Die Realitätsnähe des Gemäldes "Bonaparte überquert die Alpen" von Paul Delaroche

Ein Bildvergleich mit Jacques-Louis David


Hausarbeit, 2017

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Anführen der Leitthese und Kurzbeschreibung der zu vergleichenden Gemälde

2. Bildbeschreibungen und Analysen
2.1 Bildbeschreibung und historischer Kontext zu Delaroches Werk
2.2 Analyse Delaroches Gemälde und der Intention hinter seiner Napoleon Darstellung
2.3 Davids Napoleon am großen St. Bernard Pass
2.4 Propagandastrategie und Darstellungshintergründe hinter Davids Werk

3. Vergleich der Realitätnähe an Delaroches und Davids Werken

4. Anhang
4.1 Bildmaterial
4.2 Literaturverzeichnis

1. Anführen der Leitthese und Kurzbeschreibung der zu vergleichenden Gemälde

Auf den folgenden Seiten werde ich Paul Delaroches und Jacques Louis Davids Gemälde zu dem Ereignis der Alpenüberquerung druch Napoleon in Bezug auf ihre Realitätsnähe und die daraus resultierenden Wirkung auf den Betrachter vergleichen. Um die Absicht und den Gedankengang der Künstler offen zu legen, werde ich für beide Bilder eine Bildbeschreibung und Bildanalyse anführen und die Provenienz der Gemälde erläutern.

Napoleon (1769-1821) entdeckte die Macht der Propaganda schon früh für sich, er war ein Meister darin, sich mithilfe von Kunst und Presse ins richtige Licht zu stellen. Kriegsführung basierte schon lange nicht mehr auf Strategien fürs Schlachtfeld, sondern Strategien der Propaganda1. Siege schrieb man in Tinte und Farbe anstatt Blut. Es zählte weniger, wer eine Einzelschlacht für sich entschied, Siege wie auch Niederlagen legte Napoleon zu seinem Vorteil aus und beeinflusste das Volk durch seine Propagandagemälde. Sein Außenbildnis formte der General und späterer Kaiser durch die gezielte Verbindung von Kunst und Politik. Die Anfertigung der großteils militärischen Gemälde überließ er den bekannten Künstlern seiner Zeit2. Gros, David und Ingres setzten den Herrscher ins richtige Licht und verarbeitenden seine Vorstellungen in Meisterwerke der Kunst. Noch heute sind viele napoleonische Gemälde der verschiedenen Künstler hoch angesehen und hängen in einigen der bekanntesten Museen der Welt. Nicht nur französische Sammler sondern auch britische Adelige fanden mit Wiederaufleben der napoleonischen Kunst um 1830 gefallen an Portraits des Militärs3.

Auf den folgenden Seiten werde ich Davids und Delaroches Gemälde zur Überquerung der Alpen durch Napoleon analysieren und in einem finalen Schritt vergleichen. Davids Gemälde enstand 1800/01 zeitnah am Geschehen, während Delaroches Version erst lange nach Napoleons Tod im Exil auf St. Helena zum Wiederaufleben der napoleonischen Kunst zwischen 1848 und 1850 angefertigt wurde. Davids Idealismus zeigt einen heldenhaften Krieger, Delaroches Realismus einen General, der trotz seiner Menschlichkeit Unglaubliches vollbringt.

2. Bildbeschreibungen und Analysen

2.1 Bildbeschreibung und historischer Kontext zu Delaroches Werk

Das Gemälde enstand zwar erst 1850, jedoch handelt es sich um ein Ereignis, das 1800 stattfand: Die Überquerung der Alpen durch den St. Bernard Pass. Nach der französischen Revolution, die mit dem Ballhausschwur 1789 begann und 1794 mit der Hinrichtung Ludwig des 16. endete, war Napoleons militärische Karriere kurzzeitig gefährdet. Er stand während der Schreckenszeit (1793/94) auf Seiten der Jakobiner, welche nach der französischen Revolution von vielen verfolgt und in Vergeltungmorden hingerichtet wurden. Napoleon konnte seinen Ruf und Stand retten, als er 1795 das Direktorium vor einem Volksaufstand rettete. Zum Dank wurde er zum Brigadegeneral ernannt und erhielt den Befehl über die Truppen in Oberitalien, welche gegen Österreich kämpften. Der Krieg gegen Österrreich begann bereits 1792 und wurde anfangs vom französischen Volk unterstützt, fiel aber durch militärische Misserfolge schnell in Ungnade. Am 15. Mai 1800 führte Napoleon die Armee von über 40.000 Mann auf dem kürzesten Weg durch die Alpen, den großen St. Bernard Pass. Er nahm an, die Österreicher würden nicht damit rechnen, dass die große Armee durch den schmalen Pass kommen würde. Sie brauchten insgesamt fünf Tage um die Alpen zu durchqueren. Obwohl es zu Anfang schlecht für die französischen Truppen aussah, schlugen sie Österreich am 14. Juni nach einem Monat vieler Kämpfe und großer Verluste in einer finalen Schlacht bei Marengo. Napoleon schuf den Frieden von Campo Formio. Dadurch gewann er nicht nur den Respekt der Armee und des Volkes, sondern auch Belgien und linksrheinische Gebiete für Frankreich. 1802 ließ er sich dann durch einen Volksentschied als Konsul auf Lebenszeit wählen und bekam den Titel „Kaiser der Franzosen“4. Die Nachfrage an napoleonisch inspirierten Bildern und Historienmalereien begann ca 1850 über 30 Jahre nach Napoleons Verweis ins Exil 1815 nach St. Helena erneut, nachdem Napoleons Ruf durch die Revolutionen 1830 und 1848 wiederhergestellt wurde. Er galt nicht länger als diktatorhafter Herrscher sondern wurde seiner militärischen Erfolge wegen wertgeschätzt5.

