Die Entstehung einer neuen Unterschicht durch Massenarbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 2,25


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung der Langzeitarbeitslosigkeit seit 1973

3. Analyse der betroffenen Bevölkerungsmilieus

4. Die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit durch den Staat

5. Langzeitarbeitslose als neue Unterschicht?

6. Abschließende Bemerkungen

7. Abbildungsverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die 1970er Jahre stellten wirtschaftlich und arbeitsmarkttechnisch einen Bruch für die Bundesrepublik Deutschland dar. Nachdem man nach Vollbeschäftigung in Zeiten des Wirtschaftwunders und der Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland in den 1960er Jahren angenommen hatte, dass Arbeitslosigkeit ein Phänomen der Vorkriegsera war, begann nach der Ölkrise und durch den laufenden Strukturwandel ein Einsetzen der heute noch vorhandenen Massenarbeitslosigkeit, welche inzwischen wieder fast die Dimensionen vergleichbar der Zahlen in der späten Weimarer Republik erreicht hat. Eine dabei besonders problematische Gruppe stellt dabei die Gruppe der Langzeitarbeitslosen dar. Dieser Begriff umschreibt Menschen, die bereits länger als ein Jahr arbeitslos sind und bedingt dadurch immer schlechtere Möglichkeiten haben, wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. Da die Zahlen in der Gruppe seit den 1970er Jahren immer stärker ansteigen, soll ein besonderer Focus auf diese Problematik gelegt werden.

Im Rahmen dieser Hauptseminararbeit soll die Frage geklärt werden, wodurch die hohe Arbeitslosigkeit in dieser Zeit zustande kam bzw. welche Theorien zu der Thematik existieren, weiterhin, wie aus der Massenarbeitslosigkeit die Langzeitarbeitslosigkeit resultiert, welche Bevölkerungsgruppen oder Milieus besonders gefährdet sind, wie der Staat seit dem Jahr 1973 dieses Phänomen bekämpft hat und schließlich eine Bewertung, wie erfolgreich er dabei war. Zwar ist der zeitliche Rahmen bedingt durch den das zugrunde liegende Seminar auf die Jahre einschließlich 1989 beschränkt, jedoch bietet sich aus aktuellem Anlass auch eine weiterführende Betrachtung der Folgejahre bis heute an. Danach wird die Kernthematik behandelt, ob diese Gruppe der Langzeitarbeitslosen als neue Unterschicht betrachtet werden kann bzw. welche Kennzeichen diese aufweist. Schließlich sollen mögliche Wege und Ansätze betrachtet werden, diese Problematik zu lösen bzw. die Frage aufgeworfen werden, ob dieses Problem politisch eventuell einen gewünschten Zustand darstellt, da Alternativen gesellschaftlich auf wenig Akzeptanz stoßen würden.

2. Die Entstehung der Langzeitarbeitslosigkeit seit 1973

Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Nebeneffekt der Massenarbeitslosigkeit. In Zeiten, in denen ein klares Überangebot von Arbeitskräften einer geringen Nachfrage gegenübersteht, haben Arbeitgeber bei der Vergabe einer Stelle große Auswahlmöglichkeiten und können somit viele Bewerber aussortieren. Dadurch ergibt es sich, dass einige Bewerber auch bei zahlreichen Bewerbungen in einem langen Zeitraum immer wieder durch das Raster fallen. Die Gründe dafür sind vielschichtig (Alter, Herkunft, Qualifikation, etc.) und sollen in einem späteren Kapitel nochmals genauer betrachtet werden. Um die Langzeitarbeitslosigkeit im Bezug auf die Massenarbeitslosigkeit als Ausgangspunkt zu analysieren, soll daher zunächst der Strukturwandel in der Bundesrepublik Deutschland und verschiedene Theorien zur Arbeitslosigkeit aufgezeigt werden.

2.1 Der Fortschritt des Strukturwandels in der Bundesrepublik Deutschland

Ausgangslage für die Situation steigender Arbeitslosigkeit liegt unter anderem im Strukturwandel begründet, welcher ab Mitte der 1950er Jahre einsetzt. Im Zuge der Technisierung und durch den Einsatz modernerer Arbeitsmethoden und Produktionshilfsmittel verschwinden vor allem im primären und teilweise auch im sekundären Sektor zahlreiche Arbeitsplätze. Zunächst setzt dieser Prozess stark in der Landwirtschaft ein, da hier immer weniger Personal zur Produktion der gleichen Menge an Gütern benötigt wird. Dies trifft vor allem den traditionellen Beruf des Knechtes, sowie Erntehelfer oder die mithelfenden Familienangehörigen. Hier wird schon in den 1950er Jahren eine große Anzahl an Arbeitsplätzen abgebaut. Dieser Prozess beginnt ab den 1960er Jahren auch in der Industrie, da hier durch Maschineneinsatz vor allem Mitarbeiter für die einfachen Assemblierungstätigkeiten nicht mehr benötigt werden. Als weiterer Faktor kommt in beiden Sektoren allerdings noch die steigende Konkurrenz aus dem Ausland hinzu, welche verschiedene landwirtschaftliche oder industrielle Güter billiger zu ähnlicher Qualität herstellen kann.

