Diese Proseminararbeit versucht unter Bezugnahme auf zwei zeitgenössische Quellen sowie die wesentliche Sekundärliteratur zur Thematik die Motive der Wiener Gesera herauszuarbeiten. Folgende Forschungsfrage wird daher im Zuge dieser Arbeit thematisiert: Welches waren die Motive bzw. maßgebenden Faktoren für die Wiener Gesera in den Jahren 1420 und 1421? Mit der zentralen Forschungsfrage einhergehend wird folgende Frage beantwortet: Welche Motive lassen sich anhand der Quelle sowie der Literatur, welche wiederum weitere Quellen berücksichtigt, erkennen?
Grundsätzlich besteht Konsens darüber, dass die Wiener Gesera, vom Ablauf her, eine Geschichte der Gewalt gegen eine religiöse Minderheit war. Über die konkreten Motive sowie die maßgebenden Faktoren besteht in der Forschung allerdings nicht unbedingt Konsens. Die letztendliche Begründung stellt heute noch eine offene Forschungsfrage dar, die jedoch schwer eindeutig zu beantworten ist. Es werden Kombinationen aus finanziellen, religiösen und politischen Motiven angenommen, wobei unterschiedliche Historiker-innen das ein oder anderer Motive stärker betonen als andere. Einige neue Forschungsansätze vermuten ausschließlich finanzielle Motive hinter der Wiener Gesera.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Situation der Juden im Herzogtum Österreich vor der Gesera
3. Quellenkritik
3.1. Chronica Austriae
3.2. Das Judenbuch der Scheffstraße
4. Motive der Wiener Gesera
5. Fazit
6. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe und Motive der Wiener Gesera 1420/21. Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse zeitgenössischer Quellen und wissenschaftlicher Sekundärliteratur zu klären, welche Faktoren – insbesondere das Spannungsfeld zwischen finanziellen Interessen, religiöser Motivation und machtpolitischen Erwägungen – den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung im Herzogtum Österreich unter Herzog Albrecht V. tatsächlich ausgelöst haben.
- Historische Einordnung der jüdischen Lebenswelt vor der Gesera
- Kritische Analyse zeitgenössischer Quellen (Chronica Austriae vs. Judenbuch der Scheffstraße)
- Untersuchung finanzieller Motive im Kontext von Hussitenkriegen und fürstlicher Hochzeitsfinanzierung
- Evaluation der Rolle von Zwangstaufen und Vorwürfen der Hostienschändung als Legitimationsinstrumente
Auszug aus dem Buch
3.1. Chronica Austriae
Thomas Ebendorfer behandelt in seinem Werk „Chronica Austriae“ die Ereignisse der Wiener Gesera. Kurz zur Person Ebendorfers: Er war Mitglied der Wiener Schule der Pastoraltheologie. Sein Studium absolvierte er an der theologischen Fakultät der Universität Wien. Ebendorfer wurde vermutlich um 1421 zu einem katholischen Priester geweiht.
Zusätzlich nahm er als Gesandter der Universität von Wien am Konzil von Basel teil und wurde zum führenden Theologen des Konziliarismus. Danach war Ebendorfer als Gesandter Friedrichs III. tätig (bis 1458). Darüber hinaus fungierte Ebendorfer mehrmals als Dekan und Rektor an der Wiener Universität. Er galt als Experte in der Hussitenfrage und war an verschiedenen Verhandlungen in dieser Frage beteiligt. Seine Chroniken, etwa die Chronica Austriae von 1463, stellen wichtige Quellen für die Geschichtsschreibung da. Diese ist nämlich die einzige christliche Quelle, welche ausführlich über die Ereignisse der Wiener Gesera berichtet.
