Diese Arbeit soll sich der Frage annehmen, wie für diese Kinder- und Jugendlichen eine Passung der Hilfe gelingen kann. Eine Passung beschreibt die Notwendigkeit, Brüche zwischen den Lebenswelten des Kindes/ Jugendlichen und seiner Familie zu vermeiden und die Anschlussfähigkeit zwischen den Unterstützungsangeboten und der biografischen Vorgeschichte zu gewährleisten. Es wird sich also mit der Frage befasst, welche Strukturelemente gegeben sein müssen, damit eine Hilfe auch für diese Gruppe gelingen kann und ein weiteres Herausfallen vermieden wird.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde einerseits auf bestehende Vorschläge zurückgegriffen und andererseits ein empirisches Forschungsvorgehen ausgewählt. Es wurden zwei leitfadengestützte Experteninterviews durchgeführt und mittels des Instruments der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse daraus zeigen unter anderem die Notwendigkeit der Implementierung einer sozialpädagogischen Diagnostik für ein tieferes Fallverstehen und die Öffnung der Strukturen von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Dies würde zum einen erlauben, die Bedürfnisse der Adressat*innengruppe besser ermitteln und zum anderen auch Strukturen auf den Einzelfall abstimmen zu können.
Von der Pflegefamilie in eine Wohngruppe, von dort aus in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und wieder zurück in eine andere stationäre Wohnform. Dieser Hilfeverlauf ist für die Gruppe der sogenannten jugendlichen „Systemsprenger typisch. Diese Kinder und Jugendliche haben ein erhöhtes Gewaltpotenzial und verweigern oftmals den Schulbesuch. Sie sind eigen- und fremdgefährdend, laufen häufig weg und bleiben auch mal tagelang fern.
Oftmalig werden sie zwischen ambulanten und (teil-) stationären Hilfen zur Erziehung und der Kinder- und Jugendpsychiatrie hin und hergeschoben. In regelmäßigen Abständen werden Hilfen aus unterschiedlichen Gründen beendet. Aufgrund ihrer Verhaltensweisen werden ihnen vielfältige psychiatrische Diagnosen zugewiesen. Für sie kann scheinbar keine passende Hilfeform gefunden werden und der Verbleib in der Familie ist auch keine Option.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Biografie und Lebenslauf
2.2. Lebensphase Jugend
2.3. Konzept der Lebensbewältigung
2.4. (Norm-) abweichendes Verhalten
2.5. Lebensweltorientierung
2.6. Verstehende subjektlogische Diagnostik
3. Das System „Hilfen zur Erziehung“ nach SGB VIII
3.1. Das Herausfallen aus dem System
3.2. Heranführung an den Begriff „Systemsprenger“
4. Zum wissenschaftlichen Diskurs
5. Hilfreiche Strukturen
5.1. Die pädagogische Haltung
5.2. Die institutionelle Ebene
5.3. Das Betreuungssetting
5.4. Die Entstehung des Leitfadens aus den Erkenntnissen
6. Empirisches Vorgehen
6.1. Erhebungsinstrument: Experteninterview
6.2. Auswertungsinstrument: Qualitative Inhaltsanalyse
6.3. Gütekriterien und Reflexion
7. Ergebnisse
7.1. Fallzusammenfassungen
7.2. Analyse
7.2.1. Vorbereitung der Hilfe
7.2.2. Durchführung der Hilfe
7.2.3. Umgang mit dem Kostenträger
7.2.4. Diagnostik
7.2.5. Partizipation des jungen Menschen
7.2.6. Elternarbeit
7.2.7. Beziehungsqualität
7.2.8. Persönlichkeit und Qualifikation der Professionellen
7.3. Interdisziplinäre Fallberatung
7.4. Theorie-Praxis-Transfer
7.4.1. Kritische Betrachtung der Ergebnisse
7.4.2. Wie kann eine Passung der Hilfe gelingen?
8. Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie eine Hilfe innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe für Jugendliche mit komplexen Lebens- und Hilfeverläufen („Systemsprenger“) so angepasst werden kann, dass Brüche in der Biografie vermieden werden und eine gelingende Passung der Unterstützung möglich wird. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf notwendige Strukturelemente und die professionelle Haltung, um ein „Herausfallen“ aus dem System zu verhindern.
- Analyse der Lebenswelt und der Bewältigungsstrategien junger Menschen mit komplexen Hilfeverläufen.
- Untersuchung von institutionellen Eskalationsprozessen in der stationären Erziehungshilfe.
- Erforschung hilfreicher pädagogischer Strukturen, wie etwa der „verstehenden subjektlogischen Diagnostik“.
- Empirische Auswertung leitfadengestützter Experteninterviews zur Praxis von stationären Hilfen.
