Einhergehend mit dem von der 68er Bewegung hervorgebrachten Wandel des pädagogischen Grundverständnisses, welches im Zuge einer sich parallel zur Frauenemanzipation vollziehenden Emanzipation des Kindes entsteht , erfährt die Kinder- und Jugendliteratur in den 70er Jahren eine deutliche Aufwertung. War es zuvor zentrales Anliegen der KinderbuchautorInnen, Kindheit in einem Freiraum fernab sozialer Lebenswirklichkeit abzubilden und kindliche Autonomiebestrebungen außerhalb dieser darzustellen, geht es nun vorrangig um eine literarische Vergegenwärtigung eines absolut gleichberechtigten Kindheitsverständnisses. Nach dieser neuen Kindheitsauffassung sollen Heranwachsende zunehmend in den Erwachsenenalltag integriert werden. Die primäre Intention der Kinderliteratur unterscheidet sich nun insofern von der der bis dato verbreiteten „kindertümlichen“ Literatur, als letztere sich zwar ebenso für die Rechte Heranwachsender aussprach, diese aber ausschließlich in einem Erfahrungsraum außerhalb der Gesellschaft realisiert wurden. Hierbei handelte es sich vorrangig z.B. um das Recht auf „Unbeschwertheit“, „Naivität“ oder darauf,„an das Wunderbare zu glauben“ ; um andere Rechte also, als diejenigen, welche im ,realen’ sozialen Kontext der Erwachsenenwelt von primärer Relevanz sind. Im Kontrast dazu begreift die Kinderliteratur nach 1970 Kinder zunehmend als vollkommen gleichgestellte Individuen und sieht gerade im „Zusammenleben mit den Erwachsenen“ außerhalb eines solchen Schonraumes die zu bewältigende Herausforderung für Kinder. Sie gewährt ihnen diese speziellen Rechte somit nicht, wie bisher, lediglich innerhalb einer isolierten, rein kindlichen Welt, sondern gesteht ihnen fortan exakt dieselben Rechte wie Erwachsenen in einem identischen sozialen Kontext zu . Hans-Heino Ewers spricht in diesem Zusammenhang von einer „Liquidierung des Standes der Kindheit als einer Gegenwelt“. Im Fokus der Kinderliteratur stehen nunmehr dieselben gesellschaftlichen Themen, welche auch die Erwachsenenliteratur behandelt, wobei auf eine „allgemeine Kindgemäßheit“ verzichtet wird. Die Kinderliteratur soll fortan einen unbeschönigten Wirklichkeitsbezug aufweisen und erhebt den Anspruch, Alltagsprobleme in ebenso kritischer Weise wie die Erwachsenenliteratur zu beleuchten. So führt die Kinderliteratur der 70er Jahre ihren kindlichen LeserInnen laut Isa Schikorsky „auch die dunklen Seiten des Alltags in Familie und Gesellschaft“ vor.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Vorbemerkung: Kinderliteratur im Wandel
1.2 Vorgehensweise
2 Textanalyse
2.1 Beate Dölling: „Anpfiff für Ella“
2.1.1 Zum Text – Aktualitätskriterien eines zeitgemäßen Kinderbuches
2.1.2 Die familiäre Situation – der moderne Verhandlungshaushalt im ,intakten’ familiären Umfeld
2.1.3 Geschlechterrollen – die berufstätigen Eltern, das ,starke’ Mädchen und der ,schwache’ Junge
2.1.4 Freundschaft als Sozialisationsfaktor
2.2 Joachim Masannek: „Die Wilden Fussballkerle“
2.2.1 Zum Text – Anatomie einer erfolgreichen Kinderbuchreihe
2.2.2 Familienkonstellationen
2.2.2.1 Der Tod eines Elternteils. Der freundschaftliche Vater, die wertkonservative Großmutter
2.2.2.2 Der liberale Vater und die Geschwisterbeziehung
2.2.2.3 Weitere Familien- und Erziehungsformen: Vom hierarchischen Befehlshaushalt bis zum Laissez-Faire
2.2.3 Kindliche Sozialisation und Identitätskonstruktion im Kontext von Peerbeziehungen – Individualität in der Gleichaltrigengruppe
