Die Kunst-Leben-Problematik der Jahrhundertwende

Richard Münchs Thesen zur deutschen Kultur der Moderne und Thomas Manns "Tonio Kröger"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung

2. Die Jahrhundertwende - Zeit der Neuorientierung

3. Die Kunst-Leben-Problematik bei Tonio Kröger
3.1 Die Künstlerproblematik im Werk: Zwischen künstlerischer Innerlichkeit und Sehnsucht nach dem Leben
3.2 Tonio Kröger im Kontext der Jahrhundertwende
3.2.1 Tonio Kröger im Kontext von Kunst und Philosophie der Zeit
3.2.2 Die politische Dimension
3.3 Autobiografisches: Tonio Kröger und Thomas Mann
3.4 Eine alternative Lesart: Die ethnische Dimension

4. Fazit und Ausblick

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung

Der Soziologe Richard Münch legte im Jahr 1986 eine umfangreiche Untersuchung zur „Kultur der Moderne“1 vor, in der er einige Gesellschaften Westeuropas sowie auch Amerika im Hinblick auf ihre individuellen, kulturellen Ausprägungen von Aktivismus, Rationalismus, Individualismus und Universalismus analysierte. Auch Deutschland ist ein eigenes Kapitel gewidmet, das vor allem von einer starken Zerrissenheit in gegensätzliche Komponenten geprägt ist, wie etwa Idealismus vs. Empirismus, private Innerlichkeit vs. gesellschaftliche Äußerlichkeit, Konformität vs. Entfremdung und vor allem Kunst vs. Lebensnähe.2

„Tonio Kröger“3 ist der Titel eines literarischen Werks, das aus der ebenfalls sehr zerrissenen Zeit der Jahrhundertwende stammt und sich mit der Rolle des Künstlers und seiner Auseinandersetzung mit dem Leben beschäftigt. Bereits jeweils für sich genommen brachte die Erzählung4 ihrem Autor Thomas Mann ein hohes Maß an Bekanntheit ein. Weil sie aber, und dies soll diese Arbeit zeigen, auch in einem größeren Zusammenhang gesehen werden kann, weist diese Novelle weit über sich hinaus. Sie ist eine Schlüsselnovelle: Zum Einen für das Fin de siècle, dessen Strömungen und Motive klar im Text zu erkennen sind und zugleich für die künstlerisch-biographische Entwicklung ihres Autors. Vor allem ist sie aber drittens ein sehr gutes Beispiel für einige allgemeine Leitlinien- und Probleme der deutschen Kultur, die Münch in seinen Kapiteln „Aktivismus“ und „Rationalismus“ zu Deutschland knappe 100 Jahre später formuliert. Im Gesamtwerk Thomas Manns ist diese Novelle zwar nicht das einzige Werk aus der Zeit um 1900, das sich mit der Künstlerproblematik befasst5, doch „Tonio Kröger“ ist wegen der darin enthaltenen, intensiven und persönlichen Auseinandersetzung Manns mit dem Künstlertum ein besonders aufschlussreiches und anschauliches Beispiel. Ein Beispiel, das verstehen lässt, welch große Rolle diese Problematik im Fin de siècle spielte und uns eine Epoche des Umbruchs näherbringt, die viele der Gegensatzpaare aus den Thesen Münchs in literarischer Weise vor Augen führen kann.

Ziel der Arbeit ist also Folgendes: Die Kunst-Leben-Problematik der Jahrhundertwende soll am Beispiel von Thomas Manns „Tonio Kröger“ untersucht werden und dabei mit den Thesen Münchs zur deutschen Kultur der Moderne aus seinen Kapiteln „Aktivismus“ und „Rationalismus“6 in Beziehung gesetzt werden. Insofern wird also ein theoretischer Text mit einer konkreten literarischen Umsetzung und Kulturepoche abgeglichen, wie dies im Rahmen des Masterseminars „Religiöse Ethik und Kultur der Moderne“, in dessen Zusammenhang diese Arbeit steht, häufiger praktiziert wurde.

