Die "Neue Orientalische Frage"

Wie sich die Geschichte des 19. Jahrhunderts auf die Gegenwart auswirkt am Beispiel der orientalischen Frage und des Krimkrieges 1853 – 1855/56


Hausarbeit, 2004
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Geographischer und historischer Abriss zum Schauplatz

II. Die Orientalische Frage aus europäischer Perspektive

III. Die Orientalische Frage aus osmanischer Perspektive
III.1. Orientalische Frage und der Nationalismus
III.2. Der säkular-religiöse Antagonismus

IV. Zwei Orientkrisen
IV.1. Die erste Orientkrise. Griechischer Unabhängigskampf bis Unikar-Skelessi
IV.1.2. Die zweite Orientkrise. Ägyptisches Machtsteben bis zum Dardellenvertrag

V. Unmittelbare Ursachen für den Ausbruch des Krimkrieges

VI. Kriegsgeschehen

VII. Der Paris Frieden und seine Auswirkungen

VIII. Die Orientalische Frage nach

IX. Resümee: Die ‚Neue Orientalische Frage’

X. Literaturverzeichnis

I. Geographischer und historischer Abriss zum Schauplatz

Die Krim (russ.: Krym) ist heute eine autonome Teilrepublik innerhalb der Ukraine. Die wichtigsten Städte sind die Hauptstadt Simferopo, Sewastopol und Jalta. Die Halbinsel hatte Mitte des 13. Jahrhunderts eine zentrale Stellung im Interkontinentalen Fernhandel als Endpunkt der kontinentalen Nordroute sowie für den Getreide- und Sklaventransport ins Mittelmeergebiet. 1774 wurde die Krim formal unabhängig und 1783 von Russland annektiert. Unter dem Feldherrn Potemkin begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts die russischen Besiedlung. Nach dem Krimkrieg wurde die Halbinsel 1856 demilitarisiert und sowohl im Ersten Weltkrieg als auch im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt. Im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stand die Krim noch einmal 1945 durch die ‚Konferenz von Jalta’, bei der Stalin, Rosevelt und Churchill die Aufteilung Deutschlands beschlossen.

II. Die Orientalische Frage aus europäischer Perspektive

Als Ausgangspunkt für dieses äußerst komplexe Sujet soll in dieser Arbeit die Bündnispolitik des französischen König Franz I. dienen. Während seiner Haft in Spanien 1525-27 sucht er nach einem Modus Vivendi mit Süleyman dem Präch-tigen, um Habsburg in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln. Die realpolitisch-orientierte türkenfreundliche Politik Frankreichs nahm aber 1756 durch die Annäherung an Habsburg (‚ renversement des alliances’) ein Ende. Im Friede von Kütschük Kainardschi, der den 3. Russisch-Türkischen Krieg beendete, konnte die russiche Zarin Katharina die Große dem Osmanisches Reich ihre Bedingungen quasi diktieren. Der Vertrag bedeutete eine klare Schwächung des Osmanischen Reiches und einen erhebelichen Machtzuwachs für Russland. Neben finanziellen Entschädigungen profitierte Russland von beachtlichen Gebietszuwächsen an der Nordküste des Schwarzen Meeres sowie freiem Schifffahrtsrecht für das Schwarze Meer und dem Durchfahrtsrecht für Handelsschiffe durch die beiden Meerengen. Außerdem leitete St. Petersburg für sich doppeltes Interventions-recht im Osmanisches Reich ab – für südslawische Orthodoxe und in den Donau-fürstentümern. Dies sollte als Hebel zur weiteren Expansion auf dem Balkan dienen. Habsburg sah darin eine große Bedrohung seines Vielvölkerstaates. Die Orientalische Frage war eröffnet.