- Entwicklung von Perspektiven für eine bedarfsgerechte Hilfeplanung und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Herausfallen aus dem System
Die Anzahl der jungen Menschen, die aus dem System der Hilfen zur Erziehung herausfallen, beläuft sich auf ungefähr 10-15%, gemessen an der Anzahl derjenigen, die diese Hilfen in Anspruch nehmen. Baumann ermittelt hier einen durchschnittlichen Wert von 13,93% innerhalb des Einzugsgebietes der Studie „Kinder, die Systeme sprengen“. Dieses Ergebnis bezieht sich auf die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Zeitraum von 2 Jahren ein vollstationärer Wohngruppenplatz durch einen jungen Menschen beansprucht wird, der sich als nicht haltbar zeigt (vgl. Baumann 2020: 27). Die Hilfeformen werden aufgrund von schwierigen bzw. krisenhaften Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen frühzeitig abgebrochen. Eine neue Hilfeform zu finden gestaltet sich immer schwerer, da auch die individuellen Fälle an Komplexität und Vielschichtigkeit gewinnen (vgl. Schwabe 2014: 53 ff.). Junge Menschen, die also in regelmäßigen Abständen wiederholt aus den Jugendhilfemaßnahmen herausfallen, werden unter folgenden Begrifflichkeiten zusammengefasst und vermischt: „schwierige“ Jugendliche, „Problemjugendliche“, „Erziehungsresistent“, „Schwererziehbar“ und jugendliche „Systemsprenger“ (vgl. Baumann 2020: 13 f., Witte/Sander 2006: 7 ff.). Witte und Sander kontrastieren diese Kinder und Jugendlichen als die „[…] besonders Schwierigen, die den Rahmen jeder Institution sprengen. Die Jugendlichen pendeln rastlos über viele Jahre zwischen Familie, Jugendhilfe, Straße, Psychiatrie und schließlich auch Gefängnis“ (Witte/Sander 2006: 7). Dieses Zitat zeigt deutlich die Grenze und das Scheitern des Hilfesystems auf mehreren Ebenen der professionellen Hilfe. Die Gründe dafür werden durch ein bestimmtes Verhalten der Zielgruppe deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik von sogenannten „Systemsprengern“ ein und verdeutlicht die Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die relevanten theoretischen Ansätze, insbesondere die Lebensphase Jugend, das Konzept der Lebensbewältigung und die verstehende subjektlogische Diagnostik.
3. Das System „Hilfen zur Erziehung“ nach SGB VIII: Es wird das System der Hilfen zur Erziehung beschrieben und analysiert, warum bestimmte Jugendliche aus diesen Strukturen herausfallen.
4. Zum wissenschaftlichen Diskurs: Hier erfolgt ein Überblick über aktuelle Studien und Forschungsprojekte, welche die Grundlagen für die vorliegende Untersuchung bilden.
5. Hilfreiche Strukturen: Dieses Kapitel stellt pädagogische Haltungen und institutionelle Rahmenbedingungen vor, die für die Arbeit mit der Zielgruppe als hilfreich identifiziert wurden.
6. Empirisches Vorgehen: Die methodische Vorgehensweise, bestehend aus Experteninterviews und der qualitativen Inhaltsanalyse, wird dargelegt und begründet.
7. Ergebnisse: Die Untersuchungsergebnisse werden deskriptiv dargestellt, analysiert und in den Kontext der Fragestellung zur „Passung der Hilfe“ gesetzt.
8. Schlussbetrachtung und Ausblick: Diese Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und diskutiert Implikationen für die zukünftige Gestaltung von Erziehungshilfen.
Schlüsselwörter
Kinder- und Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, Systemsprenger, stationäre Hilfen, (norm-) abweichendes Verhalten, verstehende subjektlogische Diagnostik, Lebensbewältigung, Jugendphase, Pädagogische Haltung, Institutionelle Eskalation, Sozialpädagogik, Fallverstehen, Partizipation, Bindungstheorie, Jugendamt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Kindern und Jugendlichen, die in der Erziehungshilfe als „Systemsprenger“ bezeichnet werden. Sie untersucht, wie das Unterstützungssystem an deren komplexe Lebensverläufe angepasst werden kann, um Hilfsabbrüche zu verhindern.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die systemischen Bedingungen der Kinder- und Jugendhilfe, die pädagogische Haltung gegenüber „störendem“ Verhalten sowie die Bedeutung von Diagnostik und Fallverstehen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Strukturelemente zu identifizieren, die eine gelingende „Passung der Hilfe“ ermöglichen, damit betroffene junge Menschen Anschluss an Unterstützungsangebote finden und nicht aus dem System herausfallen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein qualitatives Forschungsvorgehen gewählt, das auf leitfadengestützten Experteninterviews basiert und mittels einer inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet wurde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen, bewertet den Stand der Forschung zu „Systemsprengern“, beleuchtet hilfreiche Strukturen für die Praxis und präsentiert die empirischen Erkenntnisse aus den Experteninterviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Systemsprenger“, „Hilfen zur Erziehung“, „verstehende subjektlogische Diagnostik“, „Lebensbewältigung“ und „institutionelle Eskalation“ charakterisieren.
Was ist mit dem Begriff „Systemsprenger“ in diesem Kontext gemeint?
Der Begriff beschreibt kein Etikett für das Kind selbst, sondern ein Prozessgeschehen, bei dem eine Hilfe aufgrund schwerwiegender Verhaltensweisen von der Einrichtung abgebrochen wird, weil das System an seine Grenzen stößt.
Welche Rolle spielt die „verstehende subjektlogische Diagnostik“?
Sie dient als Instrument, um Verhalten nicht als reine Störung zu betrachten, sondern als sinnvolle (wenn auch nonkonforme) Bewältigungsstrategie des jungen Menschen in seiner aktuellen Lebenslage zu verstehen.
Was schlagen die Experten für die Praxis vor?
Die Experten betonen die Notwendigkeit flexibler Strukturen, eine wertschätzende pädagogische Haltung, den Verzicht auf „Machtkämpfe“ sowie die Bedeutung von Partizipation und die Mitgestaltung von Übergängen, um eine Abschiebedynamik zu vermeiden.
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- Bianca Müller (Author), 2020, Systemsprenger in der Erziehungshilfe. Wie kann eine Optimierung der Hilfe gelingen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/943448