Rumäniens Beteiligung an der "Shoah". Zwischen Verfolgung der Juden und geleisteter Solidarität in den Jahren 1941/42


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wahrheit und Verdrängung - die Shoah in Rumänien

2. Die Regierung Antonescu
2.1 „Ethnische Säuberung“
2.2 „Erlösungsantisemitismus“

3. Solidarität und Hilfe für Juden in Rumänien während der NS-Zeit
3.1 Solidaritätsaktionen nach Rumäniens Kriegseintritt (1941)
3.2 Solidaritätsaktionen während des Massenmords in Bessarabien und der Bukowina 1941

4. Fazit und Ausblick

5. Literatur

1. Wahrheit und Verdrängung - die Shoah in Rumänien

„Die rumänische Geschichtsschreibung hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich darauf berufen, dass das Land quasi von den Deutschen besetzt gewesen sei. Damit schien alles Negative erklärt, die Gräueltaten kamen aufs deutsche Konto, das Positive, die Verweigerung gegenüber dem organisierten Völkermord wurde dagegen als eigene Leistung in Anspruch genommen.“1 So war es dem ehemaligen Generalstabschef Ion Antonescu, als neuer Staats­führer Rumäniens seit September 1940, gelungen, den Balanceakt zwischen In­nen- und Außenpolitik zu stemmen und sowohl den antisemitischen Draht zu Deutschland zu halten, als auch den wohlwollenden Schützer der Juden Rumä­niens für den Rest der Welt zu spielen.

Auffällig dabei ist, dass die Wahrnehmung der Judenverfolgung in Rumänien und die Frage der aktiven Beteiligung aus freien Stücken, in der Forschung verschie­dene Perspektiven enthält. So wird in der rumänischen Öffentlichkeit die Auffas­sung vertreten, Rumänien habe sich nicht an der Shoah beteiligt.2

Historiker einiger osteuropäischer Länder, wie auch Rumäniens, konzentrierten sich bei der Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg, eher auf die Widerstände des Kommunismus. Mit der Vernichtung von mindestens 250.000 Juden und 20.000 Roma in Rumänien, wurde sich weitgehend in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt, danach wenig bis gar nicht mehr.3 In der Forschung ist man sich jedenfalls einig: die Beteiligung an der Shoah in Rumänien und der Krieg gegen die europäischen Juden, ist ein verdrängtes Ka­pitel der rumänischen Geschichte.

Dabei bietet es sich an, nach den wesentlichen Akteuren zu Fragen: Wer berei­tete den Weg für den Massenmord an den rumänischen Juden? Wer solidari­sierte sich und versuchte den Juden zu helfen?

In dieser Arbeit werde ich nicht nur die Beteiligung Rumäniens an der Shoah unter Regierung Ion Antonescus, sondern auch geleistete Solidarität und Hilfe für Juden innerhalb Rumäniens um 1941/1942, sozialhistorisch untersuchen. Zu­nächst werde ich auf die Regierung Ion Antonescus und die politischen Hinter­gründe der Shoah in Rumänien eingehen. Dies geschieht unter Berücksichtigung der „Ethnischen Säuberung“ und der Idee des „Erlösungsantisemitismus“.

Der zweite Teil der Arbeit umfasst die Betrachtung der geleisteten Solidarität und Hilfe für Juden in Rumänien während der NS-Zeit. Dabei gehe ich genauer auf Solidaritätsaktionen nach Rumäniens Kriegseintritt 1941 und Solidaritätsaktionen während des Massenmords in Bessarabien und der Bukowina 1941 ein.

2. Die Regierung Antonescu

2.1 Ethnische Säuberung

Der Zweite Weltkrieg brachte große Veränderungen für Rumänien. Der Einfluss des Deutschen Reiches auf Rumänien wuchs und auch die Nachbarstaaten üb­ten Druck aus.

Wegen des sowjetischen Ultimatums vom 26. Juni 19404 war Rumänien gezwun­gen, Bessarabien und die Bukowina an die Sowjetunion und abzutreten. Am 30. August 19405 befahl Deutschland mit dem Zweiten Wiener Schiedsspruch, Transsylvanien an Ungarn abzutreten. Kurz darauf verlor Rumänien die Dobrud- scha im Süden an Bulgarien.

Insgesamt verlor Rumänien rund ein Drittel des Staatsgebietes und der Bevölke­rung, was der Monarchie erheblich schadete. So gelang Ion Antonescu, zunächst zusammen mit der faschistischen Partei „Eisernen Garde“, die Machtergreifung.6 Noch im November 1940 trat Rumänien dem Dreimächtepakt bei und beteiligte sich, als Deutschlands wichtigster militärischer Verbündeter an der Ostfront, an dem am 22. Juni 1941 beginnenden Krieg, gegen die Sowjetunion. Auch der Krieg gegen die Juden, wurde von dem deutsch-rumänischen Bündnis vorange­trieben.

