War Solons Hoffnung auf die Entstehung eines politischen Bewusstseins bei den Athenern vergeblich oder legte er vielleicht den Grundstein dafür, dass die Athener letztlich dazu in der Lage waren, die Tyrannis und die ständigen Machtkämpfe zwischen den Aristokraten zu beenden? Dieser Frage, ob die dauerhafte Beseitigung der Tyrannis ein Ergebnis der Entwicklung eines politischen Verantwortungsbewusstseins der Athener oder doch nur ein Resultat persönlich motivierter Machtkämpfe zwischen einzelnen Aristokraten war, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.
Zunächst jedoch soll das Attentat im Jahr 514 v. Chr. als ein Versuch, die Tyrannis zu beenden, in den Blick genommen werden, bevor in Punkt II der erfolgreiche Sturz der Tyrannis behandelt wird. Es folgt eine Darstellung des anschließenden Machtkampfes in Athen, wobei auf die Frage, welche Rolle die Bürger bei der Verhinderung der Einrichtung eines spartanischen Regimes in Athen spielten, eingegangen wird.
Als Solon im Jahr 594/93 zum Archon gewählt und als Diallaktes im Konflikt zwischen Adel und Volk eingesetzt wurde, hätte er sicher niemals damit gerechnet, dass knapp 50 Jahre später ein Tyrann, wenn auch erst beim dritten Anlauf, die Macht in Athen an sich reißen würde.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Ermordung des Hipparchos im Jahr 514 v. Chr.
I.1 Vorgeschichte und Durchführung
I.2 Politisches Attentat oder persönliche Rache?
I.3 Die Problematik der Bewaffnung der Athener
II. Der Sturz der Tyrannis im Jahr 510 v. Chr.
II.1 Die Bestechung der Pythia
II.2 Das Eingreifen Spartas
II.3 Die Rolle der Athener
III. Der Machtkampf in Athen
III.1 Die Ausgangssituation
III.2 Das Vorgehen des Kleisthenes
III.3 Isagoras Rückschlag
III.4 Der Triumph Athens
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob der Sturz der athenischen Tyrannis und die nachfolgenden politischen Machtkämpfe das Ergebnis eines wachsenden politischen Verantwortungsbewusstseins der Bürger waren oder lediglich auf eigennützige Motive der aristokratischen Führungsschichten zurückzuführen sind.
- Das Attentat auf Hipparchos (514 v. Chr.) als Racheakt vs. politischer Umsturzversuch.
- Die Rolle Spartas beim Sturz der Peisistratiden-Tyrannis.
- Der Machtkampf zwischen Kleisthenes und Isagoras um die Vormachtstellung in Athen.
- Die Beteiligung der athenischen Bürgerschaft an der politischen Selbstbehauptung gegenüber ausländischen Interventionen.
- Die Transformation athenischer Machtstrukturen unter Berücksichtigung von Solons Erbe.
Auszug aus dem Buch
II.2 Das Eingreifen Spartas
Herodot erzählt weiter, dass die Spartaner, nachdem sie immer wieder denselben Orakelspruch erhalten hatten, den Aristokraten Anchimolios mit einer kleinen Streitmacht - interessanterweise über den Seeweg - nach Attika sandten. Dieser erlitt allerdings gleich bei seiner Ankunft eine Niederlage gegen Hippias, da der von seinen Bundesgenossen, den Thessalern, Unterstützung erhielt. Daraufhin schickten die Spartaner ein größeres Heer, diesmal unter König Kleomenes I., über den Landweg hinterher, dem es dann gelang, die Thessaler zu besiegen und Hippias und seinen Anhang zum Rückzug auf die Akropolis zu zwingen. Eine Belagerung schien eigentlich aussichtslos, da die Peisistratiden ausreichend mit Wasser und Lebensmitteln ausgerüstet waren. Ein missglückter Fluchtversuch jüngerer Familienmitglieder der Peisistratiden brachte dann allerdings die Wende. Gegen Freilassung der gefangenen Kinder stimmten die Tyrannen zu, Attika innerhalb von fünf Tagen zu verlassen.