Im Hinblick auf die verwendete Forschungsliteratur geht es ihr inhaltlich vor allem darum, neben den zwei Primärtexten von Münch7 und Mann8, gängige und einflussreiche Interpretationen der Novelle9 mit allgemeiner Literatur zur Jahrhundertwende10 und zur Biografie von Thomas Mann11 zu kombinieren. Auf dieser Grundlage kann die Erzählung dann mit dem zeithistorischen Kontext und dem theoretischen Text von Münch in Beziehung gesetzt werden, auch wenn eine solche Betrachtung (zu Münch) bisher in der Forschung noch nicht vorgenommen wurde. Die Arbeit erweitert dabei auch die Ergebnisse, die bereits rudimentär schon in einer ersten, eigenen wissenschaftlichen Hausarbeit am Gymnasium zur Kunst­Leben-Problematik erlangt werden konnten12 und stellt sie in einen neuen Zusammenhang.

Die Arbeit möchte der Leitfrage nach der Kunst-Leben-Problematik in der Novelle in Beziehung zu Münchs Kapiteln dabei in folgender Weise nachgehen:

Zunächst soll allgemein auf die Epoche der Jahrhundertwende im Zusammenhang mit Münchs Thesen eingegangen werden. Im Anschluss wird dann „Tonio Kröger“ genauer betrachtet. Dabei soll in 3.1 zunächst einmal die Künstlerproblematik im Werk nachvollzogen werden. In 3.2 wird die Novelle dann im Kontext der Kunstströmungen und Philosophie der Zeit untersucht, wobei auch nach einer politischen Dimension gefragt werden soll. In 3.3 wird die autobiographische Dimension von Mann und Tonio Kröger im Fokus sein. Zuletzt soll dann noch mit der ethnischen Dimension eine alternative Lesart in Kapitel 3.4 besprochen werden. Daran schließt sich ein Fazit und ein Ausblick zum zeitlosen und besonderen Charakter der Novelle im Zusammenhang mit Münchs Thesen an.

2. Die Jahrhundertwende - Zeit der Neuorientierung

Eine der Grundthesen Richard Münchs in seinen Kapiteln „Aktivismus“ und „Rationalismus“, ist der Gegensatz zwischen privater Innerlichkeit und gesellschaftlicher Äußerlichkeit in der deutschen Kultur der Moderne.13 Dafür gab es nach Münch aber nicht nur orthodoxe Lösungen, wie zum Beispiel den blinden Beamtengehorsam im Kaiserreich.14 Nein, gerade für sensiblere Menschen, Intellektuelle und Künstler gewannen zunehmend heterodoxe Lösungen an Bedeutung, die oft auch dann mit einem Misstrauen gegen die Moderne überhaupt verbunden waren.15 Münch benennt im Folgenden einige historische Epochen als Beispiele für eine solche Rebellion der Innerlichkeit, wobei er sogar schon die Epoche der Jahrhundertwende einführt, wenn auch in seinem Buch nur unter dem Aspekt der Jugendbewegung in die freie Natur16, die aber nur eine von vielen Strömungen am Beginn des 20. Jahrhunderts ist. Dabei kann die Epoche der Jahrhundertwende mit ihrer Kunst-Leben-Problematik auch ganz generell als genau solch eine heterodoxe, innerlich rebellierende, historische Stufe im Sinne Münchs betrachtet werden, worauf ich im Folgenden genauer eingehen möchte.

