Hartmann von Aue: Iwein

Das Regiment der Liebe


Seminararbeit, 2005

25 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Übersicht

Einleitung

1. Die Darstellung des Hofes

2. Ehe als Rechtsvertrag

3 Iweins Herrschaft über das Brunnenreich
3.1 Der Irrweg zur Macht
3.2 Die Auflösung des Bundes

4. Iweins Wahnsinn
4.1 Leben in der Gegenwelt
4.2 Die Macht der Minne
4.3 Die Wunderheilung

5. Die neue Identität
5.1 Iwein, der Löwenritter
5.2 Annahme des eigenen Ichs

6 Gutes und schlechtes Regiment
6.1 Rückkehr zur Herrschaft
6.2 sælde, êre und güete
6.3 Pesme: Der Sieg des guten Regiments

7. Conclusio

Bibliographie

Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

Einleitung

Wie in seinem Vorläufer, dem Erec, spielt auch in Hartmanns Iwein die Liebe eine große Rolle.

Sie wird für den Helden zur Triebkraft, die seinen weiteren Lebensweg mitbestimmen und in entscheidender Weise prägen soll. Indem er sich von der Macht der Minne leiten lässt jedoch gerät er in einen unentwirrbaren Widerspruch zu den Werten der ritterlichen Gesellschaft, die nur allzu leichtfertig bereit ist, die Liebe zu dämonisieren und in der vermeintlich gefährlichen Gegenwelt des wilden anzusiedeln. Gefährlich ist diese Welt in der Tat, wenn auch nicht aus sich selbst heraus oder für den individuellen Menschen. Sie unterminiert die höfische Institution der aventiure, die nur zu oft mit ihr in Widerspruch steht. In diesem Werk Hartmanns werden beide Aspekte immer wieder verschränkt und ihr Wechselverhältnis problematisiert. Um den Iwein Hartmanns von Aue als Gesamtwerk einer schlüssigen Interpretation zuzuführen, scheint es geboten, auf eben diese Spannung einzugehen. Aus diesem Grunde beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Regiment der Liebe und erläutert die Folgen, die sich für den unter ihrem Einfluss stehenden Protagonisten ergeben.

1. Die Darstellung des Hofes

Der Struktur des Artusromans folgend beginnt auch Hartmanns Iwein - nach einem kurzen Prolog,

in dem er (anders als Chrétien) seine Verfasserschaft bezeugt - mit einem Fest1. Zu Pfingsten haben sich auf Karidôl zahlreiche vorbildliche Ritter um König Artus versammelt, darunter auch Iwein und Gawein. Obschon das Pfingstfest prächtiger ist als je zuvor ("daz er vordes noch sît/ deheine schoener nie gewan", v. 36, 37), bekommt das Idealbild des Hofes bald Risse. Denn Königin und König haben sich anstatt ihren Gästen Gesellschaft zu leisten in die Privatsphäre der Kemenate zurückgezogen, und das nicht aus Müdigkeit, wie Hartmann mit besonderem Nachdruck betont, sondern der Liebe wegen2.

Die Ritter unterdessen lassen sich von einer wenig ruhmreichen Erzählung Kalogrenants unterhalten, der berichtet, wie er vor zehn Jahren (bei Chrétien sind es lediglich sieben3) im Zweikampf mit Ascalon, dem Verteidiger des Brunnenreiches, eine tiefe Schmach erleiden musste. Unter Verstoß gegen das Fehderecht hatte er diesen ohne Fehdeerklärung (mindestens drei Tage und drei Nächte im voraus4) herausgefordert, indem er dem Rat eines Wilden ("ungehiure", v. 526) folgend dessen Reich verwüstet hatte. Die Erzählung Kalogrenants nun wird zum Auslöser für Iweins eigene âventiure, welche nur vordergründig der Ehrenrettung seines Vetters (v. 805-7) dient. In Wirklichkeit sucht Iwein das Abenteuer, um eigene êre zu erlangen. In exakter chronologischer Abfolge vollzieht er den Weg Kalogrenants nach, findet Herberge in derselben Burg wie sein Vetter, begegnet im Wald von Breziljan dem gleichen wilden Menschen, findet und begießt die Zauberquelle, löst ein verheerendes Unwetter aus und muss sich schließlich seinerseits im Kampf gegen Ascalon behaupten. Abgesehen davon, dass die Erzählung von Iweins Eingangsâventiure im Vergleich zu der Kalogrenants deutlich verkürzt ist, finden sich auch bedeutende inhaltliche Unterschiede: denn im Gegensatz zu Kalogrenant gelingt es Iwein, den Verteidiger des Brunnenreiches tödlich zu verwunden, und das nicht genug, er eilt dem Flüchtenden âne zuht bis zu dessen Burg nach, um ihn vor Zeugen töten und die êre des Sieges zweifelsfrei für sich beanspruchen zu können. Die Rücksichtslosigkeit, mit der er einen ebenbürtigen Ritter ohne Grund, dafür aber nicht ohne Vorsatz ermordet, scheint das verzerrte oder doch jedenfalls stark verengte âventiure-Verständnis Kalogrenants5 wiedergeben und bekräftigen zu wollen. Die vereinfachte Definition der âventiure6 als eines Mittels, die eigenen ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist bei Iwein bereits internalisiert. Dass er um ihretwillen das Leben Ascalons opfert, scheint ihn nicht im mindesten zu bekümmern. Einzig reut ihn, dass er die treue Laudine tief bekümmert hat (und gemäß der Minnenorm schult auf sich lädt7). Welche Bedeutung die von Anfang an glühende Liebe zu Laudine für den Protagonisten hat und wie sie sich auf sein Selbstverständnis auswirken wird, soll im folgenden erörtert werden.

