orchesterstelle ein Probespiel veranstaltet, bei dem solistische Fähigkeiten gezeigt werden können. Ein Wettspiel gegen andere Musiker. Der Gewinner bekommt die Arbeitsstelle, für die aber nur die Fähigkeiten für Orchestermusiker wichtig sein werden. Ein guter Orchesterspieler tritt bei einem Probespiel vielleicht gar nicht an, weil ihm der Ehrgeiz für diesen Wettbewerb fehlt. Und der Musiker, der das Probespiel gewinnt, ist wahrscheinlich todunglücklich mit der Arbeitsstelle, denn er wäre lieber Solist.

Der solistische Künstler kann auch eine Gruppe um sich scharen - Mitreisende, Anhängerschaft, Gefolge, Entourage. Diese Gruppe kann aus der Familie bestehen, die gewisse helfende Aufgaben übernimmt. Die Mutter als Entscheidungshilfe, der Vater als Manager, die Schwester als Assistentin, der Bruder als Chauffeur, die Freundin/der Freund kocht, ein Kumpel sorgt für Unterhaltung, eine gute Freundin passt auf die Kinder auf… Diese Aufgaben können zwar professionell vergeben werden, aber die beauftragten Personen würden die Einsamkeit der Hauptperson – des Künstlers – nicht mindern können. Außerdem sind diese Aufgaben bei Menschen, denen er vertraut, besser aufgehoben. Sein persönliches Umfeld immer um sich zu haben ist ein Luxus, als ob der Künstler mit seinem Zuhause reist. Er fungiert als Arbeitgeber, aber nicht die Serviceleistungen sind ihm wichtig, sondern die Anwesenheit der für ihn wichtigen Personen. Diese wiederum sind Nutznießer des Erfolges des Künstlers, profitieren finanziell und können eine Zeit lang ein aufregendes Leben führen. Aber nicht vergessen: alles dreht sich um den Künstler. Für jeden Einzelnen seines Gefolges gilt: er kann nicht gleichzeitig eigene Interessen verfolgen, eigene Partnerschaft und Familie aufbauen.

Die Krönung des Musikerberufs und das, was so viele Menschen davon träumen lässt, sind die herausragenden Gestalten in diesem Milieu. Die Diva (lat. göttlich[10]) oder der Weltstar (engl. Stern – Himmelskörper) mit der gottgegebenen Stimme. Menschen, die sich über die Normalsterblichen erheben und schon fast als heilig gelten, weil es für ihre Wirkung keine irdische Erklärung gibt. Jeder davon ist einzigartig und unersetzbar. Die erhebende Benennung kann aber auch die negativen Eigenschaften einer Diva bezeichnen – hochmütig, abgehoben, unnahbar – die eigentlich ein göttliches Wesen beschreiben und erst durch den großen Zuspruch entstehen. Einerseits also erheben Menschen solche Gestalten, wollen sie aber trotzdem an menschlichen Parametern messen.[11]

Musik als Sprache[12]

Musik mit Worten zu beschreiben ist genau so schwierig wie Worte durch Musik zu ersetzen. Musik ergänzt Sprache. Durch sie erst wird ein Satz zur Frage, Verkündung, Enttäuschung oder Triumph. Musik ist eine Sprache der Emotionen. Aber was ist, wenn Musik vor den Anfängen verbaler Mitteilungskultur tatsächlich Sprache war? Immerhin greifen Menschen immer noch darauf zurück, wenn sie zu müde sind zu sprechen, wenn der Mund mit Essen beschäftigt ist, oder eine kosmetische Gesichtsmaske jegliche Sprachbewegung verhindert. Es gibt melodische Muster für Ja und Nein, für ein erstauntes Ja und ein kategorisches Nein, für ein nachfragendes Ja und ein nachdenkliches Nein, für Bedauern und Freude und vielen anderen Kommunikationsfetzen. Und alles, ohne dass ein Wort gefallen ist.