Nun zum Werk an sich: Bonaparte franchissant le grand saint Bernard also Bonaparte überquert den großen St. Bernard von Paul Delaroche entstand zwischen 1848 und 1850 und ist 279.4 x 214.5 cm groß. Es ist ein Öl auf Leinwand Gemälde und hängt in der Walker Art Gallerie in Liverpool6. Delaroches Gemälde über die Bezwingung des St. Bernard Passes ist kein Einzelstück, der Künstler ertstellte fünf Versionen, die sich zwar sehr stark ähneln, aber doch kleine Unterschiede aufweisen. Das vermutliche Original hängt in Liverpool (Abb.1), eine weitere bekannte Version im Louvre (Abb.3), nachdem sie 1982 aus der Sammlung von John Naylor aufgekauft wurde, eine drittes Gemälde hängt im Paris´musee Frederic Masson (dieses konnte ich leider nicht ausfindig machen), das vierte im Buckingham Palace (Abb.4) und das letzte, welches sich als Einziges noch in Privatbesitz befindet, ist Teil der Knohl Sammlung in Anaheim (Abb.5)7. Über die Schaffungsreihenfolge der Werke gibt es Streitigkeiten. Vermutet wird, dass entweder die Version in Liverpool oder die im Louvre das Original ist. Um die Beschreibung zu entkomplizieren werde ich mich bei der Bildbeschreibung auf nur ein Gemälde, die Liverpool Version, beziehen. Dieses wurde von Arthur George, dem Earl von Onslow und begeisterten Sammler Napoleon-bezogener Kunst, in Auftrag gegeben, nachdem ihm die Darstellung von David zu unrealistisch erschien. Später wurde das Gemälde von Henry Yates Thompson aufgekauft und im selben Jahr, 1893, als Schenkung an die Walker Art Gallerie überreicht.

Betrachten wir nun einmal Delaroches Werk im Detaill (Abb.1): Dominiert wird das Gemälde von den Farben Blau, Weiß und Rot, die sich in der Landschaft und der Kleidung der Soldaten widerspiegeln. Diese sind selbsterklärend ein Rückverweis auf die französische Flagge und erleichtern das Erkennen der Szene durch ihren unterbewussten Denkanstoß. Im Mittelpunkt des Bildes steht Napoleon. Er sitzt auf einem müden, unterernährten Maultier und ist in einen grauen Wollmantel gekleidet. Seine Kleidung besteht zum Großteil aus einfachen, robusten Stoffen, so trägt der General einen normalen Wintermantel für die Zeit um 1800. Nach den von 1660 bis 1789 stark verzierten Kleidungsstücken wurden vorallem die Bekleidungen für Männer zu Anfang 1800 wieder schlichter. Grau, braun und grün dominierten zusammen mit einfachen Schnitten, wie man es auch auf diesem Gemälde gut sehen kann8. Napoleons Uniform ist durch den Mantel beinahe ganz verborgen, jedoch kann man das typische blau-weiß-rot der französischen Armee erkennen. Er trägt eine weiß-beige Soldatenhose und eine blaue Jacke, die sich von der Armee durch ihre goldenen Ränder absetzt. Der Bicorne, sein Zweispitz, besteht aus Leder und ist ebenfalls mit einem goldenem Rand, sowie einer Medaille versehen. Auch einige der Soldaten im Hintergrung tragen ähnliche Zweipitze, hier sind die Farben Frankreichs durch die dreifarbigen Federn aufgegriffen und eine ähnliche Medaille wie bei Napoleon ist zu erkennnen (Abb.6). Um Napoleon herum erstrecken sich raue Eisflächen und Schneemassen, welche einen Kontrast zu den dunklen Tönen des Maultieres und der Felswand rechts geben. Die Szene wird beleuchtet von einer natürlichen Lichtquelle, einem sanften Sonnenstrahl von links, der besonders Napoleon erleuchtet und Schatten an die Felswand wirft. Das Fell des Tieres is ähnlich detailliert zu Napoleons Mantel. Durch Licht und Schatten gibt Delaroche dem Bild Textur und Tiefe9. Napoleons Mimik ist ernst und nachdenklich. Er wirkt müde und niedergeschlagen von dem schwierigen Weg. Im Hintergrund sind weitere Männer Napoleons zu sehen, ein Soldat ist ebenfalls auf einem Pferd abgebildet. Dieses scheint es in dem Terrain jedoch deutlich schwerer zu haben. Die Männer im Hintergrund wurden in einem Moment der Bewegung eingefangen, während Napoleon recht starr, wie auf einem herkömmlichen Portrait dargestellt ist. Napoleons Navigator, Pierre Nicholas Dorsa, läuft neben dem Tier her, seine Kleidung wirkt wettergegerbter als Napoleons und sein Gesichtsausdruck ähnelt dem des Generals. Er stützt sich auf einen hölzernen Gehstock und schiebt das Muli an der Mähne mit sich. Delaroches Gemälde ist eine historisch akkurate Darstellung Napoleons und des Geschehens10. Der hier verwendete Stil des Realismus gewann zu Entstehungszeit des Gemäldes an Zuspruch, wurde in diesem Fall jedoch von mehreren Seiten kritisiert, da es den General weniger glorreich und heldenhaft darstellte. Viele bemängelten, dass es dem Genie Napoleons nicht gerecht wurde11.

