Die Rolle der Ratingagenturen. Zur Überwindung des Problems der asymmetrischen Informationsverteilung im Kapitalmarkt


Hausarbeit, 2020

29 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Die Rolle der Ratingagenturen
2.1 Ratingprozess und Aussage eines Ratings
2.2 Auswirkungen von Ratings

3. Problemfelder in der Ratingpraxis der Agenturen

4. Lösungsansätze

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Vorwort

Ratingagenturen sind private und gewinnorientierte Unternehmen, welche die Bonität von Staaten, Unternehmen und Wertpapieren anhand von qualitativen und quantitativen Kriterien beurteilen. Das Geschäftsmodell der Ratingagenturen hat zum Ziel, die am Markt herrschende Informationsasymmetrie zwischen den Marktakteuren zu verringern.

Die Finanzkrise von 2007 bis 2009 hat verdeutlicht, dass mangelhafte oder ‚falsche‘ Ratings fatale Folgen für das globale Finanzsystem und die Weltkonjunktur haben. Seit diesem Ereignis stehen internationale Ratingagenturen, primär die Big Three der Ratingbranche, nämlich Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, unter ständiger Kritik.

Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Rolle der Ratingagenturen auf dem weltweiten Finanzmarkt zu analysieren. Insbesondere wird die Problematik erläutert, die mit der marktbeherrschenden Stellung einer geringen Anzahl an Ratingagenturen einhergeht sowie im Anschluss Möglichkeiten aufgezeigt, um potentielle Interessenskonflikte zu lösen. Der Interessenskonflikt entsteht bspw. dadurch, dass der Auftraggeber, der bewertet werden möchte, das Rating bezahlt.

Im ersten Kapitel des Hauptteils (Kapitel 2) wird die Rolle der Ratingagenturen vorgestellt sowie analysiert wie ein Rating zustande kommt und welche Vorteile Ratings für Emittenten und Investoren bieten. Das Kapitel 3 beinhaltet Problemfelder, die sich aus der oligopolistischen Struktur am Ratingmarkt ergeben. Hierbei stehen vor allem Interessenskonflikte, die fehlende Transparenz eines Ratingurteils, die Eigentümerstruktur, der geringe Wettbewerb und die mangelnde Haftung im Vordergrund der Betrachtung. Im Kapitel 4 werden Lösungsmöglichkeiten, wie bspw. eine strengere Regulierung des Marktes, die Einführung einer europäischen Ratingagentur sowie die Notwendigkeit mehr Anreize für Wettbewerb zu schaffen, diskutiert. Der Aufbau eines europäischen Ratingfonds stellt aus Sicht des Autors eine interessante Alternative bzw. Ergänzung zur derzeitigen Praxis auf dem Ratingmarkt dar. Die Funktionsweise des Ratingfonds wird ebenso im Kapitel 4 beschrieben. Die wesentlichsten Erkenntnisse werden im Schlussteil der Arbeit (Kapitel 5) zusammengefasst.

Hinweis zur geschlechterspezifischen Formulierung:

Der Autor hat bei der Formulierung geschlechtsspezifischer Begriffe zugunsten der Einfachheit und Lesbarkeit bewusst die maskuline Formulierung gewählt, adressiert dabei aber immer beide Geschlechter.

Datum: 15. Oktober 2020 Sebastian Peneder

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Marktanteile der Ratingagenturen

Abbildung 2: Phasen eines externen Ratings

Abbildung 3: Beziehungsgeflecht zwischen Kapitalgeber, Staat und den Ratingagenturen

Abbildung 4: Funktionsweise des Ratingfonds

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Risikokonstellation der Prinzipal-Agent-Theorie

Tabelle 2: Bonitätseinstufungen der drei führenden Rating-Agenturen im Vergleich

Tabelle 3: Zusammenspiel der Kapitalmärkte, Ratingagenturen und des Staates

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung und Problemstellung

Investment would be practically costless in a world where the future was perfectly foreknown. (Knight 2009: 85)

Finanzkrisen werden definiert als große Verwerfungen in einem Finanzsystem, die durch einen Wertverlust bei Vermögenswerten sowie durch die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmen gekennzeichnet sind. In Anbetracht des Ausmaßes und der damit verbundenen Gefahr gilt die Banken- und Finanzkrise mit ihrem Beginn im Jahr 2007 zur bedeutendsten nach der Weltwirtschaftskrise, welche ab dem Jahr 1929 seine Wirkung gezeigt hat. Die Gründe dafür ergeben daraus, dass erstmals nicht ausschließlich Europa und die USA, sondern auch viele so genannte Emerging Economies tangiert sind (Nastansky und Strohe 2010: 23).