2. Ehe als Rechtsvertrag

Anders als gegen den Wahnsinn scheint gegen die Macht der Liebe kein Kraut gewachsen zu sein. Iwein, der sich vom Sieg über Ascalon lediglich soziale Anerkennung erhoffte, sieht sich unerwartet mit einem Moment konfrontiert, das er nicht einkalkulieren konnte: er verliebt sich in die Witwe des unglücklichen Gegners. Seine Vernarrtheit lässt ihn die Gefahr vergessen, in der er sich befindet.

Er ist ein gesuchter Mörder, gefangen in der Burg seines Opfers. Aus dieser prekären Lage vermag er sich aus eigener Kraft nicht zu befreien. Und so ist es einer weiteren Frauengestalt, Lunete, zu verdanken, dass er (mithilfe eines Zaubers) den Nachstellungen der wütenden Rächern ebenso entgeht wie einem unehrenhaften Tod („in a dishonorably female way“ 8). Gleichwohl erweist sie ihm diese Gnade nicht aus Mitgefühl, sondern vielmehr, um eine alte Schuld abzugleichen:

denn vor einiger Zeit hatte Iwein ihr am Artushof trotz ihrer „unhövescheit“ den „gruoz“ entboten und ihr damit Ehre erwiesen (vgl. 1181-1197). Im Laufe des Romans entwickelt sich Lunete zur Schlüsselfigur in der Vermittlung zwischen Laudine und Iwein und geht erhebliche Risiken ein, bis hin zur Gefährdung des eigenen Lebens. Doch damit nicht genug, Iwein begehrt von ihr, eine Verbindung zwischen ihrer Herrin und sich, dem Mörder, in die Wege zu leiten.

Mit diesem Vorhaben stößt sie jedoch zunächst auf taube Ohren, denn die trauernde Laudine ist durchaus nicht gewillt, ihrem toten Mann die Treue zu brechen. Ihr Schmerz über den Verlust sitzt tief, so tief wie der Hass gegen den noch unbekannten Mörder Ascalons. Doch der Einfluss Lunetes auf die Entscheidungen ihrer Herrin ist groß, sie besitzt ihr vollstes Vertrauen. Geschickt taktierend gelingt ihr das aussichtslose Vorhaben: sie spricht die Herrscherin in Laudine an und vermag sie von der Notwendigkeit einer Vermählung mit Iwein zu überzeugen. Und so willigt sie (was Iwein nicht (an)erkennen kann und was ihm an späterer Stelle zum Verhängnis wird9) keineswegs in eine Liebesheirat (eine sog. mariage d'inclination) ein, sondern in eine schlichte Konvenienzehe, deren Sinn und Zweck allein im Schutz des Herrschaftsgebietes und der darin lebenden Menschen besteht10. Politische Erwägungen stehen für die verantwortungsvolle Laudine im Zweifel eindeutig über persönlichen Erwägungen und so muss sie die eigenen Gefühle unterdrücken und ein Übel für sich in Kauf nehmen11, um Schaden von den Untertanen abzuwenden. Die Eheschließung bedarf als öffentlicher Akt der Zustimmung der Truchsessen und muss in diesem Fall vor allem rasch geschehen, solange das Land ohne Verteidigung und feindlichen Übergriffen schutzlos ausgeliefert ist12. Diese Bedrohung ist nicht nur wahrscheinlich, sondern geradezu unausweichlich, hat doch König Artus beim Namen seines Vaters Rache für die Schande geschworen, die seinem Ritter Kalogrenant angetan wurde13; innerhalb von zwei Wochen will er mit einem Großaufgebot in Laudines Brunnenreich einrücken, um dessen Namen reinzuwaschen und die Ehre der gesamten Artusritterschaft wiederherzustellen.