2.2 Analyse Delaroches Gemälde und der Intention hinter seiner Napoleon Darstellung

Auf Delaroches Gemälde sehen wir keinen heldenhafter Krieger. Der 1. Konsul stürmt nicht voller Tatendrang ins Geschehen, wie man es auf anderen Portraitierungen Napoleons beobachten kann. Die Wahl einer so gegensätzlichen Darstellung des militärischen Genies traf Delaroche nicht ohne Grund. Das realistischere Abbild des Feldherren hat eine komplett andere Wirkung auf uns, als ein herkömmliches Schlachtenbild. Ein Grund für die nüchterne Darstellung der Szene ist die historische Akkuratesse: Napoleon überquerte die Alpen nicht auf einem Pferd, sondern wurde auf einem Muli, welches von einem Zivilisten geführtwurde12. Die Bezwingung des Alpenpasses mit einem Pferd wäre weitaus riskanter und schwieriger, da diese nicht für das eisige Terrain geeignet sind. Selbst das Maultier hatte Probleme mit dem Pass und wäre an einer Stelle beinahe mit dem General in den Abgrund gestürzt hätte Nicholas Dorsas nicht rechtzeitig eingegriffen13. Delaroche hielt sich streng an die abgefassten Dokumentationen über die Bezwingung des St. Bernard Passes und recherchierte nicht nur die Reise, sondern auch Kleidung und Uniformen zur Zeit der Koalitionskriege. Wir sehen die eisigen Felswände und den schneebedeckten Weg, die Anzeichen für mögliche und durchaus bedrohliche Gefahren der Reise sind. Delaroches Realismus zeigt strikt was Geschah und wie es Geschah. Man könnte sein Gemälde als Korrektur Davids sehen. Nur was bei der Überquerung passierte, passiert auch auf dem Gemälde. Delaroche setzte auf die historisch exakte Wiedergabe der wichtigen Detaills der Überquerung14. Dennoch ist das Gemälde kein Abbild der Realität, schließlich ist es keine Fotografie und wurde nur aufgrund von Aufzeichnungen erstellt. Was es jedoch ist, ist ein ´mögliches´ Abbild der Wirklichkeit. Möglich, weil es mit den Geschichtsbüchern übereinstimmt und den Realitätsanforderungen nicht widerspricht. Die dargestellte, mögliche Szene ist somit realistischer als Davids Idealisierung, aber keine Realität selbst.

Delaroche zeigt uns den General als Menschen aus Fleisch und Blut. Diese gezielte Vermenschlichung setzt einen starken Kontrast zu den herkömmlichen, heroisierten Napoleon Gemälden. Delaroches Ansatz wirft ein komplett anderes Licht auf den Herrscher: trotz seiner Menschlichkeit vollbringt Napoleon Unglaubliches. Er ist nicht länger das unsterbliche Genie, sonder der tragische Held, der mutig, trotz Bedenken in die Schlacht zieht15. Einen Menschen solch große Taten vollbringen zu sehen ist motivierender, als einen Gott dabei zu betrachten mühelos das Gleiche zu tun. Der Betrachter wird in die Szene integriert, die Menschlichkeit spricht uns an und verbindet. Abgebildet auf dem Gemälde sind die weniger glorreichen Kämpfe mit den alltäglichen Gegnern in den Alpen: Kälte, Erschöpfung und Naturgewalten. Obwohl diese an dem Feldherren zehren schaut er uns entschlossen an. Er wirkt in Gedanken verloren, weder hoffnungsvoll noch hoffnungslos blickt er aus dem Rahmen des Bildes heraus. Sieg oder Niederlage sind noch nicht absehbar, erstmal gilt es denn Weg zu bezwingen, dann folgt der Kampf mit dem Feind.

Da das Gemälde nach Napoleons Tod entstand, konnte Delaroche nicht länger auf ein unsterbliches Bildnis von Napoleon setzen und entschied sich für das Gegenteil, einen Menschen. Die neuere Version der Szene zeigt uns die reellen Gefahren, die ihn hätten aufhalten könnten, es letztendlich aber nicht schafften16. Nachdem Louis-Philippe Napoleons Leichnahm 1840 nach Frankreich zurückbringen und erneut beerdigen ließ, besserte sich der Ruf des ehemaligen Herrschers und eine neue Darstellungsart Napoleons gewann an Bedeutung. Da dieser nicht länger Teil des politischen Alltags war, sondern Teil der französischen Geschichte, wurden nun unparteiische, historisch akkuratere Bilder erstellt. Napoleon als Mensch in wirklichkeitsnahem Umfeld statt als gottähnlicher Krieger in utopischen Schlachtverläufen. Delaroche interressierte sich für Napoleon als Menschen, nicht als Sagengestalt und übertrug dies auf seine Werke17. Er soll großen Respekt vor dem Feldherren gehabt und sich sogar in einigen Aspekten in ihm widererkannt haben18. In seinem Gemälde zeigt er uns einen geistigen Kampf mit den Widerständen des Weges. Sein Werk ist nicht als Propagandamittel intendiert, sondern als ehrenden Nachruf für den General und sein militärisches Genie. Unter Gros lernte er zunächst die Kunst des Klassizismus, bevor er sich auf den neu emporsteigenden Stil des Realismus verlagerte. Gros war ehemaliger Schüler Davids und soll viel von Delaroche gehalten haben19. Betrachtet man die Versionen Davids und Delaroches nebeneinander, sieht man deutlich den „Kampf“ der Stilrichtungen. Heroisierung zu Napoleons Lebzeit – Vermenschlichung nach seinem Tod. Natürlich gab es starke Anhänger beider Stile und so erhielt Delaroches Bild 1850 sehr verschiedene Rückmeldungen. Ein Kunstkritiker des Londoner Magazines Athenaeum unterstellte dem Künstler sogar, gar nicht in der Lage zu sein, Napoleons Genie einzufangen20. Interressant ist, wie die fehlende Realitätsnähe auf Davids Werk die Entstehung des Realismus-Gemäldes Delaroches bewirkte und dann wieder genau ihretwegen bemängelt wurde.