Die Menschen in der Zeit der Jahrhundertwende, also der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkriegs 1914, lebten in einer Epoche des Umbruchs. Jahrhundertwende: Das war nicht nur ein zeitlicher Einschnitt, sondern auch ein tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Wandel. Die fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung, technische Errungenschaften wie das Flugzeug oder das Automobil, die nihilistische und perspektivistische Philosophie Nietzsches, die neuen Theorien Einsteins und die Tiefenpsychologie Freuds traten in ihrer ganzen Dynamik den traditionellen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen entgegen.17 Die Konsequenz: Vor allem unter den Literaten, Künstlern und Intellektuellen bildete sich ein neues Lebensgefühl voll Spannung und Gegensätzen, Zukunftsangst und euphorischer Aufbruchsstimmung aus. Viele von ihnen gerieten in eine schwere Orientierungskrise. Gerade die Literaten verloren zunehmend den Glauben daran, die Welt noch objektiv und naturgetreu abbilden oder gar die soziale Wirklichkeit beeinflussen zu können. Also wendeten sie sich dem Subjektiven und den Wirklichkeiten der Seele zu.18 Auf dieser Grundlage bildeten sich immer mehr ästhetische Gegenwelten und alternative Subkulturen zum bürgerlichen Großstadtleben aus. Gerade in München und Berlin, vor allem aber in Wien entstanden die sogenannten „Bohème“- und Literatenkreise, in denen die Suche nach Neuorientierung und ein Leben in einer eigenen Welt abseits des Bürgerlichen ein Zuhause fand.19 Diese Prozesse entsprechen zum Einen genau jenem Aufstand der Innerlichkeit gegen ein angepasstes und passives, gesellschaftliches Rollenhandeln und dem Misstrauen gegen die Moderne, die Münch in seinem Unterkapitel „Entfremdung und Rebellion“20 formuliert. Zum Anderen entspricht es dem besonderen Verhältnis zwischen Intellektuellem und Gesellschaft, auf das Münch in seinem Kapitel zum „Rationalismus“ eingeht. Nach Münch dominierten in Deutschland lange stark orthodoxe Modelle, die heterodoxen Intellektuellen gerieten schnell ins gesellschaftsferne Terrain der totalen Entfremdung, der Rebellion oder des Rückzugs.21 Intellektualität im deutschen Kaiserreich ging entweder mit der Erfüllung der Staatspflicht einher, oder man entschied sich fernab von Engagement für Staat und Gesellschaft für die „wahre“ Kultur zu leben.22 Zwischen Angepasstheit und Ablehnung gab es keine mittlere Position, eine kompromisshafte, integrative Teilnahme an der Gesellschaft war lange nicht möglich, weil die deutsche Denktradition stark vom Gedanken der vollkommenen Synthese, des „Alles oder nichts“ beherrscht war.23 Daran Schuld war auch die für Deutschland typische Fusion von Amts- und Sachautorität. Respektiert und anerkannt ist ein Intellektueller in Deutschland lange Zeit nur, soweit er durch eine staatliche Aufgabe und ein Amt legitimiert ist.24 Zweitens war auch ganz grundlegend dass „wahre Kultur und Kunst“ nach dem deutschen Verständnis nur fernab der Gesellschaft praktiziert werden konnte.25

Mit der Orientierungskrise und der Suche nach neuem Halt um 1900 ging auch die Entfaltung der unterschiedlichsten Stilrichtungen und Kunstauffassungen einher, denen wir in der Novelle begegnen werden. Sie alle spiegeln wider, dass die Künstler und Intellektuellen in jedem Fall der normalen, gesellschaftlichen Realität entfliehen und Gegenbilder zur Moderne bilden wollten. Der Ästhetizismus, die Dekadenzdichtung, der Renaissancismus und die Neoromantik können hier als wichtigste Strömungen für diese Arbeit herausgestellt werden. Ästhetizismus und Dekadenzdichtung sind dabei zwei Strömungen, die stark artifizielle Gegenbilder zur gesellschaftlichen Norm bilden wollen. Der Ästhetizismus stellte das artifiziell Schöne, die Kunst als Selbstzweck und die Erhöhung des Subjektiven ins Zentrum.26 Damit verweist diese Strömung aber auch explizit auf den Künstler als isoliertes Wesen27, der die Schönheit als einziger erkennen kann und fernab der Gesellschaft, „weder mit anderen Subjekten noch mit der Objektwelt in eine tätige Auseinandersetzung eintritt“28. Hierin spiegelt sich also die lebensferne Elitetheorie von Intellektualität und Künstlertum, die Münch zu Deutschland ausführt in einer sehr extremen Form.29 Auch in der Dekadenzdichtung wird eine ähnliche Autonomie der Kunst und Abgrenzung von gesellschaftlichen Moralvorstellungen durch eine übersteigerte Hingabe an das Sinnlich-Schöne betont.30 Charakteristisch ist eine Stimmung, die zwischen übertriebener Euphorie und schwermütigen Elementen, manchmal sogar Todessymbolik31 schwankt. Der Renaissancismus sucht schließlich Zuflucht in der Epoche der Renaissance, deren (so imaginierte) gesunde, selbstbewusste Menschen im Kontrast zum müden Gegenwartsmenschen stehen.32 Hier haben wir es also mit einer Strömung zu tun, die die Orientierungslosigkeit und Zerrissenheit der Gegenwart durch die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten ausdrückt. Die Neoromantik ist dann eine Strömung, die sich in Bezug auf die Romantiker und Freud vor allem dem Träumerischen und Unbewussten nähert.33 Sie ist sicherlich ein weiteres typisches Beispiel für die Rebellion der heterodoxen Innerlichkeit gegen einen als instrumentell und kalt empfundenen Utilitarismus im Alltagsleben, zumal Münch selbst zwar nicht die Neoromantik, aber die Romantik bereits als erste Stufe in der Geschichte des Aufstands der deutschen Innerlichkeit benennt.34