Vor diesem Hintergrund scheint es nicht nur unangebracht, sondern geradezu sinnwidrig, will man Laudine als leicht getröstete Witwe darstellen. Wer ihr die rasche Heirat vorwirft und die Echtheit ihrer Trauer um Ascalon anzweifelt, verkennt, dass die Entscheidung zur Eheschließung der Not gehorcht und nicht dem eignen Willen. Unter solchen Umständen, stellt Gert Kaiser fest, konnte die schnelle Wiedervermählung einer "politisch exponierten Witwe" wie Laudine durchaus gerechtfertigt sein und "auf Billigung durch den Zeitgeist" hoffen.14

3 Iweins Herrschaft über das Brunnenreich

3.1 Der Irrweg zur Macht

Anstatt einer gerechten Strafe für den Mord an Ascalon zugeführt zu werden, gewinnt also Iwein durch seine Schandtat "vrouwen unde lant" (v. 2420) und emanzipiert sich so unversehens vom Artushof. Denn nun hat er sich selbst Besitz und Macht erworben und wird damit faktisch autonom. So ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass er sich in der ersten Kampfhandlung nach der Hochzeit ausgerechnet einem Artusritter entgegenstellt. Es ist Keie, der den Protagonisten zu Beginn des Romans verspottet und verhöhnt hatte. Mit spielerischer Leichtigkeit straft Iwein seine Unterstellung Lügen, der Wein habe ihn damals übermütig gemacht und ihm den sonst fehlenden Mut eingegeben; er stößt ihn "ûz dem satel als ein sac" (v. 2585) und zahlt ihm seine Lästereien und Verächtlichkeiten zurück. Damit ereilt Keie ein ähnliches Schicksal wie Kalogrenant; die Parallele zu dessen Erzählung ist auch hier unverkennbar. Anders als bei dessen Niederlage jedoch bezeugt die versammelte Ritterschaft Keies Fall; die Öffentlichkeit, die er sich bei seiner üblen Nachrede so gekonnt zunutze gemacht hatte, nimmt nun - sicher nicht ohne Genugtuung - Keies Demütigung zur Kenntnis.

Der Iwein zum Ruhme und Keie zur Schande gereichende Kampf - das sollte trotz der komischen Wirkung dieser Szene nicht verkannt werden - stellt für Iwein die erste Bewährungsprobe am eigenen Hofe dar; er muss unter Beweis stellen, dass er für die Landesverteidigung geeignet ist und das Territorium auch in Zukunft vor feindlichen Angriffen beschützen kann; das Ergebnis dieser Probe teilt uns der Erzähler unmittelbar über die Gedanken Laudines mit. Ihr Urteil: "ich hân wol gewelt" (v. 2682).

Die schändliche Ermordung Ascalons, die Iweins erste eigene Herrschaft mittels einer geradezu paradoxen Verbindung zwischen dem Mörder und der Herrscherin erst ermöglicht hatte15, scheint nun beinahe vergessen (wenngleich die Schuld freilich nicht getilgt ist!). Laudine beginnt allmählich zu realisieren, dass sich Iwein ihr und ihrem Hofe als nützlich erweisen kann. Das scheint ihr vollends bewusst zu werden, als sie König Artus als Gast willkommen heißen darf und sich dieser lobend über ihre Burg äußert, in der "werc und willen (...) ze hûs" seien16. Damit ist die Herrschaft Iweins von der höchsten weltlichen Autorität sanktioniert und legitimiert, der "joie de la court" am Hofe Laudines scheinen fortan keine Grenzen mehr gesetzt zu sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Hartmann von Aue: Iwein
Untertitel
Das Regiment der Liebe
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hartmann von Aue: Iwein
Note
1.7
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V94330
ISBN (eBook)
9783640105960
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann, Iwein
Arbeit zitieren
Tobias Rösch (Autor), 2005, Hartmann von Aue: Iwein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94330

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