Aber wie entwickelte sich diese Finanzkrise? Der Grundstein für die Krise wurde auf dem US-Immobilienmarkt für private Hypothekenkredite gelegt. Bereits in der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde in den USA durch den so genannten Community Reinvestment Act das politische Ziel definiert, sozial Benachteiligten leichteren Zugang zum Wohneigentum zu gewähren. Unter der Regierung Präsident Bill Clintons wurde dieses Bundesgesetz weiter verschärft. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 senkte die US-Notenbank die Leitzinsen auf ein Prozent, um mit einer Politik des ‚billigen‘ Geldes die Wirtschaft wieder anzukurbeln (Nastansky und Strohe 2010: 23). Die Folge war anfangs stark steigende und bei Betrachtung der letzten zehn Jahre sogar eine reale Verdoppelung der Immobilienpreise (Hausner 2009: 40). Der Preisanstieg gekoppelt mit einem günstigen Zinsumfeld hat zu einer expansiven Kreditvergabe der amerikanischen Banken geführt. Auch an Schuldnern mit geringer Bonität sowie stark fluktuierendem Einkommen, wurden Kredite vergeben, die Subprime-Kredite genannt wurden. Die Refinanzierung der hypothekengewährenden Institutionen erfolgte durch neue Finanzinstrumente (forderungsbesicherte Wertpapiere), deren Deckung die vergebenen Immobilien darstellen und das Risiko somit von der Entwicklung der Immobilienpreise abhängig ist (Fendel und Frenkel 2009: 79). Diese Art Hypothekenkredite zu besichern, findet lediglich in den USA Anwendung (Hausner 2009: 40). Es kam zu einer Verdoppelung der Preise für US-Wohnimmobilien und somit zur Bildung einer spekulativen Blase, die im Jahr 2008 zu Platzen begann. Der Case-Shiller 20-City-Index zeigt an, dass die Häuserpreise in den USA im Zeitraum 2000 bis 2006 um rund 80 Prozent gestiegen sind. Mit dem Anstieg der Häuserpreise nahm auch die Differenz zwischen dem Wert des Hauses und dem geliehenen Kapital stetig zu und damit das positive Eigenkapital. Banken hatten nichts dagegen, dass die Hausbesitzer diese Entwicklung des Eigenkapitals für sich genutzt haben und vergaben bereitwillig Kredite. Die Annahme war, dass die Sachwerte als Sicherheiten gelten, da deren Preise weiterhin ansteigen werden. Durch die Ausweitung des CDS-Geschäfts auf Hypothekenanleihen und den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes im Jahr 2007 kamen Kreditnehmer zur finanziellen Bedrängnis und entschlossen sich zum Verkauf von Häusern und Grundstücken. Mit der Zunahme an Verkäufen und Rückgaben an die Bank (foreclosure), gerieten die Haus- und Grundstückspreise unter Druck. Letztendlich mussten viele Banken Abschreibungen vornehmen (Mankiw und Taylor 2018: 1115ff).

Die Konsequenz daraus sind drastische Wertberichtigungen aufgrund des mark-to-market -Prinzips, welche die Eigenkapitalbasis der Banken enorm schwächen. Die Tatsache, dass Banken über den Interbankenmarkt stark verknüpft sind, hat einen Domino-Effekt in Kraft gesetzt. Das Counterparty-Risk schien zu groß zu sein, wodurch die Austrocknung des Interbankenmarktes und eine allgemeine Vertrauenskrise verbunden mit der akuten Gefahr eines Bank Runs durch private Einleger die Folge waren. So genannte Spill-Overs (Übertragungseffekte) von den internationalen Finanzmärkten auf die Realwirtschaft brachten erhebliche Folgen mit sich. Die entstandenen Liquiditätsengpässe der Geschäftsbanken haben dazu geführt, dass die Kreditvergabe an Unternehmen dezimiert wurde (credit crunch), diese ihr Geschäftsvolumen reduzieren mussten und eine eingeschränkte gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Konsequenz war (Beck und Wienert 2009: 255; Fendel und Frenkel 2009: 81f.).