2.2.4 Kontextualisierte Geschlechtersozialisation
2.2.4.1 Geschlechterrollen der Eltern- und Großelterngeneration
2.2.4.2 Androgynität eines Mädchens – Positiv verstandene Emanzipation oder Weiblichkeitsverleugnung?
2.2.4.3 Das ,starke schwache’ Mädchen – Weiblichkeit als ,neue’ Tugend
2.2.4.4 Der dominante Junge als Anführer
2.2.4.5 Der vernünftige Bruder
2.3 Beate Dölling: „Kaninchen bringen Glück“
2.3.1 Zum Text – ein Kinderbuch als Plädoyer für Nonkonformität
2.3.2 Familiäre Konflikte und deren Bewältigung: Trennung der Eltern und konfliktäre Mutter-Tochter-Beziehung
2.3.3 Zwischen traditionellen und modernen Geschlechterrollenkonzepten
2.4 Sigrid Zeevaert: „Mia Minzmanns Mäusezucht“
2.4.1 Zum Text – ein kindgerechtes ,Problembuch’
2.4.2 Die allein erziehende Mutter
2.4.3 Geschlechterrollen – die lebenstüchtige Mutter, das starke, einfühlsame Mädchen und der hilfsbereite Junge
2.4.4 Konfliktbewältigung in der Freundschaft – die reziproke Freundschaft als Wert oberster Priorität
2.5 Vanessa Walder: „Ferien, Chaos und Familie“
2.5.1 Zum Text – kindliche Lebenswelten: urbaner Lebensraum versus ländliches Idyll
2.5.2 Familiäre Geborgenheit statt elterliches Karrierestreben
2.5.3 Die ,chaotische Heldin’, die ,perfekte’ Mutter und die unkonventionelle Großmutter
2.5.4 Die Mädchenfreundschaft als zentraler Wert
3 Resümee: Familie, Geschlechterrollen und Peergroup im Kinderbuch nach 2000
3.1 Formale Aspekte
3.2 Figurenzeichnungen
3.3 Familien- und Erziehungsformen
3.4 Geschlechterrollen
3.5 Freundschaft, Peergroup und erste Liebe
4 Kinderliteratur nach 2000 im Kontext gesellschaftlicher Realität
4.1 Geschlechterrollenwandel: von einer Entpolarisierung der Geschlechterrollen zu einer neuen Mehrdimensionalität
4.2 Chancen und Risiken des Individualismus – Konsumkindheit, Medienkindheit und Multioptionalismus als kinderliterarische Herausforderungen
5 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit aktuelle gesellschaftliche Entwicklungstendenzen – insbesondere im Kontext von Individualisierung und Modernisierung – in der realistischen Kinderliteratur nach 2000 abgebildet werden. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Transformation von Figurenkonstellationen sowie die kinderliterarisch relevanten Motive Familie, Geschlechterrollen und Peergroup, um festzustellen, ob ein grundlegender Paradigmenwechsel gegenüber der Kinderliteratur der 90er Jahre erfolgt ist.
- Realistische Darstellung kindlicher Lebenswelten im 21. Jahrhundert
- Analyse familiärer Erziehungsstile und Familienformen (z.B. Verhandlungshaushalt)
- Kontextualisierte Geschlechtersozialisation und deren Wandel
- Die Rolle der Peergroup und Freundschaft als Sozialisationsinstanz
- Vergleich der Ergebnisse mit existierenden sozialwissenschaftlichen Theorien
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Zum Text – Aktualitätskriterien eines zeitgemäßen Kinderbuches
Beate Döllings „Anpfiff für Ella“ lässt sich in vielen Aspekten als exemplarisch für die literarische Darstellung eines zeitgemäßen kindlichen Lebensgefühls des beginnenden 21. Jahrhunderts einstufen. Das Buch thematisiert auf äußerst unterhaltsame und realitätsnahe Weise zentrale kinderliterarische Motive wie geschwisterliche Konflikte, Freundschaft, erste Liebe, Eifersucht und Geschlechterrollen. In personaler Erzählform schildert die Autorin einfühlsam die Geschichte der zehnjährigen Ella und ihres knapp ein Jahr älteren Bruders Lino, deren Verhältnis von Machtkämpfen geprägt ist. Die beiden teilen die Leidenschaft für den Fußball und haben seit jeher zusammen Fußball gespielt. Die Situation ändert sich jedoch plötzlich, als Lino Ella in seiner Funktion als Mannschaftskapitän einer neu gegründeten Schulfußballmannschaft plötzlich vom Fußballtraining ausschließt, indem er ihr aufgrund ihres Geschlechts den Eintritt in diese Mannschaft verwehrt. Besonders eindrucksvoll schildert Beate Dölling nun den durch diesen Zwist ausgelösten Konkurrenzkampf der Geschwister, bei dem es sich zugleich um einen Geschlechterkampf handelt. Sie illustriert somit das Streben eines Mädchens nach Anerkennung in einem männlich dominierten Sport und gleichzeitig den Selbstbehauptungskampf eines Jungen, der sich zunehmend in seiner männlichen ,Dominanz’ bedroht sieht, ganz besonders dann, als Ella, die von Malle, einem seiner schärfsten Konkurrenten, in eine gemischtgeschlechtlichen Fußballmannschaft aufgenommen wird, dort große Erfolge erzielt und für Lino somit die Gefahr besteht, dass seine Schwester ihm seine Position streitig macht. Auch wenn es sich hierbei um einen durchaus ernsten und problematischen Konflikt handelt, gelingt es der Autorin doch, gerade die geschwisterlichen Positionskämpfe, die meist am Frühstückstisch in Form heftiger Wortgefechte ihren Ausdruck finden, durch eine ausgesprochen heitere Erzählhaltung ihrem kindlichen bis präpubertären Publikum auf ansprechende Weise nahe zu bringen. Die für die Dialoge der Geschwister verwendete Sprache kann als durchaus realitätsnah eingestuft werden:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet den Wandel der Kinderliteratur seit den 1970er Jahren und legt die methodischen Grundlagen für die Untersuchung aktueller realistischer Werke.