In der Zeit der Jahrhundertwende geht es um das Erproben von Künstlerexistenzen in einer zerrissenen deutschen Kulturepoche, die genauso wie es Münch deutlich macht von vielen Gegensatzpaaren wie privater Innerlichkeit vs. gesellschaftlicher Äußerlichkeit, Entfremdung vs. Konformität oder Kunst vs. Lebensnähe geprägt ist. Alle Stilrichtungen und Strömungen der Jahrhundertwende scheinen eine Suche nach der richtigen Form in der Kunst zu sein, aber auch nach der richtigen Existenz- und Identitätsform für heterodoxe Künstler und Intellektuelle, um in der Moderne zu bestehen. Dabei ist es kein Zufall, dass kein Autor um 1900 nur einer einzigen Strömung zugeordnet werden kann, viele greifen mehrerer Elemente gleichzeitig auf.35 Man sucht und probiert aus.

Wie nun der Künstlertyp „Tonio Kröger“ ganz individuell im Hinblick auf die Kunst­Leben-Problematik geprägt ist und wie dies mit Münchs Thesen zusammenpassen könnte, soll nun im Folgenden untersucht werden.

3. Die Kunst-Leben-Problematik bei Tonio Kröger

3.1 Die Künstlerproblematik im Werk: Zwischen künstlerischer Innerlichkeit und Sehnsucht nach dem Leben

Die Künstlernovelle „Tonio Kröger“ erschien im Jahr 1903 und stammt damit genau aus jenem Zeitraum, in dem die Kunst-Leben-Problematik besonders aktuell war. Tonio Kröger, ein Lübecker Patriziersohn (Bürgertum), der später Literat und Dichter (Kunst) wird, ein Leben also zwischen Kunst und Bürgertum führt, steht im Zentrum von Thomas Manns Künstlernovelle. Aber wie sieht Tonios Konflikt mit Kunst und Leben konkret aus? Und vor allem: Welche Lösungen für den tiefen Graben zwischen Kunst und Lebensnähe, der nach Münch ein zentrales Problem der deutschen Kultur ist, bietet Thomas Manns Werk an?

„Tonio Kröger“ präsentiert episodenweise die Entwicklung eines vierzehnjährigen Jungen zu einem dreißigjährigen Mann. Es entwickelt sich aber nicht nur Tonio weiter, sondern es gibt auch unterschiedliche Facetten seiner Kunst-Leben­Problematik in den einzelnen Kapiteln zu entdecken, da sich diese ebenfalls entwickelt.

Zu Beginn der Novelle erleben wir einen Abschnitt, in dem Tonio und sein Klassenkamerad Hans zusammen nach Hause gehen. Dieses erste Kapitel bildet sozusagen das Fundament des Charakters „Tonio Kröger“. Dem Leser wird eine frühe, noch jugendliche Form der Kunst-Leben-Problematik als Basis für die folgenden Kapitel präsentiert. Auch wenn sie konträrer nicht sein könnten, fühlt sich Tonio zu Hans Hansen, dem blonden, blauäugigen Schulfreund hingezogen. Gemein haben sie, dass sie beide aus großen Lübecker Kaufmannsfamilien stammen, jedoch erkennt der Leser früh, dass Tonio in keinster Weise „typisch bürgerlich“ ist. Dafür spricht schon das äußerliche Erscheinungsbild, ist doch Tonio im Gegensatz zu Hans' bastblondem Haar, dessen Körperlichkeit und den scharf blickenden, stahlblauen Augen eher ein empfindsamer Junge mit träumerischem Blick und unbeholfener Gangart.36 Aber auch charakterlich könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Während Tonio sich eher für gehobene Literatur begeistert (Schillers Don Carlos), ist Hans eher an Pferdebüchern mit vielen Abbildungen interessiert.37 Hans ist der Beste in der Schule, Tonio widmet sich lieber der Dichtung und Musik, und misst diesen Lehren mehr Bedeutung zu „als [den] Kenntnisse[n], die man ihm in der Schule aufnötigt“38. Interessant ist im Hinblick auf Münchs Thesen zur deutschen Innerlichkeit und Intellektualität, die abgetrennt sind von der praktischen Umsetzbarkeit im Leben39 vor allem Tonios Bemerkung, dass er seine innerlichen Erfahrungen und Gedanken zwar sorgsam aufschrieb, aber „ohne sich freilich für seine Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen“.40 Ganz nach Münch ist Tonio ein Junge, dessen wahres Leben sich im Inneren abspielt.41 Die Verse, das Ergebnis seines Innenlebens, finden keinen Platz im Alltagsleben42 und trotz seiner Besonderheiten fühlt er sich aus dem gewöhnlichen Leben ausgeschlossen43.