Mangelndes Risikobewusstsein sowie eine nachlässige Bankenaufsicht haben zu einer Gefährdung der internationalen Finanzmarktstabilität geführt (Nastansky und Strohe 2010: 29).

Laut der Kapitalmarkttheorie handeln die Anleger rational und lassen neben Renditeerwartungen auch Risikoerwartungen in Investitionsentscheidungen einfließen. Anhand dieses Rendite-Risiko-Kalküls sind zwei Kernaussagen ableitbar. Erstens, es gibt keine Rendite ohne Risiko und zweitens, kann gemäß dem Capital-Asset-Pricing-Model (kurz CAPM) durch eine Diversifikation (Investitionen in das Marktportfolio) das unsystematische Risiko reduziert werden. Das systematische Risiko, sprich das eigentliche Marktrisiko, kann im Zusammenhang mit dem CAPM nicht wegdiversifiziert werden. Somit ist der Marktpreis für das systematische Risiko im Marktpreis des Instrumentes enthalten (Hagemeister 2010: 1ff).

Das menschliche Handeln, the human action, ist gerichtet auf eine Reduzierung von Unsicherheiten. Risiken hingegen sind einschätzbar und können gemessen werden, während im Falle einer true uncertainty keinerlei Einschätzungen über die Zukunft gemacht werden können. Unsicherheit heißt somit, dass die Akteure im Gegensatz zu Situationen von Risiko (im Knight’schen Sinne) nicht in der Lage sind, die Wahrscheinlichkeit der Folgen alternativer Handlungsoptionen abzuschätzen. Die Frage ist nun, wie Anleger ihre Entscheidungen trotz dieser true uncertainty treffen. Die Phrase ‚ Straight from the gut‘ von Jack Welch beschreibt, wie die Menschen ihre Unsicherheit umgehen. Demnach sind Investmententscheidungen der Anleger eher intuitiv als analytisch zu betrachten (Akerlof und Shiller 2009: 144). Die Behavioral Finance versucht Muster dieser intuitiven Entscheidungen zu erkennen und den Einfluss der Anlegerpsyche auf das Börsengeschehen zu untersuchen. Es werden Ansätze aus Ökonomie und Psychologie miteinander verbunden. Demnach unterliegen die Investoren einer ‚ Overconfidence ‘, sprich einer Art Kontrollillusion, wodurch das Vertrauen der Immobilieninvestoren, den Markt durchschaut zu haben und ihn kontrollieren zu können, wuchs. Soweit eine Identifizierung der irrationalen Mustern möglich und ihre Wiederholung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, können für diese berechenbar unvollkommene Finanzwelt Handlungsempfehlungen formuliert werden (Kitzmann 2009: 16f.).

Der Zugang zu den Kapitalmärkten für die Fremdkapitalaufnahme ist für Unternehmen und Staaten von entscheidender Bedeutung. Der Bedarf an Fremdkapital wird zunehmend durch die Begebung von Wertpapieren sichergestellt. Für die objektive Bonitätsbeurteilung des Wertpapiers und des Schuldners treten Ratingagenturen als Dienstleister am Finanzmarkt auf und vergeben (in der Regel im Auftrag des Emittenten) ihre Ratings. Ratings bieten eine Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, ob der Emittent seine rechtlichen Verpflichtungen aus dem Wertpapier, also die Zahlung von Zins und Tilgung erfüllt. Ratingagenturen schätzen und beurteilen somit das Risiko eines Zahlungsausfalls von Unternehmen, Finanzprodukten sowie ganzen Staaten mithilfe eines Benotungssystems basierend auf einem standardisierten Risiko- und Bonitätsbeurteilungsmaßstab (Horstmann 2013: 24). Die IOSCO, Internationale Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörde, hat die Förderung eines weltweit einheitlichen Börsen- und Wertpapierzulassungsstandards zum Ziel (IOSCO 2015a: 1f.). IOSCO hat folgende Definition für Kreditrating gewählt:

“Credit rating” or “rating” means an assessment regarding the creditworthiness of an entity or obligation, expressed using an established and defined ranking system. (IOSCO 2015b: 7)

Gemäß dieser Definition werden keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen gemacht, sondern es wird eine Meinung zur Kreditnehmerbonität abgegeben. Bei der Erstellung eines Ratings sollen Ratingagenturen gewährleisten, dass das Rating (1) unter Verwendung von sicheren Methoden erstellt worden ist; (2) alle Informationen widerspiegelt, die zum Zeitpunkt der Bestimmung der Kreditwürdigkeit bekannt sind und als relevant erachtet werden; (3) von Analysten mit angemessenem Wissen und Fachwissen erstellt worden ist; und (4) frei von Voreingenommenheit sind und nicht durch Interessen beeinflusst sind (IOSCO 2015b: 7).