Es stellt sich die Frage, ob die Spartaner tatsächlich, wie von Herodot dargestellt, nur aus Gehorsam vor dem Orakelspruch bzw. den Göttern gegen die Peisistratiden vorgingen oder ob nicht auch andere Motive eine Rolle spielten. L. de Libero ist der Meinung, Kleomenes sei aus „rein politischen Beweggründen“ militärisch gegen die Peisistratiden vorgegangen, um durch die Beseitigung der Tyrannis seinen Einfluss auf Athen zu vergrößern. Der Ausspruch der Pythia hätte ihn also keineswegs überzeugt, sondern nur der Legitimation für die Missachtung der Gastfreundschaft nach außen hin gedient. Von einer solchen Interessensgemeinschaft zwischen Kleomenes und den Alkmeoniden geht auch J. Wells aus, der sogar noch einen Schritt weiter geht und die These aufstellt, Kleomenes habe selbst den Orakelspruch der Pythia veranlasst, um die öffentliche Meinung in Sparta auf die Seite seines geplanten Unternehmens gegen die Peisistratiden zu ziehen, sowie die Legitimation gegenüber anderen Staaten, deren Vertrauen er nicht verlieren wollte, zu erhalten, da „das heilige Recht der Gastfreundschaft (…) ein wesentliches Element im Rahmen zwischenstaatlicher Beziehungen [darstellte]“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage nach den Solonschen Reformen und stellt die Forschungsfrage nach dem Ursprung des athenischen politischen Bewusstseins im Kontext des Tyrannensturzes.
I. Die Ermordung des Hipparchos im Jahr 514 v. Chr.: Dieses Kapitel analysiert das Attentat der Tyrannenmörder und hinterfragt, ob es sich dabei um ein politisches Befreiungswerk oder eine persönliche Rache handelte.
II. Der Sturz der Tyrannis im Jahr 510 v. Chr.: Hier wird die Rolle des Orakels von Delphi, die Motivation Spartas und die Beteiligung der athenischen Bevölkerung beim endgültigen Ende der Peisistratiden-Herrschaft beleuchtet.
III. Der Machtkampf in Athen: Das Kapitel behandelt die innenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Kleisthenes und Isagoras sowie die Rolle des Volkes bei der Abwehr fremder Interventionsversuche.
Fazit: Das Fazit schließt, dass das politische Bewusstsein der Bürger maßgeblich durch die Erfahrungen der Tyrannenzeit und die nachfolgenden Machtkämpfe gereift ist, wodurch Solons Vision schlussendlich Form annahm.
Schlüsselwörter
Athen, Tyrannis, Peisistratiden, Solon, Hipparchos, Kleisthenes, Isagoras, Sparta, Kleomenes I., Alkmeoniden, Isonomie, politisches Bewusstsein, Polis, Machtkampf, Volksaufstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Übergang Athens von der Tyrannenherrschaft zur frühen Demokratie und analysiert die Dynamik zwischen aristokratischen Machtkämpfen und dem erwachenden politischen Verantwortungsbewusstsein der Bürger.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf den Ereignissen des Jahres 514 v. Chr. (Attentat auf Hipparchos), dem Sturz der Tyrannis 510 v. Chr. durch Spartas Hilfe und den anschließenden politischen Reformprozessen unter Kleisthenes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob der Sturz der Tyrannis und der Widerstand gegen die Intervention des Isagoras primär Resultate persönlicher aristokratischer Interessen waren oder eine frühe Form kollektiven demokratischen Handelns der Athener darstellten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die primär auf der Auswertung antiker Quellenschriften (wie Herodot, Aristoteles, Thukydides) sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der modernen altertumswissenschaftlichen Forschung basiert.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Tyrannenmordes, das Eingreifen Spartas unter Kleomenes I. und die daraus resultierenden Machtkonflikte, die zur Etablierung neuer Strukturen in Athen führten.
Durch welche Schlagworte lässt sich diese Publikation charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie athenische Innenpolitik, Tyrannenmörder, Machtgefüge der Alkmeoniden, Isonomie-Bestrebungen und die Entwicklung des athenischen Demos definieren.
Welche Bedeutung kommt der Pythia von Delphi in diesem Kontext zu?
Die Pythia spielt eine entscheidende Rolle als legitimatorisches Instrument: Die Alkmeoniden nutzten ihren Einfluss, um den Orakelspruch zu manipulieren und so Sparta zum militärischen Eingreifen gegen die Tyrannen in Athen zu bewegen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Kleisthenes im Machtkampf?
Die Autorin sieht Kleisthenes' Handeln ambivalent: Einerseits verfolgte er machtpolitische Ziele wie ein klassischer Aristokrat, andererseits zwang ihn die Mobilisierung der Bevölkerung dazu, dem Demos mehr Mitspracherecht einzuräumen, was letztlich das Fundament für eine breitere politische Teilhabe legte.
Was genau löste den „Rückschlag“ des Isagoras aus?
Der Rückschlag entstand durch die legale Verabschiedung von Reformen durch Kleisthenes, die Isagoras' politische Stellung untergruben, woraufhin dieser mit spartanischer Hilfe gewaltsam zu intervenieren versuchte.
- Quote paper
- Sina Meinardus (Author), 2008, Der Sturz der Tyrannis 510 v. Chr. und der anschließende Machtkampf in Athen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944671