Die neue Darstellung des Geschehens hatte auch eine neue Wirkung auf den Betrachter. Dieser konnte sich nun mit dem Feldherren assoziieren und die Situation von einem anderen Standpunkt betrachten. Er ist nicht länger der stille Beobachter, sondern fühlt in einem Akt der compassio mit Napoleon mit. Diese Emotionsnähe wird gezielt durch eine festgelegte Distanz reguliert. Denn während der Feldherr trotz seiner Sterblichkeit in die Schlacht zieht, hat wohl kaum ein Betrachter des Werkes etwas ähnliches vollbracht wie Bonaparte. Eben weil wir die Erschöpfung sehen und verstehen können, die an ihm zehrt, staunen wir über seine Siege und Strategien. Das Gemälde zeigt uns nicht nur ein Ereignis, sondern auch dessen Auswirkungen21. Mimik und Haltung Napoleons lassen uns die Müdigkeit und Kälte erahnen, denen er sich entgegenstellen muss. Durch diese Details und die entdramatisierte Szene wirkt das bedeutende, historische Ereignis wie ein alltäglicher Ablauf. Das Gemälde ähnelt Darstellungen von Farmern bei der Arbeit mehr als den Schlachtenbildnissen mit denen es sonst verglichen wird22. Delaroches nüchterne Darstellung bedarf genauerer Betrachtung um Napoleons Genie widerzufinden als ein idealisiertes Portrait. Napoleon in einem bedeutenden Moment seiner Karriere, auf dem Weg in Schlacht, zeigt uns mehr als einen unverwundbaren Helden. Wir sehen einen Menschen, der sich seiner Menschlichkeit stellt und schier unüberwindbare Aufgaben bewältigt. Tief in Gedanken ermisst er die kommenden Kämpfe, desillusioniert sieht er die Niederlage nicht als unmöglich, sondern als ernszunehmende Bedrohung. Delaroche war überzeugt, dass Napoleons Genie durch die vermenschlichte Darstelllung nichts einbüßen wird, sondern im Gegenteil sogar noch bewundernswerter erscheine23.

2.3 Davids Napoleon am großen St. Bernard Pass

Jacques-Louis Davids Napoleon Gemälde entstand zwischen Oktober 1800 und Januar 1801 und wurde unter drei Namen bekannt: Napoleon überquert die Alpen, Napoleon am großen St. Bernard Pass und Bonaparte überquert die Alpen24 . Wie Delaroches Bild ist es ein Öl auf Leinwand Gemälde und es existieren fünf Versionen, von denen einige in den bekanntesten Museen der Welt ausgestellt sind. Das Original wurde von dem König Spaniens,Charles IV., in Auftrag gegeben und misst 261 x 221cm. Der König wollte durch das Portrait und weitere Geschenke die spanisch-französische Freundschaft stärken um Napoleon im Kriegsfall auf seiner Seite zu wissen25. Das Gemälde des Generals war jedoch nicht für den französischen Hof gedacht, sondern wurde im Königlichen Palast (Palacio Real) in Madrid in einer speziellen Sammlung von Portraits militärischer Würdenträger ausgestellt. Die Idee des Reiterportraits kam von Napoleon selbst, der in den Entstehungsprozess miteingebunden war. Er wollte „ calme sur un cheval fougueux “, also „ruhig auf einem wilden Pferd“, abgebildet werden, hatte jedoch kein Interesse daran, für den Künstler portrait zu sitzen. Er begründete seinen Enstchluss wie folgt: "Niemand weiß, ob die Porträts der großen Männer ihnen ähneln, es ist genug, dass ihr Genie dort lebt."26. Napoleon legte folglich keinen Wert darauf, ob ihm das Gemälde ähneln würde, sondern allein darauf, dass seine Erfolge sichtbar werden. Er orderte drei weitere Bilder für verschiedene Standplätze in Frankreich und Italien und David fertigte ein fünftes Gemälde für sein privates Atelier an27. Von ihrem Aufbau her ähneln sich die Bilder naürlich sehr stark, jedoch verändert der Künstler Mantelfarbe Napoleons sowie die Fellfarbe des Tieres von Bild zu Bild. Der Mantel ist mal rot, mal gold, während der gescheckte Araber auf einmal weiß-gräulich und dann komplett braun abgebildet ist. Auch Davids Unterschrift verschiebt sich am Bildrand und ein Gemälde trägt sogar gar keine Unterschrift28.