Wirtschaftlich bedeutend sind Ratings für die Emittenten dadurch, dass gute (Investment-Grade) oder schlechte (Speculative-Grade) Ratings Auswirkungen auf niedrigere oder höhere Kapitalbeschaffungskosten haben. Durch die hohe Akzeptanz von Ratings haben diese eine marktbeeinflussende Stellung erhalten. Für die Finanz- und Wirtschaftskrise werden Ratingagenturen mitverantwortlich gemacht, da sie die Risiken strukturierter Finanzprodukte nicht korrekt eingeschätzt bzw. zu spät vor den weitreichenden Konsequenzen gewarnt haben (Horstmann 2013: 24f.).

Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Rolle der Ratingagenturen auf dem weltweiten Finanzmarkt herauszuarbeiten. Dabei liegt der Schwerpunkt in der Beantwortung folgender Leitfragen:

- Welche Funktion haben Ratingagenturen im Kapitalmarkt?
- In welcher Prinzipal-Agent-Beziehung stehen die beteiligten Akteure zueinander?
- Wie kann der potentielle Interessenskonflikt gelöst werden, der daraus resultiert, dass der Auftraggeber, der bewertet werden möchte, das Rating bezahlt?

Neben der Rolle und Aufgaben der Ratingagenturen, werden die elementaren Interessenkonflikte sowie neue Ansätze zur Regulierung des Geschäfts der Ratingagenturen untersucht.

2. Die Rolle der Ratingagenturen

Die Hauptaufgabe der Ratingagenturen liegt in der Gewinnung, Zusammenstellung und Auswertung von Daten sowie Informationen zur Erhebung, Analyse sowie Beurteilung von real- und finanzwirtschaftlichen Unternehmen, Finanzprodukten sowie Staatsanleihen. Zusätzlich bieten sie, abgesehen von der Bonitätsbewertung, Serviceleistungen rund um die Risikovermeidung an (Cengiz 2013: 12).

Die im Jahre 2007 entstandene Finanzkrise und der damit einhergehende Zusammenbruch einiger US-amerikanischer Banken verdeutlichen, dass mangelhafte oder ‚falsche‘ Ratings fatale Folgen für das globale Finanzsystem und die Weltkonjunktur nach sich ziehen können. Seit diesem Ereignis stehen internationale Ratingagenturen, primär die Big Three der Ratingbranche wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, im Fokus von Aufsichtsbehörden und Regulatoren. Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch sind nicht die einzigen Ratingagenturen, aber diejenigen, die den Status eines ‚national anerkannten statistischen Rating-Unternehmens‘ (NRSROs) genießen (Rügemer, 2012: 8; Petersdorff und Siedenbiedel 2011). Die drei großen Ratingagenturen besitzen Marktanteile von 86 Prozent bei Ratings von Finanzinstituten, von rund 93 Prozent bei den Unternehmen, annähernd 95 Prozent bei den strukturierten Wertpapieren und ca. 75 Prozent auf dem Versicherungsmarkt. Wie die Abbildung 1 zeigt, besitzen die drei Ratingagenturen insgesamt weltweite Marktanteile von 95 Prozent. Dies verdeutlicht zum einen die marktbeherrschende Situation der großen drei Ratingagenturen sowie deren Einfluss auf das gesamte Weltkapital. Ratingagenturen kontrollieren z.B. für Unternehmen und die meisten Länder den Zugang zum Anleihenmarkt. Ohne das Urteil einer Ratingagentur gibt es keinen Kredit und deren Urteil legt fest wie teuer der Kredit sein wird (Ötsch 2012: 3f.; Statista 2012).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Weltweite Marktanteile der Ratingagenturen (Quelle: Statista 2012)

Ratingagenturen haben einen Einfluss auf die Finanzierungskosten eines Unternehmens. Unternehmen, die ein gutes Rating erhalten haben, können Kapital zu besseren Konditionen (z.B. niedrigeren Zinsen) beziehen, als Unternehmen mit einem schlechteren Rating. Denn durch das schlechtere Rating kommt die schlechtere Bonität des Unternehmens und somit das höhere Risiko für den Kapitalgeber zum Ausdruck. Das Rating eines Unternehmens wird für die Bemessung der Anforderungen der Eigenkapitalquote herangezogen. Je niedriger das Rating ist, desto höher sind die erforderlichen Eigenmittel (Cengiz 2013: 12f.).