Dieser Prozess setzt sich nach dem vom dieser Seminararbeit als Schwerpunkt gesetzten Bereich von 1970 - 1989 noch weiter fort:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während Land- und Forstwirtschaft, Baugewerbe und produzierendes Gewerbe im Jahr 1970 noch insgesamt 50% aller Arbeitsstellen ausmachen, sinkt diese Zahl bis 1990 auf 37%, um schließlich bis 2004 auf 25% zu sinken. Dabei sind von 1970 bis 1990 vor allem das Sinken in der Land- und Forstwirtschaft von 8,6% auf 3,6% sowie im produzierenden Gewerbe von 37,9% auf 30% bezeichnend. Der in den 1960er Jahren einsetzende Trend hat sich über somit die Folgejahre immer weiter verschärft.

Gründe dafür sind die weiter zunehmende Rationalisierung bzw. Verbesserung der Arbeitsprozesse. Weiterhin reduziert sich der Mitarbeiterbedarf auch seit den 1980er Jahren speziell in Industrieunternehmen durch die Einführung des Computers in den Verwaltungen, sowie auch im Forschungs- und Entwicklungsbereich. Auch die Konkurrenz aus dem Ausland nimmt gerade in diesem Zeitraum stark zu. Besonders zu nennen sind dabei die starken Einbußen in der Montanindustrie sowie bei den traditionellen Herstellern von Elektrogeräten. Letztere Industrie verschwindet in den 1980er Jahren fast komplett.

Der Zusammenhang des Strukturwandels lässt sich durch die Betrachtung der Komponenten Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen, Jahresarbeitszeit, Produktivität und Arbeitslosigkeit aufzeigen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während die Berufstätigen sich immer stärker auf den tertiären Sektor verteilen, sinkt die Jahresarbeitsstundenanzahl bedingt durch sinkende Wochenarbeitszahl, mehr Urlaub sowie flexiblere Arbeitsformen (Gleitzeit, Teilzeitarbeit, etc.) kontinuierlich. Dennoch steigt die Produktivität in Deutschland trotz weniger Arbeit von Jahr zu Jahr weiter an (Quelle: isw Wirtschaftsinfo Nr. 35 vom März 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die These, dass ein stärkeres wirtschaftliches Wachstum automatisch zu mehr Arbeitsplätzen führt, ist somit nicht haltbar. Wenn sich das Wachstum rein durch verbesserte Arbeitsmethoden und besseren Maschineneinsatz begründet, so kann es trotz höherem Umsatz, steigender Gewinne und hoher Produktivität sogar zu einem Abbau an Arbeitsplätzen kommen. Diese These formuliert auch Siebert in seinem Werk über die Strategien zu mehr Beschäftigung. Er fordert zwar höhere Produktivität und Dynamik, zeitgleich stellt er fest, dass Wachstum zwar das Beschäftigungsproblem mildern, aber nicht lösen kann1. Zu sehen ist dies schließlich in den steigenden Arbeitslosenzahlen und -quoten seit den 1970er Jahren.

Der Strukturwandel setzt somit Menschen frei, die in ihrer Branche nicht mehr benötigt werden. Diese können aber zum großen Teil nicht durch andere Branchen aufgefangen werden, da auch hier durch Rationalisierungsmaßnahmen der Bedarf permanent sinkt. Dieser Vorgang bedingt somit die strukturelle Arbeitslosigkeit, die durch diesen Wechselprozess entsteht. Auch die sinkende Jahres- bzw. Wochenarbeitszeit hat entgegen der Hoffnung verschiedener Interessentenverbände nicht zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen geführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der schlussendliche Faktor für die Betrachtung der Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen ist, dass im Zuge dieses Prozesses es zu Fällen kommt, in denen ein beruflicher Wiedereinstieg durch den zunehmenden Verdrängungskampf immer schwieriger möglich wird. Durch die Länge dieses Prozesses, welcher ja in den 1970er Jahren begonnen hat und bis dato andauert, steigt der Anteil der Langzeitarbeitslosen innerhalb der Gesamtarbeitslosenquote permanent. Zeitgleich steigt auch die Verbleibdauer innerhalb der Langzeitarbeitslosigkeit bis hin zu Fällen, in denen komplette Familienhaushalte mit mehreren Generationen über Jahre hinweg von sozialen Zuwendungen wie Arbeitslosen-, Sozialhilfe bzw. ab 2005 Arbeitslosengeld (ALG) II leben2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Siebert sieht dies als Zeichen einer komplett verfehlten volkswirtschaftlichen Politik, welche die Gefahr beinhaltet, dass sich diese Form der Arbeitslosigkeit in dieser Weise weiter verstetigen wird3.

Für die weitere Betrachtung der Langzeitarbeitslosigkeit sind jedoch noch weitere Theorien der Arbeitslosigkeit notwendig, welche im nächsten Kapitel betrachtet werden sollen.

[...]


1 Siebert, Arbeitslos ohne Ende?, S. 112-116

2 Vgl. dazu: Balsen, Neue Armut, Der unaufhaltsame finanzielle Abstieg einer Arbeitslosenfamilie, S 13-16

3 Siebert, Arbeitslos ohne Ende?, S. 24-27

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung einer neuen Unterschicht durch Massenarbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,25
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V94365
ISBN (eBook)
9783640106127
Dateigröße
2128 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstehung, Unterschicht, Massenarbeitslosigkeit, Jahren
Arbeit zitieren
Ingo Barkow (Autor), 2006, Die Entstehung einer neuen Unterschicht durch Massenarbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94365

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