Sehen wir uns eine kurze Übersicht über die Provenienz der Bilder an: Das Original (Abb.2) war bis 1812 in Madrid im Palacio Real bis Joseph Bonaparte es für seine Privatresidenz mit in die vereinigten Staaten, nach Bordentown, New Jersey, nahm. 1949 spendete seine Großnichte es dem Schloss Malmaison. Die zweite Version des Bildes (Abb.7) war von 1801 bis 1814 in Napoleons favorisiertem Heim, dem Château de Saint-Cloud untergebracht, bevor es 1814 als Siegesbeute von preußischen Soldaten mit nach Berlin genommen wurde. Der preußische König stellte es in Schloss Charlottenburg aus, wo es bis heute verweilt. Nummer drei war ab 1802 in Paris in der Bibliothek Les Invalides zu sehen, dann wurde es 1814 im Archiv gelagert, bis es 1837 wieder aus der Versenkung befreit wurde und angeordnet von Louis-Philippe in Schloss Versailles aufgehängt wurde (Abb.8). Die letzte Version aus Napoleons Besitz wurde 1803 im Palast der Cisalpinischen Republik in Mailand ausgestellt (Abb.9). Die Österreicher ordneten zwar an, es bereits 1816 aus dem Palast zu entfernen, aber die Mailänder hielten bis 1825 daran fest. 1834 kam letztendlich doch nach Wien und ist jetzt im Kunsthistorischen Museum zu sehen. Die letzte Version des (Abb.10) war bis 1825 in Davids Atelier und wurde erst lange nach seinem Ableben von Davids Tochter an die Bonaparte Familie geschenkt. Napoleon der III. Ließ es erst in Schloss Tuileries und später dann in Schloss Versailles ausstellen29. In der Bildbeschreibung werde ich mich auf das Original in Schloss Malmaison beziehen.

Davids Darstellung der Überquerung der Alpen ist kein Portrait oder Historienbild. Der Künstler selbst nennt es ein „Tableau portrait“ also ein Handlungsportrait. Obwohl Napoleon beinahe den gesamten Bildraum ausfüllt, ist nicht er, sondern das Ereignis Thema des Werkes. Die Vermischung von Historienbild und Portrait nannte man später auch „portrait d´ histoire“, ein Potrait der Geschichte an sich. Davids Werk zeigt uns nicht den Moment der Schlacht, sondern den Weg dieser entgegen (Abb.2)30. Mittelpunkt des Bildes ist Napoleon auf einem gescheckten Araber. Das Pferd bäumt sich mit weit aufgerissenen Augen und aufgeblähten Nüstern auf, während Napoleon beinahe regungslos auf ihm sitzt. Der General stemmt die Beine gegen die Flanken des Pferdes und streckt seine rechte Hand über dessen Kopf in Richtung des St. Bernard aus. Scheinbar mühelos hält er die Zügel in seiner linken, behandschuhten Hand und wirkt unbeweglich in der von Aufwärtsbewegungen dominierten Szene. Er bildete einen direkten Gegensatz zu dem wilden Tier und lässt sich von dessen Aufbäumen nicht beirren. Ruhig und entschlossen blickt er den Betrachter an, ohne ihn wahrzunehmen. In Gedanken blickt er der Zukunft entgegen und weißt dabei keine Anzeichen von Zweifel an seinem Sieg auf. Durch seine gerade Haltung und emotionslosen Gesichtsausdruck wirkt der General steif und unnatürlich, beinahe wie eine Statue. David gab ihm ein idealisiertes Aussehen, dass durch seine Jugend und Ästhetik stark an antike Heldendarstellungen erinnert31. Napoleon ist gekleidet in eine stark verzierte Uniform und einen goldgelben Mantel. Dieser weht wie die Mähne und der Schweif des Pferdes nach links oben, in die Richtung, die seine Hand weist und wird vom Wind aufgebauscht. Der Körper des Pferdes, Napoleons Mantel und seine Arm bilden diagonale Linien die parallel zum Untergrund des Weges verlaufen. Napoleons weitere Uniform besteht hauptsächlich aus den Farben Frankreichs und goldenen Verzierungen. An seinem linken Bein sieht man einen ebenfalls gold verzierten Degen, auf dem Kopf trägt der Feldherr einen Zweispitz mit goldenem Rand und einer Insignie auf linker Seite. Im Hintergrund sind verschiedene Felsformationen der Alpen, sowie mehrere Soldaten zu sehen, die Waffen und Ähnliches den Pass hinaufziehen. Auch sie tragen die französische Uniform und ähnliche Zweispitze wie Napoleon. Der Himmel über ihnen ist von sturmähnlichen Wolkenfronten verdeckt. Den Vordergrund der Szene bilden einige Felsbrocken, die neben Bonapartes Namen auch den von Hannibal und Karl des Großen (Karolus Magnus) tragen. Auf der Version im Louvre ist es kaum erkennbar, aber hinter der Inschrift „Karolus Magnus“ ist ein „IMP“ in den Stein gemeißelt. Dieses steht für das lateinische Wort imperator und bedeutet Herrscher32. Am besten erkennen kann man diesen Schriftzug auf dem Gemälde in Schloss Versailles (Abb.11).