Das Geschäftsmodell der Ratingagenturen zielt darauf ab, die am Markt vorliegende Asymmetrie der Informationsverteilung zwischen den Marktakteuren zu minimieren. Es existieren drei Arten asymmetrischer Informationsverteilung, nämlich hidden characteristics, hidden action (moral hazard) und hidden intention. Zur Überwindung der aus asymmetrischer Informationsverteilung resultierenden Verhaltensunsicherheiten und damit einhergehenden Wohlfahrtsverluste werden institutionelle Arrangements eingerichtet, wie die Investition nach Meilensteinen, anreizkompatible Verträge, etc. Die entstehenden Kosten für die Überwindung von Informationsasymmetrien werden Agency Costs genannt. Die Prinzipal-Agent-Theorie, sprich das Verhältnis zwischen dem Prinzipal und dem Agent erfuhr seit der Finanzkrise von 2007 zunehmende Aufmerksamkeit. Der Prinzipal ist eine Person oder Organisation, für die eine andere Person oder Organisation, Agent genannt, eine Handlung ausführt. Der Agent kann dabei als Berater betrachtet werden. Der Prinzipal versucht den Agenten dazu zu bringen, in seinem Sinne zu handeln und mit ihm die gewünschten Informationen auszutauschen. Da die Beziehung zwischen Prinzipal und Agent von Informationen abhängt, läuft sie manchmal unter der Überschrift der Informationsökonomik. Ziel der Prinzipal-Agent-Theorie ist, durch geeignete institutionelle Arrangements Anreizproblematiken agency-kostenminimierend zu lösen (Mankiw und Taylor 2018: 361).

Die Tabelle 1 stellt die Risikokonstellationen der Prinzipal-Agent-Theorie dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Risikokonstellation der Prinzipal-Agent-Theorie (Quelle: Eigene Darstellung)

Informationsasymmetrie in der Finanzwelt bedeutet, dass Unternehmen als Kreditnehmer ihre eigene Bonität und somit die mit der Kapitalverwendung verbundenen Risiken bei Geschäftsabschluss besser kennen als Investoren. Die Kreditnehmer haben dadurch einen Informationsvorsprung gegenüber den Investoren als Kreditgeber. Den Investoren steht eine große Zahl von Kapitalnehmern gegenüber, weshalb es ihnen nur schwer möglich ist, detaillierte Kenntnisse über deren Bonität anzueignen. Für den einzelnen Investor ist es wirtschaftlich nicht lohnend detaillierte Informationen einzuholen. Investoren als Außenstehende haben meist nur beschränkte Möglichkeiten, das Unternehmen zu bewerten. Aufgrund dieser Ausgangslage haben die kreditsuchenden Unternehmen einen Anreiz ihre eigene Bonität als möglichst gut und die beabsichtige Mittelverwendung als möglichst risikoarm darzustellen, um die Kreditkosten zu senken. Dieser Informationsnachteil der Investoren kann daher auch zu einem wirtschaftlichen Nachteil führen. Um die Folgen der Informationsasymmetrie zu überwinden, ist der Informationsstand der schlechter informierten Partei zu verbessern. Daher versuchen Ratingagenturen diese Informationsasymmetrie auszugleichen, indem sie Fakten und Daten, die dem potentiellen Investor kaum zugänglich sind, erheben, aufbereiten und in komprimierten, allgemeinverständlichen Rating-Bonitätsstufen (siehe Tabelle 2) umwandeln (Cengiz 2013: 13).

Im traditionellen ökonomischen Denken zielen somit Ratingagenturen auf eine Informations- und Transaktionskostenfunktion ab. Ratings dienen zum einen dazu Wahrscheinlichkeiten zu bewerten, ob ein Kredit bedient oder nicht mehr bedient werden kann und zum anderen um die Kosten für die Transaktionspartner zu reduzieren. Ratingagenturen leisten einen Beitrag zur Senkung der Informationskosten der Investoren. Es werden die ungleich verteilten Informationen zwischen Emittenten und Kapitalgebern reduziert. Ratingagenturen erfüllen somit die Funktion des gatekeepers (Ötsch, 2012: 3f.).