2 Textanalyse: In diesem Kapitel erfolgt eine detaillierte, in fünf Abschnitte gegliederte Literaturanalyse ausgewählter Werke, wobei insbesondere Motive wie Familie, Geschlechterrollen und Peergroup kontrastiv untersucht werden.
3 Resümee: Familie, Geschlechterrollen und Peergroup im Kinderbuch nach 2000: Hier werden die Ergebnisse der Textanalysen zusammengeführt und hinsichtlich formaler Aspekte sowie inhaltlicher Motive resümiert.
4 Kinderliteratur nach 2000 im Kontext gesellschaftlicher Realität: Dieses Kapitel verortet die Erkenntnisse in aktuellen sozialwissenschaftlichen Kontexten, insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollenwandel und Individualisierung.
5 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion der Ergebnisse und einer Einordnung des Wandels der Kinderliteratur ab.
Schlüsselwörter
Realistische Kinderliteratur, Familie, Geschlechterrollen, Peergroup, Sozialisation, Identitätskonstruktion, Verhandlungshaushalt, Mädchenfreundschaft, Individualisierung, Moderne, Kindheit, Kindheitsbild, Literaturanalyse, Erziehungsstile, Geschlechterrollenwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Abschlussarbeit analysiert realistische Kinderliteratur nach dem Jahr 2000, um zu untersuchen, wie aktuelle kindliche Lebenswelten und gesellschaftliche Entwicklungen in diesen Texten dargestellt und bewertet werden.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf die Motive Familie, Geschlechterrollen und Peergroup, ergänzt durch die Analyse von Freundschaftsbeziehungen und individuellen Entwicklungsprozessen der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aktuelle Entwicklungstendenzen innerhalb der Kinderliteratur aufzudecken und durch einen Vergleich mit den Ergebnissen von Anita Schilcher zu prüfen, ob sich ein grundlegender Wandel in der realistischen Kinderliteratur vollzogen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf exemplarischen Textanalysen von sieben ausgewählten kinderliterarischen Werken, die durch eine Kontrastierung mit bestehenden sozialwissenschaftlichen und literaturwissenschaftlichen Theorien theoretisch eingeordnet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Textanalyse konkreter Kinderbücher, eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse sowie eine theoretische Einordnung dieser Erkenntnisse in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie "Realistische Kinderliteratur", "Geschlechterrollen", "Peergroup", "Sozialisation" und "Individualisierung" charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt der Peergroup in den analysierten Werken zu?
Die Peergroup fungiert in vielen der untersuchten Werke als ein zentraler Ort der Selbsterprobung und Selbstbehauptung, der gegenüber früheren Jahrzehnten eine deutliche Bedeutungszunahme erfahren hat.
Wie werden moderne Familienkonstellationen dargestellt?
Die untersuchten Texte zeichnen moderne Erziehungsstile, insbesondere den "Verhandlungshaushalt", in dem Kinder vermehrt als gleichberechtigte Gesprächspartner in Entscheidungsprozesse integriert werden.
- Arbeit zitieren
- Sabine Hildebrand (Autor:in), 2007, Schlüsselmotive der realistischen Kinderliteratur nach 2000: Familie, Geschlechterrollen und Peergroup, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94333