Mag sein, dass Musik durch verbale Sprache einen Teil ihrer Funktionen abgegeben hat, aber ihre Beliebtheit ist geblieben. An Musik wurde im Laufe der menschlichen Geschichte viel experimentiert. Sie wurde kultiviert und hochgezüchtet, wurde länger und komplizierter. Das muss doch der Beweis dessen sein, dass Menschen sich so gerne damit beschäftigen. Musik wurde teilweise sogar so sehr gehoben, dass sie für viele Menschen als Musikaufführende unerreichbar ist. Nichtsdestotrotz wird sie durch Zuhören genossen und geliebt, denn es gibt kaum jemanden, der sich ihrem Zauber entziehen kann.[13]

Neben körperlichen Kämpfen und sportlichen Wettstreiten, können Konkurrenten auch in musikalischen Wettbewerben gegeneinander antreten. Die eigene Stärke wird mithilfe einer Tätigkeit gezeigt, die für das Überleben sowas von unnötig erscheint. Eine Verschwendung der Natur, ein Zeugnis von Reichtum an Fähigkeiten, eine Zierde, eine Krönung. Die Fitness ist so gut, dass, neben der Absolvierung von überlebenswichtigen Tätigkeiten, so viel überschüssige Kraft unverbraucht bleibt, mit der mühelos Zusätzliches geleistet werden kann.[14]

Die überlebensnotwendigen Aktivitäten genauer betrachtend, stellt sich aber heraus, dass sie zum Leben nicht ausreichen. In der älter werdenden Wohlstandsgesellschaft Europas spitzt sich das Dilemma der Altenpflege immer weiter zu. Der Staat/die Gemeinschaft erleichtert das eigene Gewissen, indem für Pflegebedürftige das Notwendigste geleistet wird. Körperhygiene, Nahrungsaufnahme und der Gang zur Toilette werden in nicht mehr als zehn Minuten pro Tag geleistet. Dabei ist ein Gespräch das, was den Lebenswillen nähren könnte. Doch das wäre zusätzliche, nichtvorhandene Zeit und somit Luxus. Aber wie lange lebt es sich ohne diesen Luxus? Warum gibt es laut Statistik viel mehr Selbstmorde in sicheren und reicheren Ländern wie Japan, Schweiz, Belgien, Frankreich und Österreich als in ärmeren wie Albanien, Armenien, Guatemala und Kuwait[15]. Wie kommt es, dass viele Menschen Länder, die eine gute staatliche Absicherung anbieten, verlassen und Orte wählen, an denen es diese Notfallprogramme nicht gibt? "Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave." (Aristoteles)[16] Vielleicht liegt es daran, dass Verschwendung und nicht nützliches Verhalten in der menschlichen Natur liegt.[17][18] Die Natur selbst ist verschwenderisch. Alleine für Reproduktion in der Tier- und Pflanzenwelt werden unzählige Samen für wenige Nachkommen produziert. Auch der Mensch liebt es, verschwenderisch zu sein: Wie sonst lässt sich das finanzintensive Hochrüsten von Autos einer niedrigen Preisklasse durch Menschen mit einem niedrigen Einkommen (GTI–Fans), oder die Schuh- und Handtaschen-Sammellust mancher Frauen erklären? Wenn er darüber nachdenkt, findet jeder Mensch etwas Unnötiges, das er regelrecht hegt. Ist das Leben ohne einer solchen Marotte möglich, oder gehört das auch zu den lebenswichtigen Aktivitäten? Warum wird eine Wohnung erst durch Bilder, Wandfarbe, Bordüren, Vorhänge und Dekorationsfigürchen wohnlich? Warum werden momentan Geländeautos populär, die in ihrem Autoleben niemals im Gelände fahren werden und eine astronomische Menge an Treibstoff verbrauchen und das bei einem Rekordhoch des Ölpreises? Könnte es sein, dass Länder, in denen diese Verschwendung verpönt oder beneidet wird, diejenigen sind, welche verlassen werden (siehe weiter oben), um zu Ländern zu gelangen, in denen diese Verschwendung genüsslich ausgekostet werden darf?

Um auf den musikalischen Wettbewerb zurückzukommen: Zeugt es nicht auch von Reife, auf Verhaltensweisen, die aus der tierischen Herkunft stammen (wie der körperliche Kampf) zu verzichten und das Kräftemessen kultiviert zu gestalten? In der kultivierten klassischen Musik finden unzählige Wettbewerbe statt, bei denen niemals unterstellt werden würde, die Teilnehmer wollten einander an die Wand spielen oder singen. Offiziell gibt jeder sein Bestes, ohne den anderen Mitstreitern schaden zu wollen. In der Rap-Szene hingegen werden die Gesangsduelle offen und aggressiv ausgetragen. Die historischen Siegesattribute wie höher, früher, stärker fließen in Körpersprache, Gesang und Reime, für einen Kampf, bei dem die Grenze zum Körperkontakt nicht überschritten wird. Gewinner ist derjenige, der schneller und geistreicher reimen kann.