Weitere Informationen zur Informationsasymmetrie und Prinzipal-Agent-Theorie befinden sich im Kapitel 3.

2.1 Ratingprozess und Aussage eines Ratings

Die Hauptfunktion eines Ratings ist, uninformierte Marktteilnehmer Informationen über die Bonität eines Wertpapiers oder eines Unternehmens zu vermitteln. Dadurch sollen den Investoren bzw. Kapitalgebern, die Risiken verschiedener Anlageformen oder Kapitalnehmer miteinander verglichen werden. Das Urteil des Ratings der bewerteten Unternehmen entscheidet darüber, zu welchen Konditionen diese Geld auf den Kapitalmärkten leihen können. Das Ergebnis des Ratingprozesses ist ähnlich einem Schulnotensystem. Es werden Ratingcodes zur Benotung eingesetzt, dessen Messung auf einer ordinalen Skala erfolgt und als ein numerisches Qualitätsurteil zu verstehen ist. Zu unterscheiden ist das interne und externe Rating. Das interne Rating bedeutet, dass Kreditinstitute im Rahmen von Beschlüssen von Basel II eine eigene Bonitätsprüfung der Kreditnehmer durchführen. Dieses Rating wird der Öffentlichkeit nicht bekanntgegeben, sondern nur innerhalb der Bank verwertet. Im Unterschied dazu werden externe Ratings von unabhängigen Ratingagenturen durchgeführt und veröffentlicht. Im Auftrag werden diese selbst von den Unternehmen gegeben, die zum Beispiel das Ziel verfolgen, sich über den Kapitalmarkt möglichst günstig zu finanzieren oder die Initiative geht direkt von der Ratingagentur oder einem Investor aus (Cengiz 2013: 8).

Die Tabelle 2 zeigt, die verschiedenen Abstufungen der drei großen Ratingagenturen S&P, Moody’s und Fitch an. Diese Unterteilung unterscheidet zwischen Investment-Grade und Speculative-Grade.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Bonitätseinstufungen der drei führenden Rating-Agenturen im Vergleich (Quelle: in Anlehnung an Schulz und Ruhkamp 2011)

Das Investment-Grade umfasst Anleihen, in die investiert werden soll und die keine bzw. nur eine sehr geringe Ausfallswahrscheinlichkeit vorweisen. Beim Speculative-Grade werden Anleihen erfasst, bei denen die Ausfallswahrscheinlichkeit hoch bis sehr hoch ist. Daher besteht ein Zusammenhang zwischen der Ratingstufe und des Kreditrisikos, da je nach Rating unterschiedliche Finanzierungskosten auftreten. Im Regelfall haben Investoren die Wahl zwischen sicheren und risikoreichen Anlagen. In der Schlussfolgerung müssen Emittenten den Investoren als Risikoprämie höhere Zinsen zahlen, je schlechter das Rating ist (Petersdorff und Siedenbiedel 2011). Das Rating eines Zahlungsausfalls (D) wird erst vergeben, nachdem Zahlungsverzug eingetreten ist und der Emittent Konkurs angemeldet hat. Ratingagenturen unterscheiden zwischen einer Bonitätsbewertung des Emittenten sowie einer Bewertung der Schuldtitel (Rügemer, 2012: 75).

Unternehmen sind nicht verpflichtet ihre Bonität bewerten zu lassen. Allerdings kann ein Rating das Unternehmensimage verbessern. Dies wiederum kann den Aufbau neuer Geschäftsbeziehungen erleichtern und den Marktwert des Unternehmens erhöhen sowie die Finanzierungskosten senken. Die Abbildung 2 stellt einen typischen Ablauf eines externen Ratings. Allerdings kann eine Ratingagentur auf verschiedene Arten und Abläufe ihr Rating durchführen, da kein genormtes Verfahren besteht (Cengiz 2013: 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Phasen eines externen Ratings (Quelle: in Anlehnung an Cengiz 2013: 9)

