Das Ziel der Arbeit besteht darin, die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass Sozialarbeitende sich ein kompetentes fachliches Handlungsrepertoire in ihrer Ausbildung aneignen, um religions- und kultursensibel auf die Bedürfnisse ihrer Adressat*innen einzugehen und in aktuellen gesellschaftspolitischen Diskursen mit ihrem multiperspektivischen Erklärungswissen Stellung zu beziehen. Aufgrund dessen ergibt sich das forschungsleitende Interesse herauszufinden, ob und inwiefern Religions- und Kultursensibilität als Handlungskompetenzen im wissenschaftlichen Diskurs und im Dialog mit Nachbardisziplinen (z.B. Vergleichende Religionswissenschaften, Theologie, Ethnologie) relevantes Material für Methoden und Theorieansätze generiert.
Dies führt zu der Fragestellung, inwieweit Sozialarbeitende in ihrer Aus- und Fortbildung darauf vorbereitet werden, sich dem Fragenkomplex pluraler religiöser und kulturelle Identifikationsformen und Lebensentwürfen zu stellen. Die forschungsleitende Fragestellung lautet: Ist es relevant für die Ausbildung von Sozialarbeitenden religions- und kultursensible Handlungskompetenzen innerhalb der Wissenschaft der Sozialen Arbeit empirisch zu erforschen und für den Berufsalltag theoriegestützt zu begleiten? In der Arbeit werden anhand einer literaturgestützten Analyse Thesen, Positionen und Perspektiven, die den Forschungsstand zum Thema Religions- und Kultursensibilität repräsentieren, vorgestellt. Zahlreiche Forscher*innen und Autor*innen haben sich in den letzten zehn Jahren wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Wichtige Erkenntnisse ihrer Forschung eröffnen einen Raum die oben genannte forschungsleitende Frage zu konkretisieren und zuzuspitzen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Geschichte der Sozialen Arbeit
2.1 Jüdisch-christliche Motive in der Armutsfürsorge
2.2 Professionalisierungsprozess in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit
2.3 Neue Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft für institutionelle Träger
2.4 Konzept der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch
3 Begriffsbestimmungen von Religions- und Kultursensibilität
3.1 Religion
3.2 Kultur und Interkulturelle Kompetenz
3.3 Sensibilität
4 Forschungsstand
4.1 Soziale Arbeit
4.2 Erziehungswissenschaft und Soziologie
4.3 Theologie, Vergleichende Religionswissenschaften und Diakoniewissenschaft
5 Positionen der Soziologie und Philosophie
5.1 Säkularisierungstheorie
5.2 Exkurs: Brauchen wir weniger Religion?
5.3 Jürgen Habermas
5.4 Martha Nussbaum und Amartyra Sen
6 Religionsfreiheit – als Menschenrecht und Grundrecht
6.1 Religionsfreiheit – ein Menschenrecht
6.2 Religionsfreiheit nach Artikel 4 des Grundgesetzes
7 Ethik der Sozialen Arbeit
7.1 Professionsverständnis
7.2 Habitus und Handlungskompetenzen
7.3 Die Berliner Erklärung und der Qualitätsrahmen der Sozialen Arbeit
8 Diskussion der Ergebnisse des Forschungsstand und der Perspektiven
9 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist es, die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass Sozialarbeitende sich während ihrer Ausbildung ein fundiertes Handlungsrepertoire aneignen, um religions- und kultursensibel auf die Bedürfnisse ihrer Adressat*innen eingehen zu können. Die Forschungsfrage untersucht dabei, ob und inwiefern Religions- und Kultursensibilität als Handlungskompetenzen im wissenschaftlichen Diskurs sowie im Dialog mit Nachbardisziplinen relevantes Material für Theorien und Methoden generieren und wie Sozialarbeitende auf den Umgang mit pluralen religiösen Identitätsformen vorbereitet werden können.
- Historische und theoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit im Kontext von Religion
- Konzept der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch
- Empirische Erkenntnisse und fachwissenschaftliche Positionen zu Religions- und Kultursensibilität
- Ethisches Professionsverständnis und handlungsorientierte Kompetenzen
- Rechtliche Rahmenbedingungen und die Rolle der Religionsfreiheit
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Es ist die ewig spannende ‚Gretchenfrage‘: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“1, die nicht nur eine Frage nach der Religiosität beinhaltet, sondern die im weiteren Sinne eine Art Gewissensfrage beschreibt und zu einer eindeutigen Stellungnahme herausfordert. Das Thema Religionssensibilität und Kultursensibilität ist in den letzten Jahrzehnten kontrovers innerhalb der Wissenschaft der Sozialen Arbeit geführt worden.