Musik ist bei Bildung von Gemeinsamkeiten eine große Hilfe. Chorsänger z.B. sind bei dieser Gemeinschaft nicht mit dem Ziel, Konzerte aufzuführen. Das Singen miteinander macht sie glücklich. Eine Konstitution von Gemeinschaft durch Musik zu schaffen, ihr aktiv zugehörig zu sein und sie mitzugestalten ist das Besondere daran. Gemeinsames Singen schweißt zusammen und baut Ängste ab – wie die Nationalhymne, die vor einem Fußballspiel vom Team gesungen wird.[19] Ein kleiner Beitrag jedes einzelnen Mitglieds ohne alleinige Verantwortung und die Gewissheit der Unter-stützung und Teilnahme Vieler, führt zum musikalischen Endergebnis.

Wo hat die Liebe zum gemeinsamen Musizieren ihren Ursprung? Vielleicht aus dem Inneren des menschlichen Körpers. Wissenschaftler der Universität von Kalifornien, Los Angeles (UCLA) wollen herausgefunden haben, dass auch menschliche Körperzellen im Chor singen. Sie singen einen hohen Ton, wenn es ihnen gut geht, einen schrillen, wenn es ihnen schlecht geht und einen tiefen, wenn sie sterben.[20] Der Gesang wird durch die Schwingungen jeder einzelnen Zelle produziert. Ein Ton entsteht durch eine Schwingungsfrequenz. Eine mögliche Vorstellung: Wenn die Zellen im Sterben liegen, können sie sich immer weniger bewegen – größere Intervalle in der Schwingung – tiefer Ton. Sie zittern vor lauter Stress, wenn sie gestört werden – schriller Ton. Aber wenn es ihm gut geht, schunkelt der Miniaturchor gemütlich miteinander – hoher Ton.

Talent und Arbeit

Der Musikerberuf ist einer, für den man viele Opfer bringen muss. Das Studium eines Instrumentes, wie das der Violine, fängt in der Regel schon mit fünf bis sieben Jahren an. In diesem Alter besuchen manche Kinder noch nicht einmal die Schule und haben noch nicht gelernt, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, wie das in den verschiedenen, schulischen Fächern notwendig ist. Auch die Arbeit am Instrument ist eine, die viel Konzentration erfordert. Anfangs sollen die Kinder 20 bis 30 Minuten täglich üben. Dieses Üben ist kein Spiel, auch wenn man das Verb in der Musik verwendet (Geige spielen). Spielen in Verbindung mit einem Instrument ist ein Wort, das von Musikern nicht gerne gehört wird. Das Üben ist ein sich wiederholender Aufwand, ähnlich wie das Erlernen eines Handwerkes. Zur Zeit Platos waren berufstätige Musiker keineswegs angesehen, denn sie waren Handwerker. Denen entgegengestellt war der Mensch, der es nicht nötig hatte, sich seinen Unterhalt mit Musik zu verdienen, sie also zum Vergnügen und für sich alleine betreiben konnte. Zum Musizieren gehört aber zu einem großen Teil das Handwerkliche. Die Fingertechnik der linken Hand – bei der Geige – ermöglicht erst, die Musik wiederzugeben. Die Bogentechnik der rechten Hand bestimmt den Klang und die verschiedenen Stricharten in den musikalischen Werken. An dieser Technik wird ca. 20 Jahre lang gefeilt. Ohne die Arbeit, die dahinter steht, ist es unmöglich, einen Großteil der Musikliteratur zu spielen. Für diesen täglichen Aufwand zwischen fünf Jahren und dem Ende des Studiums mit ungefähr 23 Jahren müssen anfangs die Eltern des Musikers und später er selbst sorgen, währenddessen er Schikurse und Aktionswochen in der Schule wegen irgendwelcher Vorspielstunden und Prüfungen verpasst und er mit lauter Schularbeiten, Hausübungen und Prüfungen eingedeckt ist. Sogar in den Ferien, wo sich jeder Mensch erholen sollte, müssen Musiker auf ihre Form achten und dürfen nicht mehr als zwei Wochen vom Instrument Urlaub nehmen. Also müssen sie sich selbst zwingen können, die harte Arbeit regelmäßig zu leisten, um in der Lage zu sein, das Vergnügen beim Vortrag eines erarbeiteten musikalischen Werkes zu genießen. Es ist schwer herauszufinden, wie viel man durch dieses Vergnügen bekommt und wie groß ein gerechtfertigter Preis dafür sein darf. Es gibt Musiker, die ihr Studium – und damit die härteste Arbeit – abschließen und ihr Instrument für immer aufgeben. Andere sind manchmal schon mit Mitte 20 so ausgebrannt, dass sie aufhören müssen zu spielen. Und es ist zu bedenken, dass die musikalische Tätigkeit so viel Zeit einnimmt, dass für andere Interessen wie Sport, Sprachen oder verschiedene Wissenschaften kaum Zeit bleibt. Auch ein professioneller Sportler hat ähnliche Probleme. Tägliches, stundenlanges Training und keine Zeit für Anderes. Aber der menschliche Körper lässt diesen Aufwand nur bis zu einem gewissen Alter zu. Danach müssen sich die Sportler andere Tätigkeitsbereiche suchen. Die meisten sind ihrer sportlichen Leistung sowieso schon überdrüssig und genießen das erzwungene Ende. Bei Musikern fängt erst zu dieser Zeit die berufliche Laufbahn an. Sie werden Pädagogen, wofür sie nicht besser bezahlt werden als Deutschlehrer, die ein wesentlich kürzeres Studium absolvieren müssen. Oder sie spielen in einem Orchester, was nicht besser bezahlt wird als der Job eines Computerfachmanns, für den auch nicht annähernd so lange Vorbereitungszeit notwendig ist. Gut, es gibt ein paar Orchester auf der Welt, wie das Radio Symphonieorchester Wien, die Wiener, Berliner oder New Yorker Philharmoniker, die ihren Mitgliedern ein Gehalt jenseits der 5000-Euro-Grenze zahlen (geschätzt). Oder es gibt die theoretische Möglichkeit, einer der zwanzig berühmten Solisten auf der Welt zu werden. Diese verdienen sicherlich sehr gut. Der Preis ist aber, dass sie jede Woche in eine andere Stadt reisen müssen und somit ihr Privatleben sehr problematisch wird.