2.4 Propagandastrategie und Darstellungshintergründe hinter Davids Werk

Das Gemälde Bonaparte überquert die Alpen enstand kurz nach der Ernennung Napoleons zum 1.Konsul. Als zentrale Machtperson Frankreichs achtete er nun mehr denn je auf sein Image und das Erhalten der Loyalität seines Volkes. Er ging sogar dazu über, die Presse zu zensieren, sodass alle Kritik an ihm und seinen Kriegsstrategien verboten wurde33. Der Feldherr setzte stark auf die Kunst der Malerei als Propagandamittel. Obwohl verschiedene Quellen wie Lucien Bonaparte und Jean-Antoine Chaptal von einem fehlenden Kunstverständnis des Generals sprachen, hat dieser es eindeutig verstanden, das Medium des Gemäldes für seine Ziele und Zwecke zu nutzen34. Auch wenn die Überquerung der Alpen um 1800 nichts außergewöhnliches mehr, geschweige denn eine Heldentat war, stellte Napoleon diese durch gezielte Propaganda so dar. An der Alpenüberquerung waren neben Napoleon noch fünf weitere Generäle beteiligt, denen in Davids Werk kein Auftritt gestattet wurde. Auch wurden die Kanonen und weiteres Kriegsgerüst nicht wie auf Davids Darstellung im Stück die Alpen hinaufgezogen, sondern in Einzelteile zerlegt. Anzumerken ist letzlich noch, dass die Schlacht in Italien im November 1800, nur wenige Monate nach Napoleons Sieg, wieder begann und diesmal nicht vom ersten Konsul, sondern von dem General Jean-Victor-Marie Moreau gewonnen wurde35. Der verstärkte Einsatz von Propaganda begann bereits zu Zeiten der Revolution und wurde mit Napoleons Machtantritt nicht geringer36. Jacque-Louis David (1748-1825) war wie Napoleon zur Zeit Robespierres auf Seiten der Jakobiner, was seine Verbundenheit zu und Respekt für Bonaparte erklären mag. 1801 wurde dem Künstler von Lucien Bonaparte die Position des 1. Malers der Regierung angeboten, David lehnte dies zunächst ab, nahm das Angebot 1804 aber doch an und war von da an der Premier Peintre für Napoleon. Davids meist klassizistische Werke erlangten eine realistischere Wirkung durch die ausführlichen Naturstudien, die David betrieb37. Nach Napoleons Verweis ins Exil wurde auch der Künstler aus Frankreich verbannt und war in Brüssel bis zu seinem Tod in 1825 weiter als Künstler tätig38.

Obwohl David ein renomierter Künstler war, wollte Napoleon nicht für ihn Portrait sitzen. Durch diese Enstcheidung war es David erschwert, Napoleons Aussehen in seinem Gemälde einzufangen. Er hatte nur ein älteres Portrait und Napoleons Uniform aus dem Kampf bei Marengo zu Hilfe. Da einer der Söhne des Künstlers anstatt des Generals Modell stehen musste, erlangte Napoleons Abbild ein recht jugendliches Aussehen, das jedoch auch Produkt der Idealisierung in Davids Stil sein könnte39. Napoleons Gesichtszüge auf dem Bild sind generell sehr emotionsarm und lassen Davids Vorliebe für antike Heldendarstellungen erkennen. Napoleon war der erste ´lebende Held´ den der Künstler malte und so erhielt der General ein sehr stilisiertes Aussehen40. Napoleon strahlt durch seine Position überhalb der restlichen Soldaten und des Betrachters Authorität und Überlegenheit aus. Erhaben thront er über dem Geschehen, unbeeindruckt von jeglicher Gefahr. Durch die überdimensionale Größe von Napoleon und seinem Reittier strotzt der Feldherr vor Macht und Bedeutung. Seine gebieterische Handweisung gibt in Verbindung mit der Windrichtung, die Mantel und Pferdemähne aufwärts weht, den Anschein, Napoleon könnte die Naturgewalten befehligen. Das gemeißelte ´IMP´ am Bildrand könnte auf Napoleons weitere Zukunftspläne als Herrscher deuten. Er reiht sich nicht nur mit bedeutenden Feldherren sondern Landeshäuptern ein. Hannibal gewann 218 v,Chr. nach 16 tägiger Reise eine bedeutende Schlacht in den Alpen. 773 n.Chr. überquerte dann Karl der Große das Gebirge während seines Langobardenfeldzuges. Sich mit so bedeutenden Persönlichkeiten zu vergleichen stellte auch Napoleon als großen Anführer von Truppen und Volk dar. Wie ihre Taten werden auch seine in die Geschichte eingehen41. Es war also ein gekonnter Kunstgriff, seinen Namen mit denen der anderen Herrscher „einzumeißeln“. Die Inschrift in Stein zeigt nocheinmal die Langwärigkeit seiner Taten und seines Namens. Durch den diagonalen Aufbau des Bildes erhält dieses eine starke Dynamik, die von dem Verlauf entgegen der Leserichtung nocheinmal verstärkt wird42.

Napoleons Propagandastrategien sind in Davids Werk prägnant eingearbeitet worden. Der General wirkt willensstark und den Naturgesetzen überlegen. Die heroische Darstellung gibt ihm einen Hauch von Unsterblichkeit, es wirkt unmöglich, ihn zu besiegen. Selbst auf einem scheuenden Pferd, vor einer großen Schlacht, ist der Feldherr ruhig und beherrscht. Er ist unaufhaltbar auf seinem Weg zum Sieg. Nichteinmal die Alpen können ihn stoppen43. Napoleons überspitzte Wiedergabe von Errungenschaften und Siegen ist immer wieder Teil seiner Propaganda. Das Gebieten der Naturgewalten und die scheinbar mühelosen Siege zeigen Napoleon als von einer höheren Macht bestimmten Anführer Frankreichs. Seine Tauglichkeit als Herrscher wird bereits unterstrichen um der späteren Karriere Napoleons weiter zu helfen. Die gezeigte Herrschaftslegitimation wird auch durch das Stilmittel des Reiterportraits unterstützt. Dieses wurde im Barock zu Zeiten des Absolutismus gern von Kaisern und Königen verwendet. David schafft es, eine strenge Abgrenzung zu diesen vor-revolutionären Monarchien zu ziehen, indem er durch seine Idealisierung einen antiken statt barocken Anspruch in den Vordergrund stellte44. Napoleon überquert die Alpen ist ein künstlerisch wertvolles Propagandamittel, dass Bonapartes Herrschaft legitimisiert und ihn als erfolgreichen Kriegshelden verbildlicht.