Umso schmerzlicher ist daher Tonios Liebe für Hans: Trotz der Widersprüche zwischen den beiden, ja gerade weil er sein eigenes Gegenteil ist, liebt Tonio Hans mit einer „neidischen Sehnsucht“44. Schon als Vierzehnjähriger erkennt Tonio seine besondere Stellung und leidet darunter, dass er im Gegensatz zu Hans, der in „Ordnung und glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt“45 lebt zu allem „im Widerstreit“46 steht. Hans Hansen steht für den Typus des Menschen, der sich in der Mitte des Lebens und der Gesellschaft befindet, und das Solide, Ordentliche und Gewöhnliche verkörpert. Die Liebe zu Hans, ist im abstrakten Sinne Tonios Liebe und Sehnsucht nach dem Leben selbst. Dass diese Liebe eine unerfüllte und sehr schmerzvolle ist, vermittelt das erste Kapitel eindrücklich: Nur selten gelingt es Tonio Hans zu sich „herüberzuziehen“47 und eine „geistige Gemeinschaft“48 herzustellen, das Leitmotiv der Unvereinbarkeit von Leben und Kunst wird früh deutlich.

Doch ein Aspekt ist besonders tragisch bei Tonio Kröger: Er steht wie sein Name schon sagt - Tonio (südlich-künstlerisch) und Kröger (nördlich-bürgerlich) - in ganz spezieller zwischen zwei Welten. Zwar besitzt Tonio eindeutig künstlerisches Talent und will auch gar nicht seine Besonderheiten ablegen49 („Es ist gerade genug, dass ich bin wie ich bin“)50 andererseits findet er es „liederlich“51 wie gleichgültig seine Mutter gegenüber dem Ansehen in der Schule und Gesellschaft ist und hat vollstes Verständnis für die Kritik seines Vaters. Sein bürgerliches Gewissen verhindert, dass er voll und ganz bohemianischer Künstler sein kann. Denn wie Tonio einmal meint: „Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger.“52

[...]


1 Münch, Richard: Die Kultur der Moderne. 2 Bände, Frankfurt a.M. 1986.

2 Vgl. ebd., Bd. 2, S. 683-772.

3 Mann, Thomas: Tonio Kröger, in: Ders.: Schwere Stunde und andere Erzählungen, Frankfurt a. M. 1989, S. 16 -93.

4 Eigentlich kann „Tonio Kröger“ nicht eindeutig einer der beiden literarischen Gattungen zugeordnet werden (von Thomas Mann selbst als Erzählung wie auch als Novelle bezeichnet), im Wesentlichen kann sie aber als „Künstlernovelle“ gelesen werden, vgl. dazu etwa Kurzke, Herrmann: Thomas Mann. Tonio Kröger, in: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts, Bd. 1, Stuttgart 1987, S. 38-54.

5 Bei Thomas Mann wäre hier etwa „Der Tod in Venedig“ (1912) zu nennen.

6 Münch: Kultur der Moderne, S. 683-772.

7 Ebd.

8 Mann: Tonio Kröger, S. 16-92.

9 Zum Beispiel Kurzke: Tonio Kröger, S. 38-54.; oder auch Große, Wilhelm: Erläuterungen zu Thomas Mann. Tonio Kröger und Mario der Zauberer, Hollfeld 2004.