Andererseits haben Kinder und Schüler mehr unverplante Zeit als es auf den ersten Blick scheint. Alleine Fernsehen nimmt einige Stunden täglich in Beschlag, genau wie Computerspiele. Die Bewegung außer Haus ist gesund, aber leider kommt es vor, dass sich Gruppen von Heranwachsenden bilden, die sich aus Langeweile Tätigkeiten einfallen lassen, die in die Kriminalität rutschen. So gesehen ist es ganz nützlich, dem Kind die Möglichkeit zu geben, ein Instrument als Zeitfüller zu benutzen. Leider ist die Grenze zwischen „ermöglichen“ und „zwingen“ in diesem Alter sehr schwammig. Wie kann ein Elternteil wissen, ob das Kind in dieser Woche gerade keine Lust zum Üben hat, oder ob das Instrument langsam zur Last wird? Wer kann schon erahnen, ob das Kind in einem Jahr die Musiktätigkeit nicht viel ernster nimmt und es bedauert, davor nicht genug getan zu haben? Also scheint es bereichernd zu sein, sich als Heranwachsender mit Musik zu beschäftigen, solange es ein Hobby bleibt. Aber das verschließt die Möglichkeit, die Musik später ernsthaft zu betreiben, für immer.

Zusätzlich kann es sein, dass die Arbeit alleine nicht genug ist, wenn ein Kind bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllt. Wie für den Beruf als Gerüstbauer, für den man schwindelfrei sein muss und den Beruf als Stewardess, für den man eine bestimmte Körpergröße erreicht haben muss, braucht man auch für den Beruf als Musiker bestimmte Anlagen. Es ist förderlich, wenn man als Geiger lange Finger, als Blasmusiker kein Asthma und als Bratschist große Hände hat. Aber alle diese Anlagen sind vernachlässigbar, solange man musikalisches Talent besitzt.

An den Musikprofessoren, die die Kinder ausbilden sollen, liegt es herauszufinden, welche Kinder dieses Talent besitzen und bei welchen es zu wenig ausgebildet ist. Allerdings ist musikalisches Talent dermaßen breit gefächert, dass manche Professoren dazu neigen, damit die Ausbildung des Schülers für sie einfacher wird, sehr begabte Kinder zu nehmen, und die anderen als unmusikalisch abzustempeln.

Um Musikalität zu bestimmen gibt es viele Möglichkeiten: Manche behaupten, sie zeige sich in der Form des Kinderohres.

Eine überaus fragliche Methode, wenn man an die systematischen Messungen von Kopf-, Nasenform und Augenabstand zur Hitler-Zeit denkt. Außerdem: auch wenn es eine musikalische Ohrform geben sollte, ist nicht bekannt, wie die Form eines nichtmusikalischen Ohres aussieht.

Die Frage, wer musikalisch ist und wer nicht, wird von den verschiedenen Begutachtern sehr unterschiedlich beantwortet.