3. Vergleich der Realitätnähe an Delaroches und Davids Werken

Wir haben die Werke der Künstler bereits voneinander unabhängig betrachtet, nun gilt es, diese auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen. Der größte und bedeutendste Unterschied ist ihre Nähe zur Wirklichkeit. Obwohl ein Gemälde nie die Realität abbildet, gibt es doch Abstufung von Wirklichkeitsnähe und Ferne. Realitätsnähe sowie Utopie kann zu Nutzen der Bildintention verwendet werden, je nachdem, was uns der Künstler mit seinem Werk mitteilen will. Auch konnte die fehlende Realitätsnähe des einen Gemäldes hier die verstärkte Realitätsnähe des Nachfolgenden bewirken. Delaroche und David teilen in ihrer Darstellung zwar die gleiche Absicht den Konsul als bewundernswert darzustellen, jedoch verwendeten sie dafür komplett gegensätzliche Ansätze. Der beliebter werdende Realismus steht hier dem altbewährten Klassizismus entgegen. Delaroches realistischere Wiedergabe findet in Davids idealisierter Darstellung eines überzogenen Siegeszuges ihren Gegensatz. Obwohl beide Werke auf den Farben Frankreichs basieren, ist Delaroches Bild von kühlen Farbtönen dominiert und zeigt einen erschöpften, menschlichen Napoleon, während Davids Werk allgemein wärmer wirkt und den General als gottesähnlichen Kriegshelden zeigt45. Dabei entschieden sich die Künstler nicht für ein Portrait des Generals allein, sondern für ein Handlungsportrait, welches durch die Soldaten im Hintergrund und die felsige Landschaft mehr Auskunft über das Ereignis gibt. ´Beide´ Feldherren sehen entschlossen aus und sind der unbestreitbare Bildmittelpunkt. Delaroches Napoleon ist entschlossen trotz Gefahren, Davids Napoleon ist entschlossen, da er keine Gefahr fürchtet. Die Künstler wollten Napoleon als beachtenswert hervorheben und hatten selbst große Achtung vor dem General46. 1800 sowie 1850 war Napoleon unter dem Volk beliebt, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Obwohl die Bilder den gleichen Moment wiedergeben, ist der General auf einem in Zweifel versunken, während er auf dem anderen siegessicher in die Schlacht zieht. Gekleidet in einen einfachen Mantel ist Delaroches Napoleon ein starker Kontrast zu Davids in eine stark verschmückte und goldverzierte Uniform gekleideten Napoleon. Auch das Umfeld behandelt den Feldherren auf den Versionen verschieden. Delaroches Alpen stellen sich Napoleon bedrohlich entgegen, Kälte und Wind quälen den erschöpften Soldaten. Davids Gebirgszüge sind von weit weniger Schnee bedeckt und der General scheint den Wind zu befehligen, statt ihm ausgesetzt zu sein. Da die Bilder zu verschiedenen Zeiten entstanden, ist auch ihre Intention eine verschiedene. Delaroches Werk ist ein ehrender Nachruf für den Militärstrategisten, während Davids Werk kurz nach der Überquerung der Alpen entstand und als Propagandamittel verwendet wurde. Napoleon zeigte sich gern als begeisterter Anhänger und Unterstützer der feinen Künste und ließ viele Portraits von sich und seinen Siegen anfertigen. Meist beabsichtigte er so, seine Siege zu betonen und seine Tauglichkeit als General und Herrscher zu veranschaulichen47. Seine Propagandastrategien wandelten sich dabei je nachdem ob ein Kampf gewonnen oder verloren wurde und danach, welche Position Napoleon in der Regierung hatte. Zu Zeit seiner hauptsächlich militärischen Karriere ließ er sich als heldenhaften Krieger darstellen, dann entmilitarisierte er sein Image nach der Ernennung zum Kaiser. Von da an bestrebte er ein intelligentes, den antiken Gelehrten nachempfundenes, Außenbild, das ihn als würdigen Kaiser präsentierte. Napoleons gemaltes Abbild, Krieger, Kaiser und nach seinem Tod dann Mensch, ist so wandelhaft wie seine Reputation in Frankreich. Davids Werk entstand zu Zeit Napoleons ´kriegerischen´ Propaganda, so thront Napoleon auf dem Gemälde in Kampfuniform überhalb des Betrachters. Er wahrt er seine Distanz und wirkt wie ein zu verehrender Held. Als Teil seiner politischen Ikonografie stellt sich Napoleon als unbesiegbaren Krieger dar, ein Bildnis, dass wieder und wieder in napoleonischer Propagandakunst auftritt48. Sein Abbild auf Davids Gemälde gefiel Napoleon und er verwendete es unter Weiteren, um seine Herrschaft zu legitimisieren. Delaroches Gemälde hätte dem Konsul wahrscheinlich weniger zugesprochen, da es sich so komplett gegen seine favorisierte Propagandastrategie stellt. Da es den Feldherrren verletzbar und wenig kriegerisch zeigt, würde es zu Zeiten Napoleons möglicherweise sogar verboten worden sein. Delaroche wollte aber gar nicht die Schwäche Napoleons darstellen, sondern seine Menschlichkeit. David hielt sich an die Schilderungen Napoleons, er stellte ihn so dar, wie er vom Volk gesehen werden wollte. Delaroche hingehen hielt sich an dokumentierte Aufzeichnungen der Alpenüberquerung und stellte den Konsul so dar, wie er zum Zeitpunkt der Überquerung realistischerweise ausgesehen haben mag. Sein Werk erlangt eine Realitäsnähe, die Propagandakunst kaum aufzuweisen fähig ist. Durch die Wirklichkeitsnähe und den von den Naturgewalten gepeinigten Napoleon kann sich der Betrachter in diesen hereinversetzen. Bedenkt dieser nun die Taten, die Napoleon vollbracht hat, wirken diese noch bewundernswerter. Delaroches Napoleon vollbringt Unglaubliches trotz seiner Menschlichkeit, während Davids Napoleon einfach die Fähigkeit besitzt, solche Taten ohne Mühen zu bewältigen. Beide Ansätze, der menschliche oder der göttliche Held, ehren den Feldherren auf ihre Weise und es ist nicht erkennbar, welches Kunstwerk ihn bewundernswerter erscheinen lässt. Verschiedene Stilrichtungen lösen so verschiedene Reaktionen im Publikum aus, dass zwei Gemälde, welche das gleiche Ereignis dokumentieren, wirken, als würden sie zwei komplett voneinander unabhängige Szenen darstellen. Wie wir bei Davids und Delaroches Napoleon überquert die Alpen wieder erinnert werden, ist es stets wichtig, den historischen Kontext, die Auftragslage und die verwendete Stilrichtung zu betrachten, um Intention und Realitätsnähe des Bildes bestimmen zu können.