Die maßgeblichen Politiker in Wien waren nicht bereit, auf die Einflussnahme an der unteren Donau zu verzichten, denn so meinte Kaiser Franz Joseph I. „ Im Orient liegt unsere Zukunft[1]. Außerdem schlug sich nun auch England auf die Seite des Osmanischen Reiches. Der englische Premierminister William Pitt der Jüngere forderte Petersburg auf, sich gegenüber dem Osmanischen Reich zurückhaltend zu verhalten. Grund für diese Parteinahme zu Gunsten Konstanin-opels war nicht nur das Misstrauen gegenüber Petersburg sondern auch ein wachsender Antagonismus zu Paris. Pitts Ziel war es, das Osmanisches Reich durch eine schrittweise Öffnung nach Europa lebensfähig zu halten.[2] Durch den Ägyptenfeldzug Napoleon Bonaparts 1798 meldete auch Frankreich sein Interes-se am östlichen Mittelmeerraum an. Die Orientalische Frage drängte sich nolens volens von nun an ins Zentrum der politischen Tagesordnung.

Nach dem Wiener Kongress 1815 konnte die europäische Pentarchie aber keinen Interessensausgleich in der Orientalischen Frage finden[3]. Mit drei weiteren Kriegen konnte Russland das Osmanische Reich bis 1829 weiter schwächen. Die europäischen Großmächte versuchten vergeblich, Russland an der Durchsetzung seiner Ziele zu hindern. Durch die Quadrupelallianz (1840) und den Dardanellen-vertrag (1841) gelang es, eine internationale Durchfahrtsregelung für die Darda-nellen zu erreichen und erstmals länderübergreifende Instrumente zur Lösung der Orientalischen Frage durchzusetzen. Die Folgezeit schien von einem stabilen europäischen Mächtekonzert gekennzeichnet. Erst der Staatsstreich von Napo-leon III. 1851 offenbarte die Virulenz durch die ungeklärten Orientalischen Frage. Zusammen mit der allmählichen inneren Erosion des Osmanisches Reich ergab sie eine hochexplosiven Mischung, die sich dann schließlich im „ Weltkrieg des 19. Jahrhunderts “ entlud.[4]

III. Die Orientalische Frage aus osmanischer Perspektive

Der Historiker Imanuel Geiß bezeichnet die Orientalische Frage pointiert als eines der „ kompliziertesten Problem der neueren Geschichte[5]. Damit bezieht er sich auf die Dauerkrise des Osmanischen Reiches seit der gescheiterten Belagerung von Wien 1683. Seit dem Friede von Kütschük Kainardschi (siehe S.1), geriet das Osmanische Reich außerdem in zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit des sich modernisierenden Westens[6]. Der eigentliche Begriff „Orientalische Frage“ entstand 1821 im Zuge des Griechischen Unabhängigkeitskriegskrieges und wurde dann im Juni 1914 „blindlings zum Fatum des alten Kontinents[7]. Über die Rezeption der Orietalischen Frage, schreibt der Historiker Gerd Fesser:

„Jede Zeit hat ihre eigenen Stichworte, Leitartikel-Phrasen und Metaphern, und so wusste im 19. Jahrhundert jeder Zeitungsleser und Dorfkrug-Politi-ker, was mit dem ‚kranken Mann am Bosporus’ und der ‚orientalischen Frage’ gemeint war.“[8]

Und der Historiker Brian Holden Reid schreibt augenzwinkernd, dass die Orien-talische Frage:

„den sprichwörtlichen Schuljungen plagte, bevor dieser vom Studium des anderen Geschlechts in Anspruch genommen wurde.“[9]

Der mit der Orientalischen Frage verbundene geographische Raum markiert den zugleich realen wie übertragenen Ort, an dem sich die Zivilisation der westlichen und östlichen Christenheit und die des Islam aneinander rieben. „ Außerdem nahmen dort die Mächte aneinander Maß und die Gewichte der Balance wurden neu tariert[10] Die Orientalische Frage wird unterteilt in den Aspekt des Nationalismus und den säkular-religiösen Antagonismus.