Das Land östlich des Dnjestr wurde als Deportationsareal genutzt, wohin etwa 50.000 Juden aus Bessarabien vertrieben wurden. Etwa ab September 1941, wurde der größte Teil der jüdischen Bevölkerung aus dem Norden Rumäniens nach Transnistrien deportiert und dort gettoisiert.7

Diese Deportationen hatten teilweise mit dem Trauma der Gebietsverluste zu tun. Es wurde zu einer der politischen Hauptbestrebungen Rumäniens, diese verlo­renen Gebiete zurück zu gewinnen und die Juden auf den Territorien dafür ver­antwortlich zu machen.8

Trotz der Nähe des Antonescu-Regimes zu Deutschland und eines anhaltenden Antisemitismus, ist die jüdische Gemeinschaft Altrumäniens von der Shoah vor­erst weitgehend verschont geblieben.9 Es ist jedoch zu beachten, dass als „ru­mänische Juden“ nur die wenigen verstanden wurden, die in Altrumänien lebten. Dazu gehörten die Regionen Moldau, Walachei und Dobrudscha, aber nicht die Randgebiete, wie Bessarabien, Transnistrien, die Bukowina, Budschak und Sie­benbürgen.

Diese Juden Altrumäniens wurden zwar Opfer antisemitischer Übergriffe und Schikanen, die Regierung konnte sich aber bei der komplizierten politischen Lage und der Rivalität mit Ungarn, keine Ausschreitungen leisten.

Für das Antonescu-Regime begann ein Balanceakt der Innen- und Außenpolitik. Zum einen bestand die Sorge, Ungarn könnte noch weitere Gebietsforderungen stellen. Zum anderen wollte man sich, im Falle einer eventuellen Wendung im Krieg, den Deutschland losgetreten hatte, nichts zu Schulden kommen lassen. Zudem galt es die faschistische Partei „Eiserne Garde“, dessen Gesinnung höchst antisemitisch und nationalistisch war, mit Hilfe von „antijüdischen Geset - zen“, ruhig zu stellen. Diese im August 1940 in Kraft tretenden Gesetze, konnten als letztes Gewicht auf der Waage, dem verbündeten Deutschland die politische Judenfeindschaft signalisieren. Noch war Antonescu aber nicht bereit, alle rumä­nischen Juden, wie es die „Endlösung der europäischen Judenfrage“ vorsah, er­morden zu lassen.10

Um den Begriff der „ethnischen Säuberung“ in diesem Zusammenhang nun greif­bar zu machen, gilt es ihn erst einmal zu definieren: eine Ethnie oder ethnische Gruppe ist eine abgrenzbare Menschengruppe, die eine gemeinsame Kultur, Re­ligion oder Herkunft hat und auf Grund dessen, das Selbstverständnis und Ge­meinschaftsgefühl einer eigenständigen Identität als Volksgruppe hat.11

Die Juden (wie auch die Roma, auf die aber hier nicht weiter eingegangen wird) als ethnische Gruppe, galt es schließlich im Juni 1941 beim rumänischen Kriegs­eintritt zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion, gleichermaßen mit zu eliminieren.

Aus rumänischer Perspektive, waren die Juden Verräter, die auf die sowjetische Seite übergelaufen waren und nun für den Feind kämpften. Auch hätten die Ju­den maßgeblich dazu beigetragen, die Nordbukowina und Bessarabien zu bol- schewisieren und somit zur sowjetischen Annektion dieser Gebiete beigetra­gen.12

Dieser Vorwand kam Antonescu und der rumänischen Öffentlichkeit gerade recht, um dem zuvor zurückgestauten Antisemitismus freien Lauf zu lassen.

Der rumänische Antisemitismus war jedoch eher wirtschaftlich, sozial und poli­tisch Motiviert. Bei den Deutschen dagegen, ging es um religiöse und rassische Aspekte.13 Man vertrat die Auffassung, dass „Juden Kommunisten und Kommu­nisten Juden“ seien.14

Ziel sollte es schließlich sein, die Juden auf rumänischem Gebiet zu deportieren und zu gettoisieren. Das Territorium zwischen Dnjestr und Bug in der südlichen Ukraine, das im August 1941 von deutschen und rumänischen Truppen gemein­sam erobert worden war, hieß nun Transnistrien und stand unter rumänischer Zivilverwaltung. Es diente als Areal für die Anlegung von etwa 100 Ghettos, Ar­beitslager und Zwangsaufenthalte.15

Die Antonescu-Regierung verband mit den Deportationen ein national-rumäni­sches Interesse, nämlich die ethnische Säuberung der zurückgewonnenen Ge- biete.16

2.2 Erlösungsantisemitismus

Nach Rumäniens Kriegseintritt gegen die Sowjetunion im Juni 1941, änderte sich die Lage innerhalb, sowie außerhalb Rumäniens drastisch.