4. Anhang

4.1 Bildmaterial

(Die folgenden Bilder sind jeweils nach Künstler statt nach Reihenfolge geordnet um den direkten Vergleich zu erleichtern)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Schloss Malmaison Abb.7 Berlin Schloss Charlottenburg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.9 Kunsthistorisches Museum Wien Abb.8 Schloss Versailles

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.10 Versailles Sammlung des Prinzen Napoleon

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.11 Bildausschnitt „KAROLUS MAGNUS IMP“ Louvre

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Liverpool Abb.3 Louvre

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4 Buckingham Palace Abb.5 Knohl Collection

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6 Bildausschnitt Bicorne, Delaroche

[...]


1 Murray 2004, S.785

2 Gimblett 2011, S.3

3 Google Arts and Culture, Napoleon crossing the Alps

4 Matthiessen 2014, S.41-77

5 Royal Collection, Hippolyte Paul Delaroche

6 Art uk, Napoleon Crossing the Alps

7 Knohl Collection, Napoleon crossing the Alps

8 Bicat 2003, S.25ff

9 Oil Painting Blog, Napoleon Crossing the Alps

10 Muhr 2006, S.248

11 National Museums Liverpool

12 Gimblett 2011, S.9

13 Napoleon.org, Bonaparte crossing the Alps

14 Muhr 2006, S.248

15 Adams 2013, S.2

16 Birkhauser 1982, Bonaparte franchissant les Alpes

17 Adams 2013, S.24

18 Webgallery of art, Bonaparte crossing the Alps

19 Google Arts and Culture, Napoleon crossing the Alps

20 Adams 2013, S.28

21 Muhr 2006, S.261

22 Google Arts and Culture, Napoleon crossing the Alps

23 Webgallery of art, Bonaparte crossing the Alps

24 Puchko 2017, Napoleon Crossing the Alps

25 Pollitt, Napoleon Crossing the Alps

26 Murray 2004, S.785

27 Pollitt, Napoleon Crossing the Alps

28 Puchko 2017, Napoleon Crossing the Alps

29 Art & Culture 2014, The Story behind Napoloen Crossing the Alps

30 Deutscher 2010, Herrschaftslegitimation Napoleons

31 Gimblett 2011, S.7f

32 Wikipedia, Napoleon Crossing the Alps

33 Gimblett 2011, S.4

34 Murray 2004, S.786

35 Mahagoni, Napoleon überquert die Alpen

36 McCauley 2010, Propaganda via Art

37 Deutscher 2010, Herrschaftslegitimation Napoleons

38 Google Arts and Culture, Napoleon crossing the Alps

39 Murray 2004, S.785

40 Gimblett 2011, S.7

41 McCauley 2010, Propaganda via Art

42 Muhr 2006, S.247

43 Mahagoni, Napoleon überquert die Alpen

44 Gimblett 2011, S.20f

45 McCauley 2010, Propaganda via Art

46 Murray 2004, S.785

47 Deutscher 2010, Herrschaftslegitimation Napoleons

48 Gimblett 2011, S.3

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Realitätsnähe des Gemäldes "Bonaparte überquert die Alpen" von Paul Delaroche
Untertitel
Ein Bildvergleich mit Jacques-Louis David
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V944283
ISBN (eBook)
9783346278517
ISBN (Buch)
9783346278524
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Napoleon, Bonaparte, Alpen, Realitätsnähe, Frankreich, Bildvergleich, Jacques-Louis David, Paul Delaroche
Arbeit zitieren
Aileen Ramm (Autor), 2017, Die Realitätsnähe des Gemäldes "Bonaparte überquert die Alpen" von Paul Delaroche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944283

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