III.1. Orientalische Frage und der Nationalismus

Der Nationalismus ist eine der wichtigsten Grundströmungen des 19. Jahrhun-derts. Im Osmanischen Reich wirkten wie in Westeuropa die Französische Revo-lution und die daraus resultierenden Koalitionskriege als Katalysator für die Nationale Frage[11]. Die nichttürkischen Minderheiten (Griechen, Bulgaren, Rumä-nen, Serben, Makedonen, Albaner, Armenier, Juden, Araber und Kurden) waren dankbare Rezipienten für die Ideen der liberté, egalité et fraternité. Die Serben waren die ersten, die ab 1804 den Aufstand probten. Das Streben der Minderheiten nach Autonomie, das teilweise von außen unterstützt wurde, hing eng mit der ungleichen Landverteilung, schlechten Lebensverhältnissen und vor allem dem Zerfall des Millet-Systems zusammen.

III.2. Der säkular-religiöse Antagonismus

Die Gesellschaftssystem des Osmanischen Reiches wurde ‚Millet’ (zu dt. Volk) genannt. Millet-System bedeutet die Aufsplittung der Bevölkerung in ethnisch-religiöse Gruppen unterschiedlichen Rechts. Religionsgemeinschaften wie Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Juden verfügten zwar über eine quasi-autonome Stellung aber keine territoriale Basis. Ethnische Minderheiten der Muslime (Albaner, Araber, Kurden) hingegen waren als Millet unter dem sunni-tischen Islam zusammengeschlossen und verfügten somit über keine eigene Vertretung. Das im Zuge der Aufklärung entwickelte Prinzip der einheitlichen Staatsbürgergesellschaft stand dem Millet-System diametral entgegen. Genau wie der Nationalismus fand auch die Säkularisierung immer mehr Anhänger im Osmanischen Reich.

[...]


[1] Winfried Böhm: Von der Restauration bis zur Reichsgründung, 1815 – 1871, o.O. 1987. S. 97.

[2] Dies entspricht der englischen Politik des balance of power, wonach sich die kontinental-europäischen Mächte jeweils so austarieren sollen, dass keine Macht Überhand gewinnt.

[3] der Aufstand der Griechen 1821-29 ist Symptom für die Fragilität der Wiener Kongress-Ordnung in Bezug auf Südost-europa

[4] Diner, Dan: Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten, München 2003. S.19. (Diner)

[5] Geiß, Imanuel: Geschichte griffbereit. Band 4. Begriffe. Die sachsystematische Dimension der Weltgeschichte. Gütersloh, München 2002. S. 587. (Geiß)

[6] so stieg bspw. der Import englischer Waren zwischen 1825-1852 um 800%.

[7] Diner, S. 22.

[8] Fesser, Gerd: Krimkrieg. Europas erstes Verdun. (http://www.zeit.de/2003/33/ A-Krimkrieg 23.08.2003. 18.00h) (Fesser)

[9] Reid, Brian Holden Der Amerikanische Bürgerkrieg und die europäischen Einigungskriege. Berlin, 2000.34

[10] Diner, S. 32f.

[11] Soll das Volk XY einen eigenen Staat erhalten? Soll der Staat autonom oder souverän sein? Wie erfolgt die Ablösung? In welchen Grenzen soll der Staat existieren? Wie soll er im Inneren organisiert sein? (vgl. Geiß S.588)

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Details

Titel
Die "Neue Orientalische Frage"
Untertitel
Wie sich die Geschichte des 19. Jahrhunderts auf die Gegenwart auswirkt am Beispiel der orientalischen Frage und des Krimkrieges 1853 – 1855/56
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
14
Katalognummer
V94426
ISBN (eBook)
9783640135622
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue, Orientalische, Frage
Arbeit zitieren
Sven Matis (Autor), 2004, Die "Neue Orientalische Frage", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94426

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