Der staatlich - ökonomisch Motivierte Antisemitismus, wurde unter stärker wer­dendem Einfluss Deutschlands, zu einer „antijüdischen Globalfeindschaft“.17 An­tonescu selbst nutzte das „Bukarester Tageblatt“ - Sprachrohr der deutschen Botschaft in Bukarest - als Presseorgan, zur Schaffung einer antijüdischen At­mosphäre. Juden wurden als Kommunisten, Spione, Saboteure oder Feinde des Volkes dargestellt. All diese Klischees, verband Antonescu in einem Interview, das er dem Schriftsteller Bratescu-Voinesti gab. Dort bezeichnete er die Juden als „innere Feinde, die gefährlicher seien als jene aus dem Ausland“.18

Die antijüdische Propaganda diente als Grundstein, zur Legitimation der ethni­schen Säuberung Rumäniens.

Mit der „jüdischen Frage“ sollte im Weiteren so verfahren werden, dass die Wirt­schaft und der Raum des Staates „rumänisiert“ werden sollte.19 Das bedeutete in erster Linie, die massenhafte Vertreibung der Juden aus dem rumänischen Staat, über die Grenzen. So erschuf sich Rumänien selbst einen Krieg an zwei Fronten: einen Inneren gegen die Juden und einen Äußeren gegen die Sowjetunion.

[...]


1 Benz,Wolfgang: Der „vergessene Holocaust“. Der Sonderfall Rumänien: Okkupation und Verfolgung von Minderheiten im Zweiten Weltkrieg, in: Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, hrsg. von Maria Hausleitner u.a., Berlin 2001, S. 10.

2 Baier, Hannelore: Die Wahrnehmung der Judenverfolgung in Rumänien. Die Öffentlichkeit: Medien, Politik und Schule, in: Ebd., S.167.

3 Vgl. Hausleitner, Mariana: Rumänische Sonderwege. Pogrome und Hilfsaktionen. Überlebenschancen unter dem antisemitischen Regime, in: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstu­dien 1. Polen, Rumänien, Griechenland, Luxemburg, Norwegen, Schweiz, hrsg. von: Wolfgang Benz und Juliane Wetzel, Berlin 1996, S. 99.

4 König, Walter: Die Deutschen in Rumänien seit 1918, in: Die Deutschen in Ost- und Südeuropa Band 1, hrsg. von Gerhard Grimm und Kristina Zach, München 1995, S.263.

5 Müller, Rolf-Dieter: An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzz ug gegen den Bolschewismus“ 1941-1945, Berlin 2007, S. 55.

6 Snyder, Timothy: Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann, München 2015, S. 251.

7 Vgl. Hausleitern, Maria; Mihok, Brigitte; Wetzel, Juliane (Hrsg.): Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, Berlin 2001, S.7.

8 Vgl. Snyder: Black Earth, S. 250.

9 Vgl. Benz, Wolfgang: Der vergessene Holocaust, S. 9.

10 Vgl. Benz: Der vergessene Holocaust, S.10.

11 Vgl. Elwert, Georg: Ethnie, in: Lexikon der Völkerkunde, hrsg. von Christian F. Feest, Hans Fischer und Thomas Schweizer, Stuttgart 1999, S. 99-100.

12 Vgl. Benz: Der vergessene Holocaust, S.10.

13 Vgl. Sinke-Lostermann, Anette: Die Judenverfolgung in Rumänien und Bulgarien während des II. Welt­krieges (1940-1943) unter Berücksichtigung deutscher Einflüsse, Bochum 1976, S. 29.

14 Snyder: Black Earth, S. 252.

15 Vgl. Benz: Der vergessene Holocaust, S.11.

16 Vgl. Sinke-Lostermann, Anette: Die Judenverfolgung, S.60.

17 Heinen, Armin: Rumänien, der Krieg und die Juden (Juni bis Oktober 1941), in: Rumänien und der Ho­locaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, hrsg. von Mariana Hausleitner u.a., Ber­lin 2001, S. 35.

18 Benjamin, Lya: Die „Judenfrage“ in Rumänien im Spiegel des „Bukarester Tageblatts“, in: Ebd., S.139.

19 Vgl. Benjamin: Die Judenfrage, S.140f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Rumäniens Beteiligung an der "Shoah". Zwischen Verfolgung der Juden und geleisteter Solidarität in den Jahren 1941/42
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V942972
ISBN (eBook)
9783346278685
ISBN (Buch)
9783346278692
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shoah, Rumänien, NS, Nationalsozialismus, Hitler, Adolf Hitler, Verfolgungn, Solidarität, Judenverfolgung, Holocaust, Genozid, Massenmord, Völkermord, Deutschland, Antonescu, ethnische Säuberung, Erlösungsantisemitismus, 2. Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, 2. WK, Bessarabien, Bukowina, 1941, 1940
Arbeit zitieren
Lisa Schubert (Autor), 2017, Rumäniens Beteiligung an der "Shoah". Zwischen Verfolgung der Juden und geleisteter Solidarität in den Jahren 1941/42, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/942972

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