Die Ratingagenturen schließen zunächst mit dem Emittenten, das können Staaten oder Unternehmen sein, einen Vertrag ab. Mit diesem Vertrag werden sie beauftragt, anhand öffentlich zugänglicher, aber auch vertraulicher Informationen die Bonität des Schuldners zu ermitteln, die seine Finanzierungskosten bestimmen. In der Vorbereitungs- und Konsultationsphase steht die Beschaffung der notwendigen Informationen im Vordergrund, um eine Analyse durchführen zu können. In der Bewertungsphase wird die Unternehmensbonität erarbeitet und nach qualitativen sowie quantitativen Kriterien mit der Konkurrenz verglichen. Quantitative Kriterien kennzeichnen sich durch einen bestimmbaren Zahlenwert aus und weisen eine höhere Objektivität sowie Transparenz als qualitative Kriterien auf. Es werden bspw. betriebswirtschaftliche Kennzahlen aus den vergangenen Jahresabschlüssen herangezogen. Ein Vergleich über mehrere Geschäftsjahre ermöglicht die Feststellung von positiven und negativen Trends. Weiters werden Kennzahlen des Unternehmens mit anderen Kennzahlen brancheninterner Unternehmen in Verhältnis gesetzt. Dadurch ist eine Analyse der Stärken und Schwächen möglich. Die Struktur des Kapitals (Anteil Fremdkapital am Gesamtkapital), der erwartete Cash-Flow und die finanzielle Flexibilität sind weitere wichtige quantitative Kriterien. Qualitative Kriterien sind die Beurteilung der Unternehmensstrategie, des Managements, der Wettbewerbssituation innerhalb der Branche oder der Marktstellung (Gleißner und Füser 2014: 78f.). Über das Ergebnis des Rating-Komitees wird das emittierende Unternehmen informiert und meist erfolgt eine Pressemitteilung. Zu den üblichen Serviceangeboten einer Ratingagentur gehört die laufende Markt-, Branchen- und Unternehmensbeobachtung. Daher findet oftmals eine jährliche oder anlassbezogene Verifikation des Urteils statt (= Wiederholungsphase). Das Unternehmen übermittelt dazu alle Informationen, die zur Überprüfung ihrer Kreditwürdigkeit notwendig sind, an die Ratingagentur weiter und trifft sich mit den Analysten der Ratingagentur (Horstmann 2013: 106f.).

2.2 Auswirkungen von Ratings

Ratingagenturen bieten für die Finanzwirtschaft einen Mehrwert über die Informationsbereitstellung, Zertifizierungs- und Monitoring-Dienste. Ratings reduzieren asymmetrische Informationen durch die Generierung und Verteilung von neuen, nicht am freien Markt vorhandenen, Informationen betreffend Anlagerisiken. Sie reduzieren dadurch Informationskosten und erweitern den potentiellen Pool an Kreditnehmern, wodurch sich die Liquidität der Märkte erhöht. Günstigere Kredite für Investitionen sind die Folge. Zusätzlich zur Informationsbereitstellung bieten Ratingagenturen Zertifizierungsdienstleistungen an. Sprich Ratings werden verwendet, um Unternehmen, Staats- oder Wertpapiere in investitionswürdig (Investment-Grade) und nicht-investitionswürdig (Speculative-Grade) einzuteilen. Dadurch wird speziell die institutionelle Nachfrage nach monetären Mitteln, wie bspw. durch die Verwendung von externen Ratings in der Berechnung der Eigenkapitalausstattung von Banken nach Basel II, sowie die generelle Marktliquidität beeinflusst. Investitionsentscheidungen von Unternehmen werden ebenso implizit beeinflusst. Das fortlaufende Monitoring der Ratings von Emittenten und die Möglichkeit von Auf- und Abwertungen durch die Ratingagenturen erhöht die Sicherheit für die Anleger. Zum einen ist eine Änderung der Kreditwürdigkeit für sämtliche Marktteilnehmer unverzüglich ersichtlich. Zum anderen ist der Emittent einer möglichen Abwertung des Ratings bemüht. Somit haben Bonitätsbeurteilungen von Ratingagenturen Auswirkungen auf die (Finanz-)Wirtschaft (Kiff und Nowak, Schumacher 2012: 5f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Ratingagenturen. Zur Überwindung des Problems der asymmetrischen Informationsverteilung im Kapitalmarkt
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
2
Autor
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V944261
ISBN (eBook)
9783346278258
ISBN (Buch)
9783346278265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Finanzkrise, Bonitätseinstufungen, Informationsasymmetrie, Ratingpraxis, ratingagenturen
Arbeit zitieren
Sebastian Peneder (Autor), 2020, Die Rolle der Ratingagenturen. Zur Überwindung des Problems der asymmetrischen Informationsverteilung im Kapitalmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944261

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