Rapkünstler werden vom Publikum als Musiker gesehen. Dabei wird die melodische Komponente ihrer Lieder von der Instrumentalmusik im Hintergrund und von den Backgroundsängerinnen geleistet. Die Rapper selbst sind moderne Dichter, die ihre Reime rhythmisch vortragen können.

Dieter Bohlen, ein Musiker, der in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ sitzt, verwendet oft den Satz: „Du kannst nicht singen“. Dabei sind die Kandidaten, die sich das anhören müssen, sehr wohl in der Lage, eine Melodie wiederzugeben. Er meint wahrscheinlich, derjenige hat keine Stimmbildung genossen, oder er entspricht nicht den hohen Anforderungen für die Show, die über das Singen hinausgehen.

Oft stempeln Musiklehrer in der Volks- und Hauptschule Kinder, die beim Singen tief brummen, als unmusikalisch ab und verbieten ihnen mitzusingen, damit der übrige Klassenchor nicht gestört wird. Aber wenn sie sich die Zeit nehmen könnten und sich mit diesen Kindern ein bisschen beschäftigen würden, wäre es möglich, dass sie herausfinden, dass manche dieser Kinder – meistens Jungs – eine tiefere Stimmlage haben und die erforderlichen Höhen nur schwer oder gar nicht erreichen können. Es gibt „Brummer“, die sehr wohl Melodien nachsingen können, wenn sie in ihrer Stimmlage vorgespielt werden. Manche Kinder haben einfach Angst, dass die Töne zu hoch sind und trauen sich erst gar nicht, sie auszuprobieren. Wenn ihre Stimmlage erst gefunden ist, können sie herausfinden, wie hoch und wie tief sie kommen.

[...]


[1] geschrieben am 4.5.2007

[2] siehe auch: Sabine M. Gruber, Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten, Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt, Residenz Verlag, Salzburg-Wien-Frankfurt/Main 2003

[3] ebenda S 25

[4] Hellmut Santer: Peter Heintel (Hrsg.): betrifft: TEAM, Dynamische Prozesse in Gruppen, Schriften zur Gruppen- und Organisationsdynamik 4, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006 S 170

[5] ebenda S 98

[6] Peter Heintel: betrifft: TEAM S 245

[7] ebenda S 170

[8] Peter Heintel: betrifft: TEAM S 156

[9] ebenda S 50

[10] www.wikipedia.de Diva

[11] siehe auch: Peter Brook, Der leere Raum, Alexander Verlag, Berlin 1983 S 92

[12] siehe auch: Joachim E. Berendt: Nada Brahma, Die Welt ist Klang, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1983 S 29

[13] siehe auch: ebenda S 63

[14] P.M. Welt des Wissens, Peter Moosleitners Magazin, Gruner + Jahr, München März 2007 S 72

[15] www.who.int

[16] de.wikiquote.org/wiki/Aristoteles

[17] siehe auch: Georges Bataille, Die Aufhebung der Ökonomie, Matthes & Seitz Verlag, München 1985 S 44 f und S 52 f

[18] siehe auch: Nikolaus Harnoncourt, Die Macht der Musik, Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1993 S 11

[19] P.M. Welt des Wissens, März 2007 S 70

[20] P.M. Welt des Wissens, Mai 2007 S 70

Ende der Leseprobe aus 152 Seiten

Details

Titel
Ensemblegeist - Philosophische Betrachtung zur musikalischen Gruppen- und Organisationsdynamik
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Philosophie und Gruppendynamik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
152
Katalognummer
V94289
ISBN (eBook)
9783640103065
ISBN (Buch)
9783640127153
Dateigröße
5235 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gutachten zur Dissertation: […] Die Leser und Leserinnen merken es im ersten Kapitel, merken es im zweiten und dritten und können sich freuen, die Stimmung hält an. Takt, Rhythmus, Fügungen, Konsonanz, Dissonanz–es stimmt von Anfang bis Ende überein und ergibt eine spannungsreiche Harmonie. Es kommt nämlich einiges darin zusammen, was einander widerstrebt. […] Die Dissertation sprengt zweifellos den konventionellen theoretischen Rahmen. Aber sie schlägt Wege darüber hinaus ein, die Methode zeigen und systematisch durchdacht sind. […]
Schlagworte
Ensemblegeist, Philosophische, Betrachtung, Gruppen-, Organisationsdynamik
Arbeit zitieren
Mag. Dr. Milla Slavova (Autor), 2008, Ensemblegeist - Philosophische Betrachtung zur musikalischen Gruppen- und Organisationsdynamik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94289

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