10 Zum Beispiel Fischer, Jens Malte: Fin de siècle. Kommentar zu einer Epoche, München 1978.

11 Zum Beispiel: Koopmann, Helmut: Thomas Mann. Konstanten seines literarischen Werks, Göttingen 1975.

12 Kanzleiter, Laurian: Die Kunst-Leben-Problematik der Jahrhundertwende am Beispiel von Thomas Manns „Tonio Kröger“ und Heinrich Manns „Pippo Spano“, [Facharbeit Gymnasium 2014] veröffentlicht auf https://www.amazon.de/Kr%C3%B6ger-Thomas-Heinrich-Kunst-Leben-Konflikt- Jahrhundertwende/dp/3656970076 (Stand 2.08.20).

13 Vgl. Münch: Kultur der Moderne, S. 694.

14 Vgl. ebd., S.712.

15 Vgl. ebd., S. 713ff.

16 Vgl. ebd., S. 716.

17 Vgl. dazu etwa Kimmich, Dorothee/Wilke, Tobias: Einführung in die Literatur der Jahrhundertwende, Darmstadt 2006, S. 7-10; sowie Finkenzeller, Kurt/Schurf, Bernd (Hrsg.): Deutschbuch. Texte und Methoden 12, Berlin 2010, S. 183f.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. Fischer: Fin de siècle, S. 1, 18 und 20.

20 Vgl. Münch: Kultur der Moderne, S. 713-718.

21 Vgl. ebd., S. 735f.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. ebd., S. 736 und S. 748ff.

24 Vgl. ebd., S. 735-737.

25 Vgl. ebd., S. 738ff.

26 Vgl. Finkenzeller/Schurf: Deutschbuch, S. 183f

27 Vgl. Bürger, Peter: Naturalismus - Ästhetizismus und das Problem der Subjektivität, in: Ders. et al. (Hrsg.): Naturalismus/Ästhetizismus, Frankfurt a. M. 1979, S. 20.

28 Ebd.

29 Vgl. Münch: Kultur der Moderne, S. 738ff.

30 Vgl. Finkenzeller/Schurf: Deutschbuch, S. 183f.; sowie auch etwa Schnitker, Jens: Ästhetizismus und Geschichtsphilosophie: zum Zusammenhang von „Décadence“ und „Décadence“ in der gegen-naturalistischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Würzburg 2016, S. 9-60.

31 Vgl. dazu vor allem „Der Tod in Venedig“ (1912) von Thomas Mann

32 Vgl. Scheuer, Helmut: Heinrich Mann: Pippo Spano, in: Interpretationen. Erzählungen des 20. Jahrhunderts, Bd. 1, Stuttgart 1987, S. 81.

33 Vgl. Finkenzeller/Schurf: Deutschbuch, S. 183f.

34 Vgl. Münch: Kultur der Moderne, S. 716, sowie auch etwa zur Bedeutung der Romantik/Neoromantik in der Geschichte der deutschen Innerlichkeit Krause, Tilman: Die deutsche Innerlichkeit, (Die Welt online) abrufbar auf https://www.welt.de/print-welt/article379454/Die-deutsche-Innerlichkeit.html (Stand 2.08.20).

35 Vgl. Finkenzeller/Schurf: Deutschbuch, S. 183f.

36 Vgl. Mann: Tonio Kröger, S. 17f.

37 Vgl. ebd., S. 23.

38 Ebd., S. 19.

39 Vgl. Münch: Kultur der Moderne, S. 742.

40 Mann: Tonio Kröger, S. 19.

41 Vgl. ebd.

42 Vgl. ebd., S.19f.

43 Vgl. ebd. S.25.

44 Ebd., S.21.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Ebd., S. 22.

48 Ebd.

49 Vgl. Große: Erläuterungen, S. 21.

50 Mann: Tonio Kröger, S. 20.

51 Ebd.

52 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Kunst-Leben-Problematik der Jahrhundertwende
Untertitel
Richard Münchs Thesen zur deutschen Kultur der Moderne und Thomas Manns "Tonio Kröger"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Italienische Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V943975
ISBN (eBook)
9783346277817
ISBN (Buch)
9783346277824
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunst-leben-problematik, jahrhundertwende, richard, münchs, thesen, kultur, moderne, thomas, manns, tonio, kröger
Arbeit zitieren
Laurian Kanzleiter (Autor:in), 2020, Die Kunst-Leben-Problematik der Jahrhundertwende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/943975

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