In diesem Quellentext werden die Prozesse rund um die Gesera berichtet. Zu Beginn des Berichts wird das Gerücht des Hostienfrevels in Enns genannt: „Nach seiner [Albrechts V.] Rückkehr verbreitete sich ein allgemeines Gerücht, dass in Enns die Juden ein großes Sakrileg gegen das hochwürdige Sakrament der Eucharistie verübt hätten. Es wurde nämlich gesagt, dass der sehr reiche Jude Israel zu Enns von dem Weibe des Türhüters daselbst, das ihm unterworfen war, aus der Pfarrkirche des heiligen Laurentius, die von dem gewöhnlichen Besuch der Leute abseits stand, nach dem Osterfest desselben Jahres[8] viele kleine Stücke des Sakraments erhielt (oder kaufte), und daß er dieselben zum Verspotten durch seine Glaubensgenossen bestimmte…“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert den gewaltsamen Ablauf der Wiener Gesera und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den maßgeblichen Motiven des Pogroms.
2. Situation der Juden im Herzogtum Österreich vor der Gesera: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der jüdischen Besiedlung im Mittelalter und das fragile Verhältnis zwischen den Juden und dem Landesherrn sowie der christlichen Bevölkerung.
3. Quellenkritik: Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit zwei zeitgenössischen Quellen, der „Chronica Austriae“ von Thomas Ebendorfer und dem „Judenbuch der Scheffstraße“, um deren Perspektiven und Wahrheitsgehalt zu bewerten.
4. Motive der Wiener Gesera: Auf Basis der Sekundärliteratur werden unterschiedliche Erklärungsmodelle analysiert, wobei der Fokus auf dem Zusammenspiel von finanziellen Notwendigkeiten des Herzogs und politischer Instrumentalisierung liegt.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass finanzielle Motive als Hauptursache für das Pogrom überwiegen, während religiöse und politische Vorwürfe primär der Legitimation dienten.
6. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der in der Proseminararbeit verwendeten historischen Quellen und der wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Wiener Gesera, Albrecht V., Judenverfolgung, Mittelalter, Herzogtum Österreich, Quellenkritik, Thomas Ebendorfer, Judenbuch der Scheffstraße, Hostienfrevel, Hussiten, Antisemitismus, Zwangstaufe, Finanzgeschichte, Judenschutz, Pogrom.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Proseminararbeit analysiert die historischen Hintergründe und Motive für die Wiener Gesera von 1420/21, bei der die jüdische Bevölkerung aus dem Herzogtum Österreich vertrieben und ermordet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die jüdische Geschichte im Spätmittelalter, die Rolle des Herrschers Albrecht V. sowie die quellenkritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Berichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die „wahren“ Hintergründe des Pogroms zu identifizieren, da die zeitgenössische offizielle Begründung (Hostienfrevel) wissenschaftlich als nachträgliche Rechtfertigung betrachtet wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Quellenanalyse und die Auswertung einschlägiger historischer Sekundärliteratur, um historiographische Erklärungsmodelle kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst zwei zeitgenössische Quellentexte auf ihre Intention geprüft, gefolgt von einer detaillierten Diskussion verschiedener wissenschaftlicher Thesen zu den finanziellen und politischen Hintergründen des Pogroms.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Wiener Gesera, finanzielle Motive, Albrecht V., Quellenkritik und das Verhältnis zwischen Juden und der mittelalterlichen Landesherrschaft.
Warum wird der Vorwurf der Hostienschändung kritisch betrachtet?
Der Vorwurf wird als bloßes Konstrukt eingestuft, das dazu diente, das unmenschliche Vorgehen des Herzogs postum religiös zu legitimieren, um so Zugang zum jüdischen Eigentum zu erhalten.
Welche Rolle spielten die Hussiten bei den Motiven für die Gesera?
Die Hussiten dienten als politisches Instrument; einerseits um eine angebliche Kollaboration vorzutäuschen, andererseits um den finanziellen Bedarf des Herzogs für seine Hussitenkreuzzüge zu begründen.
- Citar trabajo
- Michael Lieb (Autor), 2020, Die Wiener Gesera 1421 und ihre Motive. Ein Überblick über den historischen Hintergrund und maßgebliche Faktoren, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944595