Seit 2015 haben sich mit der Flüchtlings- und Migrationsbewegung durch den gesellschaftlichen Wandel sozialberufliche Herausforderungen gezeigt, die im Fachdiskurs der Wissenschaft der Sozialen Arbeit theoretische und empirische Forschungen über religions- und kultursensible Kompetenzen der Sozialarbeitenden erforderlich machen.
Der gesellschaftliche Wandel, der sich beschreiben lässt, als ein offener, multikultureller und religiös vielfältiger Prozess, führt zu unterschiedlichen Lebensentwürfen. Persönliche, gesellschaftliche und strukturelle Umbrüche führen zu sozialen Ausdifferenzierungen und Verknüpfungen, die in öffentlichen Wertedebatten thematisiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz des Themas Religions- und Kultursensibilität in der Sozialen Arbeit ein und formuliert die forschungsleitende Frage nach der notwendigen Ausbildung von Handlungskompetenzen.
2 Geschichte der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel skizziert die historischen Wurzeln der Profession, angefangen beim jüdisch-christlichen Fürsorgegedanken bis hin zum modernen Konzept der Lebensweltorientierung.
3 Begriffsbestimmungen von Religions- und Kultursensibilität: Hier werden die zentralen Begriffe Religion, Kultur und Sensibilität wissenschaftlich definiert und in den Kontext der Sozialen Arbeit gesetzt.
4 Forschungsstand: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand aus verschiedenen Disziplinen wie Soziale Arbeit, Soziologie und Theologie.
5 Positionen der Soziologie und Philosophie: Die soziologischen und philosophischen Debatten, insbesondere zur Säkularisierungstheorie und zu den Ansätzen von Habermas und Nussbaum, werden analysiert.
6 Religionsfreiheit – als Menschenrecht und Grundrecht: Es werden die rechtlichen Rahmenbedingungen der Religionsfreiheit im Kontext von Menschenrechten und Grundgesetz erläutert.
7 Ethik der Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel verortet das ethische Professionsverständnis und die berufsethischen Leitlinien der Sozialen Arbeit.
8 Diskussion der Ergebnisse des Forschungsstand und der Perspektiven: Der abschließende Diskussionsteil bewertet die Ergebnisse der Literaturanalyse im Hinblick auf die forschungsleitende Frage und reflektiert über notwendige Entwicklungen in Ausbildung und Praxis.
Schlüsselwörter
Religionssensibilität, Kultursensibilität, Soziale Arbeit, Lebensweltorientierung, Interkulturelle Kompetenz, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Säkularisierung, Handlungsrepertoire, Anerkennung, Diversity, Empowerment, Fachdiskurs, Professionsethik, Migrationsgesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Religions- und Kultursensibilität als notwendige Handlungskompetenzen für Sozialarbeitende in einer zunehmend diversen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Geschichte der Sozialen Arbeit, die theoretische Grundlegung von Religions- und Kultursensibilität, ethische Standards sowie der Umgang mit religiöser Vielfalt in Beratungskontexten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit Sozialarbeitende in ihrer Ausbildung befähigt werden, kompetent mit pluralen religiösen und kulturellen Lebensentwürfen ihrer Adressat*innen umzugehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die den aktuellen Forschungsstand systematisch aufarbeitet und in den Kontext der Wissenschaft der Sozialen Arbeit stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Entwicklung, den theoretischen Begriffsbestimmungen, dem aktuellen Forschungsstand aus Nachbardisziplinen sowie ethischen und rechtlichen Anforderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselbegriffen gehören insbesondere Religions- und Kultursensibilität, Soziale Arbeit, Lebensweltorientierung, Menschenrechte und interkulturelle Kompetenz.
Wie definiert die Autorin die Rolle der Sozialarbeitenden?
Die Autorin sieht Sozialarbeitende als „Brückenbauer*innen“, die eine professionelle Haltung einnehmen müssen, um in einer multikulturellen Gesellschaft Räume der Begegnung zu schaffen.
Welche Rolle spielen kirchliche Träger laut der Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet das Spannungsfeld zwischen religiös-kirchlichen Ansprüchen der Träger und dem Auftrag einer säkular-staatlichen, lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.
Welches Fazit zieht die Thesis zur Ausbildung?
Die Thesis fordert eine stärkere Integration von religions- und kultursensiblen Ausbildungsinhalten in den Studiengängen der Sozialen Arbeit, um auf gesellschaftliche Transformationsprozesse reagieren zu können.
- Citation du texte
- Annette Schirner-Schleef (Auteur), 2020, Religionssensibilität und Kultursensibilität. Herausforderungen für sozialberufliches Handeln, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/943193